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Full text of "Zeitschrift für deutsche Philologie"

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ZEITSCHRIFT 



FÜR 



DEUTSCHE PHILOLOGIE 



HERAUSGEGEBEps 



Dr. ernst hopfner tnd Dr. JULIUS ZACHER 

PROVrSZIALSCHTXRAT FS KOBLENZ PBOF. A. D. rNrVT£BSITÄT ZV HALLE 



Tf^: 



FÜNFTER BAND 



HALLE 

VKKLA6 DER BUCHHAXDLUXG DES WAISEXHAUSKS 
1S74 



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ßc/. ^ 



YEKZKiciiNis i)i:i; i;isiii:i;i(;kn Mitarbeiter. 

I'rof. (Ir. Arthur Amclun^- in Froiburg. f 

rrof. dr. (i. Andre sc 11 in Ronn. 

Ri'of, dr. Aug. Anschütz in Hiillc. 

Diroctor prof. dr. J. Amol dt in Gumbiiinen. 

(jynnuisiallciircr dr. Richard Arnoldt in Klbing. 

Professor Rauer in Freiburg i. B. 

Gymnasiallclirer dr. E. Rernhardt in Krlurt. 

Schulrat dr. H. E. Rezzenb erger in Merseburg. 

Dr. A. Rezzenberger, privatdocent in (Jöttingen. 

Director dr. Ludw. Rossler in Weissenburg. 

Realschullehrer dr. Roxb erger in Erfurt. 

Dr. J. Rrakelmaan in Paris, f 

Prof. dr. H. Rrandes in Leipzig. 

Franz Rranky, lelirer an der k. k. lehrerausbildungsanstalt 

Dr. W. R raune in Leipzig. in Wien. 

Prof. dr. Sophus Rugge in Chri;itiania. 

Prof. dr. W. Crecelius in Elberfeld. 

Prof. dr. Rerthold Delbrück in Jena. 

Dr. Dittmar in Magdeburg. 

Dr. R. Döring in Dresden. 

Oberlehrer Friedr. Drosihn in Neustettin, j 

Gymnasiallehrer dr. Osk. Erdmann iu Graiidenz. 

Archivar dr. E. Friedländer in Aurich. 

Dr. Hugo Gering iu Halle. 

Professor dr. Ge. Gerland in Halle. 

Gymnasiallehrer dr. Gombert in Königsberg i. d. Neum. 

Redakteur H. Gradl in Eger. 

Dr. Justus Grion, director des lyceums in Verona. 

Oberlehrer dr. Haag in Rerlin. 

Pfarrer dr. Tb. Hansen in Runden i. Dithmarschen. 

Dr. Ignaz Harczyk in Rreslau. 

Director prof. dr. W. Hertzberg in Rremen. 

Prof. dr. Moriz Heyne in Rasel. 

Dr. Karl Hildebrand, privatdocent in Halle. 

Prof. dr. Rud. Hildebrand in Leipzig. 

Prof. Val. Hin tue r in Wien, 

Schulrat dr. Ernst Höpfner in Koblenz. 

Dr. R. Holt heuer in Delitzsch. 

Oberlehrer dr. Oskar Ja nicke in Rerlin. f 

Dr. E. Jessen in Kopenhagen. 

Dr. F. Jonas in Arolsen. 

Dr. Friedr. K ei n z , k. Staatsbibliothek - secretär in Münchei}. 

Prof. dr. Ad albert von Keller iu Tübingen. 

Ruchhändler Alb. Kirch ho ff in Leipzig. 

Dr. Karl Kiuzel in Rerlin. 

Prof. dr. C. Fr. Koch in Eisenach. j 

Gymnasiallehrer dr. Artur Köhler in Dresden, f 



VERZEICHNIS DER MITABBEITEE 



Bibliothekar dr. R ein hold Köhler in Weimar. 

Dr. Eugen Kölbing, privatdocent in Breslau. 

Director prof. dr. Adalbert Kuhn in Berlin. 

Dr. Ernst Kuhn, privatdocent in Leipzig, 

Geh. reg. r. prof. dr. Heinrich Leo in Halle. 

Staatsrat dr. Leverkus in Oldenburg, f 

Prof. dr. Felix Lieb recht in Lüttich. 

Oberlehrer dr. Aug. Lübben in Oldenburg. 

Prof. dr. J. Mähly in Basel. 

Prof. dr. Ernst Martin in Prag. 

Prof. dr. Konrad Maurer in München. 

Dr. Elard Hugo Meyer, lehrer an der handelsschule in 

Prof. dr. Leo Meyer in Dorpat. Bremen. 

Prof. dr. Theodor Möbius in Kiel. 

Prof. dr. Gr. H. F. N e s s e 1 m a n n in Königsberg. 

Oberlehrer dr. J. Opel in Halle. 

Pastor Otte in Fröhden. 

Prof. dr. H. Palm in Breslau. 

Prof. dr. H. Paul in Freiburg. 

Gymuasiall. dr. R. P ei per in Breslau. 

Director dr. C. Redlich in Hamburg. 

Prof. dr. Karl Regel in Gotha. 

Dr. AI. Reiffer scheid, privatdoc. in Bonn. 

Dr. Max Rieger in Darmstadt. 

Prof. dr. Ernst Ludw. Roch holz in Aarau. 

Prof. dr. Heinr. Rück er t in Breslau. 

Staatsrat dr. A. v. Schiefner in Petersburg. 

Prof. dr. A. Schoenbach in Graz. 

Prof. dr. Richard S c h r ö d e r in Würzburg. 

Gymnasiallehrer dr. J. W. Schulte in Sagan. 

Prof. dr. Schweizer S i d 1 e r in Zürich. 

Prof. dr. E. Steinmeyer in Strassburg. 

Prof. dr. A. Stern in Bern. 

Gymnasiallehrer dr. B. Suphan in Berlin. 

Gymnasiallehrer dr. R. Thiele in Halle. 

Prof. dr. Ludwig Tobler in Bern. 

Prof. dr. S. Vögelin in Zürich. 

Prof. dr. Wilhelm Wackernagel in Basel, f 

Gymnasiallehrer dr. Weg euer in Treptow a. d. Rega. 

Prof. dr. Karl Wein hold in Kiel. 

Franz Wieser in Lmsbruck. 

Dr. E. Wilken, privatdocent in Göttingen. 

Oberlehrer dr. E. Wörner in St. Afra bei Meissen. 

F. W e s t e in Iserlohn. 

Dr. R. Wülcker, privatdocent in Leipzig. 

Prof. dr. Julius Zacher in Halle. 

Prof. dr. J. V. Zingerle in Lmsbruck. 

Prof. dr. J. Zupitza m Wien. 



I N n A I. T 



.-.eito 

Zur cliaraktciistik do« Wult'rainsclion suis. Yun K arl Kiiizcl 1 

Ags. io , eo; eo; iö , eu ; iü, eö; io , eo. Von Fr. Koch 37 

liomorkiintjon zu der ausgäbe des Reinke Vos von K. Schröder. Von A. Lübhen 57 

Anzcin. Nachträge zu IV, 320. Von Fedor Bcch und \V. Crecelius . . H.O 

Wurterkhirungeii. sioiibcl . (fcthüren , geit/crn. Von Val. Hintiier . . . . 66 

Ein briet' Georg Rollenhagens. Von A. Kirchhoff 74 

Glossen zu ßoethius. Von R. Peiper 76 

Beiträge aus dem niederdeutschen. Von F. Woeste 76 

Eine corruptel in Schillers Braut von Messina. Von J. Mähly 81 

Eine stelle in Goethes Iphigenie. Von 0. Jan icke H4 

Zur Charakteristik der deutschen inundarten in Schlesien. 111. Von H. Rückert 125 

Über die Heiniskringla. Von Th. Moebius 1-il 

Vierzig volksrätsel aus Hinterponimcru. Von Fr. Drosihn 146 

Aus dem Unterharze. Von R. Thiele 152 

Wetter- und rcgcnliedchen. Kinderüberlieferungcn aus Niederösterreich. Von 

Frz. Branky 155 

Zu Walther von Metz. Von A. Schönbach 159 

Beiträge zur lateinischen Catolitteratur. Von R. Peijier 165 

Die gotischen handschriften der episteln. Von E. Bernhardt 186 

Ein Parzivalfragment. Von H. E. Bezzen berger 192 

J. M. R. Lenz ist Verfasser der Soldaten. Von K. Weinhold 199 

Aitfriesisches. Von A. Lübben 201 

Belege zum vorkommen des namens Vogelweide in älteren Urkunden. Von 

H. Palm 203 

Zu Goethes Zauberlehrling. Die geschichte vom Zauberlehrling aus Spanischen 

inquisitiousbüchern. Von A. Reif f erscheid 206 

Zur deutschen nameuforschung. Von K. G. Andresen 209 

Insbrucker glossen. Von R. Peiper 211 

Zur Germania des Tacitus. Fortsetzung von IV, 192. Von Leo Meyer . . 251 

Historie van Sent Reinolt. Von A. Reif fer scheid 271 

Über den syntaktischen gebrauch der participia im gotischen. Von H. Gering 

I. n 294 

m. IV 393 

Zur endiing -a in thüringischen Ortsnamen. Von -K. Regel 324 

Zur erklärung Otfrids. Von 0. Erdmann 338 

Zum Schiller - Körnerschen brief Wechsel. Von F. Jonas 350 

Eine neue runeniuschrift. Von AI. Rieger 375 

Ein deutsches bibelfragment aus dem achten Jahrhundert. Von E. Friedlän- 
der und J. Zacher 381 

Zu Lessings Nathan. Von Boxberger und J. Zacher 433 

Zu der angeblichen corruptel iu Schillers Braut von Messina (zu s. 81). Von 

J. Aruoldt 441 

Nachtrag zu „Johann Rist und seine zeit." Von Th. Hansen 442 



Vermischtes: 

Zur erinnerung an Theodor Jacobi. Von K. Wein hold 85 

Friedrich Koch. Nekrolog. Von J. Zacher 98 

Moriz Haupt. Nekrolog. Von J. Zacher 445 

Oskar Jänicke. Nekrolog. Von Gombert 457 

Zur litteratur der deutschen pflanzennanien. Von J. Zacher . . . . 231. 250 

Erklärung. Von A. Schönbach . • 121 

Preisaufgaben der fürstl. Jablonowskischen gesellschaft 121 

Preisaufgabe der Benekeschen Stiftung für die Jahre 1875 und 76 123 

Einladung zur philologenversamlung in Insbruck 124 

Litteratur: 
Archiv für die geschichte deutscher spräche und diclitung , herausgegeben von 

J. M. Wagner; angez. von E. Steinnieyer 104 

E. Friedländer, Codex traditionum v^'estfalicarum I; angez. von W. Crece- 

lius 106 

Hartmann v. Aue, Erec, ed. M. Haupt; angez. von 0. Jänicke 109 

J. Egger, Beiträge zur kritik und erklärung von Hartmanns Gregorius ; angez. 

von A. Schönbach 116 

K. Härtung, Sententiarum liber; angez. von H. E. Bezzenberger . . . 119 
J. V. Düringsfeld und 0. v. Eeinsberg Düringsfeld, Sprichwörter der 

germ. und rom. sjjrachen; angez. von demselben 119 

K. G. Andres en, die altdeutschen personennamen ; angez. v. K. Weinhold . 120 
A. Köhler, Der syntaktische gebrauch des Optativs im gotischen; angez. von 

0. Erdmann 212 

Riddarasögur, herausg. von Eug. Kölbing; angez. von Th. Moebius . 217 
Franc. March, comparative grammar of the angiosax. lang.; angez. von 

R. Wülcker 225 

H. Grassmann, Wörterbuch zum Rigveda; angez. von A. Bezzenberger . 227 

Derselbe, Deutsche pflanzennamen; angez. von demselben 228 

Bürgers Werke, herausg. v. E. Grisebach; angez. von Redlich .... 233 
H. Pro hie, Friedrich der Grosse und die deutsche litteratur; angez. von 

B. Suphan 238 

E. Laas, Der deutsche Unterricht auf höheren lehranstalten ; angez. v.J. Opel 247, 
A. Fick, Die ehemalige Spracheinheit der Indogermanen Europas; angez. von 

A. Bezzenberger 354 

Val. Hintner, Kleines Wörterbuch der lateinischen etymologie; angez. von 

R. Thiele 363 

Ivar Aasen, Norsk ordbog; angez. von F. Liebrecht 369 

F. S. Hügel, Der Wiener dialekt; angez. von Val. Hintner 469 

Wilh. Begemann, Das schwache Präteritum der germanischen sprachen; 

angez. von A. Bezzenberger 471 

Biskop Peder Plades Visitatsbog, udg. af Svend Grundtvig, angez. von 

Felix Liebrecht 475 

Sachregister 482 

Verzeichnis der besprochenen stellen 483 

Wortregister 485 



ZUR CHARAKTERISTIK DES W()LFRAMS(;ilEN STILS. 

Wolfram von Eschenbiich war ein dichter von der grösteu gei- 
stigen begabung. Keines der niuster, die er kante, reizte ihn zur nach- 
ahmung, weil keins an sein dichterisches talent heran reichte. Daher 
wurde er ein original im vollsten sinne des worts. Er kante keine 
schranken, denn es war niemand, der sie ihm setzte; er kante keine 
rücksicht, denn es gab keinen, der sie ihm abzwang. 

Und doch erkent er Heinrich von Veldecke als seinen meister an 
(Wh. 76, 22). Der war es denn auch in der tat, die wurzel der höfischen 
epik (Gottfr. 120, 6 fgg.), welcher ausser Gottfried von Strassburg misre 
beiden bedeutendsten mittelhochdeutschen dichter, Wolfram und Hart- 
mann entsprossten. Aus seiner Eneit haben sie ihre erste kraft gezogen, 
durch sie ihre erste anregung erhalten, um sich alsbald, ihre abstam- 
mung verleugnend, zur höchsten blute zu entfalten. 

Aber wie verschieden! Freilich waren ja auch die persönlichkeiten 
einander im höchsten grade ungleich. Während daher der eine, nach- 
dem er, seine kräfte au einer Jugendarbeit gestählt, in seinem letzten 
grossen werke zu einer eleganz in darstellung und spräche gelangt, wie 
sie das mittelalter nie mehr gesehen, erringt der andre „durch seine 
tiefe des sinnes und dichterischen denkens " ^ und durch die geistvolle 
auslührung den preis. „Allein wenn auch in Wolfram von p]schenbach 
dm'ch die schärfste eigentümlichkeit und die höchste poetische gäbe unter 
den gleichzeitigen die idee der kunstmässigen erzählenden poesie dieser 
zeit am herrlichsten erschienen ist, so kann es uns doch nicht erstau- 
nen , dass Hartmann von Aue neben ihm zwar nicht mehr bewundert, 
aber offenbar mehr geliebt worden ist, weil er die allgemeine anschau- 
ungsweise der zeit nur mit der leisen tarbung einer höclist anmutigen 
poetischen Individualität darstellte." - Es muste schon den Zeitgenossen 
nicht leicht sein oder ihrem geschmacke nicht entsprechen, „dem rasche- 
ren gange des gewanten und vielseitigen dichtergeistes " zu folgen. Man 
denke an Gottfrieds urteil (117, 21 fgg.), der den Hartmaun lobt, wäh- 

1) Wackernagel Literaturgesch. p. 197. 

2) Laclmiann über deu Eiugang des Parzival. 

ZKITSCUK. F. DKUTbCUE PUTLOLOaiK. BD. V. 1 



2 KAEL KINZEL 

rend er für die schwierige imd ruhelose darstelluiig im Parzival nur spott 
hat." Wolfram sagt ja selbst Wh. 237, 11: 

mm tiutsch ist etsivä doch so krump, 
er mac mir Uhte sin ze tump, 
den iclis niht gäJis Bescheide. 

Und er hat recht, wenn er sagt: mm tiidscJi. Denn es ist wirklich nicht 
nur seme art zu erzählen ungewöhnlich, „wie er es liebt, Zwischensätze 
und bemerkungen einzuschieben, später zu erzählendes schon vorweg 
andeutend hineinzuwerfen und die gedauken so zu verschlingen, dass 
mitunter seitenlang ihrer zwei wechselnd durch einander gehen ," ^ wäh- 
rend Hartmanns rede wie ein ström in der ebene dahin fliesst. Es ist 
auch vor allem seine eigentümliche ausdrucksweise , in der er so vielfach 
von seinem rivalen abweicht. Darüber schweigen litteraturgeschichten 
und aufsätze, und nur hm und wieder begegnet man einigen bemerkun- 
gen zu den Nibelungen, zum Iwein usw., häufiger zum Erec, dessen 
anmerkunsren mit ihren schätzen von wissen auf Wolfram besonders rück- 
sieht nehmen. Es wurde ja auch eine erstlingsarbeit auf diesem gebiete '^ 
mit einem ausfall gegen die „beschränkte ansieht" Lachmanns und mit 
einem hohngelächter über die ganze kritische schule begrüsst. ^ Und 
doch müssen sich fast alle Untersuchungen namentlich darüber, ob und 
wie weit ein dichter der folgezeit Hartmaun oder Wolfram nachgeahmt 
habe, auf das gebiet der phi-aseologie einlassen.'^ 

Die folgende arbeit nun soll versuchen, einige charakteristische 
eigentümlichkeiten der Wolframschen ausdrucksweise unter vergleichung 
Hartmanns zu verzeichnen. Ich habe aus der ungeheuren masse von 
Stoff, die sich mir bot, das ausgewählt, was mir am auffallendsten und 
bezeichnendsten zu sein schien. Erschöpfend oder auch nur umfassend 
konte die arbeit nicht werden , wenn sie sich nicht mit allgemeinen phra- 
sen , andeutungen oder hlossen zahlen begnügen wollte. Sie enthält eine 
dar Stellung des gebrauchs 

I. der negation 

II. gewisser metapheru 

IIL der personal-umschreibung und personification 
IV. von zil Site kraft name. 



1) Schulz , Germ. II 85. Laclunann a. a. o. 

2) Jänicke, de diceudi usu Wolfram! de Eschenbach, Diss. iaaug. Hai. 1860. 

3) Pfeiffer iu seiner Germ. VI. 239 fgg. 

4) Vergl. Lachm. z. Iw. 1328. 4533 usw. Haupt z. Er. oft. Haupt zeitsclir. 

XV loy fgg. usw. 



zun LIIAUAKTBRISTIK OKH VVOl.I'UAMSCllEN 8T1I-S 3 

Ich li;il»e iiiicli im wesentlichen auf l'ar/.iviil iiml Titurel beschränkt und 
den Willehaliii nur t^ade^fcntlich zur v('r<,'l('i(:liun<f hcranj^ezoj^'cn. Doch 
will ich auch lür diese beiden <,a'dichLc nicht auf absolute Vollständig- 
keit anspruch machen, da sicli leicht selbst bei widerholtcm lesen ein- 
zelnes der aufnierksanikeit entzieht. 

Aul" die ausj>'abe von Bartsch ist meist in abweisenden bemerkuu- 
oen rrK-k-^icht «genommen. Wenn man auch in diesem „ersten versuch, 
den ganzen Varzival fortlaufend zu commentieren ," gewis nicht erwartet 
hat, „alle rätsei gelöst, alle pfade geebnet" zu finden, so hätte man 
doch gern manches vermieden, vieles schärfer getasst gesehen. 

I. 

Ein besonders klares beispiel von der eigentümlichen manier AVolf- 
rams gewährt der gebrauch der negation. Wie ihm überall grade 
das ungewöhnliche behagt, so dass er es sich aneignet, wo ers findet 
und ihm eine ganz ausserordentliche ausdehnung verschaft't, so hat er 
an der im mittelhochdeutschen gebräuchlichen Umschreibung der Vernei- 
nung sein besonderes wolgefallen gefunden. Auch Hartmann braucht 
„nach der bekanteu mittelhochdeutschen Ironie" diese umschreibimg, 
aber im vergleich zu AVolfram höchst selten. Es findet sich bei ihm 
nur tiiire, Hlfzcl und seifen, die ersteren häufig, das letztere sel- 
tener (Er. 345. 773. 9328. Iw. 2330. 5471. selten ie a. Heinr. 27u). 
Bei Wolfram ist dieser ironische ausdruck fast zur regel geworden. 
Ausser den angeführten, von denen im Tit. nui* 18, 4 selten, 117, 3 
se selten und 154, 3 vil selten, 121, 1 ahe fiure vorkomt, hat er an 
zahllosen stellen tvetiic wie Parz. 20, 26. 21, 14. 22, 27 usw. usw., 
seltener kleine wie 167, 22. 512, 12 und 
529, 13. ditrcJt die froutvc^i eike 

nnt durch inch harte kleine. 
ferner krank: 

193, 2. s/ hcten heidin kranken sin 

an M ligender minne. 
Tit. 67, 2. an fröuden diu kranke 

115, 3. ich fröuden kranke 
Pz. 304, 2. 290, 29. kranken pris 
202, 20, kranc toas sin weise 
487, 26. mit kranker freuden schalle. 
661, 18. er fürhf sin helfe werde kranc. 
759, 13. do tet er kranker vorhte schin 
790, 24. an freuden kranken teil. 

1* 



4 KABL KINZEL 

801, 12. min trüren wirdet kranc. 
und in dem gegeusatz: 

270, 26. gröz liep und krankes leit. 
Man vergleiche 248, 22. so wcere ir rinc mit mir niJit verkrenket. 
269, 14. al min pris verkrenket. 87, 5. 119, 1. si wolt ir schal ver- 
krenken. 684, 1. die (werdekeit) weit ir im verkrenken [vergl. 415. 18. 
bekrenket]. Tit. 62, 4. din minne die fröude verkrenke. 87, 2. alle 
valscheit verkrenken. 140, 2. niht mit stein verkrenket sondern wol 
gezieret. 

Unserem dichter allein gehören die übertragenen ausdrücke an: 
silhte hlöß eilende lam weise. 
Von ähnlichen constructionen finden sich im Hartmann nur einzelne spu- 
ren, wie Iw. 3359. er lief nü nacket heider der sinne unde der kleider. 
Iw. 4920. in ivären aller hande kleit ze den ziten vremde. Er. 9799. 
die ahzic frouwen die da gar ir freude verweiset wären. 
Parz. 107, 28. der valscli was an im sihte vergl. 213, 14 — 16, 
437, 17, aller schimpfe hloz 
320, 11. der freuden eilende 262, 28. 788, 1. Wh. 13, 28, vergl. 

Tit, 61, 4. lands und Hute eilende. 
125, 14. freuden lam. 505, 10, an freuden lam 

237, 8. an hohem muote lam. 
167, 9. witze ein weise. 335, 8. der iverdekeit ein weise. 
Wh. 102, 27. der höhen freude ein weise. 
Sehr häufig bedient sich Wolfram der ausdrücke laz leere in der 
bedeutung „ohne" und construiert sie mit dem gen, oder (laz) mit den 
praep. an und gein, analog dem allgemein gebräuchlichen adj. vri, das 
er verbindet mit: 

valsches 271, 6. 274, 30, 147, 17, 221, 12. 255, 8. 457. 8. 765, 14. 
unfuoge 342, 11. trürens 310, 12. missewende 504, 2. vor witzen 
296, 4. vor missewende 234, 28. 62, 10. 87, 18. vor tadel 228, 7 
{tadel komt bei Hartmann nicht vor). 672, 23. ich pin des mcers noch 
vri, wer diu frouwe si. — vor valscheit 413, 2. 427, 8. 439, 20. vor 
zageheit 27, 26. vor zorne niht diu vrie 353, 24. vor gäbe 785, 11. 
vor solhem pfelle 736, 18. 

Bei Hartmann Iw. 2510. vri valscher rede. 5270. aller untrimven 
vri. Er. 9888. der valsches vrie. — vri bedeutet „ohne," nicht wie 
Bartsch zum Parz. 27, 26 angibt „geschützt vor." 

laz findet sich nur im Iw. und zwar in eigentlicher bedeutung, 
sonst nicht. Parz. vrägens laz 256, 1. trürens 270, 22. frouwen lönes 
334, 10, der witze 416, 29. an witzen laz 144, 11. valsches laz 



ZUR rnARAKTF.RIRTIK DKS WOLFRAMHCHKN STTLR F) 

128, 20. 310, «. rahchcifc 23<), 10. 337, It. (jnn vahche 217, 12. 
aw pnse 533, 10. an frcudcyi 562, H. 

/fprv bei Hart. ¥a\ 8305. r/a^- /a.s/ f//i freiiden Ifsre. Parz. r«/- 
scÄf's kern lio, i). 116, 9. frcudcn Irere 17H, U. 252, 1. 219, 14. 
437, 16. 531, IH. 539. 20. 556. 24. Tit. 92, 2. v^rgl. der fmidni nur 
221, 1. 805, 5. 

allrr (/Hefe Uprc 142, 18, der armüote leere 674, 30. 
vahchcit erlarcf 345, 4. diu frcudcn künden Imrcn 5o3, 2 (letz- 
teres ohne object). [vergl. Parz. 136, 7, f'röude enteren. Tit. 93, 4. an 
fröuden pf enden. Parz. 150, 8. ich darhe siner hulde. Tit. 134, 2. 
fröude verkonfen. 145, 2. pris rcile fragen]. 

Sehr umfangreich ist bei Wolfram der gebrauch der anti- 
p h a s i s. Durch gewisse stereotyp gewordene negative verben mit niht 
wird der in einem abhängigen satze folgende gedanke hervorgehoben. 
Auch Hartmann hat dergleichen, wenn auch selten, und schon Benecke 
bemerkt zu Iw. 1100. daz ez niht enmeit ezn schriete: „dergleichen aus- 
drücke hat die alte spräche mehrere. Sie verdienen gesammelt zu wer- 
den." Der nebensatz muss natürlich negativ sein. Doch linden sich, 
schon im Erec beispiele dafür, dass die partikel nc fehlt, und sie sind 
in Wolframs leichterer construction nicht eben selten. Bei ihm wird die 
ganze manier alsbald formelhaft; er wendet sie oft ohne jede bedeutung 
an (vergl. Parz. 490, 21). In den bruchstücken seines Titurel findet 
sich keine spur davon. 
verh i r. 

Parz. 32, 2. ein ritter nimmer daz verhirt, 
I ern Tcom durch tjostieren für. 

29, 27. der hurcgräve sin wirf 
nu vil ivmic des verhirt, 
ern kürze im sine stunde. 
393, 24. männegUch nu niht verhirt, 

sine füern. 
397, 24. Scherules niht verhirt, ern rite. 
604, 26, die daz niht verheeren, sine holten. 
371, 11. daz iiver eilen niht verhirt, 

im wert iuch (für ezn ivert sich). 
mit folgendem hauptsatze: 

362, 20. Oh'ie nu daz nilif verhirt, 
ein spiliv^p si sande. 
Im Iw. 633. obe ich da daz verheere ichn versuochfe waz daz tvcere 
steht das wort ohne negation mit nachfolgendem negativen satze. Hier 
„verstärkt es die Verneinung." (Benecke W. B. z. Iwein.) 



KARL KINZEL 



verdriuze. 

Parz. 10, 6. den küncc zvcnec des v'erdros, 
er enfuUcs im vier soumsclirm. 
233, 16. die andern viere niht verdroß, 

sine trüegen einen tiitren stein. 
801, 18. Parsivcdn des niht verdros, ern huste. 
Ohne folgende uegation: 

440, 23. den helt do wenee des verdroß, er macht. 
486, 1. die sioene gesellen niht vcrdros, 
si giengen da der hrunne flöz. 
513, 10. yyian mit wip des niht verdröz, 
gcnuoge sprächen. 
vergl. 18, 10. se sehen in wenic dar verdroß. 

vermide. 

237, 18. die andern sivene niht vermiten, 

sine trüegen trinkn und ezsen dar. 
298, 19. sone hat mm. hant das nild vermiten, 

sine habe vil durch iuch gestriten. 
394, 22. nunc ivas ze hove niht vermiten, 

dane tvmre. vergl. 401, 6. 
642, 4. diu herzogin daz niht vermeit, 

dane ivcere ir helfe nähe hi. 
670, 12. der andern keiniu da vermeit, 
sine hatten stis alumbe. 
Ohne nebensatz findet sich eine stelle im Er. 4589. niht langer daz ver- 
miten sine jtmMierren, si liefen. Im Parz.: 

786, 15. si hetenz ungern vermiten : si riten. 
551, 3. diu j'uncfrouwe niht vermeit, si sneit. 
721, 20. nu het Artus niht vermitn, — sand er. 
125, 4. sine künden niht vermtßen, 

sives er vrägt daz ivart gesagt. 
Merkwürdig ist die stelle 

490, 21. der worht zwei mezzer, diu ez sniten, 
uz silher, diu ez niht vermiten. 

Bartsch sagt ohne ein wort der rechtfertigung „vermiden, st. v. 
unwirksam bleiben auf etwas (acc.)," vermutlich nach W. B. in 166, 
wo Nib. 896, 2 ein iväphen so scherpfe, daz ez nie vermeit, swä manz 
sluoc üf helme so erklärt wird. Der begriff, den vermiten hier verstärkt, 
ist sniten. Auffallend ist nur die Stellung. 



zun CIIAUAKTKIUSTIK DKH Wnl,l KAMHCHEN KTII.S / 

r <• >• 11 ) z S r,. 
Iieis])i('le sind auch bei Hartmann nicht selten. Mit folgender nega- 
tion Kr. h;j01. onch emvart du nihf vcrgezzen, wirn hden. Derselbe 
vers I\v. :{(• 1. Iw. .'{G55., diii rroiiwe onch des niht vcrijaz , sine ivoltr 

ivizzen. Ohne abhängigen satz Er. 1)075. iw. C)')!«'.. Der vergleich die- 
ser mit den folgenden stellen zeigt, wie sehr bei \Vnirrani schon der 
wert der raanier gesunken war. 
Parz. 271», IG. Artm der künec niht vergaz, 
ern Jccem da diu zwei säzen. 
513, 8. die vcrgdzoi des vil selten, sine klageten. 44, 6. sine 
knappen niht vergäzen sine kcrten. 

565, 22. dine heten niht vergezzen, 
sine ivceren dan gegangen. 
114, 29. ine han des niht vergezzen, 

ine kümic ivol gemezzen. 
54, 24. der frouiven herze nie vergaz 
im enfüere mite. 
697, 14, dane wart des niht vergezzen 

Gäwän dem hefülhe in ir. 
697, 28. Ifonje des doeh nihf vergaz, 

sine ivarte. 
702, 4. Gäiväne sehenke niht vergaz, dar entrüegen. 750, 12. 
die bede des niht vergäzen, sine hüten. 754, 22. Parziväl des niht ver- 
gaz, erne holte. 766, 20. ir deiveder dö vergaz sine tceten. 
666, 28. und daz der vierde niht vergceze, 
ern ivcere marschalc. 
Ohne negation: 

406, 24. die och des niht vergäzen, si giengn. 
34, 7. dar nach diu froutve niht vergaz, 

sie gieng. vergl. 699, 20. 621, 26. 
669, 16. done ivart da niht vergezzen, 

Gäwän schuof. 
277, 14. Artus niht vergaz, — si enpfiengen. 
läze, erläze 
werden bei Wolfram seltener gebraucht als bei Hartmann. Er. 8043. er 
enwirt des niht erlän, ezn iverde an im versuocht. vergl. Er. 8574. er 
emvirt des niht erlän, ich euwelle in hcstän. Iw. 1296. daz helfe wart 
des niht erlän, sine ersuochfenz. — Er. 352. diu juncfroive des niht 
enliez, sine teste. Iw. 4156. 6599. 7225. 7904. 2228. 226. 

" Parz. 405, 4. diu küncgin dö nihf enliez, si)ie sprceche. 
416, 22. dc)i sin kunst des niht erliez , er ensunge. 



8 KARL KINZEL 

586, 30. die wolt ir niJit erlän, sine müesen. 
Ohne negatiou: 

710, 4. seht das ir des niht enlät, geht den hrief. 
Dieselben verba und noch einige andre werden auch 
anstatt mit einem nebensatze mit Substantiven verbunden; 
der gedanke wird durch das verneinte gegenteil besonders hervorgehoben. 
Das ist bei Wolfram noch meist fühlbar. Allein auch hier wird ihm 
schon oft der ungewöhnliche ausdruck zur gewohnheit. Bei Hartmann 
ist diese construction selten. 

e7'läse, läse. 

170, 5. sinen gast des namn er nilit erlies, 

den roten ritter er in Ines. 
395. 20. Gätvann man httss ouch niht erlies. 
384, 11. Sicherheit er niht erlies den hersogen. 
397, 5. sU got der ern in niht erlies. 
283, 8. dem glichet sich diu heä curs: 
des enhistu niht crimen. 
d. h. davon bist du nicht frei, das ist wirklich so, während Bartsch 
wunderbar umschreibt: „dagegen kannst du nichts einwenden." 
360, 24. Gäivän die rede ouch niht enlies 
518, 17. den rät er selten gein in lies. 

verhir. 
Das subject ist ein lebendes wesen: 

42, 7. Gaschier sin hmnn ouch niht verhirt. 

20, 21. das er niht verheere cd das. 

556, 21. kunnt ir vrägen niht verbern. 

647, 12. der gein dir grüesen niht verhirt. 

386, 2. Lyppaid sin manUch eilen niht verhirt. In dieser 
stelle hält Bartsch wahrscheinlich Lyppaut der fürste für den ausser der 
construction vorangestellten nominativ, wie ihn Wolfram häufig hat. 
Denn er erklärt: „vcrhern absolut: sich enthalten, sich zurückhalten." 
Von einem verhir ohne object findet sich aber bei Wolfram kein beispiel 
(das WB. gibt nur eins aus dem Wartburgkriege und eins aus Stricker), 
und ausserdem ist man ja zu solcher künstelei nicht gezwungen. 

472, 11. min hant da strites niht verhirt. 
Das subject ist eine sache: 

119, 26. untriive in niht verhirt. 

240, 8. den ungenande niht verhirt. 
vergl. 251, 20, wo L. auch ungenande vermutet. 

149, 18. oh werdekeit mich niht verhirt. 



ZUR rUARAKTKniRTIK HKS WOLFRAMSCHRN HTU.H J 

109, 12. oh in sterben hir rerhirf. 

148, 7. dar an ein kmist mich verbirt. 

ver fi i z z 
In folgendoii beispiolt-ii wird derselbe gedankt nach dem negativen 
niht vergaz nocli einmal positiv ausgedrückt: 

516, 28. diu frouivc ir rede niht vergaz, si sprach. 
430, 18. die mcrkens niht vergäzen, die prüeveten. vergl. 
762, 26. 763, 2. 
In eigentlicher bedeutung steht das wort: 438, 17. der helt ir rätes niht 
vergaz. vergl. 485, 23. 188, 8. 323, 14. 554, 1. 
Dagegen rauss man den verbalbegrift' ergänzen: 

197, 10. ir siverf si niht vergäzen. vergl. 263, 12. 

257, 28. ivipUcher fiiiefe se nie vergaz. vergl. 244, 23. 675, 30. 

655, 10. 723, 2U. 757, 30. 779, 10. 
543, 27. grozcr mücde sc niht rcrgäzcn, 
Das letzte ist das merkAvürdigste beispiel vom freien gebrauch des wortes. 
738, 29. si pflägens imvergezzen. 

vermide. 

74, 20. da ivart groz hurten niht vermiten. 
vergl. 93, 28. ir bete. 10, 12. 127, 10. gröz jämer. 190, 19. ir grö- 
zer danc, 178, 22. sin sterben. 207, 7. gröz stürmen. 262, 24. ein 
solch tjoste. 615, 22. ir weinen. 624, 18. diu kunst. 

130, 22. an ir tvas Mmste niht vermiten. 
vergl. 168, 10. furrieren. 234, 23. solch scherpfen. 668, 15. dem. gezdt 
was koste niht vermiten. 819, 26. min orden wird hie niht vermiten. 

537, 17. die Schilde wären unvcrmifen. 
Der verbalbegrift", den diese Avorte allgemein umschreiben, moditiciert 
sich natürlich nach dem substantivum oder dem zusaimnenhange. So 
ist auch in der stelle: 

189, 22. hets anders iemen mir gesagt, 

der volge tvurde im niht vcrjelm, 
deiz eines tages wcere geschehn: 
wan sicelch min böte ie baldest reit, 
die reise er zwene tage vermeit 
aus vers 24 zu ergänzen: die reise zu vollenden. So komt der sinn 
heraus, den das W. B. angibt: „er brauchte zu dieser reise zwei tage." 
260, 17. ez (daz ors) schrien niht vermeit. 
363, 11. die nächreiser niht vermeit. 
vergl. 550, 13. eine bete er niht vermeit. 

820, 30. ma7ic magt da weinen niht vermeit. 



10 KARL KINZEL 

In folgenden beispielen ist das subject eine sache: 

71, 15. sin glast die Micke nihf vermeit. 

175, 18. nii hat in scelde niht vermifen. 
vergl. 165, 17. gros hunger. 27, 28. gros schade. 

128, 22. so daz se ein sterben niht vermeit. 
vergi. 131, 30. mich sm strtten und 

13, 8. der löse wille in gar vermeit. 

verdriuze. 

508, 18. da vander, des in niht verdros, d. i. was ihm sehr 

angenehm war. vergl. 590, 6. 
725, 27. daz die riter ivaiec da verdroz. 
553, 16. die frouwen niht verdroz ir ivachens. 
740, 7. den heiden minne nie verdroz. 
783, 1. Parziväln ir mceres niht verdroz. 
Ausserdem gehören nochi hierher: 

l i n g e. 

37, 25. der tjost einander si niht lugen. 
41, 12. sin geslehte im des niht louc. 
27, 30. ein tjost im sterben niht erlotic. 
Hierzu kann man vergleichen das bei Hartmann auffallende beispiel: 
Er. 372. dem (bette) das golt was unerlogen. 

betriuge. 

356, 29. die burgcsre ellens imbetrogn. vergl. 686, 10. 

656, 21. an prise was er iinbetrogen. 

825, 2. si was an im vil imbetrogn. 

605, 17. {ein pfärt) an pfärdes schcene niht betrogn. 348, 12. 
gein werder fuore niht betrogen. 226, 14. diu burc an veste niht betro- 
gen, vergl. Haupt zeitschr. XV, 160. 

84, 22. dar an groz richeit niemen frouc. 

sp a r. 
Der gebrauch dieses wortes ist auch bei Hartmann nicht selten. 
8, 6. vor den wirt nimmer niht gespart. 
21, 24. avoy wie -"ivmic tvirt gespart sin lip. vergl. 27, 20. 

Iw. 5407. 
272, 1. daz tvart niht langer do gespart, vergl. Iw. 5436. 

Ben. erklärt: „unterblieb nicht." Parz. 497, 16. 
204, 16. der otich daz ors niht lunde sparn. vergl. 25, 1. 

vinde. hv. 7130. diu sivert. 
181, 8. diu Qiint) man schockes niht wil sjjarn. 



7.V\i ciiAUAh ri;i;iHriK iii> wiii,ika.ms< i^kn üiii.^ il 

Dies« constnictior ilem acc. der |ieisoii und gen. <l(;r suclic ist im 

liöcliHtoii grade aiütällig. Si*; docmnünlicrt, di»; tVeilioit, mit der sidi 
Wolfram bewegt. 

100, 27. shi IkiIk' was vil ungesparf. vergl. K'-J, 9. /> lip, ir 
(fuot. 199, 30. ir dienst. '.i'M , 25. din vtirt. 
Iw. 439H. der wille. Parz. 100, IC. die munde 
wären ungespart. 
verswige. 

196, 4. ir (jrdzru dam: si ndd versiwic. vergl. 375, 25. 551, 18. 
451, 2. ir klage. 505, 17. sin grüezen. 636, 14. 
daz er si fransten niht versweic. 
562, 10. al die da ivären Mageten: 

wrnc si des verdageten. 
692, 15. //• 'Weinens ivenec wart verdagt. 
Hier lässt sich gleich bemerken, dass auch unverzagt, das bei Hart- 
niunn nur in ursprünglicher bedeutuug vorkomt, bei Wolfram anders 
nuanciert gebraucht Avird. 

389, 17. ivir sin gewinnes unverzagt. 
502, 28. helip des willen unverzagt. 
526, 17. nemt fiirspreclien unde klagt. 

diu fromve ivas des unverzagt. 
703, 16. der ivas er diens unverzagt. 
Es lässt sich noch eine ganze anzahl vereinzelter beispiele von andern 
ähnlich gebrauchten verben anführen. 

In dies capitel über die antiphasis gehören auch die zahllosen 

adverbialen bestimmungen, 

die dui'ch äne und sundrr umschrieben werden. Bei Hartmann ist ihr 

gebrauch beschriinkter , namentlich im Iwein , während sich im Erec eine 

der Wolframischen ähnliche Verwendung findet. 

äne haz 114, 6. 218, 2. 338, 5. 486, 26. 372, 20. 564, 18. 
638, 30. 652, 9. 724, 28. 728, 17. 749, 4. In derselben weise 
nur Iw. 338. 2393. 2621. 
äne spot 119, 18. 326, 21. 449, 20. 
simder spot 120, 27. 122, 25. 259, 6. lo7, 19. 
sunder spotten 52, 24. vergl. Iw. 2612. sunder sjjot als beteurung, 

wie „im ernst.'*' 
äne strit 753, 16. 773, 27. 774, 14. 779. 4. 258. 14 usw.. als 
beteurung wie Iw. 3027. Er. 7078. 1283. 1619. 2475 und 688. 
lüär äne strit 4329. 



12 



KARL KINZEL 



äne väre 267. 27. 630, 14. 633, 22. 699. 7. 716, 2. cm alle 
väre 369, 2. an wankes väre 279, 23. 476, 21. sunder vär 
146, 4. Das wort fehlt bei Hartmann. 
äne hägen 430, 28. 500, 1. an allen häc 54H, 18. 
[mit friuwen äne schranz 189, 17. 239, 12. | 
sunder valscli 357, 8. 

awe rrkle 357, 9. Nach Bartsch heisst „vride st. m. ruhe." Er 
erklärt: „ihr tun, ihr kämpfen war ohne ruhe ; sie kämpften unauf- 
hörlich." Haupt z. Er. 2773 sagt aber: ,,der fride besteht wesent- 
lich darin, dass es auf das gefangennehmen ankomt und dass 
die ritter, die man gefangen nimt, durch lösegeld sich ledigen 
können." Hier wird nun äne vride gekämpft, d. h. also se ernste, 
niht ze schimpfe, 
sunder wän 6, 6. 9, 16. 67, 8. — sunder wanc 62, 15. 737, 30. — 
äne nit 722, 8. — äne zart 342, 15. — äne valschen list 751, 11. — 
äne liegen 221 , 24. vergl. äne triegen Er. 9081. — titver an 
aller slald getroc 333, 5. vergl. 735, 20. 

Im Tit. 65, 4. äne ivenJcen. 131, 2. äne wanc. 74, 2. äne lougen. 
Oft fügt Wolfram d erartige negative ausdrücke zu den 
positiven hinzu, ursprünglich zu besonderem nachdrucke; doch wird 
ihm auch dies formelhaft. 

Er gibt den gegensatz durch „niJit" : 43, 14. den jungen niht den 
alten. (52, 4. mit grozer fuore niht ze krank 339, 23. — ) Tit. 28, 4. 
die jungen zivuo gespilen, niJit die alten. 118, 4. die alten niht die 
jungen. 63, 18. der was dicke und niht ze dünne. 84, 26. tvit niht 
ze kleine. 7o, 24. groz niht ze kleine. 519, 16. — 211, 24. 216, 5. 
cnsamt niht hesunder. — 188, 22. nähe aldä, niht verre dort. — 381, 18. 
enge und niht ze wit. — 382, 14. die herten, niht die iveichen. — 
509, 29. verre üzerhalp , niht drinne. — 779, 7. diu wise, niht diu 
tumhe. — 491, 18. 257, 5. der trürege, niht der geile. — 318, 25. 
trürec niht gemeit. — 274, 26 und 201, 18. der unlöse, niht ze her. — 
446, 27. mit senften siten, niht ze her. 

272, 9. vor liehe und doch vor leide nilit. 
522, 23. sanfte unt doch niht dräfe und 
Tit. 83, 1. mit lüärheit ninder nach wäne. 
äne. 

13. 30. äne krünibe sieht. 257, 2. smal an alle breite. 711, 25. 
738, 8. so lüter äne truopheit. 336, 22. mit eren äne schände. 557, 29. 
für war und äne liegen. 560, 10. liep äne leit. 753, 8. mit wärheit 
äne triegens guft. 780, 1. mit triuwen äne väre. 221, 24. äne liegen 
mit wärheit. 



■ K (.llAl(AKJi;Ul:5lliv DKM WOLFKAMMCIIE.N MTILM 13 

Hior/.u tiiHlt'ii üicn im lliirtmuiin wenige beiapiele, soüst ist ihm 
diese tbrni tVciiid. vor<^l. Kr. »ITso. rrhlf nur ivün. Er. 8:31. t. yivis 
äne wän. 

sunäer. 
131, 6. mit schäme ul sumlnr Luchen. 
6b, IH. 37l\ 14. mit firozcn freuden siaider leit. 
137, 20. <d weinde sandcr lachen. ;">, 3. mit ivurheit sunder wän. 

67, 8. 2yi, 14. 455, 14. — 
108, 23. sunder liegen duz ist war. 

Tit. 33, 3. ICäer vnlsches eine, {eine c. gen. findet sich im Tit. iiocii 
80, 2. sin schilt ander schilte gar eine.) 
Ich merke hier die Wolfram eigentümlichen beteuriingen an: 

für unydogen 5, 18. 593, 10. nngclocjeii sonst als adj. wie 626, 11. 

Er. 73'J2. 
für unbef ragen 64, 1. 385, 12. 667, 22. Wh. 26, 19 und 88, 10. 
unbetrogen als adj. auch bei Hartmaiin öfter. vergl. Er. 2737. 
Haupt zeitschr. XV, 161. 

Bei Hartmanu finden sich, jedoch sehr selten adj. und adv. mit 

niht ze verbunden (wie Er. 7954. dm freise ist niht ze ringe. 2247. niht 

ze friio. 5139. niht ze st're. a. Heinr. 600. niht zewol.), in der bedeu- 

tung: durchaus nicht so wie das adj. besagt, sondern im gegenteil. 

Dies ist bei Wolfram ausserordentlich häutig. So steht niht ze vor: 

leit 6, 22. 59, 20. gäcl) 19, 13. hoch 151, 2. lieht 314, 7. 553, 18. 

wol 314, 22. kranh 547, 2. 688, 1. lanc 553, 10. ive 631, 5. laz 

636, 3. dünne 760, 14. fruo 743, 24. spcete Tit. 46, 2. 

Mit dem gegenteil verbunden: 

10, 3. küene, stark, niht ze laz. 
174, 18. einen starken rtter niht ze krank. 
201, 18. der iinlöse niht ze her. 274, 26. 446, 27. 
203, 11. in was wol und niht ze we. 

243, 14. snel und niht ze laz. 257, 5. trürec niht ze geil. 
313, 19. sivarz , herte und niht ze dar. 339, 23. mit grö- 
zer fuore niht ze krank. 381, 18. enge und niht zc wit. 
519, 16. groz niht ze kleine. 

n. 

Phantasie und verstand wollen beide ernährt sein. Das gilt für 
die prosa , das gilt in noch viel höherem masse für die poesie. Die phan- 
tasie ärgert sich, wenn sie mit den brosamen zufi'ieden sein soll, die 
vom tische des bevorzugten Verstandes fallen, oder wenn sie gar ganz 



14 KARL KINZEL 

vernachlässigt wird: und mit unserem vergnügen ists aus. Aber auch 
der verstand wird unwillig, wenn er dem massloseu tändeln der plianta- 
sie unbeschäftigt zusehen muss. 

Beides zu vermeiden ist Wolfram gelungen. Daher unser inuner 
neues wolgefallen an seiner poesie. Während uns seine bald ernsten, 
bald scherzhaften gedanken beschäftigen, ist die phantasie nicht untätig; 
im gegenteil, sie hat mühe den reichtum an bildern und metaphern zu 
bewältigen, die ihr in immer neuen formen zufliesseu. 

Es würde uns unmöglich sein, der vielbeschäftigten phantasie in 
unsrer darstelluug nachzueifern, weil es die Verhältnisse dieser abhaudlung 
bei weitem überstiege. Wir beschränken uns hier auf eine art von meta- 
phern: die Übertragung von substantivis, adjectivis und 
verbis concretis auf abstracta, die bei Hartmann ebenso sel- 
ten, als bei Wolfram häufig ist. 

Von Substantiven sind anzuführen: 

1, 1. Ist zivifel herzen nächgebür. 
332, 17. ir scheiden gab in trüren 

ze strengen nächgebüren. 
3, 5. schäm ist ein sloz ob allen siten. 
Zu dieser stelle sagt Bartsch : „ sloz st. n. schloss , das über etwas 
gelegt wird, es also einschliesst : schamhaftigkeit schliesst alle fügend 
eines weibes in sich, ist ihre höchste fügend." Dagegen wird mit hin- 
weis auf diese worte zu 440, 15. claz {viyigcrlhi) ist ob mmer friwe ein 
sloz erklärt: „der schlussstein über meiner treue, das siegel und Unter- 
pfand derselben." Den Zusammenhang zwischen beiden erklärungen kann 
man nicht erkennen. Ein schloss hat den zweck etwas durch abschliessen 
zu sichern. Man vergleiche: 

70, 26. din minne ist sloz unde bant mtnes herzen. 648, 8. zhM 
si dez sloz ob minne site. 815, 29. sins Jierzen sloz trtioc dan 
den gräl. 

114, 4. ir schimph ertranc in riwen fürt, vergl. Wh. 177, 14. 
195, 10. sin höher muot kom in ein tal. 
429, 24. sin munt, sin ougen unt sin nase 
was reht der minne kerne. 

2, 20. sin triwe hat so kurzen zagel. 

vergl. Haupt zeitschr. XV, 262. Parz. 177, 25. 26. 

90. 11. wa7i jämer ist ein schürpher gart. 
140, 8. gröz liebe ier solch herzen furch. 

103, 18. do brast ir freuden klinge mitten ime hefte enzioei. 

91, 8. si ist ein bukel ob der werdekeit. 



Zlll CIIAKAKTKRIMTIK KKH WOI.KKAMHCIIKS STII-8 If» 

li'M). r>. s'/it licrzc tvds zc vddc ein butc. 
r)t), 2. diu minnc ivirt sin frouivr.. 
HO, H. diu riwü was sin f'rotiivc. 
437, 2('». (jröz jämtr was ir sundcrtriä. 
32G, 1. rcld werde/icü was shi (jc-wctc. 
113, 27. sich, hcf/o:: dis landrs froidVf. 
mit ir hcr.ioi Jdnicrs fouiiu:. 
l'Jl, 2'.l. licldcr ontjvn herzen regen. 
31!>, 1 (). herzen jdmcr ouifen saf. 
319, lü. schäm ist der selc krunc. 
654, 13. treit iiver pris die krunc. 
692, 5, zir hohsten freuden kröne. 

vergl. 350, 20. Iw. lO. der eren kröne, vergl. 6952 und 
Er. 9H91. 
260, 8. ivlplichcr kiusche lohcs kränz. 
343, 25. er treit der unfuoge kränz. 
394, 12. kränz aller iviplichcn güete. 
418, 18. der sorgen zcime kränze. 

632, 28. der der werdekeite kränz treit. vergl. 436, 20—22. 
678, 20. den wir wol möhten heizen flins der inanliche)i kref'te. 
vergl. Iw. 3257. der ie ein rehter adamas rUerlleher fugende 
ivas. A. Heiur. 02. stcster triuwe ein adamas. 
185, 12. da gap diu diet von freuden zol. 

248, 8. dem der nu zins von freuden gtt. 
2, 19. valsch gcsellecUcher niuot 

ist hoher werdekeit ein hagel. vergl. Iw. 3204. der slac 
slner eren. 4141. 6505. 
371. 7. für ungelückes schür ein dach 

587, 13. daz in bestuont der minnen schür. 
613, 22. der triuwe ein momzirus. 
649, 28. unz üzerhalpf der riwe tor. 
687, 20. da was ir minne für ein schilt. 
693, 18. lasters pfat. 694, 13. jämers ruoder. 
715, 6. würzet miner freuden kraft. 

740, 6. der geliutrfen triwe fundamint. vergl. "^Vh. 162, 27. 
811, 4. minnen stric. 
275, 28. mir wccre üf den triwen mat. 

347, 30. dem tet der zorn üf freuden mat. vergl. Wh. 255, 26. 
Folgende stelle zeigt, wie Wolfram die nietapheni bisweilen 
häuft, ohne auch nur eine dui'ch das wörtcheu als als eine solche zu 
bezeichnen : 



16 KARL KINZEL 

461, 9. ouch trage ich hazzes vil gein gote: 
10. wand er ist miner sorgen tote, 
die hat er alze höhe erhahn: 
mm freude ist lehendec hegrahn. 
künde gotes kraft mit helfe sin, 
■waz ankers wcer diu freude min? 
15. diu sinket durch der riwe grünt, 
ist min manlich herze wunt, 
od mag ez da vor wesen ganz, 
daz diu riutve ir scharpfen kränz 
mir setzet üf werdekeit usw. 

Adjectiva. 
Analog den ausdrücken höher muot, höhiu minne, höhiu ere, die 
im Parz. sehr häufig sind, findet sich 

höhez laster 135, 6. 136, 14. 158, 22. 
höhen pin 136, 14. 23, 23. 198, 16. 435, 29. 
Im Iwein findet sich nur 4206. ze höheren zverde. 
breit, das von Wolfram sehr häufig :mit abstractis verbunden wird 
(3,11. 29,22. 84,17. 109, 21. 104, 23. 114, 7. 141, 26. 161, 30. 321, 4. 
322, 24 usw.), hat der Iw. nicht in dieser Verwendung, der Er. nur 8543. 
des ist sin ere vil breit und 1228. des ist min riuwe worden breit. Dazu 
nimt Wolfram von grössenbestimmungen noch lanc, kurz, smal, ivtt, sihte. 
104, 23, ir schade wirt lanc imde breit. 
433, 19. ob sin ganziu werdekeit 
si beidiu lang unde breit, 
oder ist si kurz oder smal. vergl. 640, 9. 
328, 5. des kraft ist wit unde breit. 
43, 5. des lop war vir reo unde wit. 
123, 18. des wart sin lob von wiben wit. 
107, 28. der valsch was an im sihte. 
213, 14. min gewalt ist sihter, 
reht manlichiu wi'mne 
ist worden an mir dünne. 
Der folgenden vier adjectiva, die eigentlich der volkspoesie ange- 
hören,^ bedient sich Wolfram mit der grösten freiheit. dürkcl, das bei 
Hartmann ganz fehlt und sonst nur durchlöchert vom Schilde heisst (aber 
nie hohl wie Bartsch z. 281, 18 meint), braucht er übertragen auf gei- 
stiges. 

1) Jänicke de dicendi usu Wolframi de Eschenbach. Diss. iiiaug. Hai. 1860 
und Schilling de uau dicendi Ulrici de Zatzikhyfen, Dias, inaug. Hai. Iö6ü. 



Zl'H CIIAUAKTKUISTlIv DKS Wftl.l'lt AMHCIIKN .STIL8 17 

17s, -i. (liy. ist mir tli'irbl tt/s ein .^i'ih 

nii'n herze von jätnvrs snitcti 
21)1, IH. findcrfi nwr vil dürTid iwrr kfaff. 
•loi, M. iiiif (liirhiii riuwcn (oder uiicli Lachmaiins voniiiiUmj,' 

tri/iiecn). 
GOl, K). des min diirkel frende werde f/mis. 
G8(), 7. (jcin ein ander stnont ir iriive, 
der cnwedcr alt noch niwe 
dürJcel scharten nie enjifienc. 
Tit. 89, t. diir/celz wenken. z. xarg]. Wli. 22, l. 
reifie, das sicli in seiner eigeniliclicn hedeutiinj^ „dem todo verfallen " 
bei allen diclitern Hndet (bei Hartmann nur Iw. 121)"J), stellt lici Wcdl- 
ram einmal in übertrat>"euer bedeutung: 

.'555, 2. )ii/'n hesfiu r:uht ist veitje. 
wo Bartsch für vciije die bedeutung „todt" angibt. Dagegen ist solcher 
gebrauch im Tristan und später bei Konrad von Würzburg häufig. Haupt 
z. Engelh. ;32:38. 

Auch die adj. Ixdt und snet begnügt sich Wolfram nicht nach ihrer 
eigentlichen Verwendung im volksepos als epitheta ornantia der holden 
zu gebrauchen, halt, das Hartmann meidet, steht c. gen.: 

117, 7. diu frouivc jämers Indt. 461, 24. ist sfn helfe helfe 
halt. 533, 9. ist minne ir imfuoije h<dt. z. vergl. 
Wh. 320, 6. 
Mit der praep. gein: 

364, 3. Sin Itp (jein valscha nie ivart 2^(dt. 

365, 17. dag ir Jciusche wart gein sorne halt. z. vergl. Wh. 216, 26. 
snel bei Hartmann nur Er. 1642. zc allen eren snel in der aufzählung 
der ritter. Im Parz. c. gen.: 

324, 22. ist her Gäivan, lohes snel. 809, 24. der hürze snel. 
Mit gein: 66, 12. gein valscheit der trcege und der snelle gein dem 
prise,. 122, 10. gein prise snel. 110, 8. gein valsche snel. 412, 2. 
gein elln. z. vergl. 417, 12. 

Zu dürkel gehört dem sinne nach enzwei : 

138, 14. ir ivas diu wäre frende etizwei. 

160, 4. Arfnss wcrdeJceit enzwei 

sol hrechcn noch diz ivundcr. 
und zu veigc tot: 

255, 20. an Salden tot. 609, 15. tot gein valsche. 

416, 12. hdn ich j>r/8, derst dorne tot. 

625, 21. der (prfs) ivcere an werdeJceite tot. 

ZKITSCHR. F. DEUTSCHE f HILOL. BD. V 2 



Ib KARL KINZEL 

Die loli^eiuleu metaplierii sind der meastliliclieii gebrccliliclikcit ent- 
lehnt und gel)en vorzüi^liclie bcispi(do von der lel)endigon piiantasie des 
dicliters. Sic sind zum teil wie die mit Jam schon oben (p. 4) unter der 
negation aufgezählt. 

3 IC), 13. ir Sit manUclier cren scliiecli 
und an der werdeJceit so siecit. 
531, 28. imt des siccJtin frendc ivol genas. 
237, 8. der ivas an hohcni nmote lam. 
10, 20. ist got an siner helfe Mint. 

518, 24. nü sit an sceleJceit niJif hlint. 
475, 6. so ivas ieh an den ivitzen toup. 
108, 20. scliärpfen pin, z. vergl. 420, 21. 

78'.), 21. diu scharplie snre not, wie scharpfer strit und sdiarpfe 
tjoste. 

V e r b a. 
54, 25. im enfiicre ein tverdiu volye iiiife, 
an rcJder hinsehe ivtplich sitc. 
175, 9. da fitere hunst und eilen hi. 
4, 1. frimd und angest vert tä hi. 

329, 10. liraft mit jugende vert da mite. 
IIG, 13. wipheit, din ordentlicher site, 

dem vert und fuor ie tritve mite. 
28, 8. uf nmier tritve jämcr hlnet. 

92, 20. der ivären milte fruht üs dirnc Jierzen hlücte. 

z. vergl. 435, IG. ivfplicher sorgen urhap uz ir 
herzen Uüete al niuive. Tit. 32, 3. üz ir herze 
hlüete S(elde und ere. 
128, 21. aldä si jämer sneit. 

8, 30. min yanzez herze hast versniten. 

z. vergl. 321, 3. 591, 25. 710, 29. mhies herzen 
verch versniden. 
571, l. shi vester muot der ganze, 
den diu wäre zageheit 
nie verscherte noch versneit. 

z. vergl. Wh. 24, 4. 30, 25. Hartniann hat das wert 
nicht. — An das letzte boispiel schliessen sich an : 
3, 21. so ist iverder pris da niht verschart. 
141, 4. Sine triwe er nie verscherte. 
625, 19. mit triiven iinverschertet. 
Tit. 70, 4. mit unverscharter friuntschaft. 



/ri( CIIAIIAKTKUISTIK HKS WOI.PRAMSCIIKM HTII,S V.l 

III, '22. i/is liül der siirtfcii mhuji 
mir /)( i((te vcrsrJirofcii. 
Das wori kniul mii' liior übortrajjfoii , im t'iLC<'iit liehen sinne li^r. ««t.s un<l 
72'J'.) vor. 

^)'.>',i, '.'>. </(i:: sicli (liir/.c// fniuliii shit. 
Das verldini ist von W'ult'iani iiaeli dem ailj. di'irbl f^n'bildct uml lindot 
sicli mii' liier.' 

.JIT, 12. (/rs hcr.':c ic valscJivfi ivan erjHcu. 
15<>, 10. der irCircn mir durch freudc stics. 
155, 1(». durch die frcnde ir tvas gerani. 
GÜl), .'3. du wart i'if d'erc mir (jerani. 

291), l.'i. SHS ivas der wol gelohte man gerant zer tßfozcn säen 
an mit rede. 
l(j(), 14. er was vor wildem vahche zum: 

der was vil gar von im gesehatni. 
293, 27. daz minnc witse von im sjiicJt. 
177, 27. ein tot mich lernt an freuden gar. 
Mb, 7. tavelrundcr prises kraft 

hat crlemt ein gesclleschaft. 
411, 2(j. vn muoz din frcude sin verzagt 

mit al din höher muot erlernt. 
Tit. 51, 4. diu starhe minnc crlamct an ir Jcrefte. 
Tit. 86, 3. mimie in lerte an stxetcn fröuden siechen. 
815, 4. diu snelliu wirde hinlcet. 
13 5, 5. Sin lop hinJcet ame spat. 
G22, 26. sin riive hegunde hinlcen. 
217, 2. daz in ir minnc stceche 

und im die freudc hlante. 
10, 20. ist got an sincr helfe hl int 
oder ist er dran hetouhet. 
lU, 21. ich hän mins herzen kraft hcgrahcn. 
461, 12. min freudc ist Ichcndec hegralm. 
652, 22. da von sins herren sorge erstarp. 
Tit. '.)!, .3. min sorge släfet, so din scclde wachet. 
254, 18. so wehset unde kernet 

innncr srcldoi kraft hi dir. 
350, 10. sin not sieJi in ein ander khunpf.'^ 

1) Verdiirkchi korat nur zweinuil (vom scluKle gebraucht) vor ujul stanit 
gleichfalls aus seiner crfindung, wie zcrimrtiert 702, li) , das ich seiner merkwür- 
digen bilduug wegen hier anmerke. 

2) Über das verbum handelt L, z. Nib. 13. 

2* 



20 KAUL KI>"ZEL 

Dies kühne bilcl: seine not zog sieb gleichsam krampfhaft zusammen 
wie ein igel wenn gefahr naht (vergl. W. B. I. 882 Irinq^fc), lasst 
Bartsch schief: „klammern, b'ampfhaft packen: die nöte und Verlegen- 
heiten, in denen er sich befand, packten einander krampfhaft, so dass 
er sie nicht lösen, sich nicht vom zweifei befreien konnte." 
365, 21. SKS /laJit ir kiiischc sicli i)i zorn. 

427, lu. daz nindcr was umlerriten 

ir pr/s mit vcdschen tvoiien. 
z. vergl. Wh. 5, 12. 

428, 4. dich dunlxti daz mir missetät 

ivcrdcJicit habe imderswnngcn. 
440, 10, so trag ich nicnder den gebcrc 

der underswinge ))iir min c. 
662, 2. daz si (ir trimve) nie valsch undcrsivanc. 
678, 23. Sin herze valsch nie underswanc. 
726, 21. swä haz die minne undcrvert. 
810, 20. unzuht mir ziüit itndervienc. 
1, 4. sicä sich parricret 

nnverzagct mannes mnof, 

cds agclstcrn varive tnof. 

2ul, 21. duz si durch arhcitlichen muot 

ir zuht sus parricrent. 
281, 21. diz mcere ist hie vast undersniten, 
ez parricrt sich mit sneives siten. 
326, 7. ein solch gcparricrtez lehn. 
458, 8. etsivenne ich sündebeeren gedanc 
gcin der hiusche parrierte. 
Das wort pavricrcn (im raittelhochd. W. B. IT* 466 sind die beispiele 
um der coustructiou willen unter einander geworfen) wird zunächst von 
kleiderstoffen gebraucht. So Er. 2342 grüener samit phelle rfch , zesamne 
geparricret (die handschrift hat: und phcUc rkli) und Er. 1955. samit 
unde sigcldt zesamne <ieparrierct. Man schnitt streifen aus dem zeuge 
heraus {undcrsniden) imd setzte andere dafür ein.^ Das beispiel Parz. 
281, 21. beschreibt dies ganz genau. Im Rvein fehlt das verbum, im 
Eree steht es eigentümlich gebraucht nur an einer stelle Er. 7291. von 
der doppelten färbe des so langatmig beschriebenen pferdes. AVolfram 
braucht es für mischen, unter einander mengen, wie Wh. 326, 20. 
und Parz. 639, 18. wol undcrparrieret die riter undcrz frouioen her. 
Wh. 247, 27. und zuletzt, wie die oben angeführten beispiele lehren, 

1) Zu vorirl. Wiliii z. Walth. ^y. 12ö. 



ZUR CIIAKAKTRRISTIK l'i::. WOI.I'ltA&ISCHKN STILS I 

auf geistiges ülieitragi'ii,' <1im1i nirlit übiT das IX. IhkIi liinaiis. Im Tit. 
fiiidot sich hii'raii eiiimenul: 

Tit. l.'JH, 2. (lifiiniLrlcH hutnlicr mit (trhril. 
Von der hcdeutung „gl^'i«'!» stellen," dio Hartscli /. 1, I. angiht und aut 
die or sich in den folgenden stellen beruft, kann ich im mitttdliochdout- 
schcn siiracligt'hrauche nichts entdecken. Z. 2(il, -Jl. ciklfirt er: „niil 
dem gcgenteil (der unzuht) zusammenstellen: ihre wolanständigkeit trü- 
ben" z. 281, 21. „er verbindet sich mit der natur des schnees." Das 
gibt Verwirrung, aber keine erklärung. 

„Die vergleichung des kampfes und spiel es ist sehr 
gebräuchlich." Haupt gibt (zeitsclir. XI. 53 fgg.) zur erkliirung von 
Parz. S2, i:; '(^j:,'^,. eine eingehende crörterung über das Verhältnis der spie- 
lenden zum „pf(tutncr'' und ülier „das zählen und die zählcr beim spiele, 
die Wolfram zweimal zu biMliclicn ausdrücken verwendet":- Parz. H8, 2 
und Wh. 110, 2. Ausser der stelle Parz. 537, 2ii. mui <lrr HchUt ixt 
immer stritcs pfant verglichen mit Iw. 721i> fgg. gehört hierher: 
Parz. 5H7, 1. Gäwaii vricscli din mtere 
von der tjosfc pfandfrrc. 
PlijtjHdinof nam also pfhnt: 
sivclch fjostc wart aldä hdcant, 
daz einer viel, dar ander saz, 
so enpfienger an ir heider ha.: 
dises fast nnt Jens (jrivin : 
ieh mein daz ors; daz zoher hin. 
Doch nicht allein auf den kämpf, sondern auch sonst übertragen werden 
die vom Würfelspiel entlehnten ausdrücke bei Wolfram gebraucht. Ausser 
den gewöhnlichsten führe ich an: 

115, 10. vd hohes fopels er doeh spdf, 

der an rittcrschaft nach minnen zilt. 
170, lo. des fürstcn jdmers drie 

was riwie, an daz (jtader komn : 
flie vierdcn flust hct er (jcnomn. 
2 IS, 1(\ umhe den warf der sorgen 

wart getoitpeJt , do er den grat niDf. 
mit shien ougcn, äne haut 
und äne Würfels ccJcc.^ 



1) Zu vorgl. Wackcinagel , Littoratnrgescb. p. 1(»7 aniii. 41. 

2) Abgedruckt ist dies z. Er. 875, vergl. z. Er. 8G7. 8(i0. 872. 

3) Auch das ist echt ■Wolfrauisclic manier, den specifischen unterschied in soi- 
ucii bildcrn und metaphern am ende folgen zu lassen. Zu vergl. 597, 8. 290, 15. 



22 KARL KINZEI, 

112, 0. hicsf der äventiure zvurf gespiU. 
289, 24. riterschaft ist topchinl. 
292, 9. ir licibt ini)' mangcl vorgesUt 

und miner ougen ecke also verspilt 
das ich iu niht getrüiveu mac. 
Der ausdnick im letzten beispiel ist küliii. Der dichter ist uuf iuhwr 
ongcn rcJic („acies ociilorum" W. B.) wol niu- dmcli den tronus rcrspilt 
gekommen. Er meint: dass er sich eine so schöne frouwe ersehen hat, 
diese pavtie liabc fron Minne schlecht geführt. Zu vergleichen ist das 
oben angeführte beispiel 248, 10. Doch mit dieser erklärung sind kei- 
neswegs die Schwierigkeiten der stelle gehoben. Denn wenn man bei 
ougen ecJce an den würfet denkt, so ist einmal wunderbar, dass die 
ongcn des würfeis ccJce haben, dann aber selbst wenn ecke gleich würfel 
steht, verspilt man den würfel? Vielleiclit ist ougen ecke iu der tat tro- 
pus vom Schwert, und man muss die im W. D. IP 507 als erste ange- 
führte bcdeutung für verspiln in ansprach nehmen. Bartsch verwischt 
die scliwierigkeiten. 

Sehr häufig ist der gebrauch des wertes scliansc. In bezug auf 
die obigen beispiele ziehe ich herbei: 

Wh. 415, 16. mancc unsüesc schanze 

ivart gctupx)elt da der heidenscliaft. 
368, 13. sin hant, sin swert, sin lause 
liet im die dri schanze 
dicke crtoppelt sere. 
vergl. Parz. ;320, 2. 60, 21. 747, 18. 13, 5. 494, 3 usw. 

III. 

,,Den mittelhochdeutschen dichtem ist eine durch das possessiv 
bewirkte verstärkende Umschreibung des persönlichen prono- 
mens geläufig. Das substantivum lixi Avird zu dem possessiv gefügt. 
Einigemal dürfte man dem subst. hant verwanten sinn ])eilegen, obgleich 
hier ausser der sinnlichen bedeutuug die von gowalt in ansclilag komt." ' 

Auch Hartmaun schliesst sich diesem gebrauch an. Aber bei ihm 
findet sich diese Umschreibung (namentlich was haut anbetriti't) im ver- 
gleich zu AVolfram in geringem rnasse. Dieser begnügt sich natürlicli 
niclit mit dem gewöhnlichen, sondern delint den kreis der. Umschreibung 
bis ins wunderbare aus. Wenn Grimm daher sagt: „die sinnliclie alte 
spräche verwendet gern die subst. leib, band, fuss zu einem veistärktcn 

1) Griiiiin Gr. IV 20G. 297. Myth. BSC) fg-g. 



Zl'U CIIAUAKTr.UIHTlK l)l;s WnLKIlAMSCHKN HTII-K 

uikI loboiuligercii i>roiioiniiiiiIiiii8iliui-k/'' so /^'ill das lei/torc iiiclil iiiflii liir 
VVoKVain. Denn er iiieidoi last das imui. pcrs. zu guiisleii dieser niaiiifr, 
niaclit sie dailiii«li zur stellenden l'oiiiiel und scliwäclil iliicn wert al». 

Ausser rip und luiiil in zalillüsun stellen (weni;(.stens im l'arz., im 
Tit. ist ihr fj^ebraueh hescliränkter) setzt er an statt des persönlielien 
l>ronomens das tätige orgau: 

10, IC). )uln OH (je crslhf. z. vergl. Oo, ."). j:;s,:). 172, <; usw. 
Tit. 145, 4. Ebenso Greg. 2JI2. hv. :\2U und sonst. 
21), 1. (16 vcrjach Ir uH<jeu dein herxcii. 
34, 18. des ir licnc niidc Ir oiujc Jaili. 
l(»l. 17. die rarldr. niiwsc ir oufjcn sehen. 
11)4, J;J. ericos nie niiticr umjen scJtc. 
205, 14, n(s im der ougcn mc: (fcdähtc. 
KU), 12. dccJu'ln orc rcrnam. 
50, 17. diu munt mir lohs .tc vil vcnjdd. 

sprach 136, 10. 138, 27. z. vergl. Iwein IUI. (::}i 
spriclict nicmannes mimt , ivau als in sin herze Irret. 
Er. 3207. vud das mir erhübe iuwer beider mimt. 
0;», 27. (//(-' bete ivarb ir beider munt. 
111, 1. beidiu siußen nndc laehen 

hnnde ir mnin vil wol (lemaehcu. 
501», 15. iehu (cil niht da," ieslleh umnt 
(fein mir tno sin prüeven Icnnt. 
505, 10. sin Dinnt tieiumde (jvrn harnaseh. 
627, 15. daz ir munt des nilit (jewnoe. 
135, in. ir munt Jean niht gebaren 

mit laehen. z. vergl. 151, 10. 
220, 23. Artns vil getriwer mimt 

verhos die schulde sä xcstimt. 
315, 14. ican munt von ritcr nie gelas 

vergl, 32G, 24, 
337, 28, ivoU ex gebieten mir ein munl. 
den doch ander füexe tragent. 
'27'2, 12. iveindiu oiign liänt silczcu munt. 
•■^5, IG, des Jehent lile gar die siiugcn 

vergl, hv. 106. 837. 
34, 16. des herxe truoc ir minnen last 

z. vergl. 117. (K 0, 23. 7, 17. 54, 24. 606, 21, 
oft im Er. und Iw. a, Heinr. 50. Tit. 120. !. din 
herze crlache. 
1) Griimii Or. IV p. 350. 



24 KARL KINZEL 

Parz. 13(i, 7. ich sol in fröiidc enteren, 
iivcr herze siuffen leren. 
195, 2. des herze fruoe manchen rUerUchen prts. vergi. 112, 29. 
633, 14. nach der sin herze iveinet. 
An die stelle der person tritt der zustand, in welchem, oder 
die eigen Schaft, durch welche etwas bewirkt wird. Beispiele dafür 
fehlen im Iwein gänzlich. Aber noch im Gregor findet sich Gr. 1312. 
min tumpheit ist erholgen, im Er. 5533. si)i snelhelt hunde in üz tra- 
gen, und Er. 2788. sin ernest des gedähte. Zu der letzten stelle hat 
Haupt aus Wolfram und seinen nachahmern beispiele gesammelt. Er 
gibt aus dem Parz. 42, 13. 120, 1. 132, 8. 339, 2. 541, 3. 557, 10. 15. 
Wh. 75, 20, 282, 13. 299, 13. 

Es lässt sich noch folgendes hinzufügen: 

15, 15. sin manlichiu kraß behielt den pris in heidemchaft. 

vgl. 126, 12. 

16, 1. sin eilen strebte sunder ivane. 
108, 25. sin eilen so nach prise ivarp. 
108, 16. zuo dem sin eilen habe gesworn. 

574, 20. op din getriiviii manheit 

dm werdez leben hat verlorn. 
750, 20. Sin manheit da niemen trouc. 
174, 22. sin jiigent het eilen unde hraft. vgl. Wh. 23, 19. 

Tit. 123, 3. sin jiigent spr(jeehe. 
Tit. 57, 2. shi gesellekeit in gemante. 
Tit. 123, 2. Sin edelJceit, sfn Jciusche törst. 
Wie deutlich die person uuserm dichter im hintergrunde stand, zeigt 
die stelle Parz. 371, 11. daz iiver eilen niht verbirt, im ivcrt iuch, wo 
im nebensatze das Personalpronomen für die vorhergehende Umschreibung 
eintritt. 

31, 12. *'/• triwe an jämcr hat gewin. 
15, 25. Sin herzen gir nach prise greif. 
75, 21. mfn gir Jean solcher wünsche doln. 
518, 28. des ir herzen gir gedähte. 
27, 9. nu hat min schamndiu ivipheit 
sin Ion erlenget und min leit. 
137, 8. ir Jciusche unde ir ivipJieit 
sin Jiazzen liden muosten. 
452, 28. sin JciuscJie gein den^ ticvel streit. 

1) (/ein c. acc. alle hss. vergl. W. B. I. 492. — Bartsch: „gein dem." 



(\H, r: 


). 


!)(> 




2.S.S, 


1. 


(WM), 


2J. 


C.l I, 


27. 



ZUR CIIAKAKTr.UIS'riK HKS W <>r.ril,\M8CIIKN BTII,S 

27, II. (Ii»i hehle crtVfirf) iiiht nKKfihann 
tni n'lrrsrLcffc manciji'n ruoin. 
.s7t'«w dir )ii/'n (licnst hie zh-cu tttul. 
min dienst gdcbci noch die zit, 
da:: ir mich zcincm fritvcndc, nrmf. 
iwcr vidlcn rücrt den s)ic. 
iivcr strä hat in den pr/s hchaldcn. 
iivcr (irhc.it füeifet sölich herzclcit. 
Til. \y\X, :j. diu iville krieget. 
Tit. t<)l>, 1. dar nach sol min dienst riwfen. 
Zu (Ion im'ikwiirdifjsteu cigentümliclikeitcn Wolframs gehört, dass 
er oft den iiaiutMi einer pcrsoii durch einen ganzen sat/, 
umschreibt, sei es dass er uns aufmerksam und durch die vorher- 
gehende beschrei)»ung auf den namen neugierig maclien, sei es dass er 
auf diese weise eine gan/.e reihe früher erzählter ereignisse in das 
gedächtnis zurückrufen will. Es documentiert dies die grosse lebendig- 
keit seines stils und zeigt, wie der dichter in seinem stoß" stand und 
iiin beherschte. 

VAn grosser teil dieser Umschreibungen verherlicht natürlich den 
beiden des epos, Par/ival : 

118, ;5(). an dem (fot Wunsches het erdäht. 
181, 25. den recht in zageheit ie /loch. 
157, 30. dem man noch snelheife (jihf. 
168, 0. an in dem eilen nie gesiveich. 
221, 24. der änc liegen ist gezelt 

mit ivärhcit für den hohstcu jiris. 
Das V. buch begint: 

22 4, 1. Swer rnochct heren war nu kunif 
den äventiur hat üz gefrumt. 
An früher erzähltes erinnert: 

230, 24. der {Farziväl) du wart ivol cnpfaiujcn 
von im der in sante dar. 
Bei den folgenden wird der name bald geuaut: 
260, 18. der vor Parzival da reif. 
275, 12. nach ir durch die er Icomeu was. 
606, 1. unt daz ich gcin ir kricges pflige, 
diu den waren miinicn sige 
mit clürhcit hat hchcddcn. 
Dagegen wird eine neue persou eingeführt mit den werten: 
312, 2. Jiie Tiom von der icJi sprechen wU 



26 



KARL KINZEl. 



(vergl. 132, 28.) Kr.st 24 verse später criahroii wir den luimeii. vergl. 
688, 19. 

S2i, 29. von Mmisalvcesclie ivart gcsanf 

der den der sivane hrähte usw. Der namc des scliwan- 
ritters wird erst 826, 20 geuant. 

Auf bekante tatsachen wird angespielt: 
276, lu. von im der truoc den serpant. 
387, 13. iver da hinterm orse Icege? 
den der von Norivcege 
(jevellet liete üf de ouwc. 
425, 6. der man giht der hrbn ae Pclrapeire. 
„Junger mann" wird umschrieben: 

357, 15. der nie gedicndc an ivibe Meincet. 
und ein esel: 

294, 18. der den sae von der milk freit. 
Ziemlicli zalilreicb sind die Umschreibungen für gott. Die eigentünilicli- 
sten sind folgende: 

264, 26. der heidi it krnmp nnde sieht geschuof. 
der git nnde nimt. 
dem aller kumher ist heJcant. 
dem ellüi ivimder sint heJcant. 
der aller tvunder hat geivalt. 
den ieslicli enget ob im siht. 
die freit der dtireh gedanhe vert. 
des haut dez mer gesahen Md. 
den der helfe hat hclialfen^ 
■und den der helfe nie nerdroz. 
der die sterne hat gemlt. 
den man noeh malet für das lamp, 
und oitchz hriuse in sine Idän. 
Eine pcrsonification gewisser abstracta hndet sich bei allen niit- 
tclhoclid. diclitei-ii. Wolfram bleibt auch hier wider nicht bei dem gewölm- 
lichen stehen, sondern zeigt sicli ganz frei in anwcndung dieser manier. 
So findet sicli als subject für das vci'bum leren im Iwein sm 
herze, diu gewonheit , sogar der ivec usw., im Kr. 4381. cZ/ci^, 5310. 
iville, 3449. güete, 3453. diemnot. Im Parz. ausser frinwe 317, 20. 
451, 26. 318, 9. 362, 10 usw. swlvel 349, 30. s<ülde 322, 12. 
stoMeit 261, 12. jämrr 32(), 4. eilen 564, 23. früren 92, 4. hanJcer 
sin 338, 28. minnc 195, 11. 372, 11. Tit. 8(), 3 usw. 
106, 14. des tjost in sterben lertc. 
197, 14. disiti tjost in lerte flust. 



7, 9 




442, 


10 


454, 


8. 


43, 


S. 


465, 


4. 


466, 


15 


514, 


15 


568, 


2. 


659, 


20. 


105, 


22, 



1 (>('., 


17 


Iil7, 


IC, 


i k;, 


2r) 


;'>s:>, 


r>. 


iir,, 


(i. 


7:»2, 


1. 


r)'.»7, 


'j;i, 



/IUI niAllAKTKrilSTIK HKS \V<»I,I' KAMhCIII'.N .STILS 27 

///o,: nnicdc und slnj iti Irrte, 
/i'rf in siril ih'i /./niilirr <fi(\z. 
nii(lcnriii((rn ' niicli dti^ Irrlc 
do Irrlc Mdjan::cn phi 
der sttirkc rmrino schaß. 

iura (jastos rliihf 
Irrt iwcrn pris noch laslcrs not. 
ctsUchcr (stein) Ivrto holten nmot. 
(ds cz der rjoiiin (feierte. 
Ich vcr/eicliiio Iült /ugk'icli ciiR'n Wolfram ci^a-iitiimliclicii j^a-braiicli. 
I']i' uinsclireibi luimlicli iliircli Irren c. iiif. oder c. acc. eiiu'.s siibsLaiitivs 
einen voibalbegrill'. Die bedeutiui<>' von Irren liat sich dabei <,'anz ver- 
llüchtigt. So sagt er: 

schaden Irren - S(liiuh;a '21, is. helfe Irren -- hellen i\l^, M). 
('»51), 21. niuwe hraft Irren -— neu kräftigen 090, 15. Ferner 
sterhen Irren lOO, II. siuflen \'M\, S. jinst l'J7, 1 J. hKinher 
217, 16. hcr.veleit 32(), I. jiin. 385, 5. 317, 20. 31'.), 3(i. 
365, 26. 696. 8. 730, 1. nut 415, 0. 574, 16. 
Der gebrauch von manen ist seltener. Im Gregor finde ich 1782 
das crmant si ir leide. Er 528. s/n hcrse tvart ennaid. Im l'arz. : 
81, 27. nu manet mich diu fiunje mm. 
i)o, 22. ir iverdin kiusche mir den l'tp 
nach ir niinne jdniers niant. 
Hei raten findet sich: 

195, 10. shi höher tnuot hont in ein tat: 

äaz riet Liäsen minnc, 
293, 7. Parsiväl von sincu willen schief, 
als im- sin triive do geriet. 
vergl. Er. 3675. 'untritiivc riet sinen sinnen. 
I*arz. 3-lS, 6. als im s/n kranker sin (jerid. 

vergl. Iw. 635. riet mir m/n itntc/ser mtiof. 1 186. den sin 
der iti dits geriet. Gr. 3060. als in ir tiemiiele riet. 
320, 3. hochi-art riet s/n manheit, 

jdmer lert in herzodeit. 
451, 4. manl/ehiti xuht. 487, 12, unftioiie. 
518, 26. efsl/cher riet ir hricder lip. 

vergl. 751, 16. herzen State im gap den rat. 



1) Über den subst. iiiHnitiv reiloxiver vcrba, bei denen t:ich iui.^gela.s.>eu wml, 
ist zu vergl. z. Nib. 1-1G2, 2. Gram. IV, 259. 



28 KARL K1N2EL 

Als subject zu gchictcu steht: 

Iw. 6292. ir mlit. Er. 3993. ir frimvc. 

Parz. 353, 18. unfuoge. 344, 18. minnc. 585, 9. hnldc. 621^ 9. 
freuclc. 297, 20. wäriii milte. 185, 15. ivariii manlieit. 
vergl. 296, 14. 
178, 26. (jrös jänicr irz nach im gebot, vergl. 232, 2. 
Allein nach Wolframs manier: 
47, 18. nii tvil Icuiist unde sin 

der schade an in hiren. 
49, 6. des strit hat Jcraff unde sin. 
91, 5. das micli ir siverse jagte danc. 

105, 11. stvie den hiappen jämer jagte. 
105, 16. gunertiu heidensch ivitze 

liiit uns verstoln den hclt guof. 
349, 1. sus hat der sorn sich für genomn. 
615, 30. des muoz mir jämer tasten ins herze, vergl. 616, 10. 
120, 22. ir eilen st versagt, vergl. 414, 17. 415, 3. 
460, 30. freuden helfe mich vcrJcös. 
327, 12. mich der freuden sil verhös. 
An beiden stellen erklärt Bartsch verlws einmal „achtlos," das andre 
mal „verachtend an mir vorübergehn ," während „mich übersah" rich- 
tig wäre. 

184, 16. der htmger het ins fleisch vertriben. 
191, 28. uns im der iväre jämer rief 

und liehter ougen herscn regen: 
die ivaefen schiere den tverden degcn. 
194, 8. der sadel hüencr dbc in sehös. 
412, 18. werltlich pris iu sincn Jias 
teilt, erslaht ir iivcrn gast. 
es loas ivorden wette 
stoischen im und der vröude. 
gesellecliche uns an den tac 
was hl im strengiu arheit. 
der heim ame strite ein guot geverte. vei'gl. 739, 18. 

es mbht der heim dar under Idagen. 
der tumpheit gcnos. 296, 20. der wcrdeJceit genös. 

vergl. Haupt z. Er. 2402. 
mir ist freiide gestin, hohmuot gast, 
des röten rUers eilen 
nrcm den jyris scime gesellen. 
Tit. 61, 4. ist sivifel mit ivanJcc ir geselle. 



230, 


18. 


245, 


2. 


53, 


6. 


142, 


13. 


219, 


22. 


278, 


25. 



ZUR CHAItAKTEUlSTIK DKS WOM-'KAMSCIIRN HTItH 2i) 

Auch (I / it h/iff \vii"<l /MV jM'rsoii: 

.■J'.C.i, 2;i. (h'clu'iiiiii. slitnn si ividrrsiiz 
itof/i (jro::rii iitHicfitnfcn Iki.v. 
008, 7. .s/ forhie ivcnvc adhc not 

sivn lunn h(ir:r:(',n (jrin ir bot, 
wie LT sclion von seinem nieister gehört liatte Eneit 27, 15: da cumil- 
fcn stunt dkl horch so vast, daz si nienc vorlitc cht Ijast uUcz crdisclic 
hcrc. Eine solclic cinwirkung Vuldekes tritt ölter zn tage. 
5G4, :$(». für allen stürm n'üd ein her 
(ßch si ze drizcc jären, 
oh man ir wolle varen. 
'22(5, 14. diu hure an rcsfe niht hctrofjeti. 
si stuoiit rcJd <ds si wäre gedrat. 
ez C7ifti'((ie od liete der ivint gcivoit, 
mit stürme ir niht (jesch((drt was. 
vil turne, manee ptdas 
da stuonf mit ivunderlicher iver. 
20. op si SHOchten eUiu her, 

sine (jcebcn für die seihen not 
ze drtzec Jären niht ein hröt. 
Ich vermerke hier im anschhiss eine eigentümliche art von meta- 
pher. WoKram verbindet das 7Air vergleicliung lierangezogeno wort 
unmittelbar ohne ein bezeicheudes als ein mit der pcrsou. Ähnliches findet 
sich wol bei Hartmaun, aber sehr selten. 

Vom verwüstenden uuwetter sind folgende hergenommen: 
5G, 3. so tüirt ah er an str'ite ein schür. 
313, G. (Ciindrio heisst) der freuden schür. 
G78, 22. er schür der rlterschefte, 
514, 19. ivan diu (schoine) ist hl der süczc (d sur, 

rcht ais ein sunnenhlicker schür. 
Tit. 45, 2. ein schür üf die schände. 

72, 22. daz hinder teil (das sind die ritter, welche „daz hinder- 
teil des (jr/feu;' d. h. „eiiis grifen zagel" als wappen tragen) toas ouch 
ein hagel an rtterschaft. vergl. Gr. 1825. er tvas der viende hagcl, an 
jagen ein houpt, an fluht ein zaget. 

297, 11. er was ir fnore ein strenger hagel, vergl. Wh. 54, 24. 
:532, 4 und Parz. 2, 19. 

Vom fisch fang entlehnt: 
40, 2G. er was vor in ein netze. 

152, 4. ich pin sfn vcengec netze. 
317, 28. er was riuse und vengec vach. 



30 KARL KINZEL 

Von (1er scliünbeit der bliimen: 
39, 22. er hluome an mannes schoane. 
109, 11. der aller ritter hluome tvirt. 
252, 16. wixüiclier hmscJie ein hluome ist si. 
598, 7. der man, der iverdeMit ein hluome ie was. 
122, l.'i. aller manne sclimne ein hluomen hrans, 
den vrägte KarnahlMrnans. 
394, 12. Ohilot imrt kränz aller ivtpliclien güete. 
508, 21. aller ivthes varivc ein hcä /hirs. 
732, 14. diu geßorierte heä flürs. 
531, 24. si tvas im rcM ein meien zä 

vor allem hliche ein flori. vergl. 790, 5. 809, 14. 
Tit. 32, 2. er hos si für des meien hlic, 

siver si sacli, hi founazzen hluomen. 
195, 4. er mannes schoene ein hlüende. r/s. 
Damit sind zu vergleichen die einzigen stellen bei Hartmann, welche eine 
derartige fülle von metaphern enthalten: 

a. Heinr. 653. ja soltu, liehiu tocJder miti, 
unser heider freude stn, 
ein hluome in dime Minne, 
unsers alters ein stap. 
a. Heinr. 60. er ivas ein hluome der jugent, 
der werlte fröude ein Spiegelglas, 
stmter trimve ein adamas, 
ein ganzlu kröne der zuht. 
Ausserdem folgende: 
4, 15. er stahel , siva er ze strUe quam. 
128, 27. sus fuor die lones hernden vart 
ein tvurzel der güete 
und ein stam der diemüete. 
In der von Lachmann für echt gehaltenen strophe des Tit. J VII 56, 2. 
wird Gachnmret genant: der tritven ein hernder stam. 
371, 7. für imgelückes sehtir ein dacJi 
hin ich iu senffcel/eh gemach. 
740, 6. (si tvärn) der geliutrten tritvc fundamint. 
160, 16. nu muoz ich alse fruo hegrahn 
ein sloz oh dem prise. 
292, 28. ir {frou Minne) sit slöz oh dem sinne, vergl. 76, 26 

und oben p. 21. 
715, 9. du hist sloz oh miner trimve. 



113, 


20 


505, 


21 


oi;i, 


!». 


OOO, 


'.). 



/ril • KAUAKTKUISTIK KKM WOI.I- UAMSt'IIKN .STILS ."tl 

748, ;{(>. iiiiinint s/i'cwcl Liirhis. (I'.ir/i\;il.) 
470, 2. r>- hdlsciu oh der Iriuivi;. 
508, 28. .s/ iiwrc (in roi.rd minncn (jir 

iint ein spunsentvc des herr:rtt. 
übor re}::el vcrgl. z. PJiigolli. 11)20. s/mi/snurr um liier. 
I 10, I). <lu hist dir waren niiiuic hlie. 

ir se/ii(iiipfenlii(r<- Hilde ir sie. xcv^l. i(;i, 10. 

ern ist (j/tje noek diu rotte. 

von in wart ni/d enjipoKjen 

ir freuden kunft, ir scelde)i tue. 

er ivas ein qnccprunnc der tugent. 

unser trust {Gäivän) hat im erJcorn 

siner omjen senfte, sher^en dorn. 
'M\, 12. sas hom (jerifen in den rine 

trurens urJuqi, freuden twine. 
141, 22. des hat der sorgen urhap 

mir frcndc verschroten. 
.'318, 5. Cundri ivas seihe Sorgens pfant. 
4, 20. er wthes ongcn süese 

unt da hl ivihes herzen suhl, 

vor misseivcnde ein tvuriu fluid. 
23, 7. do sarj der minnen geltes Ion. 
In der anrode: 

310, 11. ir heiles inin, ir scelden fluoch, 

des gangen 2>>'i'SCS reht unruoch. 
310, 20. />• vederangl (Tit. 154, 1), ir natern £an. 
310, 28. /;• freuden letze, ir trurens wer. 

vergl. 31'J, lü. Cundrie ivas ir trurens wer. 
781, 14. (//( kröne menschen heUesl 

Tit. 90, 1. du minnen Hrs2)rinc, herndes saf minnen hlthtr. 
vergl. Tit. 34, 3. si ursprinc aller wiplicher vren. 

Ich scliliessc hieran einen eigeutümliclien spracligebraucli , den 
„Wolfram zuerst recht gangl)ar gemacht zu liaben scheint," der dann 
aber „im mittelhochdeutsclien je länger je melir zunimt." (WB. Hl, 883.) 
Es ist das die Verbindung des Wortes zil (site kraft) mit einem genitiv. 
Bei Hartmann findet sich das wort nur in eigentlicher bedeutung und 
selbst wenn es wie Er. y58s kundjers sd c. gen. verbunden wird, heisst 
es nur „ende." 





477, 


27. 




316, 


23. 




310, 


19. 




378, 


4. 


Man 


kann 


über 




102, 


30. 



32 KARL KINZEI. 

Bei nnserm dicliter dagegen wird rs'd c. gen. eine art snperlative 
bestimmung, indem es den höhepunkt seines im gen. vorhergebenden 
subst. bezeicbnet. 

190, 18, du sdz diu miujt an vreuden sil. 
es ist im Jcomen an riwen sil. 
da envarh iu siviijcn si'mden bü. 
da ist des Icusses hohstez zil. 
man sacli da iväpenroche vil 
höher an der koste sd. 

das zil binausgeben und damit nocb mebr steigern: 
si ivas gar ob dem Wunsches sU. vergl. Wii. 15, 7. 
Bei diesem und jenem der beispiele ist eine bedeutung von sil weniger 
stark füblbar. Bei den folgenden bat sieb die bedeutuag vollkommen 
oder doeb fast ganz verflücbtigt. Solcbe finden sieb nur in der ersten 
bälfte des Parzival. 

12, 21. mit deheiner slahte günste ml. 
1U5, 4. da gienges üz der freuden ml. 

si sagten klagende ir herren tot. 
111, 9. du tvcerest wol mins toufcs sil. 
205, 2. lind hringcnz üs ir freuden ml. 
318, 29. ay Munsalvcesche , jämers ml. 
582, 20. ir Sit unser freuden ml. 
327, 12. da mich der freuden zil verhos. 
519, 8. mit vcrkcrtem antlütses ml. 
223, 23. dar ivil ich durch äventiiire ml. 
159, 15. er sties den gabylötes stil 

mio mm nach der marter ml. 
vergl. 107, 10. Simrock vergisst ganz, nach der marter ml zu übertra- 
gen. Bartscli aber erklärt: „ml st. u. art; marter, passion Cbristi, kreuz 
Christi (vergl. Wb. 332, 21): uacb art von Cbristi kreuze." Es siebt 
fast aus als sei die intorpri^tation der Wörter aus der Übersetzung geflos- 
sen. Denn diese ist ricbtig. Man erkent nur nicbt, wie in jener ml 
zu der bedeutung „art" komt. Der begriff der bescbaftenbeit liegt 
natürlicb in nach. WB. IP 292. 

Auffallend ist site c. gen. in folgenden Verbindungen: 180, 29. 
nach loolze siten. 107, 10. nach der marter site. 83, 10. nach mihtc 
site. 459, 23. nach des tugcs site. 

Aucb dies wort dient oft nur zur umscbreibung eines substantiv- 
begriffs und ist uns nicbt übersetzbar, vergl. Jäuicke in Haupts zeitscbr. 
XV, IGO. 



/.IH CIIAUAKTEaiSTlK 1)K8 WOf-PRAMHClIKN STILS 3.'i 

l.'5;{, Ifj. icdorli s))racli ni mit forhlcn sitcn. 

2r)(), J. si </(iur( Itn iis janiays sitcn. 

7'J5, I. rncliche unt doch mit jämcrs sitcn. vorgl. W'li. s. 17. 

2(50, 22. <l<is ors ivarf er mit zorncs sifc. vergl. 521, 17. 

281, 22. cji {diz mare) 2^<irricrt sich mit sncwcs sitcn. 
I']|)((US0: 58;J, 22. durch cllcns sitc. 3G2, 3. gcin dirns sitcn. 3GH, IH. 
iidrh luncs sitcn. 191, 6. unc huijcns sitc. G15, 21. mit frcudr sitcn. 
755, 15. TSC), 20. 793, 30. 79G, 30, 

Der gebrauch des wertes kraft c. gen., „wo das wort /ur mm- 
stärkuiig de.s regierten hegrilVes dient" (WH. T, 871), ist bei Wollrani 
sehr häutig: lo, 24. 12, 5. G5, 18. 7<t, G. 7.s, 8. 82, G. ;)i, 2, 
92, G. 93, 22, 9G, 27. usw. usw. Auch hier ist ehie verliüchtigung 
der bedeutung fühlbar, namentlich in lolgeiulen stellen: 78, 8. 82, G. 
mit Zornes Jcraft. 91, 2. ungemüetes kraft. 112, 20. sincr witze krafl. 
vei'gl. 117, 27. — 105, 28. mit ellcns hraft (eine wie es scheint sehr 
alte Verbindung, vergl. Beov. 418. mäijenes cräft). 

Zum schluss lässt sich hier noch na nie anmerken in der stelle: 

230, 10. dar üffc tvas des fiwers name. 
vergl. 2G9, 8. des namcn {rUerschaft) ordcnlichiu kraß hat dich: hohen 
/>ris he jagt. Uiid 173, 3. als diu sunn diu hiutc schein, tmd ouch der 
name der heizet tue. 



Aus dieser Zusammenstellung ergibt sich, wie Wolfram in seinem 
ausdruek von Hartmami abweicht. Diesem ist auch hier, wie in der 
darstellung , „ die mäze eigen." * Was er uoch für Unebenheiten in bezug 
auf höfischen stil in der Jugend seiner dichtkunst gehabt, im hvein sind 
sie verschwunden : ^ hier erreicht er den gipfeljarnkt eleganter gemesseu- 
heit. Wolfram dagegen, „der tiefsinnigste, planvollste und sittlich wie 
künstlerisch grossaitigstc unter allen mittelhochdeutscheu dichtem ," ^ 
zugleich sprudelnd von geistreichem witz und humor, „springt fort und 
fort in das überungewöhnliche ab " ; ^ er sucht nach dem seltenen worte, 
er hascht nach dem ungebräuchlichen bilde, ja er macht das ausser- 
gewölmliche für sich zur regel. 

Und doch sind beide dichter in ihren anfangen nicht durchaus diver- 
gierend. Wenn man den Erec neben den Parzival stellt, so kann man 
eine gewisse ähnlichkeit nicht verkennen. Wir finden in beiden die 
gedrungene gestalt der erzählung, das kargen mit werten und satzver- 

1) Wackernagel , Litteraturgesch. p. 198. 

2) Vergl. Haupt z. Er. 27. 214. 354 usw. usw. 

3) Koberstciu, Gruudriss I. 208. 4. ausg. 

4) Wackeruagel, Litteraturgesch. a. a. o. 

ZEITSCUK. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. V. KD. 3 



34 KARIi KINZEL 

biudimgeii. Aber noch mehr: es begegnet uns auch auf dem gebiete der 
Phraseologie manches beiden eigentümliche, das der Iwein geflissentlich 
vermeidet. Dies denke ich geht aus vorstehender Untersuchung mit klar- 
heit hervor. 

Über die entwicklung des Hartmannschen stils sind Avir seit der 
ausgäbe des Erec von Haupt im klaren. Sie beweist zur genüge, dass 
Bartsch nicht ganz recht hat, wenn er sagt: „eine dichterische manier, 
einmal angenommen , setzt sich fest und fester ," ^ man müste denn 
darüber streiten wollen, was manier sei. Eine gleiche entwicklung ist 
in den Wolframschen gedichten vorhanden. Schon im Parzival ist sie 
sichtbar (vergi. oben p. 21. 32), und sie lässt sich durch den Titurel und 
Willehalm hindurch nachweisen; wenngleich man in bezug auf den Titurel 
in vergleich mit den beiden andern epen gewiss vorsichtig sein muss, da 
der lyrische ton, welchen Wolfram hier anschlug, vieles von selbst verbot. 

Diesen nachweis zu führen muss einer späteren arbeit aufbehalten 
bleiben. Nur einiges will ich namentlich in bezug auf den Wille- 
halm hinzufügen. 

Schon Jänicke '-^ machte widerholt auf die unterschiede der Wolf- 
ramischen diction in beiden grossen epen aufmerksam und wies mehr- 
mals Verschiedenheiten in den teilen des Parzival selbst nach. Auch 
unser dichter, wie der des Erec und Iwein, bemühte sich, so weit es 
ihm bei seiner stark ausgeprägten Individualität möglich war, seine här- 
ten abzuschleifen und eine eleganz zu erreichen, die das streben aller 
höfischen dichter des 13. Jahrhunderts ist. Wir vermissen daher im Wille- 
halm viel von der gedrängten kürze und dem barocken ausdruck, der 
den Parzival beherscht. Ich stelle hier kurz folgendes zusammen. 

Ad. I. laz, das in eigentlicher bedeutung oft im Willehalm steht, 
finde ich übertragen nur zweimal, wie Parz. 416, 29: 

Wh. 76, 26. der wcere der iviUe oucJi niht so laz und 66, 24. 
des willen laz. 

leere steht einmal im Tit. 92, 2 (p. 5) und einmal im anfang des 
Wh. 61, 26. aller freuden leere. 

Der formelhafte gebrauch der Antiphasis (p. 5 fgg.) ist im Wil- 
lehalm seltener, die beispiele sind weit weniger auffallend. Man merkt 
das bestreben nach grösserer durchsichtigkeit und eleganz. ich verzeichne 
bei folgendem negativen satze für das verbum: 

verhir (p. 5) 68, 6. 273, 22. 279, 2. 460, 14. 
verdriuze 212, 3. 225, 26. 245, 20. 309, 14. 
vermide 397, 20. Das simplex 30, 26. 

1) Bartsch, vorrede zum Parz. p. XVI. 

2) De dicendi usu Wolfraiui. 



zun CIIAHAKTEUISTIK DKS WOM'KAMSCIIEN STILS 35 

läzc IH, 2(». 111, 1. 

vcrtjizze, das im Par/. so liiuilig isi, luii eine stelle 259, 11. 
Kill liauptsatz fol[(t nach 

■vcrdr'mzc 271, 11. 37«, l'J. 

vcrmide 31, 23. Hl, 17. 

vergizzc 231, 29. 251, 2. 
Nach lazc und vcrhir nie. Auch mit substantivis sind diese verha sel- 
tener verbunden (p. 8 fgg.)- 

vcrUr 260, 24. 38, 5. 

vergisse 48, 2. 72, 30. 349, 30. 437, 13. 

vermidc 24, 3. 202, 24. 333, 18. 365, 16. :i94, l'.t. 

verdriuze 22, 14. 187, 18. 208, 2. 230, 4. 

verdaten 372, 5. 

Zmf/e 392, 18. 
Die adverbialen bestimmungcii (}>. 11 fgg.)- wie wir sie so 
häiiHg im Parzival finden, sind im Willehalm selten. Es sind y,u nennen: 

chie vär 387, 9. äne ntt loo, 1. 

une strit 1, 20. 64, 12. 159, 28. 

äne lotigen 189, 16. 

äne vride (vergl. p. 12) 228, 15, d. li. ohne dass vride ange- 
sagt war. Man vergleiche 385, 23. da ivas gcmezzcn niht der vride. 
391, 4. 424, 18. Ich führe zur erklärung des ausdruckes noch an: 
Wartburgkrieg (ed. Ettmiiller) VIII, 1. nü wirt gesungen äne vride, 
das Joh. Kote in seiner h. Elisabeth (Ettmiiller , anhang zum Wartburg- 
krieg p. 181) 75. erklärt durch: dö ivart üz dem schimpf ein ernest 
gros, vergl. Grimm, altd. Meistergesang p. 78. 

sUete an (dien val sehen list 100, 30. 

Die Verbindung des negativen mit dem positiven aus- 
drucke (p. 12) zur Verstärkung findet sich im Willehalm nur 190, 13. 
270, 25. 347, 28. 352, 8. Eigentümlich ist 455, 18. nun tutiu vrende 
niht diu lame, wo Jmn, das doch Wolfram sonst als uegation braucht 
(p. 4), im gegensatz zu tot steht. 

Für unhetrogen ungelogen finden sich, wie schon angedeutet (p.l3), 
öfter; ebenso die adj. mit niht ze verbunden. 

Ad II. Was die Metaphern anbetrifft, so lassen sich für die 
(p. 14 fgg.) angeführten aus dem Willehalm einige belege und auch man- 
che eigentümlichkeiteu beibringen. Alle aber atmen einen geist. Jedoch 
ist eine Veränderung nicht zu verkennen. Die sprudelnde gedankenfülle 
nnsres dichters war allmählich in ein ruhigeres bette geleitet. Nur hin 
und wider bekundet ein aufwallen die alte lebhaftigkeit. 

Dass sich parricren auf geistiges übertragen nicht über das XI. buch 
des Parzival hinaus findet, hatte ich schon (p. 20 f.) erwähnt. Im Titurel 

3* 



86 KARL KINZEL 

tritt an seine stelle, gleichfalls der schneiderkiinst eiitlehut (zu vergl. 
Wilm. z. Walth. 20, 23), gefurriert und zwar vom humher. Das wort 
ist auch im Willehalm belieht, lässt aber hier an zwei stellen seine 
eigentliche bedeutung noch durchfühlen: 

377, 16. iesUchez {wazzer) gefurrierd ivas 
mit edelen steinen maneger slalit. 

368, 25. als im {dem orse) tnit fiwers vanken gar 
gefurriert wceren siniu mal. 
In der dritten stelle 443, 20. gefurriert was ir sweis fällt die bedeutung 
ganz mit der des gleich darauf folgenden wertes parrieren, mischen, 
zusammen: 443, 22, geparriert sweiz undc hluot. 

Ad. in. Die beispiele für die „Personification" (p. 26 fgg.) 
lassen sich aus dem Willehalm reichlich vermehren , ohne dass ein unter- 
schied im gebrauch merklich wäre. Dagegen ist die eigentümlichkeit, 
das zur vergleichung herangezogene wort unmittelbar mit der person zu 
verbinden (p. 29), sehr selten. 

schür steht so 46, 29. 253, 9. 381, 18. 425, 23. Dagegen ist 
det* vergleich ausgeführt 390, 27. ich hin ze disem strtte homn so der 
schür an die halme. 

flinse 76, 7. Jcrans 86, 3. 292, 11. 

hlüender stam 88, 12. vergl. 254, 15. 
Ad IV. Im Willehalm findet sich noch eine ganze anzahl von bei- 
spielen für zil c. gen. Es ist uns meist leichter, den sinn der stellen zu 
fühlen, als den gedanken mit präcision aus der bedeutung von zil zu 
entwickeln. Verständlich ist nach p: 32 jämers ml 254, 10 und 350, 28. 
Ebenso 70, 18. so nähen gcin dem rämes ziV, wo es zur Verstärkung dient, 
wie Parz. 827, 11. dirre ävcntiur endes sil. Die bedeutung hat sich ver- 
flüchtigt in 310, 4. toufes zil. 317, 27. tödes zu. 319, 19. mit namen zil. 
Schwerer sind: 

271, 1. erne hete der jär doch niht so vil, 
diu reichent gein des hartes zil. 
Er war noch nicht alt genug, um schon einen „ordentlichen" hart zu 
besitzen, einen jungen hatte er wol. 

246, 7. der harün in der gräven zil. 

372, 10. esldire an der fürsten zil. 

256, 1. zcsklirn an fürsten Jcrefte zil. 
Zu Site (p. 32) verzeichne ich aus dem Willehalm jämers siten 18, 17. 
73, 28. mit zühte siten 30, 14. nach der gämäne siten 16, 12. ~ mit 
manlidien siten 22, 2. 52, 8, 165, 26. 300, 18. nach Icostehcercn 
siten 234, 12. in tumhen siten 169, 21. mit kiuschen siten 250, 19. 

liERI.IN, K. KINZEL. 



37 



AGS. i<», «"o; <'<>; iö, co; io, ro; io, co. 

Hei ifcr darstclliiiig dioscr a<,'s. liiuto sind /ii Imaditon : di<' hiuio, 
aus doncn sie hervortreten, der umraiit^s den sie ^'ewinnen, und die eni- 
wickolung, die sie f^efundon haben. 

A^a. io, i'o. 

Als ursprünglichen laut weist die sprachverglcicluing /' nach. Dies 
stand im gotischen auch vor h und r und liegt no(di vor in sllm- neben 
siifis- (sieg-), ril/i (und nicht), JxiriJia (ungewalkt, vergl. ahd. dtira 
darah? m un-äara-Uh obliquus, agrestis, ignobilis, vilis. Grafl"5, 198), 
hiriisjd- neben hrrnsja- (eitern , von hairan) und Jiirr (komm hierher), 
hirjij) (komt hierher), lürjats (komt beide hierher), s. Leo Meyer, -die 
gotische spräche s. 538. Gewöhnlich aber ist i vor // und r im goti- 
schen nach ai (Grimm ai) übergegangen. Da der gote mit diesem ai 
griechisches e und «/, so wie lateinisches e und «c widergibt, wie m};?'s- 
haupus F/n'oxoyroi; cpiscopufi, praitoria irQaiTtÖQiov pfraetorium usw., so 
darf man ai als den ausdruck des c- lautes ansehen, so dass es althoch- 
deutschem c zum teil entspräche. Die Umwandlung des i- in den c-laut 
muss unter dem eintlusse der ausspräche von A und r entstanden sein: 
'•-h spricht sich leichter als i-h , wenn h mit starkem gutturallaute 
gesprochen wird. 

Diesem got. ai vor // und r entspricht ags. io, e'o. Es geht aus 
gleichem gründe hervor und dient gleichem zwecke, aber es erlangt einen 
weit grösseren umfang. Zu unterscheiden sind 1) die spräche des Südens, 
westsächsisch oder speciell angelsächsisch; 2) die spräche des nordens 
oder alt-nordlmmbrisch, und 3) die spräche des mittleren Englands, d. i. 
Mercias und Anglias oder anglisch. 

I. Angelsächsisch. 

Auch im Ags. stand vor //, r und l mit nachfolgender conso- 
nan-'. ursprünglich / und das hat sich erhalten ni: (ja-siht (gesiebt, ahd. 
siht), riht (recht, got. rniht{a)-s, alts. nht, afrs. riucht riocht, altu. 
rrtt-r, ahd. r'eht), rihfan (richten, got. raildjan, alts. rihtian, afrs. 
riiiclda riocJda, altn. rcffa , ahd. riJdjau), cnihf (diener, ahd. JcncJd); 
cild (kind, alaman. child), ivild (wild, ahd. loildi), milde (milde, got. 
)uUd{i)-s, alts. mildi, altu. mild-r, aJid. milti), liild (kämpf, alts. hilt, 
ahd. hilfja). 

Bisweilen ist i vor r und / zu e geworden ; h'crsfan (l)ersten , afrs. 
hcrsta, alts. hrvstan, ahd. prestan), p'erscan (di'cschen, got. prisican. 



38 FR- KOCH 

2Mn.presJcja, ahd. drescan); Mim (heim, alts., afrs., alid.), ^e?/" (gra- 
ben), d'elfan (graben, alts. hi-dciban, airs. dälva , ahd. hi-tdhan), hdpan 
(helfen, got. hilpan, alts. afi-s. h'clpan, ahä. häfau), meltan (schmelzen, 
ahd. s-melmn), siocltmi (sterben, got. sviltan, alts. sw'eltan), f'cld (feld, 
alts., afrs. ficld, ahd. feld), belgan (schwellen, got hügan, alts. h'elgan, 
afrs. helga , ahd. p'elkmi) , stvelgan (verschlingen , altn. swclgja , ahd. sucl- 
han) usw. 

Gewöhnlich aber ist io, eo eingetreten und dies steht entweder noch 
neben i und c, oder es hat jene verdrängt. Zu ursprünglichem i tritt 
aus h, r und l ein dunkler laut, der seinen ausdruck in o gefunden 
hat: fiht, ß-oJd, und indem o verdunkelnd auf i einwirkt, so entsteht 
f'eoM. Beide laute liegen noch bisweilen neben einander, gewöhnlich 
aber ist eo. Warum hinter i der durch die nachfolgenden cousonan- 
ten bedingte laut durch o, und derselbe laut hinter e durch a wider- 
gegeben wird, wird wol der physiologe nachweisen können. 

1) Ags. io, i'O steht noch neben i oder e oder beiden; y ist 
schlechte Schreibung für i. Ags. (jJi Jul. 706, El. 1262, eoh (pferd, 
got. *aihvu-s , latequu-s, alts. ö7m); tihhan Bo. 24, 3, ge-tihhan An. 
1322, tyldian Hy. 7, 97, tiolilian Jul. 215, tcohhcm B. 951 (beschliessen, 
vgl. ahd. silum zeihen); mix mex meox (dünger, got. maihstu-s, aber 
altn. myJii). — Ags. yrn-' corrc (irre , got. airzi-s , alts. ahd. irri , afrs 
ire)\ ä-firran Sat. 284, ä-fyrran Cri. 1371, ä-fcorrcm (entfernen, alts. 
fcrrian, afrs. /?ra, 2Xin.fi.rra, 2X1^. firrjan); ^rme»* Cri. 481 , eormcn 
(gross, alts. irmun, altn. iörmun, ahd. Irmin, Erman, Ermim); hrin- 
nan? hyrnan B. 2273, gc-hcornan 2698 (brennen, got. alts. ahd. hrin- 
nan, altn. hr&nna)', rinnan Cri. 1115, irnan Met. 5, 15, yrnan Gen. 
211, (iornan (rinnen, alts. afrs. ahd. rinnan, altn. ränna); ctvyrn ctvcorn 
(Mühle, got. qvairnus, altn. Jcvern, ahd. quirn); girn (in girnan Marc. 
11, 24), georn (begehrend, geneigt, got. *gairn-i-s, alts. gern, afvs.jcrnc, 
ahd. Jcerni Jcern); sttrt Wr. 283, steort Eät. 17, 8 (sterz, altn. stcrt-r, 
ahd. st(ir2); hirdc Met. 722, hyrdc Dun. 11, livordi- (hirte, got. hairdci-s, 
alts. liirdi, ahd. hirti, afrs. hcrdere); stvyrd Jud. 318, swiird B. 1901, 
swcord 890 (schwert, alts. afrs. swerd, altn. stverd, ahd. swert); wyrdan 
An. 182, wurdan Dan. 115, lovordan Gen. 815 (werden, got. vairpan, 
alts. werdan , afrs. ivirda werda , ahd. wcrdan) ; wyrdian Au. 538, w**y- 
rfiaw Gen. 353, wcoräian 310 (wert halten, got. vairjmi, alts. gi-wer- 
don, ohd. tv(yrddn , altn. wnTtt); 2<;<;rc weörc (werk, alt&.w<^rJc, afrs. «<;^VZ: 
^(;cT7c, altn. virJci, ahd. wcrali); hirc hirce bcorc (birke, ahd. ^/m7ia, 
ülin.hjörk); hyrht B. 1199, 6rr/<^ Met. 22, 22, heorht, hriht in ge-hrihtan 
Mcn. 137 (glänzend, got. hairht{a)-s , alts. 6rt7i^, ahd. pcraht). — Ags. 



AOH. io , t'o otf. 39 

Pilfor IJo. 38, 4, silufcr Sal. 31, sndfur srol/'or (silber, ^ot. siluhr(-(i-in), 
alts. siluhar, afrs. ailvcr srlvcr, altii. s?7/-/*, alul. silbar silahar), silfren 
Sal. 64, srolfren si'olofrcn (silbern, <*ot sUubrcln(a)-s, alts. silubrin, afrs. 
fidvirn selovern, alul. silharln); scild scyld scrld (schild) und scildan 
ficyldan scäoldan Gün. 2117 (schützen; got. s/cildii-s , alts. scild, al'rs. 
scÄiW schicld skeld, alts. sc?'W, altn. skjöld-r); silf liät b , 10. sy^/" 
Gen. 28ü9, srJf 1.39, ,svW/" 2374 (selbst, got. s//^^^^ alts. afrs. .sr//", alid. 
srib); milc mi/uc nirlc mi-olc mroluc mroloc Ettni. (milch, got. miluk, 
altn. mjölk, ahd. milnh). 

2) Ags. ?o, ('ö steht allein: trolih froh (menge, mhd. zrchc); froh 
fro ß. 156 (vieh, got. faihu, alts. frhii, afrs. fia, altn. /c, ahd. ßhu); 
frohte fi'oht (gefecht, ahd, ga-feht, fiMa), feohtcm (fechten, ah-ii. fiuchta 
f'iocMa , ahd. frhtan). — Ags. hcorma (hefe, schw. hcrme, dän. härme) \ 
hiorn B. 2221, hroni (mann, altn. hjörn bär); /"ornost (erast, ahd.crnust); 
fron- An. 423, fror Sat. 40, adv. fior Met. 20, 222, ^cr Cr. 248 
(ferne, gotfairra, alts. /r>-, afrs. ^r fer, ahd. ferri); stiorra Met. 28, 44, 
8A'ö>Ta (stern, got. stairno, alts. ahd. strrro, afrs. sfera, altn. stjania); 
wrorimn (werfen, got. vairpan, afrs. wrrpa, ahd. ivrrfaii); crorfan 
(schneiden, afrs. krrva, ahd. krrhan); drorfan (sich abmühen, vgl. ahd. 
d(irhrn); strorfan (sterben, ahd. alts. strrhan, afrs. strrva); htvr'orfan 
hwurfan Dan. 110, hworfdu 13. 1728 (sich umkehren, got. hvairhan, 
alts. hwrrban, afrs. liwrrva, altn. htvrrfa); hrort Jieorot (hirsch, ahd. 
hirus, altn. hjört-r); hrortc (herz, got. hairto, alts. hrrta, afrs. /<«V^e 
/«Ti^c, altn. hjarta, ahd. härza); Jirord (heerd, afrs. /«Vf? Ärr^ ä^?>*^, 
ahd. Ät;>-rf hrrda); rorde corä (erde, got. airpa, alts. r>-(?a, afrs, 
/rcfe <"rrfc, ahd. rrda); trors (peuis, ahd. zrrs); wrorcian (wirken, 
alts. wirkran, afrs. tvirka tvrrka, ahd. wirkjan); hiorcf B. 3066, ?>ror/7 
3164, brorh 3097 (berg, afrs. birg bi-rg bercli, altn. Z^r>-^ bjarg, ahd. 
^;<"rc, vgl. got. bairgahei aus *bairg-s)\ brorgan (bergen, got. bairgan, 
ahd. brrgan); frorh Gen. 908 , fyor 1185, /("o>- Exod. 361 (leben, alts. 
frrh frrak, ahd. frrali). — Ags. sioloc Met 8, 24. sroloc sr'olc Wr. 24. 
(seide, altn. silkl), srolcen (seiden); sc'olh scol (seehund, altn. sd-r, ahd. 
srlah); grolca giolccn Met. 20, 170 (dotter, von grlu gelb). 

Schon hier liegt io , ro in weiterer Verwendung vor , indem es auch 
vor l mit nachfolgender cousonanz eintritt. Aber es breitet sich auch 
noch mehr aus. Es steht ferner: 

3) vor einfachem r und l: bcrau beoran (tragen); scrran scroran 
(schneiden); hira liioralirora (eorimi); /?/o/-o B. 2539, liroru V2d,b, liroro 
(schwert, gai. liairu-s , alts. Atr«, altn. /yör-r); teru tero teoru teor (theer, 
altn. tjara); sivira Wr. 283, sivgra 64, siviira swc'ora 43, swiora 
liät. 72, 15, sivc'ora 69, 2 (uacken, vgl. altn. svorf-r kopfhaut); swyr 



40 FR. KOCH 

Ps. 74, 3, siüi'-r Exocl. 13, 21, sivior sivi-or (siiule, alam. sivire pfähl); 
swi-'r sivior swr'or Ettm. (Schwiegervater, got. svaihra, alts. stviri, ahd. 
stirJmr, also dg. ngs. swlJiur sW(^ior); wr'r, gen.pl. tvcra wrora B. 2047 
(inairn, alts. afrs. ahd.), ivi-riiä Exod. 204, wi-rod B. 290, loorud 
Gen. 1963 (schaar, volk, alts. wcrod). — Ags. fHa feola ftala Gen. 
271 (viel, got. alts. ahd. filu, afrs. fdo fd, altn. fjöl; tilian, prät. tio- 
lodc Seel. 80 , ti'olian (zielen , streben , alts. üUan , ahd. züeu) ; tv&lcras 
wüorelas pl. (lippen, got. vairilo, afrs. ivcre, altn. vör-r). Wenn liier 
einfaches r und l im auslaute stünde , so dürfte man in diesen den gruud 
von io, CO sehen, wie noch ne. fire = fi-er. Da aber gewöhnlich ein 
dunkler vokal zweiter silbe folgt, so dürfte eher letzterer (-'o verursacht 
haben. Denn es steht auch: 

4) vor dunkelem vokale zweiter silbe. Dass es durch diesen ver- 
anlasst wird , gellt daraus hervor , dass es vor allen consonanten , sogar 
vor w< und w, vorkommen kann. Ags. m'maw m*ow«a»» Bed. , weoman Sat. 1 98 
(nehmen, got. alts. niman, altn. ncma, ahd. ncman, afrs. ninia nrma); 
hrim, pl. h?-lmu hromo An. 242 (meer, altn. hrhn brandung); sc'mian 
Gen. 109, siomian B. 2767, sdomian 302 (weilen, harren, ahd. ga- 
scmön); hinan? Iiionan Met, 24, 50, hconan Gen. 415, hconon 666 
(von hinnen, alts. ahd. hinanci); smofTBed. 4, 17, sionod 'SA. 154, seo- 
nod Ph. 493 (synodus); sinu Wr. 71, synu An. 1424, sionwc An. 1427, 
sconowe B. 817 (sehne, ahd. scnewa, afrs. sini sine sin, altn. sin), — 
Ags. gdti gäolo (gelb, alts. ahd. (/r/o); til dat. pl. tcoliim Ps. 104, 26 
(gut), adv. tila Uia tiola teola teala (wol); mvhi nido mcolo (melil, alts. 
afrs. ahd. mvl) ; weta wäola Edw. 7 (reichtum , alts. ivclo). — Ags. gyr- 
sta Wr. 4, gystra B. 1334, gicstron Rät. 21, 44, gvostra (gestern, got. 
gistra, ahd. gester); swester? sivustcr By. 115, swcostor Gen. 1832 
(schwester, alts. ahd. sivvstar, afrs. swester suster sister). — Ags. cli- 
pian Met. 26, 85, clypian 450, eU'opian Sat. 34 (rufen, altn. Uifa 
schwatzen); sivip swüop Jul. 188, sivipa Wr. 21, sivcopa Sal. 109 (gei- 
sel, altn. svip-r schnelle bewegung), swipian sweopian (peitschen); h'-'fer 
hcofer (biber, ahd. pihar); ä-hifian Ps. 113, 7, ä-beoflan (beben, alts. 
hihon,, ahd. hihen, afrs. hcva); gif an gyfan Exod. 263, giofan B. 2972, 
giefan Cri. 478 (geben, got. gihan, alts. gct)an, Rfrs.ß'va, altn. gefa, 
ahd. gi'ban), gifa giofa giefa gäofa (geber, alts. gibo g(^o, ahd. M2)o), 
gifu giofu Cr. 42. giefe 1663. gcofn Gu, 501 (gäbe, got. giha, alts. 
g(^a, altn. gjöf, afrs. jeve, ahd. giha geha), gifen gyfen giefen Gu. 737. 
gcofon Ph. 267 (geschenk); gifen B. 1690, gyfen 1394, geofon 692 
(meer, alts. gcfjan); häfon Met. 6, 4. An. 328, h'-fcti B. 1571, Jiiofon 
lly. 8, 13, Jicofon 28, 48 (himmel, alts. Mhan, altn. hifinn); syfon 
B. 3122, scofon 517 (sieben,, got. sihim, alts. sibun, afrs. sigun, ahd. 



AOS. in , i'i> rtc. 1 I 

sthiiii); sivifol sivrn/of li. ir)Sl (sclihil', vcT^l. ulul. Htvihiilu , daher Ix's- 
S(M" Hivcf'ol sivcofol). Ai^s. inriad lurlod uirolud Cr. 118h, uirotod 

iSjit. 2 (schöplbr, alts. mr/od); wild I>. 157, lorota lOÜH (weiser, rat, 
altii. vit-r klu^O; sivifal. Mo. :M, 12, swutol Dan. 489. B. 90, fiwrotui 
Jul. 551, sKU-olnl U. 817 (üllenltar); /r/or frotar (fessol, alts. ßifrros 
fitcroa, atVs. (Hera, alnl. frszcra); /;(/or Gen. 2145 , ror/or lo.'i?, «W/<r 
n. Oü.'J (zäun, altii. iiutar-r, alul. r/«r); mrV?^ mr<h IJ. 004, mi'oda 
An. 1528 (nieih , alts. />/ä?o, altn. »<yVV/r, ',\\\^. nuiii) ; ivydciva Gen. 213.'i, 
wudmva 2(>10, ivrodctve Ps. 145, 8 (wittwc , got. viduvo, alts. widoiva, 
afrs. widtvo wrdwc, alul. tvifnwd); fridu frido fn-do friodo fWodo (friede, 
alts. fridu, afi's. /"rrV/^, ahd. fridu); ftdcr fcdcr frodor ({"eder, altn. fjö- 
dnr, ahd. fi-dara). 

5) Ein anderes /o, ro hildct sich aus i vor i(? dadurch, dass aus w 
in folge seiner vocalischcn natur o hervortritt. Mnn könte dieses o eine 
vocalisiernng des ^v nennen, denn o lautet, wird durch w zu «-laut, 
und letzteres verschwindet lautlich, wie in no. ncw (ausspr. ni-ii nju): 
ags. «mv" nioioe nroivr (neu, got '*niv-s niti-ji-f;, ahd. alts. ?»'?<'/, afrs. n/e); 
piw (noch in Jnwen pcoioo'n magd, alta. pitva Jiiu) Jx-otv pro (dienstbar, 
knecht, got.^J)iv-a-s piu-s, ahd.dio), ^t-owo^ dienstbarkeit, got pivadv(a-m); 
triive tryivr trc-oivc (treu, got. frig(jr(a)s, alts. triwi friwvi, afrs. friuwe, 
nhd. trimvi); triivu pl. Luc. 21, 29, triotv Met. 19, 6, frcow tn-o (bäum, 
gotHriv-a-m triu, alts. trio treo, afrs. altn. trc); cncow cneo (knie, got. 
*kniv-a-m Jcniu, alts. hiio knco, afrs. Jcniu hii, ahd. chniu, altn. knr); 
hiw Wr. 42, hiotv Gen. 260, hrow Bed. 3, 14, hco EI. fi, /?zo Luc. 2, 2:^ 
(gestalt, got. hivi). 

(i) Wenn bisweilen / in u übergeht, wie oben in fiivurd, wnr- 
dmi, wurdian, Inmirfrm, stvnra, Rwustcr, fiwnfoJ , wuduu-a , und ?t in 
o, wie iü hioorfan und ivorud, so hat das mit m nichts zu tun. Es ist 
u hier die dunkle färbung des i, die durch vorstehendes w bewirkt wird. 
Interessant aber ist die Wahrnehmung, wie ursprüngliches i seiner 
Umgebung erliegt: wie es durch vorstehendes w in «, durch nachste- 
hende h, r, l und dunkle vocalc in c, io, co umgestaltet wird. 

Die vorstehenden ags. werter verlaufen folgendermassen: 

1) Ags. i: siht siM silißcd scJd, riht A.,^ rih rißt B, cniht A., 

ruipt B.; chihl cliildc , loildc, milde. Lag. — siht, riht, cniht; child, 

pl. childer, wilde, mild. OEHom. — sint insint, rynt hiyßf; child, 

wild, mild. RG. usw. — si(jht ri<jht ; child cliilc., wild, mild. Somerset; 

1) Unter A und B sind hier die beiden handseliriften von Laganions Brut 
gemeint. Vgl. Fr. Koch, histor. granuu. d. engl, spräche s. 10. Red. 



42 FR. KOCH 

zi()ht, ri(jht : child ch/le, wild, mild Dorset; sigJit, right irt; cJieeld cheel 
pl. childer usw. Devon Cornw. Es bleibt demnach überall der i-laut, 
und zwar dessen kürze wie in chüdrcn, oder delinung, wie in cheeld, 
oder Steigerung (l): chile child. 

2) Ags. t: bersten; heim hcelm healm, deluen dcehien dealuen, 
helpen heolpen healpcn, swelten, feld. Lag. - berste; heim, deine, helpe, 
help, meltc, feld. KG. — bersten; heim, deluen, help, helpen, melten, 
fehl feeld. Mand. — heim, deine, helpe, swelge. Ayenb. — hehn, to 
mult, to swell zwell, veel Som.; to zwell, vield usw. Dors. ; sweltcr (to 
faint with lieat), belhj (to swell out) Glouc. 

3) Ags. *, e, io und ro: berne bearne, irne erne eorne A. erne 
earne heorne hearne B. , ßerne georne, heorde A. hierde B. grex ; swerd 
siveord sword, tvurden tvorden tmirdieyi wordien, werc wcerc weorc wurc 
ivorc; briht; seiner, seoliier A. solver suluer, seoluerne B. sceld seid 
seeld scheid A. sceald seald B. , scilden, seif seolf sulf, milc. Lag. — 
birnan beornan, heorde grex, sword, heräe heerd, forwurdan vergehen, 
ivurdien ehren, werli weorh, brißt; seoluer, sceld, scilden, seolf solf, 
milc OEHom. — brenne, rinne renne ssepurde Schafhirt, swerd, werh, 
tvorche; siliier seiner usw. KG. — burn, hern (to run), birch, birchen, 
brif/ht, steert; sei zell. Som. — mixen mux; burn, um rnn, heth herd, 
bright brighten, stcärt; zilvcr silvery, sei milk Dors, swyrd Wilts. 
Die ags. mannigfaltigkeit nimt nach und nach ab und einzelne formen 
setzen sich fest. 

4) Ags. io, eo: feoh fco faei, fehl fcrht feoht faht, fehlen fachten 
feohten feahtcn fahten ; beorn born , eornest , fcr fcor for, stcrre steorrc A. 
storre B., werpcn weorpen tvorpen A. wearpe ivarpe B., kernen, heort 
hirsch, heorte herz, eorJ)c eceräe A. erpe carpe B., wurchen A. wirche 
loerche weorche B., berhßc beorße A, borewe B.; seolJc A. solk Lag. — 
feh wert, fiht fecht, fihten fechten; fer, sterre, heorte herz, heorde herde, 
herde heerd, eorde horde, wurchen OEHom. — farrc, sterre, heart, 
earthc erthe, Jcerve kerver, sterve, to work usw. Barkl. - nißt, nißte; 
iier, sterre, hert, herte, kerve, sterve, to worke, berge Ayenb. — vight; 
vur, star, hart herz, he'th, kerf; sist silken. Dors. — yarth e'th, vur, 
hört heart Som. 

5) Die Wörter, in denen eo durch den dunkeln vocal zweiter silbe 
entstanden ist, lassen jenes zum einfachen vocale zurückkehren, da der 
dunkle vocal sich abschwächt oder verklingt. Abweichende formen sind 
durch die consonantische Umgebung bedingt. 

6) Ags. io, ro vor to: niwe neoive neoutvc A. niwe neive nenwe 
neowe ncouive B. , pcoio pewe slave, J)eow-dom peu-dom , piivien dienen, 
treow treouw treo A. treomv trcon treo B., cneow cneomv cneo cnow, 



AUS. iü , <f() etc. 43 

licoivc liUU. — Hcivc, jicoivuiu , J)fW - (lomr , Ircoiir frei), hcow , iha/wcd 
ji^ofärltt OKlioiu. — ncwc, trec trc, treue- liölzeni, knce knc Harkl. 
netve, trau fra/o Irawr trouive Ayciib. — Nc. : nciv, trec, hmi;, hur. 

II. Alt-Nordli um hriscli. 

1) Rillt rrltt, cncht, silid; cild , milde, wild Duih. — right, 
siffht: ehild, mild ü^w. Consc. — -"^'Hfd , rild ; cliild , mild u^w. OF^Ps. — 
riijide, xijiilde, kni/()lde; mi/ldc usw. MArtliuro. — rifjhte, knijfjide; childe, 
milde Peic. — rieht, sieht, knieht; milde usw. Lyiulcsay. — Tiect, 
sect, kneet; ehild, mild, wild Cr. — reet, seet ; eheil (a youn^j fellow). 
WCurqb. — rifjht, sij/ht und seet; ehild usw. Teesd. — rieht, sieht, 
knieht; chield eheild ehiel cheel, will usw. Sc. Überall i-laut, seltene. 

2) Helm, helpa, delfa, suelta, feld, helga Durli. — persca ge- 
pcnrsca; feld usw. Ps. — hreste, helpe, ijhelj)C, dclve, mdte, sivelte, 
fehl, swelge usw. Cousc; so überall e, nur fehle fylde Eglam. 12, feild 
Lyndesay. field Lancelot. — a-field uGhon feld- fare. Teesd. feil fcal 
feld, a-fiel Sc. to hrust Sc. Fast überall (3 -laut. 

3) Mixen; /ö>t« erzürnt, irrad iorrad zorn, iorsia vÄiYnen, d-firra 
ä-fiarra a-fenrra, hiorna, irna iorna, Morde hirte, cwearn euearn, 
sword, worda, ivordia, were wcere, herht hirht hrcht; scolfer sulfer, 
seolf solf sidf, sceld, scilda , mile Durh. — corrc earre zorn , eorsia, 
afirra, heorna, eorna earna usw. siveord, forweoräa, weoräia, were 
weorc, herht glänzend, hirht glänz 109, 3. seolfur Ps. — hrin, rin, 
ghern, tverkuaw. Consc. — hrinne, rinne, herde = hirdemanlsumh. — 
run, carn milch gerinnen lassen, earning lab, quem kern kam, statt, 
swerd, wark ; seil usw. Cr. — kern (to churn), kirn - milk, yernin und ear- 
ning, stoerd , tvark usw. Teesd. — ^ earn, yirn, girnin, earning, kirn, 
kirn -milk, kirn-staff, hirk hirken usw. Sc. Oft ursprüngliches / erhal- 
ten. Der dunkle laut hinter / und e, der in der altern zeit in o und a 
seinen ausdruck findet, spricht für i ((V) als haupthiut. 

4) Feh fceJi fea, feld, fehfa; feor fear, sterra sfeorra, stearra, ceorfa 
eearfa , worpa geworpa , dearf kühn , herte heorte heorta hirsch , hearto 
hearta herz, eorde, ge-ivgrca Durh. — feh, fehta; heornt, heorte, 
ge-herg Zuflucht Ps. — fehte; fer, sternc, kervc, hert herz, erä; gholJcc. 
Consc. — fight; hert hii'sch und herz, sterne, werk. OEPs. — fecht; 
affar, hart, earth eird, tvark usw. Lyndesay. — far, star, harstone, 
carth yeartli yartli yar, heart hcarty to harten , herg hargh harf, wark, 
wart-day Cr. — far, härm yeast, yerth und hare{-nut), wark Teesd. — 
fce, feeht; far, starn, härm harmie, hart, yird yei'fh usw. Sc. Der 
öftere einfache e - laut im altnordh. fallt dem gewöhnlichen ags. eo gegen- 
über auf. 



44 FR. KOCH 

1 

5) Bära bcora hmra, sceara, heara hearo eorum, suira suirc 
hals, swcgir sivcgcr sumgir suer scliwicgermutter, wer wcer woßr wear 
PI. weoras tvearas waras, weorod; fcolo; ninia nioma, Mona hcona, 
meolo meolivc mealo, ivcela, tücBlig welig iveolig reich, giostcrdceg, suoß- 
ster, cUopia cUoppia, swippe swioppc swoppe, hißa hihgia heofa heafa, 
gefe gefo gcofo gcafo geafa gäbe, hcofon licafon heafcn, sefo siofu seofo, 
ividiwa tviduwa widtva, suctol, f r kt Dmh. — swir-han, 128, 4. feor, 
ivcor, weol, cleopian cleapian, gefe, seofen, lieofon hiefen 32, 15. Ps. — 
nim, tu, synoglie sinew, sivlpp, to chpe, hcvcn, yhisterday. Cousc. — 
fclc, gliistreday usw. OEPs. — ivedowc MArtliure. — airnest, yister- 
day TeescI. to hair, to shear, yesday , ycstrccn, feil fiel Sc. — clea- 
ped featlier, yellow und yollow, yuster-neet Cr. 

6) Niive ni/iie niowe , piotva Jno Jmm Jnutvn ancilla = piuen, trew 
trio tre, cnew cncoiv cneou cneii cnei cne Durh. — niwe peow, piowa, 
trew treo tre, hiow heaw gestalt 44, 5. Ps. — neiv, tre, Jene, hew. 
Consc. — newe, peowie, tree tre, Jene. OEPs. — new, tre, Jene, to 
Jcneill Lyndesay. — newe, trewe, Jcnee. MArthure. 

in. Anglisch. 

1) riJd, riJdan, cniht ; cild tvdd, milde, Jiild. — BiJiJd , riMfenn, 
cmJiJd, sihJipe; cJdld, müde, wilde Orm. — rygJd rytJi, rygJdeyn rythyn, 
Jei/yglde Jcnyte JenytJi, sygJit; cliylde, myylde, wylde PParv. — NHampt. : 
r/ßJd, sigJd, cJiild, mild usw. 

2) Berstan, Jidm, Jiiipan; stvcUan, aber auch dcelfan. — Orra.: 
Jiellpe hellpenn, dellfenn, swelltenn, swellßlicnn, heUßlienn. feld, press- 
Jienn. — PParv.: hrcstyn, prcscJiyn, Jielme, delvyn, Jielpyn, mclte usw. 

3) Angl. in mannigfachen Schwankungen. — Orm.: irre yrrc, 
Jiirrde Jiirde, hriJMe, sillferr, sJcildenn, millc; sellf, mele; ernenn eor- 
nenn, ßcrrne georrne, ßernenn aeornenn, werrc iveorre. — Gen. -Ex.: 
Jiirde (hirt und heerde), hrigt hrictest 2569, silden, mileJic , gernen 
usw. — Allit. Po.: renne to gerne, loerJe, sivyre, syluer, sylueren, scJield 
und to scJiylde usw. — PParv.: fer, etnyn eerne und rennyn, brenne, 
qucrne, stert, Jieerde Jieerd-man, swerd, tverJc, hyrcJie; cyluer, cylucryn 
(versilbern), mylJce usw. — Dial. Lanc. : hurn, run, cJmrn eJiarn, Jierd, 
mcxn (to clcanse a stable), sein. 

4) F'iioJi, froJit, fcoldan; r'orde, erorfan, feor(Ji,) leben, nur wurcan 
und solc solcen. — Orm.: feJdi fe fiJMenn; hcrrme, feorr ferr, stcorrne 
sterrne, werrpenn, deorrfliJce derrfliJce (kühn), Jieorrte Jierrte herA , corpe 
crpe, wirrJcenn, hcrrgJienn. — Gen. -Ex. : figt, ßgti, figten; erneste, 
fiter re, iverpefi, sterfen, wercJicn, herg (schütz), bergen, clierl, erde, 
fer. — Allit. Po.: fee, fegt fegte; ernestly , Jcerue, sterue, sterne sterre 



A(JH. i(>, iici etc. 4fi 

stdrc 15. r>8;j, ircrpc ivarpc; ivorchc,, chorli , bitnn {iiKinu) A. .'iliT, Itourne 
(»IG. — ri'iirv. : fcc, fhjijhtc, ßyylilyn; fcr, u- ferro, stcrre, berm, 
hcnuyn , erncst , crthc erde, hert , Iterlh, ehcrlc carlc churlc churle. In 
den dialecten abwoichend: y-erth, fudda (farthcr), yelk yulk Süll'.; far 
für, farther further fnrdcr, härm, hearfh (tu büke), rlturl NHanipt. ; 
mexn, fcyyld^ far, cluiru, wark worcli , liari , earce, up-ivuriie, yearth, 
ycarnist yearnot , yaivk yolk Lanc. 

5) Tni Angl. wol das gleiche schwanken, aber schon im Orna. last 
nur einfache laute, wie herenn, ivere, feie; n'imenn, semenn, melc, wel, 
susstre, clepenn, swepe, gifenn a^ifcnn, ßife, sutel, widdwe, frijiji, und 
nur here heorc, hcoß'nc hcffuc, scufcn scfen scffnc. — fo hihUr, sehen 
seven NHarapt. 

6) Niwe neowe usw. — new neow, peiviv peoiviv , pewwtenn , Iriyn 
und troive, treoivtv freo tre, eneivw cne, hciv heoive 0. — Gen. -Ex.: 
neive, trcwe trcw-de (truth), treweti (to trust), treiv tree, hewe. — 
Allit. Po.: nw nwe, trwe, tre, hwe hue huee A. 841. — RB.: new 
trewe true, tre, kne, hue. — PParv.: nwe, knee, tree. 

Fasst man obiges zusammen, so ergibt sich folgendes: 
1) Westsächs. / in //// und ild wird gedehnt oder gesteigert und 
die consonautische lautung gemindert, indem h allmählich verklinge und 
Id bisweilen den auslaut verliert {child chile cheel). — Das altuordhum- 
brische ihf entwickelt sich zu schottischem icJd und nordenglischem 
(Cumb. Westmorel.) ee. Jenes ist der starke guttural, wahrscheinlich 
durch das Gälischo gestützt und gefordert; dieses dehimug des / an sich 
oder durch altnordisches rett-r = riht veranlasst, mit Unterdrückung der 
gutturale. Auch ild entwickelt sich verschieden: child ivUd Cr. eheil 
WCunib. ckield chcild ehid chcel will Sc. — Im Anglischen schwin- 
det h (durch g, g, gh) allmählich, / wird wol erst gedehnt, dann gestei- 
gert. Diesem entspricht die Schriftsprache: sight, right , knigld, chdd, 
wild, mUd. 

Die Steigerung des i (zu ei) überhaupt tritt erst im 1(5. Jahrhundert 
ein. Palsgrave (1530) scheint nur einen laut in verschiedener (Quanti- 
tät zu kennen, aber Salesbury (1547) bezeichnet die ausspräche des 
gedehnten i mit ei in /, imjne, thyne, und Smith (15G8) stellt / (ich), 
eye (äuge) und aye (auch) gleich. — Salesbury stellt ili) gh dem wali- 
sischen ch ziemlich gleich, letzteres erscheint ihm deeper in fhc thront 
and more harshly. Smith, Hart (1569) und Bullokar (158u) behalten h 
und Wallis gh und nennt dies aspirata mollior. Gegen 1630 verschwin- 
det es im Süden, denn Butler (1633) bemerkt ausdrücklich, dass gh 
noch in den nördlichen dialecten gesprochen und richtig gesprochen werde. 



46 FR. KOCH 

Wilkiiis (1(168) und Cooper (1685) bezeichnen yh als stumm. Die con- 
souautische minderuug veranlasst vocalische mehmng. 

2) Westsächsisches, altnordhumbrisches und englisches t vor r und 
l mit nachfolgendem consonanten erhält sich fast überall, oder findet in 
dem trüben u seinen ausdruck; nur in v'ield Dors., veel Som. wie im 
nordh. a-field Teesd. a-fiel Ps. dehnt es sich und wird zu ee, ie. Der 
grund liegt wol in -Id, das delinung und Steigerung (= tvild) zulässt; 
dem entspricht ne. thresh tlirash, heim, delvc, lielp, melt, sivelt; 
hurst; ficld. 

3) Die eo neben i und e gehen fast überall nach e (hurn) oder i 
zurück und jenes wird vor r bisweilen zu a; nur im Süden scheint ein 
dunkler nachschlag sich erhalten zu haben , wie steert Som. , stcart Wilts. 
Auch in Teesdale muss das stattfinden , weil ursprüngliches e bisweilen 
consonantiert und doppelformen neben einander stehen: earn yirn, car- 
nmg yirniny. — Ne. trübes e {u i): hurn rnn, yearnftd, hircJi herd; 
shep -herd , seif und dunkler in hcarth, start; i in silver silvery, tnilk, 
gedehnt in shield, aber in folge eingetretener consonantenminderung 
gesteigert in hrigld. Die dunklere färbung in sivord, ivorfh (tvoe ivorth 
tJie day! Weh werde dem tage!) ist durch lo entstanden. 

4) Auch die i-'o, die allein stehen, entwickeln sich verschieden, 
mannigfaltiger im süden. Die entwickelung ist bedingt durch die nach- 
folgenden consonanten. Vor r bleibt e oder verdunkelt sich zu a\ vor 
schwindendem /* dehnt es sich zu älterem i {ce) oder steigert sich {ei), 
aber schott. fecld. Selten consonantiert e aucli hier, wie e'th und yarth 
Som. ycarth yarth yar Cr. yerth Teesd. yird yerth Sc. (= earth), 
yearth yearneot yawJc Lanc. — Ne. earnest, earth; far, star, härm, 
carve, starve, heart, hart, hearth; fee, ßght; silk, seal, yolk (ags. geolca). 

5) Die C-'o vor dunklem vocale nächster silbe schwinden mit die- 
sem; sie entwickeln sich wie die einfachen laute, die zu gründe liegen. 

6) Das aus w hervortretende o gewint durch tv ein besonderes 
gewicht, so dass e vor demselben consonantiert, daher new, hue, und 
hier graphisch und in trtie auch lautlich schwindet; in Jmee und tree ist 
es abgefallen und e in folge davon gesteigert. 

Ags. eo. 

1) Wie hinter i oder c vor tv aus letzterem ein o hervortritt und 
io eo entsteht, so auch hinter e. Dieses eo besteht aus c, dem umlaute 
von a, und o, dem vocalischen anlaute oder product von w. Got. avi 
(schaf, skrt. avi, lat. ovi~s, ahd. atvi, altn. «, altndl. ouive oie) wird, 
regelmässig entwickelt, ags. eioe. Wenn aber nicht dieses vorliegt, son- 



ArjH. io , (■■() etc. 17 

(lern coivii cdivu vittv cmv, so crsclicint hier o (d) t'iii^a'(lruii;^(;ij (xlcr 
vielmehr aus lo liervorgetreteii. Dieses coivn wird zu ijoiv Ess. yeo Exm. 
yow Suft". yow Chester und zu awc Ititsou, yoivc Teesd. Cl. yew Hlm., 
yoio yaa eawe Cr. Loiisd. — Ebenso goi. avfjü flioerde, ahd. ewiti cwit 
owiti), ags. eowoä voived c.owde eowd; ferner cowi-strc (seliafstall , alid. 
ewist owist aust). — Aucl» meoivle gehört hierher, (Grein: nteöivle, 
Grimm: mcawJr oder medtvh). Got. i)iavi-l6 ist das deminutiv von mav't, 
letzteres würde ags. mcivi' sein und dalier mcivilo mcwllc lunvdc meivlc 
und daraus meowle. Vielleicht ist das enthalten in moU (awhore), mol- 
hern (a female heron) Warw. mol-lcit (an effeminate boy) West, und 
auch in mal-kin (a slattern Dev. a scarecrow Som.), das man gewöhn- 
lich für das demin. von Mary hält. 

2) Ein anderes eo entsteht dadurch, dass e als aussprachezeichen 
zu g und c tritt und zwar vor o (neben a)\ ags. ijamf (jong yc-tmy 
{=^ jong gang), ganijan yongan geonyan (gehen), scancfi scotica sceanca 
sceonca (bein, Schenkel), scand scond sceand sceond (schände), scamu 
sconm sceamu sceomii (schäm). Solche erhalten sich bei Laq. ßconye, 
gungon ßeongcn ßongen, sconhe sonke, scoride sonde, scanic scome sceoiue 
same und in den OEHom. sceandian, scame scome, sceamian 35. 
schcomc Ar. GO. ncheomcn 312. — schankc, schände, schäme ssame 
RG. schanke, schäme \xayi. Ch. Mit der weicheren ausspräche s/i scheint 
es zu verschwinden: shank, doch auch sheame asheamed Cornw. Auch 
(f scliwankt nach ß , aber es befestigt sich wider : gong ßong Lag. — Im 
Altnordhumbr. tritt sogar l neben c auf: geong , gonga gionya geonga, 
sconca sceonca, sceondlic, scomu sccomu, sccomia Durh. und diese wer- 
den gang gong, schäme usw. OEPs. Consc. M Arthure, gang, schäme, 
aschamit, schank Lyuds. und gang, shanks, sham Teesd. — Im Angl. 
hat schon Orm. shande, shaunkcs, shamenn , und NHampt. ^«wr/, gatuj- 
ling, shank (sensengriff), shanni (verschämt); E. A. gang, shank usw. 

3) Hierhergehören auch die Wörter, in denen got./ im angelsächsischen 
seinen ausdruck vor o gefunden hat in gi ge; es tritt also hier gio geo ein 
für Jo: got. ju (schon, alts. in gm, ahd. iu ju gni einst), ags. iu ju 
gi-n gi-o gc-o , ferner in iu-dced tat alter zeit), iu-meowle (die einst 
Jungfrau war, greisin) B. 5857. iii-man (mann der vorzeit) B. 3U52. 
gio-man Met. 1, 23. Die bedeutmig kann sein: ein mann aus alten zel- 
ten ; einer , der so ist , wie sie in alten Zeiten waren ; und auch : einer, 
der alt ist. Aus jenem kami sich ne. yeoman entwickelt haben. RG. 
bat pu-man und yu-man, p vielleicht nur orthogi*. zeichen für y, 
oder pH hängt mit ags. J)eowian dienen zusammen , Jni-man dienstmann 
S. 470 und bezeichnet einen dienstmann im zustand der hörigkeit: Uf 
a thumau hatli a sone to clergic idrawe , He ne sal, ivithoufc is loiier- 



48 FR- KOCH / 

de's iville, icrouned noust he: Vor thuman ne may nouzt he tmad azen 
is louerdc's wille fre (denn ein yeoman kann nicht gegen seines hern 
willen frei gemacht werden). Mand. neut sein reisegefolge yomen 220. 
Nach Conrtasjaie schläft der ßoinon usslier vor der tür zum schlafgemach 
seines hern im Vorzimmer und der yeoman of chamhre hat die betten zu 
machen, fackeln zu halten oder zu tragen, tische zu setzen, überhaupt 
den Weisungen der usshcrs of chamhre zu folgen. 316. 313 (H. Ord. 
p. 39). Allit. P. A. 534 heissen die arbeiter im Weinberge gemen. 
M Arthure 2629 gibt sich Gawayne für einen ßomane aus, dem sein 
herr lUO pfund, ein pferd und rüstuug geschenkt habe, nachdem er 
ihm früher kriegsgewande bereitet habe. Levins (1570) übersetzt es mit 
libertus. 

Vielleicht steckt dieses in auch in ye-mmoutli (aftermath) Glouc, 
wenn sich ye- nicht aus vä- (widerum, vergl. eä-grow ed-graw, after- 
math, cddgrew eddgroiv eddgrouth Chesh., edgrcw Shrops usw.) ent- 
wickelt hat. 

Got. juh (joch , ahd. joli) ags. ioc gi-oc Met. 10, 20. ge-oc und 
jucian ge-ocian (jocheu) geoc Durh. iocc R. — ßeohen ßogen jochen 
Lag,, ßocc 0. yoJc Ch. usw. yoJc NHarapt. Lonsd. ne. yoke. 

Got. iugg{a)s (jung, alts. ahd. afrs. 2i\in.jtmg, altn. ung-r), ags. 
iung jung gi-img Sat. 511. Met. 26, 27. gl-ong ge-ong und auch ging 
El. 353. Dan. 211. geng 102. Letztere formen wahrscheinlich aus dem 
Comp, gyngra gingra. Lag. ßunge ßeongc ßenge A. ßongc B., ßung 
ßong OEHom. , yong gung usw. Dev. — Altnordh. gi-mig \i. ging 
gingra Durh. ylmng yhong Consc. ßing Isumbr. young Sc, Cr. — 
ßung Orm. usw., ne. young. 

Got. junda (für juh-nda Jugend, ahd. jungu-nd jugu-nd, alts. ju- 
guä), ags. iogod oder iogod (aus iongodd) B, 1674. eogod An. 1124. 
gi-ögod B. 2426. gi-ögtut Cri. 1654. ge-ogud El. 1265. Es wird zu 
ßuhedc 0. E. Hom. ßußede ßcoßede Laj^. ßuuj}e Ch. Barkl. ytith Dev., 
auch ßungpc Hall. = ßongpe Wicl. Neubildungen, gigod Durh. iugud 
guiud Ps. gud yhouthe Consc. youthede OEPs. youthe yowthede Isum- 
bre. — ne. youth. 

Hierher gehört auch ags. gi-ond ge-ond. Zu gründe liegt got. 
*jain-a-d jaind (dortbin, dabni, von jain(a)s jener, ahd. gencr, altn. inn 
enn hinn). Man mag got. jain-s zerlegen in das relativ ja, das demon- 
strativ * und die negation na (ja-i-na-s, gr. y.t-^i-%'o-g) oder in das rela- 
tiv ja und das numerale ain-s, die entsprechende ags. form ist immer 
jänd. Doppelte consonanz bewirkt vocalkürze (fro)n gc.ande deorsuni 
Durh. Marc. 14, 66) und vor n tritt der gewöhnliclie lautwüchsel von a 
nach o ein , daher ags. gi-ond ge-ond giondan geondan. Daraus ßond 



Afis. io, eo otr. 4«.) 

(jji'oiid i^Koiiil (lilicr), w'(»nl-iniril f dariiltiT), hi-aionilc hitj^indc ItKiioudin, 
Lag. f/ow y<i)ul VW ntudir Sum. Altiiordli. //mwf7c, gcond , (jind U.; 

(l<nic IVn;. 12i;i. amidcr (jener) hi.'iH. (dort) fsuinbr. i/ondur Kifhim. 
i/on ((i/ord hr-i/())d JiUiisd. yitndrrhj (ernst, verdriesslich) Cr. yonnur 
(dort), Jont (jenseits) Sc. — ij^onnd (jener) O. usw., ym yrander 
NHiinipt. — ne. yon yond yondcr. 

Fast iiberiiU wird /// yc vw y, selten wird es wieder // ; sc wird sh. 
Die weichere iautung- hat sicli itefestigt und den eiitspreidienden ausdriick 
gefunden. 

Ags. iö, CO. 

Zu grumh^ liegt gut. in (aus an) und das liegt iiucli im Altiiordh. 
vor, es wird zuerst in, dann gewöhnlich co, selten ic. 

Westsächsiscli : hrröirnii (hiauen , alid. hrinican), ccöwtirt (kauen, 
ahd. liinwan), hiöm hcdm (bin, alts. hlnm Itinn , ahd. ;:>//»), rcömu (rie- 
nien , ahd. rlmna), strcön (kraft) striönan strcönan (zeugen, ahd. strin- 
udu thesaurizare), fcöria (Übeltat, alts. fiono, altn. fjon), ciöl ccöl (kiel, 
ahd. kiol , altn. Icjöl-r), stiör ^steör (stier, got. stiur-s, ahd. stior, 
diör deör (tier, got. dhis, ahd. tior), deöre dyrc (teuer, ahd. tiuri), 
hkir hc.ör (hier, ahd. hior, altn. hjör-r), hlcör (wange, alts. //7/or), cörod 
cörcd (reite rei, alts. eorid icrid), hreöst hrost B. 217G (brüst, suis, hrioftf, 
afrs. hriast hrnst, altn. hrjost, ahd. hrusf, also zwei verschiedene formen 
M, eö), heöst (erste milch, alid. 2nost)^ rcöst (pfiugscbaar , riester, ahd. 
riostar), pcösfor (tinsternis, alts. /)/«.s^W), ciösan ccösan (erkiesen, alts. 
kiosan kcosan, ahd. chiosan, afrs. kiasa, altn. kjosa), freösan (frieren, 
ahd. friusan, altn. frjoui), hreösan (fallen, ?ahd. hrmsnn), for-1c6san 
(verlieren, got. fya-linsan, alts. far-liosnn , ahd. fdr-Jinmu), drcöi^nn 
(fallen, vergl. ahd. irorjan regnen), ncösan erforschen (alts. niusan), 
he-grcösan (erschrecken, vergl. alid. yrüen grauen, yriusic gräulich); — 
diÖ2) do.6p (tief, got. diup{ay, alts. diop, afrs. diaj), ahd. tiof, altn. 
djup-r), dcöpc dy2)c (tiefe, got. diiq)ei, ahd. tiufi), creöpan (kriechen, 
altn. hrjnpa), heöj^ (hundsrose, alts. /h'ojjo, ahd. hiufo dornstrauch), />/6»/ 
Jicöf (dich, got. J)iid)(<i)s, alts. J)iof, afrs. piaf] altn. J'jof-r) , pcöfd ßf/fd 
(diebstahl), liöf Icöf (lieb, got. linb{a)s, alts. Hof, afrs. liaf] alid. liop, 
altn. Ijnfr), deöful (teufel, alts. diuhal, afrs. deovcl, ahd. tiufal), rcüfan 
(zerreissen , altn. rjufa) , cleöfan (spalteu , ahd. kJinhan , altn. kljufa), 
hcöfun (wehklagen, alts. hioban, ahd. hiufan), sceöfan scüfan (schie- 
ben, ahd. skiuh(m), greöt (gries, sand, alts. griof, ahd. grioz, altn. 
grjot), spreöt (spiess, altn. s^^of), hiöfid (hammer, nhd. sfein-posil lato- 
mus), hreötan (brechen, altn. hrjofa), grcötau (weinen, alts. griof (in), 
geötan (giessen , alts. yinttin. afrs. iata, ahd. giozan. altn. gjota) , Jdcö- 
fan (loosen, alts. Idiotan, ahd. Jdiosaii , altn. liljuta), ucötan (sich 

ZEITSOHK. F. DEUTSCHK J'HILOL «D. V 4 



50 FR. Kocn 

erfreuen, geniessen, got. nintun, alts. nioidu, afrs. niafa, altii. njofa, 
ahd. niuzan), sccötan (werfen, schiessen, got. sJciutan, ahd. sciozan, 
altn. skjota), fleütan (fliessen, alts. fliotan, ahd. ßiozan, afrs. fliafa), 
reötan (weinen, alid. riuzan), peötan (heulen, ahd. dinzan rauschen, altn. 
Jljota), wiöd iveöd (unkraut, alts. wiod), neöd (verlangen, alts. nkid, 
afrs. niod, ahd. niot), hcöd (tisch, got. hind{d)s, ahd. piut), pcöd (volk, 
alts. /)?ocZ, ahd. diot , altn. pjoä), peöden (volksherr, got. piudan-s, alts. 
Jriodan), hreöd (röhr, ried, ahd. liriod), hiödan heödan (bieten, got. biu- 
dan, alts. hiodan, afrs. hiada, ahd. piotan, altn. hjoda), leOdan (wach- 
sen, alts. liodan, ahd. Indem), reödan (röten, altn. rjoda, vergl. ahd. 
rotjan), seöäan (sieden, ahd. smdan, altn. sjoda); — siöc scöc (siech, 
got. shiJi(a)s , alts. s^iok, afrs. siak, ahd. s/^f/i, altn. sji(k-r), rcöcau 
(rauchen, ahd. riuhhan , altn. rjuhi); fleöge (fliege, ahd. flhifja, altn. 
ßu(ja), dreögan (handeln, ahd. friugan trügen), leögan (lügen, alts. ahd. 
liogan, altn. Ijuga), ficögan (fliegen, ahd. fllugnn, altn. fljuga), fleolian 
(fliehen, alts. ahd. ßiohcm, afrs. flia), teö[h]ma (gespann, von got. t'mhan), 
leö[li\ma (licht, alts. Homo), leöJit (licht, alts. ahd. lioJd, got. liuhap(a-m), 
afrs. liacht), leöJd (licht , alts. ahd. lioM , afrs. liacld) , peöli peö (Ober- 
schenkel, ahd. d/öÄ, altn. Työ sitzteil), teöhan fedn (ziehen, alts. tiolian, 
ahd. ziohan, altn. tjoa tja). 

Beachten wir zuerst die entwicklung des eo an sich! 

OEHom. bewahren viele eö, aber manche schwanken auch nach 
e oder nach o oder nach beiden: creöpan crepmi, pcöfde pefde, leoger 
lihßcr, streonan istrone, heon hon heo ho, dcor dor, J)eosterness poster- 
ness, deofle dofle, neod nod, hcod hod; J)eof peue Jjoue, preost prest 
prost. — Lag. A. hat meist eo: reouwen, heon, istreon, streonen, teone, 
heor, leor; cheosen; peofe, Jjcofde, deoiiel, cleouien, ßcoten, ücofen, idco- 
ten, reoden (reue), pcode, reode, heoden, fleon; aber daneben auch e: 
deor der, rcosen resen, crcopen crepen, deop depo, Icof Icf, neod nede, 
leoden leden, seoc sec; J)eh JnJi (in folge des h); selten u: deor dur, 
sceouen scuuen, oder o: hreost hrest hrost. Lag,. B. hat neben und für 
eo, c auch ea. — Bei KG. werden eo schon selten, wie leom, gewöhn- 
lich ist e: hrewe, dcre, to diese, to frese, hreste, prest, depc, lef leue, 
pefe, peft, deuel, toflete, to ßhetc, to schete, nede,J)cde, tohede, seknesse 
neben sih. Ebenso Mand. Ch. PP. Und so läuft es auch in den dia- 
lecten aus. Dorset. : vlee, beer, deep, creep, reed, weed, meeJc; sickness 
usw. — Som. lidden (lied). Glouc. to crip , Uff liever. 

Eine ganz andere entwickelung zeigt Ayenbite (Kent 1400): diere 
dyere , Jylernc , chiese chise chyese, Jnestre pyestre, pnefde; cheowe chyeiüe, 
ff/ene, tyeni (matt werden), hryest, uor-lyese, dyep dyepe, cryepe, Jnjef, 



Ans. io, i''o ctr. 51 

////'/■ <li/fn<'l , ssi/tictc. (sliootcr). Also oniwickluiig: io ic iiml <-oiis<tiiaii- 
tieruiii^ (los /, wici im AltiiorcliRcluüi, j/c 

Altiioitlliuiul)iisrli. Durliam-Book zeij^t sehr schwaiikonde formen, 
aber in schöner, lehrreicher entwicklun«^: in lö rö ca <• (a;): lirroivifiu, 
hiwn hlöni hitini , striön striönn, dtör dnit\ hror hmr hrer, cörod-wotni, 
hriosi hrcds/ lir<sl. /»iösfur, piöstriy, cciisa ffc-a-nsti, dlöj» , Jxi't/' fnnf 
jtio/hnfo (iliel)stahl , alln. pjofnad-r) , leöf Icaf, di(thid drafid usw., rnö- 
fia rC(tf«i, ricdfd , hr/nl hrad , Jiiod peöd, hr-hiddn Ix-hidda, flf(fe 
flcegc, /lh( f/cii , (ji-lrd (ji-fiu. Die altnordh. J's. haben eljeufall.s 
grosse schwaiikuni^en : />iöd piid pröd , hiüd , h redst , ceösti , jleös (vlies), 
hreoivsia ; pivstm , a-Jxaslria. Aber in (Jonsc. werden alle, shotc aus- 
genommen, 7Ai c: tcw , ivhele, der derc (teuer), frese, fori esc , chese 
checse, brest, crepe , ])ef, lef Jevc, revc, clefe , dcveJ, grefc, yhetc, hede, 
selce, niekc. Ebenso bei ungestörter entwicklung des lautes MArtlmre. 
Auch in den dialecten: a-Uvven, teen, necr (niere, ncar inexir Cl. nur- 
ses Lonsd. ears Sc. ear NHumbr., wahrscheinlich ags. niöre), lee, 
lee-ar, neesc. (to sneeze), hecsf -Ihu/s, Jeef lerer, reef, fleet , tieed, seeTc, 
dree; dip-ness Cr. — flee (to, a tly), lee (to, a lie), lee-ar, thec (thigh), 
neeze, heestins, steer und stirJc, lect, lieve liever, seeJc Teesd. — Hiee, 
/lee, steer, hreeast usw.; hizliiis, siehening, hittJe; to chow , sh oot Clexe. — 
bee, becst-mdk, frceze, beeile, creep usw., aljer to br'nv, rue, chaw, looaz, 
devil dide usw. Lonsd. 

Anglisch. Orni. hat entweder eo, co und e, oder e: reowenn , reoivw- 
sunngc retvwsinnfj , beon heu, beoji bep, strcon stren, streonen streneii. 
steorenn sterenn, sfeoress-mann, deor der (tier), deore dere (teuer), 
pcossterr-nesse pcssf ermesse , deope depc, deofell defell, Icof lef lefe , peod 
J)ed, leod led ledc,J)eope; chewwenn, stene, brest, cJiesenn, forr-lesenn, 
clefenn, fletenn, getenn, bedenn, ned, leßhenn, flcßhen. — Gen. -Ex. 
überall c, um so auffallender sind dejj diep, derc digere (teuer) und 
tgeti (ziehen) 3413. Wenn diej) noch als die Schwächung von diop 
gelten kann, so zeigt digere die beginnende und Igen die vollendete con- 
sonaiitierung des ?. Allit Poeras und PParv. haben, abgesehen von 

den durch w und gh beeinflussten lauten c. - Auch in den dialecten 
gewöhnlich ee: beeile, /leef , seethe, sJieeting (Stromschnelle), deep, lief, 
stear, dreary, atween, freez NHampt. — sneezc (to snuff), nceze (to 
sueeze), fleeze und floose (the flyings of wool or cotton), beest , leef, rcecJi 
(reek), theegh usw. Lanc. — Aber frize, atwin, niytdi ai/ah ear (niere) 
usw. EA. 

S ch liftsprach e : be, been, Jceel, steer, deer, beer, freeze, deep. ereep, 
beeile, fleet. weed, need, reed , seeih , reeJc, flee; biestiugs, thief, lief; 
team, dear, cleave: also überall gedehnter /-laut; kurz in sick; 



52 FR. KOCH 

kurzes c iu breast und devil; aber clioosc, lose, shoot; chciv, nie; ßi/, 
liglit, thigh. 

Dem ags. iö eö ie liegt got. in zu griinde. Wie lautete das? 
Klangen die beiden vocale in gleicher stärke neben einander, vielleicht 
durch die aufeinanderfolge etwas modificiert? Klang i vor (/-«) oder 
ii (i-ü)? Nach der vergleichenden grammatik erscheint got. m als 
Schwächung von an. Eine solche Schwächung kann nur eingetreten sein, 
wenn beide laute hörbar waren, ohne zu verschmelzen, und wenn w 
schwerer war. Diese annähme wird dadurch gestützt, dass got. iu zu 
altn.^M jo wird und bisweilen zu ags. ü: sJüpan (schlüpfen, ahd. sliufan), 
düfan cleöfan (spalten, alts. Jclhfan, altn. lüjiifa), hügan (beugen, got. 
hiugan, altn. bjuga), sügan (saugen, ahd. sügan, altn. sjuga), sücan (sie- 
chen, neben seöc siech, ahd. siuhjan) , ein Vorgang, den man für Zachers 
aus der runenschrift gefolgerte ansieht geltend machen könte , dass got. iu 
nicht als doppellaut gegolten habe, sondern als blosse länge. Jene 
ansieht wird auch dadurch gestützt, dass übei'all im Angelsächsischen 
als Umlaut von iö, eö der eigentliche umlaut von ü eintritt, f/. — Dage- 
gen lässt sich behaupten, dass in dem got. iu und dem spätem ags. eö 
ein vorwiegen des c stattgefunden habe. Denn (Dietrich, die ausspräche 
des Gotischen. Marburg 1862;j die Römer gaben got. iu wider mit eo 
(Tlieolaiphus , Tlieodomir, TJieodericus) und am ende des wortes mit eu, 
sogar mit aeu {Äla-theus, Ärinthaeus) und im verse überwiegt c (Tlieö- 
döricus erat, und Eorice tuae manus roganfur, Sidonius Apoll.) Die 
Griechen geben got. in mit eo und ev wider. Jenes bezeugt den dop- 
pellaut, dieses entweder das zusammenfliessen beider laute zu einem 
oder ein vorwiegen des e (ev). Für ein verklingen des i sprechen auch 
afrs. iu io ia, ferner ahd. m io, altnordh. iu io ia, denn dies behar- 
rende i verrät ein schwereres gewicht als die wechselnden nachfolgen- 
den laute. — Für die lautung des got. iu als getrübter M-laut («) 
lässt sich nichts sagen, als dass der bekante Wiener codex (9. jahrli.) 
es mit ahd. y widergibt. 

Demnach scheinen in got. iu beide laute hörbar gewesen zu sein, 
aber nicht immer gleichmässig. 

Auch ags. iö eö mag gleichmässig gesprochen worden sein. Jenes 
findet sich hauptsächlich in Aelfreds Metra: ciöl 26, 23. diör 27, 24. 
diöre 8, 11. diöriing 15, 8. iöw 10, 65. fliön 7, 10. hriöh 5, 10. 
liöd ]ie(\ 14. piöd 26, 7. piöden 11, 80. piöstro 21, 41. wiöd 12, 4 
usw., ferner im Beowulf: hiör heör, eiösan ceösan, diöpe deöpe, diör, 
hiöfan, piöden Jjeöd usw., sonst seltener. Nur eine gleichmässige aus- 
spräche beider laute führt zu eö. Und diese gleichmässigkeit erklärt, 
dass ags. eo eben so gut zu e als zu o werden kann in OEHom. (s. o. 



AOH. ii», tM) oU;. r».'{ 

Ju'of Jk'uc fwuc, prcosf jirrst jtrost), Aher diese f^lcicliiii.'issi;^'«- aii>.->jii;i<lni 
wird ^'ostört. Darauf dt'utt't schon ic hin, wenn dies <lie schwüchuii}^ 
von io ist, dt'iin i> kann sich iiiii- zu c schwächen, wi-nn demselhoji der 
ton cntzojjfon wird. Allein die weni<,'en Wörter, in denen es für io vor- 
liegt, weisen es nicht zweilellos als aus letzterem entstanden nach. Ags. 
sien (gesicht) Gen. 607. an-sicn iLMil neben an-syn 13.028 ist got. 
(ina-siu-n{i)-s. AldeitcMules nl bewirkt den unihiut. Es ist daher sioi 
eher für die unihiutrorm von siön zu halten, als l'ür die Schwächung. 
Eben so steht icivan (zeigen) zwischen cöwan und ywan, strieruin zwi- 
schen drcönan und sfri/ruDi. Die oft zusaniinengcstellteii formen ags. 
nctid ncöd ni<kl nird nyd nrd scheidet Grein mit recht und stellt niüd 
ncöd nicd nf/d ncd (studium, desiderium) zu alts. niud, ahd. niot niet, 
afrs. niod; und vedd, umlautform ncd und in schlechter Schreibung ntjd 
(not) zu got. iiai(J)(i)s, ahd. nofl not. — Die Störung der gleichen aus- 
spräche tritt schon deutlicher hervor in der consonautierung des /. Schon 
Gen. Ex. hat digere neben derc (diörc dicrc dijere digere) und igen (tiö- 
han tic/ian tijean fljen fgcii); besonders in Ayenbite: dicrc dyerc usw.; 
sowie auch in dem schwanken zwischen o und «, besonders im Altnordh.: 
deör dear, ceösa ccasa. Und unzweifelhaft wird sie , wenn man die ganze 
entwicklung beachtet. Denn überall im süden, norden und in den mitt- 
leren grafscliaften bleibt c oder cc; und dieser laut verkürzt sich in breast 
und devil, oder steigert sich zum gedehnten «- laute. Palsgrave gibt 
dieses c, cc mit frz. t wider, und andere c werden schon früher zu /, 
wie ags. ge-hlcfsian (segnen) in Consc. zu Itlissc. Nachdem c zu ce 
(gedehnt i) geworden war, konte dies gewöhnlich unter dem drucke 
mehrfacher consonauz oder mehrsilbigkeit zu kurzem i werden, daher 
ne. sick; dijmcss Cr. hizlings, slcl^cning, hittlc Cl. fo hriiv Lonsd. 
atwin EA. liddcn Som. cri}). Uff' Glouc. 

Dieser regelmässige verlauf wird mehrfach beeinträchtigt, und nicht 
blos durch die erwähnte veränderte quantität, sondern auch durch den 
eintluss der nahestehenden consonanten. 

1) Die vocalische natur des w tritt auch hier hervor und schon 
bei Lagamon. Das vorstehende o gcwint entweder an w eine besondere 
stütze, so dass es voller klingt und beharrt oder beide o und w lliessen 
zusammen zum schwereren o, ou, u. Ags. hrcöwau (reuen) wird schon 
bei Lagamon reoiuvcn, Gen. Ex. reu, PParv. ruwyn, ne. riie. — Ags. 
hrcöivan (brauen), RG. hrcwc, PParv. hrwyn bruyn broivyn browtie 
und subst. broiv-star, brewcre brewesfere PP. ne. breio, brcwer. — 
Ags. ccöwan (kauen) , chcwwenn 0. , chcouwe Ar. 80. , chewyn PParv., 
Ch. Mand., chcoive Ayenb. ; ne. chew, cJiotv Lonsd.; chaw Glouc. ist nur 
die dunklere färbung des vorigen, weniger durch cJioJc cJiatd chaui (aus 



54 PR. KOCH 

ags. ccafl) gefordert als durch jowe PParv. Maud. Wicl. ne. jaw. 
Bemerkenswert ist, dass der Vorschlag von u, der aus e oder / hervor- 
geht, hier ganz Avegfällt, nicht nur weil er hinter r, wie gewöhnlich 
ausfiillt, sondern Aveil offenbar das ouw zu stark überwiegt. 

2) (j erweicht und unterstützt das verwante helle e und veranlasst 
die Unterdrückung des dunkeln o: ags. fleöge (fliege), flöge flcße Lag., 
flci/e Wr. ps. fiel Hick. vliße vlije Ar. flee Teesd. Cr. ne. fli/. — • Ags. 
flcögan (fliehen) , flcön flen Lag. fleßJienn 0. fleghen Consc. fJeen Mand. 
flee PP. Eglam. fl^jyn PParv. ne. fty, flee Cl. Teesd. - Ags. leö- 
gan (lügen, eig. liegen), leßcn lißen lußen Lag. leahenn 0. lien Ar. 
hjßijn lyyn PParv. lee Cr. Sc. ne. lie; ags. leöger, lihßcr OEHom. 
h'ißlicr Hall, ligher Ps. ne. liar, lee-ar Cr. — Ags. dreögan (tuen, 
erdulden), drcßlien 0. drcßen drißcn Lag. dreglie drighe Consc. dree 
Isunibr. driße drie Gaw. drie Ch. dreghe dry MArthure. dree Cr. 

3) h verklingt oder erweicht: iigs. J)cöh peö (schenkel), j^co 0., peh 
pih Lag. pih Wr 87. pi RG. PParv. thee Cl. thecgh Lanc. theigh 
Cr. ne. ihigh. — Ags. teöhan teon (ziehen), teon Lag. ten Gen. Ex. 
tee EG. te M. Arthure. — Ags. fleöhau flcon (fliehen) , fleon flen Lag. 0. 
fleen PP. PParv. flili Ar. ne. flee. — Ags. HM (licht) , 0. Ar. Lag., 
lißt Ajenb. leets (windows) leits (light) Hall. Icct (light, day) Lanc. 
ne. light. 

4) In ags. sccötan (schiessen) , Icösan (verlieren) und ccösan (erkie- 
sen , wählen) wird eo zu e , ee und erst im ne. treten ein shoot , lose, 
choose. Auf den ersten blick erscheint der Wechsel ganz überraschend 
und man denkt an ein verstecktes o hinter e, das sich geltend macht 
und siegt, wie in den OEHom.; oder an daneben liegende Substanti- 
ven, welche auf die verbalform einfluss üben, wie ags. Sityte (schuss) 
schule Ar. 62, ags. lyri-' (verlust) Iure Lag. 980, ON. 1151. Ar. 58, 
ags. cyro: (kur, wähl) eure Lag.; oder an altn. skjota, kjosa. In for- 
meller beziehung würden letztere am geeignetsten erscheinen, die ne. 
bildungen zu erklären, aber gerade sie erscheinen früher nirgends, und 
treten zuerst in den dialecten auf, wie eJtose Sc. choose Lonsd. Das 
altn. Jcjosa mag durch das aus dem deutschen stammende frz. choisir 
(seit dem 12. jahrh.) gefördert worden sein. — Ne. shoot aber ist gar 
nicht die fortbildung von sceötian , sondern von dem schwachen seotimi, 
dessen vocal vor einfacher consonanz sich dehnte (Pr. schote), während 
sich vor verdoppeltem consonanten die kürze ei'hielt (scotod schotte shot). — 
Ebenso ist auch lose ableitmig aus ags. isl. los (perditio), losian (sol- 
vcre, evadere, perdere, aus lose louse loscde, losed und daraus loose 
lost lost). 



A{iH. io, iU) etc. flfj 

A^'s. io ro. 

8io (^iitwickt'lii sich aul" vcirscIiiiiduiiL' weis»'. 

Zu jj^riiiule lie<^t iö vö und durch clisioii des luichrulj^a'iideji // und 
vorschincl/uiij.^ des <> mit a wird jenes zu o\ /Holian jlcöhan /liun Met, 
7, 30. /Icou B. h;{(». l*]|)eiiso Jümi Jicon aus pio/idn, Icon aus fcö/idn. 
Da aber verkürzte rornien, die durch schwäcliuug oder austali des // ent- 
stehen, daneben liegen {/li(jp Bek. /lop (). /hrjt PI'.), so erliält sich 
c vor dem schwereren laute und cd entwickelt sich wie e<) usw. 

Kin anderes co entsteht dadurch, dass hinter <i und sc als zeichen 
weicherer ausspräche vor o ein c eingeschoben wird: (fi-ömor Met. 2, :]. 
(jcömor Gen. (jcünmr (traurig), gcömrinn (klagen, jammern), ijcomria 
Durh. Marc. 7, ;34. (ahd. amar jamar anmrun), ßconicr acmcr Lao, Kath. 
iipmcr ON. 418. ßuntijr-lij Gaw. (elend); gamcrcn (jammern) Gaw. 
ijammer (to yearn after) Lanc. (to grumblc, to fret) North. — Ags. (fc-ol 
lul i\^\. jol Weihnachten), <ipl 0. Perc. Wr. 238. ne. yidc; ßcol-dfei 
Lag. (jol-duß 0. yol-niht Met. hom. lOi, 

Ags. scoh SCO scco (schuh, got. sMh((i)s, ahd. scuoh , isl. sko-r), 
sccoh sceöc Durh. sclio O. Ch. schoo PParv. PP. Mand. sc]ieo(u) 
Ar. 362. ne. slioc. — Ags. scöla sccoht (schule, scJioJa, häufe, menge, 
alts. scöla , ahd. scuola scnala), ne. schoal und modernes scJiool , school 
(a shoal of fish) Line, shdl seid Hall. Sc. — Ags. scöp sceöp (dichter, 
ahd. scüf), scope-s Lag. Ebenso sccox) für scop (schuf) von (sccqm-n) 
scc2>2)(iii. 

Ags. hivcowöl Ps. 82, 12. hivcoJd 7G, 17. Ettm. hivcol Bo. (alt- 
ndl. weel ivicl) , Ar. 322. ivheol whel 0. wJioioele Shoreli. ivcol RG. 
whcl Ch. Mand. /(7/(r7 Dors. whecl (und ?t'ce?, a whirlpool) Lanc. =-= 
Wide Hall, wliccl (a mill) York. ?<Jt'/?8' (the uuder parts of a waggon) 
Hall, wcal (a wicker basket for catching eels) Hall. 

Ags. io eo. 

Grimm setzt einige Wörter mit i6 c6 an, denen aber kein got. iii 
zu gründe liegt. 

An den gotischen stamm fri tritt das siifdx ja und bildet das adj. 
*fri-ja-s frci-s (Histor. Gramm. HL 1, § 79.), alts. afrs. ahd. fri (frei), 
ags. auch fri und die delumng bezeichnend fr ig, wie st sig (sei). Wie 
hat nun dies fri zu frio freo werden köimen? Verschiedene wage las- 
sen sich vermuten. Wie wir oben sahen, so wird ein o hinter / durch 
einen dunkeln vocal zweiter silbe veranlasst. Für frt-ra konte frio-ra 
Met. 21, 2 eintreten und daraus fn'o-ra Gen. 2752, imd dieses frio freo 



56 FR. KOCH , AGs. io , 00 etc. 

drang in den nominativ vor. — Ags. frco ist auch Substantiv und heisst 
der freie, der herr, die frau. Die got. masc. form frei-s erklärt sich, 
älteres fri-Ja konte ags. fn-a ergeben, wie got. vil-ja, alts. willio, afrs. 
ags. ivilla. Wol aber könte das fem. {-yä) fri-jo (die freie) nom. fri-ja, 
ags. friu werden , wie vraJc-jö vrac-u, wenn das suffix nicht dazu diente, 
abstracta 7a\ bilden. Eme Vermischung von got. frei-s und frmi-ja (herr) 
erklärt die bedeutung und nicht die form. Ein sonst nicht ungewölin- 
licher Wechsel zwischen r/ und iv würde letztere erklären: ags. fri frig 
fritü und tv vocalisiert frio; aber friw komt nicht vor. — frl erhält 
sich noch in Shoreh. url Ayenb. und in fhj Hall. Ags. frio frco ent- 
wickelt sich durch eo zu c, ee; freo Lag,. 0. Alis. Ar. fre 0. Oh. PP. 
ne. free. 

Got. fi-a-n fi-ja-n (hassen) und fri-d-n frl-jo-n (lieben) haben zwar 
kurzes i, und daher die part. präs. /<-jrt-:)M?(a)-s (hassend, feind) und />•«'- 
jö-nd{a)-s (liebend, freund). Aber das ableitende j hinter i kann dessen 
dehnung veranlasst haben, wie ahd. fii-ant fl-ant fi-cnt , alts. ft-önd, 
afrs. f-ancl fl-oncl und ags. avoI fi-ond fe-ond und in schlechter Schrei- 
bung fynd Gen. 322. Ebenso got. fri-j6-nd{a)-s , ahd. fri-ont fri-unt 
fruint frunt (? iu) , afrs. fri-ond, aber ags. frynd Gen. 287 spricht für 
frt-ond Durh. fre-ond. — Ags. fiond feond fynd OEHom. feond 
fcont, feond Lag. fend PP. fend feend Mand. lüend uend uyend 
Ayenb. ne. fiend; feond Durli., fend fende MArthure. Perc, fien fient 
Sc. fiond Angl. , fe7id Gen. Ex. — Ags. frtond freond frynd, freond 
frond OEHom. Lag., frend RG. Mand. Ch. iirlud Ayenb. vrend 
Dev. frend Ess. ; frtond freond Durh. , fremd Linds. frende MArthure, 
fr'md Teesd. , frien Sc. ; freond frend 0. , frend Gen. E. , Allit. Po. 
ne. friend. 

Got. leiht(a)s, alts. UM, afrs. licJd, ahd. Uhti UM (leicht) bedingen 
ags. UM; aber indem dieses der analogie von i vor M folgt, wird es zu 
le-oM, wie afrs. UcM zu UucM und ahd. UM zu UeM. Es verläuft regel- 
mässig UM 0. Ar. Ugt EG. UgM PP. ne. 

Wie ahd. fila sich aus fdiala filiila (feile) bildet, so auch ags. 
fcol aus filiola feohola (ndl. vijle), vile Ar. 184. fde PParv. ne. file. 

EISENACH. FKIEDR. KOCH. 



liÜlIHKN, /.V KKINKK V08 KI). HLllllODKK 57 

IJEMERKUNCKN Zd DKll AISGAUK DKS IMIINKK VOS 
VON K. SCIIIIÖDEK. 

lieiiikr de NU-., Inruiis^'. v. K;irl Sdiiiiclrr. Lüijizifj, 1<\ A. IJnH-kliaiis. 1H72. 

1. ll((rr Sc,lir(i(lor lüsst ^dcidi in der iiborsclirift /um ersten (;;ipi- 
Icl und sonst überiill liir drucken. Isl licir Si^liriider der länge des i 
so sicliei? In den liandsclirill(wi , vucahularii'n und ersten diu(;keii liiil)e 
icli regeh)i;issi<( ////-(rj ohne alle ([uautitäishezeielmun^' gefunden; die Schrei- 
bung kyr, die sich aucli vielfach lindet, hctweist keine länge, wie auch 
ja gleich auf den ersten selten des alten druckes von Keinke Vos stellt: 
lii/r Ixy/ii/ut usw. J)f/t is äat bi/ldc des lau wen, eer he kontiißurk 
wart w^ss.', Ücnicr pt/nxtedach, myt, anghyncJc, grev t/nJc w^w. Meist 
ist auch im Keinke Vos, wie allgemein üblich, liir gedruckt. — Die 
vorrede bcgint gleich hir hevorcn - , ein paar mal steht ////• mit einem 
häkclien darüber , dessen bedeutung als längezeichen , nicht als umlauts- 
zeichen, zugegeben werden kann, oft aber nicht bedeutender ist als unser 
titteichen auf dem l; niemals aber steht hier, was die länge unzweifel- 
haft ergeben würde. Da nun zugleich ein anderes hülfsmittel, ein lan- 
ges / zu erkennen, nämlich die Umwandlung von ^ in hochdeutsches ei 
— abgesehen davon, dass dies mittel nicht überall verfängt hier 
nicht angewant werden kann, so ist die quantität jedesfalls schwankend. 
Ebenso ist es mit dar, das sich im Keinke Vos nie anders als dar findet; 
hir KU dar heisst es gleich v. 7; dar quoncn v. 13; dcssc wcren dar 
V. Ki und so immer; niemals steht dacr, während doch sonst die länge 
des a bezeichnet wird, z. b. staen v. 7; daet; quaet v. 1W27; gaen, 
(jcdacn v. 1929, klaer y. 382(5. Hezeichnet also lierr Schröder diese Wör- 
ter mit einem circumflex, so obtrudiert er dem leser seine ansieht, die 
ja richtig sein kann, aber doch nicht über allen zweifei erhaben ist. 
Dieses obtrudieren ist aber herrn Schröder öfter begegnet. 

2. ivö de. Diese und andere einsilbige vocalisch auslautende Wör- 
ter versieht herr Schröder mit einem circumtiex. Das mag immerhin 
geschehen, aber es ist ja rein überflüssig, zumal auch der alte druck 
alle quantitätsbezeichnung dieser Wörter unterlässt. Es wird ja niemand 
in Versuchung kommen diese Wörter als kürzen auszusprechen, und mei- 
ner meinung nach ist die circumflectierung der langen silben, die sich 
bekantlich nicht in den handschriften findet, da diese andere längen- 
bezeichnuugen haben oder gar keine, imr eine beihülfe für den jetzigen 
leser, damit er schnell das richtige finden oder vor einem etw^aigen 
irtum sich schützen kann. Wenn aber kein irtum möglich ist, wozu die 
bezeichnung? Das heisst auf ebnem, gebahntem wege jemand einen 
Wegweiser mitgeben; das kann man freilich tim, aber unnötig bleibt es 



58 LÜBBEN 

inmier. Lieber hätte ich gesehen, wenn herr Schröder z. b. v. 720 
hedede (von hedön) mit einem zeichen versehen hätte, damit der leser 
nicht stolpere und es als Präteritum von hcdcn (beten) fasse. Herr Schrö- 
der wird vielleicht sagen : „ meine leser denke ich mir nicht so einfältig, 
einen solchen fehler zu machen." Wer aber seinen lesern v. 168 sagt, 
djiss möt die erste person sing, praes. von mötcn ist, und ähnliche erklä- 
rungen geben zu müssen glaubt, der hat doch von der gelehrsamkeit 
seiner leser keinen allzu hohen begriff. Übrigens geht es vielen so , und 
ich nehme mich selbst gar nicht aus, dass sie sich ihre leser oft einfäl- 
tiger denken als sie in der tat sind, 

3. V. 6 schreibt herr Schröder sproten ohne längenbezeichnung ; 
das ist mir schon ganz recht, da icli auch bei zweisilbigen Wörtern, 
wenn die erste silbe vocalisch auslautet, eine quantitätsbezeichnung für 
unnötig halte. Ebenso hält er es mit sloten u. a. , und mit den partici- 
pien gesloten, gestolen u. a. Er sieht also dieses o als kürze oder doch 
nur als tonlänge an; dagegen lässt sich nichts einwenden. Es ist aber 
doch zu bedenken , dass im Niederdeutschen tonlänge und wirkliche länge 
nicht mehr hinlänglich zu unterscheiden ist, und dass wir, wenn wir 
überall diese ursprüngliche Verschiedenheit durch äusserliche bezeich- 
nung angeben wollen, in ein gedränge kommen, dem zu entrinnen wir 
schliesslich zu allerlei Spitzfindigkeiten geführt werden. Eine solche 
Spitzfindigkeit finde ich z. b. in der bezeichnung des e. Herr Schröder 
schreibt: stvegen (sie schwiegen) v. 124; reden (sie ritten) v. 2318; hie- 
ven (sie blieben) v. 3038 , Jcregen v. 345 ; dagegen aber repen (sie riefen) 
V. 1574, 6554; geven (sie gaben) v. 5307; Ucsen (sie bliesen) v. 6578 
u. a. Nun weiss aber herr Schröder so gut wie ich, dass das e einen 
verschiedenen ton hat, je nachdem es im Präteritum oder participium 
steht; und Hoifmanu von Fallersleben hatte ganz recht, wenn er einmal 
die Scheidung auch für das äuge sicht])ar machen wollte, für das Präte- 
ritum die Schreibung mit c, für das participium die mit q zu wählen, die 
dem wirklichen Sachverhalt entspricht. Also grepien (sie griffen), dage- 
gen gro.pen (gegriffen); schreven (sie schrieben), schrqven (geschrieben); 
f/even (sie gaben), gqven (gegeben) usw. Da mir nun doch die accente 
angeben, wie ich sprechen soll, so muss ich also v. 124 swqgen lesen 
V. 345 krqgen, v. 3038 hlqvcn (denn das nicht weiter bezeichnete c ist 
doch dieser ton auch nach herrn Schröder, der, ganz richtig, heden 
(beten) und heden (bieten) auf diese weise scheidet); das sind aber ja, 
so ausgesprochen, participien, nicht präterita; diese aber werden an den 
stellen verlangt. Der leser ist also irre geführt. Ebenso irre geführt 
wird er, wenn herr Schröder sUpcn (sie schliefen), und sUpen v. 2281 
(schleppen) beide circumflectiert , also beide in der ausspräche gleich 



y.V KEINKK VOH KU. hCllRÖDKE f/J 

setzt, «hl sie «NhIi vrrscliioden sind, ficmi^f, diese art <lor liin^tiilM'/.t'icli- 
iiiiiii^ liiit etwus int't'ülirendes und willkiiilicdies. 

•1. V. 15 seliieihi Ihtf Schröder Mtirtjudrl; ebenso werden \<>n 
ihm (•ircuinHectiert LujHut , nuhsrJml/c , Maiirn ; Martind , sogar sanrt 
(sehwiirzj, hart, niarlai (v. H()7). Gegen diese hingenhe/.eiehnung muss 
;iut' das aUor entschiedenste protestiert werden; im alten drucke des 
Ixeinke ist auch nicht die geringste spur Vdrhainlen, dass diese Wörter 
hmges a liahen. Der jetzige Standpunkt des mekleuhurgischen dialectes 
oder vielleicht auch individuelle ausspräche mag sie zu längen machen, 
aber die nordwestlichen Niederdeutschen sprechen diese Wörter entschie- 
den kurz aus wie im hochdeutschen; art imd hart werden dagegen wie 
im hociideutschen lang ausgesprochen , auch andere wie kart(c), schart(c), 
ivart{e). Es müssen daher die Wörter auf -ar und -art nicht über einen kämm 
geschoren werden , oder wenn es doch geschehen soll , so sieht man nicht 
ein, warum nicht auch start (als wechselform von stcrt) mit geschoren wird. 
Nötigte uns der alte druck zwingend, sie so oder so zu sprechen, hätte 
man sich zu fügen. Da das aber nicht der fall ist, warum will uns herr 
Schröder obige Wörter als längen octroyieren oder besser obtrudieren ? 
Kbenso mutet uns herr Schröder zu, pcrt, stert, stvrrt, g^rne , vi'-rne, 
hrriide, venk u. a. laug zu sprechen, (obwol keine contraction obwaltet, 
wie in vorvert, wrr (weder), vordcnf, wo trotzdem die bezeichnung (■ ihr 
inisliches hat, weil die laute des c verschieden sind), d. h. doch, wie 
ich es verstehe , die genanten Wörter sollen mit langem c, wie im heu- 
tigen „gehu, sehn, stehn" gesprochen werden. Diese ausspräche aber, 
zu der uns ebenfalls der alte druck in keiner weise zwingt, weise 
ich mit aller bestimtheit zurück. Soll das c aber wie das e in „sehr, 
mehr" gesprochen werden , so hätte , um eine irrung zu vermeiden, eine 
andere bezeichnung gewählt werden müssen, etwa r. Und so spre- 
chen wir im nordwesten diese Wörter aus, und wir bilden doch eine 
sehr respcctable anzahl echter Niederdeutscher. Wir könten sogar mit 
demselben rechte, mit dem herr Schröder uns pcrt aufdrängt, verlan- 
gen, dass nach unserer weise otd , behölden usw. geschrieben würde, 
da dies, wie ich aus eigener erfahrung weiss, im grösten teile des her- 
zogturas Oldenburg die herschende ausspräche ist, wie im Englischen, 
und, wie ich aus der Schreibung auld ersehe, auch bis zum niederrhein 
gilt. Schreibt herr Schröder doch auch icörf, obwol im Reinke es nicht 
mit irgend welchen längenzeichen versehen ist. Besser aber wäre es, 
die bezeichnung ganz zu unterlassen , damit jeder es so aussprechen kann, 
wie ihm sein dialectischer schnabel gewachsen ist. 

Herr Schröder hat aber ein ausserordentlich feines gefühl für län- 
gen und kürzen. Er schreibt trägen, aber klagen; hdalet, aber vormu- 



60 LÜBBEN 

let, döden (tödten) aber äogcn (taugen); dede als iudic. , aber dede als 
couj.; värt als subst., aber varen als verbum ; löve als subst. , aber lovcn 
als verbum u. a. Ich muss gestehen , in diese subtilitäteu , für die ich 
ein niederdeutsches ohr, auch schon im 15. und 16. Jahrhundert, unem- 
pfiinglich halte, kann ich ihm nicht folgen; für eine grammatische dar- 
stellung will ich die berechtigung dieser Unterscheidung nicht in abrede 
stellen; aber die ausspräche darnach zu regeln, halte ich für verkehrt. -- 
Beiläufig will ich bemerken , dass ich nicht einselie , warum er divas^ 
hevol als kürzen betrachtet, da das erste wort regelmässig in den haud- 
schriften divaes und das zweite sehr häutig hevoel geschriel)en wird. 

5. Herr Schröder sagt in der vorrede s. XVII: „Es kann wol nicht 
zweifelhaft sein, dass damit (dem e über o und u) der umlaut bezeich- 
net werden solte." Ich leugne es vielmehr mit der grösteu entschieden- 
heit; ich bleibe bei der Überzeugung, die ich in meiner ausgäbe s. XI 
fgg. und in der vorrede zu den mittelniederdeutschen gedichten zu begrün- 
den versucht habe, und je mehr ich seit dieser zeit manuscripte gelesen 
liabe, um so fester ist in mir die Überzeugung geworden, dass in den 
niei|.erdeutschen kernlauden bis zur reformation hin kein umlaut von o 
und n zu finden ist, dass er um diese zeit — ein bestimtes jähr lässt 
sich selbstverständlich niclit angeben , — von den grenzländern aus, 
hauptsächlich durch hochdeutsche einwirkung , das ganze gebiet der nie- 
derdeutschen spräche ergriffen hat, ohne es bis jetzt völlig bezwungen 
zu haben. Es würde mich liier zu weit führen, dies hier des breiteren 
darzulegen; vielleicht findet sich später gelegenheit dazu. Da nun aber 
herr Schröder den umlaut annimt ,- so stehen in seiner für die gegenwart 
bestimten ausgäbe im bunten Wechsel nach der alten ausgäbe, die den 
vermeintlichen umlaut bald mit einem häkchen, bald mit übergesetztem 
c bezeichnen soll, bald aber das wort ohne umlaut hat, liovet und hoe- 
vet, vlokeden und vloeJceden, duvel und düvel, vote und voete und wie sie 
weiter heissen, neben einander. Das war in der alten ausgäbe ganz 
erlaubt, denn da wüste jeder leser sicher, wie er ein wort auszusprechen 
hatte , mochte der vocal bezeichnet sein oder nicht. Und mehr als eine 
ausspräche hatte ein wort doch nicht. Denn zu glauben, dass von ein 
und demselben Verfasser (oder Schreiber), in ein und demselben l)uche, ja 
oft auf ein und derselben seite, zu ein und derselben zeit hovet und hoevet 
(= hövei) usw. in heiterem durcheinander ad libitum gesprochen sei, ist 
ein äusserst hartes ding; das erfordert eine glaubenskraft , die mir fehlt. 
Einer solchen Orthodoxie- gegenüber bekenne ich mich als ketzer und zwar 
als hartnäckigen ketzer, und lasse wegen solclier ketzerei sowol die kleine 
als die grosse excommunication willig über mich ergehen. Ich müste 
sonst alle meine paläographischeu kentnisse, so viel oder so wenig ich 



ZI! KKINKK VOS KU. SCIIKAdKR Ol 

(lorcn besitze, ilic iili mir diiirli das li-scii niiwlerdcutsdicr liiiiiilseliriflcii 
(üworhcn luibi' , (»itlciii iiml zu ciiu'iii soldn-n opfcr nicirM'r übcr/.ou^uiif^ 
vcrspüic ich vor «Icr liuml <(ar keine iieij^uiig. Kiiiiual koiiit licrr Schrö- 
der seihst in eini<(Os gedränge. Die form docn (tun) nemlicb, „die gegen 
das ende des gedichtes mehrlacli eischcdni" (sie ist aber meiner ansidit 
nadi eine ganz gcwr»hnli( lic längcnbezeichnungj erscht-int ihm doch 
befremdend. I^^r liilft sich aus tb-r befremdung durch ilic bchauptung, 
dass „die mundart (h'ui keine weitere folge gegeben hat — dass die 
form (Zorn verschwunden sei.'' Keine weitere folge gegeben? Verschwun- 
den? Ist denn die form überhaupt jemals da gewesen? Ist das eine 
ausgemachte saclie? T'nd ferner: bei einem so gebräuchlichen worte wie 
(Ion solte daran gedacht werden können, dass, wenn der umlaut einmal 
bestand, er verseil wunden sei, da doch die geschichte des umlauts lehrt, 
dass er die einmal von ihm ergriffenen Wörter fest hält? Au das ver- 
schwinden des Umlautes von ilocn mag glauben, wer will; ich habe nicht 
diesen starken (oder leichten?) glauben. — Auf derselben seite bemerkt 
herr Schröder, die bezeichnung der vocalischen länge durch ae, oc und 
ne sei aus dem Niederländischen entlehnt; dagegen ist zu erwidern, dass 
sie sich auch, wenn auch nicht durchgehends, in den echtesten nieder- 
deutschen handscbriften findet, wo schwerlicb eine einwirkung des Nie- 
derländischen stattgefunden hat. 

C. Herr Schröder schreibt Ijloddc, hoddc, sfoffc, grotfe usw., was 
synkopierte formen sind aus hlodcde, hodede, stofcde usw., mit kurzem o. 
Vollkommen einverstanden. Gilt aber dies nicht auch für Synkopen auf m? 
Herr Schröder schreibt slnt = slidct, hnt -= Indef , hrltid —- hcliudct. 
So weit meine beobachtungen roichen, sind diese ebenfalls als kürzen 
anzusehen; die endung auf ein blosses t begründet keinen unterschied, 
da es auch gestot heisst = nestotet, u. a. 

7. V. 200 lässt herr Schröder nach der alten ausgäbe drucken: 
Hc'mlcc wüste eins ein (jeslacldz vet swin. Ist dieses z gleich s, wie es 
auch Hackmann fasst, so entsteht eine vollständige unform geslachts. Es 
ist aber dieses z die aus lateinischen wie deutschen handscbriften wol 
bekante abbreviatur für ct\ auch sonst im lleinke komt sie vor, z. b. 
V. 807 steht nppz, d. i. tippet; v. 994 hryngz, d. i. bringet; in der glosse 
zu I, 17 steht: hir mj/t wart Jtc helastz, d. i. heiastet. 

8. V. 1245 und 1405 schreibt herr Schröder: unde was eines oges 
qult. Der Lübecker druck hat beidemal ogen und gegen diese schwache 
form war durchaus nichts zu erinnern , da sie auch sonst belegt ist. Z. b. 
were oh, dnt jemand den anderen herorede sines ogen usw. Cassel. 
Brem. Urk. s. 225; de appel dines ogen. Klagel. Jerem. 2, 18 (Halberst. 



62 LÜBBEN 

Bibelübers.); marlxgrevc Wilhelm mit dem enen ogcn. Lüb. Chr. 2, 4ßl ; 
lernet he't (das vieh) in enem ogen. Saclisensp. III ,48,2 und so öfter. 

9. V. 1632 schreibt herr Schröder gerne mit is, da er doch v. 1674 
gansen drucken liisst und sonst auch das ^ (z. b. in «7^0 und anderen 
Wörtern) durch s widergibt. Liegt hier ein unbekanter tieferer grund 
vor? oder soll blos dem verdacht vorgebeugt werden, als werde nach der 
„leidigen Schablone" gearbeitet? Ebenso soJäie v. 229;} und 7; dagegen 
zoldcncr v. 23U8 (im alten druck tsoldener). 

10. V. 2982 liest herr Schröder: liadde iJc oh tein eide gestwren, 
wo der alte druck teyn eyd hat; ebenso hat er v. 3661 die lesart nff' 
myn eyd geändert in üff minen eit. Und diese äuderung mag wol 
berechtigt sein. Indessen findet sich auch Flos und Bl. 1106, 1151, 1273 
uj) myn eit, wo entweder eit ueutrum ist oder myn gleich minen; eit 
als ueutrum ist mir nur begegnet Wiechmanns Meckl. altnieders. Lit. 
2, 51, wo es heisst: dat eedt vnd de thosage. Bei sachen tritt manchmal 
Wechsel des genus ein. Ich habe auch öfters bei Substantiven ein bestim- 
tes genus angesetzt und doch später gefunden, dass es wechselte. Um 
nur ein beispiel aus R. V. anzuführen, so habe ich panter und los 
als masculinum angesetzt, weil ich l)ei tiernamen an keinen Wechsel 
dachte, (auch herr Schröder setzt beide als masculina an) und doch liest 
man in den biblischen erzähluugen aus dem kloster Loccum dat panther 
und dat los. Und so in manchen fällen. 

11. V. 5949 heisst es im alten text: seet, do ih alsodancs liorde, 
dat vordenede ik myt eyneme tvorde, darumme dat ik usw. Herr Schrö- 
der ändert do in dat; warum? „Als ich solches zu hören bekam, ver- 
diente ich solches, weil usw." gibt einen guten, vollständigen sinn. 

12. V. 331. Klohelmi schreibt herr Schröder als ein wort und 
erklärt es: „kluckhuhn." Mir ist diese form nicht bekant. Wozu aber 
diese den sinn jedesfalls abschwächende erkläruug? Ist es hier nicht 
viel angemessener, dass der hahn die Verständigkeit seiner gemordeten 
gattin preist, um so die grosse seines Verlustes noch mehr hervorzu- 
heben? 

13. V. 939. „reelder, ein auffälliger comparativ." Diese form 
reehtere liant ist vielmehr die gewöhnliche und bis auf den heutigen tag 
im volksmunde noch sehr übliche form , analog dem griechischen öe^ns- 
Qog und lateinisclien dexterior. 

14. V. 1733 nent herr Schröder die form d(dte für dat etwas vul- 
gär. Das ist auch scheinbar ganz richtig. Aber doch auch in Schrift- 
stücken, die nichts vulgäres an sich haben, finden sich diese durch e 
verlängerten formen datte, tvatte, bette, tvolle und ähnliche. Diese anhän- 
gung von e au einsilbige Wörter ist so gebräuchlich , dass sie , wenn mau 



zf Ri'.iNKi-: vos i:i>. s( iiituiHit 03 

nicht ;i('hi K'l*t, /u allfild lalsc-Iion sdiliisseii verl'ülircii kann, lin nnr 
oini^o bc.'ispielc /u wählen, so heisst es: cnv jar, Liib. Chr. I, (j;; ; .sv 
Ucvc (lot (in directer erziUilung) das, 1, 7i'>; rofhna, dar aine sotu^ Jlhi- 
ric do rorc Uuf das. 1, 17.3; dar Wfodc :<lti(ilini de (jrvvc. das. 1, 201; 
nicht to kolde, noch to ivarme, noch to natc seid hr rnnr srifru. Oosl. 
Stat. 54, 34; ci/n man, de hdc (hiess) her Arnd Urem, (iesch. Qu. x:\\ 
Zcficfridus tvufi eine ifreven sonne Münst. Chr. 1, H»;3; sc sccdcdcn dal 
also, na des dat de nnmdrndc man eine (fcrende was. Brciii. Stat. s. Iti'.»; 
eync prm^cst to Walesrodc . . ct/nc herlchcrc to Jlcrmoishorch (l I9:j) 
Lttneb. Urkl). 15. abt. s. 220; IIc sach in citicr visionen, wo ni Fran- 
ciseus monde oie schone crncc (fhcncli alfo grofe, dat et em den Jiemd 
rorcn dnchti'. ljel)en des h. Franzisc. p. 14 und so vielfach. 

15. V. 1873 heisst es: entqucme he wcch idh dcsser noei, sus wrokc 
tvy uns nnmmcr mere. Dazu hcrr Sclirüder: ,.n'rohcn nel)enrorni zu 
tvrekcn, 1. pl. praet. couj. von ivrehen. Oder druckfehler?" Die form 
ist ja durchaus richtig. wreJcen macht im Präteritum wrök (wruk) , z. b. 
dit ivroc de jumihe honivfi. Lüb. Clir. 1, 59 u. ü. ; also im conjunctiv 
ivroke. Oder meint herr Schröder etwa, es sei ein umlaut nötig? 

16. V. 2862. „Lwmpe is geivert groter pine; das erklärt herr 
Schröder: „Lampen wird grosse peiu widerfahren," und v. 3143: wat is 
doch dyt ghcwerd, dat gy yw sus scrc vorvcrd? ^.was hat das docli zu 
bedeuten? was ist hier geschehen?" Im glossar findet sich bei ihm unter 
geiocren: „schw. v. mit acc. der persou und gen. der sache, einem etwas 
zusammen lassen, antun." "Was das heissen soll: „einem etwas zusam- 
men lassen" verstehe icli nicht, und namentlich nicht als synon3'm mit 
„ antun." In der letzteren bedeutung (afficere) ist es mir bis jetzt noch 
nicht im Niederdeutschen begegnet, so gebräuchlich es auch mittelhocli- 
deutsch ist. Ich glaube aber, die sache erledigt sich einfach dadurch, 
dass gewert nichts weiter iüt als wert, „würdig, dignus," so dass also 
die erste stelle heisst: „Lampe vordient grosse strafe, muss hart bestraft 
werden," und die zweite: „Verdient die sache, dass ihr so erschreckt 
seid ? sie ist ja unbedeutend." Beispiele von getvert gibt es ziemlich viele, 
unter anderen: o alder zoteste avent (der osterabeud) ivcs ghegrofet, du 
bist alles loves tvol gheivcrt. Brem. nieders. betbuch f. 144; (verglichen 
mit: aller schoncstc nacht, ivcs ghegrofet, du bist alles loves wol wert. 
Das. fol. 149); desse vruwen de zint alles loues ghewcrt. Locc. bibl. 
erzähl, fol. 8; des lones sint gi tvol gewert Zeno v. 776; is it ancr, 
dat en ivcnt kumjd in de stat, vnde vorJcoft, dat enes schiUinges iveti 
is, hc ghift enen penning. Is id enes verdinges ghewcrt, he ghift ver 
pcnuinge. (Hier tritt die gleichstellung von ivert und gewert auf das 
augenfälligste hervor). Lüb. Recht, ed. Hach. s. 224 u. ö. 



64 LÜBBEN, ZU REINKE VOS ED. SCHRÖDER 

17. V. 3734 hielt ich Jwrnsehcit für einen driickfehler; ich hin 
eines besseren belehrt durch Schiller. Es findet sich nemlich auch 
Braunschw. Chron. 109, 25, s. Schiller in Pf. Germania 13, 160. Herr 
Schröder hat dies ül)erselien , sonst würde er wol nicht gesagt haben, 
dass es ein sonst nicht belegtes wort sei. 

18. V. 3825. It is myshjli, zvo yt my nu gaet to hone, ivente mi 
Injn ick snnder vaer. — Wente als causalpavtikel gefasst, gibt gar kei- 
nen oder doch nur einen gezwungenen sinn. Herr Schröder ändert des- 
halb wente in men. Ich hatte in meiner ausgäbe gesagt: „liesse sich 
wente als adversativpartikel fassen, „aber, sondern," so wäre der aus- 
druck zulässig." Was ich damals nur hypothetisch sagte, bin ich jetzt 
im stände zu belegen. Wente heisst allerdings öfter „aber, sondern," 
z. b. se was schone uncle lovesam, tvente (so die hs. H; wen D) (aber) 
io nein vruclit van or en quam. Zeno v. 16; vnde de gliest des heren 
was recht an dcme daghe an Davit c ivente (bis) in den a,nderen {et 
deinceps). Wente (aber) Samuel de stoct vp vnde ghinJc in de stad 
usw. Merzd. B. d. Kön. 32, 21; dat ivyste de vadcr (Eli) tvol vnde 
en straffede ene darumme, alse he IdUechUken seolde (strafte nicht so, 
wie er hätte tun sollen) , tvente (sondern) he straffede alto tveckUken, 
so dat se (die söhne) van den sunden nicht en Uten. Seelentrost 150*; 
des en wolde ek nu (nie) gelovich sin, tvante (sondern) ek sluch dar van 
de ogen min Brandan v. 42; Frederic unde Hans hehelden dat stant, 
ivante (aber) to testen mosten se eck de flucht nemen. Bothos Chron. 
fol. 249 ; hievan stunde velc to schriven, ivente (aber) dat vint me cnkcdc 
in der Meydeh. kroneken. das. z. J. 1353. ivere id sähe, dat se (die 
bürger) den olden rat nicht nemen wolden wedder yn unde sik mit em 
vordroghen, ivente denne (dann aber) scholden se (die einstweilen losge- 
gebenen gefangenen) wedder in kamen up enen gesetten dach. Lüb. 
Chron. 2, 12. Die formen wan., wände, wantc, wen, wenne, tvente 
mischen sich vielfach mit einander, wie es auch im Mittelhochdeutschen 
häufiger der fall ist. Vgl. Mhd. WB. 3, 479. 

19. V. 6492. De ik van di hebhe schände unde schade, nicht mi 
allene, men ok myn tvyf . . So der druck. Herr Schröder hat dafür ik 
gesetzt; ich habe es auch getan. Ich werde aber doch bedenklich, wenn ich 
finde: ik wil, dat alle minschen sin alse my sulven. 1. Cor. 7, 7 (Hal- 
berst. Bibelübers.) Die neigung, den accusativ aucli als nominativ zu 
verwenden, liegt ja bekautlich dem Niederdeutsclien nicht fern; solte es 
nicht auch bei den pronomen pers. der fall sein? Die sache wäre wei- 
terer aufmerksamkeit wert. 

OLDENBURG, NOVEMBER 1872. A. LÜBBEN. 



BKCII UNIi (JltlCt'KI.IU.S , AN/RLN Ü5 

ANZELN. 

Niichtriijje zu 4, .'J2t». 

Zu ilt'ui im 1. haiiilc dieser zeitschril't s. :{2(» ;jj-j von Crecelius 
hpsprochenen anzeln (alul. tmusrljan) =- „um eine schuld ansprechen, 
:inkl;if»-eii" lassen sich aus altniodcrdeutschon und altniedfrländischen Urkun- 
den noch weitere helege nachweisen. Man vergleiche Die zwei (Jülner 
Midhücher ed. A. Fahne (= Forschungen 11. bandes 2. lieft) s. 71 72: 
Wir richten' srlir/'fi)i raid indc die hnnjere f/enieiur der stede van Kolne 
doijn IcKnf (die den (jenen die desin brief ain seint inde liorint lesin ^ dat 
Sifmon van Suilye — — Goitschalck van Munsfcre inde Goifschalk syn 
neve cett. - — haint uns (jehessert inde (/enoich (/edain, inde wille ivir dat 
achte rniailts ncinum — — — die vnrsprochine Juden noch Ire vrunt 
noch ire mage semenfliycn of sunderliyen , heimeligen of ujfenhair, occa- 
S'unen heßverin noch ainzalin insal [a. 132'J]. Dazu s. 74: Wir der 

enge rait der ftede van Kolne dun Icunt — dat wir geloift hain 

dat tvir dar nmhe die gemeinde der joitschaf neit ainspreghen nogh 
ainsalen insnlen dan die geine oiie den genen de hantdedigh is of de 
an Volke ouc an verde is geweist [a. 1330]. Endlich s. 139: Euer so 
hain wir in geloift, dat — — — wir dar umbe dg gemeinde der joit- 
schaf tioeh egcynen Juden, de da ain unschuldich is, yieyt ainzalen noch 
ainsijrechen infoJen cett. [a. 1331]. In dem Etymolo^icum teutonicae 
linguae stud. et opera Com. Kiliani Duftlaei (curaute Gerardo Hasselto) 
ist aentaelen j. aenspreken verzeichnet und in der anmerkung darunter 
aus G. Dumb. Anal. t. II. p. 271 citiert: ivair dat saecke, dat ons iemant 
antaelte of bcclaegde. Ebenda: sonder acntale (=- aenspracckc) van ons. 

ZEITZ, 5. SEPTEMBER 1872. FEDOR BECH. 



Bei der Zusammenstellung aus den nichthochdeutschen dialecten 
war mir das Niederländische entgangen, welches bis zum 17. Jahrhun- 
dert das Substantiv aantaal und das verbum aantalen in der gerichts- 
sprache als allgemein gebräuchlichen juristisclien ausdruck gehabt hat. 
Vgl. de Vries und Winkels Woordenboek der Nederlandsche taal u. d. w. 
Die heispiele aus der früheren zeit finden sich bei de Vries Middelneder- 
landsch Woordenboek sp. 99 fgg. unter acntale und acntalcn. 

ELBERFELD, IMÄRZ 1873. CRECELIUS. 



ZKITSCHH. P. m^üTSCHE PHILOL. BD. V. 



66 HINTNEK 

WORTERKLÄRUNGEN. 

Swübel und dessen familie. 

Prof. V. T. Zingerle in Innsbruck hat in dieser Zeitschrift IV, 83 
(las bisher, wie es scheint, unverstandene wort swühcl besprochen. Es 
sei gestattet über das wort und dessen familie noch einiges beizAifügen. 

Das wort sivühel, scliwiibel scheint auch sonst noch in Tirol vor- 
zukommen, jedoch zum teil mit anderen bedeutungeu. Im unteren 
Pusterthale wenigstens (speciel in Defereggen) bedeutet scliivühel (oder 
scJnvöibel), so weit ich mich bis jetzt erinnern kann, folgendes: 1) das 
krumme holz oder die gabelförmige spitze an einer stange {roacJistänge 
= stange zum hinaufreichen, nämlich der korngarben), womit die korn- 
garben aufgespiesst und auf die Jierpfe (vgl. Schöpf, Tirol, idiot. s. 246; 
Lexer, Kämt. w. s. 134; Schmeller, Bair. w. I^ s. 1161; Grimm w. IV, 
2, 476) hinaufgereicht werden. 2) heisst sivübd ein krummes holz 
am pflüge, das ich aber nicht deutlich beschreiben könte, Aveil die dort 
gebrauchten alten pflüge (genant od, wahrscheinlich aus dem Slavischeu 
orulo = aratrum entlehnt; vgl. Haupts zeitschr. II, 88; Grimm, w. I, 
551; Fick, iudog. w. ^341; Hintner, Beiträge zur Tirolischen dia- 
lektforschung I, s. 14 fg. u. a.) eine eigentümliche structur haben. 
3) bedeutet swübel die krumme handhabe am sensenstiel. Der grund- 
begrift" unseres Wortes, so viel geht aus dem gesagten hervor, ist der 
des krummen. Darauf hätte schon Stalder führen können, wenn er 
(Schweiz, idiot. II, 363) die mit unserem sivühd offenbar identischen for- 
men anführt: „Schtvihel, Schwichel , Schwiebele, f. — 1) eine über die 
quer stehende handhabe, z. b. an einem rüder oder an der mitte eines 
Sensenstieles (U. Z. Freyämt.). 2) Eine art gabel, welche man den zie- 
gen an den hals hängt, damit sie nicht durch die zäune brechen usw." — 
Damit verwant ist unbedingt das von Stalder (II, 361) angeführte 
schweif el, m., zaunring, aw^l. sivifd , wirbel, ring an einer kette. Davon 
das verbum scliwcifdn, zaunringe flechten. Letzteres sdiweifdn findet 
sich auch noch in Tirol (Defereggen), zwar mit der form sdnveifen 
(sduvoafen) , aber mit einer bedeutung, welche das neuliochdeutsche 
schweifen sonst niclit hat. „JDd ivöiha schwoaft'-' bedeutet: der weber 
wickelt das garn vermittelst eines haspeis (schtvoaf- haspel) in ringe auf. 
Vgl. auch Lexer, kämt. w. 228; Schmeller lll, 530; Weigand, Wörtb. 11, 
659. Andere dialectische wortformen, die hieher zu ziehen sind, findet man 
in Frommauns Zeitschrift in menge, z. b. II, 210, 4; 238; III, 283, 108 
usw. Alle diese Wörter haben die bedeutung des krummen, des 
schwankenden, biegsamen. Als wurzol ergibt sich leicht svap-, 



WORTERKL,lBrNf;KH 67 

svah-, im dinitschcn srip- mit »Icr j^iurulhedeutuii^' dvv drclKMidon oder 
knimmondcn howeguug; vgl. Fick ^, tu; und 1)J1. Dazu gehört 
unter andern das grierhisclie ao/^/y scliwoif, aö-ßo-g ooß-t-o); ags. sräp- 
ian vibrare, vencre, ahd. swcif-an drehen, winden, aiccib Schwingung, 
sweif, a\tn. svipa schweif, gä\. siuhh-ail gehen, siidhcd gang, s'nOth-Uich 
schnell (vgl. Benfey, griech. wzlw. II, 351; P]brard, handb. d. mittelgäl. 
spr. s. 289) und viele andere, namentlich slavische Wörter bei Fick a. a. o. 
Dass got ftrciban auHiören, ags. svifan schweifen, w\\([. hcIi wehen , Schwib- 
bogen usw. hierher gehören, versteht sich von selbst. Ob auch lat. 
sujxire, (Ussipare, prosapui sippe, sippschaft, nachkommenschaft hierher 
zu ziehen, wie Fick a. a. o. tut, zweiHe ich; vgl. Corssen, ausspr. ^, I, 
399 fgg.; Hintner, Wörterbuch der lateinischen Etymologie, s. 228. — 
Auch finde ich nicht wahrscheinlich, dass diesen Wörtern eine kür- 
zere Wurzel, im griech. ov- {oti-io) zu gründe liegt, noch weniger, 
dass sich das ß in den griechischen Wörtern aus / solte entwickelt 
haben, wie Curtius, grundz. ^ s. 355 meint; man müste denn die wurzel 
scap- als compositum fassen; vgl. Benfey, griech. wzll. I, 342 fgg, — 
Um auf das wort swübcl zurückzukommen , bleibt es nach meiner ansieht 
doch noch unentschieden, was an der fraglichen stelle: Übels weib 80 
swühel bedeutet. Da aber im Fersinatale siimhel den holzschlüssel bedeu- 
tet, zugleich aber auch das nämliche sprüchwort vorkomt, so ist es 
allerdings wahrscheinlich, dass auch an unserer stelle sz^vV^^'/ den krum- 
men holzschlüssel bezeichnet; vgl. auch Germania XVII [1872], s. 43. 

gethöreii. 

In „Peter Ryedemans Rechenschaft unserer religion ," abgedruckt in 
den Antiquarischen mitteilungen von Calvary, bd. I, s. 254 — 417 (eine 
in mehreren beziehungen interessante schrift) heisst es s. 260 fgg.: „Älse 
versicheret vnns der selbig heilig Geist Gottes . . . des das wir Gottes 
kinder sein , durch den wir jn auch frölich , sicher, vnd wol einen Vat- 
ter nennen gethören:' Dazu hat jemand, der wenig berufen dazu war, 
die anmerkung gesetzt: „gethören, mittelhochdeutsch nach Beuecke, wör- 
terb. Ill , 51 = zum toren machen. Hier wol nur so zu verstehen, dass 
wir ihn in unserer menschlichen torheit einen vater nennen." Dass diese 
erklärung falsch ist, liegt auf der band. Es ist natürlich nicht an das 
auch von Lex er, mittelhd. wörtb. I, s. 945 angefahrte gctörcn zu den- 
ken, sondern das wort gehört zu gctnrren. Schon die entsprechende 
bibelstelle hätte darauf weisen müssen; vgl. Rom. 8, 15 und 16 ed. 
Loch. Gerade diese form gethören komt dialectisch auch jetzt noch in 
Tirol häufig vor. So z. b. wird geturren im tale Defereggen im präs. so 
fiectiert: „{ge)tor, {ge)torst , {ge)tor{t), (gc)thüren, (ge)thöret, (ge)thören; 



68 HINTNER , WORTERKLÄRUNGEN 

perf. gethörst und getJiorst; WeinLold, AI. gr. § 382. Auch liier scheinen sich 
die formen von dürfen und dürren vermischt zu haben , was schon Grimm 
im wörtb. II, 1722 bemerkt; vgl. auch Frommanns zeitschr.II, 394, 81; 
VI, 412, 59. Die annähme, dass dürfen und turren auf die gleiche 
Wurzel zurückgehe, ist sowol wegen des anlautes als auch wegen der 
ursprünglich verschiedenen bedeutung beider worte zurückzuweisen. Denn 
für turren haben wir als indogermanische wurzel dliars- (entstanden aus 
dhar- halten, tragen, fest sein und dies wider auf dha- setzen, stellen 
zurückzuführen nach Fick ^ 1031; vgl. Benfey, griech. wurzell. II, 327), 
sskrt. dliarsh-, zend. daresh- , gr. ^aqa air, ■^^aQQ-e7v, lit. dris-t-u, ksl. 
drüs,-a-ti , got.ga-dars, ga-daursan, ahd. tar^ turrun mutig sein, wagen, 
kymr. tralia = trasa arrogantia, superbia, ir. tresa, tressa fortior, gael. 
treise fortitudo, mittelgael. treun stark, mutig, treoir kraft, mut, auch 
wol ir. dar (= lat. durus) firmus, munitus usw. (vgl. Bopp, gloss. 
comp. ^ p. 199, b; Curtius, grundz. ^ 241; Schleicher, kirchsl. 
117; Glück, die bei Caesar vorkommenden kelt. nameu s. 6 und 133; 
Zeuss, gramm. celt. ^ p. 24 und 277; Diefenbach, Celtica I, 159; 
Ebrard, handbuch der mittelgael. spr. 298). Die grundbedeutung aller 
dieser Wörter ist die des kühnen, mutigen. Das wort dürfen iedoch 
lautet im got. thaurhan, alts. thurhhan, ags. tlmrfan, ahd. durfan; 
ksl. trebü nötig. Hintner, Beitr. z. Tirol, dialectf. 17 fg. Hier ist die 
grundbedeutung nötig haben, brauchen. Das wort scheint nicht 
indogermanisch zu sein , wenigstens hat man es bis jetzt keiner indoger- 
manischen wurzel zuweisen können (vgl. Grimm, wörtb. II, 1721 und 
1743). 

Tirolisch geigern. 

In einem teile von Tirol (Nieder - Pusterthal , besonders Iselthal) 
und Oberkärnthen existiert ein wort geigcrn, oder wie es bei Schöpf 
(168) und Lexer (Kärnth. w. 106) geschrieben steht gaiggern -- zwei- 
feln. Lexer und nach und mit ihm Hilde brand in Grimms wör- 
terbuche IV, 5, 1144 stellen es zu gäkern,- gägern. Wer den dialect 
dieser gegenden , wo das wort vorkomt, genau kennt, wird eine andere 
erklürung vielleicht vorziehen. Bemerkt mag noch werden, dass bei 
Schöpf (168) ein druckfehler stehen geblieben; es soll Pust. heissen 
statt Pass. ; vgl. Frommann, zeitschr. V, 341. Ich erkläre das wort 
so. Es findet sich nämlich im Iselthale (resp. Defereggen) von der von 
Frommann in seiner Zeitschrift (III, 347) so schön aber nicht voll- 
ständig erscliöpfciid besprochenen redensart: gott geh ein möglichst aus- 
gedehnter gebraucli. Nicht bloss, dass dort gott gel (das {())ei wie ai 
gesprochen) geradezu für : „ ich zweifle " gebraucht wird , sondern es wird 
gott auch wie im Scliweizerischen (Stalder 1 , 433 fgg.) ganz weggelas- 



U. Klilll.KU, rjKNOVKI'A l'ND illKLANnA (»'.» 

seil. So lioiast /,. Ii. ich zwcillc, oh rr konit: tfci, (tss a kini)) (ass ^ 
dass -= ob; <i = cm*). Von ;i<'i wiinh; (hinii ein verbum ^'ebihh'i mittelst 
der silbe -(jcrn, wio z. b. in sdijijcrn x'KJUt'tt sa^iMi (Schrtpf r)7»ij, 
pfuiggern ji/'id sa<]fen (nicht bei Schöpf), filufificni == gluck maclien 
(Schöpf 11)7), pf)t<iggv})i = pfnag nuichon usw. usw. So, ghiubc ich, 
ist auch gcifjrni «foitildet aus: gci sagen. Das substantivum davon lautet 
geigcr, m. /. h. ös iscli Jcä geifjer = es ist kein zweifei. Auch adjective 
werden gebrauclit: geigcr isch, gcigcrit. 

WIKN. I.M .ll'N'l 1872. \ AI,. IIININKI:. 



DIE DEUTSCHEN VOLKSBÜCHER VON DER PFALZ- 
GRÄFIN GENOVEFA UND VON DER HERZOGIN HIRLANDA. 

Die deutsclien volksl)üclier von der pfalzgräfin Genovefa und von 
der herzogin Hirlanda liaben nicht nur insofern einen gemeinsamen 
Ursprung, als beide nach einem werke des Jesuiten Rene de (Jeri- 
ziors — „Les trois etats de l'innocence, affligee dans Joanne d'Arc, 
reconnue dans Geneviove de Brabant, couronnee dans Hirlande, du- 
chesse de Brabant" ^ — bearbeitet sind, sondern sie rühren auch, 
was bisher noch nicht I)cmerkt worden ist, von einem und demsel- 
ben deutschen Schriftsteller her und gehörten ursprünglich einem 
grösseren werke desselben an. Dies werk ist das Auserlesene 
History-Buch 2 des capucinerpaters Martinus von Cochem, des 
Verfassers vieler erbaulicher Schriften, von denen nicht wenige heute 
noch ' im katholischen Deutschland immer wider neu gedruckt werden, 
die beiden Volksbücher aber sind nichts anderes als unbedeutend abge- 
änderte widerholungen zweier dort im ersten buclie betindlicheu 

1) S. über dies werk näheres Itei J. Zacher, Die Historie von der Pfalzgräfin 
Genovefa, Königsberg 1860, s. 10 fgg. 

2) Der lange, aber charakteristische titcl des buches lautet voUstäudig: Auß- 
erlesenes History - Buch , Oder Aullführliche, anmüthige, und bewegliche Beschrei- 
bung Geistlicher Geschichten und Historien. Darin neben einigen alten, vil neue, 
in jetziger hundert- J.ährigen Zeit geschehene, und mehrentheils unbokänte, denck- 
würdige Hundert Historien Von den wunderbarlichen Urtheilen GOTTES, Von dem 
hochwürdigen Sacrament deß Altars, Von der allerseeligsten Jungfrauen MAKM, 
Von der grossen Kraift deß heiligen Rosenkrantzes , Von Verehrung der Eildnussen 
der Heiligen, Von der kräflPtigen Fürbitt der Außerwöhlten , Von einigen unschuldig - 
verfolgten Gere'chten, Von uuderschidlichen Exemplarisch -Gedultigen, Und von vie- 
len sonderbahrer Weil! Freygebigeu, Auß bewehrten Geschieht - Schreibern gezogen, 
beweglich vorgetragen , und anmüthig zu lesen. Es seynd auch zum Dienst deren, 



70 R. KÖHLER 

geschicliten , iiiimlicli der 70. history „Vou der Verfolgung der unschul- 
digen Hertzogiii Hirlandä" (s. 523 — 552) und der 74. „Von der unschul- 
digen betrangten H. Pfaltz - Gräfinen Genovefa" (s. 597 — 629).^ 

Der text des History - Buches hat in den Volksbüchern ausser gele- 
gentlichen entstellungen durch druckfehler und versehen kleine sprach- 
liche änderuugen erfahren (vertauschung einzelner Wörter mit andern, 
änderuugen in formen, im geschlecht der Wörter, in der rection der 
Präpositionen, in der Wortstellung u. dergl.). Ausserdem ist für das 
Volksbuch von der Genovefa zu erinnern, dass die anrede des P. Mar- 
tiuus au die heilige Genovefa am schluss sowie ein satz in der einlei- 
tung weggelassen sind. Für das Volksbuch von Hirlandä sind noch fol- 
gende abweichungen vom text des History -Buches zu bemerken: es ist 
in 17 kapitel mit Überschriften eingeteilt; die einleitung des 1. kapitels 
ist etwas verändert; die angäbe im 1. kapitel, dass herzog Artus „um 
das jähr 1220" gelebt habe, steht nicht im History-Buch; die anfange 
von kapitel 2 , 3 , 4 , 9 und 1 5 sind verändert , zum teil sententiös erwei- 

SO keine Teutsclie Biblen haben, die fürnembste Biblisclie Historien, auß H. Schrifft 
genommen , und diesem Buch einverleibt worden. Durch P. MAKTLNUM von Cochem 
Capuciner Ordens. Das Erste Buch. Cum Privilegio Sac. Cags. Majestatis, & facul- 
tate Superiorum. Getruckt zu Dillingen, In Verlag und Truckerey Johann Caspar 
.Bencards, Acad. Buchhändlers. Durch Johann Federle. Im Jahr Christi, 1687. 4. 

1) Vom Genovefa -Volksbuch liegen mir- zwei drucke vor: A. Eine schöne, 
anmuthige und lesens- würdige Historie, von der unschuldig - bedrängten Heiligen 
Pfalz- Gräfin Genofeva, Wie es ihr in Abwesenheit ihres herzlieben Ehe;- Gemahls 
ergangen. [Holzschnitt.] Gedruckt in diesem Jahr. 8. B. Eine schöne anmu- 
thige und lesenswürdige Historia von der unschuldig bedrängten heiligen Pfalz- 
gräfin Genovefa wie es ihr in Abwesenheit ihres herzlichen Ehegemahls ergan- 
gen. [Holzschnitt.] Ganz neue gedruckt. 8. A gehört dem vorigen Jahrhundert an, 
B wol dem laufenden. B ist im allgemeinen in spräche und Orthographie moderner 
als A , stimt aber in einzelnen fällen mit dem text des History - Buches mehr überein 
als A. Erwähnt sei noch besonders, dass statt ,, Bischofs Hidulphi" A hat: Hildusi, 
B: Hidelfi; statt Abderodam A: Abdarodam ; statt Martellus A: Marcellus; statt 
Avinion A: Arion, B: Avron; statt Droganes und Drogan (einmal steht im History- 
Buch s. 600 auch Dragonos) A und B: Dragones und Dragon. — Von dem Hirlandä - 
Volksbuch liegt mir ein dem vorigen Jahrhundert angehörender druck vor: Die über 
die Bosheit triumphirendo Unschuld, das ist: Hirlandä eine gebohrne Herzogin von 
Britanien, 7 ganzer Jahr als eine Dienstniagd unter dem Vieh, nachmalen wieder 
nach Hof berufen, doch durch Verläumdung ihres Schwagers zum Scheiterhaufe-n 
verdammt, von ihrem Sohn unbekannter Weise errettet. Vorgestellt in einer anmü- 
thigen Historie, gezogen aus einem französischen Geschichtschreibcr. [Holzschnitt.] 
Gedruckt zu Köln am Eheiu. 8. Görres, Die teutschen Volksbücher, s. 146, gibt 
denselben titel, nur heisst es dort: „gezogen aus des Herren Renatus Cericius fran- 
zösischer Geschichte , aufs neue übersehen , vermehrt und zum Druck befördert von 
einem Liebhaber der Historien. Cöln." 



OUNOVBFA UND IIIKLANDA 71 

tort; in k:i]»itel l.'J ist dio scliildcniiii,' der bcichto ausfülirliclicr j,'C'Wor- 
(l(Mi; in k;i{iit('l 14 siml die iuuchIc au Hirlaiidti: „Ach! du aruie Hir- 
laiida! wer kann usw." und die sätzc aui schiuss: „0 Gott! was für 
usw." hinzugefügt. 

Auf die frage, woher I*. Martinus von Cociieni die geschichten von 
Genovefa und Hirhiiuhi gescliöpft habe, gibt er uns selbst antwurt. Kr 
plk'gt am schluss jeder geschichte über die von ihm benutzten quel- 
k'n reelienschaft zu geben, und so bemerkt er zur Ilirhmda: „Hanc 
Historiani conscripsit D. Kenatus Cericiers in lingua gallica, in germa- 
nieam convertit aliquis Patru)« See, Jesu, quam consuetis Approbationi- 
bus nmnitam impressit Je. Caspar, ßencard. üilingaj Anno 168.5. in 
libro intituhito : Die Unscluüd in drey underschiedlichen Ständen. Ex 
quo eandem desumpsi , i»lurimum abbreviavi, & hisce meis Historijs inse- 
rendam dignissimam judicavi." Zur Genovefa lautet die note: „Hanc 
Historiam desumpsi & abbreviavi ex Kcnato Cerizerio, cujus über de 
triplici Tnnocentia (in quo vita B. Genovefje continetur) a Sorbona Pari- 
sien si est approbatus. De hac Sancta scripserunt plures Authores, sci- 
licet Freherus de stemmate pahitino part. 2. Broverus in Annalibus Tre- 
virensibus & Mohanus de Natalitiis Sanctorum Flandria?, &c." 

Der vollständige titel der in der ersteren anmerkung * von 
?. Martinus erwähnten deutschen Übersetzung des Ceriziersschen Wer- 
kes ist: Die Unscliuld In Drey unterschidlichcn Ständen, mit drey 
weitläuffigen scliöuen Geschichten als mit lebendigen Farben abgebil- 
det, Wie sie nemlich in der Welt Von den Feinden betranget. Von 
den Menschen erkennet, Und von GOtt gecrönet wird. In drey Theil 
abgetheilet. ßey deren jedem etliche Ked -Verfassungen angefüget 
seynd von den Ursachen und Würckungeu der Verleumbdung , imd mit 
was Mitteln mau sich darwider schützen könne. Alles nicht weniger 
annehmlich, als nutzlich zu lesen. Sonderbar fLir das Hochadeliche Frauen- 
zimmer. Erstlich in Frantzösischer Sprach beschriben Durch Herrn 
KENATUM de CERIZIERS. Jetzund aber Von einem Priester der Socie- 
tät JESU Zu mehrerem Nutzen in das Hochteutsche übersetzet. Mit 
Eöm. Kayserl. Majest. Gnad und Freyheit, Und Verwüliguug der Obern. 



1) und in der zur 69. liistory (s. 497— 523), welche betitelt ist: „Wie die 
Gottseelige Jungfrau . Joaniia von Arck . nachdem sie Franckreich erlöst hatte , von 
den Engelländern unschuldiger Weiß verfolgt worden." Die note sagt: 'Hjec Histo- 
ria desumpta est ex ea quam de hac \-irgine in lingua Gallica fusius conscripsit 
D. Renatus de Cericiers: ä quodam Sacerd. Soc. Jesu in germanicum conversa . atque 
Dilingae 1685. per Joannem Casparum Bencard impressa, sub Titulo: Die Unschuld 
in dreyen Ständen.' 



72 K. KÖHLER 

Getruckt zu Dillingen , in Verlag und Truckerey Johann Caspar Beneards 
Acad. Buchhändlers. Durch Johann Federle. Im Jahr, 1685. 8.' 

Nach dieser Übersetzung, öfters mit mehr oder weniger av örtlich er 
bonutzuiig derselben,^ hat P. Martinus die geschichten der Genovefa und 
Hirlanda in seiner weise bearbeitet, indem er an den l)egebenhoiten selbst 
nichts wesentliches verändert,-^ dagegen die darstelluug stark verkürzt 
und zusammengezogen, nur selten erweitert, überall aber ihrer rheto- 
rischen zierraten und ihres gelehrten prunkes entkleidet hat. Was P. Mar- 
tinus in seiner „Vorred" über sein Verhältnis zu seinen quellen sagt: 
„Hierbey hab ich dich, meiii lieber Leser, zu erinnern, daß ich gegen- 
wärtige Geschichten nicht auß meinem Haupt, sonder auß beAvehrten 

1) Für die Genovefa hat der Verfasser dieser Übersetzung einen Vorgänger 
fleissig benutzt. Es ist dies Michael Staudacher, dessen „Genovefa" luii- in fol- 
gender aiisgabe vorliegt: Genouefa, Das ist: Wunderliches Leben und denckwür- 
dige Geschichten der H. Genouefa, Geborner Hertzogin aus Brabant, etc. Mit ein- 
gebrachten sittlichen Lehren und Ermahnungs - Predigen , ein recht Christlich und 
Tugendsames Leben anzustellen ; Beschrieben , Durch P. Michaelem Staudacher der 
Societet Jesu Priester. Superiorum perniissu. Erstlich gedruckt zu Dillingeu. 
M. DG. LX. 12. (Staudachers „Übereignus- Schreiben" an die gräfin Isabella Eleo- 
nora zu Oetingen auf Wallerstein ist datiert: Dillingen, den eilfften Brachmonat 
16i8, die Druckerlaubnis: Landishuti 16. Aprilis 1647.) Staudacher hat Ceriziers 
Genovefa seiner arbeit zu grund gelegt, indem er sie teilweis wirklich übersetzt, 
aber auch viele auslassungen , erweiterungen und zutaten sich gestattet hat. Wo 
er wirklich übersetzt hat, da hat ihn unser anonymus viel benutzt. 

2) Z. b. heisst es in der Dillinger Übersetzung der Genovefa s. 238: 'Alle 
Schmertzen aber, so die Gräfin litte auß eigner Betrangnuß waren gering gegen den 
jenigen, die ihr mütterliches Hertz empfände ab dem Elend ihres Kinds, fürnemb- 
lich da sein kindliches Weinen sich allgemach zu verenderen beguute in ein klägliches 
Lallen , und dise kleine Unschuld selbst anfieug ihr Unglück zuempfiuden. Ofi'ter- 
mahl truckte die mitleydige Mutter disen ihren Schutz an die Brust , seine vor Frost 
erstarte Glidmassen zuericärmen , und wann sie dann sähe, wie das gantze Leihlein 
hebete , so trunge der Schmertzen mit solchem Gewalt zu ihrem Hertzen , daß er von 
dannen in tausend wehniüthige Seufftzer, und gantze Zäherbäch außbrache.' Dem 
cutsprechen bei Cochem die worte s. 611 : 'AUe Schmertzen aber, so diese arme Grä- 
fi,n litte auß eigener Betrangnuß, toaren gering gegen denjenigen, die ihr Mütter- 
liches Hertz ab dem Elend ihres Kinds empfände. Sonderlich da es allgemach 
anfienge etwas zu erwachsen , und sein eigenes Elend zu empfinden. wie offte 
truckte die mitleydige Mutter diesen ihren Schatz an die Brust, seine für Frost 
erfrorne Gliederlein za ertvärmen. Und wan sie dan sähe, wie das gantze Leyblein 
für Kalt bebete , so gienge ihr diß so tieff zu Hertzen , daß sie für grossem Daur nit 
wüste auffzuhüren zu wainen.' 

3) Wenn bei P. Martinus Golo an der jagd, auf welcher Genovefa wider 
gefunden wird, teil nimt, während er bei Ceriziers unmittelbar vor der jagd ins 
gefängnis geworfen wird , so ist P. Älartinus hier der alten , ihm aus Frehers Origi- 
nes Palatina; bekanten lateinischen erzählung gefolgt. 



(IKNOVKFA UNI) IIIUI.ANDA 73 

Authoii'ii und Oescliiclit-sclirt'iboni lioniuM ^cAOifQn, ufhI olmo Vcrän- 
(Icniiio- (lor Substuiitz ticulicli liiclicr jjfcsct/.t luil). W(!ilon ich aber in 
;illoii inoiiUMi SchritVt(fn die Kiiifall, iiii<l Klarh(;it., wie aUch einen liiessen- 
(len styluni uiul Schreibens- Mai Tu -r liebe, als iiab idi zu niehrmahlen 
die Wort der Autiioren mit AI»- und /iis(!t/,iiii^' (dorh ohne wesentliche 
Verändeiimy;) iiinbyeweii(K't, und /u iiudiierer Klarheit gezogen" — dies 
trilVI hier vollständig zu. 

Noeli eine dritte histovie - die 02. — des ersten bucdies des History- 
Huclies — die drei iibri<4en bücher habe ich bisher nicht nachsehen kön- 
nen - erschien im 1 s. j;iliiliuiidert fast unverändert und ebenfalls ohne 
iiennung des verlassers einzeln als Volksbuch: es ist die geschichte der 
Griseldis. ^ 

Endlich sei noch erwähnt, dass in den vierziger und fünfziger jäh- 
ren dieses Jahrhunderts in l'assau mehrere geschichten aus dem History - 
lUich mit nennung des V. Martinus von Cochem in erneuter spräche ein- 
zeln herausgekommen sind, darunter auch die geschichte der Genovefa,^ 
nicht aber die der Hirlanda, 

Ich schliesse hieran zwei bemerkungen zu zwei stellen in Simrocks 
erneuungen der Genovefa und der Hirlanda. 

In Simrocks Genovefa (Die deutschen Volksbücher I, 41?^) lesen 
wir: „Als sie (die verurteilte hexe) nun zum tod ausgeführt und schon 
auf ihre hexeuhürde war gestellt worden, bat sie usw." Aber das 
History -Buch (s, 617) hat: 'in ihre Hexen -Hütten', und die beiden 
mir vorliegenden drucke des Volksbuchs: 'in ihre Hexen -Hütte'. 
Simrocks änderung ist jedenfalls unnötig. 

In Simrocks Hirlanda (Volksbücher XII , 72) heisst es: 'er stiess 
dem Pferde den Degen so tief in den Vorder bauch'. Gustav Schwab, 
Die Deutschen Volksbücher, 3. aufl. , I, 144, hat: 'in den Vorder- 
leib'. Beide beruhen auf der lesart des Volksbuchs: 'in den vordem 
Bauch', Aber das History-Buch, s. 596, hat: 'in den vordem Bueg', 
und ebenso die Dillinger Übersetzung der Unschuld in drey Ständen 
(III, oöo): 'in den vorderen Bueg', entsprechend dem französischen 
original: il plongea son estoc si profondcment dans V espaule du 
clicval. 

WEIMAR. REINHOLD KÖHLER. 

1) Näheres über dieses und die andern deutschen Griseldis -Volksbücher siehe 
in meinem artikel Griselda in der Ersch und Gruberschen Encyklo}iädie. 

2) Unter dem titel : Die h. Genoveva, Pfalzgräfin am Rhein, geborene Herzo- 
gin von Brabant, oder sieben Jahre des äussersten Elendes in öder Wüdniss. Pas- 
sau 1844 und 1853. 



74 A. KIRCUHOPP 

EIN BRIEF GEORG ROLLENHAGENS. 

Ehrnuester Tnd Ehrbar gunstig' schwager vnd freund, wann Gott 
mir noch eine Zeytlang das leben vnd gesuntheyt gönnet , muß icli mich 
endlich zu solcher bestulluug begeben , da ich mit der vnbendige Jugent 
mich nicht biß vflfs letzte alter plagen daril', vnd dennoch in Kirchen 
vnd Schulen Gott, andern, vnd den meyuon diene. Wie icli mich aber 
für dieser Zeyt nicht habe nach Wittenbergk in der Schloßkirchen, vnd 
nach Zeytz an Doctor Habermans stath, vff Churfürstliches Sachsisch 
ansinneu können gebrauchen lassen, darumb das der Zeyt Regenten vnd 
Theologen zu sehr vnd zu gcfehrlich vff die eine seyte giengen. Also 
kann ich mich viel wenig' an bewusten orth beruffen lassen , das dieser 
Zeyt Regenten vnd die Theologen zu sehr vff die andere seyt fallen. 
Dann ich habe nach der Heyligen schrifft, vnd Doctoris Martmj Lutheri 
lehr, durch Gottes segen von Jugent auff gelernet, vnd biß vff diese 
Zeyt geleret vnd noch , wie Philippus Melanthon , vnd insonderheyt Pau- 
lus Eberus in seyne buch vom Heiligen Abendmahl von den streyt- 
sachen berichten, als auch alhie in vnsen Magdeburgischen Kirchen, in 
der Vniversitet Helmsteth, in Pommern, Holsten vnd anderswo gelehret 
wirdt. Vnd ist zwischen meyner lere , vnd der so Doctor Jacob Andreas 
vnd seyne nachfolger auß Schwaben in diese lande einzudrängen sich 
vnterstanden , nicht der streyt von der waren gegenwart vnd mündliche 
nießung des leibes vnd blutes vnsres Herren vnd Heylandes Jesu Christi 
im Abendmahl, vnd von widderlegung der Caluinisten. Sondern von 
Ihrer Vbiqtet, Omnipraesentia , oder allenthalbenheyt des leibes vnd des 
Blutes Christj. Dann gleich wie die Sacramentirer sagen, ßroth vnd 
Wein sey im Abendmahl des Herren, sein warer leib vnd blut, nicht 
nach der that sondern nach dem Namen. So lehren sie gleichsfals der 
andre Articul vnsers glauben s sey war nach den werten vnd nicht in 
der that selbst. Als da wir gleuben der Herr Christus sey nach seynem 
Menschlichen leybe erst im Zehende Monat von der Jungfrawen Maria 
geboren vnd in die weit kommen, wie ein and' Mensch. Aber ohne Mann, 
vnd ohne sünde. Dagegen lehre sie es sey zwar also wie die wort lau- 
ten, aber nach der that sey er in warheyt nicht allein mit seyner vnend- 
lichen Almechtige Gotheyt, sondern auch mit seynem Menschliche leibe, 
für der geburt, bald nach der empfengniß im Himmel, zu Rom, zu 
Babylon ia an allen orten leibhafftig gegenwertig gewese. Aber vnsicht- 
lich. Die geburt sey nur zum schein sichtlich geschehe. Also sey er 
auch zum schein am Creutz gestanden, im grabe versiegelt, durch 
beschlossene thüren gange. So er doch, der gecreutzigte , todte, vnd 
hernach widderlebende leib, eben zu derselben zeyt vnd in dem äugen- 



KIN IIUIKK <i. Kt)l,|,HMlAOKNM 75 

blick nicht im i'yiic oiili alloiii, sondern iilhüitlialbcn leibhafttig gewesen. 
Dculialben sey das leihlialViigc Hellen viid Ilininud fiiliren aiK^h nidits. 
Kv sey damit niclit ein lingerbryt von der Krdc mit seyne leib vinl 
iSoel hoher oder nidri^^t-r komme. Sondern Htdb; lieissc trübsall , Him- 
mel aber lieisse t^otliclie l"]hre di(^ beydcrley dem Herren alhie vfl' erden 
ohne viiterscheid der örter widdert'ahren seyn. Mndlicb sey er auch mit 
seine leibe vnd blute nicht allein im Abendmahl, sondern in allen steyne, 
h(dt/. , laub vnd gral5, vnd wie Polycarpus (sc. Leyserj zu Wittenbergk dis- 
puliret, vnd neulich in einer sonderlichen schrifft andreä soll vorgeleget 
haben an allen vnsaubern orten. Diese lehre ist in viisern vnd allen recht- 
gleubigen kirchen vnd schulen iiir Doctor .Jacob Andreassen ankunft't 
vnerhort, ist auch widder die Heylige schrift't, wiilder der Apostel glau- 
bons articul vnd der altveter Symbola. Dieser grolien wichtige vhrsachen 
halben kann ich solcher lehre collega nicht sein, vnd wann ichs gleich 
sein wolte, würde sie mich doch vffs eusserste Ihrer gewonheyt nach 
verfolge. Ich bedancke mich aber gege dieselbigen die meyne person 
vnd wenigen Name des Ehrenstandes wirdig achte, und gern dazu befor- 
dert wissen wollen. Vnd wünsche von hertzen grund das sie bey diesen 
großen Mangel rechtlerender gelerter Euangelischer Prediger , eine solche 
person antreffen , die sie vff den rechten wegk in fried vnd einigkheyt 
behalte vnd nebe sich zur Ewigen seligkheyt geleyte. Amen. Wunsche 
euch hiemit eine guten tagk vnd alle wolfarth. Dat. Magdeburgk am 
tage Mariae Magdalenae 1592. 

E. E. 

willig' Seh wag' 

Georg Kolleu- 
hage Eector der 

schulen daselbst. 
Adresse : 

Dem Ehnmcsten vnd Elirbaren Fabian Kleben . Frysassen vff de 

newenmarck zu Magdeburg, meine gunstige Scbwager vnd 

lieben freunde. 

Eubricirt : 

KüUhagen 

peeptor scholae Magdeb • 24. Julij • 92. 

Leipziger Stadt -Archiv Loc. VII. B. Nr. lo. : D. Gundermans gewesenen Pfar- 
herns zu St. Thomas Custodia , vnndt von den Herrn Visitatorn anderweit vorgeschla- 
gene Cappellane belangende, Von Ao. 1588 bis 94. Praedicanten schmehen, Schel- 
ten vndt condemniren. Das acten-vol. ist unfoliirt. 

Kollenhagen muss hiernach bei der neubesetzung emer der in folge 
der ciyptocalvinistischen wirreu in Leipzig erledigten pfarrstellen . wahr- 
scheinlich an der Nicolai - kirche , mit in frage gekommen oder vorgeschla- 



76 PEIPER, GLOSSEN ZU BOETHIUS 

gen gewesen sein. Auf einer nur zwei blätter hinter jenem briefe ein- 
gehefteten vorsclilagsliste der visitatoren (vom december 1592) steht 
sein nanie übrigens nicht mit aufgeführt. 

LEIPZIG. ALB. KIRCHIIOFF. 



GLOSSEN zu BOETHIUS. 



In einer Müuchener aus S. Emmeram stammenden handschrift des 
10. bis 11. Jahrhunderts (cod. Monac. lat. 14324 = Rat. S. Emm. 324) 
finden sich dem lateinischen texte des Boethius de consolatione philoso- 
phiae folgende deutsclie glosseu übergeschrieben : ^ 
26, 23. exosa fol. 44 *• hassvnPv. 
26, 31. delicias fol. 44 ** dina sarti. 
46, 12. forenses querimoni^ fol. 51*. dincUhiu mahalasci (vgl. maha- 

lasi, causa. Graft" 2 , 651.) 
65, 10. transigimus fol. 57^. fordouuames (vgl. dcuvjan, digerere, 

trüJiaigere ; fardawjan, digerere. Graft' 5, 233 fg.) 
neben 82, 24 — 26 (. . . inprobos . .. inpunitos . . .) steht am rande: azo. 
85, 3. oratores fol. 64^ sprahman. 
97, 17. poma fol. 66^ epßi 
97, 19. cerberum fol. 66*". hellilmnt 

97, 24. ripis fol. 66''. ßedin (sieht aus wie fteclin) 

98, 33. conpendii fol. 67*. kiimori (vgl. ha- fori, compendium. Graft' 

3, 601) 

99, I, 2. spicula fol. 67". gifoof (vgl. g^-scds , spicula. Graft' 6, 562) 
99, I, 7. trunci fol. 67*. stoccha. 

BRESLAU. R. PEIPER. 

1) Herr dr. F. Keinz ist so gütig gewesen , die angaben nochmals aufs genaueste 
mit der handschrift zu vergleichen. — Die hier beigesetzten Ziffern der seiten- und 
Zeilenzahl beziehen sich auf die ausgäbe von Obbarius, Jena 1843. Z. 



BEITRÄGE AUS DEM NIEDERDEUTSCHEN. 

B e r t. 

Im Spieghel der leyen (Hölsch. progr.) 15* steht: „doch so laet my 
nahen iuive hoert, ich sal iu dit untbinden mit reden gercct." Der 
herausgeber nimt hocrt = scherz, wie im holländischen, aber Diogenes 
wird den gedanken Alexanders nicht scherz nennen. Boert ist gehurt 
und bedeutet, wie sonst wol: kind; vgl. Alex. (Bruns) p. 338: „da se 



W(K8TK , BEITRAdR AIS DUM NIKnKRDKl'TSCHEN 77 

.^mw inirl »lif </<r liarf" iiiid .,r/c ii'ct iral, i/nt du cur hoii dnclisl rtin 
rmiii iindde." Darnach: doch so zeij^t mir curi' i,'t'burt, (euer kiiid d. i. 
euren i^eilauken), ich werde euch davon enthinden mit gründen, die ich 
bereit halte. Untbindcn, wie ujibhidin , ^ auslegen, erklären; vgl. 8 
(Sp. d. 1.): in duetscher facle dar na imtlnindcn. 

Slüke. 
Cläws Bur V. 190. 191 ist zu lesen: 

WiUc ivi des de wärheit sein? 
Vele h ebben geren sinken und stein etc. 
geren, gern; stake, stüken, baumstumpf, stock, 

S ji t e. 

Cläws Bur V. 27U — 272 ist zu lesen: 

Ilebben God unde de recläc nicht to yelätcn, 
Dat de päiveste in erefi säten ^ (Satzungen) 
Hebben vor gröte sunde gescreven? 
1) Gedruckt ist snken. 

U r V e d e. 
Was gewöhnlich unter „urfelide, urfelide schwören, orveyde don 
(^Brem. qu. 145)" verstanden wird, ist bekant. Das wort komt aber auch 
in einer weiteren, seinen bestandteilen (/o-, or = aus = ä privativum 
und fe^ide) entsprechenden bedeutung vor. Im glossar zu Seib. westf. 
urk. siud orvcdd (vom jähre 1277) und iirphede besonders aufgeführt. 
An einer dritten stelle heisst es: „Vruede, op alle gcwonlichc slecJde 
vruede 694; op eine siechte aide gewonde vruede 694, sich auf gewohn- 
ten alten schlichten frieden vertragen." Offenbar hat der herausgeber 
in vruede kein nrvede erkant. V und u haben ihm denselben streich 
gespielt, wie bei vuelen mtd (nr. 712) und bei dem namen Vuclgeisf. In 
der deutung aber ist mit „frieden" das riclitige getroffen. 

Vororsateu. 

In Seib. urk. 753 ist vororsathen für vororsachen zu lesen. Voror- 
safen (540 nr. 99) wird im glossar durch „wirken, verursachen" falsch 
gedeutet. Orsathe (551 nr. 84) erklärt der herausgeber richtig durch 
„ersatz." Darnach bedeutet vororsaten „ersetzen"; so komt es auch in 
Seib. Qu. II, 79 vor und ist = Kölnischem erursassen, s. Wallraf wb. 

B e 1 il t e u. 

MChr. I, 169: „Wo icmcrlike dcd se Sommernat helafcn hedde 
sunder ere schidt." Glossar: „beleiden, leid zufügen ptc. belaten 169." 
Ein ptc. belaten zu beleiden ist unmöglich. .,Jemerlike belaten" bezieht 



78 WCESTE 

sich auf ,,dat he den rade solker undaet fege, s. 168." Heutiges heJä- 
^ew bedeutet „gestaltet, aussehend," z. b. : wu sind sc helätcn? Es kann 
ein mnd. transitivum heJäten = gestalten, darstellen, gegeben haben, 
dessen ptc. hier passen würde. 

Stalen. 

MChr. I, 260: „eyne Msten sunder stalen." Glossar: „Stal — 
sunder stalen? 260." Stale oder stalen, m. ist, wie noch heute, bein 
oder fuss eines tisches, bettes und anderer hausgeräte. Es bedeutet 
aber mnd. und nnd. auch ein muster, eine probe von irgendwelcher 
Sache, und daher eine sogenaute patrone (pattern). Vgl. Selb. urk. 401: 
„que dicitur in vulgari stale," wo die rede ist von einer Kölner probe- 
münze, die dem kaiser eingereicht werden sollte. Ebenso Fahne Dortm. 
II p. 198: stalen = probemünze und Cläws Bür v. 438, 

Uphor, oplior. 

Zu stat uphor (zurück), Cläws Bur 468 wurden belege vermisst. 
Bei F. Dortm. Urk. I s. 104 heisst es: „dey solen are clage don vnde 
gan ophor ande laten sie dey anderen heraden." Ohne verbum steht 
der ausdruck in Namel. u. Val. (Staph. I, 4 s. 250'^), desgleichen bei 
Scheller, Shigtb. 157. Er hat nichts zu schaffen mit up hören, sondern 
ist aus up hoer {up höger) zusammengezogen. Im mhd. lautet er uf 
höher; vgl. livl. Reimchr. ,3879 und 5464, ausserdem die im mhd. wb. 
sub v. hoch angeführten stellen. Erhalten scheint U2)hör in 02)hü (zu- 
rück) der Aachener mundart; vgl. „van de Jcriehse es bekannt — dat se 
öninier gönt ophü; Firm. V. St. III, 234. Unwahrscheinlich ist, dass 
in diesem ojyhü ein A«/ (Mda. VI, 371) stecke; hüf entspricht aber nd. 
hupp und stipp (rückwärts, verkehrt). 

Wie kam aber hoch zu der bedeutung hinten? Vielleicht bezieht 
sich iiphör, wie in obigem Dortm. beisp., zunächst und eigentlich auf 
die ältesten gerichts- und ratsversamlungen. Denken wir uns diese in 
einem wallringe oder in einer Vertiefung,^ so bestieg der umstand den 
höheren rand, um nicht zu hindern, oder auch um besser sehen und 
hören zu können. Für ihn fiel dann das höher mit dem hinten oder 
zurück zusammen. Es lässt sich aber auch denken, dass das zusam- 
menfallen des ho eil und hinten vom tierischen körper hergenommen 
wurde. 

1) So der freistubl im Laumgarten zu Arnsberg. 

Solag tulit. 

„ Unusquisqtie is solig ttiht" (Werd. heb. bei Lac. Arch. IT), 
berichtigt „unusquisque is solag tuht (Z. d. berg. geschichtsv. VI s. 19) 



DEITR.VOK AUS DKM NIKDKHDRUTSCHBN 79 

soll ein ;i(lj. aolifi = schniut/.ig entluilk'ii. Es widersteht aber, in einem 
srhiiftstücke dieser iirt schweiiio Jiiit poetischer umschreibuug „die 
schmut/ifi^e zuciit" genant zu Hiulen. Der ausdruck wäre nicht bloss 
unschicklich, sondern auch überHüssig, da in d(,'ni unniittelltar vorher- 
gehenden die viehart bezeichnet ist. Weistünier und andere Urkunden 
lassen vermuten, dass solag iuht eine bestimmuiig der sogenanten schweine- 
rechte enthalte , nämlich die des sclbstgezogenen viehes im gegcnsatze 
zu angekauftem oder fremdem. Man vergleiche: 

„Porcos eitm corum intucht" ; 'Mos. Osnabr. Urk. p. 78 (a". 1118). 

„Pascal ibi decem porcos sine adjcetionc porcorum qnr. sflffucht 
dicitur"; Seib. Westf. Urk. nr. 223 (a". 1242). 

„Die swi/ne die hie op de{r) hotte gelogen htff't, die. sali hie 
mit dryuen in de wallt, iva dar eckern is"; Kolle des hofes liransel. 

„Schtvein, so er zeuhet auf seiner mist"; Gr. R. A. 522. 

„dass er bei strafe der schüttung nur [für] seine eigene deel- 
zucht und keine fremde schwcinc in den distrikt zu treiben befugt 
bleibe"; Protok. v. 1771 in üiffenigs nachrichteu von Iserl. s. 2u2. 

Solag ist nicht adj. = schmutzig, sondern subst. = schmutzige 
pfütze, Schweineschwemme und bildet mit fuhf ein compositum; vgl. 
ahd. solaga (^) volutabrum. Die schweinepfütze auf südwestfälischen 
bauerhöfen steht noch heute zuweilen mit der düngerstätte (miste, f.) in 
Verbindung, so dass sie den abfluss der mistjauche (südwestf. souge, ahd. 
saune 1. souwe) aufnimt. Seine schwemmeuzucht besagt soviel yäe 
zu cht auf seiner miste, Avas dem angeführten sei flucht, eigene ded- 
sucht usw. gleichkomt. 

Hu$ti. 

Fortgesetztes sammeln des mundartlichen Wörtervorrats zeigt, dass 
manches wort, welches ausgestorbeu schien, noch in der gegenwart 
irgendwo sein leben findet. Hieher gehört auch alts. huoti (hwoti), infen- 
sus, iratus. 

Mud. hoife findet sich bei Scheller, Shigtb. 7 und 188 als compa- 
rativ hoiter == schlimmer. 

Südwestf. haute, haite, von Holthaus heute geschrieben, bedeutet 
böse, gram. Seine verlautung ist genau die von suoti (swoti) zw soite, 
seute, saüte, saite. 

Bord. 

Mehr. I. 1 .34 : ,, Dessen myshagedc de tivischcdinge der clcrke yn 
eren bor den und yn cren clcdcrcn.'^ Glossar: „bordr 134. säum, besatz 
an kleidern." Warum sollte hier der besatz neben den kleidern hervor- 
gehoben sein! Bord ist tiseh, kost; vgl. Z. II, 327. Sonst hatte bord 



80 WCESTE 

im miul.. wie noch heute in „äamicn hord" die bedeutiing- brett; vgl. 
Hotfm. findlinge 43: „hört, dennen hredere:' 

Begrisseii. 

Hoifm. findl. 43 : „ hcgisscf werden , verliimndet werden." Das kann 
es allerdings stellenweise bedeuten; der wahre sinn von „hegissen enen" 
ist aber „Vermutungen über jemand haben oder aussprechen," 

Bisen. 

Hoifm. findl. 43: „hysen, schwärmen, sich umhertreiben." Es heisst 
„wild rennen" und Avird hauptsächlich von dem rindviehe gebraucht. 
Die westfälische form des wortes ist eigentlich hissen mit doppeltem wei- 
chen s, wofür heute südwestf. hidsen eintritt. Mit der bedeutung des 
ahd. hisjön (lascivire) hat es Tappe adag. 185": „Die aide hoe ivill 
hyssetm." 

Panne. 

HoflTm. findl. 43: „Pannen, imbrices, backsteine." Backsteine sind 
Ziegelsteine 7,um mauern; pannen kann nur dachziegel, dachpfanuen 
bezeichnen. 

Daliiig-e. 

Hoffm. findl. 43: ,,Dalinge, täglich." Es heisst „heute"; vgl. 
MChr. I. 125. 176: dalJpncJc; Brem. Qu. (Lappenb.) 96: daUng; Fahne 
Dortm. IV. 255: „o^) dessen dagh dalling datiim dis hrei/fs.'' Sündenf. 
(Schoenem.) öfter: dallinJc, dalink; Schevecl. (Seifart) 104: dalhj; Liliencr. 
volksl. II. 166. 276: dalling. Ebenda III. 329, 21'*: ,.it is daUien sus, 
morien so." 

Oesel. 

Hoffm. findl. 43: „Oesel, tote asche." Ohne die seltene schrift ein- 
gesehen zu haben, halten wir die deutung für ungenau. Oesel, heute 
mit angewachsenem n des artikels: niosel, bezeichnet die glühende sowol 
als die tote schnuppe am lichte, ausserdem unreinigkeiten anderer art. 

Schantse. 

Hoflfm. findl. 43: „Schanze van hrahen, korb mit reisern und 
holzabfall." Schantse ist nicht korb, sondern Ijündel. wie noch heute 
in berg. mundart: sehantsen, reisichbündel. 

Spelien. 

Slüter gesangbuch K 2": „dat yck de groten wunder spech (:seej." 
Gloss. : ,, Specken 'k2* erzählen, verkünden (engl, to speaky Spech sieht 
für sjjeh, was auf see reimt. Spehen ist spähen, forschend hinblicken. 



MÄIII.V, 7.V HCIIII.I.KKS HKAIT VON MKSSINA Hl 

(reue den, iiedeii. 

Snndenf. 2547: „ivan i/c des gcneden dorste" ; 3491: „diU yy 
(Ich dorcn (/cnedcn" ; 2250: „wau wy des vorder dursten nedeii." Im 
«^lossiir ist (icHcdcn uiul nnlm unter (jrmlvu und tiefen gestellt; sie bedeu- 
ten iiber „iviKjcn," wir; d;is entsprechende alts. nathian. 

ISEKL«)HN. i\ wn:.STE. 

(Wird tortgcsctzt.) 



EINE (H)RRUPTEL IN SCHILLERS „BRAUT VON 

MESSINA/' 

Ich habe schon vor einiger zeit in den „Jahrbüchern f. Phil. un<l 
Pädag." von Fleckeisen darauf aufmerksam gemacht, dass eine stelle iu 
der „Braut von Messiua" au arger corruptel leide, diejenige nämlich, 
wo Isabella (nach dem ersten stasimon des chores, oder nach der paro- 
dos, jenachdem man die sache auffasst)^ in längerer, nur kurz von den 
beiden chorfiihrern, dann den beiden söhnen unterbrochenen rede sich 
also äussert: 

Wer möchte noch das alte bette finden 
Des Schwefelstroms, der glühend sich ergoss? 
Des uuterii'dschen feuers schreckliche 
Geburt ist alles, eine lavarinde 
Liegt aufgeschichtet über den gesunden. 
Und jeder fusstritt wandelt auf Zerstörung. 
Ich glaubte nämlich , und glaube noch mit jedem vernünftigen , dass der 
ausdruck „über den gesunden" ein unsinn und unding sei. Die 
Schillerausgaben, welche ich vergleichen kann, bieten keine Varianten, 
bloss die Cottasche von 1847 hat — ich weiss nicht ist es dmckfebler 
oder soll es correctur sein - „über dem (sie) gesunden." 

Ich glaubte und glaube noch, Schiller habe geschrieben über den 
gefilden. Ich hätte nur weiter gehen und die Verderbnis nicht auf 

1) Ein ächter philologe hat mir, ohne sonst etwas vorbringen zu können, 
damals den ziemlich wohlfeilen vorwarf gemäht, ich hätte genauer citieren sollen. 
Ich kann es leider, bei dem maugel an bezeichuung der acte und abteiluugen jeder 
art, welcher dieses drama characterisiert , auch jetzt nicht besser, als oben gesche- 
hen , ich will nur noch , um acht philologischen citateugeistern kein ärgeniis zu geben, 
die pagina dreier Cottaausgaben, worauf die stelle sich verzeichnet findet, anführen: 
p. 36 (1827, band 8), p. 400 (1847, band 5), p. 421 (1835, band 5). — Auch die 
späteren Cottaausgaben, die ich vorgleichen kann, löG5 uud 1871, haben ebenfalls 
„über dem gesunden." 

ZP.IT8CHR. F. DEUTSCHE rHlLOLOGIE. V. BD. Ö 



82 MÄIILY 

diesen einen ausdruck beschränken sollen. Denn in der tat: was sollen, 
näher betrachtet, die vorhergehenden worte „Des unterir dschen 
feuers schreckliche gehurt ist alles?" Wer wird hierin eine 
gesunde, Schillers würdige form, wer einen entsprechenden Inhalt fin- 
den? Es ginge zur not noch an (aber auch nur zur not und würde dem 
massvollen Sprachgefühl , dem ausgeprägten Schönheitssinn Schillers kaum 
entsprechen) wenn gedruckt wäre: Des unterirdschen feuers schreckliche 
geburt frisst alles — aber auch abgesehen von dem ästhetischen des 
ausdrucks könte man, ja müste man sich an der „geburt" stossen, für 
welchen in diesem Zusammenhang schlechterdings kein platz wäre, 
denn das feuer selber, kurz und gut, frisst etwa, nicht aber dessen 
geburt. Dass aber an diesem begriif hier nicht zu mäkeln sei, beweist 
das vorhergehende, wo vom „alten bette" des schwefelstromes die rede 
ist: diesem „alten bette" synonym ist die „geburt," was ein dichter 
doch wol metonymisch für „geburtsstätte" gebrauchen darf. Wie 
aber jene begriffe synonym sind, so wird auch die syntax der beiden 
Sätze synonym, d. h, diese werden parallelsätze sein, in der art, dass 
der zweite von ihnen verkürzt ist und sein regens das aussagewort des 
ersten satzes ist: 

1) Wer möchte noch das alte bette des schwefelstromes finden? 

2) Wer möchte noch des unterirdschen feuers schreckliche geburt 
finden? 

Es ist also hinter „geburt" ein fragezeichen zu setzen. Aber was fan- 
gen wir nun an mit dem fatalen rest: „ist alles" — ? Eine metho- 
dische kritik wird nicht anstehen zu sagen, dass „ist" einen teil des- 
jenigen aussagewortes bildet, dessen anderer, hauptteil, hinter „geburt" 
ausgefallen ist — eine erscheinung, wie sie in dem texte der classiker 
römischer und griechischer zunge bekantlich sehr häufig vorkomt, beson- 
ders wenn das vorhergehende (wol auch das folgende) wort in laut oder 
Schrift ähnlich gestaltet war. Warum solte ähnliches nicht aucli bei 
modernen classikern sich finden? Welches adjectiv oder particip nun in 
der lücke gestanden habe, darüber kann man allerdings zweifeln und nur 
Vermutungen anstellen; ich denke mir etwa: 

Wer möchte noch das alte bette finden 
Des Schwefelstroms, der glühend sich ergoss? 
Des unterirdschen feuers schreckliche 
Geburt? Verheert ist alles; eine l^varinde 
Liegt aufgeschichtet über den gefilden — 
„Geburt" und „verheert" sind, wenigstens consouantisch , 6/notoTfXevTa; 
bei einer schlechten liandschrift können sie auch als vollkommene o/iioio- 
TiXevTu gelten. „Aber das metrum!" höre ich mir entgegenrufen. „Ist 



j 



zu SCHILLERS BRAUT VON MV.8S1NA 83 

die iiiidcruiii,' iiiclit ein ;ittont;it go<((<ii den «(iiteii Heiidekasyllahus?" — 
Gewiss, aber das iiat Schiller zu verantworten und hat es sich aucli 
sonst erlaubt. Dudekasyllabi weist die „Braut von Messina'* eine ziem- 
liche anzahl auf': in derselben rede der Isabella heisst es, acbtÄehu verse 
weiter: „Denn alle schweren thateu die bis jetzt geschehn"; 
eine seite weiter: „Im grabe ruht, der euch gewaltsam bän- 
digte" — aber auch dreizehnsilbige verse lesen wii": „Wenn alles 
andre auf den sturmbewegten wellen des lebens unstät treibt" 
— und in der rede Don Cesars bei seiner ersten begegnuug mit 
Beatrice: „Doch nachgezogen mit allmächtgen zauberban- 
den it hast du mein herz" — ferner sagt Isabella in der erzähluug des 
traumes ihres gatten : 

— sein ganzer stamm 

Durch sie vergehn — und ich ward mutter einer tochter. 
Und so werden sich wol noch mehr finden lassen. Also auch von seiten 
des metrums wäre jener vers geschützt und durchaus kein unicum. 

HASEL. J. MÄHLY. 



Da mir hierorts eine annähernd vollständige reihe von ausgaben 
der Braut von Messina gebrach, aus welcher allein ich ein sicheres urteil 
über die textgeschiehte des verderbten verses und über dessen best- 
beglaubigte Überlieferung hätte schöpfen können, habe ich mich nach 
Weimar an herrn bibliothekar dr. Keiuhold Köhler gewant, mit der 
bitte, mir aus seinem reichen apparate die gewünschte und erforderliche 
auskunft zu geben. Darauf hat mir lierr dr. Köhler mit gewohnter 
gefälligkeit nachfolgende autwort zugehen lassen: 

„Über den gesunden ist freilich uusinn, aber auch nur ein 
druckfehler, der sich schon in dem Mannheimer nachdrucke von 18o4 
der Braut von Messina findet, und seit der Körnerschen Schillerausgabe 
(1814) bis in die vierziger jähre alle Scliillerausgabeu entstellt hat Die 
Cottasche Originalausgabe der Braut von Messina von 1803, die „wol- 
feile mit bewilligung des Verfassers veranstaltete Originalausgabe" Wien, 
Geistinger, 1803, und das Theater von Schiller, Tübingen, Cotta, 1806, 
hatten über (lein Gesunden. 

Und diese lesart scheint mir die richtige. J)as gesunde bildet den 
gegensatz zur Zerstörung. Das gesunde, ungestörte ist von einer 
lavarinde bedeckt, diese und auf dieser ist Zerstörung." 

HALLE. J. ZAOIIER. 



6* 



84 

EINE STELLE IN GOETHES IPHIGENIE. 

Als Joseph sich seinen brüdern zu erkennen gibt, sagt er: ich bin 
Joseph, Ebenso kann er mittelhochdeutsch sagen, aber das gewöhnliclie 
würde sein: ich pin iz Joseph, wie in der Genesis Fundgr, 2, 69, 31 
steht. Benecke zum Iwein 2611 bespricht diese mittelhochdeutsche aus- 
drucksweise und fährt fort „in unserer heutigen spräche ist ein solches 
es unerhört. Dagegen müssen wir jetzt sagen: er fragte ihn auch ob er 
Esau sey; Jacob sprach: ich bin es." J. Grimm im wb. 3, 1116 sagt, 
nachdem er ich bin es, ist ers? usw. angeführt hat , „ der eigenname, 
das appellativ folgen nur selten"; dann gibt er wie in der gramm. 4, 
222 ein paar selbstgemachte beispiele „bist dus Heinrich? ich bin 
es dein bruder, er ist es der könig." Aber man würde sich nicht 
so ausdrücken, oder doch nach es kommata setzen, so dass Heinrich 
vocativ, dein bruder und der könig apposition wären. 

Goethe bietet die von Grimm nicht nachgewiesene construction 
zweimal. Orest bittet 3, 2 seine vorfahren 

zeigt mir den vater, den ich nur einmal 
im leben sah! — Bist du's mein vater? 
und führst die mutter vertraut mit dir? 
Setzte man mit den jetzigen ausgaben ein komma nach du's, so müste 
mein vater vocativ sein und Orest müste den Agamemnon kennen. 
Wir haben also die mittelhochdeutsche redeweise, für die heut stehen 
müste: bist du mein vater? ohne es. In der prosaischen bearbei- 
tuug, die G. von Löper nach einer diplomatisch treuen copie der ver- 
branten Strassburger handschrift (Goethes werke, Hempel 11, 2, 215) 
abdrucken liess, stimmen die drei angeführten verse wörtlich zum metri- 
schen text,^ nur das komma nach du's und das fragezeichen nach vater 
fehlen. 

Die zweite stelle Goethes findet sich in der farce Götter, beiden 
und Wieland, Hempel 8, 272 Wenn Ihr Herkules seid, so seid 
Ihr's nicht gemeint. Wahrscheinlich lässt sich diese redeweise, für 
die in Grimms wb. 3, 1116 das jüngste beispiel aus den gesta Romano- 
rum ist, noch öfter in der litteratur des 17. 18. Jahrhunderts finden. 

BERLIN. OSKAR JÄNICKE. 

1) Es mag beiläufig erinnert werden, dass in den litteraturgeschicliten mit 
hinweisung auf den brief aus Bologna vom 19. october 1786 die Umarbeitung der 
Iphigenie in Italien häufig übertrieben dargestellt wird. Das richtige hat Julian 
Schmidt in einem feuilleton der nationalzeitung (frühjahr 1872 , wenn ich mich nicht 
irre) gesagt. Seitenlang unterscheidet sich die metrische gestalt von der prosaischen 
nur durch die versabteilung und ganz unbedeutende Veränderungen, die der vers 
verlangte. 



85 



ZUR ERINNERUNG 

AN 

TIIEOIIOR JACOBI. 

Ul)or doiii iiijumc. zu dosscii andenken ich diese blätter niederschileb, hat »i<-li 
«his ^'rab Uinj,'st fjcschhisson ; aber es ist ihm bo^'cpnct, dass seine arbeiten bei ihrem 
erschoinoM wenipor boaohtct wurden als in einer späteren zeit, und dass sein naiue 
jetzt (■'•ftor und rühmender genant wird als bei seinem leben. Darum wird ein wort 
des },'edächtnisses für ihn vielen willkouimen sein. Und wenn ieh den kränz der 
crinnerung für ihn winde, so habe ich ein recht dazu als sein schüler, sein freund 
und sein erster nachfolger auf dem Breslaucr lehrstuhle. Ich bin auch einer der 
wenigen germanisten, die ein lebendiges bild von ihm haben, und ward überdies 
von seinem nächsten freunde, dr. Theodor Paur, mit höchst wertvollen brieflichen 
Urkunden bei dieser aufzeichnung unterstützt. 



WiLHF.LM Alexander Theodor .Tacobi ist den 31. januar 181ß zu Neisse in 
Schlesien geboren. Sein vater war der artillerieoberst Paul Jacobi , seine nmtter 
Wilhelminc geb. Bohl verlor er früh. Er und seine zwei gesch>vister , ein älterer 
bruder Adalbcrt und eine jüngere Schwester Paulinc, Avuchsen unter der obhut der 
mütterlichen grossmuttcr auf, da der vater ganz stumpfsinnig ward. Theodor erhielt 
den ersten Unterricht im hause, dann kam er auf das gymnasium seiner Vaterstadt 
und besuchte zugleich , weil er sich dem baufach widmen wollte , die abendstunden 
der neu errichteten gewerbeschulo. Mathematik , uaturwissenschaften und neuere 
sprachen trieb er eifrig, er war ein tüchtiger Zeichner und modelleur, für latein hatte 
er aber wenig sinn und vom griechischen war er ganz dispensiert. Mit vierzehn jäh- 
ren verliess er die schule und trat in das bureau des k. bauinspector Wollenhaupt ; 
aber seine äugen ertrugen das anhaltende planzeichnen nicht, er muste sein lebens- 
ziel ändern und gieng auf das gjmnasium zurück, um sich nun für die Universität 
vorzubereiten. Vom griechischen blieb er befreit, und im lateinischen überwand er 
trotz grossen eifers frühere lücken nicht. Mit erfolg warf er sich aber auf geschichte 
und deutsche litteratur, uud trieb diese, sowie französisch, italienisch und englisch 
auch zu hause auf regste weise mit seinem freunde Theodor Paur. Er war schon 
damals ein grosser Verehrer Goethes. 

Von den lehrern wirkte namentlich dr. Schober sehr günstig auf ihn, ein mann, 
der mit feinem gefühl die schüler nach ihrer eigensten art beuiieilte und grosse 
anrcgung äusserte. Ihm blieb Jacobi allezeit dankbar ergeben und rühmte noch spä- 
ter die geist- und geschmackvolle art, mit der er die alten, vorzüglich Horaz, 
erklärte. 

Am schluss des sommers 1834 machte Jacobi das abiturienteuexamen. Ln 
griechischen, das er nur für sich angefangen hatte, erhielt er natüidich kein Zeug- 
nis, im übrigen ward er reif erklärt. Er bezog nun die Universität zu Breslau und 
liess sich in die juristische facultät einschreiben. Aber obschon er bei Unter- 
holzner, Gaupp und Schön Vorlesungen hörte, so zog ihn doch von anfang mehr die 
politische und litterarische geschichte an. Auch nahm er gleich bei Ritschi eine 
philologische Vorlesung au und las für sich Horaz und Tacitus, begann auch Homer 



86 WEIHHOLI» 

und Herodot zu studieren. Anregend wirkte nach dieser seite auf ihn der lehrer am 
Elisabethgyiunasiuni J. Stenzcl, der ihm einst in Neisse den ersten Unterricht gege- 
ben hatte. Später hörte er auch noch bei J. Ohr. E. Schneider und Ambrosch. 

Einen bewältigenden eindruck aber machten auf ihn die Vorlesungen L. Wach- 
lers über die geschichte des 16. und 17. jahrhundei-ts. Mir liegt die ausführliche 
Schilderung der ersten stunde vor, welche Jacobi bei ihm hörte. Er beschreibt, wie 
Wachler langsam zu seinem katheder in dem nmsiksaal der Universität schi-itt. 
,,Sein gang, schon etwas gebückt, erinnert unwillkürlich an Voltakc, den man oft 
ähnlich abgebildet sieht. Langsam gieng er bis zum katheder, und da stand er nun 
dicht vor mir in seinem einfachen blauen tuchrock, der köpf noch reich geschmückt 
mit schneeweissem haar , das gesiebt sehr zusammengefallen , die äugen etwas starr, 
die Züge schon ein wenig verwischt.* Nun fleug er an vorzutragen, langsam zwar, 
doch mit einer noch männlichen, tönenden stimme, hoher kraft und im genauesten, 
strengsten zusammenhange. Sein stil ist höchst gewählt, bildreich und dabei so 
abgerundet, dass seine vortrage, wenn man sie wörtlich nachsckriebe , seinen gedi-uck- 
ten werken gewiss nichts nachgeben würden." 

Jacobi empfieng hier eine ganz neue anschauung der geschichte und es zog 
ihn mächtig zu diesem studium. Als er sich aber sofort zu den historisch - kritischen 
Übungen Wachlers meldete , wies ihn dieser ab , da die teilnähme daran beim anfang 
der Universitätszeit nur schädlich wirken könne. Aber Jacobi trat dem verehrten 
manne, der ihm durch seine umfassende bUduug und seine echte humanität ein Vor- 
bild blieb , sein* bald persönlich nahe , und als dessen augenlicht mehr und mehr 
abnahm , leitete er ihn täglich zu dem lehrstnhl , so dass er ungeachtet der sonstigen 
zurückgezogenheit eine bekante studentische persönlichkeit ward. 

Am ende seines ersten Semesters beti'achtetc Jacobi die rechts- und staats- 
wssenschaftlichen collegien bereits nur als Vorbereitung zu einem gründlichen 
geschichtsstudium , und im sommer 1835 erbat er von seinem vormuud die erlaub- 
nis, in die philosophische facultät übertreten und sich ganz der geschichte widmen 
zu dürfen. 

Er lebte von anfang an durchaus in seinen arbeiten: studentischem treiben, 
anderer gesclligkeit hielt er sich fern. Er las viel historische werke, studierte beson- 
ders Niebuhrs römische geschichte und beschäftigte sich auch mit Kant und der 
geschichte der philosophie. Mit Neisser Schulfreunden stiftete er ein wissenschaft- 
liches kränzchen , auf dessen gcstaltung Bruno Hildebrand , der behufs seiner promo- 
tion nach Breslau gekommen war, einfluss hatte. Vorträge wurden gehalten und 
beurteilt, und über wissenscliaftliche erscheinuugen gesprochen. Zu den tätigsten 
mitgliedern gehörte Heinrich Wuttke und ein gewisser Fitzau aus Dessau , ein schon 
reiferer student. Jacobi trug unter andern hier eine sorgfältig vorbereitete arbeit 
über Carnot vor. Aber so ernst wie er nahmen es nur wenige und darum löste sich 
das kränzchen, wie fast alle solche vereine, im sommer 1836 auf. 

Ausser den genanten schloss sich Jacobi im ersten universitätsjalu'e einem 
gewissen Wihard mit liebe an, einem eifrigen biblio- und biographcn, der schon 
als gymnasiast unter dem namen E. W. Springauf ein büchlein herausgegeben 
hatte: Schlesiens dichter im neunzehnten Jahrhundert (Breslau 1831), das sorgfältig 
gesammelte nachrichten über die in Schlesien damals lebenden poetcn zusaimiien- 
stellte. Er starb rasch im august 1835 , ohne dass Jacobi von seiner krankheit etwas 

1) Job. Friedr. Ludw, Wachlcr, geb. den 15. april 1764, gest. den 4. april 1838, 
war damals im 71. jähre. 



ZUa EBINNERONO AN TU. JACOBI 87 

f,'<)ulint liiittt). Sc'linicr/Iicli l)Owef,'t schricl) er (hiiiials : ,, Wieder ein uicnHcii, dem ich 
so gerne recht viel gewesen wäre, und dem ich leider gar nichts war!" 

Ich führe diese worto als /eichen der trüben Stimmung an , darunter Jacohi 
sehr häufig litt. Nach fieberhaftem arbeitseifer sank erholt plötzlich zusammen , sein 
ivürjM'r konto nicht weiter, und die leibliciK; schwäche gieng über in sein gemüt. Seine 
ganze empfindung war zart und äusseren eindrücken ungemein ausgesetzt. Wenn er 
in einem gesiebte einen /ug bemerkte, der ihm widrig sciiien , hielt er sich der gan- 
zen person fern; es war ein sittlich -ästhetisches gefühl von grosser strenge, das 
ihm aber den verkehr mit den menschen sehr erschwerte. 

Was ihn innerlich bewegte, sprach er in einfachen dichtungen aus, die seinen 
freunden sehr gefielen, weil sie durch und durch wahr waren. Für einen dichter 
hielt er sich nie, hat wol auch später keinen vers mehr gemacht. Er nahm aber 
schon auf der scliule, wie wir erzälilten, und dann auf der Universität regen anteil 
an der entwiekelung unserer jtocsie. Gern machte er sich alles klar; die frage, 
wolier es komme , dass so viele deutsche mci.stcrwerke die frauen wenig oder gar 
nicht interessierten, wollte er schon in seinem zweiten semester in einer abhaudlaug 
beantworten. 

Von den künsten zog ihn die malerei am meisten an ; er suchte auch hier 
nach geschiclitlichem und ästhetisdiem verstehen, über die Breslauer kunstausstel- 
lung von 1835 schrieb er einen grossen bericht an seinen freund Paur. 

Die geschichtlichen Studien nahmen unter Wachlers und G. A. Stcnzcls lei- 
tung ihren sichern gang. Durch Stenzel erhielt er auch sinn für die schlesische 
geschichte, aus der er sich herzog Heinrich V. von Breslau zur bearbcitung wählte. 
Auf Jicraldik und diplomatik wies ihn zuerst ein rund;,'ang zur osterzeit 183.5 durch 
die Breslauer kirchcn , die au dcnkmälern des schlesischen adels und der Brcslauer 
bürgerschaft ungemein reich sind. Er lernte seine Unwissenheit in jenen hilfswissen- 
schaften dabei gründlich kennen. Handschriftenkunde hörte er bei HofFmann von 
Fallersleben ; ob er auch altdeutsch bei ihm begann , weiss ich nicht. Bei Stenzler 
nahm er sanskritgrammatik an. 

Jacobi vcrliess ostern 1837 Breslau und gieng, um Aveiter zu studieren, im 
mai nach Berlin. Die schlesische Universität hat mehr als die meisten ihrer Schwe- 
stern einen ausgeprägt provinziellen Charakter. Zwar studieren auch Lausitzer liier, 
aber dieselben unterscheiden sich von den deutschen Schlesiern wenig oder gar nicht. 
Das abgesonderte oberschlesisch- polnische element, so wie die Posener und West- 
prcussen bilden gruppen für sich, die für das allgemeine geistige leben ohne bedeu- 
tung sind. Es sind stets gute köpfe und fleissige arbeiter in der Studentenschaft 
gewesen , allein die gi-osse masse lässt sich behaglich im ströme der mittelmässig- 
keit treiben ; eine lebhafte wissenschaftliche bewegung äussert sich nur in sehr klei- 
nen la-eisen. Wir wollen hier nicht untersuchen, woran das liegt? ob die landesart, 
ob die docenten einen teil der schuld tragen, genug es ist so. und wer einmal selbst 
von Breslau nach Berlin oder Halle oder Leipzig zog, den von Schlesiern am mei- 
sten besuchten andern Universitäten , wird ohne zweifei die Verschiedenheit des gei- 
stigen klimas deutlich empfiinden haben. Jacobi empfand sie auch. Im anfang über- 
fiel ihn ein heimwehartiger kleinmut, von dem auch andere erzählen können, tlie 
von der Oder an die Spree kamen; dann aber arbeitete er sich bald in die neuen 
Verhältnisse mit ihren weiteren aus- und einsichten und dem rascheren flusse des 
lebens. Sein früh entwickeltes politisches interesse fand im mittelpunkte des Staates 
reiche nahrung; seine kunstliebe erquickte sich au den historisch geordneten schätzen 
der köuiglichcu geniäldesamlung im museum und an der Raczynskischen gallerie, 



88 WEINHOLD 

in der ihn der eben aufgestellte carton der Kaulbachschen Hunneuschlacht lebhaft 
ergriff. Nicht blos zum vergnügen des schaucns wanderte er so oft als möglich in 
jene räume , sondern mit dem ernsten bedürfnis , die geschichte der maierei zu ler- 
nen und sinn und bedcutung des schönen zu begreifen. 

Was aber das wichtigste war, er trat in Rankes historische gesellschaft ein 
und genoss des meisters anleitung zur quellenkritik. Es rührt in seinen briefen die 
vergleichung zwischen Ranke und Stenzcl zu lesen , an dem er mit treuem eifer hieng: 
an Ranke rühmt er die grössere schärfe im zergliedern und die feine Sorgfalt im 
einzelnen , an Stenzel dagegen das männliche urteil , die kräftige gesinnung und 
seine vortreffliche anleitung zur gelehrtengeschichte. Jacobi war wenigstens in sei- 
nem ersten Berliner Semester mit Hirsch , Hermann und v. Sybel zusammen in den 
Rankeschen Übungen. Seine absieht, den steirischen Chronisten Ottokar zu unter- 
suchen , fand bei Ranke beifall , und unter dessen einfluss erweiterte er seinen frü- 
heren plan einer geschichte Rudolfs von Habsburg zu dem eines Werkes über die 
quellen der deutschen geschichte von 1250 bis 1350; darnach wollte er die geschichte 
dieser zeit schreiben, wobei vorzüglich die inneren Verhältnisse des volkes zur dar- 
stellung kommen sollten. Sofort legte er sich eine samlung culturhistorischer lese- 
früchte an und seinem weitfliegenden sinne dämmerten bald in der ferne künftige 
Vorlesungen über allgemeine, wenigstens über europäische culturgeschichte. Beson- 
ders zog ihn auch der gedanke an, eine geschichte der gründung des Christentums 
in Deutschland zu arbeiten. 

Jacobi besuchte in Berlin auch das privatissiraum bei Wilkcn , später die Rit- 
tcrschen Vorlesungen und hörte Boeckhs encyclopädie der philologie. Bei den Philo- 
sophen kostete er herum und bedauerte dann sehr, Braniss in Breslau nicht mehr 
benutzt zu haben. Überhaupt fühlte er sich von den Berliner professoren nicht sehr 
angesprochen , er fand eine gewisse kahlheit und mangel an ästhetischer abrundung ; 
auch an Rankes Vortragsart gewöhnte er sich erst allmählich. Dagegen machte Lach- 
manns klarheit, schlichte ruhe und gediegene gelehrsamkgit eindruck auf ihn. Er 
besuchte gleich anfangs seine deutsche grammatik und scheint auch noch Wolframs 
Parzival bei ihm gehört zu haben. 

Sein ziel , als akademischer Ichrer der geschichte zu wirken , trat nun fest vor 
seine äugen , und er sti'ebte ihm , trotz körperlicher liemmungen und dem daraus 
entspringenden druck auf sein gemüt, mit der ganzen sittlichen kraft seines wesens 
entgegen. Nur eine einzige Stellung erschien ihm der des Universitätslehrers vorzu- 
ziehen : „Sie zu bezeichnen und im voraus jeder falschen Voraussetzung entgegen zu 
kommen, schrieb er am 21. januar 1838, brauche ich nur einen mann zu nennen, der 
in ihr das höchste erreicht zu haben scheint, ich meine Dupin. Sieben jähre Präsi- 
dent einer erlauchten vcrsamlung, allen parteien aclit\ing gebietend, ohne einen neben- 
buliler aucli nur im zeituugsgeklatsche zu erhalten, bei allen stürmen verscliicdencr 
ansiclit nicht mit dem rechten oder linken flügel stimmend, sondern für den, der 
recht hat — was kann es grösseres geben?" 

Viel Umgang mit altersgenossen scheint Jacobi in Berlin so wenig gesucht zu 
haben als in Breslau. Er traf hier seinen früheren freund Fitzau und geriet durch 
diesen ein paarmal iu den Berliner dichterverein : er sah da Ferrand , Arthur Mueller, 
Kossarski, Rebenstein, Wiener, und ausser dem club auch Kutschcit. Aber er zog 
sich rasch zurück, weil die meisten dieser poeten sich in lockerem leben, namentlich 
in Aveinhausfreuden im stil Hofmanns und Devrients behagten und ihr kleines talent 
mechanisch verdrechseltcn. Auch an Fitzau entdeckte er ungünstige Veränderungen; 
sein urteil über ihn und andere ältere freunde fiel herb aus. „ Schilt mich nicht, 



ZUH EaiNNERDNU AN TU. JACOlil 89 

srlirii'l) er da oininal soincm Tli. Paiir, diiss ich nit-iiii" froiiml«' ho hart »lustere. 
Midi schiiiorzt es ja selbst. Wif fjcrn wollt icli iiiicli seihst dafür hiiif^ehi.ii , wenn 
icli an iliiii-n das dafür ändern könto, was ich als unhoil bringend eriicnne. I»ie 
frcuiKlschaft, die liclx' Icj^t luoineni auj^o keine binde nni, ich überlasse niicli keiner 
angencdunon tänschnn/r, wie ich raicli denn aucli über mich nicht zu täaschcn fjlaube." 

Erquickunj,' <,'i'\viilirten ihm während seiner Berliner zeit öftere fahrt^üi nach 
Potsdam, wo eiiir fn uiidin seiner mutter, eine Frau v. d. Osten, lehte, bi;i der er 
fjeistiges und geniiitliches Verständnis fand. In das Mendelssolinsche haus in Berlin 
hatte er sich eingang vorscliatft und verlebte da genussreiche stunden , ja er bil- 
dete hier sogar zu seiner eigenen Überraschung durch festen willen kleine gesellige 
talonte aus. 

Ostern 1838 gieng Jacobi auf längere zeit nach Neisse und dann noch einmal 
nach Berlin zurück. Unterdessen hatte der gedanke, sich in Breslau zu habilitieren, 
in ihm wurzel gcfasst. Im oct ober 1H38 richtete er sich hierein, las viel altdeutsches 
und begann seine abliandlung über Ottokar ernstlicher. Er arbeitete angestrengt ; 
seine einzige crliolnng waren das dienstagskränzchen der iirivatdoccnten, zu denen er 
zutritt erhielt, und der dounerstagsabend , wo Stenzel seine bekanten bei sich empfieng. 
Jacobi fühlte sich in Breslau im anfang angei'cgt und productiv; er verkehrte viel 
mit H. Wuttke und Br. Hildebrand, und entwarf mit diesem den plan zu einer ency- 
doiiädic der deutschon altortuniswissensciiaft, welche sie nach einigen jähren heraus- 
geben wollton. Jacobi trug allerlei dafür zusammen. Auch die neuesten erschcinun- 
gen der schönen litteratur beobachtete er: aus den gedanken über Grabbes Don Juan 
und Faust, verglichen mit dem Goethescheu Faust, wollte er einen aufsatz über die 
idec des teufeis gestalten. Er blieb aber ungeschrieben. 

Die disserüitiou hielt ihn länger auf als er erwartet hatte. Endlich war sie 
bei der philosophischen facultät eingereicht, das examen folgte und am 27. august 
1S31) ward Th. Jacobi nacli der üblichen disputation zum doctor promoviert. Seine 
stroitsätze betrafen Riideger von rechlaren, herzog Heinricli V. von Breslau - Lieg- 
nitz , die bedeutung des Wortes deutsch , die uotwendigkeit die philosoiihische gram- 
matik auf historisches Sprachstudium zu grüudeu, und die zahl der römischen cen- 
turicn. 

Der proraotion folgte nach einigen wochen die hahilitation. Jacobi hielt dazu 
vor der facultät einen Vortrag über die deutschen volksepen des 13. Jahr- 
hunderts, insbesondere über den Ursprung der deutschen heldensage , und vor den 
Studenten eine Probevorlesung über Ursprung uud wesen des rittertums. 

Die wähl jenes themas zeigt, wie entschieden sich Jacobi nun den altdent- 
sciien Studien zugekehrt hatte: so war er von mathomatik und naturwissenschaft 
zuerst zu gesclüchte und schöner litteratur übergetreten und stund jetxt auf der 
brücke in das sprachliche gebiet. 

Unter gescliichte und deutsche spräche und litteratur teilte er von anfang seine 
lehrtätigkeit, allmählich trat tlie geschichte sehr zurück und die vergleichende gram- 
matik kam dafür hiuzu. 

Im Winter 1830/4:0 erscheint er noch nicht im Iudex lectionum. Dann hat er 
folgende Vorlesungen angekündigt:* 

Sommer 1840. 1) * Cultiirgeschichte des deutschen Volkes bis zum ende des rait- 
telalters. 3 m. 2) Denkmäler der deutschen spräche vor dem 12. Jahrhun- 
dert. 3 m. 

1) Die mit * bezeichneten Vorlesungen las er publice. 



90 WEINHOLD 

Winter 1840. 1) * Geographie von Deutschland, l ra. 2) Deutsche litteratur- 
geschichte. 3 in. 3) Deukuiäler der deutschen spräche vor dem 12. Jahrhundert. 
Fortsetzunf]:. 
Sommer 1841. 1) * Geschichte und grammatik der deutschen spräche. 2 m. 

2) Geschichte des mittelalters. 4 m. 
Winter 1841. l)'*Litteraturgeschichte des 18. jalu-hunderts. 2 m. 2) Wolframs 

von Eschenbach Parcival. 4 m. 
Sommer 1842. * Litteratui'geschichte des 18. Jahrhunderts. 2 m. Fortsetzung. 
Winter 1842. 1) * Geschichte der schwäbischen kaiser. 1 m. 2) Deutsche gram- 
matik. 4 m. 
Sommer 1843. 1) * Geschichte der deutschen litteratur des 18. und 19. Jahrhun- 
derts. 2 m. 2) Geschichte des 18. Jahrhunderts. 4 m. 
Winter 1843. 1) * Hartmans v. d. Aue Gregorius auf dem Stein. 2 m. 2) Litte- 
raturgeschichte der neueren zeit seit 1500. 4 m. 3) Altnordische grammatik. 2 m. 
Sommer 1844. 1) * Erklärung des Nibelungenliedes. 2 m. 2) Culturgeschichte 
des mittelalters. 4 m. (Die Vorlesungen fielen durch eine notwendige badereise 
aus). 
Winter 1844. 1) * Erklärung des Nibelungenliedes. 2 in. 2) Geschichte der deut- 
schen litteratur. 4 m. (Ausserdem las J. in diesem winter den anfang der ver- 
gleichenden grammatik.) 
Sommer 1845. 1) * Geschichte der litteratur des 18. Jahrhunderts. 2 m. 2) Ver- 
gleichende grammatik nach Bopp. 4 m. 3) Angelsächsische grammatik und erklä- 
rung des gedichts Andreas. 
Winter 1845. 1) * Littcraturgeschichte des 18. Jahrhunderts. Zweiter teil. 2 m. 
2) Deutsche grammatik. 4 m. 3) Erklärung der gedichte Walthers v. d. Vogcl- 
weide. 
Sommer 1846. 1) * Erklärung des Nibelungenliedes. 2 m. 2) Culturgeschichte des 

mittelalters. 4 m. 3) *Litterarhistorische Übungen. 
Winter 184G. 1) * Gedichte Walthers v. d. Vogelweide. 2 m. 2) Geschichte der 

neueren litteratur. 4 m. 
Sommer 1847. 1) * Über Goethe. 2 m. 2) Vergleichende grammatik nach Bopp. 4 m. 
AVinter 1847. 1) * Deutsche mythologie. 2 m. 2) Littcraturgeschichte des mittel- 
alters. 4 m. 
Als sicli Jacobi habilitierte , hatteH offmann von Fallersleben die ordentliche pro- 
fessur der deutschen s])rache und litteratur inne; August Kahlcrt hielt neben seinen 
philosophischen auch litterarhistorische Vorlesungen , und Gustav Freytag war seit mai 
1839 für deutsch privatdocent. Trotzdem war für einen jungen lehrer, der die ger- 
manischen Studien ernst und gründlich behandelte, boden zu gewinnen. Zu Jacobis 
ersten zuhörern gehörte Emil Sommer. Ich habe im winter 1843/4 zuerst bei ilim 
gehört, nachdem ich mich auf eigene band durch Grimms deutsche und Bopps sans- 
krit-gramniatik gearbeitet hatte. Wir hatten unser sieben uns zu der angekündig- 
ten altnordischen grammatik gemeldet, eine zahl, über die Jacob Grimm erstaunte, 
als ich ihm davon erzälilte. Darunter waren der schon zum dr. juris promovierte 
Franz Förster und Albreclit Weber. Nacli der grammatischen, aus Grimm gezogenen 
Übersicht über laute , formen und wortl)ildung 1)egannen wir capitcl der Ynglingasaga 
zu lesen, die wir uns aus der Scliöningschen Heimskringla abscbriebou. Damals 
lagen die hilfsmittcl für germanistische Vorlesungen noch nicht so bequem auf dem 
markte wie heute. Jacolji dachte daran , ein ]jaar bogen altnordischer texte mit Wort- 
verzeichnis drucken zu lassen, als das Dietrichsche lesebuch erschien. Im folgenden 



ZDE KBINNERlIN(i AN TU. JACOHl iJl 

Sommer, doii Jucohi meist in S;ilzl>niiiii /uliiiii;,'cri muHto, lialjo ich niicli Hi-iiifr riifk- 
kelir gimz iillein eiiiif^e KdilaliiMK r \)i:'\ iliiii f,'olcsen. l)!inii im fol^jtiiiliii wiiiter 
hörte ich die ütterat Urgeschichte und die verj;h;icheiidi; gnimmatilc, vi»ii Ijuitleii uhor 
verhiiltnismiissig wenig, da er grade diesen wintcr viel kränkelte, 

.lacobi war kein glänzender d(tcent, aber er sprach frei und flicKHund: stehend, 
die arme gekreuzt, trug er ruliig und in grordiieb'r rede, der man die innere teil- 
naliiiio oft anmerkte , vor. Kr war eine reÜecticrende natur si Ibst auf dem kathedcr. 
Zur vollen goUung als bdiror zu k(jnimeii, hinderte iiin ein mangel seiner natar: er 
hatte oft bemerkt, dass ihm einzelne vortrage, zu guter stunde gewissermasseii und 
nach langer Vorbereitung gelängen , aber dass er geistig und körperlich bankerutt 
mache, wenn ein und dieselbe forderung immer widerkehre. Nervöse aufgeregtlieit, 
Schlaflosigkeit, leibliche Störungen stellten sich ein und er muste die Vorlesungen 
unterbrechen. Das liat ilin auch an ausführung des jdans einer reihe vortrage vor 
dem grössern publicum geliiudert, die sich in verschiedenen wintern über (ioethe, 
über deutsche litteraturgesehiclite , über culturgeschiclite verbreiten sollten , und 
wodurch er sich eine gemeinde zu bilden hoffte, wie sie der geistliche sich nach und 
nach bildet. 

Für exegotica war er nach meiner crinncrung wenig angelegt, die eigentlich 
philologische ader gieng ihm ab. Als er im wintcr 1844 erklärung des Nibelungen- 
liedes angekündigt hatte, erschienen in der ersten .stunde etwa sechs Studenten, 
.laeobi begann mit der metrischen form , sprach über den bau des altdeutschen ver- 
ses sehr geistvoll, aber gab uichts von dem, was die meisten zu hören erwarteten, 
und so kam das colleg nicht zu stände. 

Die erste grössere arbeit, mit der Jacobi auftrat, war eine geschichtliche: 
("odex epistolaris Johannis regis Bohemiae. Briefe des Königs Johann 
von Böhmen, seiner Verwanten und anderer Zeitgenossen nebst Aus- 
zügen aus Urkunden desselben Königs als einer Ergänzung zu Böh- 
mers Regcstcn. Berlin 1841. (Ss. XVI. 112. 4"). 

Das buch ist Stenzel gewidmet ,,mit innigstem dank für rat und Unterstützung;" 
durch ihn war Jacobi auch auf die im Brcslauer provinzialarcliiv aufbewahi-te brief- 
samlung aufmerksam geworden. Die cinleitung ist für seine art bemerkenswert. Er 
spricht über die verschiedenen arten geschichtlicher quellen: kroniken, Urkunden, 
briefe als gesondert nach ihrer bezieluiug auf Vergangenheit , zukunft und gegeuwart, 
und gibt dann eine Übersicht über den inlialt der briefe, indem er crgebnisse für die 
kentnis der zustände jener zeit daraus zieht. 

Ich nante vorhin Jacobi eine reflectiereude natur selbst auf dein kathedcr; er 
war es überall. Ihn reizte nicht der tatsächliche bestand, sondern der grund und 
das werden der ersch einungen. Dadurch fand er auch seine eigentümliche stelle in 
der Sprachwissenschaft. 

Zum ansdruck kam dies in der abhandlung über den a blaut, die mit zwei 
anderen kleineren arbeiten unter dem titel 

Beiträge zur deutschen grammatik. Berlin 1813. (Ss. VI, ISKj. 8".) 
erschien. In der vorrede bekent er offen, dass er in ansieht und methode von Grimm 
und Bopp abweiche. Das geschehe nicht aus mangel an Verehrung, soudern weil 
jedes lebendige weiterarbeiten bis zn einem brstimten grade gegen die bestehenden 
Systeme der Wissenschaft sich richten müsse; der contlict mit ihnen sei das zeichen 
der productivität, .,Dass der Verfasser gleichmässig Grimm und Bopp studierte und 
doch auch an den ariieiten für ph\ siologie der spräche , sowie an den sprachphJloso- 
phischen arbeiten Humboldts und Beckers auteil nahm, war was ihm seine ausichtcn 



92 WEnraoLD 

schuf und seine fragen dictierte. Dem antiquarischen und nationellen streben Grimms 
gegenüber fühlt er sicli mehr zum historischen und allgemeinen hingetriehen. Sein 
ideal wäre nicht, das uralte gemeinsame erbe aller germanischen stamme im geheim- 
nisvoll gewobenen Sprachbau, in recht, sitte und sage wider aufzudecken, und der 
nation als den ursprünglichen kern ihres wesens vorzuhalten. Er kann vielmehr 
darin nur eine seite der sache erblicken, und wünscht, dass sich bald an die dar- 
stellung der deutschen spräche als der allmählichen Umgestaltung eines ursprüng- 
lichen Organismus , die doch immer selbst gegen den willen des darstellers den ein- 
druck einer history of the decline and the fall of german language macht, die dar- 
stellung anschliessen möge , wie das geistesleben der nation sich in der spräche als 
einem getreuen bilde seiner allmählichen entfaltung nach zeigt und für alle formel- 
len Verluste reichlichen ersatz schafft. Man würde dahin gelangen, wenn man mit 
der betrachtung der form eine tiefer eindringende betrachtung der bedeutung, mit 
der geschichte der erscheinungen auch die erwägung der Ursachen verbände. Grimm 
hat die etymologie in die grammatik geimpft und dadurch ihr altes starres regel- 
wesen in fluss und beweguug gesetzt. Jetzt tut es not, in die historische gramma- 
tik die Physiologie und die philosophie hineinzutragen, dem märchenhaften „es war 
eilmial" grenzen zu setzen, und was äusserlich geschieht , aus dem geistigen process, 
der es hervorruft, oder aus der beschaffenheit der menschlichen organe zu erklären. 
Dadurch allein kann die geschichte unserer muttersprache , die in so lebendigem bUdc 
vor uns steht, auch ein äuge bekommen, durch welches wir dies innere leben ver- 
stehen lernen." 

Jacobi hat in diesen Worten seine auffassung der deutschen grammatik pro- 
grammässig verkündigt. Schon in den Vorlesungen über geschichte und grammatik 
der deutschen spräche im sommer 1841, deren entwurf mir vorliegt, zeigt sich sein 
trieb nach Selbständigkeit. Er orientierte sich damals auf dem linguistisch^ gebiete 
und fand die i>unkte für seine nächsten germanistischen Untersuchungen. Es ist ihm 
dabei immer um das begreifen der entstehung der formen zu tun. ,,0b Sie con- 
jngiercn lernen, sprach er zu den zuhörern, ist mir gleichgiltig; nur um das wer- 
den ist es mir zu tun." Bei der darlegung des ablauts stellt er sich mehr zu Bopp, 
als zu Grimm, aber obgleich er demnach diesen vocalischen Vorgang als mechanisch 
und ursprünglich bedeutungslos auffasst, gesteht er doch zu, dass er in den germa- 
nischen sprachen sich mit der bedeutung verband. Er hat also den vermittelnden 
Standpunkt zwischen Bopp und Grimm schon gefunden, den er in jener abhandlung 
über den ablaut, seiner bedeutendsten leistung, bestirnter und tiefer entwickelte. 

Jacobi geht von den bedenken gegen die Grimmsche dynamische erklärung des 
ablauts aus. Das eine ist das unerklärt gelassene , rätselhafte eintreten eines vocals 
für den andern; das zweite die aas der sanskritgraramatik genommene mechanische 
erklärung Bopps, nach welcher der ablaut eine Zusammensetzung, d.i. eine vorschie- 
bung von a vor die andern vocale a, i und u ist. Jacobi prüft nun diese Boppsche 
theorie und findet, es sei gar nicht klar zu maclien, wie das einschieben eines lau- 
tes in eine geschlossene silbe und das verschmelzen desselben mit dem schon vor- 
handenen vocale erfolgt sein solle. Die entstehung eines vocals für einen andern 
könne, wenn kein zusatz von aussen erfolge, nur als eine verwandelung des letztern 
betrachtet werden. Jede verwandelung beruhe auf dem gegensatze, dass die laute in 
einer hinsieht als gleich, in einer andern als ungleich gelten. Das gleiche wird als 
eine gemeinsame qualität, dss ungleiche als eine verschiedene quautität gefasst wer- 
den können. — Durch aufstellung der gewichtsklassen komt Jacobi dann zu dem 
satz , dass alle Steigerungen der vocale auf einer in geist und orgau der sprechenden 



ZlMl KHINNKHUNO AN TU. JAtuiu 93 

kIcIrt t'inpl'uiKli'iieii untorschoiJuiif; vcrschiitlcnor k*^'""" iilj>,'<;iii(rt.s.'ii.r grade der kralt 
bcrulion. Wie ontstehoii über die gesteigerten vocaleV Durch «tetiges wa<h«tljuiii 
oder durcii i)lötzliclieu spriiiigy — Jacob! entscheidet sich fiir den Sprung, naefi 
anab>gie des jäJieii abfalls von d zu /, und weil ein ununterbrochener Übergang niehts 
weniger als eine ununterbrufhene reibe von cntdecliungen verlange. Durcli herbei- 
zieliung der i»hysiüb)gi.schen untersueliungon Kenipeleus und Joh. Müllers gewint er 
dann die naturwissenschaftliche begründung der qualitätsreihen und wendet «ich 
darauf zu dem deutschen ablaut, zunächst im starken verbum. Er erklärt ihn als 
eine erscheinung, welche unter bestimten umständen bestimte an sieii bedeutsame 
Veränderungen begleite, lindet ferner dass er in den Verhältnissen der einzelnen Wur- 
zel zudem beiwerk der cunjugatiun (suflix und tiexion) seinen grund habe, und dass 
die betonung der Wurzel eine wesentliche bedingung sei. Da lange vocale, wie sich 
durch tue reduplicierenden verba zeige, im allgemeine« dem ablaut fremd blieben, 
bestehe sein wesen in einer Steigerung. Dieselbe geschehe durch ein Wirkung der 
endungen auf die wurzel, und zwar sei sie nicht blos auf die noch vorhandenen, 
sondern auch auf die ursprünglichen aber abgefallenen vocale zurückzuführen. Aus 
dem gotischen ablautenden verbum ergebe sich: 
Wurzel -t vor i oder u bleibt i, 

vor erhaltenem a wird ei 

vor abgefallenem a wird ai. 
Wurzel -w vor * oder u bleibt u, 

vor erhaltenem a wird in, 

vor abgefallenem a wird au. 
Wurzel - a vor i oder u wird c, 

vor erhaltenem a wird /', 

vor abgefallenem a bleibt a. 
Hieraus folgert Jacobi: 1) vocale von älmlichem gewicht lassen sich unverändert, 
2) vocale von abweichendem gewicht bewirken eine eigene art von assiniilation , die 
mit Steigerung verbunden ist. Sie lässt sich bei ai und au aucli als erhebung des t 
und u auf die gewichtstufe des a erklären, bei e aber kann mau nur an eine laut- 
liche annäherung des a an i denken. 

Nach einer abschweifung auf das sanskritische guna und vrddhi im verbum 
geht Jacobi den ablaut bei der deutschen wortbUdung, in den declinationsendungen, 
in den partikeln und im dialecti;chen lautwechsel durch, wobei erweitere bestätigung 
jener gefundenen zwei sätze erhält. 

Es lässt sicli kaum läugnen , dass Jacobi , auch wenn man von der gleichgil- 
tigkeit absieht, mit der im ganzen zu jener zeit linguistische arbeiten in germani- 
stischen kreisen betrachtet wurden, selbst einige schuld daran trägt, dass seine 
gelehrte und feine arbeit wenig beachtuug fand.' Er öffnet, mii mich Berth. Rum- 
pelts wort zu bedienen (Deutsche grammatik 1 , 125) gleichsam den muud , um das 
letzte entscheidende wort zu sprechen , spricht es aber nicht. Er nutzt seine ent- 
deckung nicht aus mid bringt sie nicht in scharfe formein. So geschah es , dass die 
abhandlungen Ad. Holzmanus über den umlaut (Carlsruhe 1843) und über den ablaut 
(Carlsruhe 1844) Jacobi in den schatten stellten. 

1) Ich war mit der erste , der Jacobis ansichten über den ablaut durch mein Mittel- 
hochdeutsches lesebuch (Wien, 1850. s. 119 fgg.) weiteren kreisen bekant machte. Veran- 
lasst ward hierduich auch die im Kiakauer gpimasialprograxum von 1856 gedruckte arbeit 
M. Lexers, der ablaut In der deutscheu spräche, welche JucubLs Untersuchung populär 
darausteilen suchte. 



94 WEINHOLD 

JacoLi hatte von Holziuanns ai'beiten , deren anfange schon 1841 in den Hei- 
delberger Jahrbüchern erschienen waren, keine aluuing, und Holzmann wüste nichts 
von Jacobi. Ich erinnere mich noch , wie neidlos sich Jacobi über diese Untersuchun- 
gen des Heidelberger forschers freute, als er sie kennen lernte, und wie er in ihrer 
beider Übereinstimmung in den wesentlichsten punkten den beweis der richtigkeit 
seiner methode sah. 

Die beiden andern artikel der beitrage sind von geringerer bedeutung , aber 
ebenfalls sehr verdienstlich. Die bemerkungen über die langen vocale und 
diphthonge der althochdeutschen spräche knüitfen an Jac. Gi'imms deutung 
der vielartigen althochdeutschen vocale aus der zeitlichen entwickelung , nicht aus 
mundartlichen Verschiedenheiten an, und suchen dui-ch prüfung der urkundlichen 
eigennanien die richtigkeit hiervon zu erweisen , sowie die Schwankungen auf bestirnte 
regeln zurückzuführen. Auch hier sucht also Jacobi das werden zu begreifen. In 
der Schlussbemerkung (s. 127 fg.) versteckt sich zugleich ein nachtrag zum ablaut. 

Die dritte Untersuchung : „die bedeutung der schwachen conjugation," 
ist eine sehr fleissige forschung über den Innern unterschied der drei schwachen con- 
jugationen. Jacobi findet denselben in der art der beziehung , worin der begriff des 
Stammes zu dem der tätigkeit steht. Die weise, wie der tätigkeitsbegriff bestimt 
Avird, entscheidet über die conjugationsklasse des neuzubildenden verbums. 

Der druck der beitrage hatte schon anfang 1843 begonnen , zog sich aber sehr 
lange hin, was Jacobi um so melu* bedauerte, als das buch seine ansprüche auf 
beförderung unterstützen sollte. Hofifmann von FaUersleben war bekantlich im aprü 
1842 seiner professur auf grund einer deuunciation wegen der unpolitischen gedichte 
entsetzt, welcher der minister nachzugeben schwach genug war. Erst gegen ende 
des folgenden winters war die philosophische facultät zu Breslau veranlasst, vor- 
schlage zur widerbesetzung des lehrstuhls zu machen. Sie lauteten auf M. Haupt 
als Ordinarius, wenn aber die stelle nur durch einen extraordinarius besetzt werden 
solle, auf 1) Th. Jacobi, 2) G. Freytag. Anfang mai reiste Jacobi mit der abliand- 
lung über den ablaut nach Berlin, um sich dem minister Eichhorn und geh. rat 
Joh. Schulze vorzustellen. Er sah auch die Grimms, Lachmann, Bopp, Pertz und 
Homeyer, fand überall freundliche aufnähme, — aber die entscheidung Hess auf sich 
warten. Unterdessen war er in Marburg für eine ausserordentliche professur der lit- 
teraturgeschichte ins äuge gefasst worden. Doch auch dort zog sich bei den unbe- 
rechenbaren entschlüssen des damaligen regenten alles schleppend hin, und Br. Hil- 
debrand, der zur zeit in Marburg wirkte, sah sich im october veranlasst, Jacobis 
erwartungen sehr abzudämpfen. Von Berlin verlautete gar nichts. Missnmtig und 
bis ins innerste ergrimmt, wie er selbst es nante, schrieb Jacobi damals an einen 
freund: „Wenn ich ein ganz unerliörtes glück habe, wie es in den gelehrtenaunalen 
Preussens seit Jahren nicht vorgekommen ist, so werde ich für eine schritt, welclie — 
hol der teufel die bescheidenheit ! — zeigt, dass ich Grimms und Bopps grammatik 
ins hintertreffen bringen kann , wenn ich will , die belohnung haben , unter hessischer 
tyrannei in einem ärmlichen neste von Stadt ein gehalt zu verzehren, wie es jedes 
bengelchen von aclitzehn jähren bekomt, wenn es sein lieutenantsexamen bestellt." 

Etwas besser kam es. Am 5. decbr. 1843 erhielt Jacobi seine erncnnuug zum 
extraordinarius in Breslau mit 2UU tlialer gehalt, zahlbar vom 1. october. Die Mar- 
burger aussiebten erhielten ein jähr syiäter lebendige gestalt: ende october 1844 ward 
ihm von dort eine ordentliche professur mit GOO thaler gehalt angetragen, die er 
sofort anzunehmen fest entschlossen war, da er wenig hoffnnng hatte , dass der mini- 
ster den von der Breslauer facultät dringlich gestellten antrag , seinen gehalt auf die 



/IIK i:UINNi:UUN(i AN TU. JAl-Oni *.K> 

gloicliu liiilif zu sctzou , bcrück.sii'lifif,'t'n wiinlf. Ik'i »Itüi <lainaligi;ii /.iist;iii<liii war 
es Ireilicli \v\iiitlerl)iir, diuss Janilii tlic tiü«) tlialcr trliiult ; uxtraunliruiriii.s blii-lj i.t 
abor in Hroslaii bin au soin ende. So rasch wie heute, wo die jungen iirivatdnccn- 
ten und assislenten nach kürzester trist sofort zu ordinarim mit vcrhiiltnisuiäshig 
roiehlicheiu gehaito aufspringen , gieug es in jenem und dem näclisten deecuniuin 
noch nicht. Zur erfiillung der vorgeschriebenen formalität , um in dem Index lectio- 
num liinter dem p. e. o. das statntengemässe des. (desiguatus) zu verlieren , disjmticrtij 
Jacubi im noveniber 1.S17 über .seine gedruckte abhandlung: Unti-rsuehungen über 
die bildung der nomina in den ger man i seilen sprachen. Erstes heft. 
iJreslau. (r»(! ss. 8). Er gab hier den anfang seiner for.s(!luingen über die genna- 
ni.sche uuminalbildung. In einem briefe an 'i'h. l'aur vom 7. fcbr. iKlf) sprach ir sich 
über die Idee seiner arbeit folgendermassen aus: 

„Die ansieht dass jede dcclinationsklasse eine bestirnte bedeutung habe, drangt 
sich von selbst auf, wenn man bemerkt, dass aus einer wurzel nomina nach ver- 
schiedenen geschlöchtern und declinationcu gebildet werden. Es gilt der versuch, 
eine logische forniel für diese bedeutungen zu finden. Dann bemerkt man , dass unter 
den ableitungssilben solche sind, welche dem worte eine andere bedeutung geben als 
die gewöhnliche der declination, andere tun das nicht. Die erstercn darf man für 
unkentlich gewordene composita ansehen. Die zweiten halte ich für surrogatbiblun- 
gen , d. h. als solche, welche für die einlachen bildungen eintreten, weil ein hin- 
dernis da ist, sie anzuwenden (z. b. von starken verben wie (jib-an werden fem. auf 
a — gib-a — gebildet, von schwachen wie nasjan (= nasi-an) weil i nicht verloren 
gehen darf, nur fem. auf da — nasida, es ist also da ein Surrogat für a). Hier- 
durch konit nun schon etwas Ordnung in die ver>virrung der ableitungen. Noch mehr 
geschieht dies dann, wenn man wahrnimt, dass verschiedene ableitungen sich wech- 
selseitig vertreten , z. b. alis und aris im lateinischen. Das führt besuudcrs zu der 
annähme, dass phonetische gesctze über die zuliissigkoit dieses oder jenes consonan- 
ten entschieden haben. (So kommen z. b. im ahd. »t- ableitungen nur nach r und Z, 
/-ableitungen dagegen weder nach r und l in der wurzel, «-ableitungen vorzüglich 
nach g, k, /', v vor). Ist das alles erst ergründet, dann wird es möglich sein, die 
Individualität einer spräche in ihrer nominalbildung durch einen festen Legrilf zu 
fa.ssen und harscharf auszusprechen. Diese Individualität besteht dann nämlich in 
zweierlei: erstens in der kraft, ob z. b. aus einem vorbum , welches aus einem sub- 
stantivum gebildet ist. wider ein neues Substantiv gebildet werden kann oder nicht, 
zweitens in der eigentümlichen wähl zwischen verschiedenen möglichen bildungs- 
mittelu." 

In Jacobis nachlass fanden sich wol eine menge lesicalischcr cxcerpte zur fort- 
setzung seiner Untersuchung, aber nichts ausgeführtes. 

Dui-ch die grammatischen arbeiten war Jacobis frühere neigung zu caltur- 
historischen süidien in den hintergruud geschoben. Doch erinnere ich mich, \ne er 
nach dem erscheinen des Meier Helmbrecht und der sogeuanten Helblingbüchlein 
im vierten bände der Hauptscheu Zeitschrift gegen mich äusserte , wie man daraus 
hübsche bilder des österreichischen lebens im dreizehnten Jahrhundert herausarbei- 
ten könue. 

Weit mehr zog ihn nun die geschichte der neueren litteratur und die geschichte 
der ästhetik an. Auch dafür begann er zu sammeln. 

Schon auf dem gymuasimn war er, wie wir erwähnt haben, ein eifriger Goethe- 
freund. Nach seiner habiütatiou beschäftigte er sich viel mit Herder und kam dadurch 



96 WEINHOL» 

auch auf Lcssings Laokoon, über den er gründliche Untersuchungen anstellen und in 
triefen an seinen freund Paur ihr ergebnis darstellen wollte. 

Seine art, die geistigen erzeugnisse eines Schriftstellers aufzufassen und zu 
behandeln, lernen wir dui-cli die Charakteristik der Schriften Friedrichs von 
Sali et kennen. 

Jacobi hatte Sallets nanien zuerst in dem norddeutschen frülilings -almanach 
für 1837 gelesen und sich von der kraft der dazu von ihm gespendeten gedichte 
angezogen gefühlt. 1839 lernte er dann durch Paur den nach Breslau übersiedelten 
dichter kennen. Sie sahen sich zwar nicht häufig, aber aufrichtige freundschaft ver- 
band sie. Da starb Sallet am 21. februar 1843 zu Reichau bei Nimptsch. „Ich 
weiss kein ereignis, schrieb Jacobi den 17. niärz an Paur, welches mich so tief 
erschüttert hätte und dessen Wirkung auf mich so bleibend gewesen wäre. Noch 
heute weiss ich mich nicht zu fassen, wenn mir Sallets tod wider in den sinn komt. 
Es ergreift mich wie nach einer tragödie ein schrecken und grausen vor dem all- 
gemeinen menschenloos. Nicht dass ich ihn nie wider sehen -und sprechen soll, 
nein dass so viel talent und ki-aft, so reiner und fester Aville, ein so sittlich erho- 
bener und geläuterter mensch der weit verloren gehen kann , indem er ihr erst recht 
nützlich zu werden versprach, das kann ich nicht vergessen." Sehr lebhaft bewegte 
ihn der gedanke , dem geschiedenen das würdigste denkmal durch darstellung sei- 
nes äusseren und inneren lebens und wirkeus zu setzen. Er verband sich dazu mit 
Th. Paur, Nees v. Esenbeck und Jul. Moecke. Jacobi übernahm die Charakteristik 
des Innern gehalts der Salletschen Schriften und ihrer bedeutung für die entwicke- 
lung des religiösen, politischen und künstlerischen bewustseins der nation. So 
entstund die erwähnte abhandlung, die mit Paurs lebens- und bildungsgeschichte 
Sallets den wertvollsten Inhalt des buches „Leben und wirken Friedrichs von 
Sallet, nebst mitteilungen aus dem litterarischen nachlasse desselben. Heraus- 
gegeben von einigen freunden des dichters. Breslau 1844" bildet. 

Auch in dieser arbeit (s. 133 — 208 jenes buches) sucht Jacobi das werden zu 
begreifen. Er zeigt wie Sallet sich aus der Strömung der zeitmode zu retten bestrebt 
und seine Selbständigkeit in form und Inhalt gewint, wie bewust sein schaffen mit 
dem innersten ringen des nationalen geistes um befreiung von den politischen und 
kirchlichen beschränkungen zusammenhängt. Er schildert wie der dichter erst träu- 
mend, dann mit sich selbst kämpfend, endlich mit dem eifer eines propheten nach 
aussen gerichtet, alle Stadien des in sich versenkten menschen durchmacht und wie 
er seiner dichterischen bestimmung gemäss, durch seine Individualität zu wirken, 
selbst da wo er seine persönlichkeit ganz verläugnen will, doch grade durch seine 
person wirkt. 

Diese arbeit ward ihm zuerst , wie er äusserte , sehr schwer , weil er gar nicht 
auf äusseren tatsachen fussen konte, sondern eine allgemeine auschauung gewinnen 
muste. Aber sein talent der redexion kam ihm zu hilfe, und schliesslich mochte er 
au3si)rechen , dass er noch nie etwas mit solcher ruhe und besonnenheit , die freilich 
manchen frostig und kalt erscheinen möge, geschrieben habe. 

Von Sallet gieng Jacobi, durch eine öffentliche Vorlesung im musiksale der 
Universität zunächst angetrieben , zu dem aller entgegengesetztesten dichter über , zu 
Goethe. Er war seine alte Uebe. Diese emsige, obschon oft unterbrochene beschäf- 
tigung mit unsenn grösten naiven dichter betrachtete er als einlcitung zu einer 
geschichte der kunstthcorien im achtzehnten Jahrhundert, worin das Verhältnis der 
kunstformen zur lebensansicht der zeit entwickelt werden sollte. Er geriet dabei in 
samlungeu über die beziehungen und die entstehungszeit der einzelnen liedcr und 



ZUR BRnmERUwr! an rn. JAConi 97 

(lor iiltrijfcn (liclitiinpMi Cioetlios. So kiiiii er uiicli zu der nntcrsiuliiiiif^ dos Tusso. 
Ich oriniioro mich, wie er bei soiiiein hosuchc in ineincni oltcrlichoii huuHc zu Rei- 
clienbacb im 8i)iitsommt'r 1840 una bei der riickf'ahrt von einer bergpartie in abend- 
lichem (liinkol seine funde über die gestaltunj,' des drumatisclien Stoffes durch den 
• licliter in huiijem flicsscndem vortrage mitteilte. Im l'<.I;,'enden wijiter schrieb er 
dann für diis littenirhistorisclii! tasclienbuch von Prutz den anfang seiner arbeit nie- 
der in dem aulsatz: „Tasso und Ijconore, oder welchen stoff hatte 
(ioetheV" (S. 1 lOO des Jahrgangs' 1H48) , das letzte von Jacobi gedruckte. Er 
stellt hier die historische Tassogeschichte ganz objoctiv dar und zeigt nur in den 
annicrkungcn jede stelle in Goethes drama an, in welche sichtbar etwas von überlie- 
ferten tatsaclien übergegangen ist. Die fortset/.ung sollte den einfluss des Icbens 
Goethes und der Zeitumstände Jiuf seine dichtung nachweisen; aber nnwolsein und 
Verstimmung, bald tler tod liinderton iim daran. Er wollte den ersten teil dabei 
ganz überarbeiten. 

Seit der habilitation hatte Jacobi mit seiner Schwester zusammen gelebt und 
eine bescheidene häuslichkeit errichtet. Seine beförderung zu einer gehaltseinnahme 
war für ihn notwendig gewesen, denn sein kleines vermögen war allmählich ver- 
braucht. Das hat auf seine Stimmung auch gedrückt. Dieselbe war im gfh«-imen 
innere bittere entsagung und trübe freudlosigkcit. Er quälte sich mit kranker liypo- 
chondrio; sein feiner, überzart emjiflndender sinn fühlte sich vom leben, wie es 
nun einmal ist, in sich zurückgetrieben. „Auch hier, schrieb er im november 184.5, 
lebe ich im hause wie in den gcsellsciiaftcn , die ich freilich besuche , in denen ich 
sogar heiterer bin als je, geistig und gemütlich ganz einsam. Ich habe früher immer 
alle klagen über das nichtverstandenwerden für unsinn gehalten ; nach und nach 
überzeuge ich mich jedoch \virklich . dass jeder schmerz, jede quäl des gemütes, die 
nicht aus alltäglichen äusseren leiden entsteht, im menschen-, ja selbst im freun- 
deskreise unverstanden bleil)t und man am besten tut, still zu wirken und sich von 
dem, was im innern vorgeht, gar niclits merken zulassen. Aller gemütlicher lebens- 
vcrkehr beruht fast immer auf täuschungen. Wer ihn wie ich seit jähren geflissent- 
lich vermeidet und immer nur den verstand in gesellschaft spielen lässt, nichts von 
den menschen verlangt und ihnen gemütlich nichts gewährt, der erspart sich die 
enttäuschungen. Nur ist das menschliche herz freilich ein so sonderbares ding, dass 
es sich bei einem stäten thermometergrade von = nicht mehr recht bewegen will 
und die arbeit des tages für überlang und beschwerlich erachtet." 

Nicht immer jedoch lastete die dumpfe kränkelnde empfindung auf ihm , die 
aus diesen werten redet; er konte zuweilen recht heiter sein. So gedenke ich gern 
eines austluges, den wir ende august l.S-itj von Rcicheubach aus mit meiner familie 
und einer grösseren gesellschaft von bürgern samt iliren frauen auf die sogenante 
rascnbank bei Oberbielau machten. Da geriet er in die unbefangenste fröhlichkeit. 
von der schönen gegenil und den einfachen zutraulichen menschen sichtlich woltuend 
angesprochen. Er selbst sagt in einem briefe, dass seine ganzen Verhältnisse zu 
den menschen andere wären , lastete nicht der druck seines nichtsnutzigen körpers 
auf ihm. 

Seine coUegialen Verhältnisse an der Breslauer Universität waren sehr gut. 
Als er nach den facultätsvorschlägen 1843 den philosophischen Ordinarien höfliche 
besuche machte, empfand er mit freude das viele wolwoUen. Stenzel blieb sein gön- 
ner und freund; mit Stenzler verkehrte er wissenschaftlich viel; zu Röpell und Haase 
kam er iu näheres Verhältnis, Kries war ihm schon von der Studentenzeit her 
befreundet. 

ZEITSCHK. F. deutscht; mULOL. BD. V 7 



98 wEnmOLD, zur Erinnerung an th. jacobi 

Seinen znhörern kam er freundlich und förderlich entgegen. In meinem letz- 
ten Breslauer winter (1844/5) hatte er die ihm näher bekanten zu einem festen abend 
in der woche eingeladen; er war da sehr mitteilend und gesprächig und gieng gern 
auf unsere scherze ein. 

Meinen stndien folgte er mit herzlicher teilnähme. Wie lebhaft interessierte 
er sich für meine schlesischen samluugen und trug selbst dazu bei, was ihm beim 
lesen und hören auffiel. Er empfahl meine dialectforschungen dem verein für schle- 
sische geschichte, der dann meine aufforderung zum stoffsammeln drucken 
Hess. Als ich ihm mein spicilegium formularum, womit ich mich in Halle habili- 
tierte , zugeschickt hatte , freute er sich , dass wir in unsern ansichten noch zusam- 
menhielten und fand es sehr in seinem sinne gearbeitet, nur der lakonismus der 
vorrede gefiel ihm niclit, er schob ihn auf das latein. Wie oft habe ich später 
schmerzlich bedauert, ihm nicht die eine und andere meiner arbeiten zusenden zu 
können und sein urteil zu vernehmen! 

Jacobi hatte seit jähren viel gekränkelt, widerholt hatte er das schlesische bad 
Salzbrunn besuchen müssen. Seine nerven waren angegriffen, der Unterleib gestört, 
die atmungswerkzeuge nicht gesund. Aber nicht von da kam der tod; er starb an 
den masem am 23. februar 1848. Er gieng in das grab, ehe die revolution auch 
über Deutschland hinbrauste. Ihm, der schon als Jüngling reges politisches Interesse 
hatte, der eine tüchtige beteiligung der nation am staatlichen leben ersehnte, der 
im april 1847 schrieb: „Wir kommen vorwärts, aber auf eine weise, die mir ekel 
erregt: wir werden ohne moralische erhebung in das coustitutioneUe leben hinein- 
kommen ; zuletzt wird die nation den könig betrogen haben , der sich bei allem , was 
er tut, offenbar etwas ganz anderes denkt," ihm ward es versagt, sowol die bewe- 
gung von 1848 mit ihrem licht und ihrem schatten , mit ihrem enthusiasmus und 
ihren torheiten zu erleben, als die grosse zeit zu erharren, die wii- durch des him- 
mels gunst geschaut haben. Er war durch und durch freisinnig im kirchlichen und 
politischen, aber sein sittliches masshalten, sein tiefes gefühl für harmonie hielt ihn 
von allem ausschweifen in das schrankenlose zurück. 

Jacobi war von mittlerer grosse und schlank gebaut. Seine gesiclitszüge waren 
nicht schön, aber aus den äugen sprach das innere leben, und im gespräche erwärm- 
ten sich seine formen. Das steindruckbUd , welches die zuhörer nach seinem tode 
nach einem lichtbilde machen Hessen, gibt nur die äusseren umrisse des antlitzes. 

Grosses talent, viel gelehrsamkeit , feiner sinn ward der deutschen Wissen- 
schaft durch seinen frühen tod geraubt ; ein mensch ward gebrodieu , der zum rein- 
sten und höchsten gestrebt hatte. Wir, die ihn kanten und liebten, halten sein 
gedächtnis in höchster ehre ; für die jüngeren und die ilun ferne stunden , bleibe sein 
bUd hier durch freundeshand aufgerichtet. 

KIEL, JCNI 1873. KAJtL WEINHOIiD. 



FBIEDßlCH KOCH. 

Cn. Friedrich Koch ward am 15. november 1813 geboren, in dem wenige 
meilen westlich von Eisenach, unfern Gerstungen, an der Werra gelegenen weima- 
rischen Städtchen Berka. Sein vater, ein fieischer, hätte bei seiner zahlreichen fami- 
lie schwerlich beabsichtigt, dem solme eine gelehrte besclmlung geben zu lassen; da 
schenkte ein pathe dem knaben eine lateinische graramatik, und dies ward veran- 
lassung, daös ein benachbarter geistlicher ihn» Unterricht im lateinischen erteilte. 



FRIEDRICH Korn 99 

Hier orwies sich ilor kirnho so wissbegicrip und so talentvoll , und madite so rasche 
l'ortschritte, dass die eitern sich ontscldosscn ihn auf das ^yainasinm zu Eisenach zu 
bringen, nnd dann, nach wolbestandener abiturienteniirüfunf^, auf die Universität zu 
senden. Er studierte in Jena von 1H32 bis 1835 theol()j,''ie, Jiierin dem wunsehe der 
eitern zwar gern wiHuhrend, aber doch ohne eigentlichen inneren beruf grade für 
dieses Studium. NiU-iidem er is;5(; das candidatenexainen gut bestanden hatte, konte 
er unter den (lanialig.n Verhältnissen die erhingung eines jifarranites kaum früher 
erwarten als naeh zehn bis zwölf jähren. Deshalb übeniahm er zunächst eine haas- 
lehrerstello in der familic eines beamten des Eiscnachor obcrlandcs. Die gründliche 
grammatische Vorbildung, welche er seinen ersten schulern zu geben gewust hatte, 
gereichte ihm zu weiterer enipfehlung, namentlich auch bei dem directorium des 
Eisenaeher gymnasiums. Sie ward ihm fürdorlicli , in Eisenach 1835) ein privatinstitut 
und iirogymnasium zu gründen. Und als er dann 184.3 eine anstellung an der damals 
städtischen (seit 18.')() grossherzoglielien) realschule zu Eisenacli erhielt, entsafte er 
der theologie gänzlich, um sich fortan ausschliesslich dem lelirerberufe zu widmen. 

In dieser Stellung hatte er nun seineu wirklichen lebensberuf gefunden und 
erfüllte ihn mit dem hingebendstcn und ausdauerndsten eifer. Stets auf den kern 
der sache gerichtet, verachtete und mied er allen schein, suclite jeden lehrf'ogen- 
stand ganz zu erfassen , und fand mit der beherschung desselben auch die zweck- 
mässigste methode seiner didaktischen bciiandlung, und zwar um so sicherer, da er 
mit scharfem verstände oinfachheit, klarheit und anschaulichkeit der darstellung verband. 
Durch seinen bildungsgang auf den sprachlichen Unterricht hingewiesen wante 
er sich mit Vorliebe der grammatik zu. Dass die gangbaren deutschen schulgrara- 
matiken für den Unterricht untauglich seien, hatte er bald gewahrt. Das bedürfnis 
sich ül)er dieselben zu erheben, und zu einer selbständigen kentnis und beherschuuo- 
der graiiiniatik vorzudringen, führte ihn zum studium der grossen grammatischen 
hauptwerke und von da weiter zu eigener Verwertung der sprachquellen. Das war 
freilich eine sehr schwierige und langwierige aufgäbe für einen mann , der keine phi- 
lologische beschulung erhalten hatte und mit lehrstunden und correcturen überhäuft 
war; doch mutig giong er ans werk und beharlich fühi-te er es auch durch. Er stu- 
dierte die praktische grammatik der älteren durch Heyse und genossen verti-etenen 
methode, welche den Sprachgebrauch als obersten richter anerkcnt; er prüfte die 
durch K. P. Becker gegründete philosophische oder logische, welche die spräche als 
einen durch logische gesetze bedingten Organismus auffasst; er schreckte endlich 
auch nicht zurück vor der Vertiefung in die historische grammatik Jacob Grimms und 
in die übrigen bedeutenderen spracliliistorischen und sprachvergleichenden werke. 
Sein scharfer verstand und sein historischer sinn Hessen ihn die tugendeu wie die 
mängel aller dieser richtungen und werke allmählich immer klarer erkennen , und 
als erste frucht seiner derartigen Studien veröffentlichte er 1849 eine deutsche gram- 
matik für höhere schulen, in deren vorrede er sich schon recht einsichtig aussprach 
über die methode der grammatischen studien überhaupt und über die des deutschen 
grammatischen Unterrichtes auf höheren schulen. Diese vorrede erinnert mich an 
ein gespräch mit dr. Mager bei gelegenheit eines besuches in Eiseuach zu Pfingsten 
1849, und drängt mir die Vermutung auf, dass dr. Mager, der ja wol damals direc- 
tor in Eisenach war , nicht ohne anregenden einfluss auf Koch gewesen sei. 

Die deutschen Studien hatten ihn auch auf das Angelsächsische und von da 
weiter auf das Englische geführt. Um dies sich anzueignen nahm er 1845 Privat- 
unterricht, trieb es darauf eine Zeitlang für sich, und gieng dann im sommer 1849 
auf einige wochen nach England. An der realschule übernahm er jedoch zunächst 

-7 * 



100 FRIEDRICH KOCn 

nur den englischen clementanmterricht , und erst sehr viel später, erst 1858, den 
Unterricht in den oberen Massen. 

Hatten ihm die deutschen schulgrannn;itiken nicht genügt, so konten es die 
englischen noch viel weniger, zumal nach der aufklärung über das wesen und die 
notwendigkeit der historischen und vergleichenden Sprachforschung und sprachbehand- 
lung, welche seine deutschen Studien ihm bereits ertragen hatten. Mit allem eifer 
warf er sich nun auf dies neue gebiet, wo die vorarbeiten noch gröstenteils gebra- 
chen , und er bei weitem das meiste ganz neu aus den quellen selbst schaffen mustc. 

In Programmen der realschule liess er nach und nach einige grammatische 
abhandlungen erscheinen. Die beiden ersten: „Die mehrfache negation" und „Die 
grammatischen niethoden" sind mir nicht zu gesiebte gekommen. In einer dritten 
vom jähre 1856: „Der englische accent ," gibt er auf 16 octavseiten eine probe sei- 
ner englischen forschungen. Er kritisiert hier und verwirft die aufstellungen von 
Nares und Walker , und zeigt dann den richtigen geschichtlichen weg zur auffiudung 
des wahren, zunächst auf angelsächsischem gebiete das verfalireu eingehender und 
anschaulich darlegend. Die benutzten angelsächsischen quellen sind hier noch beschränkt 
an zahl , aber die auffassimg und darstellung ist schon klar und sicher und auch nicht 
arm an guten und selbständigen gedankeu. In einer anmerkung kündigt er sein vorhaben 
an, eine historische englische grammatik zu verfassen und herauszugeben, die jetzt 
erst möglich geworden sei, nachdem Grimm „den ganzen germanischen stamm dar- 
gelegt und das Verhältnis festgestellt habe , in welchem die einzelnen sprachen zu 
einander stehen, und seitdem ferner die angelsächsischen quellen reichlicher fliessen." 
„Das reiche historische material," meinte er damals, „wird sich auf etwa drei bände 
beschränken lassen , denen sich dann eine darstellung der modernen englischen 
spräche in zwei bänden anschliesst. Eine solche grammatik, vollendet und gelun- 
gen, ist nichts als der ausbau eines flügels von jenem grossartigen bau, zu dem 
Grimm den plan entworfen und das fundament gelegt hat." — Zwei spätere pro- 
grammabhandlungen ,,Der Angelsachse im kämpf mit dem Normannen" (1858) und 
„der Christus der Sachsen. 1." (1867) sind mir gleichfalls nicht zu gesiebte gekommen. 

Inzwischen liess Koch aber auch die arbeit an der deutschen grammatik nicht 
ruhen. Über die mangelhaftigkeit der Beckerschen laut- und flexionslehre war er 
zwar bald ins klare gekommen , aber die feste gliederung und geschlossenheit der 
Beckerschen syntax liatte sich nicht so leicht durchbrechen lassen. Jetzt gieng er 
auch hierin über Becker und Herling hinaus, und gab davon eine probe in einer 
abhandlung in L. Herrigs Archive für das Studium der neueren sprachen und littera- 
turen. Achter Jahrgang, vierzehnter band. Braunschweig 1853 8.267—292, über- 
schrieben: „Bildung der ncbensätze. Beitrag zur deutschen grammatik." Diese 
abhandlung ist eine ganz neue und selbständige, aus eigener forschung erwachsene 
erklärung, denn Grimms granmiatik ist bekanntlich niclit bis zu den nebensätzen 
gediehen und die übrigen grammatiker der historisclien schule hatten bis dahin 
nichts nennenswertes hierfür geleistet. Koch erörtert hier zum ersten male die lehre 
von den nebensätzen auf historischem wege. Er zeigt, wie aus der syntaktischen 
nebenordnung die syntaktische Unterordnung sich herausgebildet hat, und wie die 
conjunctionen sich entwickelt haben und hinzugetreten sind , um die satzbeziehungen 
zu verdeutlichen und zu vervollständigen. Die nebensätze aber teUt er in zwei gruji- 
pen; darnach ist entweder „das bezieliungswort (die conjunction) Satzglied des neben- 
satzcs und seine form durch die Stellung in diesem bedingt; oder das beziehungswort 
(die conjunction) ist dem für sich volständigen nebensätze vorgesetzt, es ist nicht 
Satzglied in demselben, es drückt nicht sein Verhältnis zum hauptsatze aus, es ist 



FaiBDRICII KOCH lUl 

das ^'laiimiiitisi'lie /oitlicn Hyiitaktisclior uiist'lbstiiii<li^'koit." Alb orator ciitwiirt' und 
versuch ist dioso aljliiiiidlung sein- liHdicli und schiit/.liar, und seidieut wetzen ihrer 
{^iitcn und J'ruchtbarcn godankcii noch jetzt alle hcaclitung. 

Als roifo frucht <ler englischen studien erschien 1803 der erste band der eng- 
lischen graniinatik , unttT doni titcl: Historische grannnatik der englischen s])rachc 
von C Friedricli Kmli. 1. band. Die laut- und llexioiislohre der englisciien spräche. 
Weimar IHd.'} (Vlll und 5(10 s.), welcher, nach einer ciaileitung über die geschicht- 
liche entwicklung der spräche, die lehre von den vocalen, den consonanteu, der 
accentuation und von den formen der vcrba, der substantiva, adjectiva, Zahlwörter 
und ])ronon)ina durch alle cntwicklungsstufcn der englischen spräche , durch das 
Angelsächsivsche, das Ncuangelsächsische , das Alt- und das Mittelenglische bis auf 
die gegenwart hcnib entliiilt. Ihm f(dgte 1865 der zweite, die satzlehrc behandelnde 
band (('usscl und Göttingen, XXIV und 521 s.) , 18GH der erste teil des dritten, die 
Wortbildung <!er englisclicu spräche erörternden bandes, welcher die angelsäclisischen 
und die anderen germanischen eleniente, und endlich 18(J0 der schlusstcil, welcher 
die fremden elemente aufzeigt (Cassel und Göttingen. VIII, 184 und X, 232 s.). 

Nebenher veröffentlichte er (1805 und 1807) noch einige kleinere abhandlun- 
gen im (!. und 8. bände des von L. Lemckc herausgegebenen Jahrbuches für roma- 
nische und englische litteratur. In der ersten dieser abhandlungen (0, 322—32(5), 
„Shakspercs name," erklärt er die verschiedenen formen, in welchen dieser namc 
von dem dichter selbst (der sich hierin ebenfalls nicht gleich blieb) und von sei- 
nen Zeitgenossen geschrieben \vnrde. In der zweiten (8 , 217 — 227) , „ Die voca- 
lischen ableitungcn im Angelsächsischen und deren verlauf" lieferte er einen beitrag 
zur englischen wortbildungslelire. liier vermochte er, an der band der vergleichen- 
den Sprachforschung, bereits erheblicli über Grimm hinauszugehen, und spricht das 
ollen aus, jedoch ohne jede überliebung und mit der vollsten und dankbarsten aner- 
kennung des altmeisters. ,, Grimms seltene Verdienste," sagt er, „werden nicht 
geschmälert, und sein grosser, wolvenUeuter rühm wird nicht verringert, wenn man 
ihm nicht in allem folgt. Auch er hat geirrt und hat ireen müssen, weil weiter 
zurückliegende gebiete erst später erfolgreich bearbeitet worden sind. Dankbarkeit 
und hochachtung gegen den begründer der deutschen philologie beseitigt das irtüm- 
lichc und setzt an dessen stelle die sichereren resultate späterer forschuugen." — 
Ein dritter aufsatz (8, 318 — 324) beurteilt das etymologische Wörterbuch der eng- 
lischen spräche von Eduard Müller. 

In nielir als zwanzigjähriger angestrengter arbeit war die historische englische 
grannnatik vollendet worden. Mit den sehr bescheidenen hilfsmitteln und in den 
beschränkten umssestundcn eines reallohrers ausgeführt, Hess sie doch fast alles weit 
hinter sich, was bis dahin auf diesem gebiete geleistet worden war. In ein verwor- 
renes und überwältigendes gewinimel von lauten und formen brachte sie zum ersten 
male licht, Ordnung und Verständnis und lieferte eine breite, feste und sichere grund- 
lage für alle künftige forschung. Auch ward dem Verfasser das anerkennendste lob 
zu teil, weniger laiit freilich in Deutschland, wo man so gediegene leistungeu 
gelehrter forschung, selbst wenn sie unter den schwierigsten Verhältnissen ausgeführt 
worden sind, gleichsam als etwas selbstverständliches hinzunehmen pflegt., lauter in 
England und Amerika, wo man otteu anerkante und aussprach, dass durch Kochs 
leistung alle vorhandenen englischen und amerikanischen arbeiten in den schatten 
gestellt worden seien. 

Wie aber Kochs Wirksamkeit als lebrer durch diese forscherarbeit und schrift- 
stellcrei nicht beeinträchtigt, sondern im gegenteil nur noch erhöht und befruchtet 



102 FRIEDRICH KOCH 

wurde, so gedachte er uuu auch keinesweges auf den errungeneu lorbeeren auszu- 
ruhen , vielmehr ward ihm das bereits erreichte nur ein sporn zu noch liöherem und 
vollkommnerem. Zeugnis davon gehen seine aufsätze in der Zeitschrift für deutsche 
phUologie: 1 (1869), 339 — 344, „Angelsächsisch e«"; 2 (1870), 147 — 158, „Die 
angelsächsische brechung ea"; die erst jetzt zum abdruck gelangte (oben 5, 37 — 56): 
„ angelsächsisch io , eo; eo; iö, eö ; iö, eö ; io, eo," und 4(1873), 135 — 143, „Eng- 
lische etjTnologien ," nebst der recension von Stratmanns dictiouary of the Old Eng- 
lish language (1869. 1, 364 — 371). 

Im verflossenen sommcr (1872), hart vor dem beginn der sommerferieu , schrieb 
er mh", er habe nun ein über das ganze gebiet reichendes material mundartlich 
durchmustert, gesichtet und geordnet, und auf dieser breiteren, reineren und siche- 
rern grundlage die lautlehre ausgearbeitet , in welcher er versucht habe , den verlauf 
des Westsächsischen, Altnordhumbrischen und Anglischen bis zu den gegenwärtigen 
dialectcn zu zeigen ; zugleich erklärte er sich gestimt und geneigt zur ausführung 
gelegentlicher auftrage und kleinerer abhandluugen. Auf einer Eheiureise wollte er 
sich erquicken und nach der heimkehr laugsam und behaglich weiter arbeiten. Der 
ganze brief atmete kraft und frohen mut. So dmite ich mich wol, als ein ferieu- 
ausflug mich am 1. sept. nach Eisenach führte, der zuversichtlichen hoffnung freuen, 
den trefflichen forscher in der fülle fruchtbaren Schaffens anzutreffen, da erschreckte 
mich der in seiner wohnung empfangene bescheid, dass er schwer krank daruieder- 
liege, und schon am 5. septbr. hatte eiu rasch verlaufendes nervenfieber den starken, 
rüstigen mann dahingerafft. 

Wenige monate vor seinem tode, zu pfingsteu 1872, bei gelegenheit der phi- 
lologenversamlung zu Leipzig, hatte Koch einen ihm ebenbürtigen hochverdienten 
forscher auf demselben gebiete , den direetor und professor dr. Ed. Mätzner aus Ber- 
lin persönlich kennen gelernt, und beide hatten sich zu dem abkommen vereinigt, 
dass der überlebende den litterarischeu uachlass des anderen herausgeben solle. In 
folge dessen ist Kochs litterarischer nachlass dem herrn prof. Mätzner eingehändigt 
worden, so dass wir von diesem die Veröffentlichung des für den druck geeigneten 
aus dem nachlasse zu hoffen und zu erwarten haben. 

Ein werk über die onomatopoetischen Wörter, die ablaut- und reimbildungen 
der englischen spräche hatte Koch schon im juni 1872 druckfertig vollendet. Sein 
erscheinen unter dem titel: „Linguistische Allotria" usw. im verlage von J. Bac- 
meister in Eisenach ist bereits in aussieht gestellt. 

Über der arbeit an der englischen gi-ammatik war auch die deutsclie grannua- 
tik nicht vernachlässigt worden. Schon die zweite und die dritte aufläge hatten Ver- 
änderungen und Verbesserungen erfahren, in der vierten war dann der vorsuch gemacht 
worden, die ergebnissc der vergleichenden Sprachforschung für die schule zu ver- 
wei-ten, und in der fünften ist das nun mit voller entschicdenheit geschehen. Die 
fünfte aufläge, deren di-uck unter den äugen des Verfassers bis zur hälfte gediehen 
war , ist nach seinem tode herausgegeben worden von seinem freunde , dr. Eugen 
Wilhelm, lehrer am gymnasium zu Eisenach, dem sprachkundigen Verfasser des 
jüngst erschienenen sehr schätzbaren und verdienstlichen Werkes De infinitivi lin- 
guaruni Sanscritae , Bactricac Persicae Graecae Oscae Umbricae Latinae Goticae forma et 
usu. (Isenaci sumptibus J. Bacmeisteri. VIII, 96 s. gr. 8.) Sie führt den titel: „Deut- 
sche grammatik. Von Cli. Friedrich Koch. Fünfte verbesserte aufläge. Nach dem 
tode des Verfassers besorgt von dr. Eugen Wilhelm. Jena, Maukes verlag (Hermann 
Dufft) 1873. XVI, 323 s. Diese fünfte aufläge von Kochs deutscher grammatik 
behandelt, nach einer kurzen historischen einleitung , s. 6 — 34 die lautlelire, s. 34— 96 



PBIEDBJCIl KrjCll l(j;j 

dir wiirtbililiingslelin' , s. I»? 151 die llcxiuiiKlehre und «.155 — 323 die Satzlehre 
des oiiifacheii iiiid des inelirt'achou sutzes samt, der iiitcrimiictioii, f,'ibt also iiiiierlialb 
oiiios eiij^eii rauinos in ^'edränj,'ter aber klarer darstoUuiig einen abriss der gehaniten 
granunatik. Ihrem zwccko gemäss beschränkt sio sich zwar nur auf das Neuhoch- 
deutsche, aber sie begnügt sich niclit mit einer blossen geordneten Zusammenstel- 
lung der grammatischen tatsaehen, sondern bestrebt sich überall auch deren Verständ- 
nis aus den schätzen und mittein der historischen uml vergleichenden Sprachforschung 
aufzuschliessen. Deshalb sind die zur erklärung notwendigen und dienlichen anga- 
ben aus den älteren sprachstäiidcn, aus dem Mittel-, dem Althochdeutschen, dem Goti- 
ächeu, bis hinaui" zum Sanskrit in den text selbst aufgenommen. Diese mcthode, 
eine neuorung gegenüber den früheren ausgaben, weit entfernt die brauchbarkeit und 
nbersichtlielikeit des buches zu mindern , erhöht dieselben vielmehr sehr wesentlich, 
und gibt ihm einen besonderen wert und einen erheblichen Vorzug vor den meisten 
aulcren neuhochdeutsclicn grammatiken. Denn die ausführung ist selir knapp, nur 
au*" das wirklich notwendige beschränkt, und dabei doch sehr klar und vcrstäncQich. 
Namentlich bekunden die hinzugefügten beispielc überall den sachverständigen und 
erfahrenen praktiker , der mit grosser sachkentuis und grossem geschick weislich das 
beste ausgewählt hat, was studium und praxis in einer reihe von Jahrzehnten ihm 
ertragen hatte. Selbst dem vorzüglichsten kenner wäre es nicht möglich, so durch- 
weg treuliche beispielc und belege beim ersten anlaufe zusammenzustellen. Es füllt 
aber s-hwer ins gewicht , wenn ein manu wie Koch , gleich tüchtig als forsclier wie 
als praktischer lehrer, durch eine dreissigj ährige, in allen klassen einer realschule 
geübte und bewährte lehrtätigkeit zu der Überzeugung gediehen luid in ihr immer 
mehr befestigt worden ist , dass deutsche grammatik nicht nur durch alle klassen 
höherer schulen gelehrt und schulmässig betrieben werden muss, sondern dass dieser 
betrieb auch geschehen muss auf der grundlage und mit Verwertung der ergebnisse, 
welche die historische und vergleichende Sprachforschung darbietet. 

Einen auf rhetorik und poetik bezüglichen anhang dieser grammatik hatte 
Koch später abgetreut. Er ist nach seinem tode widerum erschienen unter dem titel: 
Figuren und tropen, grundzüge der metrik und poetik. Von Ch. Friedrich Koch. 
Zweite aufläge. Nach dem tode des Verfassers besorgt von dr. Eugen Wühelm. 
Jena, IMaukes verlag (Hermann Dufft). 1873. (VI, 42 s. 8.) Desgleichen hatte er 
für das bedürfnis der unteren klassen einen kleinen , auf das notwendigste beschränk- 
ten und aller gelehrten beigaben sich cuthaltenden abriss der neuhochdeutschen gram- 
matik ausgearbeitet, welcher zuerst 1860 erschien, zuletzt unter dem titel: Deut- 
sche elementargrammatik für höhere lehranstalten , gymnasien, lyceen und real- 
schulcn. Von Ch. Friedrich Koch. Vierte verbesserte aufläge. Jena , Maukes Ver- 
lag (Hermann Dufft) 18GS. (VIU , Gij s. 8.) Eine fünfte aufläge steht in nächster 
aussieht. 

Gleich tüchtig und gciliegeu hat Koch sich auch als lehrer und als mensch 
bewährt. Ein herbes geschick hatte ihm die freudeu des familieulebens versagt, 
aber es hatte um weder gelälimt noch verbittert. Ersatz suchte und fand er in der 
Wissenschaft, in der lehrtätigkeit und üu umgangc mit einem gewählten freundes- 
kreise. Der jugeud stand er gegenüber als eine durch lebenserfahrung und strenge 
selbstbehersclumg gereifte und geschlossene , aber kindlich , einfach , heiter und frisch 
gebliebene persönlichkeit. Mit dem untrüglichen Instinkte der Jugend fühlten die 
schüler heraus , dass es ihm um* um die sache selbst und um ihr eigenes wol zu tun 
war, und galten ihm solche gesinnung und solches handeln durch die treueste 
anliänglichkeit und liebevollste dankbarkeit. Eitelkeit und amnassung blieben ihm 



104 STBIKMEYER 

fern. Bescheiden nnd neidlos zollte er jedem fremden Verdienste die vollste aner- 
kennunw. Allem geistigen und edlen blieb er stets mit verständnisvoller teilnähme 
zu"-ewendet, und bei allem ernste der gcsinnung und Stimmung wüste er doch einen 
frischen humor und einen treifenden und angcneluueu witz zu bewahren. In der vol- 
len rüstigkeit des Schaffens und wirkeus ist er i^lötzlich abberufen worden, in der 
Vollkraft seines wesens lebt er im gedächtuisse seiner freunde. Einer derselben, prof. 
dr. F. Hotzel, sein College an der realschule , hat ihm einen liebevollen nachruf 
gewidmet, unter dem titel: Zur erinnerung an dr. Friedrich Koch, weil, jirofessor 
am grossherzoglichen realgymnasium zu Eisenach. Eisenach, verlag von 1. Bac- 
meister (1872). 16 s. gr. 8, und diese eben so verlässige als treffliche darstellung 
ist mir hauptquelle gewesen. 

HALLE. * J- ZACHEK. 

Archiv für die geschichte deutscher spräche und dichtung. Im ver- 
eine mit fachgelehrten und litteraturfreunden herausgegeben von 
J. M. Wagiier. Wien, Kubasta und Voigt, 1873. Erstes (Januar-) heft. 48 ss. 
10 sgr. 

„Schon wider eine neue Zeitschrift?" Diese frage wird erstaunt aufgeworfen 
werden. Und nicht mit unrecht. Denn wir besitzen nunmehr bereits ein volles hal- 
bes dutzend periodischer orgaue, die sämtlich der speciellen erforschung der deut- 
schen spräche und littcratur bestirnt sind: eine zahl, denke ich, mehr als gross, 
wenn man den kleinen ki-eis der fachgenosseu überblickt und berücksichtigt, dass 
unter diesen zumeist nur die jüngeren kräfte die fruchte ihrer arbeit durch die Zeit- 
schriften in den wissenschaftlichen verkehr zu bringen pflegen. Sehr- nahe liegt da 
die gcfahr , dass , um nur regelmässiges erscheinen zu ermöglichen , die redactionen 
genötigt werden , auch solchen beitragen die aufnähme nicht zu versagen , die kei- 
nen wissenschaftlichen fortschritt repräsentieren und daher besser ungedruckt blie- 
ben. Nichtsdestoweniger aber glaube ich nach bester Überzeugung das neue unter- 
nehmen, dessen titel diesen Zeilen vorgestellt ist, aufs wärmste empfehlen und seine 
Unterstützung den fachgenossen recht dringend aus herz legen zu dürfen. Ich meine 
dass es eine wesentliche lücke ausfüllen soll und wird, die lücke, die durch das 
wol allgemein bedauerte eingehen des Serapeums gerissen ist. Wie viel anregung 
und förderung von dieser letztgenanten Zeitschrift ausgegangen, brauche ich nicht 
darzulegen: jetzt und lange noch wird die stattliche bändcreihe eine reichhaltige 
fundgrube der belehrung für die verschiedensten loser sein. Noch erfolgreicher wird 
aber das „Archiv" die alten bestrebungen wider aufzunehmen in der läge sein, als 
es sich einerseits auf den engeren kreis der deutschen litteratur, die ja auch im 
Serapertm stets die hervorragendste stelle einnahm, beschränken, andererseits aber 
auch den apparat von notizen, auszügen, bibliotheksordnungen , dessen praktischen 
nutzen ich nicht bestreite, dem aber dauernder wissenschaftlicher wert nicht zuerkant 
werden kann, von sich fern halten will. Der schwerjjunkt für die Wirksamkeit des 
,, Archivs" wird also wesentlich in der mitteilung ungedruckten materials aus dem 
15. und den folgenden Jahrhunderten liegen, dann aber vor allem in einer ener- 
gischen pflege der bibliographie. Und diesem letztern punkte möchte ich noch ein 
wort widmen. 

Je mehr sich das material, mit dem eine Wissenschaft arbeitet, häuft, je 
weniger der einzelne im stände ist, alle ihre teile gleiclmiässig zu beherschcn, um 
so mehr stellt sich das bcdürfnis nach comjjendien ein, die im gegebenen falle 
schnelle auskunft erteilen können. Am meisten ist ein solches bedürfnis nach biblio- 



ÜUKK WAGNEUH AKCUIV lOf) 

f»ra]>hisclicr seitc liiii vuiliaiidcii : doiii finzuliicn ist ok vülli^j unrnöf^lirli, sich für «<■!- 
luMi l)Cf,Miiir/ton zweck diu vollst iiiidif,'«! wissensciiaft von (lein auf allen hihliolhi-ken 
i)eutsciilands zerstreutoii niatcriale zu bescliallen. Wir haben jetzt <las j,'liick , durch 
(Joedekes und Weilers biiclior annähernd van den» rcichtuni der littoratur des IG. und 
17. Jahrhunderts unterrichtet zu sein: nachtrage lassen sich zwar noch niancho 
i;eben, vermindern aber den dank nicht, den wir der bewundernswerten arbcitskraff 
des oiuzelncn numnes schulden; wer Goedekes grundriss, wie ilas leider von einigen 
Seiten goschieht, mechanisch jient, der mag allen lexicalischen und grammatischen 
arbeiten dasselbe luädikat geben. Zum beweise , wie wesentlich Tür die wichtigsten 
daten der litteraturgescliichte genaue bibliographische kentnisso sind, brauche ich 
nur an die bekante frage, ob Murner der Verfasser des Eulenspicgel sei, zu erinnern. 
Aber eine andere seitc der bibliographischen tätigkeit scheint bisher mir sehr ver- 
nachlässigt, die feststelluug der einzelnen druckcr, der reihenfolgc ihrer typogra- 
pliisclien erzeugnisse und, bei biichern, die viel nachgedruckt wurden oder die, wie 
die Volkslieder und Volksbücher, für ihre weiterverbreitung ganz auf den nachdruck 
angewiesen waren, der benutzten vorlagen. Denn was wir von älteren druckerge- 
schichtcn einzelner städte besitzen, beruht fast durchgängig auf ganz unzureichen- 
dem niaterial und Zarnckes schöner excurs über den Strassburger Camerländer hat 
leider keiiic nachfolge gefunden. Und doch wären auch für die deutsche litteratur- 
gescliichte derartige untersuclmngen nicht unfruchtbar. Ich will, was ich meine, an 
einem boispicle deutlicher machen. In iler heldensage s. 258 bezeichnete W. Grimm 
den Frankfurter, nur in dem bekanten ('eller niiscellanbandc erhaltenen druck des 
Siegfriedsliedes als walu-schcinlich aus dem jähre 153S oder 1530 stammeml. Worauf 
sich diese Vermutung stütze, sagt er nicht. Er schloss es aber gewiss daraus, dass 
der holzschnitt auf bl. 4'', der den im hörne des drachen sich badenden Sej-frid dar- 
stellt, die jahrzahl 1538 trägt. Der druck ist von Weigaud Han. Von diesem kenne 
ich datierte drucke aus den jähren 155G--58 und 1560; von 15(>2 an druckte er in 
gemeinschaft mit Georg Rabe , bald darauf ist er gestorben. Er benutzte die typen 
und holzstöckc Hermann Giilfcrichs, des ersten bedeutenden Frankfurter druckherrn, 
dessen Verlag er auch meist neudiuckte. Gülferichs datierte drucke reichen bis 
1555; und da hat Han die druckerei übernommen, denn auf dem titel der ausgäbe 
des Schimpft' und Ernst von 155G nent er sich Herman Gülfferichs S. Son, was man 
durch Sticf- oder Schwester- auflösen kann. Da dies der einzige druck ist, auf dem er 
sich so bezeichnet, so war es wol sein erster: er wollte sich durch das rcnommee der 
alten firnux emi)fehlen. Der Siegfriedslieddruck kann also von ihm nicht herrühren: 
ein unbekanter druck des geilichtes von 1538 ist anzunehmen. Aber dies würde sich 
auch erweisen lassen , wenn wir gar nichts von der zeit Avüsten , zu der Han druckte. 
Alle seine holzschnitte — in den verschiedenen von ihm gedruckten Volksbüchern 
kehren die gleichen sehr häufig wider und es licsse sich mit ilu'er hülfe eine Chro- 
nologie der drucke herstellen, wenn nicht bereits Gülferich die meisten der bücher 
selbst gedruckt b.ätte — haben in den octavbänden eine breite von G.G bis G,9 cen- 
timetern. sodass sie sich gerade in die 7 centim. breite kolumne gut einfügten: ilire 
höhe schwankt zwischen 5 und 5,3. Die breite des holzschnittes aber, der die zahl 
1538 aufweist, beträgt mir G,2; er kann also ursprünglich gar nicht für Hans officin 
gemacht sein. 

Das vorliegende erste lieft des „Archivs" enthält ausser einer reihe kleinerer, 
mitteilungeu zwei längere artikel. Soherers aufsatz über Christophorus Brockhagius 
führt einen bisher unbekanten , nicht unbedeutenden lateinischen di'auiatiker aus dem 
letzten Jahrzehnt des IG. Jahrhunderts vor und zergliedert eingehend die scenerie des 



lOG CRECEIilOS 

einzigen von iliin erhaltenen stückes, das das gleichnis von den klugen und törich- 
ten Jungfrauen auf das Luthertum und seine bedränger überträgt. Ein österreichi- 
sches satirisches gedieht des 14. jalirhuuderts teilt Schönbach aus einer Wiener hand- 
schrift mit. Nicht richtig scheint mir der titel ,,meister Renuaus," den ilim der 
herausgel)er zugeteilt hat. In der handschrift lautet der name stets Ren auß. 
Reuaus stellt sich gleich im eingang als einen meinster kunstenreich vor und sagt 
von sich: alle loM ge ich au/J nach dieser österlichen zeit, guti salb in vmnem 
büchlein leit. Diese salben sind die sieben todsünden, die el* eine nach der andern 
anpreist. Es ist ein entschiedener fehler der anläge, dass, während der krämer ein 
teufel (v. 585) ist, der sich freut die leute mit seinen salben zn betrügen, er sie 
zugleich auf die schlimmen folgen derselben aufmerksam macht, ja sie vor sich 
warnt (v. 586). Da hat die ansieht des dichters auf ungehörige weise sich ein- 
gemengt. Mehrfach, v. 5. 590. (;05 wird betont, dass es osterzeit sei, auch 5i>7. 
ausdrücklicli bemerkt, dass die fasten mit ihrer strengen diät ihr ende erreicht hät- 
ten: nun möge man wider essen und trinken und fi'öhlich sein. So bedeutet denn 
der name: die trauer, busse ist aus; Reuaus ist der teufel aller der lustbarkeit, deren 
folgen die sieben todsünden sind. Die ausdi'ücke ich gee umh das ganze jar und 
alle lant ge ich auß kann man ebensowol aus seiner rolle als krämer (vgl. v. 581) 
erklären als aucli daraus, dass das ganze jähr hindurch mit ausnähme der fasten- 
zeit seine herschaft andauert. Jedesfalls passt der name Hcii, aioß mehr für einen 
teufel als Hennaus; und zu der vorgeschlagenen deutung stimt auch der name des 
knechtes , lasterpalk. Interessant ist der nachweis von der starken benutzung des 
Renner. 

BKKLIN, MÄKZ 1873. STEINMEYER. 

Codex traditionum Westf alicarum. I. Das Kloster Freckenhorst. 
Münster. E. C. Brunns Verlag. 1872. Auch unter dem titel : 

Die TTeberegister des Klosters Freckenhorst nebst Stiftungsurku nde, 
Pfründeordnung und Ilofrccht. Herausgegeben von Dr. jur. Ernst 
Friedlüiider , Archiv-Secretär am Königl. Staats-Archiv zu Münster. 
Mit einer Karte. XIV. 223 s. 8. 2 thlr. 

Schon seit einer reihe von jähren hatte der geh. archivrath dr. R. Wilnians 
in Münster den plan gcfasst, im anschluss an das Westfälische urkundenbuch die 
Verzeichnisse der traditionen , die hebe- und güterregistcr von sämtliclien klöstern in 
Westfalen, zu einer samlung vereinigt, herauszugeben. Das unternehmen ist mit 
dem vorliegenden bände ins leben getreten. Da aber herr Wilmans selbst durch 
andere teils amtliche, teils wissenschaftliche arbeiten liehindert war, übernahm der 
frühere archiv-secretair zu Münster, dr. E. Fricdläuder, welcher inzwischen als 
archivar nach Aurich versetzt ist , die herausgäbe dieses ersten bandes und hat darin 
alle das klostcr Freckenhorst betrelfenden rcgister zusammengestellt. 

Von den in die samlung aufgenommenen stücken waren bisher zwei schon 
bckant, ncmlich die stiftungsurkunde , welche indes Friedländer nach mehreren 
abscliriften kritisch hergestellt hat (s. 1 — 10), und das vielbehandelte älteste hebe- 
register aus dem 11. Jahrhundert (s. 11 — 511). Alle übrigen Urkunden erscheinen hier 
• zum ersten male. Von besonderer Wichtigkeit, namentlich für die sichere erklärung 
der Ortsnamen, die sich in dem älteren register finden, sind die aufzeichnungen des 
sogcnauten goldenen buchos aus der ersten liälfte des 11. jalirliunderts (s. (51 — 130): 
es enthält ein Verzeichnis sämtlicher besitzungen des klosters und der einkünfte 



ÜBEB KniKDfiANDKK, «(il). TUAIi. WKHTK 1m7 

iluiJius, die n^clitc di-s vogts iiml dci litoiion, lim: autzilliliing <lrr Ichoii iiritl zcliii- 
teii , eine bosfhroibuiij,' »los {j^ottcsdiciistüs am luilinsiirttaf,', deu cid di;r iihti,shiiiii<:ii 
u. dortjl. Die woiteron vcrändcruuKt-'H i»' giitcisüindu und die waiidcluiig der miuieii 
lornon wir keiiiitsii aus den vcrzciclinisson von 1I!4H — llj^f) (k. 139 — 146) und aus 
oiuoni li«!borogistor vom oudc des 14. jalirliunderts (s. 147 — IGH). Den HcUluäS der 
saniluiig bilden aus/Jigc aus einem eabndarium von 14H7 oder M1*H, wolchch eine 
pfrinideordining und ein neorob)giuMi der äbtissinuen eiitliält (s. KJD- 1H(J), sudann 
ein brucbstiick des bofrechtes von Freckenborst (s. 1H7 — 202). 

Dass der alulruek ein genauer sei, (biricn wir bei einer von dem archive selbst 
ausgebenden sanibmg W(d voraussetzen ; es bürgen dafür IVriier die sorgfältigen anga- 
ben aus der bandscbrift des alten beberegisters : die feblerbafteu scbreibungen , die 
correcturen, rasuren usw. werden mit grosser genauigkeit mitgeteilt, wie dies bei 
der wicbtigkeit der Urkunde dureliaus angemessen erscheint. Ein besonderer Vorzug 
des Werkes bestellt in dem reicbbaltigcn historischen comnientar, welchen Friedlän- 
der beigegeben liat. Bei den bilfsmittcln , die ihm das archiv bot, war er im stände, 
namentlich über die ortsnamen weit vollständiger und zuverlässiger aufschluss zu 
erteilen, als es die früheren herausgeber vermochten. Wir dürfen sogar annehmen, 
dass in dieser beziehung die vorliegende ausgäbe im ganzen einen abscbluss berl)ei- 
fübrt. Denn es ist wol kaum zu erwarten, dass hierfür neues niaterial von bedeutung 
aufgefunden wird. Gerade deshalb sind aber auch diejenigen, welche die Urkunden 
vorzugsweise für sprachliche Untersuchungen benutzen wollen, dem herausgeber zu 
danke verpflichtet: sie können sich einerseits auf den text verlassen, andererseits 
haben sie für die namen in der reihenfolge der Übergänge ]>is auf die neuere zeit 
herab ein zuverlässiges material in den bänden, um die heutigen namensformen zu 
deuten. Schon aus diesem gründe hätte herr Friodländer nicht nötig gehabt , den 
neuen abdruck des alten registers mit der uugenauigkeit (Niescrt) oder übergenanig- 
keit (Massmaun) der früheren ausgaben zu entschuldigen. Ohnedies durfte in einem 
Codex diplomaticus sämtlicher heberegister aus Westfalen die perle von allen unter 
keiner bodingung fehlen. Friedländer ist dabei sogar ungerecht gegen M. Heyne, 
wenn er von dessen ausgäbe sagt, sie sei ohne benutzung des Originals erfolgt und 
wimmele daher von fehlem. Heyne hat allerdings das original nicht vor sich 
gehabt, wol aber den Massmannschen abdruck beiDorow, welchen Friodländer selbst 
eine übergenauen nent, der „bis auf einige Ideiuc di-uckfehler " jenes getreu, ja 
mit allen seinen abkürzungen z u getreu wdergebe. Es würde also eine unvergleich- 
liche nachlässigkeit von Heyne sein , wenn bei einem solchen Vorgänger seine aus- 
gäbe wirklich von fehlem wimmeln solte. Dies ist aber nach meiner vergleiduing 
durchaus nicht der fall. Heyne hat, wie er das selbst angibt, den text kritisch 
behandelt, d.h. die zahllosen sprach fohler des ab.schreibors verbessert , in den anmer- 
kungen aber jedesmal genau nach Massmann die Schreibung der bandscbrift angege- 
ben. Auch der neueste herausgebor hätte in dieser beziehung manches von seinem 
Vorgänger annehmen dürfen , ohne zu besorgeu , dass der genauigkeit der publicatiou 
cintrag geschehe. So durfte z. b. das fehlerhafte th statt t überall entfernt werden: 
es genügte in den noten die versehen des abschreibers zu verzeichnen ; ebenso die 
Versetzung ht statt th. S. 30 war der Schreibfehler clfefta statt ellefta zu beseitigen. 
Auch für die crklärung mancher stellen bot die ausgäbe von Heyne anhält. Dass 
z. b. antahtoda (s. 32) achtzig bedeute und eine änderuug ganz unnötig sei, ergab 
das glossar bei Heyne. Herr Friodländer bemerkt dagegen: „ant ist unverständlich, 
da schon ende und dasteht, hinter ahtoda felüt dagegen half"; er will also 7V2 statt 
80 setzen, jedesfalls unrichtig. Die crklärung der stelle s. 46: tkrio an ger = drei- 



108 CRECELIUS, ÜBEE FRIEDLANDER, COD. TRAD. WESTF. 

mal im jalire , welche prof. Storck zu Münster au Friedländer mitteilte , findet «ich 
schon bei Heyne (glossar unter den worten an , fjcr und thrio). Ferner unterscheidet 
Heyne zwischen dem acc. pl. j)enningä und dem gen. pl. penningö , gibt aber die 
ab weichungen der handschriften an jeder stelle an. Ebenso beseitigt er sonstige 
declinationsfehler, en Icö statt ena hö u. dgl. Dieses alles sind änderungen, welche 
man von kritischen ausgaben eines Schriftstücks zu verlangen pflegt, und, wo es 
sich um eine ausgäbe handelt, welche die sprachliche seite betont, sogar unbedingt 
verlangen muss. Dass Friedländer nicht soweit in der änderung des textes gegangen, 
ist begreiflich und darf ihm nicht zum Vorwurf gemacht werden. Der Codex tradi- 
tionum verfolgt einen wesentlich anderen zweck als die ausgäbe von Heyne in der 
bibliothek der ältesten deutschen Litte ratur-denkmäler. Er will material für 
die geschichte des landcs zusammenstellen und diese aufgäbe löst er in dem vor- 
liegendem bände vollkommen. Denn dazu bedarf es hauptsächlich einer genauen 
widergabe der Originalurkunde und eines guten historisch - sachlichen commentars. 
Selbst die auflösuug der abkürzungen, welche Friedländer besonders betont, scheint 
uns in dieser beziehung weniger notwendig. Eine unterhaltende lectüre werden hebe- 
register niemals werden. Wer sie aber zu historischen forschungeu benutzt, muss 
im stände sein, die abkürzungen sich selbst aufzulösen. 

Auch in den sprachlichen erkläruugen zu den späteren Urkunden , welche in 
die samlung aufgenommen sind, muss manches präciser gefasst werden. So wird 
z. b. s. 173 potharst als eingesalzenes fleisch und liarst als trockenes fleisch aufge- 
fasst. Die namen haben im laufe der zeit und an verschiedenen orten verschiedene 
bedeutungen angenommen. Vgl. Schiller, Beiträge zu einem mittelniederdeutschen 
glossar im programm von Schwerin 18G7 s. 13 unter dem worte pottliast. Ursprüng- 
lich aber und noch heute an manchen orten bezeichnen sie geröstetes , geschmortes 
oder gebratenes fleisch im gegensatz zum abgekochten, ferner das noch fleische, zum 
braten usw. bcstimte stück fleisch. Der Dortmunder i^fejfer-imüliast ist durch das 
kochbuch von Henriette Davidis auch ausserhalb Westfalens bekant geworden. Es 
ist in stücke zerschnittenes, im topfe (pott) gedämpftes fleisch. Das einfache hurst 
oder lutst hat jetzt vielfach die allgemeine bedeutung zerhauenes fleisch oder schlacht- 
fleisch bekommen , so z. b. in Osnabrück und in dem Südwestfälischen. Es ist also 
bedenklich, wenn Friedländer, vielleicht nach einem aus Münster ihm bekanten 
Sprachgebrauch von heute , eine so specielle bedeutung der beiden Wörter für ein 
Schriftstück des 15. jalirhunderts annimt. Und wenn es z. b. s. 172 und 177 heisst, 
dass am (5. Januar und zu osteru ein ochse geschlachtet ' und davon senffleisch, 
potharst und braten gereicht worden sei, darf man bei dem potharst unmöglich an 
gesalzenes fleisch denken, welches doch längere zeit zur Zubereitung erforderte ; mei- 
nes Wissens kann mau solches frühestens nach acht tagen benutzen. 

Über Bastart (s. 184: 2 kanne luttcr dranclcs oder hastartz) erteilt jetzt das 
mittelniederdeutsche Wörterbuch unter dem worte basiert den nötigen aufschluss. 
Interessant ist aber die stelle aus dem Freckenhorster glossar deshalb, weil durch 
sie die Vermutung Wehrmanns bestätigt wird, dass man den spanischen wein (bastart) 
hauptsäclilich zum iiilcrdrank benutzt habe. 

Aus der vorrede (s. VII fg.) ersehen wir, dass noch eine ganze reihe von hebe- 
registern zur herausgäbe bcstimt und bereits abgeschrieben ist. Die ältesten darun- 
ter sind zwei aus dem kloster Werden, welche sich im Düsseldorfer Staatsarchive 
befinden. Der herausgeber irrt übrigens in der angäbe , dass das eine derselben (aus 

1) Es heisst unter dein C. Januar ausdrücklich ,,voni stalle." 



JÄNTCKK, Ober vmi-.v kd. iiArPT ir»9 

dein il. jiilirliuiKlcrt) nii<,'('(Ini(kt soi. Ivs ist znin ^riiston teile, so weit C8 «las Rliein- 
liiiid mul Wostliileii iii\f^elit, von rjaeoiiiblft (Arcliiv für «lie j,'i'scliiclit(! «los Ni<Ml<jr- 
riiciiis 11, 2) liiTiiiis<,'o>,'('lj('ii ; aiulert^s daraus, was sich auf Fricslaud bo/ioht, ist von 
mir in den CoUectao 1 niitj,'('teilt. Ein/idnc auf Westfalen bczüfflichc partiecn habe 
ich ausserdem in den C!oIlectao IIa nochmals abdrucken lassen, weil Lacouiblcts aus- 
fjabo an mancherlei fehlem leidet. Das zweite Werdensche hcberegister enthält wenij; 
für Westfalen ; das meisle darin f^eht BVicsland und Helmstedt an. Unter den übri- 
gen hebercgistern stammen zwei aus llerzebrock noch aus dem 11. Jahrhundert, meh- 
rere von Herford, S. Mauritz vor Münster, von Oberwasser zu iMünster tf. aus dem 
12. Jahrhundert. Wir wünschen , dass herr geh. archivrat Wilmans uns bald mit der 
fortsetzung des begonnenen Codex traditionum erfreut und dass die staatsrcgierung 
auch fernerhin durch Subventionen das Zustandekommen des werkes fördert, wie dies 
nach der vorrede s. VIII bei dem ersten bände der fall gewesen ist. 

ELBERFELD. W. CRECELIUS. 

Erec, eine erzälilung von Hartmann von Aue. Zweite ausgäbe von 
MoriK Haupt. Leipzig, verlag von S. Hirzel. 1S71. 447 s. gr. H. 2 thlr. 12 sgr. 

Hartmanns Erec aus der einen s])äten handschrift herauszugeben, war im jähre 
1839 eine schwere aufgäbe , die aber von Haupt glänzend gelöst wurdi'. Man muss 
sich vergegenwärtigen, wie geringe liiirsmittel der deutschen philologie damals zu 
geböte standen, wenn man die Schwierigkeit der aufgab«.' und das verdienst von 
Haupts arbeit würdigen will. Von Wörterbüchern war ausser den arbeiten des vori- 
gen Jahrhunderts und wenigen Specialglossaren nur Ziemanns versuch eines mittel- 
hochdeutschen Wörterbuches 1838 vorhanden: Beneckes arbeit wurde erwartet. Nur 
ein kleiner teil von der reichen litteratur des 12. und 13. Jahrhunderts war veröftent- 
licht, nicht einmal Hartmanns werke vollständig: der Gregorius war 1838 noch erschie- 
nen, die beiden büchlein waren ungedruckt. Auch vom Iwein erschien die zweite aus- 
gäbe von Renecke und Laclimann , dieser katechismus für die kritik der mittelhoch- 
deutschen gedichte, erst nach dem Erec, im jähre 1843. 

Wie der herausgeber unter diesen umständen seine arbeit gemacht, wird uns 
in der ersten ansg. s. VIII und in der zweiten s. 326 von ihm geschildert. Von der 
fortgesetzten Sorgfalt, die dem Erec auch später der herausgeber selbst und seine 
freunde zugewant haben , geben Lachmanns anmerkungen zur 2. ausgäbe des Iwein 
und Erec, 2. ausg. s. 32G Zeugnis. Wenn daher Bech in der Germania 7, 421» sagte : 
,, durch die eindringliche und überzeugende kritik, weichein diesen blättern gewagt 
hat, den von Lachmann und Haupt aufgestellten text des Erek nach verschiedenen 
Seiten hin zu beleuchten . ist der freien philologischen forscliung unlängst ein feld 
zurückerobert worden, das lange zeit hindurch nur wenigen zugänglich, vie- 
len sogar unantastbar scheinen mochte," so sieht man, wie unmotinert es 
war die bemorkungen über den text des Erec mit diesen Worten zu beginnen und 
man begreift Haupts scharfe entgi^gnung s. 32(5, die manche freilich nicht unterlas- 
sen werden schief zu deuten. 

Die äussere form der neuen ausgäbe entspricht vollständig dem Iwein. Die 
lesarten der handschrift sind nicht unter den text, sondern in die anmerkungen 
gestellt ; die vorrede der ersten ausgäbe ist nicht widerholt, aber eine einleitung 
über das gedieht, die handschrift und die ausgäbe ist den anmerkungen vorausge- 
schickt s. 323 — 327. 

Der text der neuen ausgnbe weicht vielfach von dem der ersten ab. Was 
von andern richtig erkant war. ist in den text aufgenommen und in den aumerkun- 



110 JANICKE 

gen mit dem nanien des verbesserevs bezeichnet: das meiste und das beste aber für 
den text hat Haupt selbst getan. An manchen stellen, wo die erste ausgäbe von 
der liandschrif't abwicli, ist jetzt die lesart der handschrift wider hergestellt; wenn 
sich eben ergab , dass die Überlieferung richtiges mittelhochdeutsch war. Dass Haupt 
und Lachmann in der ersten ausgäbe manches bezweifelt hatten , was sich später als 
untadelhaft erwies, war natürlich: denn den ganzen Sprachschatz des mhd. wenig- 
stens annähernd zu übersehen ist erst durch die zahlreichen textveröffentlichungen 
und andere arbeiten der letzten dreissig jähre möglich geworden. Und jeder, der 
ähnliche arbeiten unternommen liat, weiss, wie leicht auch jetzt bei der fülle der 
hilfsmittel einzclheiten der sorgsamen forschung entgehen. 

Der herausgeber sagt , dass der text der zweiten ausgäbe schon 1859 druck- 
fertig war, dass er aber zögerte, weil er dem text anmerkungen beigeben wollte. 
Sehr erwünscht wäre es gewesen , schon damals den verbesserten text zu haben ; aber 
wären dann die sprachlichen beobachtungen , die jetzt fortgesetzt und erweitert in 
den anmerkungen vorliegen, der Öffentlichkeit vorenthalten worden, es wäre ein 
empfindlicher vorlust für die Wissenschaft gewesen. Nicht als ob die anmerkungen 
und die ganze ausgäbe unseres lobes bedürfte — nur für angehende fachgenossen, 
in deren bände diese blätter auch gelangen , gestatten wir uns ein paar worte über 
diese anmerkungen, damit sie sehen, dass sie das buch nicht lesen, sondern studie- 
ren müssen. 

Die anmerkungen sollen die textkritik rechtfertigen und was schwierig oder 
zweifelhaft ist, erklären. Dazu sind zunächst aus Hartmanns übrigen werken und 
aus den nachalunungen der Hartmannischen dichtung ähnliche stellen zahlreich ange- 
führt. Dass solche nachahmungen auch für die textkritik nutzen ]ial)en können, hat 
Lachmann zum Iwein gezeigt, vgl. diese zeitschr. 2, 228. Wo es nötig schien, sind 
die belegstellen aus dem gesamten gebiet der mhd. litteratur gegeben, und auch 
über diesen kreis ist hinausgegangen. In der grossartigen belesenheit, die jede seitc 
dieser anmerkungen zeigt, möchte man den geringsten vorzug erblicken: denn jeder 
kann ihn erwerben durch emsigen fieiss. Durch die fcinheit und schärfe der beob- 
achtung , der nichts zu entgehen scheint , sind diese anmerkungen ein schwer zu 
erreichendes Vorbild für alle zeit. 

Die anmerkungen lassen sich in mclii'ere klassen teilen : 

1) Lexicalische, über Wörter und phrasen, die überhau])t oder bei gewis- 
sen dichtem selten vorkommen; ausdrücke der volkspoesie, die von den hi)fischen 
dichtem nur selten gebrauclit werden wie hei. waz , hei wie, ma/jedin , fiemeit; fer- 
ner eigentümliche formen und bedeutungen , z. b. friunt im ])lural , bim hirt , haz, 
enmitten , ivortzeiclien loärzcichen , zehant, et aber, von, fiivr, swcere. 

2) Hartmanns spräche ist, wie in den anmerkungen zum Iwein, beson- 
ders genauen betrachtungen unterzogen. Die einzelnen bemerkungen zusammcngefasst 
ergeben ein klares bild von Hartmanns art, wie sie sich allmählicli entwickelt hat. 
Seine kunst war eine bewuste ; mit bestimter absieht vermied er in den letzten gedich- 
ten , besonders im Iwein, manclies was er sicli frülier gestattet liatte. Darauf war 
schon in der ersten ausgäbe s. XV hingewiesen worden; die anmerkungen führen es 
weiter aus. 

3) Syntaktische fügungen, die im mhd. sehr grosse freiheiten zeigen, 
sind vielfach nachgewiesen. Gerade hier sind die belege reichlich gegeben : solche 
beobachtungen, wie z. b. über das unii yoirov 5414. 5812. 8231), zwei ausdrücke 
durch und verbunden mit einem zusatz zum zweiten 8239 , (Ergänzung eines verwan-" 
ten substantivums 7814 , feldcn des artikels 812. 1358. 2375. 0487 , vol Iterc erfüllen 



iTiF.n i:rj:c kd. haitt ] 1 1 

Itcreti von 7122, luzitlaiii;,' dos prorioiiions iml' vuin f/J.'Jh, .lii.ni.iii >ii in-n.- I.<|i.r- 
schung oinos reichen inatorials ; sie /.eigen aber juuii , was damit erreielit wcrdon 
kann und wie viel noch ITir die mhd. syntax zu tun Jdoiht. 

4) Metrische boobach tungcn. Manclio litraus^n'bcr haben geglaubt sicli 
diese fast ganz ersparen zu dürfen, indem sie allzu Ij(.«iuein sich an die handschrif- 
ten hielten und nicht bcdacliton , was über das verliäitnis dur handschriftcn zu den 
metrischen gesetzcn Lachmann in der zweiten note zu Iwein 74;W gesagt hat. Sie 
sind damit zu den lehren gekommen, von denen Haupt s. 32>S sagt, dass sie ,,das 
wolgebaute feld der ndid. nietrik zu verwüsten trachten." Haupt hat aueh darin 
l.achnianns werk fortgesetzt, dass er durcli gcTiauc botraclitungen über Ifartmanns 
metrik die untersuciiuiigen LachiManns in den anmerkungcn zum Iwcin ergänzt und 
zweifei liachniauns oder unbedeutende irtümer berichtigt. Nur an ein paar bcispie- 
len mag gezeigt werden, wie wichtig solclie eingehende beubaclitungen über den 
gebrauch sorgfältiger dichter sind. In der anmcrkung zu 23 wird nachgewiesen, dass 
viele mhd. dichter die formen gmide (/itndcn^ohuG he- gebrauchen. Die älteren Schrei- 
ber setzen aber fast immer das be zu, während aus jüngeren handschriftcn sich die 
formen ohne he häufig naeinvcisen lassen. Nur die genaue beobaclitung der metri- 
schen rcgel eines dichters kann hier also entscheiden. I'^benso ist es mit seile rerte 
spile für (jeselle (/ererte ()C^inle usw., über die zu 10(30 gehamlelt ist; ebenso auch 
mit kenne für erkenne hekenm: s. Hildebrand im dcutsclien wörterb. .5, 532. 

5) Sachliche erläuterungen über leben und gebrauche des mittelalters, 
wie zu 237G über erleuchtung, 1558 über irisches leder, 89<i7 waffentragen vor 

frauen, 7752 schellen; vor allem die belehrungen über das spiel zu Sfw f. , s. 338 

343. Wie viele früher unverständliche stelleji erhalten hier durch die erkläruno'en 
von jihanilcr gehot fünfzclien haut volles licht; wie manches andere würde sichere 
erklärung Hndeu , wenn man eine gute monograiihie über das Würfelspiel des mittel- 
alters hätte, die sich nicht auf die deutsche litteratur beschränken dürfte. Wein- 
holds schönes buch über die deutschen frauen hat wenig nachfolge gefunden; doch 
scheint in der letzten zeit das Interesse für das verstäfldnis der lebensformen im 
mittelalter zugenommen zu haben. 

G) Der französische text des Erec ist nicht durchgehend angeführt, weil 
jeder Chrestiens gedieht in Bekkers ausgäbe vergleichen kann; wo es für die erklä- 
rung des deutschen gedichtes nötig war, sind Clirestiens werte angeführt: besonders 
bei den eigennamen. Es ist bekant, wie sehr in den deutsclien gedichten über die 
Artussage die namen entstellt sind. Und gerade im Erec und der nicht viel besser 
überlieferten Krone haben wir die ausführlichsten register über die ritter der tafei- 
runde. Die meisten namen darin sind plumpe ungctüme: nur bei einigen ist die 
möglichkcit erträgliche formen herzustellen. Was in dieser bezieimng durch den ver- 
gleich mit Chrestiens Erec und andern französischen und deutschen gedichten gesche- 
hen konte, ist in den anmerkungen zusammengestellt. Zu 1G72 wird bemerkt, nach 
den stellen des Lanz. und Pnrz. scheine Gahillet von Ilochturasch zusammen- 
zugehören; das komma nach Gahillet konte gestrichen und der name hergestellt 
werden, wie 1G58 Ithcr von Gnhcviez für das Iher Gaheries der handsclirift gesetzt 
ist; auch 1G4G ist ünum sicher Ovain , Chrestien hat Yrain, wie in den vorher- 
gehenden Zeilen. Zu 1G47 ist noch anzufülu-en Gasozcin de Dragöz (: löz) Kj-one 4775. 

7) Widerkehrende Verderbnisse der handschriftcn. Natürlich ist 
hierbei zunächst die Ambraser handsclu:ift berücksichtigt, deren Iwein z. b. 2iyG 
angeführt wird. Aber auch aus anderen handschriftcn sind oft analoge Verderbnisse 
angemerkt, so dass diese noten für jeden lehrreich sind, der sich mit der textkritik 



112 JÄNICKE 

von mhd. gedichtcn beschäftigt. Ein paar beispiele: warumbe für wes 3743, alle 
für al 2449 , def^ter deste für diu G341 , selbe selbig zugesetzt 8521 , mit für in 

ir 3973. 

Haupt sagt s. 327 „dass meine arbeit manchen zweifei übrig lässt und dass 
an mehr als einer stelle anderes möglich ist als ich gesetzt habe, weiss ich sehr 
wol." Aber nur an sehr wenigen stellen wird ein anderer Vorschlag so entschieden 
besseres bieten, dass er begründeten anspruch auf allgemeine volge hat. Ein paar 
Zweifel sind mit bei den folgenden nachtragen zu den anmerkungen erwähnt: ich 
hoffe dass hier auch kenner , die das vorstehende gerne überschlagen mögen , einiges 
brauchbare finden. 

16. Er tcas ze harnasche wol. Dazu ist Greg. 1553 angeführt. Einige andere 
beispiele s. in der anm. zu Wolfdietrich B 920, 2. 

23. Gan für began ist, wie Haupt bemerkt, seltener als gunde für begunde. 
Es steht noch im Liedersaal 3, 254, 68 loie er sins guot was loorden cm und in 
armuot Tcoinen gan und in den Kolraarer meisterliedern 79, 35 diu frowe den sweher 
hazzen gan (: gewan). gunde ist in diesen liedern sehr häufig ; Bartsch hat fast stets 
he zugesetzt: daz gunde sinen lii) ze scre hrenken (Bartsch daz sifien Up begunde 
sere krenken) 128, 6. dem selben gunden sie ez wol (Bartsch siez begunden wol) 
erbieten 8. der esel gund gar sitticlichen (Bartsch begunde sitticlichen) ezzen 26. 
.so daz er zuo der erden gunde (Bartsch erde hegwnde) vallen 39. in freuden gtmd 
(Bai-tsch freude begunde) er wüete 14, 11. den vater gund {B&rtsch bcgund) ertasten 
189, 25. ein froioe (Bartsch frowen) er s wecken gunde 25, 11. — J. Grimm hatte 
in Haupts zeitschr. 8, 404 gunde für die mhd. zeit geläugnet: er hat es aber selbst 
gesetzt nach den handscliriften im Eeinhart 789 und in einer kleinen erzälilnng 
s. 361 V. 1891. — Die beiden stellen des Mai , in denen Haupt gegen die hand- 
scliriften gan setzt, sind ohne tadel, wenn man began liest: diu höchzit sich sliezen 
heqan und sinen hof er setzen began. Denn der dichter des Mai befolgt das priuci]) 
der Silbenzählung, so dass vers- und wortaccent in Widerspruch geraten, z. b.: 

die höhen an sinen rät näm 73, 16. 

wirt man des ünbildes gewar 24, 1. 

biz si gwunnen so grözez guot 201, 25. 

dar umbe ich iuch billi'ch gewer 202, 22. 

die sich künden verdenken 203, 14. 

got herre, mi'n andaht vernim 27, 22. 

und under mi'n houböt ein strö 35, 39. 

und iuch selben behäret 144, 16. 

daz ist gein Rö'mseren min rät 2o8, 29. 

da von er wajr billi'ch verlän 137, 17. 

mänege unfuör hat si getan 132 , 7. 

ja süln minen verworhteu lip 216, 19. 
Darnach sind auch die zuerst erwähnten verse und die folgenden zu lesen: 

da gegen sich kleiden began 11, 3. 

ir ieslicher weinen began 218, 30. 

nieman äntwurten began 73, 36. 

der fürste in danken began 105, 27. 

gar vaste ez wahsen began 194, 38. 

den boten si vrägen began 130, 33. 

diu frowe oucli zäheren began 221, 9. 

der fürste si minnen began 96, 36. 



ÜBER EBKC KD. UAUl'T 113 

der {frävc in (luiik«'n bej^an ll.'i, Ül. 
mit ir er dö' • riugeu begau 24 , 22. 
Einige von diesen verseil lassen sieb auch lesen wie 
mit in er weinen began 42, 32. 
wol er in grü'ezen began 133, 38. 
Denn innerhalb eines Wortes fehlt öfter nach einer langen silbe die Senkung, wa.s 
sonst nur in wenigen fällen vorkommen wird. Wie übrigens in der von Haupt 
angeführten stelle 20, 28 eine handschrift yan hat, so wird gan gegen die hand- 
schriften herzustellen sein 138, 14 min herre selbe schrihen (jan und (junden 124, '£i 
diu lant si tcuexten gunden. 

98. Dass an den Worten mit der geisel ez inshioc, als ez der mögt hete getan 
nichts zu ändern ist, wird wol deshalb bemerkt, weil Bech Germ. 7, 43(J die mitgt 
verlangt hatte und auch in seiner zweiten ausgäbe so schreibt. Die beispiele für 
tiion mit dem dativ in dieser Verbindung lassen sich vermeliren: ich glaube dass 
der dativ fast ebenso häufig ist wie der accusativ. 

228. Auch im a. H. 1241 gebraucht Hartmann relatives «u. Dies i-st in der 
Germ. 11, 21» angemerkt, wo aber der vers des Erec übersehen ist. 

502 ist zuzufügen Erec 2170. 4692. 5858. 6822. Greg. 167. 3813. büchl. 1. 
349. 5U9. Iw. 75. 1879. 

876. si begunden diu bot legen mit starken wunden freissam Rab. 842. «/ 
Iren schanz lue ir gebot Helbling 13, 27. 

1237. Sich schuldic geben belegt das mhd. wb. 1, 501 uocli aus inyst. 1, 188, 7 
und sich unschuldic geben aus den siebenschl. 564. Dazu komt du mäht dich niht 
unschtddic geben buch der rügen 1395. ich arme frouwe gib mich schuldic Lieder- 
siial 3, 131, 145. ich gib mich schuldic mere 171. des gib ich schuldig mich Alt- 
swert 177, 33. ob er wult unschuldic geben die vil wol getanen Reinfried 9148. der 
alte wart unschuldic geben Boner 62, 66. eiiien schxddic geben Liedersaal 1, 213, 93. 

1248. Für das geweitigt mich der handschrift ist sicher das von Haupt und 
Müller vorgeschlagene gevalte mich dem vorzuziehen was in den text gesetzt ist. 

1631. Lanzelet wird in der Krone noch einmal von Arlac genant: minem lier- 
ren Lanzelete , den man hiez von Arlac : pflac 2074. 

1730. Wenn im Flore an zwei stellen beide handschriften , an zwei andern die 
eine ach wie für hei wie bietet, so ist doch wol vom dichter /jej wie gesetzt worden. 
Junge handschriften wie die des Flore setzen nämlich gern ach für liei; viele bei- 
spiele dafür bieten die handschriften des Wolfdietrich D. 

1969. Seilen ist überliefert MSH. 2, 382' vor allen sinen seilen wo v. d. Ha- 
gen gesellen schreibt, und ist 2, 210' herzustellen: daz man den man bi sinen sei- 
len dicke erkennen sol. — Über stark flectiertes nutzze s. die anm. zu Wolfd. D. 
V 42 , 2. in cf. in menschlicher peer : wcer leben Christi , Haupts zs. 5 , 29 , 450. Das 
verbum paren hat die Wiener handschrift y im WoKd. D VIH 312, 1 der wurm 
part fraischamklichen. IX 23, 1 er pmret zorniglichen. — btirt ist überliefert 
MSH. 2, 383' durch dine hochgelebten hurt. 3, 22'' da wirt man höher hurt gewar. 
Mönch von Salzburg Hätzl. 2, 66, 10 dein junckfräwliche purt betracht. — danc 
hat die handschrift Liedersaal 3, 253, 16 sin danc im üf den pfenninc stuont. 
Kolmarer meisterlieder 203, 49 daz man ir danc dar bi müht wol erkennen Zu 

1) do A, fehlt in E und in Pfeitfers ausgäbe. 

EEITSCHK. P. DEUTSCHE PHILOLOQIK. V. BD. 8 



114 jInicke 

dem pluralis denke ist noch ein beleg Wolfd. D. VI 80, 4 in manegen denken: so 
ist nach /' in den text gesetzt, ace haben gedenken. — bot steht in der Raben- 
schlacht 842, 3, wo nur die hs. A gejiot liest, und Kolm. meisterlieder 11, 37 diu 
zehen bot sint worden las. — Über nöz für genöz s. Haupts zs. 16, 417. — Auch 
treide für getreide komt vor bei Eauch scr. rer. Austr. 3 , 21 ; wan für gewan : swer 
nie geliehen loan noch hat und gros guot mit eren nieman wan MSH. 3 , 21 ". 

2167. Die erklärung des ausdruckes guot umb ere nemen wird auch durch den 
Spruch Kelins MSH. 3, 22" und durch folgende stellen der Krone bewiesen: las sie 
mit unere ir guot al eine niesen, die des niht kan verdriesen, sie ivehseln guot umb 
ere 8769 fg. gros ere sie dö kouften mit gäbe an varnde diet 13864. des ivart 
scBlic ere gekauft 22552; vorher ist die beschenkung der fahrenden erwähnt und es 
heisst von eren wart diu höchsit für gekert. 

2476. Er reit uns im diu naht benam wie die handschrift hat, ist richtig. 
Haupt hat wie die meisten herausgeber in andern gedichten ims geschrieben. Dass 
es fehlen kann, zeige ich zu Wolfd. D IV 40, 1. 

2625. Da mite wart stende gar sunder fride der turnoi Krone 18545. da 
von mohte niht ergen der turnoi, des muoste er sten 18561. üf dem stuont vuste 
enstet der strit Ulrich von Lichtenstein 527, 32. 

2791. Bat üf rümen. Haupt fasst bat als substantivum und nimt eine bild- 
liche redensart an, indem er Mart. 164, 89 so man diu bat üs giese „wenn es zum 
ende komt" vergleicht und für das verbum Helmbr. 1125 es werdent phlüege gesümet 
und rinder üf gerümet anführt. Aber davon abgesehen dass der artikel vor bat kaum 
fehlen dürfte: die beiden stellen genügen nicht für die angenommene erklärung. 
Die redensarten das bad austragen, ausgiessen, aussaufen, austrinken 
(müssen steht oft dabei) DWB. 1, 827. 1030. Lexer 1, 134, die man nicht mit 
J. Grimm auf eine besondere geschichte zurückführen wird, heissen entweder: scha- 
den haben oder etwas lästiges tun müssen. Ein diener oder der letzte badende giesst 
das bad aus. Wenn mau also auch sagte das oder diu bat üf rümen, was sich aber 
kaum wird nachweisen lassen, so konte Hartmann dies doch nicht dem Erec zunm- 
ten. — Die richtige erklärung wird Lanz. 5281 fg. ergeben , worauf auch Bech auf- 
merksam gemacht hat: wan sie wollen es niht sümen. si bäten in üs {in fehlt G, 
üs fehlt P) rümen. Im Lanzelet stimmen so viele stellen mit dem Erec überein, 
dass man Ulrich mit mehr Sicherheit, als Schilling de usu dicendi Ulrici de Z. 1866 
s. 7 es getan hat , für einen nachahmer des Hartmaun im Erec ansehen darf. Ulrich 
entlehnt fast nie wie Wirnt ganze verse oder verspaare von Hartmann , er gebraucht 
aber in einer reihe von mehreren versen dieselben ausdrücke wie Hartmann, vgl. 
unten zu 5540. So stehen auch hier die beiden angeführten verse nicht allein, in 
den nächsten Zeilen stimt Lanz. 5290 wörtlich zu Er. 2795 sen vier nagelen gegen 
der hant. Erec 2791 ist wol er vor bat zuzufügen: es konte leicht ausfallen, da der 
vorhergehende vers auch mit er begint. Bech ändert mehr: er bat im es rmien. 
Vielleicht stand im Erec und im Lanz. ursprünglich dieselbe präposition , üf oder üs. 
Die handschrift des Erec hat auff für üs 5533. 

3303. Die aus der ersten ausgäbe behaltene Vermutung, das echte könne etwa 
gewesen sein als ir mich e hörtet sagen wird unwahrscheinlich durch 3305 von den 
ich iu vor gesagt hän. 

3579. Lie'z wie iu Ulrichs Tristan geschrieben werden soll, hat Massmanu 
gesetzt. 

4643. Bech in der Germ. 7, 457 führt Wig. 29 , 4 wan si vor altem vatsclie 
ivus lüter als ein Spiegelglas an, wodurch sein Vorschlag auch hier vor valscJie für 



(*11RK RHKC Kl>. HADPT llfj 

(las iiberlifli'itc rul nilsvlus zu schrt-ibfii solir jiiiiH'hinbar wir«l ; «Ifiin r.-. i^t walir- 
schcinlich, dasö Winit seine vorse dem Ilartinaiiii alj;,'fljorgt hat. 

55(K). Über yedräte ist Haupts zs. l<j, 478 zu vergleichen. 

5540 ist in der Imndschrift sehr entstellt. Für das in den text gesetzte ftivaz 
der hulft wäre wird auf 2305 fg. verwiesen , wo einer der drei schilde Erecs eine 
decke von zobcl hat. Diese stelle scheint im Lanz. (;3u4 fg. nachgeahmt zu sein : 
dar üf ist in allen vliz ein mouive von zobel gemudä. Wie im Krec drei schilde 
beschrieben werden , so im Lanz. vier ; und einzelne ausdrücke stimmen in der oben 
zu 2791 angegebenen weise : Lanz. G304 in ullen vliz — Er. 2299 in solhen vliz ; 
Lanz. 6297 Ü2 und inne harte rieh — Er. 2305 von golde üze und innen gar. Zu 
Er. 5538 — 40 mag noch angeführt werden Lanz. 1526 fg. dö wart von im zerbrodten 
manic schilt daz er zekloup urul daz diu varwe üf stoitp , als ez genibelet icirre ; 
obwol sich daraus für den verderbten vers des Erec kaum etwas gewinnen lässt. 
Möglieh ist es dass er auch einen vergleich enthielt ah ez .... wcere. 

5812. Die 3. 399 unten angeführte stelle der Virginal wird anders aufzufassen 
sein. Der dichter liebt es sehr zwischen zwei durch und verbundene Wörter etwas 
einzuschieben; z. b. und dazs ir miindel blichen iht läzen utid ir wengel rot 
57, 10. dö such ich loufendc üf der ival die grözen wurme schallen unde manec 
kleine getwerc 448, 9 fg. loid hete min leit ein ende und auch min grOzez Unge- 
mach 450, 9 fg. er liet wol drige kiele verstunden und den Dunresberc 8.34. 10 fg. 
So ist auch Gl, 10 ich müeste sin an minen tot und maneges ungespottet hin. Der 
dichter geht noch weiter, er schiebt, wie Steinmeyer oben band 3, 240 bemerkte, 
ganze Zeilen zwischen zusammengehöriges , z. b. 58 , 7 fg. dö si sälten komen daz 
getwerc, si prägten ez der mccrc, und Uten zime für den bere, waz in dem 
Walde wcere; und sogar zwei zeilen 713, 3 fg. „oicc der leiden mare" sprach diu 
junge herzogin , „Nitger, lieber herre min, dirre grözen swcere. 

6114. Als si sicJt wolde ervallen dran hat die handschrift; im text ist aus 
der ersten ausgäbe ervellen behalten. Aber die von Bech Germ. 7, 458 und von 
Lexer 1, 687 gesammelten beispiele zeigen, dass nicht zu ändern war. 

6405 mehr belege für iuo hin siehe zu Wolfd. B 582, 5. 

6861 kann die Überlieferung wol behalten werden mi gerietens bede einen wec. 

7551 ist hceren in der bedeutung aufliören nachgewiesen. In der ersten hälfte 
des 13. Jahrhunderts scheint üf hwren nicht vorzukommen: wie Haupt im Ortnit 
416, 1 das üf streicht, ist es auch in der Krone 26322 nur als modernisierung des 
sclu-eibers zu betrachten; der dichter schrieb hoiret, iu ist ze gäch. Nach 1250 ist 
üf hären aber nicht mehr zu beanstanden, siehe zu AVolfd. D VIII 294, 2. 

7814. Im Bit. 934 wird die lesart der handschrift als richtig erwiesen: si 
bezieht sich auf mute, das aus gemutet zu ergänzen ist. Zweifelhaft aber ist mir die 
änderung 935 «>w für in so; was die handschrift hat, sivaz er in so gewinnet an, 
gibt einen richtigen sinn. Gelfrat bat vorher schon die schwertschläge der fremden 
scherzhaft als mautbezahlung gefasst und sagt hier in derselben weise: nachdem man 
uns so maut bezahlt hat, gönne ich dem, der es sich aufheben mU, was er ihnen 
(Biterolf und seinen leuten) abgewint (d. i. neue hiebe), gerne meinen teil; ich habe 
genug und mag den streit nicht erneuern. 

7817. Siper die strdze nü verbirt und sie doch (so P, der sie iedocJi V) büwen 
muoz, jder versümet manegen süezen gruoz Krone 8735 fg. nti mac er pover jxirät 
wol die strüze bouwen 8798 fg. gar loit ist mir diu strdze gebüwet sidierlidi Wolfd. 

8* 



IK SCfiÖNBACH 

D Vn 63, 4. in allen vier enden hoawent si die sträse Kudr. 1458, 3, was Lexer 
1, 404 nicht richtig erklärt. 

7876. Biten — über einen höhen berc durch michel toaltgevelle nider Wig. 85, 9 ; 
wol aus der angeführten stelle des Iwein entlehnt. 

8366. Über aller hande ohne substantivnm siehe noch zu Wolfd. B 264, 2. 

9016. Eine dritte form, die sich schon aus dem erwähnten schwäbischen sun- 
delröt ergibt, ist zrnidel Liedersaal 2, 339, 84 wange an wange wider strit, da der 
minne zundel lit. fuchszunderroth ist im DWB angeführt. 

9305. Im was doch vil sivcere sin lip von der vordem not Krone dSBl . Bain- 
granz an der stunde het sich ze leste geläzen nider, des viohte er niht gähes tvider 
Jcomen, wan er swcere was 27067 fg. 

9348. ich län reimt auch Heinzelin 1, 1248. Wolfd. D 696, 4 de. Zu den 
beispielen für den conjunctiv lä län komt lä 3. sing. Krone 1833. erlä 7298. län 
3. plur. Bit. 863. 

9349. Das seltene tmadel steht noch im schachzabelbuch Konrads von Ammen- 
hausen s. 197 ez ist ein altez wort daz man ofte hat gehört : swä unadel gewaltes 
pfligt, Unart vil dicke dem an gesigt. 

Zum schluss zeige ich ein paar druckfehler in dem register an. cino xoirov 
zweite zahl lies 5812. hant dritte zeüe lies 299. Hartm. a. H. letzte stelle 1969 
statt 1669. kunnen ze (nicht mii) einem dinge, kurze Q201. Singularis, letzte zeile: 
6712. tempora gewechselt 6980. willekomen 5093. michel toülekomen 9876. 

BERLIN. OSKAR JÄNICKE. 



Josef Egger, Beiträge zur Kritik und Erklärung des Gregorius Hart- 
manns von Aue. Separatabdruck aus dem Jahresberichte des k. k. 
IL Staats-Gymnasiums zu Graz vom Jahre 1872. 10 sgr. 

Seitdem durch kühnes wagnis Lachmann und Haupt die pachtuug der Hart- 
mannscheu gedichte ist entrissen worden, erfreuen wir uns einer reichen litteratur 
über dieselben. Die meisten der bezüglichen conjecturensamlungen haben es sich 
zum principe gemacht, nicht etwa zu fragen ob in einem bestirnten falle die hand- 
schrift genüge , oder ob man mit Lachmanns besseruug zufrieden sein könne , son- 
dern nachzusehen, wie der text anders, auf jeden fall anders gestaltet werden könte, 
als ihn die erste kritische bearbeitung darbot. Natürlich ist auf diesem wege jeder 
forscher für sich zu einer fülle wertvoller resultate gelangt und es ist uns Spätlin- 
gen vor allem klar gemacht worden, welche biegsamkeit und geschmeidigkeit die 
mittelhochdeutsche syntax besitzt , wofern sie nur tüchtig ausgebeutet wird. So z. b. 
hat uuä die Bechsche ausgäbe Hartmanns von Aue die überraschendsten aufschlüsse 
über die natur der partikel tie geliefert und Wackernagels einst abgegebenes 
urteil , dass die functionen dieser partikel schwer erkenbar seien , ist damit vollstän- 
dig antiquiert. Die vorliegende arbeit zerfällt in zwei streng gesonderte teile. Gleich 
von vornherein will ich bemerken, dass der zweite teil — und er allein entspricht 
dem titel der abhandlung — eine gute arbeit ist, verständig und vorsichtig, jedes- 
falls mit bedeutendem Scharfsinne gemacht, was man zugestehen muss, sollte man 
auch mehreres kaum billigen können. Auch ist der ton der polemik, welche not- 
wendiger weise gegen die Vorgänger geführt wird , im zweiten teile ein ganz ande- 
rer, als im ersten, ruhiger und gemässigter. 



fnKR KOOKtt zr IIAHTMANNS GRB00BIU8 117 

Der erste teil bietet zuniicliat ein vcr/eii-hnis der handscliriften und damit 
niciitK neues. Dann suelit der Verfasser über das verliiiltnis der handschriftcn unter- 
einander ins klare zu kommen, er benutzt dazu vor allem die elf Zeilen des gedich- 
tes, welcbc in allen handschriften sich vorfinden. An und für sich ist dieses verlah- 
ren gewis richtig, aber bei dem umstände, dass nur 11 zeilen gegen fast 4000 
stehen . kann der zufall leicht böses 8j)iel treiben und auf keinen fall werden ent- 
scheidende rcsultate zu tage kommen. Ks scheint mir also — die angeführten 
Varianten betreiVcii kaum mehr als orthograidiisclic diilerenzcn — ein irrtum , wenn 
der Verfasser die regel für die weitere kritische behandlung mit voller Sicherheit aus 
dem variantenverhältnissc dieser elf zeilen abstrahiert, sollte auch im ganzen und 
grossen das richtige wol getroffen sein. Dass „jede combination ausser A vor einer 
solchen mit A principiell an wert zurücksteht," wird man Egger gerne glauben. 
Aber auch dies ist keineswegs neu , es ist vielmehr die regcl , nach welcher Lach- 
mann seine ausgäbe gearbeitet hat, wenn er es aucli nicht für nötig hielt, davon zu 
sprechen. Wenn Egger weiter angibt, welche ursprüngliche lesarten jede handschrift 
allein biete und aus dieser unvollständigen Zusammenstellung schliesst, es habe jede 
der handschriften ihre eigenen Vorzüge, jede auch ihre eigenen fehler, somit dürfte 
es schwerlich gelingen , eine genauere tabelle ihrer descendenz anzufertigen , so ist 
diese methode falsch. Auf solchem wege gelangt man überhaupt nicht zur feststel- 
lung von handschriftenstammtafeln, stets wird — das ergibt sich schon aus der art, 
wie die schreiber des mittelalters ihr Verhältnis zur handschriftlichen vorläge auffas- 
ten — das resultat die coordination der liandschriften sein. Vielmehr muss , sobald 
die classificierung in bausch und bogen vorgenommen worden ist, untersucht werden, 
ob nicht die fehler und die durch umdeutung entstandenen änderungen in einzelnen 
luindschriften aus dem buchstabenstande eines guten codex sich erklären lassen. Ist 
dies möglich und stehen sonst nicht wichtige gründe entgegen, so wird auf diesen 
einzigen gesichtspunkt hin schon die descendenz der handschriften bestirnt werden 
können. Bei Hartmanns Gregorius allerdings finden sich Schwierigkeiten besonderer 
art, wie, dass von vrichtigen handschriften nur bruchstücke uns erhalten sind, dass 
andere handschriften an grossen Verderbnissen und unerhörter lückenhaftigkeit lei- 
den.' Trotzdem wird es, denk ich, möglich sein, etwas weiter zu gehen als Egger. 

Eine vor mehreren monaten geführte xintersuchung hat mir folgende Stamm- 
tafel als wahrscheinlich ergeben: 

Arch cty pus 

/ 

/\ I 

GBD EC H 

I 
F 

Eine genaue ausführung und besprechung aller gründe würde zu viel räum einneh- 
men und vieles bekaute müste widerholt werden, deshalb beschränke ich mich darauf, 
die verse anzugeben, deren gestaltung mir das angedeutete Verhältnis der handschrif- 
ten zu bestimmen scheint. Die trennung in eine A und non A-gruppe hat bereits 
Pfeiffer ausgesprochen, an die scheidung der non A-gruppe in eine mit G, in eine 

1) Gelegentlich erwähne ich, dass ich eine neue collation der Wiener handschrift, 
wie Effger s. 2 sie wünscht, vor einiger zeit angefertigt habe, ohne bemerkenswerte 
resultate dadurch erreicht zu haben. 



118 SCHÖNBACH, ÜBER EGGER ZU HARTMANNS GREGORIUS 

zweite mit E an der spitze hat, glaube ich, Egger schon gedacht, für beides bedarf 
es kaum eines beweises. Die Stellung von B characterisieren folgende verse: 1294. 
1324. 1462. 1636. 1704. 1841. 2136. 2300. 2596. 2660. 2860. 3063; die Stellung von 
D: 269. 277. 285. 286. 305. 385. 398. 403. Für genaueres zusammenhalten von E 
und C sprechen: 813. 819. 840. 892. 895. 952. 998. 1007. 1044 fgg. 1068. 1119. 
1123. Das Verhältnis von P zu E wird ausser den von Egger bereits angeführten 
stellen 871. 872 und 914 entschieden durch die gemeinsamkeit der lücke ' 795 — 802 
und durch 1014 — 1017. 

Schwieriger ist es festzustellen, wie H zu A sich verhalte. Doch ist die zahl 
der stellen, deren lücken oder deren Schreibung kaum anders als durch annähme 
einer unmittelbaren descendenz der handschrift H von A erklärt werden können, so 
gross und andererseits macht doch die aufklärung einzelner H eigentümlicher wort- 
forraen bei dem dialect , der flüchtigkeit und unkentnis des Schreibers so wenig Schwie- 
rigkeiten, dass eine andere annähme wol kaum möglich scheint. Man vergleiche: 
1509. 1516. 1524. 1557. 1562. 1583. 1602. 1607. 1676. 2104. 2235. 2255. 

Unter „b) Zur geschichte der textkritik des Gregorius" zählt Egger sämtliche 
stellen auf, welche von PfeiiFer, Bech und Bartsch teils aus den handschriften , teils 
durch conjecturen eine änderung gegenüber dem Lachmannschen texte erfahren haben. 
Wäre diese ganze samluug blos ein mühsames privatvergnügen des Verfassers , so 
dürfte niemand etwas dagegen einwenden, doch er verwertet sie zu den wunderlich- 
sten Schlüssen und da darf ich mir wol die bemerkung erlauben, dass durch derar- 
tiges zusammenkarreu weder den Urhebern der bezüglichen änderungen noch dem 
Verfasser, am allerwenigsten der Wissenschaft genutzt wird. Wenn aber der Verfas- 
ser bei gelegenheit der vergleichung seiner Zusammenstellung mit den kritischen lei- 
stungen Lachmanns und Haupts die letzteren zu schelten unternimt, so schadet er 
sich selbst dabei am meisten. Oder gar, wenn er von dem „obligaten hochaufgesta- 
pelten kehrichtwagen von lesarten" spricht, der Lachmann - Haupts ausgaben ange- 
hängt sei. Man fühlt sich versucht, zu fragen, woher die von Egger so gerühmten 
Philologen das material zu ihren arbeiten genommen haben, wenn nicht von diesem 
„kehrichtwagen," oder wo etwa Eggers büchleiu geblieben wäre, wenn der ,, keh- 
richtwagen" im 5. bände von Haupts Zeitschrift nicht hilfreich zur band gewesen 
wäre. Auch die sitte, Haupt anzugreifen, hat der Verfasser sich lebhaftest und in 
ziemlich unpassender weise angeeignet. Es fällt mir nicht ein, hier Haupts arbei- 
ten verteidigen zu wollen, sie haben einer Verteidigung nie bedurft. Wenn aber 
jemand in einer erstlingsarbeit seine kritischen sporen an Haupt sich verdienen und 
in schmähenden Avorten ihm am zeuge flicken will, dann muss wol daran erinnert 
werden, dass man schon sehr viel gelernt haben muss, um Haupts leistungen und 
ihre bedeutung für die deutsche philologie nur annähernd würdigen zu können. 

Der zweite teil des Eggersschen heftchens ist, wie gesagt, eine gute arbeit 
und hat auch wenig von dem unnützen hochmute, der im ersten durchschimmert. 
Nachträge und polemische erörterungen Hessen sich wol zu vielen stellen geben, ich 
spare mir diess für ein ander mal und bemerke nui- noch, dass des Verfassers bele- 
senheit über die in den ihm vorliegenden arbeiten gebotene nicht hinausgeht. Sonst 
würde er kaum Höfern, welchem verdienten gelehrten er s. 13 ja auch noch eins 
anhängt, bei vers 2 das citat „Otte 752" nachgeschrieben haben, da an dieser stelle 
die Heidelberger handschrift nr. 341 (P) eine sehr bemerkenswerte Variante bietet, 
die Egger für seine ansieht vorteilhaft hätte verwenden können. 

Ob Haupt wol den „Otte" gelesen haben wird? 

GRAZ, IM MAI 1873. ANTON SCUÖNBACH. 



UKZZBNBBRtiRR, t'JiEK V. Dt^RlNGBVELD , HrillCIlW. U. HART DUO , BKNTKNTIAK ll'.l 

Sontontiaruiii über collegit et disposiiit Ciirulus llurtuu?, <lr. iiliil. 
Borolini suiiiptibus F. HciiKclioli 1872. Audi unter dem doutschen titel: 
Lateinische senteu/.en pj esannnel t und geordnet von dr. phil. Carl 
Härtung. Berlin. Hcnscliel. 1H72. X und 214 s. 24 sgr. 

Der heraiisgebcr hat bei seiner sainlung verschiedene zwecke im äuge gehabt, 
zu deren erreichung die sentenzen verwant werden können und in der tat gern ver- 
want werden. Bei der gros.sen an/.ahl solclier aentenzensauilungcn ist eine haupt- 
frage bei einer neuen ersclieinuiig, ob sie die vorausgegangenen an rtichhaltigkeit 
und in guter anordnung übortritlt, und da lässt .sich niclit läugnoii . dass das vor- 
liegende buch in beider beziehung vor älteren Vorzüge hat. Mit recht wendet sich 
der herausgeber in der vorrede gegen das bei vielen beliebte promptuarium sent^n- 
tiariim von Wüstemann (1856), neu herausgegeben von M. Seyffert 18»i4, und lassen 
sich zu seinen ausstellungen uoch andere hftizut'ügen. Aber wenn er diese saudung 
als die letzte derartige bezeichnet, so ist das ein irtum , denn 1868 ist F. From- 
melt Florilegiura lat. Jenae. Deistung. erschienen , und hat dieses buch viele Vorzüge 
vor anderen samlungen, namentlich hinsichtlich der reichhaltigkeit. Auch W. Bin- 
der Novus thesaiirus usw. (1861) und Rilcy Dictionary of latin quotations (1860) schei- 
nen dem herausgeber unbekant zu sein. Aber abgesehen davon , gibt recensent die- 
ser neuesten samlung den Vorzug , da sie nicht nur noch reichhaltiger ist als die 
Frommelts, sondern auch das nachschlagen durch einordnen der Sentenzen unter 
deutsche begrittc, wie in der freilich viel dürftigeren samlung von Georges, erleich- 
tert hat. Die citjfte sind, so weit sie verglichen werden konten, genau. Der erste 
anhang: Celebria veterum apophthegmata gibt viele bekante geflügelte worte der 
Kömer , die man hier gern zusammengestellt findet , mehr oder minder geläufige ; der 
zv.oite anhang verweist auf synonyme begritfe und erleichtert das nachschlagen? Das 
buch enthält gegen r)7r)0 seutonzeu unter 517 begriffen. Nehmen wir noch hinzu das 
bequeme format, welches erlaubt, das buch leicht mit sich zu führen, und die gute 
ausstattung, so sind gründe genug zur empfehluug aufgeführt. 

H. E. BEZZENBERGEB. 



Sprichwörter der germanischen und romanischen sprachen verglei- 
chend zusammengestellt von Id;i vou Düi'ingsfeld und Otto Freiherm 
vou Reiusberg-Dürlugsfeld. Leipzig. Verlag von H. Fries. I. band. XVI und 
522 selten. 6 thlr. 

Das vorstehende buch ist eine wesentliche uud sehr dankenswerte bereichcrung 
der sprich wortlitteratur. Die Verfasser, welche bereits durch andere einschlagende 
arbeiten (Das Sprichwort als kosmopolit. Die frau im Sprichwort. Das wetter im 
Sprichwort. Das kind im Sprichwort.) ihre Vertrautheit mit dem gegenstände darge- 
legt und in diesen wie anderen Schriften einen feinen sinn für alles echt volkstüm- 
liche kund gegeben haben, bieten hier eine mssenschaftlicn geordnete samlung der 
in den germanischen und romanischen sprachen lebendigen analogen Sprichwörter. 
Es sind nicht etwa bloss gemachte Übersetzungen, die so vielfach für echtes Sprich- 
wort ausgegeben werden obgleich das redende volk nichts von ihnen weiss, sondern 
echte und landeseigene Sprichwörter , mit lobenswertem fleisse aus den besten quel- 
len gesammelt, in ihrer natürlichen fassuug. in welcher der zu gründe liegende 
gedanke häufig in überraschend anderer Wendung erscheint. Darum ermüdet es auch 
nicht, dasselbe Sprichwort in so vielen Varianten zu finden, z. b. „abendrot gut 
wetter bot, morgenrot bringt wind und kot" in 71; „am lachen erkeut man den 



120 WEINHOIiD, ÜBER ANDKESEN , DIE DEUTSCHEN PERSONENNAMEN 

toren" mit nahe verwanten in 167; im gegeuteil das Interesse wird um so lebhafter 
erregt. Der ganze Vorrat wird 2000 — der vorliegende I. band hat 960 — Sprich- 
wörter aus mehr als 230 mundarten der germanischen und romanischen sprachen 
umfassen, also eine polyglotte von Sprichwörtern auf diesem begrenzten Sprachgebiete 
bilden, wie eine solche bis jetzt nicht vorhanden war. Mau darf annehmen, dass 
derselbe leicht beträchlich hätte vermehrt worden können ; aber die Verfasser haben 
gut daran getan , sich auf allgemein verbreitete zu beschränken , da an diesen das 
linguistische und ethnographische interesse volle befriedigung findet, und ganze Voll- 
ständigkeit doch nicht würde zu erreichen gewesen sein. In der anordnung zeigt 
sich viel umsieht, und ist mit geschick räum erspart, ohne die Übersichtlichkeit zu 
beeinträchtigen. Die ältere deutsche litteratur bietet wol etwas mehr, als aufgenom- 
men ist, z. b. zu 33 „es ist nicht alles gold, was glänzt": Manie houpt hat goldes 
scMn, dem doch der zagel ist kvpfenn. — Der konfman dran verliuset, der glas 
für ruhin kiuset; zu 66 ,,es ist niemand gern alt, und doch will jedermann gern 
alt werden": Wir ivimsehen alters alle tage, soz dan kumt, so ist ez niht wan 
klage; zu 89 ,, anderer leute kühe haben immer grössere euter": Der fremede acker 
stuont ie baz dan eigen sät; daz machet haz; zu 97 „der fuchs ändert den balg und 
bleibt ein schalk; der wolf ändert das haar und bleibt, wie er war": Slüffe ein schale 
in zobeles halc, war er iemer d rinne , erst doch ein schale. — Sivie dicke ein wolf 
gemünchet ivirt, diu schäf er druynhe nicht verbirt; zu 185 ,, besser ein kleiner 
fisch als gar nichts auf dem tisch": Ein smerl ist hezzer üf dem tisch dan in dem 
wäge ein grozer visch; zu 216 ,, guter nachbar ist besser als bruder in der ferne": 
Gemaehet friunt ze not hestät, da lihte ein mäc den andern lät. — Ein friunt ist 
hezzer nähe bt dan hin dan verre dri, u. a. m. 

Die äussere ausstattung entspricht dem inneren werte des buches, das unter 
dem letzten kriege zu tage gefördert ward und mit um so besserem gründe dem neu- 
begründer des deutschen reiches , unserem siegreichen kaiser gewidmet werden durfte. 
Allen freunden des Sprichwortes und der spruchdichtung kann das treffliche buch 
bestens empfohlen werden, dessen Vollendung hoff"entlich nicht lange aussteht. 

H. E. BEZZENBERGER. 



Andresen, K. O., Die altdeutschen Personennamen in ihrer Entwicke- 
lung und Erscheinung als heutige Geschlechts namen. Mainz, Kun- 
zes Nachfolger. 1873. Vm und 102 seiteu. 8. 15 sgr. 

Der herr Verfasser dieser schrift ist seit jähren mit unsern familiennamen 
beschäftigt und hat schon 1862 in einem programm der realschule von Mülheim a. Eh., 
an der er damals wirkte, darüber geschrieben. Seine jetzige arbeit ist nach anläge 
und Wesen von jener abhandlung, welche die vorhandenen namen nur nach katego- 
rien ordnete, ganz verschieden; sie bestrebt sich auf grund der germanistischen 
namenforschung eine zwar populäre, aber wissenschaftlich zuverlässige Übersicht der 
auf altdeutsche personennamen zurückgehenden heutigen geschlechtsnamen zu geben. 
In der einleitung geht prof. Andresen von der teilung unserer familiennamen in zwei 
klassen aus: 1) ursprüngliche einzelnamen, 2) beinamen , die entweder patronymisch 
oder individuelle zunanien waren. Er hebt dann hervor, dass die überwiegende mehr- 
heit auf unsere ältesten deutschen personennamen zurückgeht, und komt dabei auf 
die zahlreichen hypokoristischen namenformen so wie auf patro- und metronymika. 
Eine kurze Charakteristik der bedeutung der geschlechtsnamen aus alten personen- 
namen schliesst sich an. 



PBEISACFOABKN DKU KrilSTI,. .lA AK'INOWSKISCHKN OE8KLL8CIIAKT 121 

Don liiiuiitinlialt ilea bücliloins bildet di»^ al|iliiiboti.sclic foljjc der alten naiiicii- 
atäiiiino. Unter jeden werden die heutigen t'amiliennainen unter anicbnung an die 
althochdontKcben personciinaiiicn einpcrcibt. Auf belege ist verzichtet, nur für manche 
heutige l'urmen werden in den annunkiingen vorweise beigebraclit. Ist doch die cnt- 
stelhing oft so starii, dass eine nielirfaehe doutimg zulässig und das fragezeichen 
bcreehtigt ist. Herr Andrcsen verfährt dureliaus sorgsam und benutzt die besten ein- 
zelarbeiten, namentlich Fr. Starcks buch über die kosenarnen der Germanen. So ist 
durch ihn eine gedrängte und zuverlässige Übersicht über die reichste klasse unserer 
faniiliennamen gegeben, deren nutzbarkeit durch ein alphabetisches register noch ver- 
mehrt worden wäre. 

Ich benutze die gelcgenhcit auf die bcilage zu dem bcricht der Basler gewerbe- 
schule für 1.S72 3 aufmerksam zu machen, worin horr Friedr. Becker die deutschen 
satznamen, wie er die imperativischcn nent, ganz vortreflich behandelt hat. Derselbe 
hatte schon in dem Basler gewcrbcschulprogramm von 1863/4 eine schöne schrift 
über entstohung und bildung der deutschen geschlechtsnamen veröffentlicht. Möge 
er sich entschliessen , seine reichen samlungen bald zu einem grösseren werke zu 
verwerten. 

KIEL. KABL WEINHOLO. 

ERKLÄRUNG. 

Herr Ernst Wilkon in Göttingcn hat es für gut gefunden , gegen meine in die- 
ser Zeitschrift band TV s. 364 — 370 veröffentlichte recension seiucs buchest „geschichte 
der geistlichen spiele in Deutsclilaiul " eine 37 druckseiteu lange brochure erscheinen 
zu lassen. Ich bezeuge ihm gerne , dass ich das heftchen gelesen habe. Da es aber 
durchaus nichts neues und der sache förderliches vorbringt, ich überdies anderes zu 
tun habe, als kurz gesagtes noch einmal breit zu demonstrieren, so enthalte ich 
mich einer weiteren entgegnung , indem ich das endurteil getrost den sachverstän- 
digen fachgenossen überlasse. 

GRAZ, PFINGSTEN 1873. ANTON SCHÖNBACH. 



PREISAUFGABEN DER FÜRSTLICH JABLONOWSKISCHEN GESELLSCHAFT. 

Aus der geschichte und nationalökononiik. 

Für dftS jähr 1873. Die ältesten Schriften über eigentliches handelsrecht 
haben ausser ihrer juristischen bedeutung noch eine, bisher wenig beachtete, natio- 
nalökonomische. Nicht bloss insofern, als ihre tatsächlichen Voraussetzungen oft 
einen tiefern und lebendigem einblick , als andere geschichtsquellen . in das innere 
der gleichzeitigen Volkswirtschaft, wenigstens der städtischen, gestatten: sondern 
auch weil die theoretischen Überzeugungen ihrer ebenso vcrkehrserfahreneu als wis- 
senschaftlich gebildeten Verfasser einen wichtigen beitrag liefern zur ausfüUung 
der dogmengeschichtlichen lücke, welche die abneigung zumal der vorcolberti- 
schen zeit gegen alle Systematik der volkswirthschaftslehre offen gelassen hat. Die 
gesellschaft wünscht deshalb 

eine darlosung dor iiatioiiairikonouiisrhon ansic-htoii. welcho die voriiehmsten handels- 
reelits-sehriftstcllor des 16. und 17. Jahrhunderts, znmal vor folbert. auseesproehen 
haben. (Preis 60 Ducatou.) 

Für das jähr 187 3 (vom vorigen jähre prolongiert, da die gesellschaft von 
einem anonymen bewerber erfahren hat, der durch den ki-ieg an der voUendung sei- 



122 PREISAUFGABEN DER FÜRSTL. JABLONOWSKISCHEN GESELLSCHAFT 

ner bearbeitung verhindert worden). Bei der absolut hohen bedeutung, welche der 
internationale getreidehandel nicht blos praktiscli für das wohl und wehe des kau- 
fenden wie des verkaufenden volkes besitzt , sondern auch als Symptom der allgemei- 
nen kulturentwickelung auf beiden seiten; so wie bei der relativ wichtigen Stellung, 
welche gerade im polnischen handel seit Jahrhunderten die getreideausfuhr eingenom- 
men hat, wünscht die gesellschaft 

eine qaellenmSssigfe greschichte des polnischen g;etreidehaudels mit dem auslande. 

Die zeit vor dem untergange des byzantinischen reiches wird dabei nur als 
einleitung, die neuere zeit seit der teilung polens nur als schluss zu berücksichtigen 
sein, das hauptgewicht aber auf die dazwischen liegenden drei Jahrhunderte gelegt 
werden müssen. (Preis 60 ducaten.) 

Für das jähr 1874. Mehrere der bedeutendsten Vertreter der neuern Sprach- 
wissenschaft, namentlich Jacob Grimm und Schleicher, haben sich zu der 
ansieht bekant, dass die germanischen sprachen zu der slawisch -litauischen sprachen- 
gruppe in einem engem verwantschaftsverhältnis stehen , als eins dieser beiden 
gebiete zu irgend einem andern, ohne dass bisher diese, auch in kulturhistorischer 
beziehung wichtige frage zum gegenständ einer umfassenden und tiefer dringenden 
Untersuchung gemacht wäre. 

Die gesellschaft wünscht deshalb 

eine eingehende erforschnng des besondern Verhältnisses, in welchem innerhalb der 
indogermaulschen Gemeinschaft die sprachen der litauisch -slawischen grnppe zu den 
germanischen stehen. 

Dem bearbeiter bleibt es überlassen, ob er seiner schrift die form einer ein- 
zigen gesamtdarstellung geben, oder eine reihe von Specialuntersuchungen vorlegen 
will, durch die einige besonders wichtige seiten der frage in helles licht gestellt 
werden. Von solchen Wörtern, welche nachweislich von dem einen Sprachgebiet in 
das andere hinübergenonmien sind, ist gänzlich abzusehen. Überhaupt muss die Unter- 
suchung mit den rnitteln und nach der strengen methode der jetzigen Sprachwissen- 
schaft geführt werden. Der gebrauch anderer alphabete als des lateinischen mit den 
nötigen diakritischen zeichen und des griechischen ist zu vermeiden , vielmehr sind 
die laute der slawisch - litauischen sprachgruppe nach dem von Schleicher befolgten 
System zn bezeichnen. (Preis 60 Ducaten.) 

Für das jähr 1875. Während die politischen ereignisse , welche die begrün- 
dung der deutschen herschaft in Ost- und Westprcusseu herbeiführten, siclier fest- 
gestellt und allgemein bekant sind, fehlt es an einer gründlichen darstellung, in 
welcher weise zugleich mit ihnen und in ihrer folge die deutsche spräche dort mit- 
ten unter fremden sprachen sich festsetzte und zur herschaft gelangte. Es ist die- 
ser process ein um so interessanterer, als sieh die beiden hauptdialckte des deut- 
schen an demselben beteiligten. Die gesellschaft wünscht daher 

eine geschichle der ausbreitung und weiterentwickelimg der deutschen spräche in Ost - 
und Wesliireussen bis zum ende des 15. Jahrhunderts mit besonderer riicksicht auf die 
beteiligung der beiden deutschen hauptdialckte an derselben. 

Es darf erwartet werden , dass die archive ausser dem bereits zerstreut zu- 
gänglichen matoriale noch manches neue bieten werden; die beachtung der eigen- 
namen, der Ortsnamen, der gegenwärtigen dialektunterschiede wird wesentliche ergän- 
zungen liefern. Sollten die forschuugen zur bewältigung des vollen themas zu umfäng- 
lich werden , so würde die gesellschaft auch zufrieden sein , wenn nach feststellung 
der hauptmomcnte die veranschaulichung des einzelnen sich auf einen te'l von Ost- 
und Westpreussen beschränkte. Der preis beträgt 60 ducaten ; doch würde die gesell- 



PREISAUIHIAIIK J)I:H HKNKKKHCUKN STUfTONO 12.'i 

Hchalt mit riickHicht luit' die hei der bearbeitung walirKcheinlich nötig werdenden rei- 
sen und corresiiont^enzen nicbt abgeneigt sein, bei eingang einer besonders ausge- 
zeichneten lösung den ])rei.s angemessen zu erhöhen. 

Für das ja in isTd. Indem die gesellschaft den 

hürliiissraiiK iiii«! liKrliiKHhniidcl Im Kobipto dor >'orrt- und Osltiop 
als tbema aulstellt, glau!'t sie mit dieser allgemeinen iassung desselben nur die rich- 
tung andeuten zu sollen , in welcher sie handclsgeschichtliche forschungen anzuregen 
wünscht. Sie iiborlässt es den bearbeitern , den antcil einzelner Völker, emporicn 
oder gruppen derselben , wie etwa der hanseatisclicn , am häringsfang und härings- 
handel zu schildern. Sic wünscht der aufgäbe auch nicht bestirnte zeitliehc grenzen 
zu stecken und würde ebenso - gern eine auf den urkundeubüchern und anderen 
geschichtsquellen begründete darstellung des mittelalterlichen häringshandels wie eine 
mehr statistische bearbeitung des modernen hervorrufen. (Preis 700 mark.) 

Die preisbewerbungsschriften sind in deutscher, lateinischer oder fran- 
zösischer spräche zu verfassen, müssen deutlich geschrieben und paginiert, 
ferner mit einem motto versehen und von einem versiegelten zettel begleitet sein, 
der auswendig dasselbe motto trägt, inwendig den namen und wolinort des Verfas- 
sers angibt. Die gekrönten bewerbungsscbriften bleiben eigentum der gesellschaft. 
Die zeit der einsendung endet für das jähr der Preisfrage mit dem monat novem- 
ber; die adresse ist an den secretär der gesellschaft (für das jähr 1873 den prof. 
dr. F. Zarncke) zu richten. Die resultate der prüfung der eingegangenen Schriften 
werden jederzeit durch die Leipziger zeitung im miirz oder april bekant gemacht. 



PREISAUFGABE DER BENEKESCHEN STIFTUNG FÜR DAS JAHR 1875—76. 

(VeröÖentlicht von der philosophischen facultüt zu Göttingen in den Nachrichten 
von der kgl. gesellsch. der Wissenschaften und der G. A. Universität zu Göttingen. 

1873. nr. 10.) 

Da die von deutschen Sprachforschern in den letzten fünf und zwanzig jähren 
veröftentlichten Untersuchungen über die entstehung der spräche zu sehr verschiede- 
nen ergebnissen gelangt sind und auf die Schwierigkeiten der aufgäbe mehir hinwei- 
sen als sie überwinden, so erscheint es wünschenswert die frage einer sorgsamen 
erwäguug zu unterziehen: ob die Sprachwissenschaft für Untersuchungen dieser art 
einen festen ausgangspunkt und einen gesicherten Boden darbietet. 

Die philosophische facultät der Georgia -Augusta verlangt daher als lösung 
der von ihr für das jähr iSTo zu stellenden preisaufgabe der Benekeschcn Stiftung 
eine übersichtliche darstellung der neueren auf die entstehung der spräche sich bezie- 
henden Untersuchungen und zugleich eine nachweisung und beurteilung der sprach- 
wissenschaftlichen begründung ihrer ergebnisse in der richtung und zu dem zwecke, 
dass eine antwort auf folgende fragen gesucht wird: 

1) Vermag die Sprachwissenschaft allgemeine gesetze nachzuweisen, nach denen 
die entstehung der inneren sprachform, d. h. derjenigen formirung der vorstellungs- 
inhalte und ihrer verknüpfungsweisen erfolgt, durch welche dieselben fähig werden, 
durch werte, Üexionen der worte und ihre Verbindungen ausgedrückt zu werden? 
Und wenn solche gesetze nachgemesen werden können, sind sie identisch für die 
menschliche natur überhaupt oder variieren sie innerhalb gewisser grenzen nach 
anläge und geschichtlicher entwickelung ? 



124 PREISATTFGABE BER BENEKESCHEN STIFTUNG 

2) Lässt sich durch vergleichung des sprachwissenschaftlichen materials auf 
gewisse gesetze zurückschliessen , nach denen zu der inneren sprachform die äussere 
lautform tritt, so dass bestirnten vorstellungsinhalten und der art, wie sie innerlich 
gefasst sind , bestirnte lautliche ausdrücke , und bestirnten verknüpfungsweisen der 
Vorstellungsinhalte bestirnte conibinationeu der laute entsprechen? Wenn solche 
gesetze aufgefunden werden können , ändern sich in Übereinstimmung mit ihnen 
diese lautlichen formen in den einmal bestehenden sprachen , sobald diese in dialecte 
auseinandergehen oder die grundlage für neue Sprachgestaltungen darbieten, und 
lässt sich der einfluss erkennen und nachweisen, den äussere bedingungen der Orga- 
nisation, des klima usw. auf diese Veränderung ausüben? 

Die bearbeitungen dieser aufgäbe sind bis zum 31. august 1875 dem 
Dekan der philosophischen facultät zu Göttingen in deutscher, latei- 
nischer, französischer oder englischer spräche einzureichen. Jede ein- 
gesante arbeit rauss mit einem motto und mit einem versiegelten, den namen 
und die adresse des Verfassers enthaltenden couvert, welches dasselbe motto 
trägt, versehen sein. 

Der erste preis wird mit 500 thlr. gold in Friedrichs d'or, der zweite 
mit 200 thlr. gold in Priedrichsd'or honorirt. 

Die Verleihung der preise findet im jähr 187 6 am 11. märz, dem geburts- 
tage des Stifters, in öffentlicher sitzuug der facultät statt. 

Gekrönte arbeiten bleiben unbeschränktes eigentum ihrer Verfasser. 
GÖTTINGEN, 2. APEIL 1873. gez. F. BARTLlNG , d. z. Decan. 



BEKANNTMACHUNG. 

Die 29. versamlung deutscher philologen, schulmäniier und orientalisteil 
wird in den tagen vom 23. — 2G. sept. d. j. zu Iiiusbruck stattfinden, wozu die 
unterzeichneten hiemit ganz ergebenst einladen. 

Indem sie die geehrten fachgenossen ersuchen , beabsichtigte vortrage sowol 
für die allgemeinen als auch für die Verhandlungen der sectionen baldmöglichst 
(längstens bis 20. august) anmelden zu wollen , erklären sie sich zugleich bereit, 
anfragen und wünsche, welche sich auf die teilnähme an der versamlung beziehen, 
entgegenzunehmen und nach möglichkeit zu erledigen. 

INNSBRUCK, IM JUNI 1873. 

Das Präsidium: 
B. JÜLG. W. BIEHL. 



Ilnllc, BuclidruoV<[< 



ZUR (MIAUAKTKIIISTIK DHU DHLTSOIIKN MUND AKT KN 

IN SCHLESIEN. 

III. 

(Fortsetzung von bil. IV, 322 und vorläufiger scliluss.) 

Aus der eigentümlicheu betouungsweise der muudart wird sicli aber 
auch das Verständnis für die qualitativen Veränderungen, denen ihre laute, 
zunächst ilire vocalc unterworfen sind, erschliessen. freilich nicht so, 
dass jede einzelne nüance direct und allein daraus erklärt werden künte. 
Dass überhaupt der accent, die grössere oder geringere Intensität, mit 
welcher ein laut oder ein complex von lauten vor den andern heraus- 
tritt, die grössere oder geringere coucentrierung des luftstroms, dem die 
vocalischen laute entstammen, auf die qualität derselben bestimmend 
mitwirkt, darf als allgemein zugegeben vorausgesetzt werden. 

Es hat sich gezeigt, dass es hier in unserer muudart in vielen fal- 
len schwierig ist, einen entschiedenen contrast zwischen länge und kürze 
wahrzunehmen, schwieriger nach unserer kentnis des Sachverhalts als in 
den andern nächst und entfernter verwanten , in denen allerdings aucli 
eine je nach ort und zeit verschieden abgegrenzte zahl von schwanken- 
den quantitäten zugegeben werden muss, wogegen aber die masse aller 
hoclibetonten vocale bestirnt der einen oder andern kategorie angehört, 
also entweder kürzen in geschärfter silbe oder längen vor einlachem oder 
auch vor durch position — althergebrachter oder neuerwachsener — 
verstärktem silbenschlusse sind. Ebenso schwierig ist es hier aber auch 
die wahre klangfarbe dieser vocale zu bestimmen, und wenn überhaupt 
der mitteldeutsche vocalismus, in dessen allgemeinen rahmen der schle- 
sische eingefügt ist, sich durch eine relativ schwächere oder unbestim- 
tero fitrbung von dem specitiscli oberdeutschen unterscheidet, wie allge- 
mein bekant und zugegeben ist, so dürfte wider in der scala dieser ver- 
schwimmenden förbung der hiesige dialect die äusserste stufe erreicht 
haben. Und zwar gilt dies ebeusowol von den im hochton, \xie ausser- 
halb desselben befindlichen lauten. In betrefi" der letzteren kann auf das 
verwiesen werden, was wir früher auseinandergesetzt haben. Für die 
meisten andern deutscheu mundarten versteht es sich von selbst, dass 
die ausserhalb des hochtons stehenden reste vocalischer Wortbestandteile, 

ZKITSCHK. F. DEUTSCHE PBILOL. BD. V. 9 



126 H. RÜCKERT 

die meist unbedeuteud genug sind, sehr stiefmütterlich behandelt wer- 
den, hier in unserer mundart aber, wo der nebenton eine so eigentüm- 
liche rolle spielt , haben wir selbst darauf hingewiesen , dass an der stelle 
anderswo ganz fehlender oder zu einem indifferenten e herabgesunkener 
vocale lebendigere klänge sich gehalten, gelegeutlichwol auch sich neu ent- 
wickelt haben. Diese von uns ziemlich eingehend durchgeführte beobach- 
tung (s.bd.IV, 337 f. 339 f.) scheint im vollen Widerspruch zu der oben auf- 
gestellten behauptung zu stehen, aber sie scheint es auch nur. Freilich 
besitzen diese vom uebenton erfassten vocale ebendeshalb einen relativ 
stärkeren eigenton als ihre Substituten anderer dialecte, aber ein relativ 
stärkerer eigenton bedeutet noch keine reine und entschiedene klangfarbe, 
von der Avir hier allein sprechen. Die zwischen einem unreinen, dem ä 
nahestehenden a und einem kaum fassbaren o herumschwärmenden modu- 
lationen, oder auch die jetzt selteneren, aber doch noch immer loca- 
lisiert wahrnehmbaren, einst so weit verbreiteten, in denen ein unrei- 
nes i herschte — wie bis zum 15. Jahrhundert ein gebin, gebit, suchinde, 
odir usw. massenweise erscheint, das von da an in der schrift aufge- 
geben wurde, weil es in der lebendigen ausspräche mehr und mehr vor 
der neueren lautfärbuug , in der dem a oder e ähnliche klänge herschteu, 
zurücktrat — versuche mau nur einmal mit unsern gewöhnlichen schrift- 
zeichen für die nhd. vocale zu fixieren und man wird sehr bald bemer- 
ken, wie Zwitter- oder molluskenhaft diese hiesigen gebilde sind. Kein 
einziges schriftzeichen will für sie passen. Wo sich aber in andern deut- 
schen mundarten z. b. der südwestlichen gruppe, insbesondere der ale- 
mannischen im engern sinne , noch gelegentlich lebhafter gefärbte vocale 
ausserhalb des hochtons gehalten haben, ist es gewöhnlich sehr leicht, 
ihre Identität mit einem reinen und entschiedenen laute der hochtonsil- 
ben auch für das äuge wahrnehmbar darzustellen. Die a oder o südlich 
von der obern Donau , die i so vieler mundarten der Schweiz sind wirk- 
liche a und und i, und nicht bloss entfernte anklänge an diese laute. 
Und trotzdem hat hier kein nebenton seinen kräftigenden einfluss darauf 
geübt, denn diese mundarten kennen den nebentou in dem sinne der 
unsrigen nicht. Sie sind ohne denselben bloss durch den immanenten 
trieb des localen sprachgeistes nach reinen und entschiedenen vocalischen 
klängen erzeugt , während unsere damit verglichenen schwebenden klänge 
an gleicher stelle den rest ihres klanges nur dem uebenton verdanken 
und ohne diesen entweder ganz zu gründe gegangen oder in das indif- 
ferente c umgesetzt worden wären. 

Wir versuchen es hier nicht den schwankenden vocalischen lauten 
unserer mundart in allen ihren einzelheiten nachzugehen, weder in den 
nebenton-, noch in den hochtonsilben. Nur einiges auffälligste aus die- 



DEÜTSCraä MUNDARTEN IN SCHLKSIKN 127 

Süll, an (leiioii wir oben /u gunsten jeuer vorübergegimgen sind, möge 
berührt vverilen. 

Mohr als einer, der sicli mit unserer mundart beschäftigte, darun- 
ter auch Weiidiold, Init die behauptung aufgestellt, sie wisse im allge- 
iiieiuen nichts von dem unterschied des ottenen und geschlossenen c, oder 
wie man sonst die auf a zustrebende förbung dieses vocals von der auf 
das i zustrebenden durch einen beliebigen, bisher aber inmier unpas- 
senden terminus unterscheiden wird. Die gemeinschlesischen, zum schibo- 
leth gewordenen ädcl, älcnd, äsel u. dgl. sollen beweisen, dass hier 
überall der ottene laut gelte — was am ende gleichgiltig ist — das wich- 
tigere ist, dass hier derselbe laut wie in (jebcn, nehmen usw. sein würde. 
Und wirklich scheint es so, als oh nicht bloss heute die sache sich so 
verhalte — beweis dafür ausser dem eigenen olir die constante Schrei- 
bung unserer dialectdichter usw. — sondern als wenn es schon seit lange 
so gewesen sei. Schon Opitz, dem man nach seinen doctrinären prin- 
cipien, wie er sie sattsam und deutlich genug ausgesprochen hat, zu- 
trauen darf, dass er scluirf hören konnte, reimt ganz unbefangen feJd : 
hcld; melden : hcldcn; nieer : her Qmc); erwehren : hegehren usw. und seine 
nachfolgor auf dem hochdeutschen Parnass sind ihm hierin gefolgt. Er 
selbst kann aber nicht durch die verwilderten reime des IG. Jahrhunderts 
darauf gekommen sein, denn diese kümmerten sich bekantlich um andere, 
noch markiertere differenzen in der vocalqualität nicht viel, sondern nur 
dadurch, dass er hier wie anderwärts die lebendige ausspräche der gebil- 
deten kreise seiner Umgebung, zunächst seine eigene , der er natürlich 
die meiste berechtiguug zutraute, massgeheud sein liess. Sein ohr war 
also mindestens nicht so empfindlich gegen einen möglicherweise beste- 
henden klangunterschied im e, dass er ihn für stark genug geachtet 
hätte , um daraus eine Unverträglichkeit der laute im reim zu behaupten. 
Dass er in gewissen fällen zwei klänge des e, die nicht im reime zusam- 
menpassen wollten, unterschied, bezeugt eben seine eigene angäbe. Er 
warnt vor reimen wie bescheren : lehren, braucht aber freilich unbedenk- 
lich selbst verheeret : gehhret oder verzehren : kcliren, also aus dem a 
hervorgegangenes e gebunden auf <". Wir gesteheu, dass es uns bis jetzt 
nicht gelungen ist, eine probable begründung dieser seltsamen ausnähme 
von seinem sonstigen reimsysteme aufzufinden, doch mag sie sein welche 
sie wolle, jedenfalls werden dadurch unsere obigen beiden sätze nicht 
umgeworfen werden, von denen der erste scheinbar das gegenteil des 
zweiten ausspricht. Wir hoöen aber es soll sich noch ein ausgleich dafür 
ergeben und dem leser deutlich werden. 

Wenden wir uns von diesem geschichtlichen rückblick zur gegeu- 
wart und betrachten uns die summe aller hieher gehörigen fälle, d. h. 

9* 



128 Ö. RÜCKERT^ 

also aller der liochbetonlen silben, in deueu vor dem eintritt des Umlau- 
tes oder der brechiing, also ehe ein e oder ("auftreten konte, ein « und / 
nach gotischem lautsysteme existierte, so ergeht sich die heutige leben- 
dige darstellung dieser beiden ihrem Ursprung nach so grundverschiede- 
nen c durch alle unsere localmundarten in einem wahrhaft unbegrenzten 
allerlei von klängen, die zwischen den äussersten endpunkten ä und 
einem dem i sehr nahe stehenden e schwanken. Aber aus diesem 
geschwirre hört mau doch, sobald man nur die eigentliche naive Volks- 
sprache und nicht die mehr oder minder nach irgend einer verkehrten 
schuldoctrin dressierte der halbgebildeten beobachtet, deutlich heraus, 
dass jede mundart, wenn auch jede auf ihre weise, den altherköm- 
lichen unterschied zwischen den beiden e recht wol kent und darstellt. 
Wie sie es tut, ist gleichgiltig , entscheidend aber, dass sie es tut. Die 
eine hält sich mehr an das Schema einfacher laute und spricht statt des 
ofienen e der richtigen hochdeutschen ausspräche von lehen mit gänz- 
licher beseitigung seinei- historischen aus i hervorgegangenen Substanz 
ein beinahe reines helles a, was sich gewöhnlich, aber nicht immer, mit 
dem nur etwas lebloseren oder unklarer gefärbten der nebentonsilben 
in derselben mundart findet , so dass wir also ein Jaha für liochdeutsch 
lehen zu hören bekommen, ohne durch misere schriftmittel im stände 
zu sein, den vorhandenen qualitativen unterschied der beiden a — der 
nicht bloss durch die selbstverständlich verschiedene quantität erzeugt 
ist , wie mahle für melde , falde für fclde usw. beweisen — auszudrücken. 
Dem gegenüber klingt dann das geschlossene e (an der stelle des histo- 
rischen «) auch als ein einfacher laut, der sich zwar noch nach dem / 
hinneigt, aber für gewöhnlich ziemlich weit davon entfernt bleibt, wei- 
ter als es die gemeinhochdeutsche ausspräche desselben lautes, also in 
gegen, heben, erregen usw. zu erlauben pflegt, so dass man ihn in der 
tat bei einer schriftlichen bezeichnung zur not in solchen fällen mit dem 
ül)lichen ä ausdrücken dürfte, ohne allzuweit von ihm sich zu entfernen. 
Aber es muss streng festgehalten werden, dass nur solche einzelmund- 
aiien ein solches relatives ä darstellen, die selbst das hochdeutsche ä 
durch ein mehr oder minder entschiedenes ü geben. Wo dies nicht 
geschieht, wo — ohne directen einfluss der hochdeutschen ausspräche, 
direct in dem volksmunde selbst — sich an stelle des a ein ä durch- 
geführt hat, wo also nicht läha usw., sondern läha, oder in diesem 
falle gewöhnlich auch in der den nebenton tragenden silbe ein mehr 
oder minder concret gefärbter e-laut, also labe oder dergleichen gehört 
wird, da schiebt sich auch mit strenger folgerichtigkeit das andere e 
melir nach dem i hin, und in solchem falle kann es niemand in den 
sinn kommen, es mit ä zu bezeichnen, vorausgesetzt überhaupt, dass 



OE0T8CIIB MUNDARTEN IN 8CHI.ES1KN 12!) 

diu buclistiibenzeiclioii einen sinn !i;ibon sollen, was bekanntlich nicht 
immer in ihrer verweniliwi},' für nmndartliche zwecke beabsichti{,'t scheint. 
Lähc und hebe solcher mundarten liegt in der wirklichen ausspräche 
hnmer noch genügend weit von einander ab, dass sie selbst dadurch 
nicht contundirt Averden, aber es ist nicht zu läugnen, dass es in der 
klanglarbe namentlich für ein stumpferes ohr nicht so entschieden difle- 
riert, wie die entsprechenden hochdeutschen laute, also ganz dieselbe 
Wahrnehmung, die wir oben machten. — Die dritte grosse, weitver- 
breitete unterscheidungsart des geschlosseneu c von dem offenen besteht 
in unserem dialect in der ehiführung eines vocalischen oder halbvocali- 
sclien Vorschlages vor der eigentlichen basis des lautes. Der sogenante 
iotacismus, der, Avie man weiss, seit alten Zeiten auch in allen deut- 
schen sprachen so mächtig auftritt, wenngleich immer noch untergeord- 
net gegenüber seinem walten in den leiblich und geistig nächstverwan- 
ten , den slavischen, erfasst auch in unserem dialect, wo er ausserdem 
gar nicht sehr begünstigt wird, den c-laut und prägt diesem so zu sagen 
erst eine bestimte Signatur auf. Denn welcher qualität dieser angehört, 
kann selbst bei schärfstem aufmerken zweifelhaft bleiben, demgemäss 
auch, ob man iädd oder icdcl, iäsel oder kscl, riädc oder auch rlode 
zu schreiben hat. Jedenfalls ruht auch der haupttou auf dem i und wir 
sehen hier das ziel, dem der sogenante umlaut überhaupt zustrebt, die 
durchdringung der ursprünglichen vocalsubstanz mit der des /, auf eine 
sehr originelle weise noch über das System der hochdeutschen ausspräche 
hinaus erreicht. Von dem ursprünglichen a ist nichts weiter als jener 
in seiner qualität so unbestimte vocalische nachschlag ä oder o oder wie 
man ihn sonst geben will, geblieben. Dass sich gelegentlich in früherer 
und auch in gegenwärtiger mundart ein blosses einfaches i für diesen 
doppelLmt oder halbdiphthong eingefunden hat, ist von uns anderwärts 
ausgeführt worden, siehe Entw. 8, 27, obwol ebenso leicht es möglich 
war , dass der dialect auch für das historische / oder c gelegentlich zu i 
gelangte, nur selbstverständlich nicht dieselben localmuudarten, die i 
für altes a verwanten, sondern andere. Es ist aber, wie an der ange- 
führten stelle näher dargetan wurde , in der altern zeit doch sehr selten 
geschehen und auch Weiuhold p. 39 weiss nur beispiele des 16. und 17. 
Jahrhunderts, kein streng beweisendes heutiges dafür zu geben. 

Auf diese weise steht nun zwar für den gesamten schlesischeu dia- 
lect und alle seine uutermundarten fest, dass sie den unterschied in der 
qualität der beiden e nicht vergessen haben und dass die darauf bezüg- 
lichen behauptungen anderer nicht stichhaltig sind. Um nicht anderswo 
von uns schon ausgeführtes noch weiter vorzubringen, sagen wir nur 
noch, dass wenn unsere mundart wirklich eine solche Verwechselung 



130 H. RÜCKERT 

oder Vermischung beginge, sie dadurch ihren eigentlich deutschen Cha- 
rakter einbüsste. Fremde, die mit ihrem im kerne undeutschen Sprach- 
gefühl deutsch reden lernen, emptinden nichts von diesem organischen 
gegensatz der beiden laute , namentlich wenn es Slaven sind , die so sehr 
wenig feingefühl für das leben des vocalismus besitzen. Aber ebenso 
wenig darf übersehen werden , dass die meisten andern deutschen dialekte 
ihre gegensätze zwischen den beiden e viel plastischer und schärfer 
durchgeführt haben, wie im allgemeinen unsere mundart. Diese ihre 
eigentümlichkeit , die von uns, denken wir, schon oben genügend hervor- 
gehoben wurde, und eben deshalb hervorgehoben wurde, weil sie uns so 
wesentlich zu der hier versuchten Charakteristik des schwankenden Cha- 
rakters ihrer vocalischeu erscheinungen zu gehören scheint, wie kaum 
eine andere, hat es mit sich gebracht, dass überall da, wo nicht mehr 
der reine, ungestörte Sprachinstinkt des volkes allein waltete, sondern 
wo sich in irgend einer form eine art von reflectiertem bewustsein einfluss 
auf die spräche verscliafft hat, also in dem kreise der mehr oder minder 
sogenanten gebildeten, die wir uns, wenn auch unter anderem namen, 
schon zu Opitzens zelten und auch schon früher immer als vorhanden 
denken müssen, gelegentlich eine Verwechselung, Vermischung der laute 
eintreten konnte, also jenes ädel, älencl, äsel in gewissem sinne „ge- 
meinschlesisch " werden konte. 

Ähnliches nimt man bei der behandlung der mhd. ei und i in 
unserer mundart wahr. Auch hier könte man versucht sein , zu glauben, 
dass sie beide laute nicht mehr von einander zu trennen vermag oder 
durcheinander wirft. Das erste tut bekantlich unsere neuhochdeutsche 
gebildete ausspräche und die darauf gegründete Orthographie der gegen- 
wart. Die mundarten dagegen halten ohne ausnähme, gleichviel wie, 
beide laute auseinander, wie es auch alle älteren phasen der Schrift- 
sprache seit der gotischen bis zu der gegenwärtigen getan haben. Wäre 
die schlesische mundart hierin ihren eigenen weg gegangen, so würde 
sie damit etwas recht unorganisches, recht undeutsches getan haben. 
Aber so wenig wie sie den unterschied der beiden e vergessen hat, wie 
man ihr fälschlich nachsagt, so wenig hat sie sich auch des andern 
ebenso wesentliclien zwischen dem alten ei und i entschlagen. Denn 
wenn gewisse schichten oder Individuen der schlesischen bevölkerung 
meinen putare und meinen meis , ein uuus und ein intus in der aus- 
spräche völlig identificieren , so treten sie eben in diesem einen punkte 
aus ihrer mundart heraus — und gewis nicht blos in diesem einen — 
und reden ein schul- oder salongereclites hochdeutsch, auch dann wenn 
die redenden wenig spuren eines intimen Zusammenhanges mit schule 
oder salon zeigen. Aber die atmosphäre der einen wie des andern liat 



DEUTBCIIK MÜNDARTKN IN 8C1U-KS1KN l'll 

sich sehr weit vorbreitet und wo sie hiii<,'etlrunf,'en ist, darf man hr.ch- 
stons den.ver.sehwinimendon liaucli der inundart, ahcr nicht ihren vollen 
atem verUmgon. Wer wirklicli in der mundart lebt, spricht an dersel- 
ben stelle, je nachdem er aus dorn gebirge oder aus dem fiaclilande, 
aus Liegnitz oder Glogau gebürtig ist, die verschiedensten laute, jeden- 
falls aber in meinen putare einen andern als in meinen meis. Am prä- 
gnantesten tritt dieser unterschied heraus, wo der eine beider laute in 
einen einfachen vocal verwandelt wird, der andere als diphthong erhal- 
ten Ideibt, Avenn also für das mhd. ei, i die fassungeu e, ei erscheinen, 
wie es die mehrzahl der gebirgsmundarten und manche bis weit hinein 
in die ebene mitte des landes tun. Denn dass in ihnen sehr vereinzelt 
auch wol für ei = mhd. i ein kurzes e erscheint mid zwar regelmässig 
vor einer neu eingeführten Verschärfung oder Verdoppelung des conso- 
nantischen silbenschlusses , z. b. in mcnner, äenncr, senncr für meiner, 
deiner, seiner, gehört in eine besondere nibrik und stört auch nicht den 
organischen gegensatz zu jenem andern laute, der dem alten ei entspricht. 
Sein e ist stets lang, dies stets kurz. Andere localmundarten verfahren 
nicht mit so einfacher durch sichtigkeit: sie drehen nicht blos das eben 
geschilderte System um, indem sie einen einfachen vocal, länge oder 
kürze, an die stelle des alten e setzen und für das alte d den diphthen- 
gischeii laut in verschiedenster färbung bewahren, sondern sie mischen 
auch beide verfahrungsweisen durcheinander, niemals aber so, dass sie 
ein und denselben laut sowol für altes ei, wie für altes i verwenden. 
So kann mau z. b. wol ein hä, richtiger bae für altes hi hören, aber 
in derselben mundart heisst es nicht wess oder tvaess für mhd. weis, 
sondern mss, so dass hier also mhd. tveis und wfz sich vollständig deut- 
lich, wie in allen andern deutschen mundarten von einander trennen, nur 
auf eine selbst den naheverwauten mundarten seltsam erscheinende weise. 
Man erkent also auch hier wider zwar den richtigen instinct, der 
den dialect bewahrte, zu einer wirklichen vei'wechselung zweier so wesent- 
lich in ihrer trennung dem deutschen lautsystem notwendigen laute her- 
abzusinken, wie OS dor hoclidoutschon schriftspraclie geschehen ist, aber 
man sieht auch hier wider, wie er nicht gerade in allen seinen einzel- 
nen Spielarten , aber doch in dor mehrzahl derselben zu einem fast unbe- 
stimbaren schwanken zwischen gewissen gränzen, zu einer vielgestaltig- 
keit und relativen unbestimtheit der lautwertung gelangt ist, die in ihrer 
art jener vorher besprochenen recht wol verglichen werden darf. Die 
relative festigkeit, mit der die meisten andern deutschen mundarten die 
gegensätze zwischen altem ei und ^, jede freilich nach ihrer Aveise neu 
herausgearbeitet haben, sucht man hier vergebens, desgleichen in den 
meisten fällen die auch für die ferne , so zu sas:en , nicht blos für die 



132 H. RÜCKERT 

geschärfte anspannung des olirs deutlich walirnehmbaren derben gegen- 
sätze iu der qualität beider laute oder ilirer Substitute. Es ist auch hier 
etwas verscliwommenes , unldares nicht 7Ai verkennen, und daher befrem- 
det es uns um so weniger, wenn wir widerum bei Opitz den unterschied 
der beiden nhd. ei, wie wir sie einmal nennen wollen , im reime nicht 
gewahrt finden. Dass seine Vorgänger seit dem 14. Jahrhundert, beson- 
ders diejenigen, welche das alte i auch zu einem diphthongen erweiter- 
ten, und also auf ein ai und ei wie im gotischen zurückkehrten, im 
reime diesen entschieden in der ausspräche lebendigen contrast nicht 
beachteten, kann eben so wenig befremden, als dass sie den stets wahr- 
nehmbaren unterschied der beiden c für den reim nicht mehr festhielten. 
Aber er, der sorgsame doctrinär, würde ihnen sich gewiss nicht ange- 
schlossen haben, wenn er nur aus seiner eigenen mundart ein festeres 
bild von den beiden lauten mitgebracht hätte. 

Unter denselben gesichtspunkt fallen auch die vocalzerdehnungen, 
auflösungen früher einfacher laute in mehr oder minder unechte, niemals 
echte diphthongen, woran diese mundart so reich ist. Eine davon, die 
durch das vortreten eines i erfolgt, ist schon berücksichtigt worden, 
aber eben so gut wie ein i vor einen e - laut kann auch ein e vor ein 
wairzelhaftes i neu hinzutreten. Die weit durch schlesische mundarten 
verbreiteten eich für ich, ein für in usw. sind auf diese art entstanden. 
Sie dürfen aber nicht die geltung eines wirklichen diphthonges bean- 
spruchen, denn jenes gleichgewicht der beiden laute, was nach deut- 
schem Sprachgefühl zu einem wirklichen dipbthong eben so notwendig ist, 
wie ihre engste Vereinigung, findet nicht statt. Immer überwiegt der 
erste teil, und der zweite ist nur ein secundärer nachklang, obgleich er 
in diesem falle wie in jenem oben erwähnten der eigentlich fundamen- 
tale genant werden muss. Man lasse sich nur nicht durch die schrift- 
liche bezeichnung mit ei täuschen , was wir sonst gewöhnt sind für einen 
wirklichen diphtliong zu verwenden. Wenn man sich nicht auf verwir- 
rende kleinkrämerei einlassen will , so gibt es eben keine andere bezeich- 
nung als die obige. 

Am meisten haben natürlich die ursprünglichen a und ä solche 
umwandelungen erfahren. Von den andern einfachen vocalen pfiegt e, 
und selten auch c nach i hin abzuweichen, gelegentlich wol auch durch 
einen vocalischen verschlag zu ie oder iä zu werden, worauf wir schon 
hingewiesen haben, umgekehrt schwankt i zu dem e hin durcJi alle mög- 
lichen nüancen , wovon eine , das eben besprochene ci auch als scheinbar 
diphthongiscli sich darstellt, desgleichen das wechselverliältnis von o und 
«, was durch einmischung eines dritten elementes, des c oder i noch 
vielgestaltiger wird und eine ganze menge sogenanter falscher umlaute, 



DEUT8CHK MUNDARTEN IN 8CI1LKBIEN l.'J3 

d. h. trübiin<,nMi , dio :iii ö oder ü anklin<,0M), eiznu^'t. Ki<(ontlic}n; ya'v- 
dehminfj^en tiiulon \veni<;stcns in dor heutigen mundari viel wenij^er statt, 
als dergleichen schwankende , jeden festen tyiius verläugnende niittel- 
lagen im klänge, während a, 7ai dem wir /urücklenken, das eigentliche 
fold für jene ist: vorher aber sei noch bemerkt, dass die lebendige niund- 
art, indem sie die reine ausspräche des alten a in ihrem bewustsein ganz 
aufgegeben und wenn sie dasselbe als einfachen laut mit fortführt, stets 
mindestens es bis zu einem o, wenn nicht gar zu einem ü heraltsinken lässt, 
auch das alte oder historische ö nicht ))loss im lautwerte, sondern aucli 
in der behandeiung diesem ä ganz gleich stellt. Was für das eine gilt, 
gilt auch für das andere, so gut wie o in sprocli dixit nicht mehr 
geschieden wird von 6 in hoch altus. 

Für die zerdehnung oder Zerlegung dieser ä resp. o- laute sind 
nun zwei verschiedene wege eingeschlagen worden. Entweder wird der 
u resp. o-Iaut zuerst angeschlagen und ein anderer, der in den verschie- 
denartigsten modulationeu zwischen c. o und n herumschwankt, tönt 
ihm nach. Niemals hat die heutige mundart sich hier bis zu dem rela- 
tiv bestirntesten aller dieser denkbaren nachklänge, bis zu einem / mit 
seinem stärksten eigentonc unter allen vocalcn erhoben, während es der 
früheren zeit nicht bloss möglich, sondern sogar sehi- gewöhnlich war, 
wie wir p]ntwurf 8, 240 und besonders 2G2 ausgeführt haben. Denn 
dass auch in der älteren spräche, sobald sie sich einmal anschickte den 
«-laut zu zerlegen und zerdehuen, die reine qualität des ä vor dem 
beliebten 6 mehr und mehr verscliAvinden durfte, begreift sich leicht, also 
auch dass äi für d seltner sich gehalten hat als oi für o, d. h. d und 6. 
Das verschwinden dieses /, sein ersatz durch dumpfere, farblosere klänge 
scheint uns sehr charakteristisch für die zwar schon in der geuesis der 
mundart gegebene, aber doch erst nacli und nach mächtiger entwickelte 
neigung nach unbestimten , schwebenden lauten. Die Vergangenheit, je 
älter sie ist, ersetzt dieselben um so mehr noch durch markirtere. Es 
ist genau derselbe fall, den wir bei anderer gelegenheit, wo wir die 
vocale der nebenbetonten silben in ihrem jetzigen lautwerte betrachteten, 
hervorgehoben haben: an die stelle der unzähligen i traten seit dem 
15. Jahrhundert die dem a oder c ähnlichen, keineswegs aber wirkliches 
a oder e darstellenden schwebelaute. 

Die graphische bestimmung dieser aus dem alten d , d. h. Avirklichem 
entstandenen laute ist widerum fast unmöglich, wenn sie genau sein 
soll. Schreibt mau, wie es gewöhnlich geschieht, an oder ou dafür, 
z. b. sxyraucl) , richtiger spränch oder sprouch , hauch, richtiger hauch 
oder houch , so gerät der unkundige in die gefahr, dieses au, ou mit dem 
wirklichen diphthongen an oder ou, einem der wenigen, die der dialect 



134 H. EüCKEKT 

ziemlich rein hervorbringt, dem ersatz des alten ü in haus, maus, taube 
usw. zu verwechseln. Jedenfalls müste man in irgend einer weise diesen 
nicht bloss historischen, sondern lebendig vernehmlichen unterschied 
bemerklich machen, aber wie? ist schwer zu sagen. 

Aber die mundart verfährt auch gerade mngekehrt: sie lässt zuerst 
den tieferen vocal verklingen und erhebt sich dann zu einem relativ 
höhereu, an sich freilich immer noch tief oder dumpf genug gestirnten. 
So erscheint statt spräucJi usw. ein sproach oder spruach oder spruoch, 
statt Jiäuch ein hoach oder huach oder huocli usw. Am markiertesten 
müssen alle solche zerdehnungen begreiflich in zwei- und mehrsilbigen 
wortformen auftreten , wo der accent seinen volleren Spielraum sich nach 
seiner neigung gleichsam schwebend über die einzelnen töne zu verbrei- 
ten findet als in einsilbigen und besonders durch harte consonauten 
geschlossenen. In solchen fällen glaubt man nämlich in den an sich brei- 
teren localmundarten des tieflandes nicht bloss zwei, sondern drei vocale 
neben und nacheinander zu hören, wie denn auch ihnen entnommene 
sogenante dialectproben ein Uoahend, Wuoagen und dergleichen gräuel 
für das äuge schreiben. Aber weder ein reines u, noch o, noch a wird 
hier ein feineres ohr gelten lassen, es sind nur anklänge an diese laute, 
nicht sie selbst. Noch weniger kann hier begreiflich von wirklichen diph- 
thongen oder triphthougen die rede sein , obgleich eine wesentliche eigen- 
tümlichkeit derselben auch hier zugegeben werden muss. Die ganze laut- 
masse ist einsilbig zu rechnen; kein hiatus trent ihre einzelnen bestand- 
teile und der hochton setzt zwar immer mit relativ grösserer Intensität 
auf nur einem ihrer l)estandteile ein , in dem obigen falle auf dem ersten, 
in diesem gewölmlich , aber nicht immer, auf dem zweiten, aber er ver- 
breitet sich gleichsam tremulirend auch über die andern, die weder 
eigentlichen nebenton haben, noch ganz tonlos sind, wie etwa ähnliche 
vocalzerdehiuingeu oder falsche diphthonge anderer mundarten, z. b. das 
bekaute oberschwäbische ou für altes a, haut für hat, was man voll- 
kommen genau nach seinem masse und seiner betonung mit hout dar- 
stellen könte. Unser hout dagegen, der auch hier so sehr gewöhnliche 
ersatz für hat oder das schriftdoutsche hat, d.h. /<«# gesprochen , klingt 
ganz anders: wollte man es ebenso genau bezeichnen, so würde jeden- 
falls kein circumflex auf dem o zu stehen haben, sondern dieser sich auf 
beide laute ausdehnen müssen, wobei dann freilich das relativ stärkere 
accentgewicht dos erstereu wider niclit bezeichnet wäre. — 

Doch damit genug: wir wollen uns nicht weiter ins detail von 
scheinbar so zubilligen und minutiösen Spracherscheinungen versenken, 
da es hier docli wenig am platze wäre, eine vollständige beschreibung 
des dialektes zu liefern. Uns lag nui- ob, an markirten beispielen nach- 



DKUTSCIIK MINDAKTKN IN SCHLKHIKN I.'IO 

zinveisoii, dass ein oin/igcs ^nosses iiriiicip, ein eigeniiiniliflu's Ijetonun^'.s- 
systom unzählige einzelerscheinungen beliersclit und eiklilrt. Das prin- 
cip selbst, oder der treibende grund derselben tritt aber auch jedem 
sorgfältigen beol)acliter mit solcher entscliiedenheit entgegen, dass es 
jeder auf seine weise empfindet und gegebenen Falles darzustellen ver- 
sucht. Aber es liegt nahe zu fragen , woher ist dieses eigentümliche 
betonungsgesetz entstanden, wie ist es mit unseren sonstigen ausichten 
über linguistische Vorgänge im allgemeinen und die der mundart im 
besondern zu vermitteln. Auch darauf ist schon vor uns eine antwort 
versucht Avorden und zwar von Weinhold, der vor allen andern dazu 
berufen war. Sie findet sich an einem orte, wo sie die mehrzahl der 
fachgenossen nicht suclit, nämlich band 1 der Neuen Folge der Schles. 
Provinzialblätter 1862, herausgegeben von Theodor Oelsner. Dort hat 
Weinliold auf 3 selten, p. 421 — 424, eine Charakteristik des dialectes 
unter dem titel „Schlesien in sprachlicher hinsieht" beigesteuert, die 
in anspruchslosester umrisszeichnung doch alle seine wesentlichen züge 
heraustreten lässt. Dabei ist denn auch die erscheinuug, die uns so 
lange beschäftigt hat, das eigentümliche betonungssystem nicht verges- 
sen und zugleich eine letzte erklärung desselben gegeben. Da wir, wie 
schon erwähnt, kaum voraussetzen dürfen, dass der treffliche aufsatz 
gebührend bekant worden ist, so möge es hier erlaubt sein, die ent- 
scheidenden stellen Avörtlich wider abdrucken zu lassen, ebenso als pen- 
dant zu unserer eigenen bisherigen darstellung, die ihren selbständigen 
weg gegangen ist, aber um so melir sich selbst vertraut, je näher sie 
in einigen hauptpuukten mit Weinholds auffassuug zusammentrifft, wie 
aber auch als basis für unsere eigenen erklärungsversuche, die, wie sich 
zeigen wird, doch sehr weit von denen Weinholds abweichen. Wein- 
holds Worte sind folgende: „Die politische und geographische abgeschie- 
denheit Schlesiens von dem übrigen Deutschland trug dazu bei , der schle- 
sischeu mundart manche alte eigentümlichkeiten zu bewahren. Andere 
eigenschaften empfing sie dadurch, dass tausende von Polen sie annah- 
men. Es kamen dadurch nicht blos eine menge slavischer worte nach 
einiger anbildung an das deutsche in den Sprachschatz, sondern es 
entstund auch jeuer den Schlesier sofort keutlich machende tonfall. Der 
Schlesier spricht silben, welche sonst tonlos oder gar stumm sind, mit 
nebentou oder wenigstens tonlos, dazu komt ein stimmass, welches zwar 
von dem singen der Oberlausitzer und Meissener ganz verschieden ist, 
aber doch als eine art singen klingt, wie es z. b. Friedrich dem Grossen 
erschien. Wer gelegenheit hatte, viele Polen, Böhmen oder Mähren 
deutsch sprechen zu hören, erkent leicht, dass germanisiertes polnisches 
sprachorgan auf die schlesische betonung Avirkte." Weinhold sieht also 



136 H. BÜCKEßT 

die letzte ursaclie der auch von ihm signierten, wenngleich etwas anders 
umrissenen schlesischen betonuug in der einwirkung eines fremden sprach- 
geistes auf die deutsche Substanz der mundart. Somit ist es ihm etwas 
fremdes, uudeutsches, nicht etwas ur- oder altdeutsches, Avofür er es 
nach den eingangsworten der ausgehobenen stelle wol auch hätte erklä- 
ren können, wenn er es als einen archaistischen zug eines in der entwicke- 
lung zurückgebliebenen dialekts mit dem gesetze der absteigenden beto- 
nung hätte in Verbindung bringen wollen. 

Wir sind auf deutschem wissenschaftlichen boden toleranter gegen 
solche ansprüche der fremden auf dinge, die wir für unser eigentum zu 
halten gewohnt waren, als man es irgendwo anders in der weit zu sein 
pflegt. Beweis dafür das immer noch nicht ganz beseitigte confuse 
gebahreu unserer und fremder Keltomanen, aber auch der Slavomanen. 
Fern sei es von uns einen so gründlichen forscher und klaren denker 
wie Weinhold zu dem wüsten häufen der letzteren zu zählen, deren kin- 
dische gedankenlosigkeit oder deukfaulheit nur übertroften wird durch 
ihre bodenlose Unwissenheit, und beide nur durch den anmasslichen hoch- 
mut eines der knute zu früh entlaufenen barbarentums. Brächte ein 
Tscheche, Kusse, Pole, Slovene oder ein angehöriger irgend einer andern 
neuerfundenen „nation" solche ansichten zu markte, wir würden sie ein- 
fach ignoriren: von einem deutschen forscher vertreten, verlangen sie 
gründliche prüfung und diese soll ihnen, wenn auch in gebotener kürze, 
zu teil werden. 

Jeder, der über das wesen und die Stellung des accentes in der 
gesamten deutschen spräche nachgedacht hat, wird mit uns übereinstim- 
men , wenn wir es als die notwendige folgerung aus dieser ansieht Wein- 
holds bezeichnen , dass durch sie dieser mundart ihr eigentlich deutscher 
Charakter abgesprochen wird. Ob dies Weinholds eigene meinung sei, 
wissen wir nicht, glauben es auch nicht, aber darauf komt es auch gar 
nicht an. Die deutsche spräche kann sich erweislich alle möglichen ein- 
wirkuugen von der fremde her , sei diese lateinisch, oder romanisch, oder 
sonst wie beschaifen, allenfalls aucli slavisch gefallen lassen und sich 
gegen dieselben so passiv oder so nachgiebig verhalten , wie man es sich 
nur immer denken mag, sie bleibt doch deutsch, so lange sie ihre 
betonungsgesetze, die sie von allen andern unterscheiden, bewahrt. 
Das zeigt die geschichte unserer Schriftsprache von Ultila bis heute: 
aussen herum hat sich aller mögliche fremde Zuwachs und noch mehr 
bailast angesetzt, aber in die eigentliche seele der spräche, die sich 
eben in der betonung manifestiert, ist nichts fremdartiges eingedrungen. 
Denn dass die mehrzahl der fremdwörter ihren fremden accent, aucli wo 
er dem deutschen accentprincip widerspricht, beibehalten, wird man. 



DEUTSCHE MUNDARTEN IN SCUI-EHIEN 137 

rlcliüg verstanili'U , ilücli oIkt für eiiiu bi-stütigung als für eine wider- 
lc*(un<j tliosos Satzes gelton lassen müssen. Eine deutsche mundart, oder 
sagen wir sofort, die unsrige kann also, wenn sie noch wirklich deutsch 
heissen soll, /war alle niüglicheii fremden, in diesem falle slavischen 
bestandteile in sich aufnehmen, sie kann aber nicht ihr innerstes lebens- 
princi]» durch die betouungsweiso einer fremden siirachc alterieren las- 
sen. Tut sie das, so ist sie eben nur noch scheinbar deutsch, oder ein 
mischmasch,- wie die lingua franca, oder das sogenante kreolische fran- 
zösisch und dergleichen. Übrigens ist auch nicht einmal zuzugeben, 
dass unsere mundart so überaus zahlreiche fremde bestandteile in ihren 
Wortschatz oder gar in ihre grammatik aufgenommen habe, wie man 
nach den allgemeinen äusserungeu Weinholds und nach andern, oft all- 
zustark nach dilettantismus sclimeckendeu anderer vermuten möchte, ehe 
man sie gründlicher keut. Wir haben hier keine Statistik ihrer fremd- 
wörter zu geben, dürfen aber wol die resultate einer solchen verwerten 
und behaupten demzufolge, dass sie gerade so wie alle ihre andern 
deutschen Schwestern die unendliche mehrzahl der in ihr lebendigen 
fremdwörter ganz wo anders her, zumeist aus dem bestände der Schrift- 
sprache, also jedenfalls nicht direct aus dem Polnischen, und nur eine 
sehr bescheidene minderzahl aus diesem, örtlich auch — im Südwesten — 
aus dem Tschechischen entlehnt hat. Wenn eine einzelne ihrer grup- 
pen, und diese dürfen doch allein betrachtet werden, wo es sich um 
wirklich lebendiges Sprachmaterial handelt, 60, höchstens 70 solcher sla- 
vischen eindringlinge besitzt, so ist damit das höchste mass bezeichnet: 
gemeinschlesisch , d. h. durch alle schlesischen untermundarten und im 
ganzen lande gebraucht, dürften höchstens ;}() — 40 sein, also eine sehr 
bescheidene zahl gegen die hunderte anderswoher stammender fremdwör- 
ter, die jedermann als solche braucht. 

Betrachten wir uns aber einmal die tatsachen, auf die sich Wein- 
hold beruft, etwas genauer. Ihre geschichtliche Voraussetzung scheint 
unanfechtbar, denn gewiss haben seit dem 12. Jahrhundert bis heute sehr 
viele ehemals polnisch sprecliende Individuen sich allmählich dem deut- 
schen idiom anbequemt. Wie gross ihre zahl ist kann niemand tiir die 
älteren zeiten constatiereu , aber wenn mau alle, die seit 1170 bis 1870 
in diesem falle waren, zusammenzählt, so komt ein stattlicher häufe 
heraus. Aber so darf man eben doch nicht rechnen. Der richtige ansatz 
des exempels lautet ganz anders: wie gross war oder ist die jedesmalige ver- 
hältniszahl der ueuhiuzutretenden, deutsch lernenden Polen oder Tschechen 
zu der masse der deutsch geborenen und das deutsche als ihre wahre 
muttersprache redenden? Da komt denn ein bedeutend abweichendes facit 
heraus. Diese verhältniszahl ist jetzt eine verschwindend kleine, denn 



138 H. EÜCKKRT 

selbst weim wir annehmen wollten, dass innerhalb 10 jähren 10000 fremde 
auf diese art germanisiert würden, was, wie statistische belege nachwei- 
sen, viel zu hoch gegriffen ist, so müssen diese 10000 gegen die mil- 
lionen der andern doch ganz verschwinden. Es ist schwer einzusehen, 
wie eine solche minorität der majorität in dem allerwesentlichsten zuge 
der spräche ihren t3^pus aufdringen soll. Das wahrscheinliche ist doch, 
dass die majorität von dieser minorität, die noch dazu in sehr viele 
kleine gruppen , meist in Individuen sich zerspaltet , sprachlich gar keine 
eiuwirkungen empfängt, die minorität dagegen mehr und mehr in den 
leib und endlich auch in die seele der ihr ursprünglich fremden spräche 
hineinwächst. Lernt sie selbst nicht vollkommen deutsch reden, wozu 
vor allem die erfassung des deutschen betonungsgesetzes gehört, so 
geschieht dies doch von ihren nachkommen. Gleichviel welchen blutes, 
werden sie doch der spräche nach für echte deutsche gelten müssen, weU 
sie wirklich deutsch sprechen, und gelernt haben sie dies echte deutsch 
nicht von ihren eitern, l'alls diese selbst es nicht dazu gebracht haben 
sollten, sondern es ist ihnen so zu sagen aus der durch und durch deut- 
schen atmosphäre angeflogen , in der sie erwuchsen. Was wir für die 
gegenwart nachweisen und beweisen können, wird, so weit wir die 
geschichte des landes kennen, auch für die Vergangenheit bis in jene 
ältesten zeiteu der deutschen rückeroberung gelten: stets hat sich die 
summe der aus dem fremden idiom in das deutsche hineintretenden min- 
destens in derselben verhältniszahl gehalten, wie jetzt zu der der 
ursprünglich deutsch sprechenden, sei es, dass diese mit den massenzügen 
der deutschen auswanderer kamen oder in zweiter generation als wirk- 
liche deutsche im lande selbst geboren waren. Dass in einer älteren zeit 
die gesamtsumme der deutscheu und der polnischen laudesbewohner eine 
andere war als heute, gehört, wie man leicht sieht, in eine ganz andere 
rubrik und darf nicht mit dem Verhältnisse , auf das es hier allein ankörnt, 
verwechselt werden. 

Wenn man sich auf die eigentümliche betonungsweise der deutsch 
redenden Slaven beruft, um die eigentümliche betonungsweise unserer 
mundart zu erklären, so scheint uns denn doch ein sehr weiter abstand 
zwischen der einen und der andern nicht zu verkennen. Das gemeinsame 
ist nur, dass in beiden der scharfe contrast zwischen hochton und ton- 
losen wortbestaudteilen , der so charakteristisch für das neuhochdeutsche 
ist, nicht so markiert heraustritt, weil der slavische accent nirgends mit 
der wucht des deutschen einschneidet. Aber dies ist auch alles. Der 
Slave, wenn er deutsch sprechen lernt, befindet sich je nach seinem hei- 
misclieu idiom in einem sehr verschiedenen verhältniss zu dem deutschen 
betonungsgesetz , denn bekantlich weichen die sonst in elementaren din- 



DKUTBCUR MUNDAHTEN IN 8C1II.KHIKN l.'Jit 

gcii SO iialii' /usaiüiiicngebliebenon shivisclicii idiome doch gerado in die- 
sem j^eisUj^steii inonumto auf oino äusserst buntscheckige weise von ehi- 
uikUt ah. Du er nach seinem eigenen spnichgelühl dem accent über- 
haupt eine geringere bedeutung beilegt, als der Deutsche, so wird er 
auch trotz seiner sonstigen schmiegsamen gelchrigkeit für sprachliche 
dinge, gerade auf die vollkoninione regelrichtigkeit seiner deutschen 
accentuation nicht das entscheidende gewicht legen , das ihr nat-h deut- 
schem Sprachgefühl zukömt. Kr mag wul, hei einiger aufmerksarakeit, 
sich vor eigentlichen fehlem hüten lernen , aber es wird ihm immer jene 
aus dem innersten instinct des Sprachgefühls geborene energische hand- 
habung des tones fehlen , die das deutsche wort erst zu einem deutschen 
macht. Es kann auf diese art sehr leicht in seiner ausspräche etwas 
hörbar werden, was von ferne dem uebeuton unseres dialectes gleicht 
aber es gleicht ihm auch nur und ist es nicht. Die relative schwäche 
des haupttons, erzeugt durch mangelndes gefühl für seine bedeutung, 
muss natürlich auch das gewicht der nebensilben stärker hervortreten 
lassen, namentlich wenn sich ein solcher fremder mund mühe gibt, wie 
er es doch gewöhnlich tut, sie niclit in der abgeschliflfenen oder corrum- 
pierten form der nächsten deutschen mundart, sondern in einer etwas 
mehr der gebildeten oder gescliriebenen spräche angenäherten , hervorzu- 
bringen. Der scheinbare nebentou ist dann nichts weiter als ein ver- 
langsamtes oder zögerndes, unsicheres gebahren der sprachorgaue. Komt 
dazu noch , wie sehr häutig , eine wirkliche Unsicherheit über die richtige 
accentstelle, indem die heimische angewöhnung immer noch nicht ver- 
wunden ist oder verwunden werden kann, so mag sehr leicht ein wirk- 
liches vibrieren oder tremulieren des accentes bemerkt werden, wie wir 
es ja auch an uns selbst bemerken können, wenn wir über die accent- 
stelle fremder Wörter uns nicht ganz klar sind und doch uns genötigt 
sehen, sie mit einer betonuug auszusprechen. 

Weisen wir somit jede entlehnung aus der fremde, jeden einfluss 
eines undeutschen elemeutes gänzlich zurück, so müssen wir uns nach 
einer andern erkläruug umsehen. Am nächsten läge der anschluss an 
das altdeutsche acceutuationssystem. Eine innere berührung damit ist, 
wie schon früher bemerkt, niclit zu verkennen, aber ebenso wenig ein 
tiefgreifender unterschied. Die verwantschaft besteht in der stufenweisen 
ausbreitung des tones von der höchstbetonten zu der wenigst betonten silbe 
des Wortes, aber während dies gesetz in der älteren spräche ohne nach- 
weisbaren einfluss auf die quautität der hochtonsilbe sich vollzieht und 
demgemäss auch die abstufuug des tones in den andern je nach der 
ursprünglichen quautität der ersteren die manuigfaltigsteu moditicatiouen 
erleidet, wodurch die natürliche rhjthmik jener sprachperiode sich sehr reich 



140 H. BÜCKEBT, DEUTSCHE MUNDARTEN IN SCHLESIEN 

und beweglich gestaltet, hat unsere mimdavt ganz einförmig hochton und 
Verlängerung oder Verschärfung identificiert , oder die letztere aus dem 
ersten hervorgehen lassen. Die abstufungen des nebentones, die zwar 
auch hier, wie sich gezeigt hat, keineswegs nach ein und derselben 
Schablone geregelt sind, vollziehen sich ebendeshalb viel einfacher, wenn 
man will, prosaischer als dort. 

Somit könte man das betonungsgesetz unserer mundart nur bis zu 
einer gewissen grenze mit dem der älteren spräche zusammenbringen. Es 
ist durchaus nicht dasselbe, also kein directer archaismus im gewöhn- 
lichen sinne, wie andere Spracherscheinungen der verschiedensten dia- 
lecte, z. b. die duale der persönlichen pronoinina im Südost- und 
südwestdeutschen oder auch im nordfriesischen solche sind. Es muss 
einmal eine zeit gegeben haben, wo auch sie, wie alle ihre Schwestern, 
das alte betonungsprincip durch die einflüsse eines andern, das wir nach 
seiner correctesten fassung das neuhochdeutsche nennen, zu modificieren 
begann, aber sie ist dabei auf halbem wege stehen geblieben. Sie hat 
nicht, wie das neuhochdeutsche, alle kraft des tones auf den hochton 
concentriert , sondern trotz einer unläugbaren Verstärkung desselben, die 
sich in dem einflüsse auf die quantität der ursprünglichen kürzen deut- 
lich herausstellt, hat sie doch noch nach der aualogie der älteren sprach- 
rhythmik den nebenton sich bewahrt, oder vielmehr nach dieser analogie 
neugeschaffen. Denn wie sich oben gezeigt hat, trift't der nebenton in 
sehr vielen fällen gar nicht die stelle, auf der er in der älteren sprä- 
che hätte ruhen müssen. Es ist der alte gedanke von der mundart nach 
einer neuen, selbstgeschaflenen regel ins leben geführt, also insofern 
etwas nicht blos neues, sondern auch ihr ganz individuell eigenes. 

Man darf wol sagen, dass sie hierin eine charakteristische mittel- 
stellung zwischen dem alten System und dem modernen des neuhochdeut- 
schen eingenommen hat. Denn ausser dea- bewahrung des nebentones, 
was allein schon hinreichte, um die Originalität ihres Verfahrens zu bewei- 
sen, hat sie auch die tonstärke des haupttons nicht bis zu dem masse 
wachsen lassen, wie wir es als durchschnittliches für das gesamte neu- 
hochdeutsche finden. Das eine steht natürlich , wie schon öfters dar- 
getan wurde, in engster causalverbindung mit dem andern: wäre das 
eine nicht geschehen, so würde auch das andere nicht existieren. Aber 
es ist, glauben wir, unmöglich zu erkennen, welches von beiden das 
ursprünglich bedingende und welches das bedingte moment ist: ob die 
relative schwäche des haupttons die erhaltung resp. neubildung des neben- 
tons, oder ob die erhaltung dieses letzteren die relative schwäche des 
ersteren hervorgerufen hat. 

BRESLAU. 11. KÜCKERT. 



111 



VnVAl DIK IIHIMSKiaXi.l.A. 

Jleiiuskiiiijfhi lieisst bukuiitlicli jtMies werk des Isländers Snorr»' 
Sturlusoii (f 124 1), das die geschiclite der norwegisclien könige von der 
ältesten zeit bis zum ausgange des 12. jalirliunderts erzählt; eingeleitet 
durch eine vorrede, ist es in XVI sagas geteilt, deren erste von den 
sclnvedisclien und norwegischen Ynglingern, den vorfahren der norwegi- 
schen könige, und deren letzte (XVI.) von künig Magnus Erlingsson 
(f 1184), dem unmittelbaren Vorgänger Sverres, handelt. Der name 
„Heimskringla," d. 1. tcrrarum orbis, wurde dem werk von seinem ersten 
herausgeber , Job. Peringskjöld , gegeben und ist den anjangsworten der 
ersten saga (Kringla heimsins usav.) entnommen. 

Vou jeher iuit die Heimskringla auf dem gebiete der alt -isländi- 
schen historiographie eine hervorragende stelle eingenommeu sowol wegen 
des reichen und kritisch gesichteten Inhalts, als auch wegen der durch 
geschmackvolle daistellung und reine spräche ausgezeichneten fonu. In 
beiderlei beziehung vielfach benutzt und vielfach gepriesen ist sie doch, 
abgesehen von P. E. Müllers Untersuchungen über die quellen der Heims- 
kringla (1823), noch kaum gegenständ einer specielleren Untersuchung 
geworden. Dies ist erst neuerdings geschehen und sowol die niedere kri- 
tik als auch die höhere haben sich ihr fast gleichzeitig zugewendet, jene 
in der ausgäbe C. Uugers (18G8), diese in K. Maurers Untersuchung 
über die entstehung der Heimskringla (18G7), Über beide nebst einigen 
andern einschlägigen arbeiten soll hier kurz referiert werden. 

C. Ungers ausgäbe erschien unter dem titel: Heimskringla eller 
Norges kongesagaer af Snorre Sturlassou, udg. ved C. U. Christiania 
1868. XXII, 8G0 SS. (Ein bemahe wörtlicher abdruck dieser ausgäbe, 
besorgt von N. Linder und K. A. Hagson erschien in 3 voll, zu Upp- 
sala 1870 und 1872). Der Norweger Carl Unger gehört mit Rdf. 
Keyser, P. A. Muncli, Chr. Lange zu jenen ausgezeichneten gelehr- 
ten, die seit den vierzigern dieses Jahrhunderts auf dem gebiete ihi-er 
einheimischen, der „ altuorwegischen '• philologie und geschichte eine 
ebenso umfasseude als erfolgreiche tätigkeit entwickelt haben. Nament- 
lich hat sich C. Unger , professor an der Universität zu Christiania, 
anfangs in gemeiuschaft mit den genanten , seit deren tod aber allein 
durch kritische herausgäbe einer ganzen reihe altnorwegischer und alt- 
isländischer texte die grösten Verdienste erworben : wir nennen : den a?ldre 
Edda (1847), Fagrskinna (1847), Diplomat. Norveg. (1847 fgg.), Alexan- 
ders saga (1848), Speculum regale (1848), Olafs s. helga (1849), Streng- 

ZEITSCHB, F. DEUTSCHE PHILOL. BD. V. 10 



142 MÖBIÜS 

leikar (1850), Barlaams og Josaphats saga (1851), Didreks saga (1853), 
Olafs s. helga (1853), Stjöru (1853 — G2), Flateyjarbok (1860 — 68), 
Kavlamagims saga (1860), Morkiuskinna (1867), Heims kriiigla (1868), 
Tliomas s. erkibyskups (1869), Codex Frisianus (1871), Mariu saga 
(1871). 

Unter diesen textausgaben ist die vorliegende der Heimskriugla 
eine der verdienstvollsten. Sie gibt ausser vorrede und persouen- und 
Ortsregistern zwar nur einen einfacben text, doch dessen hober wert im 
vergleicbe mit den beiden früheren ausgaben der Heimskringia , der 
Stockholmer S. Peringskjölds 1697 und der Kopenhageuer von Schöning 
und Sk. Thorlacius 1777 — 83, ergibt sich sofort, sobald man die grund- 
sätze vergleicht, die für die textesgestaltung in den zwei älteren und 
für die in Ungers ausgäbe massgebend gewesen. Unter den haudschrif- 
ten nämlich, in denen uns Heimskringia überliefert worden ist, ist die 
sogenante Kringla (oder Academicus I.) längst als die älteste und 
beste erkant worden; die lücken wie die Interpolationen, an denen zwar 
auch sie leidet, sind doch nicht der art, dass sie nicht mit hilfe der 
übrigen handschriften der Heimskringia erkant und auch berichtigt wer- 
den konten. Leider, wie so mancher andere wertvolle isländische codex 
durch den grossen brand von Kopenhagen im jähre 1728 vertilgt, ist 
sie uns doch durch eine relativ sehr genaue abschrift von der band des 
Asgeir Jönsson in den drei codd. AM. 35, 36, 63 fol. erhalten; ein 
besonderes verdienst von Gudbrand Vigfüsson ist es , den dritten teil der 
abschrift, den man für verloren hielt, in cod. AM. 63 fol. entdeckt zu 
liaben. In allen drei ausgaben der Heimskringia (Stockholm, Kopenha- 
gen, Christiania) liegt dem texte jene Kringla zu gründe, aber in sehr 
verschiedener weise. Während die Stockholmer ausgäbe bestrebt war 
einen möglichst reichen und vollständigen text nicht sowol der Heims- 
kriugla als solcher, als vielmehr der in ihr erzählten norwegischen 
königsgeschichte herzustellen und sie demzufolge kein bedenken trug den 
text der Kringla, wo er unvollständig schien oder wirklich lückenhaft 
war, durch inhaltsreichere Varianten und durch einscliiebsel aus andern 
handschriften (und nicht blos aus handschriften der Heimskringia), ja 
sogar durch selbstgefertigte zutaten zu vervollständigen und zu berei- 
chern , ausserdem aber alle irrigen zusätze und Interpolationen der Kringla 
beizubehalten, — während andrerseits die Kopenhagener ausgäbe, ohne 
das verfiihren der Stockholmer geprüft zu haben, sich von dieser in der 
unkritischen benutzung der Kringla und herstellung ihres textes mehr 
oder minder beeinflussen liess, — so ist es nun das hohe verdienst des 
norwegischen horausgebers , zunächst diese schaden und mängel der frü- 
heren ausgaben erkant und nachgewiesen , zugleich aber auch zum ersten 



ÜBKU DIB HBIMHKUINÜI.A 143 

malo ilie Überlieferung des textes, wii' ilm die Kringla eiitbält, möglichst 
rein und frei von allen fremden zutaten iiergestellt zu haben. 

Indem hienuicb Ungers ausgal)e der Meimskringla unter surglal- 
tiger und umsichtiger benutzung der übrigen liandschril'ten einen kri- 
tisch berichtigten, bez. ergänzten abdruck der Kringla darbietet, sind 
zwar die wesentlichsten, doch noch keineswegs alle furderungen erfüllt, 
die nuin an eine zu wissenschaflliclicin gebraucli bestimte ausgäbe der 
Meimskringla zu steUeii berechtigt ist. Weim aber eine solche, abge- 
sehen von den visna -skVriiigar, d. h. der erklärung der (in Heimskringhi 
ja ganz besonders zahlreichen) verse, namentlich einer zweifachen zutat 
bedarf, 1. eines kritischen apparates, der uns das Verhältnis der Kringla 
zu den übrigen handschriften der Heimskringhi (z. b. der Frissb<)k) klar 
erkennen lässt, 2. der parallelstellen in den übrigen Noregs-konunga- 
sögur, — so ist es widerum C. Unger, dem man bereits die wichtigsten 
vorarbeiten in beiderlei beziehung verdankt, einmal durch die heraus- 
gäbe des Codex Frisianus (1H71), sodann durch die der Fhiteyjarbiik (in 
'6 voll. 1860 — 68) und der Morkiuskinna (1867). 

Der Codex Frisianus (AM 45, fol.) oder die Frissbuk, benant 
nach ihrem frühereu besitzer Otto Friis , ist eine membrane vom beginn 
des 14. Jahrhunderts; sie enthält die Meimskringla vollständig bis auf 
die Olafs s. helga (Hkr. VII.), fügt aber statt deren die von Sturla Thod- 
arsou verfasste Hakouar s. gamla hinzu. Als ersatz für die in Friss- 
bok fehlende Olafs s. helga bietet sich uns die treffliche Stockholmer 
membrane (2, fol.) dar, die eine höchst wahrscheinlich von Suorre Stur- 
lusou selbst veranstaltete Sonderausgabe der Olafs s. helga in der Heims- 
kringla enthält; auch diese ist von C. Unger, mit einer sehr eingehen- 
den einleitung von P. A. Munch, schon früher (1853) herausgegeben 
worden. 

Die Flateyjarbök und die Morkinskinua enthalten eine 
anzahl norwegischer König -sagas, deren erstere, die Fiat, zwar später 
verfasst als Hkr., gleichwol zum teil auf älteren vorlagen ruht und, wie 
die letztere, in vieler beziehung nach umfang wie nach darstellung vou 
Snorres erzähhmg abweicht; beide, obw^ohl namentlich die Flateyjarbök, 
haben noch einen besondern 'wert durch die sehr vielen in die König - 
sagas eingeflochteneu oder ihnen beigefügten Sögm* und I)a?ttir (episodia), 
in denen sie niclit nur die geschichte Norwegens, sondern auch Islands, 
der Orkneys, der Fa^röer usw. behandeln. 

Die Flateyjarbök (cod. reg. 1005 — 1006, fol.), früher einem 
bauer auf der insel Flatey an der isländischen Westküste gehörig und 
nach dieser benant, ist eine membrane vom ende des 14. Jahrhunderts; 

10* 



144 MOBIUS 

die hauptstücke, die sie enthält, sind: Olafs s. Trygvasonar, Olafs s. 
helo-a, Sverris s., Häkonar s. gamla, Anuälar, ausserdem — erst im 
15. Jahrhundert hmzugefügt — Magnus s. göda ok Haralds hardräda. 
Dies saga-werk ist von C. Uuger in gemeiuschaft mit Gudbrand Vig- 
fusson, dem bekanten bearbeiter von Rieh. Cleasbys Dictionary, heraus- 
gegeben worden; G. Vigfusson hat diesen weitaus umfänglichsten islän- 
dischen Sagacodex von anfang bis ende (905 columnen des grösten 
folio !) für den druck abgeschrieben und von ihm rührt auch zum grösten 
teil die höchst inhaltreiche vorrede (vol. III, I— XXIV), worin über Inhalt, 
geschichte und zeit der berühmten handschrifc die interessantesten mit- 
teilungen gegeben werden. 

Die Morkinskinna, d. L: membrana putrida (cod. reg. 1009, 
fol.) eine Membrane des 13. Jahrhunderts, begint mit der saga von 
Magnus godi (1030 — 1035) und reicht, da ihr das ende fehlt, nur bis 
zum tode des königs Sigurdr munnr (f 1155), gieng aber, als sie voll- 
ständig war, jedenfalls, wie die verwanten sagawerke, bis zum jähre 
1177 (schlacht bei Re) herab. Sie beansprucht dadurch einen besondern 
wert, dass sie jedenfalls zum grösseren teile das für uns verlorene 
Hryggjarstykki des Eirikr Oddsson in sich aufgenommen. 

Von der herausgäbe aller dieser drei sagawerke: dem Cod. Frisia- 
nus der Heimskringla, der Flateyjarbök und der Morkinskinna gilt, dass 
sie ohne irgend welche änderung der Orthographie einen wörtlichen 
abdi-uck der betreffenden handschrift enthalten, em verfahren, das rück- 
sichtlich der alten Morkinskinna in sprachlicher beziehung von hohem 
wert und Interesse erscheint. Die sprachform in C. üngers ausgäbe der 
Heimskringla ist, wie dies in vorliegendem faUe nicht nur gerechtfer- 
tigt, sondern geradezu geboten war, eine normalisierte. 



Den fragen der höheren kritik über die entstehung der Heimskringla 
und in folge dessen über ihren quellenwert gelten die Untersuchungen 
Konrad Maurers. 

Maurers Untersuchungen sind nicht gegenständ einer besonderu 
monographie, sondern sie bilden in Verbindung mit einer reihe Unter- 
suchungen über die übrigen Noregskonungasögur den hauptsächlich- 
sten Inhalt der reichen aumerkungen , welche der Verfasser seiner abhand- 
lung (Baier. akad. der wissensch. I. Gl., XL bd., IL abth. s. 457 — 706): 
„Über die ausdrücke: altnordische, altnorwegische und isländische sprä- 
che" (München lö67, 232 selten), beigefügt hat; auf Heimskringla bezie- 
hen sich die anmerkungen 22 — 27 und 32 zu seite IG fgg. der abhandlung.^ 

1) 8ielic auch K. Maurers beurteilung von H. Hildebrands artikel über Snorre 
und seine Heimskringla, den H. seiner schwedischen Übersetzung der Heinis- 



<>BF.R DIK lli:iMSKRINOI,A 145 

Hisluu' ,i;;ili lltiniskringla als das werk dos Siiorre Sturlusoii; dicHo 
;iM nähme gnindet sich /war schlccliterdin<,'s :iuf keine ausdrückliche an«(ahe 
in der altiMi littenitur selber, sondern sie heniht /.unächst auf der aiis- 
sa}j;e zweier niäiincr des IG. Jahrhunderts, des Laur. Haussen (1551) und 
des Pcd. Claussen (1509), von denen jeder die lleimskrinj^la ins Dfiui- 
sehc übersetzte und hierbei den Snorre Sturluson als Verfasser des Origi- 
nals bezeichnete. So wenig man weiss, ob und inwieweit die angäbe 
dieser männer sich auf alte, für uns verlorene Zeugnisse gründet, hat 
man sie doch auf grund gewisser indirectcr angaben in der alten littc- 
ratur zu rechtfertigen gowusst. Einmal nämlich berichten Sturlunga 
saga unil die isländischen annalen ganz allgemein von historischen schrit- 
ten, die Snorre verfasst habe, sodann finden sich in zwei historischen 
sagas, in der Olafs s. Tryggv. und in Magnus s. eyjnjarls, ein paar ver- 
weise auf Snorres abweichende angaben, die sicli denn als solche auch 
wirklich in Heimskringla nachweisen lassen. Seitdem betrachtete man 
allgemein die Heimskringla als das werk des Snorre Sturluson und nur 
darüber teilten sich die ansichten, ob die einzelnen sagas, welche die 
Heimskringla enthält, von Snorre im eigentlichen sinne verfasst seien, 
oder ob sie nicht vielmehr von andern herrührten und nur von Snorre 
gesammelt, kritisch berichtigt und zu demjenigen corpus vereinigt seien, 
das uns als ganzes in den handschriften überliefert ist; letzteres die 
ansieht von P. E. Müller, die lange zeit hindurch die herschende war, 
doch neuerdings von P, A. Munch, Rdf. Keyser, N. M. Petersen viel- 
fach bestritten worden. 

Dem gegenüber hat nun K. Mauer a. o. nachzuweisen gesucht: 
dass die Heimskringla als ganzes ebensowenig von Snorre herrühre, als 
(hiss er alle in ihr enthaltene sagas verfasst habe, dass er vielmehr etwa 
nur die hülfte derselben, nämlich die I., VI., VII., VHI. und IX. (X.), 
XI. und XII. und zwar diese als einzelne selbständige sagas geschrieben, 
bez. ausgegeben habe, während ein uns unbekanter, etwa 50 jähre nach 
Snorres tod, diese Snorrischen sagas in der weise vermehrte, dass er 
die n. — V. saga aus den anfangen und Schlüssen der Snorrischen sagas 
herausgearbeitet, die XIII. — XVI. dagegen auf grund und vielfacher 
benutzung anderer sagaw^rke (besonders von Eirik Oddssons T^ryggjar- 
stjrkki) hinzugefügt, und schliesslich alle diese sagas zu der uns vorlie- 
genden Heimskringla vereinigt habe. Ohne auf die sehr ausführliche 
und umständliche beweisführung Maurers hier näher eingehen zu können, 
heben wir nur hervor, dass es vorzugsweise äussere kriterien sind, die 

kringla (3 voll. Örebro 1869 — 71) vorausgeschickt hat, iu Pfeiffers Genuania XY. 
•155 — 459. 



146 DROSIHN 

Maurer zu seiner ansieht geführt haben , so z. b. : dass in der XII. saga 
der tod des deutschen kaisers Friedrich IL (f 1250), doch unmöglich 
von Snorre (f 1241) berichtet sein kann [falls die von Maurer für die- 
sen fall festgehaltene lesart die richtige sein sollte?], ferner, dass Skuli 
Bardarson als herzog bezeichnet wird, was erst seit 1237 geschehen 
konte, als Snorre seine littcrarische tätigkeit bereits abgeschlossen hatte, 
dass ferner dem werke ein schluss mangelt, während andrerseits die 
vorrede zum ganzen (jedenfalls in sehr verderbtem zustande uns über- 
liefert) sich nur auf die I. — VII. , nicht aber auf die VIII. — XVI. saga 
bezieht. So Avenig wir das gewicht dieser gründe und die übrigen von 
Maurer aus dem vergleich mit verwanten historischen sagas beigebrach- 
ten beweismittel unterschätzen wollen, glauben wir doch eine schliess- 
liche entscheidung über Snorres Verhältnis zur Heimski-ingla erst dann 
erwarten zu dürfen, wenn die inneren kriterien, welche durch spräche 
und darstellung der einzelnen sagas dargeboten werden , mit gleicher 
Sorgfalt und umsieht erwogen sind; in dieser beziehung ist aber kaum 
noch ein anfang gemacht. 

NS. Obige zeilen waren bereits geschrieben, als uns eine von 
Gudbr. Vigfüsson verfasste besprechung der Ungerschen Heimskringla in 
der englischen Academy nr. 54 zu gesiebt kam, auf die wir den leser 
verweisen möchten; eine ausführlichere darlegung der von Maurer auf- 
gestellten ansichten zugleich mit berücksichtigung der von Gust. Storni 
(Christiauia) erhobenen einspräche dürfen wir von Maurer selbst erhoffen. 

KIEL. THD. MÖBIUS. 



VIERZIG VOLKSRÄTSEL AUS HINTERPOMMERN. 

Nachstehende rätsei habe ich in Neustettin und umgegend gehört, 
die sechs ersten in der umgegend von Cöslin. Doch habe ich grund zu 
glauben, dass sie in ganz Hinterpommern, ja in ganz Pommern und 
darüber hinaus gäng und gebe sind. So ist das erste beispielsweise mit 
geringen Veränderungen, so Aveit ich weiss, an vier verschiedenen orten 
Hinterpommerns im munde der leute. Namentlich die dritte zeile variiert. 
Het ni Jcult (pflugmesser, culter) tm ni schäer, Gissolk bei Neu - Stettin ; 
hd ni plcmg (pflüg) noch scliäc, Cöslin; het ni staJce ni schär, Goldbek 
bei Bublitz. Nr. 2 heisst in Vor -Pommern: 

Sunfen up unse tväs 

Get ener mit ner langen näs, 



Vor.KSn/tTSKI, AIR l'OMMKKN Iti 

Url rod fttävcln (in, 
Spastirt (isn cdddmtinn. 
Nr. :\ hörte ich in Gissolk so: 

fscn pr(r)d un /Ics.'^nt sf(i(^r)(. 
Nr. «■) Jautet in Vor-Pomnimern: 
Lankmami, 
Seid (inl; man }i, 
Kiinn hei sik uprichtcn., 
Gihuj he gen himnid heu Inchten. 
Nr. IG heisst in der nähe von IJuhlit/: 
Haue rauc reij), 
Wo (jad is dci peip ! 
Wo schwärt is dei sack, 
Wo d'gael iicip inno stak! 

Antwort : ffaclinocr udcr yclre. 
Das rätsei ist aber aucli in Sachsen bckant. Wenn zu der zeit, 
wo der saft in die vveidenitännie gelit, die jungen weidenholz mit dem 
messer klopfen, um den hast abzuziehen, sagen sie dabei folgenden vers: 
Ho rö ripc, 
Schwarz is de pipc, 
Schivars is der dndelsack, 
Wo de lyt'Pe drinnc stack. 
freilich wissen sie wol kaum, dass es ein rätsei ist. 

Mit ausnähme der biblischen rätsei (15. 29. 40) sind es dinge der 
nächsten Umgebung, lauter gegenstände der sinnenweit, die das volk zu 
vergeistigen strebt. Die vergleiche sind gewölinlich überrascliend, oft 
sehr kühn, wie wenn z. b. (nr. 9) der eimer mit einem schweine, die 
hölzerne stange, an der er hängt, samt dem hebelartigen schwebebaum 
mit dem schwänz desselben verglichen wird. Sie zeugen sämtlich von 
der ki'äftigen phantasie, der gesunden anschauung mid der treftenden, 
scharfen beobachtung des volkes. Von den kunstmässigen rätseln miter- 
scheiden sie sich namentlich dadurch, dass hier nicht wie bei jenen eine 
Vollständigkeit der unterscheidenden merkmale angestrebt wird, deren 
summe den zu erratenden gegenständ ergibt. Oft ists sogar nur ein 
kühner vergleich ohne alle weitern merkmale. Das gilt namentlich von 
den auf einen witz hinauslaufenden rätselfragen (24 — 29). Auch rätsel- 
märcheu sind mir entgegengetreten. Folgendes zur probe. 

Ein mädchen war zum tode verurteilt. Doch begnadig^te der köuiff 
dasselbe unter der bediugung, dass sie ein rätsei aufgeben könnte, das 
niemand zu raten vermöchte. Da gab sie folgendes rätsei auf: 



148 DEOSIHN 

Grünen weg ich gieng, 

Koten wein ich trank, 

Ungebornes fleisch ich ass. 
Niemand konte es raten. Die lösiing aber ist diese. Sie gieng auf einem 
grünen rain in den wald und traf da eine wilde sau. Die tötete sie, 
trank ihr blut und ass von den ungebornen ferkeln. 
1. liinna üsem hüs 

Flögt Peita Krüs, 

Het ni racl im ni scliäe, 

Flögt doch en gaud fäe. 

de mulhvorm. 

2. Da geht ein mann im grase, 
Hat eine lange nase, 
Hat rote stiefeln an 
Und dreht sich ivie ein cdelmann. 

Der storch. 
3. Stälen pe(r)d uu fl essen stä{r)t. 

Die nadel mit dem laden. , 

4. Da ginh ivat dorch de husch im roegt alles an. 

Der wind. 

5. Da ginh wat dorch de husch un roegt nischt an. 

Die sonne. 
6. Da is e grote grise mann, 
Dei ane himmel reihe kann. 



Krikel hrmn väde, 
Hol hol mäde, 
Killhopte kinner. 



Der rauch. 



de arfd. 



8. Twei rick vidi witt heune 
Äi rod hän dermank. 

Die zahne und die zunge. 

9. Von hie nä Berlie 
Schwemmt e schwie; 

Je deipe dat schivemmt, 

Heti^t de stä{r)t. 

Der Ziehbrunnen 

1, 3. schäe schar, pfiugschar. 1, 4. ße furche, mulhvorvi maulwurt. 

3. stä{r)t schwänz. 

4. anroegen anregen, anrühren. 

7, 1. väde vater. 7, 2. mäde mutter. 7, 3. killkopte, in Cöslin glatt- 
kÖ2>ske kahlköpfig, arfd erhsc. 

8, 1. heune hühner. 



VOLKHRATBEI, AI'S l'(»MMKKN 1 l'' 

10. <)j) nsr hodiic. l'Kft ivnl . dnl Inf lii'tin. 

ht.T back trog. 

11. l\i( /h'sdirn pnnn iin hm Lkijiji. 

Das maul dus pt'orilüs mit dem gebisu. 

12. Mf( (Ir srliiirt katni. hcdeckc, 

Brei himnet un clüscnt pt(r)d könnet ni trecke. 

Das gamknatil. 

i;j. A üse ivand 

Hängt c tirnnd, 
Ilet me tacnc, 
As d'bür sene. 

Die hungerharke (der nachrechen). 

14. 'T hängt wat an de wand, 
Wennt dal kümmt, denn danzt. 

Der kantschu. 

15. Es lag ein mann hegrahen liif, 
Das sarg mit ihm herum lief; 
Der mann lebte, 

Das sarg schivehte. 

Nicht im himmel, nicht auf erdefi, 

Und ivird auch nicht erfunden werden. 

Jonas im bauche des walfisches. 

16. Boe röe rip, 

Wo gael is dei pip! 

Wo swart is dei sack. 

Wo dei gael pip drin stack. 



gaelmöe. 



17. ^T is en herr ut Hökcndiken, 
Het en rock nt dusent flicken, 
Het en kncekern angesicht, 
Het en kämm un kenimt sik nich. 



de hän. 



10. höin hörnor. 

11. krapp heisst eine Scheibe speck, die in der pfaune gebraten wird. 
13. tiränd t}Tann. 

17, 1. HökendiJcen fingierter ortsname. höken hiibncheu. dik deich. 3 und 4 
lauten in Persanzig bei Neu -Stettin: 

het en fleschen bärd, 
nu hoert icat de ke{r)l rnrt. 
raren weinen, sclireieu. 



150 



18. ÄS ik klein was, 

Kond ik velr dioinge; 

As ik gröt ivas, 

Kond ik ba(r)ge ide grünn bringe; 

As ik död was, 

Kunn de jimgfre op mi dan^a. 



de kau. 



19. E stall vidi hnm schäpe 

Un en schwaH huck dcrmang. 

de bröde im hackäve t0i de schiwer. 

20. Up üse haene is e wif, liet seven rock an un ver- 

frist doch. 

die zipoll. 

21. Up üse haene is e klötzke, 

He het kd neske un kei vötzke 

Un kriclit doch alle jär junge. 

de arfde. 

22. Buten blank un bimien blank, 

Line midd is fleisch un bland dermang. 

de fingerhand 

23. JEn ganze stall vidi brün pe{r)d 

Un e höltene Peiter dermang. 

vgl. 19. 

24. Wie brennen alle lichter? 

von ölten nacli unten. 

25. Wie wachsen alle bäume im ivalde? 

rund. 

26. Welcher bäcker bäckt das gröste brod? 

Der am meisten tcig nimt. 

27. Welche fische im sce sind am kleinsten? 

Die köpf und schwänz am nächsten zusammen haben. 

28. Wer kann alle färben malen? 

Der regenbogen. 
20. Wann haben die tiere sprechen können? ' 

Als Bileams esclin sprach. 
30. Ein lahmer mann, 
Ein blinder mann, 

Der das loch nicht finden kann. 

Der Schlüssel. 

18, 2. in Vangerow bei Katzebur : 

Sog ik veir, nemlich titte 
18, 6. Ko vor herre u fürste stäe 

U mide jungfre tippe danzplatz gäe. 

20. haeyie boden. verfrist verfriert. 

21, 2. tieske dim, von ncs = ners, vgl. nnl. naars = aars (podex). 



V0LK8R.VTBEI. AIJH l'MMMKRN 

:{|. Vier rollen, 
Zivv'i (lall tu, 
Ein juljah 
Vud ein Icniplcnap. 

Wa;,'eii, prenlc, kneclit , iieitHche, 

:\2. ^T (jrt (lorp rnfhmfi, hd lir.dd opn rikjge. 

de gaUK. 

3L5. Ächl herrfti {iriffcn sich, 

Die kricAflcn sich im Ichcn nich. 

Die acht spcichcn im siiiiiurade. 

31. Vier Jungfern greifen sieh, 

.Die kriegen sieh im Ichen nir.h. 

Dio vier Wagenräder. 

35. Auf unser m bodcn liegt was. 

Das hat sieben häute, 

ßeisst (die leide. 

vgl. 'JO. 

36. An imsrer ivand 

Hängt ne lange totenhand. 

Das handtuch. 

37. In unser in garten steht en haus, 

Das dach davon ist kraus; 

Inwendig sind viel liäiiimerlein. 

Da sehütt der herr das kam hinein. 

Der nioliukoi)f. 

38. Binnen blank un baten blank, 
In der niidd en krüz dermang. 

dut finster 

30. Hie un dar un allerivegen. 

Käst mi do ok en pitnd ütivaegen? 

Käst mi dat ok denke, 

Willk di ne grosche schcnJcc. 

Der wind. 

40. Wann ei is de söug ok e fräidcin ivest? 

Als sie im kästen Noahs auf der sündtlut fuhr. 

NEUSTE'ITIN. FR- DROSIIIN. 

31 , o. Jidjab aus Julius Jacob. 



ITil 



152 



AUS DEM UNTERHARZE. 

Heinricli Pröhle erwähnt in seinen „Sagen des Unterliarzes" (neue 
ausgäbe 1859) in dem abscbnitte „Sagen der grafschaft Stolberg" 
pag. 158 nr. 404 die weisse Jungfrau Auruna (Eruna), welche sich in 
der gegend des Auerberges (Josephshöhe) zeige. Nachdem Pröhle von 
ihrem liebhaber erzählt hat, fährt er fort: „Nicht weit von der sarg- 
wiese ist der sägemühlenteich. Auruna verwünschte die Sagemühle, und 
sie ist untergegangen." Es wird uns hier nur der umriss einer in der 
gegend bei Stolberg bekanten sage gegeben , Avelche mir bei einem zufäl- 
ligen aufenthalte in Scliwenda, einem dorfe bei Stolberg, in ihrer gan- 
zen ausführlichkeit erzählt worden ist. Bei dem anselm, welches das 
erwähnte buch von Pröhle geniesst und wegen des vielfach interessanten 
Stoffes der sage, der an mythologischen beziehuugen, die sofort und ohne 
erklärung in die äugen fallen , reich ist , hoffe ich nicht ganz nutzlos zu 
handeln, wenn ich die sage ausführlich und möglichst treu dem volks- 
munde nacherzähle. 

Ein armer krüppel führte lange zeit ein an hunger und eutbeh- 
rungen jeder art reiches leben. Als er einst in heller Verzweiflung über 
seine immer mehr wachsende not sein Unglück teilnehmenden freunden 
klagte, sagte ihm einer derselben, er solle zum Auerberge gehn und 
der Äurona^ seine not klagen. Jener steigt auf den Auerberg, und kaum 
hat er den namen „Aurona" ausgerufen, als ein alter mann erscheint, 
der ihm befiehlt, erst einen strauss blauer Uumeu zu pflücken und 
mit diesem in der band Am'ona nochmals zu rufen, dann werde sie 
kommen. Er tut es, und Aurona erscheint. Sie fragt nach seinem 
begehr. Ach, sagt er, ich bin gar zu elend und kann mir meinen 
lebensunterhalt nicht verdienen. Du sollst schon zu leben haben, 
antwortet sie tröstend; ziehe deinen rock aus. Er gehorcht ihrem 
befehle, und sie gibt ihm einen anderen, besseren rock. Sobald er 
diesen angezogen hat, ist er, der krüppel, plötzlich gerade geworden, 

1) So habe ich den namen gehört. Ich kann nicht verhehlen , dass der nanie 
mir sehr verdächtig, d. h. erfunden vorkomt. Doch können wir den namen, der seine 
entstehung vielleicht dem nahen Auerberge verdankt (im ausführlichen heiligenlexi- 
con a. 1719 steht weder er noch ein ähnlicher) ohne bedenken preisgeben, da er nur 
eine spätere benennung der weissen Jungfrau zu sein scheint. Der Inhalt der sage, 
die ich aus höchst achtenswertem munde erfahren liabe, stützt sich selbständig. 
Auch stimme ich Schumann bei „Missionsgeschichte der harzgebiete" (1869), wel- 
cher p. 20 sagt: „Jedenfalls ist hier der cult mancher stamme mehr als anderswo 
verschmolzen, und mancher name oder beiname eines gottes ist deshalb nicht 
sogleich als unecht zu verwerfen, weil er sonst sich nicht findet, sondern wartet 
nur noch genauerer erforschung." 



THIELE, AUH DEM l'NTKRIIARZB Ifj.'J 

Nun, ich wordo wcilcr für dich sorgen, fährt Aurona fort, bleibe nur 
briiv und ordentlich. An dem brunnen auf der „Wüsche"' steht eine 
csclir. (jlehe jeden morgen dorthin und samle die während der naciit 
ubgefullenen blätter, sie sind goldeswert. Diuuit verschwand sie, und 
der geheilte gieng lieimwürts, Kr befolgte sudunn den befelil Auronas, 
sammelte jeden morgen die blätter und verkaufte dieselben an Juden, 
da sie sich in gold verwandelten. Da, wo jetzt der sägemfdlerteich ist, 
lag eine stattliche Sagemühle. Bei dem müller daselbst war der vor- 
malige krüppel einst eingekehrt und hatte um naditcjuartier gebeten. 
Der nuiller gewährte es ihm, wurde aber aul'merksaiu , als jener am 
andern morgen, nachdem er sich eine kurze zeit entfernt hatte, mit zwei 
Juden zurückkehrte, welche ihm für eschenblätter viel geld auszahlten, 
üer müller veranlasste ihn daher, länger bei ihm zu verweilen, lockte 
ihm sein gelieimnis ab und wüste sich anteil an seinem gewinne zu 
sichern, indem er ihm seine tochter zur ehe anbot. Jener nimt dies 
auch an. Als er durch einsammeln und verkaufen von eschenblättern 
steinreich geworden ist, baut er sich mit dem müller au der stelle der 
Sagemühle ein grosses und schönes schloss. Er holt aber trotzdem seine 
blätter immer weiter. Einstmals waren die Juden , welche ihm die blät- 
ter abkauften, lange zeit ausgeblieben, und er hatte einen grossen vorrat 
davon gesammelt. Die Juden kamen dami und zahlten ihm das geld aus; 
da sie aber spät am tage angelangt waren, blieben sie über nacht im 
schlösse. Da erfaste jenen die habsucht : er erschlägt die Juden , um die 
blätter an einem anderen orte noch einmal zu verkaufen. Als er am 
anderen morgen zur esche komt, steht Aurona zürnend an der quelle 
und hält ihm seine mordtat vor. Habe ich dir, spricht sie mit drohen- 
der stimme, nicht gesagt: „bleibe brav"? Ziehe augenblicklich deinen 
rock aus und nimm hier deinen alten wieder. Jener hat diesen kaum 
angezogen, als er auch wieder zum krüppel geworden ist. Aurona ver- 
schwindet, der bestral'te aber macht sich auf den heimweg, indem er sich 
tröstet, dass er ja noch ein reicher mann sei und ein schloss imd vieles geld 
besitze, wenn er auch wider ein krüppel sei. Als er in die gegend des 
Schlosses komt , entdeckt er mit entsetzen , dass es verschwunden ist : an 
seiner stelle ist ein teich, der heutige sägemüllerteich. In diesem kann 
man, wenn man den rechten augenblick trifft, noch heute das schloss sehn. 



Ich schliesse noch einige mitteilungen aus derselben gegend au: 
1) Zunächst noch über Aurona, die weisse frau. An dem wege 
von Schwenda nach Strassberg liegt eine wiese, auf welcher sich ein 

1) Einer waldwiese bei Scbweuda am fusse des Auerberges. 



154 THIELE, AUS DEM UNTERHARZE 

brunnen befindet. Hier hält sich die weisse fraii auf. Auch am Auer- 
berge , auf dem braunen sumpfe , ist eine frau , welche mit einem Schlüs- 
selbunde umgeht, Aurona genant. Sie hat gesagt, dass sie erlöst sein 
würde, wenn sicli ein kreuz auf dem Auerberge über den wald erhebe. 
Deshalb haben einige leute , als das kreuz vom grafen Joseph erbaut war, 
am braunen sumpfe eine ehrenpforte errichtet. Die weisse frau ist eine 
frühere griifin und ist im Stolberger schlösse abgebildet: eine frau, wel- 
cher sie erschienen ist, hat sie ui dem bilde einer alten gräfin, welches 
im Schlosse häng-t, \vider erkant. Sie ist ein guter geist. 

2) Im liolze ist ein schacht. In diesen stürzte eine frau hinein. 
Diese ist dann umgegangen. Der frau eines kuhhirten, welche nach 
dem braunen sumpfe gehn will, ruft es zu. Als sie sich flüchtet, schlägt 
sie etwas auf den muud. 

3) Der wilde Jäger haust im „Wenzel."^ Einstmals war ein 
mann mit seiner frau nach Strassberg zur kirmes gegangen. Auf dem 
heimwege komt der wilde Jäger hinter ihnen her: es klingt wie rosse- 
schnauben und hallohrufen über ilinen. Die frau fürchtete sich sehr. 
Als sie zum holze hinausgiengen , reitet der wilde Jäger au ihnen vorbei: 
es war ein manu ohne köpf, auch das ross hatte keinen köpf. 

4) Güldener altar:^ Ein paar kinder, ein knabe und ein mäd- 
chen, giengen einst im holze spazieren, als das mädchen unter einem 
busche plötzlich geld (gold?) findet; als sie den knaben ruft, ist alles 
verschwunden. Das geschah in der nähe des güldenen altars. 

5) Auerberg: Der stein, den man am Auerberge aufnimt und 
hinter einer kuh herwirft , ist mehr wert als die kuh (Von Pröhle „ Sagen 
des Unterharzes" p. 129 nr. 448 von den steinen des baches Luda in 
Stolberg erzählt). 

G) Auf der Wäsche ist ein goldbrunnon. Dort haben Vene- 
diger gegraben. Sie haben beim alten J. Sch.^ gewohnt. Diese gaben 
balle von dreck aus, welche sich dann in gold verwandelten. Einem 
manne'* schenkten sie ein messer, mit dem solle er sich bei einem baum- 
stamme, den sie ihm näher beschrieben, dreck herausschneiden. Der 
mann fand aber die stelle nicht. Als die Venediger bei jenem bruuneii 
gruben , so Hessen sie ihr handwerkszeug liegen. Ein jägerbursche -^ findet 
es und wül es mitnehmen. Da kam ein grosser Ziegenbock und führte ihn 

1) Forstort zwischen Schwenda und Strassberg. 

2) Ein felsen im waldo nahe bei Scliwenda am fasse des Auerberges. 

3) Der name wurde genant — ich mag ilui nicht nennen, da die familie noch 
existiert. 

4) cf. Pröhle „Sagen des unterharzes" p. 157 nr. 4()U am ende. 

5) cf. Pröhle „Sagen des unterharzes" p. 15G nr. 400. 



HRANKY, WKTTEll- l!NI) KKfiKm.lKDCHEN If/j 

durch die lülte ikkIi ciiuir ^^Mossen Stadt (Vonodig). Dort triflt er einen 
inaim , den er in Scliwenda geselin liat. Dieser rodet ihn an und gibt 
ihm die versiclierung der verzeiliutig dafür, (hiss er das handwerkszeug 
hahe stehlen wollen. Fh* hekomt als geschenk eine gans mit würzäpleln. 
Durch den Ziegenbock wird er wider nach haus gebracht. Dort angelangt 
tindet er die gans voll dukaten. 

7) Weisser born (zwischen Scliwenda und Hain). Dort hat ein 
kloster gestanden , welches verwünscht ist. Kim.* sau hat vor nicht lan- 
ger zeit eine glucke ausgegraben. Dabei ist (dn untiMirdisilier gang 
geiunden, welcher nach dem VVolfsberger schlösse liilireu soll. 

8) Auch der glaube an dracheu findet sich: er soll in die feuer- 
esse hineinlliegen. 

iiAiJ.i:. R. 'i'iiiKLt:, 



WETTER- UND IIEGENLIEDOIIEN. 

KINDERÜBERLIEFERUNGEN AUS NIEDERÖSTERREICH. 

Finden die kinder ein „ frauenkäferl " {coccinella scptempundata)^ 
so setzen sie es auf die äussere fläche der liand und rufen es au: 
frauenkäferl frauenkäferl fliag mich Mariahrunn 
und bring uns heint und murg^n a sclieni goldnl sunn. 
Fliegt das tiercheu fort , so bleibt die Witterung schön oder es ist wenig- 
stens gutes wetter zu erwarten : bleibt der käfer aber auf der band 
sitzen, dann komt regen. Mariabrunn, wohin der käfer geschickt wird, 
ist jetzt ein Wallfahrtsort zAvei stunden westwärts von Wien. Aus die- 
sem kinderliedchen sehen wir, dass Maria, der unsere alte göttin Holda 
weichen muste , Sonnenschein und regen verleihen kann. Das von den 
kindern angefl.ohte iusect ist böte der freundlichen göttin — jetzt der 
niutter gottes — imd gehört samt dem kiudersprucli zum Holda -Dia- 
rien -cult unseres landes, über dessen weite Verbreitung in Österreich 
Theodor Vernaleken das wesentlichste in der Germania jahrg. 1871, 
p. 42 fgg. , bemerkt hat; anderes, was auf den Holda- und Mariendieust 
weist, an dem das volk des erzherzogtums lebhaften anteil niint, findet 
sich in Kaltenbäcks marienlegeuden (Wien 1845), Anderwärts, im vier- 
tel unter dem Manhartsberg , hört man für „Mariabrimn" „Hollabruim"; 
letzteres ist ein markt im bezirksamte Stockerau. — Auch Karl Land- 
steiner , „ Reste des heidenglaubeus in sagen und gebrauchen des nieder- 
österreichischen Volkes" im Jahresberichte des gvmnasiums in Ki'ems 
s. 41, teilt zwei liedchen mit, die auf den marienkäfer bezug neh- 
men; da sie wenig bekant sind, so seien sie zur vergleichung hierher 



15G BRANKY 

gesetzt. Im wald viertel unseres landes, avo der käfer den namen „him- 
melssprinzerl " führt, singen die kinder: 

himmdssprinserl fliag lioam, 

deine hinder tlioan woan; 

dein häuserl tliuat hrinna 

und's schlüsserl findest nimma.^ 
In der gegend von Krems kann man hören: 

frauenhäfpriein , fmuenJcäferlein 

setz dich auf das sesselein: 

ivenns schön ist flieg fort, 

tvenns wild ist hleih da. 
Anderswo wird auch von andern heiligen Sonnenschein und regen ver- 
langt. In Rügen z. b., wie wir aus Kuhns westf. sag. II, 91 ersehen, 
ist es die heilige Katharina, die die sonne scheinen lassen und den regen 
schicken soll: 

Itve Katrine 

lät de sunnen schmen 

läfn ragen övergän 

lät de sünnen tvedder Jcani'n. 
und in Schwaben verlangt man solches gar von dem heiland selbst: 

heiland, thu dein thürle auf, 

lass die schöne sonne raus! 

lass de schatte drohe, 

den heiland wölln wir lohe! 
E.Meier, Deutsche kinder -reime und Idnder-spiele aus Schwaben p. 20. 
Unsere liebe frau rufen die kinder, wenn es regnet, noch folgen- 

dermassen an: 

regen regen tropfen! 

ivia schön hliat da hopfn! 

wia schön hliat 's himmelskraut ! ^ 

liahe frau mäch's thürl auf, 

las den reg'n nein, 

und schick den Sonnenschein. 
Folgendes liedchen wird von unseren kindern im frühliuge zur holden 
maienzeit gesungen: 

1) Vgl. Mannh. Germ. myth. p. 347 fgg. 

2) Die schlüsselbliuTie ? [,, himmelskraut" ist wol dasselbe wie „himmelbrand," 
verbascum thapsus, die königskerze, über deren bedeutung im Volksglauben u. a. 
A. Ritter von Perger, deutsche pflanzensagen. Stuttg. 1864 s. 152 und Ad. Wuttke, 
der deutsche volksaberglaube der gegenwart. Berlin lbü9. § 130 s. 98 auskunft 
geben. Z.] 



i 



WETTER- UNI) RKfiRNMRDCHEN 1.07 

maienregen mäch ml yroß ! 
i hin a klana diunpu, 
blieb i als a stwnpa slclui 
will i liuba in den himmrl gclCn. 
Hiermit wild um «Ion stfirkonden maienregen gerufen; „ niaienregen macht 
die luiare laii^^ und eben" heisst es im spricliworte ; wer sich mit maien- 
tliau das gesiciit wäscht, bekomt sciiwanenweis.se und seidenl'eine gcsichts- 
haut, bemerkt die schlichte Überlieferung des volkes; vieles in dieser 
beziehung hat Rochholz in den „drei gaugöttinnen" mitgeteilt. Der 
monat niai, der auch die namen blumenmonat, bluten-, rosen- und 
bouenmonat ' führt, ist jetzt nach christlicher auffassung ebenfalls der 
gottesmutter Maria geweiht. Alle mythischen bezüge , die auf Holda 
weisen, hat die kirche, falls sie dieselben aus dem volksbewustsein nicht 
gänzlich austilgen konte , mit viel geschick auf die Maria übertragen. — 
Der maienregen soll also unserem liedcheu zufolge die kinder grösser 
machen und ihr Wachstum wie das der blunien und bäume fördern hel- 
fen. Das wort stumpd bedeutet soviel als kleiner unansehnlicher mensch 
und hä,ngt mit dem altdeutschen „shimpal, stumhal," d. i. verstümmelt, 
zusammen. — „In der mondseeischen glosse," bemerkt M. Höfer, Etym. 
wörterb. HI. 201, „werden die kurzen stamme eines menschlichen kör- 
pers, nämlich crura vel hases pcdum, p. 365 stumpfen genennet, slumpfa." 
Dass die göttin Holda, die doch so tief in das germanische häus- 
liche leben eingreift, auch im wetter steckt, geht aus dem spieltext des 
vielbeliebten fangspieles die „bruthenne" oder, wie man hie und da sagt, 
„ die witwe im kreis " hervor. Da singen nämlich die im kreise sich um 
ein anderes kind (die bruthenne oder witwe) bewegenden Spieler: 

Es sitzt eine alte witice 

im regen und im schnee! 

tcas gehen ivir ir s' essen? 

sucker und Tco/fee, 

sipfl zapfl, 

hutterlcrapfl, 

fang alte fang! 
Ein ferneres dem kiudermuude entnommenes regenlicdchcu ist: 

regen regen tröj^fehcn 

es regnet auf mein köpfclicn, 

er regnet auf mein scliultcrUatt, 

da wachs ich auf toic stocksalaf. 



1) Vcrgl. Dr. Karl Weiii*^old: „Die deutschen monatnamen" pag. 3 

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOOTE. V. BD. H 



158 nnANKY. WETTER- TiND REHENLlEbCliEK 

Der regen macht die felclfrüchte gedeilien ; dadiircli worden sie grös- 
ser und reifen heran. Das crhotVen auch von ihm unsere kinder; denn 
sobahl hiuer regen zur erde fallt — und ein Staubregen muss es sein, 
nicht etwa ein gewitter- oder platzregen — gehen sie vor die tür, las- 
sen sich anregnen und singen vorgemeldetes liedchen dazu. 

Im regen aber steckt der alte gott; das geht nicht nur aus mythe 
und sage , sondern auch aus den kalenderregeln , den legenden , den volks- 
und kindersprüchen zur genüge hervor. In dieser hinsieht hat schon 
unser unermüdlicher forscher alemannischer Volksüberlieferungen, in 
den „Schweizersagen aus dem Aargau I. 123" ein reiches material von 
belegen zusammengestellt. Gemeldetes regenliedchen gehört jedenfalls 
zum Wuotan oder Donarcult. Donar ist es, dem ja schon Adam von 
Bremen die herschaft über wetter und fruchte beilegt: „T}ior, inquiunt, 
praestdet in arrc, qiii tonitrua et fahnina , vcntos imhresqtte, serena et 
fniges guhernat." Grimm d. myth. IGl. Wuotans und Donars Vereh- 
rung berühren sich; beiden huldigen wegen der feldfrüchte und ihres 
gedeihens die landleute. — Vernaleken „Mythen und brauche des volkes 
in Österreich pag. 25" bezeichnet in der anmerkung zu nr. 5 Wuotan 
geradezu als regengott. Der Volksglaube, dass den kindern der regen 
überhaupt nicht schade, ergibt sich noch daraus, dass die mutter, wenn 
sie das kind im regen fortschickt, mit tröstenden worten zu ihm sagt: 

der regen schädt da net, 

a salzsfocJc bist net, 

und an JwhtocJc den sivachts ^ nctl ^ 
Ist die schule aus und es regnet, dann rufen die knaben: 

regen regen tropfen, 

d' madin muaß ma Tdopfen, 

dlmania lign in federhett, 

d'madhi tverf-n-ma in saudreeh. 
Darauf tTwidorn die mädchen: 

regen regen tropfen, 

d'buama muaß ma Hopfen, 

d'madln gliern ins federhett, 

d'huama in den saudreck. 
Die entsprechende alemannische Überlieferung, wie sie Kochholz mi Ale- 
mannischen kinderspiel und kinderlied s. 191 mitteilt, lautet: 



1) D. i. zergcheu machen. 

•2) AlsNaz (If,maz) auf die reise geht, vertröstet ihn die mutter mit ähnlichen 
Worten. Vergl. ..Da Naz," gedieht in unterennsischer niundart von J. Misson. 
Wien 1850. 



sciirENHACii, y.v waitiiku von mktz 159 

rrfir , rc<]('iropf'r, 

(Vniaidli won-incr rlilojtfr, 

dlnuhe zum ivl 

d'mmdli zuni hHcInivilixh ic 

WIEN; OKTOUKU 1H71. l'UANZ l'.KANKV. 



ZU WALTIIER A'OX MKTZ. 

Unter ilcm namen „Her Waltlior von Mezze" hat die Pariser 
lianilsclirift (C) :U Strophen, davon die Heidelberger (A) unter demsel- 
ben nanien 16, alsdann 4 unter Singenberg, die Weingarter (B) 2 unter 
„von Boteulauben ," 3 unter lleimar, diese letzteren 3 hat die Heidel- 
berger handschrift nr. 350 (D) namenlos, ausserdem noch eine mit CA 
gemeinsam, 10 strophen in 2 gruppen liat die VViirz])urgcr liaiidschr. (E) 
gleichfalls namenlos, denn die bezeichnung Walther XXXII, XXXIII hat 
in dieser handschrift keine bodeutung. Zwei strophen als „Ihm Wol- 
ters Zancli'-' und eine namenlose hat die Haager liederhandsclirift (F) 
(Haupts zeitschr. I, 237. 250), eine strophe hat die römische Parzival- 
handschrift (G) (MSH. III,' 468^. 

Um das Verständnis der nachfolgenden erörterungen zu erleichtern, 
setze ich die anordnung der strophen in den handschriften hierher. 

G. 



c. 


A. B. 


D. 


E. 


F. 


1 

2 


llv.Boten- 
2J lauben 








3 


1 








4 










6 


2 








6 


4 








7 


3 








8 










9 










10 










11 










12 
13 
14 
15 
16 


Ö7L , 
qg^Truehs. 

yy Gallen 
lOOJ 




1 

3 
4 


Walther 
XXXII 

1 


17 


5 




5 


2 


18 


6 








19 
20 


28| 
2yvReimar 


226 
227 






21 


30' 


228 







11* 



160 SCHCEN'BACH 



c. 


A. 


22 




23 




24 




25 




2G 




27 




28 


14 


29 


15 


30 


IG 


31 


7 




8 




9 




10 




11 




12 




13 



B. D. E. F. 

3 



>1 



Walther 
(XXXUI. 



(aj 



22y 



Unter den fünf handschriften . welche in betracht kommen, haben 
A und C die gröste strophenzahl gemeinsam. Die beschaffenheit der 
Überlieferung in den gemeinsamen Strophen ist, obwol A einen ungleich 
weniger corrumpierten t^xt liefert als C.. doch eine solche, dass die 
annähme einer gemeinschaftlichen vorläge für beide nicht abgewiesen 
werden kann. "Woher aber die so verschiedene anordnung der Strophen? 

Die drei ersten Strophen in A bilden in der von der handschrift 
befolgten Ordnung ein lied. — 1. Ich leide zweierlei hass: aber wäh- 
rend der eine davon mich schmerzt, freut mich der andere. Dies ist 
der hass, den böse menschen gegen mich hegen. Denn bei ihnen steht 
es so, dass, wen sie lieben, ehrlos ist^ Was mich aber schmerzt, ist, 
dass meine heriin. die doch sonst so lieb ist. mich hasst. 2. Hasst sie 
mich denn? nein, aber das weiss ich wol, dass sie mir zürnt: ich 
glaube , sie hat vernommen , dass ich in andere länder zog . um mir eine 
mildere frau zu suchen. Ich läugne es nicht , aber herz sinn und äugen 
Messen mich heimkehren. 3. Ich glaubte, ich würde meinen sinn so weit 
bringen können, dass ich ihrer vergässe, wepn ich in der ferne wäre; 
das ist mir aber mislungen, denn je weiter ich von ihr bin, desto grös- 
ser ist mein leid: ja, mein gott. wie könte ich auch ihrer vergessen — 
der sonne möchte ich sie vergleichen , die allenthalben scheint — ebenso 
sehe ich, wohin ich auch komme, die holde vor mir. 

Ausserdem, dass der gedankengang vortrefflichen Zusammenhang 
bietet, enthalten die einzelnen Strophen auch directe bezüge auf einan- 
der; so knüpft die erst« zeile der zweiten strophe mit ihrem 

ob sie mich hasset 
an die letzten Zeilen der ersten strophe an 



ZV WALTUER Vo.N METZ 161 

da hl vcrdirhct min gemüde, 
(las si mich luizzet und doch hat so mangc (jucle. 
Kbenso ist die dritte strophe nur ausführun^' dos am Schlüsse der zw«m- 
ton gesagten, dass herz und sinn ihn antriel)en, heimzukehren. Die in A 
gegebene anordnung der strophen ist also zweifellos die richtige. 

Aj = Cß : Der dünkt mir ein kühner mann, der eines weisen wei- 
bcs liebe sucht, hütet er sich nicht, so wird er ihr leicht zum spiel; 
wären andere frauen so weise wie die meine, so wüste ich sicher, dass 
toren nimmer die liebe einer verständigen erringen würden. C4 : Ich 
weiss das selbst ganz gut, würde ich um eine alberne werben, mir würde 
leicht gewährt, was ich suche. Meine frau ist schuld, wenn ich ihre 
liebe meiden muss. Doch sollte'mich ein versagen aus dem munde einer 
weisen frau mehr freuen als gewährung von einer albernen. Sie hat mir 
denn auch wirklich einen korb gegeben. 

Auch diese beiden strophen, die in demselben tone gedichtet sind, 
wie A123 und deren 2. in A fehlt, schliessen sich im gedankengang 
wie in einzelnen werten {fumhen — tvtsen) aneinander. Die verschiedene 
Ordnung in beiden handscbriften aber kann, wie ich glaube, am leich- 
testen in der weise erklärt werden, dass man annimt, die gemeinschaft- 
liche vorläge habe zur zeit, als sie in die bände des Schreibers von A 
kam, bloss die 4 in A gegebenen strophen und in der reihenfolge von A 
gehabt. Nur sei A4 neben A3 geschrieben gewesen. Als die vorläge 
zum Schreiber von C kam, war C4 (wegen des inhaltes oder tones) neben 
A, A2 (C3 C5) geschrieben und wurde in C zmschen beide gesetzt, das 
neben C7 = A3 stehende Cg = A4 auch eingeschoben und zwar so, 
dass es vor C, = A3 zu stehen kam. 

Cg — 11 bilden zwei lieder in je zwei strophen — sie zu erken- 
nen hat keine sch^vierigkeit. Die nächste strophengruppe , bestehend aus 
C'is — 16 = A.97 — 100 = Ei_5, zerfällt leicht erkenbar in zwei lieder. 
Das erste, drei strophen in der gegebenen folge enthaltend, schildert 
mit feiner sophistik den streit von herz und leib um die frau. Dass die 
beiden übrigen strophen in der Ordnung von CE zusammengehören, ist 
unschwer zu erweisen. 

1. Auch darin bin ich nicht verständig , dass ich mir selbst von ihr 
wünsche, was sie mir niemals gönnen wird. Doch soll sie mir 
darob nicht zürnen , denn dies wünschen tut mir wol und ihr scha- 
det es nicht. 2. Nicht alle leute wissen es, wie sehr das wün- 
schen erfreut ; nicht besser kann man den sorgen entkommen , als 
solcher weise. 
Die directen beziehungeu sind einleuchtend. In A fehlt die 2. strophe; 
sie Avar also , da die vorläge an C gelangte , bereits nachgetragen. 



162 SCIICENBACK 

A56 = Ci7 18 bilden ein lied. Die erste strophe enthält die Schil- 
derung von der traurigen Stimmung des dichtcrs im augenblicke, die 
zweite stroplie entwickelt die gründe dazu. Überdies werden die beiden 
Strophen auch durch ihre Stellung in den handschriftcn aneinander gebun- 
den — bis zum beginne derselben geht E mit C, nach derselben stel- 
len sich B und D zu C. 

Ci9 20 21 schliessen sich zu einem liede zusammen, so auch 
Ci>2 2 3 2i = ^1 23' 11^^' dürfte hier die dritte strophe später nachgetra- 
gen sein.* C25 26 27 hilden zweifellos ein lied, zugleich eines der besten 
Walthers. 

Für die betrachtung der nächsten Strophen ist es nötig, dass ich 
mit Ay beginne. A7 steht in C am ende, in D schliesst sich die strophe 
als 229 der handschrift an die drei Walther von Metz gehörigen an, die 
auch B hat. Wenn nun der ton gleich ist mit den in D vorhergehen- 
den, also mit Cl9, 20, 21 (B28, 29, 30), wie kam C dazu diese stro- 
phe ans ende zu stellen, wie A zu dem Verluste der 3 Strophen dessel- 
ben tones, wie D dazu, diese strophe an die tongleichen anzufügen? 
Beantworten wir die letzte frage zuerst. Sie erledigt sich durch die 
beobachtung, dass B und D, die in den meisten Varianten mit einander 
gehen, aus einer vorläge, welche aber von der in C benutzten sich 
unterschied, abgeschrieben sind — nebenbei gesagt, ungleich schlechte- 
ren text geben als C. Von einem einzelnen blatte wol haben B und D 
(oder hat die vorläge beider) die 3 Strophen abgeschrieben , D hat, die 
strophe A-j = G^i hinzugefügt des tones Avegen. 

Was die beiden ersten fragen betrifft, so muss daran erinnert Aver- 
den, dass aus der beschaffenheit der Überlieferung so wie aus der anord- 
uung der Strophen vorhin festgestellt wurde, A habe die ihm mit C 
gemeinsame handschrift früher als C in der band gehabt. Dies voraus- 
gesetzt, fällt es nicht schwer anzunehmen , das liederbuch , welches Wal- 
ther von Motzs lieder enthielt, habe noch aus losen blättern bestanden, 
als es an A kam. Dass A7 = C31 auf einem blatte allein stand, 
ergibt sich daraus, weil in A (wie wir unten sehen werden) unechte 
Strophen folgen, die C gewiss mit abgeschrieben hätte, wenn sie nach 
A7 auf demselben blatte gestanden hätten. Dieses blatt mit den unech- 
ten Strophen war nicht mehr in der samlung, als der Schreiber von C 
arbeitete. — In A folgen auf die unechten strophen 8 — 13 drei echte 
14 15 16, welche sich in C als 28 29 30 finden. Dass alle drei Stro- 
phen zu einem liede gehören, braucht nicht erst erwiesen zu werden. 

1) Dazu passt, dass dic-sc strophe neuerdings sich in einem Münchner cod. 
gefunden. Vgl, am Schlüsse, 



zu w.\i,rni:it VON jietz 163 

Vor Cy, stolii'ii sii', weil dio beiden hlätter der A vori,'ele^'Leii luiiid- 
sclirift verwechselt wurden, ;ils man sie hottete, (jiestützt wird dicsü 
annähme dureh das vorkommen von 4 Walther ^'ehöri<,'en sLrophen in A 
unter Singenherg. liier hat A sicher ein einzelnes blatt gehabt, wäh- 
rend bereits die ganze sanilung zu geböte stand. AVas K gemeinsam 
mit C, teihveise auch mit A hat, ist so schlecht überliefert, dass es 
schwer ist zu sagen , ob der text von E aus guter alter vorläge corrum- 
piert, oder aus schlechter junger abgesclirioben sei. Dass die zwei Stro- 
phen, welche K nach Cgj zu viel liat, uiiüelit seien, wcr<le ich sjäter 
erweisen. 

Nicht Walther gehörig, auch aus einer iVüheren — aus der bes- 
seren — zeit, als dieser Spätling sind die Strophen, welche A zwischen den 
WaUherschcn 7 und 14 hat. 10 — 13 hat Haupt bereits als namenlose 
lieder in MF. aufgenommen 4, 1 — 16 und 6, 14 — 31, vgl. die anmer- 
kung daselbst s. 225.^ Wegen A<, brauche ich mir keine mühe zu geben, 
die Sache ist klar. Ein so naiv - frisches briefchen hat V\'alther von Metz 
nicht geschrieben. Nicht viel schwieriger ist es mit den drei strophen, 
welche A als eine, die achte, bringt. Der inhalt derselben ist; Hätten 
nur die blumen die macht, welche ich ihnen gerne zuteilen möchte, 
nämlich, dass sie nach der beschaffenheit des herzens denen, die sie trü- 
gen, gut oder übel stünden. Da würde die frau die männer kennen ler- 
nen und umgekehrt, wer schlechten sinnes ist, der trüge einen krum- 
men hut. Leider haben die blumen diese macht nicht, es kann sie bre- 
chen wer da will; daher gibt es viel kranztragen, bei dem unrecht 
geschieht. 

Dasselbe motiv, nur treten statt der blumen vögel auf, hat Wal- 
ther in den strophen Ai., j,; = Gas— so-^ A-ber man sehe den unter- 
schied in der behaudlung. Wie einfach sind die Wendungen und folge- 
rungen in den anonymen strophen. Walther fängt mit den blumen an — 
dass ihm die anonymen stroplien als muster vorgelegen haben, und des- 
halb auch in seinem liederbuche lagen, mag immerhin angenommen wer- 

1) Den von Haupt ansgcsprochencn zwcifchi. ob Walthers geschlcclit Tirol 
angehöre, möchte ich nicht beitreten. Allerdings winl der beweis für ]\Iezzo Tedesco 
kaum erbracht werden können, jetzt um so weniger, als der von Hagen (3ISH. IV 244 
anra. 7) aus Horma.vr Averke II lölt lierausgelesene Walther, durch den index zu 
Kink cod. Wangianus (Fontes lorum Austriacarum 2. abt. bd. ö als lesefchler ent- 
larvt ist. 

2) Deshalb sind w<j1 beide lioder von Dartsch Liederdichter s. 11)« zusammen- 
gestellt worden. — Dass ühland (Schriften V, s. 315 anm.) gerade das von mir als 
Walthersches bezeichnete diesem dichter abgesprochen hat, stört mich nicht; seine 
beurteilung beruht ja doch wol nur auf dem sogenanten Stilgefühl. 



1(54 SCHCENBACH, ZU WALTHEß VON METZ 

den — aber es passt ilim nicht, bei den blumen allein werden ihm 
die gedanken zu wenig, er nimt die vögel noch hinzu und bringt mit 
lülfc einiger allgemeinheiten in seinem künstlichen ton drei Strophen 
zusammen. 

Ich habe bei meiner auseinandersetzung die ersten in C und B 
(unter Otto von Botenlauben) vorhandenen Strophen des bessern Zusam- 
menhanges wegen übergangen. Von diesen beiden strophen behaupte ich, 
dass sie Walther nicht angehören. Aus inneren gründen — der ton ist 
viel frischer und naiver als der Walthers; 

siis hin ich an der hlozcn stat 
zivischen stüelcn zivein gesessen 

ist Walther nicht zuzutrauen, desgleichen nicht die construction von 
zeile 3, 4 der 2. strophe. Aus äusseren: die beiden strophen, deren 
handschriftliche gewähr sehr schwach ist, haben, wofern sie überhaupt 
demselben tone zugehören, in den sich entsprechenden verszeilen ungleiche 
reime. 1. strophe Ican : man, 2. mide : Vide; 1. horgen : sorgen, 2. 7iihf: 
gescliilit. 

Ferner hat der ton durchgängig blos 4 hebungen. Solche gleich- 
förmigkeit komt bei Walther sonst nicht vor, im gegenteil, er hat einen, 
in allen strophen nachweisbaren, lieblingsrythmus , demzufolge eine der 
letzteren zeilen die nebenstehende bedeutend an zahl der hebungen 
übertrifft. 

Es erübrigt noch, die beiden strophen, welche E unter Walther 
XXXIII nach drei mit C222324 zusammenfallenden hat, zu besprechen. 
Von vornherein bietet E einen schlechten anhält, strophen einem bestirn- 
ten dichter zuzuweisen, dann ist der text beider dem Inhalte nach gar 
nicht zusammenhängenden strophen arg verderbt. Was die erste anlangt, 
so müsten wii- annehmen, Walther von Metz habe durchgehend „ivän- 
tvlsen" gesungen, wenn wir diese strophe mit den Waltherschen zusam- 
menbringen wollen. Denn hier spricht eine liebende dame ihren in der 
ferne weilenden ritter an und bittet ihn, treu zu bleiben — Walther 
hat in allen seinen ge dichten zu klagen über die unzugänglichkeit seiner 
frau. Die zweite strophe — in E stark entstellt — hat einen reim, der 
sich wol nicht wegschaifen lässt (wenigstens haben meine versuche nichts 
ertragen) und der Walthern, dessen reime durchaus rein sind, nicht 
zukommen kann — zane : niänen. (In der strophe 0,9 haben alle drei 
handschriften z. 10 zencn). 

Zum Schlüsse füge ich noch eine strophe = C24 hinzu, welche mir 
durch prof. Müllenhoffs gute bekant geworden ist. Sie steht im cod. 
lat. Monacensis 5509 bl. 60a von oben und lautet: 



I'EIPKR, Zl'K I-AT. (ATÜ-LITTERATLH 165 

Di r un(it::()(jin ist so eil 

die icohjesogcn werdcnt schiere unmer 

in wanc cz sich vcrchercn icil 

so rchtc salcck si)d die Inijcnerc 

ih den (jelouhen haben icil 

s werdcnt vil schiere unmer .... 



BEKLIN, MAI 1!S72. DU. ANTON .SCIKJENItACM. 



BEITRÄGE ZUR LATEINISCHEN CATO-LITTKKATril. 

In der Rerliiicr haiulsclirift Ms. latin. in Quart 2 nienibr. 
s. XIII/XIV befindet sich unter zahlreichen anderen gedichten des mit- 
tehilters f, 53" eins mit dem anfong: 

Intcndo hirissimc fdi te docere 
Dasselbe umfasst dort nur 44 verse; bei weitem länger findet es sich in 
der Wiener handschrift nr. 88:3, ehemals „über monasterii Campensis 
Coloniensis dyocesis Nr. 5ü7 ," einem pergamentcodex gleichfalls des XIV. 
Jahrhunderts, aus dem kürzlich Wattenbach im Nürnberger anzeiger 
(1870 s. 321 und 349) einige stücke veröffentlicht hat, und deren grös- 
seren teil, hymnen und geistliche lieder, die noch wenig oder gar nicht 
gekant sind, ich andern orts bald zu publicieren gedenke. Hier setzt 
sich dies gedieht, praktische winke fürs leben enthaltend, ohne Unter- 
brechung in demselben rhythmus fort bis v. 264, wo plötzlich die ermah- 
nung an den Zögling, die gleichen lehren auch seinen söhnen einzuprä- 
gen, abbricht: 

Tuos, fili, filios quod scis indigcre, 
illos, slcut docco te, clehes docere. 
und es erscheinen vier verse, die gegen den bisher beobachteten rliyth- 
mus gar sehr abstechen: 

Si nis circuire mundttm et audire, 
quam misere quam mire res inucnire, 
Considcra mechanicas, inuenics quod uanifas 
est et magis penalitas presentis uite iocunditas. 
Und darauf folgen strophen von je 4 zeilen, denen hin und wider ein 
„nersus" beigegeben ist, die wir als selbständiges lied in verschiedenen 
handschriften wider gefunden haben: den Inhalt bilden vorschlage über 
die wähl des lebensberufes , zunächst darstellung der vorteile des Stu- 
diums und des clerikerlebens , denen im zweiten teile als abschreckendes 
bild die einzelnen zweige menschlicher tätigkeit, besonders der gewerbe, 



166 PEIPER 

gegenübergestellt weiden, deren anhäuger die Seligkeit schwerlich zu 
erreichen im stände seien. 

Dies gedieht, mit dem anfange: 

Laus et hoiior 2^i(eris solet cucnlre, 
begint abweichend von anderen texten, und jedenfalls incorrect, in Vindo- 
bonensis mit der Schilderung der einzelnen practischen berufsaiten: 

Tide fahr um flu ml, ([uomodo sit pidiis 
und lässt darauf den ersten teil folgen. 

Am schluss komt dann durch etwas grösseren initial hervorgehoben 
folgende subscription : 

Ethyca ludiilphi fine iam Jionesto 
gaudet scrihi , scd tameti iiiro ah honesto. 
3Ioralitas iam ptacfa (2^ reter acta) scribittir in anno 
domlni miUesimo ter centum, ut in 2>anno 
Ulli erat uoliitiis XP , dci smnml 
filiiis , trccesimo nono simid plumbi 
committebatur scripturc etliica irrcdicta 
dauantr ie. et incaiisto xyrimitus depicta. 

Das gedieht „Laus et lionor pueris solet euenire" liegt mir ausser 
dem Wiener = V in folgenden texten vor: 

2. Die oben erwähnte Berliner handschrift (lat. Q. 2), in der es 
dem gedieht „Inf endo Jcarissime" vorausgeht -= B. 

3. Handschrift der Universitätsbibliothek zu Breslau I Q 102 f. 183" 
184*, gleiclifalls auf pergament, aus der ersten hälfte des XIV. Jahr- 
hunderts = W. 

4. Eine papierhandschrift derselben bibliothek II Q. 64 f. 102*, 
etwa vom jähre 1374, aus dem besitz des gleichzeitig lebenden magi- 
sters Jo. Crutzburg \ der möglicherweise selbst die abschrift veranlasst 
hat ^ = w. 

Den abdruck einer Leipziger handschrift, — ich glaube der in der 
Stadtbibliothek befindlichen nr. 112, chart. s. XV f. 6 — ein fragment, das 
mit str. 18 schliesst, in „Bericht vom jähre 1842 an die mitglieder 
der deutschen gcsellschaft z. erf. vaterländisclier spr. und alterth. in 
Leipzig herausg. von dr. K. A. Espe. Leipzig, Brockhaus 1842," konte 
ich unberücksichtigt lassen. 

1) Über ihu vgl. Klose, Briefe von Breslau II. 2 s. 290: Hcnschel Schlesiens 
wissenschaftliche zustände im 14. Jahrhundert s. 45. 

2) Eine fedorprobe auf f. 27'" dieser handschrift gibt mehrmals das moustrum: 
JnJionorißcabiUtudinitatihus. 



ZVR I.AT. CATO-LirrKKATLH 107 

Es steht aussciileiii in cod. Mouaccnsis lat. 112« a. XV 1". 1l'7 —1'Mj, 
und gewiss in zalilieidien anderen. 

Ciutzbur«,' fcclbst hat diesem gedichte in w die aiifschrift gegeben: 
Consiliion pdtris lui nKKjislri ud scoldrcni , die subscriptio dos schrei- 
bfis buitet: Explicit conssiliinu jui/ris jxr nunins nj vir., in J» beisst 
OS am «'üde: Expliciiuit niatcric de uita clcricvntin. lii W leblt jede 
bezeiclmung. 

Die ziemlich gleichzeitigen texte weichen ungemein von einander 
ab, wie die unter den text gesetzten lesarten zeigen; zunächst schon 
darin, dass W\v die „uersus," d. h. die hexameter, am schluss der Stro- 
phen Völlig fallen lassen: in V und B werden sie, allerdings unregel- 
mässig, gesetzt. Die abweichung betritVt nun auch die zahl und Ordnung 
der Strophen. Ganz abgesehen von der erwähnten Umstellung der bei- 
den teile in V, die auf einer blattverdrehung zu beruhen scheint, so fehlt 
allein iu B str. 15, in BWw die 21. strojibe vom lapicida, welche in V 
zwischen der vom carpcnUirius 22 und vom pdlifcx 21 eingeschoben ist, 
in V 29 31, in W 25 27, in w 26, in VW 30, in VWw 3 4.» V hat 
eine durchaus abweichende fassung der strophe vom pnstor (26). Andere 
Strophen sind iu dieser handschrift lückenhaft überliefert (6. 23. 27. 32. 
33). In der strophenordnung weichen VWw einigemal übereinstinmiend 
von B ab, dessen text hier wol die grundlage bilden muss: es folgt 
in allen dreien 7 hinter 8, 17 hinter 18; in VW steht 12 hinter 13. 
Von 20 ab ordnen sie alle drei abweichend: V 20 (26) 22 (2l) 2 4. 23, 
w 20. 22. 24. 23, W 20. 23. 24. 22 (21 fehlt in Ww): aiü" einem und 
demselben gründe müssen diese abweichungen von B beruhen; ebenso 
gegen ende hin, wo in VWw mehrere Strophen fehlen; hier gibt V 28. 
25. 27. 32. 33, w 28. 25. 30. 29. 27. 31. 32. 33, während W (nach 
auslassung von 27. 30) die richtige folge einhält. 

Wenn wir aus diesen abweichungen schon auf ein bedeutend höhe- 
res alter des gedichts schliessen dürfen, als die handscliriften selbst haben, 
so führt darauf auch einerseits der abschluss der Strophen 1 — 19 durch 
hexameter, eine mode, die zu ende des 12. Jahrhunderts, z. b. bei Wal- 
ter von Chätillon und Eberhard von Bethune sich findet, ^ andererseits 
die bestirnte erwähnung der tcmpJarii in der 11. strophe, (in Bw), wofür 
die wol nach aufhebuug des ordeus 1307 gemachte recension in W die 
cntcifvri (jedenfalls die kreuzherreu), in V die Jiospifarii (hos2:)ifalarii, 
die ritter des deutschen ordens) setzt. 

1) Es fehlen also in B 15. 21 , in V 29. 30. 31. 34 (2G in anderer gestalt), 
ir W 21. 25. 27. 30. 34, in W 21. 2(J. 34. 

2) Für den zweiten teil sie anzunehmen berechtigt uns die handschriftliche 
Überlieferung nicht. Auch im ersten teile haben Ww sie aufgegeben. 



168 PEIfER 

Danach muss also die abfassung noch ins 13. Jahrhundert fallen; 
früher freilich nicht, wegen der fratres minores in der 13. strophe 
{nudatl in V). 

Das gedieht ist, wie es uns in B vorliegt, ein selbständiges abge- 
schlossenes ganze. Die art, wie es in das „Intendo karissime" im Wie- 
ner codex eingefügt wird, ist so töricht, die tibergangsverse in Inhalt 
und form sind so schlecht, dass es nur durch einen unfähigen abschrei- 
ber aus zufall mit demselben vereinigt sein kann. 

Die schlussverse nennen das vorausgehende (der Schreiber meinte 
offenbar das ganze gedieht) Ethica ludtilpM; der ausdruck Ethica passt 
wol auf das erste, ganz und gar nicht auf das zweite gedieht. Das 
datum der Unterschrift 1339, die Ortsangabe daüantrie sind nur auf die 
abschrift, nicht auf die zeit der abfassung zu beziehen: incausto primi- 
tus depicta ist nichts als ungeschickter ausdruck des abschreibers. 

Wer der Ludulfus, der Verfasser dieser ethik ist, fragen wir wol 
für den augenblick noch vergebens. Möglich dass es Ludolfvon Lü- 
chow ist (de Lukolie), der canonicus von Verden und Lübeck, der in 
urkimden der jähre 1226 bis 1236 vorkomt und bekant ist durch sein 
gedieht „flores grammaticae," welches sich ernst grosser Verbreitung 
erfreute und stark commentiert worden ist. Über ihn hat kürzlich 
C. L. Grotefend auskunft gegeben in seiner schrift „Der streit zwischen 
dem Erzbischof Gerhard II von Bremen und dem Bischof Iso von Ver- 
den" usw. 1871 s. 37 — 39 anm. 41, nachdem Fr. Haases anfrage im 
Nürnberger anzeiger 1866 s. 79 über den Verfasser der Flores gramma- 
ticae eine nicht ausreichende beantwortung durch Wattenbach (ebenda 
1869 december) erfahren hatte. 

Als ein beitrag zur catonianischen litteratur ist diese Ethik nicht 
ohne wert. Ich muss leider den grösten teil auf grund der einen Wie- 
ner handschrift abdrucken lassen, da mir bisher andere nicht bekant 
geworden sind. Und auch das zweite gedieht wird hinreichend Interesse 
erwecken, schon vom culturhistorischen gesichtspunkte aus. Hier habe 
ich mich zunächst an den Berliner codex halten müssen, der jedoch 
durch die übrigen manche berichtigung erfährt. Der gegenständ selbst 
ist wol öfter bearbeitet worden. So finden sich im codex Monacensis 
lat. 4409 f. 20 — 33 (wol aus dem XV. Jahrhundert) und einer Nicols- 
burger handschrift (Archiv f österr. gesch. 39, 496): „Versus de scola- 
ribus" mit deutscher Übertragung, deren erster lautet: 

Scolaris qui tiis prouehi cidmen ad Iwyiorum. 
Von ihnen habe ich mir noch nicht nähere kentnis verschaffen können. 
In der Breslauer handschrift Universitäts - bibl. I F 135 finden sich vor 



Zfn t,AT. CAT<»-MTTKKATia 169 

des Pseudo-boetius (liscipllua scliolaiium auf 1". 7;') folf^ende vorse am aus- 
gaiig des XIV. jalirhuiulerts geschrieben, die icentnis unseres gedichts 
voraussetzen lassen : 

Disco jmcr discc niriniiun qm- via jtriscv. 

Qua hona su7it discc. scd quc mala sunt resipisce. 

Si bcne sis nulus. Vcl si henc morigcratus. 

Plurihtis CS (jratus si sis imcr hijs sociatus. 

Si sit Aristotilis subtilis littcra vilis 

Vd si platonis, sältim lege dicta Katonis. 

Si non Icgista, si non potcs esse sophista, 

Disce garrirc. si non poteris hcne sein: 

Artis opus niire. tc non sinit ergo pcrire 

Scriherc. dictare^ si noscis, mctra parare. 

Ich schliesse einige andere bemerkuugen zur mittelalterlichen Cato- 
litteratur an. 

Nachdem für die disticha Catonis einige neue handschriften ent- 
deckt worden sind, die dem Turicensis an alter gleichkommen oder sich 
nähern : ein Bobiensis in der Ambrosiana s. X , ein Vaticanus (bibl. Alex.) 
s. IX/X (Keifferscheid B. PP. LL. J. II 67 I 320) , ein Romanus Christi- 
nao n. 2078 s. IX (Greith Spicileg. Yatic. s. 76 fg.), vor allen ein Yero- 
nensis aus dem anfang des IX. Jahrhunderts von dr. L. Jeep neuerdings 
aufgefunden,^ so dürfte wol der text, der durch Hauthal noch nicht ganz 
gereinigt worden ist, sich endgiltig feststellen lassen. Die citate bei 
den mittelalterlichen Schriftstellern vor dem XII. Jahrhundert verdienen 
grössere beachtung,* als ihnen bisher geschenkt worden ist. Weniger 
ins äuge gefasst hat mau in neuerer zeit die monosticha unter Catos 
namen, welche in der lateinischen anthologie stehen, bei Kiese n. 716 
(II s. 163); ausdrücklich unter Catos namen citiert daraus Hiucmar 
Remensis Opp. II 476 die verse 10. 35. 59. 

Für die mittelalterlichen nachahmungen ist noch mehr zu tun übrig. 
Zunächst sind die ältesten handschriften derselben nachzuweisen und zu 
benutzen, wie für den Cato nouns (für den jüngere handschriften in 
grosser zahl vorliegen) der alte Oxoniensis s. XI (über ihn Hauthal s. XI), 
wo der Verfasser wie in den handschriften A C Martinus genant wird. 
Vom Cato interpolatus bei Zarncke gibt es eine handschrift vom aus- 

1) Philologos Germaniae Lipsiae congregatos m. maio a. MDCCCLXXTT p. salu- 
tant scholae Thomanae magistri p. 4G. 

2) Eins liegt mir gerade vor: Benzo citiert im ersten buche (s. 600, 20 der 
Pertzischen ausgäbe) Multa kgas facito usw. (in 18). 



170 PßlPER 

gang des XIV. jahrbunderts in Breslau, Universitätsbibl. IV F 42 f. 126* 
— 130", deren iuscripti 011 lautet: Noiius Catho moralissimtis Magistri 
Rupert i de Rogeo quem cotnposuit filio siio Johannl incipit. Von 
einer bisber unbekanten gereimten bearbeitung teilt Hautbai p. X aus 
einem codex Cantabiigiensis (Bibl. Univ. Ee 6, 29 membr.) den anfang mit: 

Si dciis est animus, id scripta per ethica scimus 
non tibi spernendus set pura mente colendus. 

Eine rliytbmiscbe bearbeitung des Facetus {Moribus et nita) scheint 
sich in der Müncbener baudscbrift c. lat. n. 641 f. 17 s. XV zu finden: 

Si tiis honus fieri moribus et vita usw. 

Zum Cato rhjthmicus , den Zarncke aus der Wiener handschrift, 
bisher der einzigen gegeben, notiere ich hier einige lesarten, die auch 
Mussafia entgangen sind. 

5, 4. das wort ist nicht so unklar: amator insu per, zwischen r 
und in ist ein strich von anderer band getilgt. 

Quod satis est 

in honcsfo getrent 

cai'ens 

qiwquam wie es scheint 

hiis 

tmini] tm 

fanmlis ^ 

qua, nicht quam 

Quando, nicht quantum 

gaudes 

Que nunc, nicht quantum 
4. mundum] so, und nicht mundus 

cedcns quoniam 

quia, nicht quando 

apponere, nicht opponcrc 

Quid, nicht quod 

nicliil 

pluris und falsis 

quoquc, nicht quorum 

Spem irtümlich 

huic ohne i - strich kann Jiuic oder hinc gelesen werden. 

2)remeditati , nicht promeditati 

nostis, nicht nosti 

fronte steht in der handschrift ganz richtig 



6, 


1. 


12, 


2. 


16, 


3. 


34, 


4. 


37, 


3. 


42, 


4. 


47, 


4. 


57, 


2. 


58, 


1. 


59 


2. 


60 


2. 


61, 


4. 


63, 


3. 


64, 


2. 




3. 


65 


2. 


66 


3. 


73 


2. 




3. 


75 


4. 


76, 


4. 


77, 


3. 


79 


1. 


80 


4. 



/I II I AI. CATi) - 111 I I MAI I If 



171 



aii( , nidlit (IC 

axjnosccrc nchi\\!; 

mortua 

At(/Ki-, nicht yl /'■ 

iiüccs, tler {»unkt iiiilcr s von crsttT liaml, ein jiuiikl unlt-r r 
ist von underor rarbc 

(ihhirniat 

tahulis 

miujistrd] mag" 

parltcr, nicht pcritns 

prcJinm, wie ant,'egeben bei Zurncke 

canunt, nicht cantant 

nee non ist wol richtig, aber nlmi.^ der liandschrift scheint 
aus j)ii)ius verderbt. 

ftcrl 

Justis 

trcmescendum 

sie ud ganz klar 

mumVi , nicht mundis 

cxccrccrc 

Sed tarnen u. d. i h. forc (es ist fälschlich in den nach- 
tragen bei V. 1 bemerkt) 

meritum ist sicher, / und f stehen nur etwas nah bei einander 

sunt, nicht sint 

vi si dicam 

sortis, nicht fortis 
149, 3. im Worte deuotis ist d von erster band aus p gemacht 

imdent 

himismodi'] Imiiis 

die handschrift hat doetor, wie die frühere collation besagt, 
nicht doetior 

R von gewöhnlicher grosse 
hinter 161, 4: Explicit eatJio \ prosayeus Bigmiec . | . dco gras. 
Die inscriptio lautete: Ine' Cafho rigmieus . prosayc . das compen- 
dium für us ist beim beschneiden mit fortgefallen. 



82, 


2. 


85, 


1. 


HG, 


4. 


87, 


2. 


90, 


4. 


92, 


4. 


91, 


2. 


99, 


2. 


101, 


4. 


104, 


2. 




3. 


105, 


2, 


112, 


2. 


119, 


3. 


122, 


4. 


125, 


3. 


128, 


2. 


i;J2, 


1. 


141, 


2. 




3. 


142, 


3. 


143, 


2. 


147, 


4. 


149, 


3. 


152, 


3. 


154, 


4. 


159, 


2. 



161, 1. 



Die Wiener handschrift 303 s. XIV enthält f. 9^ 10" zwischen Cato 
und Cato nouus von derselben band, die diese geschrieben, folgende 
abmahnuug vom weintrinken, ein gedieht, das wegen seiner verwant- 
schaft mit jenen dort aufnähme gefunden hat, und sowohl danim als 
auch wegen seines durch die form bezeugten höheren alters hier einen 



172 PEIPER 

platz erlialteu mag; ich fand es auch in Vindob. n. 3123 s. XV ex. f. 1G9 
= Y* wider. 

Qui cupis esse honus et uis dinoscere iierupi, 
TJt 7)iO)iis socmm sie moräax cffuge uinnm. 
Nulla hominum fchris maior quam uitens anior;^ 
Imnwdice sumptus uincit letale uenenum. 
Sontior est igne, uiroso sontior angne: 
Quantum uina nocent, non tantum uipera ledit. 
Inde tremor memhris , inde est obliuio mentis 
Et gressus publice^ nutans et uisio fallax, 
Sunlcsciint aures, halhutit deniquc lingual 
Perdeus cloquium profundit semilatratum. 
Die mihi, die ebrie, uiuis an morte grauaris? 
Pallidiis ecce iaces etiam sine mente quieseis, 
Egra quics ocidos Mali xionderc clausit; 
Non bona non mala tu nee mollia duraque sentis: 
Hoc tanttim, distas a fati sorte sepultis, 
Quod tcniiis miseros suhpungit anlielitus artus. 
1) Immor V'^. 2) poblite V'^. 



I. ETHICA LUDULPHI. 

Intendo, Jcarissime fdi, te docere, 

de quo deo poteris mundoque placere. 
Opera seruitio dei des lihenter, 

et eum pre ocidis liaheas frequenter. 
5 Genitorem pariter et matrcm honora: 

hec duo sunt ceteris preceptis maiora. 
Commodus sis omnihus nidlique molcstus, 

et sinml in omnihus uerhis sis modestus. 
Exliibe te euilibet libenter seruire: 
10 hoc et uelle pariter virtus est et seire. 
Quidquid possis discere, discas hoc libenter, 

et pre rebus ceteris studeas frcqucnter. 
Disce libros legere, disce declinare; 

loycus si fiieris, possis disputare. 

V. 1—44 stehen in B und V. 2. et mundo B. 3. Operara Zacher, ser- 
vitii B. 5. patrcm B. 8. fehlt V. i). seruierc B. 12. Et ol rc in ceteris st. 
libenter V. 14. possis Y. tlisce B. 



Zl'R l-AT. CATO- I.ITTKKA'n'B 173 

lö tfiiri si sttidnerls, eures <ill(ti<ire; 

medicu» si fneria, disn- pritrtira/r. 
('iiii(sriin(/ue fiteris hämo fiirulfiitln, 

füv iit nun cxcrccds in cii tc (frcitis. 
Si te forte uinere m^anumn Inhorc 
2(» ronitenif , hoc faciris renioto jtndorr. 

Piojttn- ncrccandidm non cd annuitteudum 
idiquod officium, /icr quod est uiuendniH. 
Non est uerecundie, fortiter instare 
quo dvhcmus studio ultrun sustcntnre. 
25 Nc tuum officium tibi sit dampnosum, 
in CO te conuenit esse studiosum. 
Studiosus igitur et fidclis esto, 

ut fine quod ceperas concludas Jionesto. 
Vnum auteni consulo, si negocieris, 
30 quidquid fidc socia possis, hoc lucreris. 
Fidem factis omnihus tuis sociabis 

et per dolum aliquem nunquam defraudabis. 
Fides uirtus, uitium dolus; uirtiwsus 
n uirtute dicitur, a dolo dolosus. 
35 Fac ut nomen conpetat tibi iiirtuosi, 

nichil horum faciens que curant dolosi. 
Fuge glohos, aleas et ludos nociuos, 

et hos qui exercitanf sie iocos uociuos. 
Pile, troco pariter, et scachis intendas, 
40 et ad ludos similes mnnum nmi extendas. 
Vnum caute moneo, uequnquam furari, 
quin furti uicium non habet purgari. 
Qui semel quantumlibet modicum furatur, 
inter fures amplius semper numerntur. 
45 Vitent adhuc aliud semper boni uiri, 
iurare viddicet libenter et mentiri. 
Stude, quod sis sobrius, non inchrieris, 
nisi i'is, durissima pena quod dampneris. 

15. Jura B. curas alligare B. 16. peractizare B. 18. te exerceas in etat« B. 

19. inano B. 20. Couuenit hoc *>» B erloschen. 21. aniittendum V. admitten- 

dum B. 22. pro quod B. 27. ergo V. 28. quod inceporas B. 29. si V. 

quod B. 31. sanctis B. 32. aliquid n. superabia B. 35. conpet* V. conpu- 

tat B. uirtuosuni B. 36. fatuus B. 38. exerceant B. sie fehlt V. ludos 

satis 

vocioR B. iocos nocinos V. 39. Pilo B. Pila V. et scachis V. ne nimis B. 

41. Vudt> B. 42. iuris B. 44. reputatur B. 45 — 264 stehen nur in \. 4S. uilis Y. 

ZKlTStHK, P. nKUTSCHK PUILOL. BD. V. \'> 



174 PEIPER 

Cum delifiquit ehrius, non est absolnendus 
50 ab hoc, sed durissima pena puniendus. 
Quedam est ehrletas, giie senstis errare 

facit, et in sernita pedes nacillarc; 
Per quod res, que tenqwre longo conquiruntnr, 
hreuiter, sed commode satis, elahuntur. 
55 Uabere sl ceperis gustmn delicatum, 

c.onsido , quod appetas hursam , non jmlatum. 
Ne eures, quod animus tacitc loquatur, 

uhi conscientia culpa non turhatur. 
Tuam conscientiam qualis sit requires, 
60 extra te nidlo modo de te quid inquires. 
Fili mi carissime, si eures ditari, 

expensas in omnihus debes moderari. 
Debes totls uiribus tuis laborare 

modicum expendere, reliqtmm seruare. 
65 Primitus dif fidle pauperes ditantur, 

sed, postquam sunt diuites, commode lucrantur. 
Postquam f actus fueris diues, honestati 

intendas ardentius, quam utilltati. 
Tnnc doctorum poferis seruare mandata, 
70 que non indigentibus reuera sunt data. 
Sicut aristotilis preceptum inorale 

hahitiim in ethycis, quod est qtmsi tale: 
In nullo superfluus neqiie diminutus, 
sed per uitam mediam gradiaris tutus. 
75 Corrumpunt in omnibus extrema uirtutem, 
saltiant autem media seruantque salutem. 
Sed, fili carissime, si non carrastare 

poteris, te comienit, pedes ambtdare. 
Si non philosophicis plenus es docfrinis, 
80 discas quod expediat a tuis uicinis. 
Non libenter audias cuiquam derogari, 

uel turpes ob turpia queque commendari. 
In dmno sis dominus tua proctirando, 
ne quid queras aliud extra mcndicando. 
85 Per te domus propria prouide regatur, 
alieno domino sua rcUnqüatur. 

50. ob Zacher, sed est du* V. 58. conscienta V. ü8. ardentius intendas V. 
69. majidatum V. 73. n''. 79. philosophis V. 80. dicas V. 84. quis querit von 
Zueher verbessert. 



I 



Zrn t,AT. CATO - LITTKRATIH 170 

Tan (Hin f<tiiiilin tlnini s/s ijuirtriH, 

liiiii /Hfhtiis f<((ilf', sis /ihnifrr Irtus. 
Snl s'/ res i'x^iifititr, nee iu^fc iurlmrl 
i»(» </rh('((tt: fr fonur.nit iram viodirari. 
In ijKdrunnjitc furris statu, vtttn rihati 
(1(1 HicHSdm ncccsüt^rls, ((f'hc>i iocundfiri. 
' In nicnsd sis hyldris, largns, circwn^'ipcdiis. 

1(1 iiiiUus, (juin tu sciaft, ihi ait defedus. 
i>r» Oh liaucstos l«)splte>i fas est eniimdare 

cMiuinaui, ijHoa Inutins dvhc>> pror,uiar<'. 
Si non })otiKH hoftpiti darc quod eftt mnUnm. 
crescere fac fercida per iocundnm uultum. 
Fili, ucrhis graidhus tibi loqni noh, 
1(>() rtnnim infcllifjas id quod dici ualo. 
Si cii)n tuis ciuihus curas coiicordare, 

de pari soliunmodo dehm litifjare. 
Sed hii , si noluorint se tibi preferrc. 
illud, qfiasi minüne eures, debes ferre^ 
lof) De rebus utilibus ubi sapiimics 

(^onferuut, hos audius libcnter /oqiteide.'i. 
De fidß catiiolica ncli dispidarc,, 

sed credc simpliciter, si non uis errare. 
Crede quod theoJoqns parfedus credendum 
IK» (issorii, cui minime est contradicemlum. 
Ilos caue , per optima uerba , qui loquantur, 
nc, quid dicant, ae.tihus tuis exequmdur. 
llos tu fuge ^ dohiini'S (jui suis obesse 
pi'oni sunt, clieiitibus et tardi prodesse. 
115 Tntns sis de socio quem diu probasti, 

sicid es de scmita quam sepc calcasti. 
Non potes a reprobis honorem me^xari, 

qui non 7iisi turpia sueuerunt conuri. 
Virtute, scientia eures te uestiri: . 
120 quiitus vesfis pnlchrior nequit inueniri. 
Multi sepe diuites soleut mendicare, 

.^ed tu te pauperihus debes re^eriiare. 
Ulis, qui sunt pawperes, aliud est dare; 
sed Mi, qui suni dimtes, ^>rars«.s et rogare. 

89. res id exigit ut vermutet Zaclier. 112. quid oder quem V. nee quae d. 
a. sui? e. Zocker. 113. Res-que V. Hos -qui Zacher. 116. s'' est 119, (?uras V. 
123-24. aliq^id est daudum; sed Ins, q. s d. . luosus est uegauduui Zruher. 

12* 



176 PEIPER 

125 Senium uoluntarie seruientem quere, 

quem cum tu repereris, cura retinere. 
De qnerenda coniiige nescio quid äicam, 

sed queras quam diuitem potius pudicam 
Tna eonscientia, si iworsus purgata 
130 non est, tarnen nesciat turpia peccata. 
Secretum, quod fidei tue reseratur, 

in archano pectoris tui concludatnr. 
Sis, fiU carissime, tardus ad ttouendum, 
sed ad uoti dehitum uelox exsoluendum. 
135 Tempore tu md)ilo deo supplicahis, 
et sie onus animi tui subleuabis. 
In conspectu iudicis omnia cernentis 

agi quidquid agitur est scire prudentis. 
Eruhescas igitur, si dam quid fecisti, 
140 imde tanti principis Inmen offendisti. 
Beum in pericido dehes inuocare, 

quia nemo melius potest te iuuare. 
pidelira catholica fides et honesta! 
turpis autem heresis res est et fmiesta 
145 Hominem in heresim lapsum reuocabis 
ad fidem, si poteris; si non, euitabis. 
Non sie mundo placeas, ut deum offendas: 

■ut utrique placeas strennue contendas. 
Fili, si desideras in terris honorem, 
150 studeas, ut haheas liominum fauorem. 
Si tu scis ab hostibus tuis quod fimeris, 

ab amicis studeas ut magis ameris. 
Intus uerba ponderes, antequani loquaris, 
ne forte quid proferas , unde confundaris. 
155 Amicis ad literam uerus sis amicus, 
inimids facias sicut inimicus. 
Discas, nisi tu adhuc hahes erogare, 

ut scias petentibus bona uerba dare. 
Homines extraneos libenter honora, 
160 quod nalere poterit qua non putas hora. 
Opmiuno tempore debes meminisse 
a quo beneficium te scis accejrisse. 

126. reperis curam V, 151. sis V.. teuerls V. timeris Zacher. 153. ponde- 
ras V. t.'')4. iov V. 157. utl liHl)es V, discas initis aniini liouiiiies rogare Zacher. 



i 



/L'U LAT. CATO-I.ITTKKATIR 177 

Lege librus uetcrum, in (laibus scripserunl 
dudrinani de moribas, d tios instnucruiU. 
Ui5 i^akquiil pofcs (ilü/iio tnodo (hofbarc, 
null II Hl ob innidinni dcbcs o/l'usrure. 
Dcccnter respondean ad interrogatu, 

libcntcr cupedias, sl scis, dubitala. 
Vaupcrcs d dinitcs libcnfcr salutts, 
170 bo)ias cunsududines cultus non refutes. 
Fac ucrbis siinplicibm tiiis td credatur, 

id a tc quod umplms est non exigattir. 
Plus iusto ne timms mortcin, ncim necesse 
est mori, nee aliquis potesf super esse. 
175 Expurga superbidm, nc quid relinqaatur 
in corde ucsfigium, itndc relabatur. 
In stalhun superbie mitte disciplinam, 

hec nostrant, tc faciet seruarc doctrinam. 
ünmes actus, Itomines quibus excrcentur, 
180 disciplina coniienit ut recfi/icentur. 
Verba, quc communia sunt, et usitata 
pucris et rudibus, debenf esse grata. 
Fili, si conscenderc studes ad maiora, 
hoc non potest fieri nisi per minora. 
185 Potius quam theatruni tribunal frequentes^ 
ut loqucntcs audias ibi sapientes. 
Ciuili iudicio causas impuijnare 

discas, et defendere, tandcin fcrminare. 
Diues si sufßcics, pauperein defende, 
190 pupillos et uiduas tueri contende. 
Vita breuis; uinere non es diu natus; 

ad mortem proptcrea scmper sis paratus. 
Nihil mortc certius; ccrtam exspcvtamus; 
mortis, donec -ueniat, hör am ignoramus. 
195 Quantum nalcs studeas uitam conseruarc, 

non tarnen est modicutn , quod potest durarc. 
Mentis rumpas ocia, tedia depelle 

curis, que sunt utiles , immunes a feile. 
Nocte cum non poteris nisi uigilare, 
200 de rebus tdilibus eures cogitare. 

164. maioribus V, 172. id V. ut Zacher. 186. i" V. 189. sufficis V. 
190. contende tueri V. 191. est V. lOi. morain V. 196. Nee enim est Zacher. 
197. rmupis V. 



178 



Nun, aiidini, curium romanam plmere, 

quu tarnen ntdlo modo possunms carere. 
Influif a capite, sl rem iniuens, 

uirfus membris, iyitur capud non catiseris. 
205 Non debet a capite membrum discrepare, 
quin smim desideret esse singidare. 
Non spem in alterius mortem tibi ponas, 
et, sl' quam, acceperis temere, deponas. 
Sepe solet debiles fortuna iuiiarc, 
210 idjl cadnnt flrmitcr qui putahunt slurc. 
Vaierum uestigla patram ymiteris, 

ca que posteritas calcat nee secieris. 
Tantum possihdia presiimas; iiolare 
absque pennis minime uales atteuiptare. 
215 Noli tid)a canere, siquidem fecisse 

putas, unde glorlam s-peras meruisse. 
Mcritum excriiciat, qui se eammendando 
factum suum publicat inde gloriando. 
Discas a prudentibus, quid sit faciendum, 
220 a stultis similiter, quid sit fugiendum. 
A stultis midtociens discunt sapientes, 

uerum stultos nequeunt docere prudentes. 
Taciturno , modico, magis studioso 

committas te tutius quam nudtum ucrboso. 
225 Sipotes, iniurias tuas prosequaris, 
' sed sl 7ion, per superos saltim idciscaris. 

Quod, quia doluerit, sl deo commlttlt, 

non reo propterea ulndictam remlttit. 
Omnibus te tribue, sed quod facultate 
230 non potes, prospicias bona uoluntate. 
Magis ab hominlbus, quibus conuersaris, 

ut ameris studeas, quam quod timearis. 
Ad presens 2)<^sslbllc mihi» non uldetur, 
quod ametur aliquls, qui laste tlmetur. 
235 Sl non uis j^^ro debltis alloqui personas, 
metum litis plgnorc reeepto deponas. 
Memenfo pre ceteris prcccptls Catlionis, 
seruando quod legltur: ambida cum bonis. 



202. iiossenms V. 


possumus Zacher. 


210. cadant V. cadunt Zacher 


214. minime fehlt V. 


J25. poteris V. 22f;. 


seil fehlt Y. 230. pcrspicias V 


23l! quibus] quisque V. 







ZUR LAT. CATO-I ITTKRA II H 



170 



Damjma consticiudincm cams fctirnili. 
'Jl<» uisi (/i(o(l liDc f<(<(tis causa defhuhnili 
Dvct'iti jxf druariutu anni qui ftijilanfur 

quod mdlnni mcndarinui ilixrrini fisfatdur. 
BoHum benc facias; iiam bonuni /'ccissc. 

iiisi bcnv. f'cceris, nllnl est ('(fissc. 
245 Sicut adiicrsarius tc docel, defhidas: 

si uim tibi fecerit, per tum tc dcfcndas. 
Omnc quod est nimium 2)cr imnioderatum. 

oportet id cclcntcr fiat modcratum. 
Vaufis urrbis iderc, quibiis intdlcctum 
2Ö0 bcne andient ibus designes pcrfeclum. 
hl f actis plaralitas iion nituperatur, 

si quis ca , nehUi dcbct , opctatnr. 
Serua morcm liominum nunwri pluralis, 

ne sis inter aJios uitc siiintdaris: 
255 Cu))i ritum et habitum, quem mos approhamt 

tocius prouincie, prudens mm mutabit. 
Quidquid placet onniibus, cui non displicere 

solct, ci studcas libentcr pJacere. 
Bo)ie fame sociis st ade quod utaris, 
260 mdlam tarnen facias, quihus conucrsaris. 
Propter dcum facere quodcumquc proponas: 

numquam propter hominon aliquem postponas. 
Tuos fili ßios quod scis imligcre, 

illos, sicut doceo te, debes docere. 

IL 

1 Laus et honor pucris solet eucnirc. 

Qui omittunt otia, sc studcnt munirc 
Litteris, scientiis, neqtieunt pcrirc. 
Ergo tu ad Studium, fili, debes irc. 
V* Est laus quid scire, laudem disccndo rcquirc. 

240. q"s V. 245. docet, tc Zadier. 248. Das wort hinter ut ist nukser- 
lich V. 255. ritum undeutlich, ei feJdt V. 257 — 58. Quisquis ... qui Zacher. 
281. facere fehlt , aber es ist raiim für ein icort gelas.<ieu V. 

II. Welche Strophen in den verschiedenen benutzten hand^chriften fehlen oder 
iiuigestelH sind, ist bereits oben s. 167 angegeben worden. 

1, 1. inueuire B. 2. omittunt V. obmittnnt W. dimittuut w. araittunt B. 
et Student se W. et solent se V. sc fehlt w. 3. litera scientia VW. scientias w. 
que nequeunt W. que nequit V. V fehlt V. in W\v fehlen die versus durch- 
gängig, q't B. laudem fehlt B. 



180 



2 Hec est ars egregia, quc nutiquam decrescit, 

Sed cum siao domino potius senescit. 
Sensus enim remanet, sed res euanescit. 
Ars est rehus melior, quia non uilescit: 
V* Prendere quam nescit aliquis nisi dum muefiescit. 

3 Ergo tibi, iuuenis, monita ministro: 

Tu semper in omnibus obedi magistro, 
Non ei tantummodo, sed siio ministro; 
Multa bona ciqyies ex eius registro: 
V* Si sua uerba rapis et cum non corde sinistro. 

4 Disce, fili, litteras et uires earum, 

Quia sine literis homo ualet parum. 
Litera te faciet genere preclarum, 
Omnibus amabilem atque deo aar um: 
\* Ortus cunctarum fit litera diuitiarum. 

b Filius artificis summi presulatus 

Acquirit officium, si sit litteratus. 
Fili, si quid scieris, sis morigeratus; 
Scias quod per litteras eris sublimatus. 
V* Morihus ornatus ynodica fit sorte beatus. 

6 Si prelatus subito tu non ptotes esse, 

Multe sunt ecclesie, quibus est necesse 
Litterati hominis; hiis pofes preesse: 
Sic tibi per litteram nil potest deesse. 



V* 



2, 2. melius VW. 3. sed BV. et w. si W. 4. fehlt w. q änichilescit, 
q mid ä in rasur B. quia nou uilescit Zacher, nam amitti nescit VW. v" fehlt V. 
aliquis] a's B. 

3, 1. inueni Vw. niuuite V. 6. fehlt V. sed eius Ww. 4. facies w. 
cuius w. V fehlt B. 

4, 2. littera ualet homo VWw. 3. faciat B. facie preclarum V. 4. ama- 
bilem] in finibus w. v« sit V. 

5, 1. summo B. 2. acquirat V. acquiris o. si sis W. 4. exaltatus VW. 
V" subito fit V. 

6, 1. fehlt V. tu nou] noiidura w. 2. als 2. vers haben Ww: Vix tibi Sti- 
pendium potest superesse (poterit deesse w.) und machen dann den 2. und 3. vers 
zum 3. lind 4. Multa Ww. officia in mundo necesse W. 3. Litera. et B. Lite- 
rato w. homiiies W. lioraini w. hijs possunt preesse W. personam preesse V. 
4. fehlt VWw. Et s^ B. v" fehlt BV. 



zun l-AT. tATO-LITTKIlATlH IHl 

7 Si tarnen ecclesium non fxdes habere^ 

Cum prelato forsitan potcris muncrc. 
Et nices ifrcshitcrl sccuni adimplcrc; 
Et ita tc l'ätcra non sind cgcrc. 

V* Si quid scis ricrc , hcnc prclatis socicrc. 

8 Si tc (jrauat forsitan rajimcn scolaruni 

Et tibi de pulvis deriuatur partim, 
Accrdas ad ordines , si tibi sit caruni 
Alli(jatum uiuere ciiris aninmrum. 



9 Forte tu inucnies daustrum monadiorion, 

Qui cantant deuotius et frequentant chorum, 
Et si tu uis uiuere id est mos eorum. 
Cum hiis potes faeere bene tuum forum: 

V* Consilio quorum acquiras recfna cdorum. 

10 Sed si tu non poteris ferre monacliatum 

Propter mensam tenuem, propter durum Stratum, 
Queras ubieunquc uis locum tibi gratum, 
Claustro ud in ordine, qui te det beatum. 

v* Litera semper habet uestem panemque paratum. 

11 Quod si graue tibi sit esse suh abbafe 

Pre chori frequentia et pre grauitate, 
Vade ad templarios; Mi depdlunt a te 
Corporis pemiriam magna caritate. 

V' Sie ab egestate te soluef litter a nate. 



7, 1. Si forsan V. Forte si W. 2. poteris forsitan V. 3. niceni W. 4. Ita- 
que V. sinit V. 

8, 2. Nani tibi VW. Si tibi w. coudonutur w. :;. Accedes B. urdinem V. 
si Sit tibi Vw. v« fehlt BV. 

9, 1. inueuias B. Forsitiui inuenoris V. rers 1 hinter rers 2 w. 2. can- 
tat ... frequentat w. 3. Si uis ita VWw. mos est w. 4. fehlt V. v» fehlt B. 

10, 1. Si ucro uou W. Forte si non V. 2. et propter durum \V. et ob 
durum B. statum B. 3. sit B. uis VWw. tibi locum w. 4. Claustrum regula- 
rium VWV. quod te det V. quod cedit w. qui cedet B. ut det te W. v^ uestes V. 
panem quoque V, 

11, 1. Si tibi sit graue w. Si uero non potoris VW. veste B. 2. Pro . . . 
pro w. 3. Vadas Vw. i \ . templarium w. cruciferos W. hospitarios V. qui 
depellent V. hie depellet w. 4. largitate Ww. 



182 



PEIPER 



12 Sed si nis corrigere peccatontm mores, 
Te debes con lungere ad prcdicatores ; 
HU sunt in hoc seculo clericorum flores 
Atque reconcUianf dco peccatores. 
v' Ipsos, qui fughinf, mundi comitantur hotiores. 

lo Sed si tu totaUter iiis esse deuotus 
Et a cura secidi omnino semotus, 
Ad minores properes , td)i fluit potus 
Spiritus 2)ci>i'Cicliti sanctis tantum notus. 
V Quilihet egrotus gaudet de crimine lotus. 

14 Sed si tu non poteris talem ferre cunmi 

Propfcr tuani dehilem forsitan natnrani, 
Adlmc docet littera artem ualittirani, 
Elementa pingere, scilicet scriptiiram. 
V* Vitam securam capies scrihendo figuram. 

15 Si non habes oculos, quod potes formare, 

Tunc studebis cantica plenius cantare, 
Canticis organicis Organa parare ; 
Te per Jioc officium 2^ossis exaltare. 
v' Et heue cantare discas per gammatimre. 

16 Sed si uoce careas, non sis uerecundus; 

Jura, leges adeas, et esto facundus. 
De hoc exercitio gaudet modo mundus, 
Et suis cidtorihus reddet auri pondus. 
v^ Quod si scire cupis, gramatica sit tibi fiindus. 

12, I. Et si uis V. Si uero uis W. 2. Debes tc VWw. 3. Qui sunt \^ 
4. steht hinter 13, 2 w. reconsiliaiit V. recoiisilio B. V fehlt B. 

13, 1. Vel si tu W. Vt si cum V. tu fehlt w. 2. penitus w. remotus Vw. 
3. Ad uudatos V. properes VWw. ordines B. ibi W. ubi spirat totus V. 4. para- 
clitus VW. s. beiic ii. V. 

Spiritus paracliti hijs infusus totus 
Spiritus paracliti sanctis tantum uotus B. 
V erit illic er. 1. V. 

\\, 1. Si ucro non poteris VWw. tantain fcrre W. Ferre tantain V. esse 
curani w. 2. forsitan debilem Ww. Ad li' solet V. a. lyrofecturam V. a. prcjfutu- 
ram W. uero perfuturani w. 4. Elementa] Pulchc'iani w. de])iuge w. tigere W. 
scribere V. pungerc 13. v* fehlt B. 

15, 1. oculos fehlt V. quod posset formare Ww. 2. Literas tu studias dul- 
cius cantare w. Tunc tu tili plenius discito cantare W. 3. et organa W. 4. Hoc 
tc per w. potes Ww. v* gamau'are V. gamniatizare Zoc/ier, vgl. Du Gange u. gama. 

16, 1. Quod si VW. 2. legis W. audias Ww. abeas B. 4. sui V. custo- 
dibus w. reddit VWw. v' fehlt B. 



Zlll I.AT. CATü - MTIKHATI It 1^-' 

17 Adliiiv Sind officio frudunsu sd/is, 

Qnc hcnn comicttiun/ fniriini lilfnatis, 
L'njurr jfsnlfcrln, quod nun fiel (jratisi 
Hoc ujuis cjtcnniiiut unns jxiujtcrlnth. 
v' Litttra parita satis iiictum dabit officiutis. 

18 Si ticro yninudicii»/ iicquis scirc plcuc 

Defecfu imjcnii, dc.fcctu crumenc, 
Jfoffts et itsaUcrinm discas laddc heue, 
Scolas, si iiccesse est, jxu'Unnini tum. 

v' Corpore tc plcnc dat pondus Uttera Icnc. 

19 Si tibi pcnuria forte dat yrauamcn, 

Aliqimm custodiani qncras ad solaineii. 
Mnltc siüd que maxinmin prcsttnd snhh'nann n, 
Ubi cKstos diccre nd seit prctcr amen. 

2 ' Uidc fahruni miscrum, qucditcr sit pidus 
hl uidtn mrbonihus d pnuiis amictus, 
hl incudc f'cricns sndut miscr ictus, 
Vt sit ei modiciis et non hmfus uidus. 

21 Lapicidam pluribus uidc fatigation, 

Manibns et cruribus , dorso incurnatuw, 
Sinnlent pccoribns nidtu inditudum, 
Cementis puhieribus sonper mucidatum. 

17, '_'. fehlt V. Qui 15. 3. (|uocll iiiiia VWw. non fit W. ui>n est V. non 
sunt w. 4. honus W. und aus opus corr. !>. pondiis w. V fehlt B. 

18, l. nequis scire bcne vv. neqneas habere V. 2. defcctuquc cruniene VW. 
3'' und •!'' sind in B vertauscht. 4. Et si ncccsse l'uorit scolas p. t. W. puello- 
viini V. V" fehlt B. 

lU, 1. iicnurios w. fonc V. 3. fehlt w. maxinia B. Multc sunt custodie 
quc p. s. W. 

4. linde custos diccic nescit nici amen Y\\. 
Ubi custos nichil sit dicere jjieter amen B. 
Ubi custos nescit discere plus quam amen w. 

20, 1. misevum B fili mi VW. Vidc tili fabrum w. iiualitii BWw. quo- 
niodo V. 2. et pninis B. uiliter VWw. 

3. suadet ut t'eriat in die uiille ictus V. 
Quod iu die t'eriat sudans miser ictus W. 
Nam de die in diem sudat propter ictus w. 
4. latus B, ut uite sue modicos sibi querat uictus V. 

21, 3. peccoribus V. 4. C. et p. V. 



184 PEIPER 

22 Vide carpentarium , qiialiter intentus 

SU lahori manuum, prout dat eucnfiis. 
Nil nalet in senio, quia tunc est lentus, 
Et tunc sihi deperit hierum quasi uentus. 

23 Sutorem considera, qualiter sit undus, 

Setis atque suhtdis semper male puncttis, 
Sedili uel cliatliedre tota die iunctus, 
Apparens in fade quasi sit defunctus. 

24 Videas pellificem male coloratum, 

Fere pre uigiliis ocidis orhatum; 
^ Nunquam habet requiem nisi super Stratum ; 

Dum quiescit modicum, putat se heatuni. 

25 Arte de carnifieum parum est dicendum; 

Pili quasi toti sunt, prompti ad edendum. 
Cihum parant popido , et dant ad emendum. 
Et , quod uendimf animam , satis est timendtun. 

26 Pistores considera, quali cum ruina 

Viuunt, ut efficiant panem de farina. 
Ulis semper exhihet uictum molendina. 
Cum delinqiiunt aliquid, luunt in sentina. 

22, 2. inuentus B. bracliiis extentus v. 3. in seie V. 4. Et ei tunc depe- 
rit lucrum V. Et tunc lucrum deperit ei w. Tuuc hierum illum abicit semper quasi 
uentus W. 

23, l. est V. 2. Setis atque subulis tota die iunctus Ww. Manibus et facie 
et licet sit functus V. 3. fehlt Y. Seduli B. Manibus et poUice tota uia punctus 
von erster hand am rande w. Non dat ei requiem noctis quidem punctus W. 
4. Apparet Ww. Ipsius officio tarnen est defunctus V. 

24, 1. Pellificem considera W. malo coartatuni w. 2. turbatum V. 3. Ha- 
bens V. 4. dicit se beatum VW. se dicit esse beatum w. 

25, 2. Pili B. illi V. ad prompti ad V. Hij currunt per conipita quod 
bene est sciendum w. 3. Jstis. !>. famulis datur ad comedendum w. 

4. Quod sie saluant animam V. 

Ipsorura de anima satis est timcndum 

Infecti pingwedine cum stant ad ucndendum w. 

26, 1 quasi B. 2. efficiunt B conficiant W. 3. Illis dant assidue W. 
4 Dum W. ruunt B. 1 — 4. Pistor in ccclesia numquam deum erat, 

sed in foro continue multum laborat; (lies: Sed mult. cont. iu 

f. lab.) 
illi raro rcquies, nisi sit in thoro; 

si sie saluat animam timidus ignoro. V, 



I 



?.VH LAT, CATO-MTTKRATIR IKf» 

(^iuunuis opus sdndutn sit, eat tarnen atminim : 
Fitmi'ü, sitis, frifjoni , cstufi pluniatum. 
Dr «jKonoii miscrid non est (nit juinini. 

ÜH Lieft S((tis iitiles mundo slnt texforrs, 

Siod ttnnen lioniiniliKs cuuelis n'dioers. 
Qiifüiiuis luernni hahcant, non hinien honoris. 
Nmn eomipti furf'uris propinatd odmi-s. 

29 l'iilc foherudrios neejuitcr uiuetdes. 

Ipsl sunt dluitins male conquirentcs ; 
Ad etermi (jaudia non eippomint wetües, 
Scd per nmndl circiduiu sie dcfrmidanf ijenfes. 

30 Piscatores uideas ^ qualiter in mari 

Et in aquis soleant sepe naufragari. 
Arte uel lahorihm ncqucnnt ditari. 
Quorum y dum nil capiiint, dies sunt a)nuri. 

31 Mereatores uideas, quali cum labore 

Viuant, ut familie presint eum honore. 
Vndas maris transeunt magno cum tintore. 
Vbi res et corpora prodnnt cum dolore. 

32 Videas et milites prineipesque terre, 

Qui semper in armis sunt , quod est durum ferre. 
Ipsis semper conpetit interesse guerre. 
De quorum miseriis dolor est referre. 

27, 1. agricularum BV. agricollarum w. 2. sanctum est B. seie V. est 
fehlt w. sis tarnen V. tanien est w. sit, est Zacher. 3. fehlt V. et copia plu»- 
nnn B. Farne siti frigore estu pluuiaruni w. 4. De ooruni V miseriis w. loqui w. 

2S, 1. mundo sint W. sint mundo V. in mundo sunt B. Mundo licet uti- 
les satis sint (textores getilgt) pistores w, 2. Fiunt tarnen cunctis honüuibus uilio- 
ves w. 3. Lucruui quarauis Ww. non habent honoros W. habeant hoaores w. 
4. furfaris W. corrupto t'urfure V. Coruiuptis fuit'uribus w. proiiriniant honores w. 

29, 1. tabernatores w. nequiter Bw. qualiter W. 2. male possidentes w. 
3. premia Ww. 4. mundi climata w. 

30, 2. soleat B. Et in aquis aliis soleut naufragari w. 3. am rande nach- 
getragen w. 4. auari w. 

31, 1. qualiter cum w. 2. Viuunt BW. faciliter B. cum fehlt w. 4. Vnde W. 
cum corpore w. perdunt Ww. in dolore w. 

32, 1. Vide tili W. comites militesque V. milites nobllesque W. milites 
nobiles quoque w. 2 — 4 fehlen V. 2. fehlt W. 3. Istis w. Ipsis bene W. 
conuenit Ww. w stellt 3 hinter 4. W schiebt hinter 3 ein: Sese armis muniunt 
qua est dolor ferre. 4. pudor est w. satis est W. 



186 BERNHARDT 

33 Vide, fili , der kos pur pur a splenüentes. 

Ipsi sunt dmitias rede possidenies. 

Ad Jnhorem aJiquem non npponunt onentes. 

Sunt, qui fmnt clerici, uero sapientes. 

34 Soli Utterati sunt facie decora, 

HU bihunt d cormnedunt semper potiora, 
Quietani nitam p>ossident qiialihet in Jiora; 
Quare tu ad Studium festinn sine mora. 

33, 1 fehlt V. 2. delieias V. iuste W. arte w. 3. loVem B, labores ali- 
quos w. 3 7md 4 fehlen V. 4. uere w. Quod cum celi ciuibus semper sunt gau- 
dentes W. 

Am Schlüsse: Expliciunt materie de uita clericorum B. Explicit conssilimu 
patris per manus a'9 jc w. 

BRESLAU. RUDOLF PEIPER. 



DIE GOTISCHEN lIANDSCimiFTEN DER EPISTELN. 

Für einen grossen teil der Paulinischen Episteln liegen uns bekant- 
licli zwei gotische handschriften vor , indem ein kleines stück des Röraer- 
briefs zugleich in Ambr. A und in der handschrift von Wolfenbüttel, 
etwa die hälfte der übrigen briefe zugleich in Ambr. A. und in Ambr. B 
erhalten ist. So gross nun auch im allgemeinen die Übereinstimmung 
der verschiedenen quellen ist, viel grösser als z. b. bei den lateinischen 
handschriften der Itala und Vulgata, so gibt es doch eine nicht unbe- 
trächtliclie zahl von stellen, wo der herausgeber zwischen verschiedenen 
lesarten zu entscheiden und wo möglich einer von beiden den vorzug 
der ursprünglichkeit zuzuerkennen hat , und diese entscheiduug "wird sich 
nach der Vorstellung richten, die er sich von derii Verhältnis der handT 
Schriften unter sich und zum ursprünglichen texte der Übersetzung gebil- 
det hat. 

In dieser hinsieht nun hat Lobe folgende behauptungen aufgestellt: 
Die möglicher oder wahrsclieinlicher weise von Vulfila herrührende übei'- 
setzung der episteln hat später in Italien eijie durchgreifende Umarbei- 
tung erfahren; die ältere gestalt des textes hat sich in B und der hand- 
schrift von Wolfenbüttel, die jüngere in A erhalten. Letztere kenzeicli- 
net sich durch vielfaclie änderuugen des gotischen nach dem griechi- 
sclien text, durch zahlreiche randbemerkungen , durch gewisse unter 
dem einfluss fremder sprachen entstandene orüiographische eigenheiten, 
durch welche die urs])rüngliche rauhhoit der gotischen spraclie gemildert 
worden sei. HieiauC fiisseiid hat Lobe seinem texte B zu gruntU? g<degt 



DIE OOTISCHKN lIHH. IiKIt KriHTKI-N 187 

initl iiui' in iloii SL'Uciistcii liillt'ii die lt's;iit von A ;iurj^i;iiuinnici). Hierin 
sind iliiii (li»i neueren heiausgeber zwar nicht ^anz {gefolgt, Massmann, 
aiifli Heyne lial)eii ul't im wi»lers]iru('lie mit Lnhe A den vorzug J(<'K*'" 
l»en,' wie mir Jedocli scheint, noch zu selten. Ich halte die ohen 
anjifeführte ansieht Lobes tiir durchaus unbegründet und glaube beweisen 
zu können, dass A den text im alljj^emeinen besser bewahrt hat. 

Was zunächst das Verhältnis zwischen Ambr. A und ('arul, betrittt, 
so stimmen sie in den zehn versen , die sie gemeinsam enthalten , bis 
auf zwei orthograpliisfhe Varianten (litaidaii — Icitniddu , ImirK — hai- 
rau) überein. Carol. ist durchaus, A in seinem ersten teile (Rom. 
I C. I. IV) stichometriscli geschrieben , d. h. die Zeileneinteilung ist nach 
dem satzbau gemacht und ersetzt die interpunction , jedoch ist das ver- 
fahren in beiden niclit ganz das gleiche. Randbemerkungen finden sich 
in Carol. gar niclit, im ersten teile von A sehr spärlich.^ vielleicht gar 
nicht — Uppström wenigstens hat die zwei von Castiglioni vermerkten 
glossen (zu Ro. IX, 13. X, 7) nicht entdecken können — im zweiten 
teile dagegen, von I C. V ab, sind dieselben ungemein häutig. Hieraus 
erhellt, dass für Lobes behauptung, A enthalte eine jüngere gestalt des 
textes als Carol., auch nicht der mindeste grund vorliegt. 

Ebenso irrtümlich aber sind seine angaben über das Verhältnis von 
A und B. Ich habe früher nachzuweisen versucht (Krit. Untersuchungen 
über die gothische Bibelübersetzung, Meiningen bei Brückner und Renner 
1864), dass A und B derselben quelle entstammen, dies scheint sich 
nämlich aus einer anzahl gemeinsamer fehler zu ergeben, die ich im fol- 
genden , genauer als ich damals konte , verzeichne. II C. VII, 7 gannojm 
wofür yaunopH zu lesen, vgl. gabaurjopus . (luhjodns, vndodns, und 
Epli. I, 18, wo hvileiku für hvdcilca verschrieben ist. II C. V, 18 
pamma gafripmidin tmsis für uns sis r^iidg savroj, vgl. 19. HC. XU, 16 
sai für siai taiio. II C. XIIT, 7 steckt in piigJcjaima = w/<£»' ein gemein- 
samer fehler , der in beiden handschrifteu anderweitige Verwirrung gestif- 
tet hat. Gal. V, 21 faurqipa statt fauraqipa. Phil. III, 16 appan sve- 
ßauh du Jmmmei gasncvum ei samo hugjaima jah samo fraßjaima 
.c?S]r dg ecfd^üauf^iev ro cxvtü ifQOvür to) airot OTOiyeh'; frapjaima war 
glosse zu hmyaima und hat ein ursprüngliches gaggaima oder nsmi- 
taima verdrängt. Weniger bedeutend sind TI C. XII, 13 pize iür pisei, 
IV, 6 ur riqisa ungew^öhulich für us riqiza , Phil. III , 8 Xrisfau für 

1) Im zweiten Corinthcrbriefo lialte ioli an '2o stellen gegen Lobe die lesart 
VOM A für richtig; darunter sind y, über die ich mit Massniann, 7, über die ich mit 
Hejne übereinstimme. 

2) Wahrscheinlich begint mit I C. V die band des „riidior caUigrapJn(<i ." denn 
der codex rührt von zwei bänden her , s. Castigl. Spec. p. XVI. 



188 BERNHARDT 

Xristu, IV, 5 anamlje für anaviljei , Col. II, 21 teiJcais für tekais, 
T. Tim, II, 6 andnhnht für andahauM . I, 10 aivaggejon für aivaggeljon, 
wobei in A ein / übergeschriebeu ist. 

Tu zweiter reihe sind für den gemeinsamen Ursprung von A und B 
eine reihe in den text gedrungener glosseme und zusätze anzuführen, 
wie Eph. I, 11 bi viljin gups Jus alla in all^iim vaurhjandins nach 23, 
Eph. I, 7 hl gabein vulpaus anstais is nach 6, Phil. II, 28 iifkun- 
imnds hva bi izvis ist, schliesslich auch die stellen, welche deutlich 
späteres eindringen lateinischer lesarteu verraten und in A B gleich lau- 
ten, wie II C. VII, 4 in aUaisos managons aglons imsaraizos, wo die 
unregelmässige schwache form des im griechischen fehlenden wertes 
ebenso deutlich spätere änderung (D* E* fttI /rccGi] zj] ttoUS] d-liil'si, 
de in midta tribulationc) beweist, wie II C. IV, 4 bei gups iingasai- 
hvanins in B, vgl. Col. I, 15. Siehe II C. V, 10 po svesona leiliis, 
I. Tim. VI, 9 unyintjans cet. cet. 

Ist hienach die abstammung beider handschrifteu von einer gemein- 
samen vorläge in hohem grade wahrscheinlich, so kann für die bemes- 
sung des kritischen wertes nur die innere beschaffenheit von bedeutung 
sein. Hiebei meint Lobe die spätere entstehung des in A enthaltenen 
textes dadui'ch erweisen zu können, dass A öfter dem griechischen texte 
näher stehe; Vulfila also habe ungenau übertragen, diese gestalt der 
Übersetzung sei in B erhalten , während A einen nach griechischen hand- 
schrifteu revidierten text enthalte. Bei der sonstigen buchstäblichen 
genauigkeit der Übersetzung ist das gegenteil von vorn herein wahr- 
scheinlich; wii" werden viel mehr geneigt sein, die dem griechischen 
genau entsprechende wendung dem Übersetzer, der das griechische vor 
sich hatte, die abweichung späterer änderung zuzuschreiben. In der tat 
bestätigt sich dies letztere durch genauere prüfung gewisser stellen. 
II C. II, 10 steht für das zweimalige /.exctQtofiai in A richtig fragaf, in 
B fragiba ; hierauf konte ein klügelnder abschreiber nach dem dabei ste- 
henden fragibij), nicht der Übersetzer verfallen. II C. VIII, 10 A: jah 
tag in in pamma giba, nnte pata izvis hat i,zo ist, Jiizei ni patainei tau- 
j a n ah jah v i Ij a n dugunnup af fairnin jera , B viljan — taiijan , eine 
scheinbar plausible, aber im Zusammenhang unpassende änderung. 
Eph. II, 6 jah visandans uns daupans mipgaqivida uns Xristau — 
anstai sijup ganasidai — jah mip%irreisida jah ))iipgasatida in 
himinakundaim , B mipurreisidal und mipgasatidai , verleitet durch 
ganasidai, eine änderung, zu der der Übersetzer, der das griechische 
vor sich hatte, nie verführt werden konte. Wenn ferner II C. VII, 14 
für n^oc; Tkov A du Teitaun mit beibehaltung der griechischen endung, 
B dti Teitan liat, so ist offenbar ersteres vom Übersetzer ausgegangen. 



( 



DIK nOTISCIIKN USH. DKIt KI-IHTKLN IKI» 

A <l:i^'»((roii ist voll solchen willküiliclioii eiitstcllunj^i'H last <,'aii/ frei; 
II ('. IX, '2 liiidet sich hvopani liir /.<'iyi')ii(<i , wo H richtig hrnpa hat. 

Dass A iiiihefanj(oiier, B mit ül)erloguiig seinen text behandelt, bewei- 
sen auch die ortho^niphischen ah\vei(diiin<,'en , indem sich A durchgängig,' der 
iiussprache des gewöhnlichen lehens anscliliesst, H an dem grammatisch 
richtigen lestzulialten sucht, aber in seinem eifer über das ziel hinaus- 
schiesst. Ilieriiin gehört in A die assimihition des auslautenden h von 
nh, iiih,j(ih, die, wenn auch nicht consequent durchgelTilirt, doch unge- 
mein liäuHg ist, und die in IJ nur bei nih und nh zuweilen, nie bei jnh 
(antritt. In \ werden ferner die vocale e, ei («), i oft verwechselt und 
und zwar so, dass / {äiganäin , auaviljln, visandin) und c für ci ««in- 
tn^tcn, höchst selten umgekehrt, wie I C. IV, 1 andlxihtri für (indlmldi, 
Col. II, 21 tiifiii/s l'ür Ir/cais (AB). Besonders häufig steht c für ci in 
den litnneii des relativs /i/>c/ und ü'^c/, welche so mit /»izr und izc zu- 
sammenlallen, nie \n Jxininiei , jKind, Jioei, Sdci usw. Offenbar wird der 
Schreibfehler veranlasst durch die Unfähigkeit, beide Wortklassen zu unter- 
scheiden , also durch einen völligen mangol an granmiatischer bildung. 
]J dagegen bevorzugt das ci so sehr, dass es sich nicht selten auch da 
zeigt, wo CS nicht hingehört, wie in svarci, usmeitum, pizci für Jdze, 
pandci , Äpcinim. Die drei laute e, ei, i waren zur zeit der entstehung 
unserer handschriften dem obre schwer uuterscheidbar; dem hiedurch 
verursachten irrtum unterliegt am häufigsten A; B dagegen sucht au 
der hergebrachten Schreibweise festzuhalten , geht jedoch zu weit. Zm- 
sclien / und folgendem vocal schiebt A oft ein unorganisches ; ein, das 
gleichfalls der spräche des täglichen lebeiis entlehnt sein wird {jrcijhah, 
snijij))\ diesem j ist B feind und zwar so sehr, dass es auch da unter- 
drückt wird, wo es berechtigt ist, wie in frijapra, fijan (Leo Meyer, 
rjoth. Spr. p. 428). In sijnm , sijai usw. schwanken beide handschriften. 
Das wort inuJi = „ohne" erscheint in A elfmal ohne h, in B fünfmal 
mit, einmal ohne h.^ Nach Leo Meyer entstand Innh durch anhängung 
von nh aus dem privativen in, inu also durch abschleifung ; auch hier 
also hat sich offenbar A der gewöhnlichen ausspräche angeschlossen, 
B den älteren sprachstand bew^ahrt. Das nämliche ergibt sich aus 
den Varianten hardaha (A) - - hardaha (B) neben hnrdus , mipgardi- 
vdddjii (A) — )}iij>(jardaraddjn (B), vgl. gardavaldduds , andalau- 
saize (A) — andilausaize (B). In anderen orthographischen Schwan- 
kungen (d — />, ti — au — o) lässt sich kein durchgehender, in der 



1) Die Variante pan (A) — Jumh (B) findet sich einmal, wobei J)nu die rich- 
tige form ist, paproh in A und B. papro vienual in B, nie in A. Dies zur berich- 
tigung von Lobe jirol. i». XXII. 

ZEITSCUR. F. DEUTSCHE FHILOLOOIK. V. BD. 13 



190 BERNHARDT 

in A^ durchgeführten Schreibweise gh, gq für ggh, ggq in B kein charak- 
teristischer unterschied erkennen. Dass übrigens jener abfall oder die 
assimilatiou des h im auslaute, wie Lobe meint, auf die einwii-kung frem- 
der sprachen z.urückzuführen sei, ist nicht erweisbar. 

An manchen stellen weichen A und B im ausdruck von einander 
ab , und auch hier hat A die dem griechischen näher stehende und , wie 
es scheint, ursprüngliche lesart bewahrt. So II C. I. 19 Jesus Xrishis 
saei in izvis pairh uns merjada (z/^^x'/xVe/c), B ausschmückend vaila- 
merjada. II Cor. XIII. 5 izvis silbcms fraisip {neiQaüxe), Bfragip, dem 
griechischen weniger entsprechend. I C. XVI, 2 Jwarjizuh izvara frani 
sis silbin lagjai {tiMxto sc. il£}]iiioGvvtji>) A, taujai B, vgl. Mt. VI, 1 
armaion taujan. Eph. III, 11 A so filufaiho handugei gups {jtolv- 
TcoUiXog), B managfalpo. Eph. 11, 2 In pizai aldai pis fairlivaus 
{y.axa rov alwva zov KOGfiov tovtov), B sinnwidrig aivis , vielleicht aus 
einer zu aldai gehörigen glosse. Wie nachträgliche besserung sieht auch 
Eph. in, 16 gasvinpnan in B aus, für insvinpjan = /.Qazccito^ijvm. An 
einigen andern stellen ist nicht zu entscheiden, welche haudschrift das 
ursprüngliche bewahrt hat (II C. 11, 5. II Tim. II, 26. II C. IX, 2. 
Vn, 8. Xm, 6. Gal. VI, 5). 

Eine eigentümlichkeit , die A von B unterscheidet, ist die grosse 
zahl der randglossen in ersterer handschrift.^ Nach Lobe (prol. p. XIX) 
sind dieselben teilweise daraus entstanden, dass das ältere, durch einen 
neuen ausdruck im text verdrängte wort an den rand geschrieben und 
so erhalten wurde. Das ist allerdings mit Wahrscheinlichkeit zu vermu- 
ten an stellen wie II Tim. III, 2 vairjmnd mannans sik frijondans 
{ipiXaiTOL it. vg. se ipsos aniantes), am rande scinagairnai = (fllavioi, 
ebenso II C. 11, 11 ei ni gaaiginondau fram satanin (jtlenvsxiridio- 
fif-:v), am rande gafailiondau, vgl. hifaiJion = TtleovsATuv, Gal. II, 5 ei 
sunja aivaggeljons gastandai at izvis (diaf-ieivii), am rniide pxiirhvi- 
sai, Gal. 11, 6 guj) nians andvairpi ni andsitip (laf.ißavsi) , am rande 
nimip, IV, 3 pairh siuJcein leikis (dad-ivsiav) , am rande unmahf, 
I Tim. I, 9 unsihjaim {doeßiaiv), am rande afgudaim, 11 Tim. III, 13 
liutai (yotjTeg), am rande luhjalcisai. Indes ist aus dem Vorhandensein 
dieser glossen keineswegs mit Lobe der schluss zu ziehen, A enthalte 
eine jüngere recension des textes als B. Es lässt sich nämlicli dartun, 
dass solche randbemerkungen schon in der gemeinsamen vorläge von AB, 
ja vielleicht in noch älteren handschriften vorhanden waren; sie sind 

1) Nur in dem anders gearteten ersten teile von A findet sich histiiggqis 
Ro. rX, 32. 33. 

2) Es sind deren über 40, in B nur eiuo {aihu zu sigis I C. XV, 57). Im 
Codex Argenteus ist ihre zahl 15. 



niK fiOTIfiCIlKN lIßB. DHU KI'IHTKI.N l'.tl 

nicht selten noben denn wortu , v.u dem sie ^'(diörteii , in den text ein^'c- 
(Irun^en, wie 1 C. XV, C» (in A, IJ iiiclit vurhiiiidcn) fimf hundaut nclx'ii 
hi/hnn (crjum, \\ Tun. II, 2 (13) vatirdn (jnpH neben rcilvodja, Kjih. 111, 20 
/»Kinnid mahfcKjin iifur all tanjaii niaizo (jlban (A , fehlt in li) Jkiu 
hidjiim (lijifnm fritjijfiiti , wo ijihdti glosso zu tnujun war. Lateinisehen 
(|Uollen ontstanite der iirsprün^'licli ebenlalls an den rand ^escbriebi-ne 
/usat/ freljhah in A Mpli. III, 12 in pammci liaham buljjcin fri.ijhals 
jah at<i<uj() in traudiiKii iv ij) {■'x')/ii:v //)»' yiaQ^i^aiui' /.cd li^v ;iooiJir/or/i]r 
Fv :ie;ioiOi'j(jei ; Ircijhals nach libcrtalcm , das sich neben (iducifuu in 
latehiischen handschriften als Übersetzung von .ia()()ijaiai' findet. Ebenso 
ist in B Col. 11, 15 hairhtahd nacli dem lateinisclicn jxiltDn glosse zu 
halpdha h yntgot-nia, und ein ähnlicher liergang hat die Verwirrung 

I. I C. X , 20 hervorgerufen. 

Ni(^ht selten nahm der abschreiber anstatt des im texte seiner vor- 
läge befindlichen wertes die entsprechende glosse auf, und so erklärt 

: sich wol HCl, 8. Hier hat 13: ufarassdu hmriddi vesum ufar ntdld 
svasve skamaidcdcima uns Jah liban wäre i^aycoQtjd-ijvat rj/iiäg y.al 
To?; C//»'), A afsvafigviddi vcseima jal liban, ^ am rande aber ist die les- 
art von 13 bemerkt. XII, 15 hat A für ijiitOTa lapaleiko, B ()abaurj(d)a, 
und dies letztere steht in A am rande. Wahrscheinlich stand in beiden 
fallen die Icsart von 1> skanuiidedcimd uns und gdbaurjaba am rande, 
A schrieb die glosse mit ab, B setzte sie in den text. Beweisen lässt 
sich freilich nicht, dass der Schreiber von A nicht B selbst verglichen habe. 
Bisweilen endlich scheint der abschreiber die glosse auf ebi fal- 
s<'hes wort bezogen und statt desselben in den text gesetzt zu haben ; so 
-I schab es bei dem oben erwähnten frapjaima Phil. H, 16; so ist auch 
1 Tim. HI, 8 zu erklären: jah sva diahmnuns gariudans mih faihu- 
ftihans (di?.6yovg), ni veina fdu haffjandans nili aglaitgastaldans, 
wo faihufr i Jeans , die glosse zu aglaitgastaldans, das gotische wort für 
öilöyovg verdrängt hat. Auch Mt. V, 44 verhält es sich ähnlich mit 
rriliandans. 

Ein solcher process der textveräuderung, wie er hienach stattgefun- 
den hat, setzt mehrere generationen glossierter handschriften voraus; 
folglich war Lobe nicht berechtigt, das Vorhandensein solcher glossen in 
A für ein merkmal späterer eutstehung auszugeben. Zufall oder lamie 
des abschreibei-s hat bewirkt, dass in B nur wenig dergleichen zu fin- 
den ist. 

Beiläufig ^vill ich noch bemerken , dass erweiterungen des griechi- 
schen ausdrucks nicht immer auf glossen zurückgeführt werden dürfen; 

1) So ist zu schreiben und wicht jal -liban. Wer würde iir-riqi:a verbinden 
oder bei Homer xkx - xf(fKXtjv , (cy-xfoctTeacnr? 

13* 



192 n. R. BEZZENBERGER 

in gewissen fällen scheint sich schon der Übersetzer Zusätze und aus- 
sclunückungen erlaubt zu haben, wie II Tim. II, 16 po dvalona usvei- 
liona lausavaurdja rag ßeßi'p.nig y^avocpfovt'ag, I C. XV, 10 arhaidida 
jah usaivida ly-oniaGa, II Tim. II, 1 harn mein valiso Tt/.vov fiov, vgl. 
ibid. 4. Besonders tritt in pathetischen stellen, bei den aufzählungen 
von tugenden und lästern, wie sie Paulus liebt, im gotisclien gern ein 
glied hinzu, s. H C. XII, 20. Gal. V, 20. I C. XV, 10. Col. III, 12. 
I Tim. III, 2. VI, 4. II Tim. III, 2. lu. Tit. I, 7. 

Im ganzen ergibt sich demnach, dass A von einem uukmidigeren 
geschrieben, aber dafür von willkürlichen entstellungen weniger berührt 
worden ist, als B. Als kritische regel ist daraus zu entnehmen, dass in 
fällen, wo A und B auseinander gehen, wo möglich auf grund des grie- 
chischen textes, des sinnes und des Sprachgebrauchs festzustellen ist, 
welcher lesart der vorrang gebühre, falls aber damit nicht auszukommen 
ist, A den vorzug vor B verdient. 

ERFURT. E. BERNHARDT. 



EIN PARZIVALFRAGMENT. 

Der herr seminarlehrer Bünger zu Eisleben hat mir ein perga- 
mentblatt mitgeteilt, das ein fragment des Parzival enthält und zwar 
768, 14 — 775, 30. Es rührt aus der in dem türm der dortigen 
Andreaskirche aufbewahrten bibliothek her und bildete den Umschlag 
von: Psaltcrium Davidis carmine redditum per Eohanum Ilessum, cui 
acc. ecclesiastes Salomonis. Lips. 1584 und Proverhia Salomonis graecc 
vers. hexamctris exp^'essa per Joh. Schirmerum, FriccusanunL Norl- 
herg. 1596. Beide Schriften, unbeschnitten, bildeten einen band und 
waren aktenmässig in das pergameutblatt mit zwei nähten geheftet , wel- 
che daher dieses an zwei stellen zertrent haben; der obere riss geht 
dm-ch 768, 8 — 17 und 773, 8 — 17, der untere durch 771, 8 — 17 und 
775, 8 — 17. Der text hat hierdurch jedoch nicht gelitten. Zwischen 
beiden nähten war aussen ein blatt befestigt, auf welchem die katalog- 
nummer stand. 

Die innere seite ist sehr gut gehalten und bietet für das lesen kei- 
nerlei Schwierigkeiten; viel schlimmer stand es mit der aussenseite, auf 
welcher die schrift hin und wider verschabt ist, und die mit einer fest 
auf dem pergament sitzenden schmutzborko überzogen war. Mit benzin 
gelang es, diese fast ganz zu entfernen und bei weitem das meiste les- 
bar zu machen, weshalb ich mir die anwendung von reagentien ver- 
sagte. 



KlHhKIIKNKK I'AUZIVAI.IIIU;» ll.SK <K l'.'.'J 

Das Ibnimt ist sclmuilfolio von 17 ctm. lufitc uml wahrsclioin- 
licli :!7 rtni. Iiöhc. Aul jcilor seite stjiii<loii zwei tlurch doppel- 
liiiioii <f(.'trüiitn coliimiicii von jo Cii» (2 x :J0) liiiiiortcn Zeilen, von 
(Icnon jt'tloi'li mn (ihcicn ramlo 1.} iibgcsclinitten sind. Auch sin<l iiul' 
der inneren seite di(» obersten Zeilen ganz verscluibt, so dass in der 
ersten colunine erst von 7('>h, 17, auf der zweiten von 77(», IG au der 
text lesl);ir ist; auf der äusseren seite begint iler lesbare text zwar mit 
772, II und 774, 11, von letzterem sind aber nur die beiden ersten 
Wörter Da.:: die vorbaiulcn; das übrige hat der schnitt weggenommen. 

Die schrill gehört noch dem 13. Jahrhundert an. Die anfangs- 
liuchstabcn der Zeilen sind uncialen; die initialen der abschnitte von 
oi» /('ih-n lidilrn, und ist dafür ein kleiner räum gelassen. Von einer 
band des IC), jalirliunderts steht auf dem unteren rande der ersten (inne- 
ren) Seite: Eh-nrlins \ Crcmcovij Citha \ ra David ic<i \ Adami Sibcri. \ 
l'li. (Itrhtojdt. Flieh \ sij. \ Buchanani. \ M. Davidis Jlesi. \ Fridcrici 
W'i I dchnmii. j Bcucdidi Arue moidani. Wahrscheinlich eine notiz des 
einstigen besitzers über dem Psidtoiiox Jhtvidis verwante werke, die 
\ii'llciclit einen wink für weitere in Eislebon anzustellende nachforschun- 
gen gibt. 

Da unter Lachnianns liundsclirifteu nur E in der spalte 60 Zeilen 
liat, glaubte ich anlanglich, das Eislebener bruchstück möchte zu jener 
gehören; allein die lesarten, welche Lachmann an den betreflenden stel- 
len aus E verzeichnet, beweisen das gegenteil. Am nächsten liegt jenes 
ler handschrift D, von welcher jedoch auch abweichungen vorkommen, 
\ie der hier folgende genaue abdruck beweist, in welchem die in der hand- 
.lirift unlesbaren Wörter aus Lachmanu ergänzt und cursiv gedruckt sind. 
7G8, 14 



Vn gvte riter an mich nemen 

Des Iblto mich d-ch 11 gezemen 

Daz ift alfo ergangen 

Mit fchilte bevangeu 

Iftez ingefinde mir benant 

Mauec riter wert erkant 

Da engein ir minne ist min Ion 

Ich trage ein ecidemon 

Vf dem fchilte alf fi mir gebot 

Swa ich lider chom in not 

Zehant fo ich an fi gedahte 

Ir niinne mir helfe brahte 



194 H. E. BEZZENBERGER 

Div waf niir bezz' troftes wer 
Denne min got Jvpiter 
769. Ktvs fp"ch vö dem vatev diu 

Gamvreten den ueveii min 
Ifb ez din voUeclicher art 
In wibe dienft din verre vart 
Ich wil dich dienst wizzen lan 
Daz feiten grozerf ift getan 
Vf erde declieinem wihe 
Ir wmineclicliem libe 
Ich meine die h'zoginne 
Div hie fitzet nach ir miune 
Ift waldes vil verfwendet 
Ir minne hat gepfeudet 
An frevden mangen riter gvt 
Vn im erwendet hohen mvt 
Er faget ir vrlovge gar 
Vn ovch vö def Clinforf fcliar 
Die da fazen in allen fiten 
Vn von den zwein striten 
Die Partzefal fin brvder ftreit 
Ze Joflantze dem anger breit 
Vn fwaz er and'I hat ervarn 
Da er den lip niht kvnde fparn 
Er fol dirf falben machen kvnd 
Er fvchet einen hohen fvnt 
Nach dem grale wirbet er 
Vö iu beidonfamet ift daz min gor 
Ir faget mir Ivte vfl lant 
Die iv mit ftrite fint erkant 
Der heiden ich nenne fie 
Die mir die riter fvrent hie. 



770, 14. 



Vn vö SatarcMonte d' h'zoge Alamis 
Vn d' kvnec Amincas vö Sotofeiticon 
Vü d' h'zoge vö Dvfcontcmedou 
Von Arabie d' kvnec Zaroafter 
Vn d' Greve Poffizotri^ von Tiler 
Der herzöge Sennes vö Nariocliu 
Vn der greve EdiiTon vö Lantefardm 



KlHI.KIIl'.NKU l'AltZIVAMinuCICHTOCK [(jr 

Von lainlVfü d' grevo Friftiiios 
Vii von Ain.|.liao;,.nU' d' |iV.<.^a' Muioues 
Von Nvri^'cnto d' li'zogo Anhcinor 
Vn V(» l'iinlato.s d' jrrevo Altor 
Vo A/,a<,^ovk vn vo Ziizanianc 
Vn vo Ganifalladio d' kvnoc Jctrarranc 
Der <;reve Jvians vo JSIonivnzin 
\'n d' W'Aogo Aflinamv.s vo Amantalin 
771. eil hüte ein dinc vor lehando 
Man lach in mime lande 
Decheiu riter bezzer mohte (in 
Den Oamvict Aiioovin 
Der ie orl' vber Icliritc 
Kz waf min wille vn ovcli min lito 
Da/, icli in IVn(]e 
Sit yewan ich ftrites kvude 
Von minen zwein landen her 
Fvrt ich croftic vber mer 
Gein riterschefte het ich mvt 
Swelch lant was werlich vii git 
Daz tvvanc ich miner heude 
Vnz vevre inz eilende 
Da weiten mich ir miiine 
Zwo riebe kvneginne 
Olimpia vn Clavditte 
Secvndilla ift nv die dritte 
Ich han dvrch wip vii getan 
Hvte alrerft ich kviide han 
Daz min vater Gamvret ift tot 
Min brvder fage ovch fine not 
fprach d' werde Partzefal 
Sit ich schiet vonme Gral 
So hat min haut mit strite 
In d' enge vn in der wite 
Vii riterschefte erzeiget 
Eteflichef pris geneiget 
Der def was vngeweudet i'e 
Die wil ich iv ueuuen hie 

772, 14. Vn vö Privegarz den h'zogn Marangliez 
Vö Pictacon den h'zogn Strennolas 



196 H. E. BEZZENBERGER 

Vii vö Lampreguii den greve Parfoias 
Von Afclialvu den kvnec Vergvlaht 
Vn vö Pranzile den g'ven Bogvdaht 
Poftefar vö Landvndrelite 
Vn den h'zogen Leidebron vö Redynschtc 
Von Leterbe CoUeval 
Vü Jovedaft vö Arl ein Provenzal 
Vö Tipparvn den gveven Carfozas 
Diz ergienc da tvrnieren was 
Die wile ich nacli dem Gralc reit 
Solt icli gar nennen dar ich l'treit 
Daz weren vnkvnde zil 
Dvrcb not icli mvz v'fwigen vil 
Swaz ir mir kvnt ift getan 
Die wene icb hie genennet han 
773. er beiden was vö b'zcn vre 

Daz fins brvd' pris allb 
Stvnt daz ßn hant erstreit 
So mange hohe werdecbeit 
Def dancte er im sere 
Er hete es felhe ovch ere 

Innen def hiez tragen Gawan 

Alf ez vnwizzende wero getan 

Des beiden zimierde in den rinc 

Si prvfetenz da fvr hohe dinc 

Kiter vü frowen 

Begvnden alle fcbowen 

Den wapenroc den fcbilt daz kvrßt 

Der beim was zenge noch ze wit 

Si priftcn al gemeine 

Die tiwern edeln fteuie 

Die daran verivieret lagen 

Niemen darf mich vragen 

Von u- arte wie fi weren 

Die liebten vn die fwereu 

Ivcb hete baz befcheiden des 

Eraclivs od' Hercvles 

Vn d' krieche Alexander 

Vn damiocb ein ander 

Vn d' wilb Pitagoras 

Der ein aftronomierer was 



KISI,I'.IIKNKU rAKZIVAlJIKirCUHTÜCK IUI 

Vii Tu wU'c iiiic llritiw/ 
Nii'iiKin lit AfliiiiK.'S vÄUin 
MnliL im gulicliL'u liii gotrii;,M5ii 
Der kviidc vvol vö lleineu la^en 

771, 11. Du/ (li(. 

Vf dem veldo er^Mongo 
Duz inim da mit eni)hit'ii<,'ü 
.Sinoii lu'VL'u Feirefiz 
An doii ^'oworp kort iw'ii lii/ 
Vii iwer boften witze 
Daz er mit viis befitze 
Ob dor tab(drvnder 
Si lobten al befvnder 
Si wiirbenz werez im iiilit leit 
Do gelobt er in geselleclieit 
Feirefiz der riebe 
Daz folc fvr algelicbe 
Do man i,^ercliancte an ir gonuicb 
Mangos Ircvde alda gofcbacli 
Def morgens ob icli fo fprecben mac 
Do erschein der fvze m'e tac 
77,'>. tejiandragvns IVn 

Artvfen lach man allvs tvti 
Er prvfote koftlicbe 
Fine tabelrvude riebe 
Vz eime driantafme 
Ir habet wol goliore^ c 
Wie vf dem Flimmelcs plan 
Eine tabelrvnde wart getan 
Naeh der dife ivart gefnitcn 
Siuewel mit folchen fiten 
Si erzeigeto riehliebiv dine 
Sinwel drvmbe man nam den rinc 
Vf ein towec grvne gras 
Daz wol ein poiuder landes was 
Vonme fedel an tabelrvnder 
Div stvnt da mitten Ivnder 
Niht dvrcb den uvtz et d'cli den namn 
Sich moht ein hccfc man tvul fchamn 
Ob er da bi den werden laz 



198 H. E. BEZZENBERGEB , EISLEBENER PARZIVALBKUCHSTÜCK 

Die fpife fin mvnt mit fvnden az 

Der rinc wart bi tV fclioneu naht 

Gemezzen vü vorbodalit 

Wol nach rilichen zilen 

Ez moht wol eine armen kvnec beviln 

Als man den rinc gezieret vant 

Do der mitten morgen wart erkant 

Gramoflantz vü Gawan 

Vö in div koft wart getan 

Artvf was def landes gast 

Silier /coft da doch niht gehraß 

MERSEBURG, 16. FEBR. 1873, H. E. BEZZENBERGER. 



Auf eine anfrage über die beschaffenheit des von Lachmann mit E 
bezeichneten Münchener bruchstückes einer Parzivalhandschrift und des- 
sen Verschiedenheit von dem hier mitgeteilten Eislebener ist herr Staats- 
bibliothek - sekretär dr. F. Keinz so gütig gewesen, mir folgende aus- 
kunft zu erteilen: 

Das Müncliener bruchstück, unter der Signatur Cgm. 194, ist ein 
mittelstarkes raulies pergameutblatt in schmal -folio von 21 centimeter 
höhe und 14 centimeter breite, und enthält zwei spalten zu ursprünglich 
60 Zeilen, von denen jedoch die 6 untersten jetzt fehlen. Horizontal- 
linieu sind nicht erkenbar , verticallinien zur einfassung der anfangsbuch- 
staben der verse wahrscheinlich nicht vorhanden. Die schrift zeigt einen 
etwas älteren Charakter als die des Eislebener blattes. Die s sind viel 
höher als die übrigen buchstaben. Am Schlüsse des wertes steht nur 
langes /". Das n ist stets ausgeschrieben, nicht durch einen strich 
ersetzt; auch vnd und der sind ausgeschrieben, nicht abgekürzt. Der 
anfangsbuchstabe jedes verses steht von dem folgenden etwas ab, ist 
grösser als dieser und hat als g m s majuskelform. Der erste vers jedes 
abschnittes von oO Zeilen begint mit einer grösseren roten majuskel. — 
Wiefern das Münchener blatt in Orthographie und. dialect von dem Eis- 
lebener verschieden ist , lässt sich aus vergleichung des bei Docen , Mis- 
cellaneen 2, 111 fg., abgedruckten Stückes mit dem hier mitgeteilten 
ersehen, 

HALLE. J, ZACHER. 



VM 



J. M. 1{. LKNZ IST VKIII ASSMK DKK SOJ.lhVTKN. 

Din l'v;ii!;i' <'l> \A'Aiy. u<k!r Kliii^'or vcrliisscr «ItT 177r, bei Weidmanns 
l'hluüi iiinl K'cicli in Ii»'ip/i^' erscliicMiüiKUi koniödie Die Soldaten Hei, 
ist bekantlicli iifuerdings durch den abdruck eines Ijriefes von Klinger 
an den Verleiher Kelch, worin jener am ('.. mär/ 1777 ausdnicklich erklärt, 
niclit Lenz, S(»nderii er sei dichter der Sohhiton (abj^'cdruekt in den 
von K. V. Iloltci herausgegebenen brielen an \j. Tietk I. .iiii; ) zur Ver- 
handlung gekommen. Koherstcin regte dieselbe durch einen kleinen auf- 
sat/, in (losches Archiv für liitteraturgeschichte I. 'M'2 — .'511 an, ohne 
sich selbst zu entscheiden. Darauf hat herr v. IJeaulieu-Marconnay im 
/weiten band jenes archivs 215 — 257 die urkundlichen Zeugnisse zu die- 
ser Sache gesammelt und besprochen. Er kam zu dem ergebnis, dass 
jener auffallende brief Klingers ein/ig für einen versuch anzusehen sei, 
dem kränklichen und zartbesaiteten freunde Leaz in seinen bedenken über 
den druck der Soldaten zu hilfo zu kommen und ihn erforderlichen fal- 
les zu vertreten; ja er macht es sogar durch zwei äusserungen Lenzens 
wahrscheinlich, dass er im einverstäudnis gewesen sei. 

Herr v. P)eaulieu - Marcounay hat seine belege aus den briefen von 
Lenz an Herder und Lavater, aus einer von Tieck in der einleitung zu 
Lenz Schriften I, CXXl mitgeteilten äusserung desselben, ferner aus 
Zimmermanns briefen und aus Goethes "Wahrheit und Dichtung gewon- 
nen. Als inneren beweis macht herr v. IJeaulieu- Marcounay die poli- 
tische idee geltend, welche den dichter schon vor abfassung des Stückes 
beschäftigte und die er in den Soldaten dramatisierte; es ist ein sehr 
schlagender beweis, der nach meiner ansieht noch mehr auszuführen 
gewesen wäre. 

Diese meine zeileu wollen den inneren beweis vervollständigen imd, 
wie ich denke , die streitirage , die im gründe leicht zu entscheiden war, 
für immer beseitigen. 

Die Soldaten stehen mit den ülnigen comödien von Jacob Lenz 
(Jacob, nicht Keinhold war der rufname des dichters) im inneren zu- 
sammenhange, indem auch sie ein socialpolitisches problem zur darstel- 
lung bringen wollen. Den Klingerschen trauerspieleu jeuer jähre ist 
diese absieht durchaus fern. Die Soldaten würden sich höchst fremd 
auch in dieser hinsieht neben Otto , dem leidenden Weib , der neuen Arria, 
Simsone Grisaldo, Pirrhus, Sturm mid Drang und Stilpo ausnehmen. 

Ein schlagender beweis gegen Kliugers Verfasserschaft der Soldaten 
liegt aber in der spräche. Goedekes bemerkuug in seinem gi'undriss 
IL 670: „Schon die rheinisch gefärbte spräche hätte vor der Vermutung 
schützen sollen, als ob Lenz der Verfasser von Otto und dem leidenden 



200 WEINHOLD, LENZ VERFASSER DER SOLDATEN 

Weib sei ," war durchaus richtig-, Umgekelirt gilt für die Soldateu , dass 

die norddeutschen, im besondern die livländischen idiotisnien jeden ver- 
dacht vernichten, als ob Klinger Verfasser dieser comödie sein könne. 

Ich führe aus den Soldaten, unter der Seitenzahl des Original- 
druckes , folgende werte als bemerkensAvert in jener hinsieht auf. 

ulks: was das für dings alles durcheinander ist 26. Das ist alles das 
Mariel schuld 27. Vergl. v. Gutzeit Wörterschatz der deutschen 
spräche Lievlands (Riga 1864) 1, 29. 

aUcsfort: sie will allesfort klüger sein als der papa 6. Du kannst nur 
immer allesfort mit ihm in die comödie gehn ;U). — v. Gutzeit 30. 

alt liebkosend: mein altes Scharlottel du 64. 

an c. dat. bei schreiben: schreib ein paar Zeilen! — an wem denn? 63.— 
V. Gutzeit 34. 

arschgesiclit : mit euch verfluchten arschgesichtern 37. — v. Gutzeit 51. 

auf bersten: ich dachte, ich sollte aufbersten vor lachen 47. 

ernst: aus ernst, mutter, mir ist nicht recht 8. 

fressen: neulich ist wieder ein streich mit ihm gewesen, der zum fres- 
sen ist 91. 

fristen: beschäftigungen ohne aussieht sind nur ein gefristeter tod 96. 

gans: Handy zu Eamniler: du bist eine politische gans, ich werde dir 
das genick umdrehen 45. 

(jewittern: ich glaub, es wird gewittern die nacht 31. 

heuehel: dummes keuchel 16. — Grimm, d. Wörterb. V, 647. 

knocken: was reden wir weiter von dem knochen (dem verlasseneu mäd- 
chen) 112. — Daneil, altmärk. Wörterb. 110 hat knochen als schelte 
für arme mädchen, vergl. auch Grimm, Wörterb. V, 1457. 

machen: so mach sie doch das kind nicht 28. — Der kerl macht einem 
das gallenfieber mit seiner dummlieit 46. 

niüdgen: pl. müdgens , braucht Lenz neben dem von ihm angenomme- 
nen mädel, plur. mädels. Das bei Goethe und Klinger damals übliche 
maidrl hat er in den Soldaten wenigstens niclit. 

pappusclika (väterchen): gute nacht pappuschka 31. 

saideder: du hättest ein schön sauleder auf den hals bekommen 110. 

schwenken: gleich lassen sie die gläser schwenken und machen uns guten 
punsch zurecht 36. 

scelc: geh mir aus den 'äugen, du gottlose seele 26. Schlechte seele 27. 
Ihr lüderliche seele 114. 

rcrkcliren: ich will den teufel der sie verkehrt hat 57. 

verstand (sinn des satzes): so lies doch bis der verstand aus ist 5. 

wix)s: wips ist ein armes mädel in der leute mäuler 17. 

wo: na gott behüt, wo konit das wunder 62. 



.1 1!Iii;n, \i,( I iKsi'-c iii:s 'JOl 



Vdii (lii'S((ii hier ;iiis}f('linl)(jii('ii worifn sind vt»r ulU'ii /.lutlitl, Icno- 
(hcn, jxip/iusrIiLft, icips, im cntsclit'iilt'inl. Hei Kliii;;<!r wäitMi sie ^liuz 
uinnöj^dicli. Aber ganz ubgeselicii von ilitscii «'iii/clliciton dos Wortschatzes 
ist das g('isti<,'n t,'oiir;ige Aw spräche der sohhitt.'ii (hircli und durch h'ii- 
ziscl» und vöHit,^ unklingerisch. So sehr sich Klin^'cr in dein genia- 
lischen Jargon jener jähre gefiel, so wild und zerrissen sein ausdruck 
wird, er ist doch immer kräftig «md markig, o^ sogar plastisch. Man 
lese die im sidhen Jahre 177C> von ihm herausgegebene Neue Arria neben 
den lenzischen Soldaten, und üheizeuge sich, dass es Jedem, wejiher 
für l'orni und inhalt eines schriltstellers nicht vTdlig blind ist, ganz 
unmöglich ist, darülx^r zu schwiinken, ob die c(»müdie Die Soldaten Lenz 
oder Kliuger angehiu'e. 

KIEL, JIIIJ 1.^7:5. K. WKIMloLl). 



ALTFEIESISCIIES. 

In einem abgabenverzeichnis der herschaft Jever aus dem ende des 
15. Jahrhunderts (papier, sedez) befinden sich auf zwei einander gegen- 
überliegenden blättern in ziemlich unlesbarer handschrift friesische bruch- 
stücke, die der verstorbene staatsrath dr. l^everkus auf folgende weise 
entzittert hat, ohne indes für die richtigkeit der lesung überall einstehen 
zu können. Der inhalt ist nicht überall klar. 

Erste Seite. 

1. Ti/Hw hofa anda onhta vndc huta ciaton 

2. aiv twy hofa Thrini pnnui/iifi wicht 

3. goldcs is cyn lad, Nyuwijcn schiU. Icoiia 

4. Is cyn lad, Twiliff pannynge wicht ffoldes 

5. is X (jrata. Alle inlcmidc ande houdc anda 
G. lyua vndc ande hcna, is V fülle merk 

7. Item tyu lad merk is V witte merk Vnmle 

8. fyu ivitfc ivittc merk fijf' fyadingk, cyn 
i). ieldt merk XX (jrata. Tynw reyl merk 

10. is In hrcckma X ifrata, In hofa \. merk 

11. Boldewicht goldcs is X grata, eyn leyn merk 

12. is X grata, eyn wedc is XII sware 

13. Sa ivcr sama ena manne ennc 

14. to]) heres of stat thet hems folgath 

15. her aml s war de and thredda fhrf is 

16. fivcr and twintich scliill iefta tuene etJia 



202 LÜBBEN 

Zweite Seite. 

1. Ite))i vmvisse ivakende dit is cyn hunt, holdcivyn 

2. isset eyn ferimcnt, eyn scliillingh Jcona is eyn aldt 

3. sivare, I hona is fyadendeel van eyn aldt sware 

4. Dy Schill, is hinna geddelo try grata nyada 

5. syugun sivarc, loecrc sa en hota funden 

7. wert hy tvytich ensa, szo is tJiet eyn laet vnde 

8. syugen fyadinge vnnde tivene Schill. Tivintich 

9. ensa sint fi/f schill. fyadingh, huta syugen Schill. 

10. Jcona ^ fiff ensa sent vi ff laet, huta on halff 

11. Schill. Jcona, hy rcddnates vnde Jcaivynges 

12. pannyngc to reJcenande 

13. Anda fifftende liodJcest is tyuw fülle merJc In 

14. fax fangcs hota dere fintnia den schill. van 

15. try grata, fyuwere panninga en grata., eyn ensa 

16. eyn ttveda laet Try enfa fiff grata, Tymv 

17. ieldt merJi is tyiiio fülle merJi vnde vmhe det domatma 

18. awedele da reyl mcrJc 

19. Tyuiv Streuinge vnde tudinge der vnime tyu fülle merJc 

20. Biar laem 1 nierJc, Saxfes haJce flecJc V tnerJc 

21. vnde di . . cwet floet flecJc edder fleet alfe feie Tliy 
22: Schill. wicJit goldes is {tyaen?) grata. 

A. 1. tyuw = altfr. tliiii. onleta = ondlete, andlete. 
3. laet = altfr. lad. nyuivgen = niugun. 

5. inlemida = altfr. inlemitJia. 

8. tvitte steht doppelt; wol nur ein versehen des Schreibers; fya- 
dingh = fiardingh; mnd. verdinJc. Ebenso 9*", und 3^ fiadendeel 
= fiardendcl. 

13 — 16 entspricht der bestimmung der Rüstringer busstaxen, Eichth. 
p. 119', 2 fgg. Sa hwer sa ma ena monne top Jieres ofstat, tJiet 
tJier folgatJi Jicr and swarde and hlod tJiredda , thet is fiuwer and 
twintich sJciUinga hole , ieftJia twene etlia. Dass hlod fehlt , ist 
ein vorsehen des Schreibers ; denn tJircdda (drittens) allein ist 
ohne sinn; hota kann v. 16 fehlen. 

B. 1. vnwissc waJccndc^ Richth. 77, 25 und 341, 1 stellt: hi slcpandere 

tJiiade (mnd. hi slapendcr det, wenn die leute schlafen) and hi 
vnwissa waJcandon. Von Richthofen erklärt: „während es unge- 
wiss ist, ob jemand schläft." Das Wurster Landr. hat: vnd hy 

1) Hier steht ein insei-tionszeiclien , und ist dazu am rande bemerkt: Tyan 
ensa synt treddc halue fyiierdinck buta trcy schill. kona. 



AI.Tl'nii;siN( HKS l'O.'i 

vm/eiüissi' iva/iOnh', ihilh is de Intudf. Dit'scm i'iits|iri<|it diiB 

obif^y. Ks sull (liMiiiuicIi vvül licis.scn: „wiiliieiid nur t-iin' iiiisiclicn' 

wachü da ist, iicmlit-li mir der liiiinl wacht." 
11. Vj^d. Iii(ditli. !.'■), .'»: ti/il/i hnnii \/niuniii{ioH\ lUdiuUhrs slii<litn 

iffllui, I\<iiviii.<i<s slac/ifti. 
1.'!. In der 15. kcd boi llichtli. 22 ('<(. liiidcl hkui nichts derartiges. 
11». strcii'nujc ist „ abreissunj,^" V<(1. liichth. :M , 4. tüif'strruene, 

cxspolidtio C(t}>i/is fcnniKic das ahrcisscii drr k(ij)jh('(h'fkun<f einer 

frau. 
20. hiarlacm liiidet sich auch hei ivichth. .;:> 1 , 21. hif/ihm: was 

Iioisst es aber? 

sajsrs hake slrk ist w<d ein schhig oder stich mit einem iiiesser 

auf den rücken. 

Über die in diesem Fragment angegebenen raünzwerte s. Kichth. 
unter den betrelVenden w ürtern , bes. 92o fg. 

Hesondere z. t. unklare Wörter sind: 11" holdewkht , 1'' hohlnci/u, 
2'' fcrwicnt; 4'' nyada ist wol zu trennen, nya, neu; d(i üebenform zu 
tha, „oder"? \1^ domatma? li^^' aweddc? und T aw? Id^'tudinge gehört 
wol zu tid, ziehen, reissen. 21'' flod fleck cddcr flcci? di . . qtvet = 
dis oder dit qwct: dieses besagt? oder partic: „das so genante?'" 

OLDKNBUliG, JULI 1H73. A. LÜBBEN. 



BELEGE ZUM VORKOMMEN DES NAMENS VOGELWEIDE 
m ÄLTEREN URKUNDEN. 

Franz Pfeiffers ansieht, dass in dem orte Vogelweide ohnweit 
Stertzing in Tirol die geburtsstätte des dicliters gefunden und dessen 
familienname von diesem Ortsnamen herzuleiten sei, eine ansieht, die 
R. Menzel in seinem leben Walthers als ausgemacht und unumstösslich 
betrachtet, dürfte heut den meisten sehr- zweifelhaft erscheinen, seitdem 
mehrere örtlichkeiten dieses namens nachgewiesen sind. (Vgl. Sclierers 
recension des buches von Menzel in der Zeitschrift für österreichische 
gymnasien 1866 s. 311.) Weder heimat noch uame sind bisher mit 
Sicherheit festgestellt, und so erscheint es keineswegs überflüssig, mitzu- 
teilen, w^as irgend beitragen könte, die frage lösen zu helfen , stünde es 
auch nicht in directer beziehung zum dichter selbst. 

W. Grimm hat bekantlich erklärt, da es kein geschlecht gegeben 
habe, das von der Vogelweide hiess, so möge auch Walther (gleich 



204 PALM 

Freidauk) einen dichtensclien namen angenommen haben. Indes fragt 
es sich doch , oh die existenz eines solchen geschlechts so unbedingt zu 
leugnen sei. Zunächst steht fest, dass Vogelweid und Vogelweider ein 
in Süddeutschland und der Schweiz verbreiteter familienname ist und 
o-ewesen ist. Schon Uhland l)ezeugt dessen vorkommen in Würtemberg 
noch in der gegenwart. Für lieutlingen z. b. ist dasselbe dem Verfasser 
dieser Zeilen ebenfalls glaubhaft versichert worden. Aber die familie 
wird auch schon früh erwälmt. Kurz im Aargauer programm von 1866 
weist nach, dass bürgerliche Vogelweider im cantou St. Gallen schon 1377 
und später noch öfter urkundlich belegt sind. Die noch frühere existenz 
derselben in Frankfurt a. M. bin ich im stände darzutun. Herr dr. Wül- 
ckert am dasigeu Stadtarchiv teilt mir mit, dass in dem ältesten nekro- 
loge des Bartholomaeusstiftes (Stadtarchiv ser. II nr. 11) fol. 23 zu Eme- 
rike virg. ein Wolframus Fogelweider, von ältester band geschrieben 
und fol. 21'' zu Basille virg. Columbani abb. eine Gisela Fogelweideren 
ei-wähnt ist. Das totenbuch trägt zwar keine bezeichnung des datums, 
doch glaubt herr dr. Wülckert, dass jene älteste band aus der zeit von 
1190 — 1240 stamme und somit jeuer Wolfram spätestens der ersten 
hälfte des 13. saec. augehöre, Gisela aber etwas jünger sei. Nachfor- 
schungen in anderen stadtbüchern , z. b. in den seit 1312 vollständig 
erhaltenen Frankfurter bürgerbüchern , oder den mit 1320 beginnenden 
beedbüchern brachten keinen weiteren beleg für diese familie, die dem- 
nach schon früh aus Frankfurt verschwunden sein muss, — In Nürnberg 
erscheint dieser name nach herrn dr. Frommanns mitteilung in den bür- 
gerbüchern erst 1514, da ist ein Hans Vogelweidt aus Bopfingen und 
1525 ein Lienhard Vogelweidter aus Krakau angeführt, beides offenbar 
bürgerliche leute. Im ersten dieser fälle fehlt, wie man sieht, die end- 
silbe er, auf deren anfügung in jenem Zeitalter wol kein wert zu legen 
ist. Viel bedeutsamer dagegen ist die Verfügung des artikels vor den 
familiennamen. Der Vogelweider, namentlich wenn ein vorname etwa 
wie Walther hinzugesetzt würde, wäre offenbar eine Umgestaltung der 
bezeichnung des adeligen geschlechtsnameus von der Vogelweide, ebenso 
wie Hartmann der Ouwaere bei Gottfried von Würzburg für Hartmann 
von Ouwe, und der Tannhuser, der Kürenberger usw. für: der von 
Tannliusen und der von Kürenberg gesagt wurde. Hier erscheint die 
Silbe er von gewicht und als ersatz des wörtchens von. Dagegen darf 
man nicht wagen einem W. der Vogelwaid ohne weiteres adeliges 
geschlecht zuzuweisen. Vielmehr wird man sich stets versucht fülilen, 
aus einem solchen der Vogelweid ein appellativum und die bezeichnung 
für eine l)estimte heschäftigung am vogelheerde herauszulesen, wofür 
lieiüch auch noch die belege fehlen. Wäre es erlaubt, der Vogel- 



VOdKLWKlDK IN ALTKHEN UKKINDP.N 20;'» 

woid identisch iiiil der Voj^cl wcidiT uihI dies mit von der Vo^cl- 
weide anzusehen, so würde dus adelij^e f,'eschlecbt iu zwei uriiunden 
nachgewiesen sein , und zwar heidc male so<,'ar in ein»'m trüger des 
vornanuMis unsers dichters, WalUicr, (h-n man demnach in späterer zeit 
wegen der herühmthcit des letzteren mit, vorlichc im geschlechte gewählt 
haben niiistc. Die erste dieser Urkunden ist die sciion hekante in dem XVI. 
l)ande der nionumenta lioica, wo \k 15;» ein AVaUer der Vogelweid von 
Veitheim unter den zeugen einer Urkunde des klosters Schönf'eld in 
IJaiern aufgeführt wird. Leider ergibt sich aus den namen der übrigen 
mitzeugen aucii nichts, was auf den vornehmen stand und die adelige 
herkunft dieses Walther deutete.. Es werden dort noch genant ein Chor- 
herr Heinrich von Ingolstadt, ein Hans Ler von Schondelsberg, bei wel- 
chen oflenbar das wörtchen von nur die herkunft, nicht das geschlecht 
anzeigt, und ein Conrad der Viertziglialler, was von Vierzigliali heissen 
künte, wenn es ein derartiges adelsgeschlecht geben sollte. 

Nicht besser steht es mit der Urkunde, die ich neu beibringe. Sie 
ist entnommen aus einem de.ii Wiener Deutschordens- centralarchive 
angehörenden diplomatarium , seu Regesta celeberrimi ordinis St. Johan- 
nis Hierosolym. per Boliemiam von Schwandncr. Dort lautet dieselbe 
buchstäblicli , wie ich sie der gute des herrn archivsecretürs dr. Grote- 
fend zu Breslau verdanke: ,,13G8 in den nächsten freitag nach saudLucien- 
tag. Stephan AVulfing des Brewne sun, meine vettern baide AValther 
der Vogelwaid, Leopold der Vatter verschaffen den Haus S. Johanns 
Orden zu Fürstenfeld, herrn Hausen Rinderschinchk Commentewer daselbs 
und seinen nachkommen einen acker neben der Cröphiu acker an den 
Mitlerweg und ein acker ob der Wolfsgrub, ein acker niederhalben des 
Chreützecken einen acker auch dasell)s einen stadt und garten einen acker 
neben des Haus acker S. lohaunsorden , ein Weingarten an dem alten 
Berchk. Originale in Tabulario Magni Prioratus Bohemiae." 

Die hiernach von einem Waltlier der Vogelwaid nebst zwei andern 
vettern an das ordenshaus der Johanniter in Fürstenfelde erfolgte Schen- 
kung von ackern und gärten ist immerhin bedeutend und lässt auf ein 
begütertes steierisches geschlecht schliessen , denn Fürstenfeld liegt im 
Eaabviertel von Steiermark. Ob dies aber ein adeliges war, ist freilich 
damit noch nicht erwiesen. Oenealogen und archivare werden nun 
darüber zu entscheiden ha])en, ob aus dieser bezeichnung: der Vogel- 
weid ein schluss auf den adel zu machen ist. Wäre jedoch dieser AVal- 
ther der Vogelweid ein collateral-descendent unsers dichters, so wäre 
das heimatland des ersteren, Steiermark, für die herkunft des letzteren 
nicht ohne bcdeutuug, die ja mit so gewichtigen gründen nach Oester- 
reich verlegt wird. — Indes ein beweis lässt sich auf die augeführte 

ZEITSCHH. F. UEUTSCHE THILOL. BD. V. 14 



206 REIFFERSCHEID 

Urkunde uicht eher begründen, ehe nicht mehr und zuverlässigere Zeug- 
nisse für die existenz eines steierischen adelsgeschlechtes beigebracht 
sind. Herr archivar prof. dr. Zahn in Graz will die gute haben die hier 
gegebene spur weiter zu verfolgen. Denkbar ist es ja doch, dass sie zu 
einem resultate führte, wie fern dies auch jetzt noch zu liegen scheint. 

BRESLAU. H. PALM. 



ZU GOETHES ZAUBERLEHRLING. 

DIE GESCHICHTE VOM ZAUBEELEHELING AUS SPANISCHEN 
INQÜISITIONSBÜCHEEN. 

Den Stoff zu seinem Zauberlehrling entlehnte Goethe, wie jetzt 
allgemein angenommen wird (vgl. z. b. Düutzer, Goethes lyr. ged. erläu- 
tert L 281 fg.) dem Lügenfreund des Luciau, der im ersten bände 
der Wielaudschen Übersetzung (1788) allgemeiner zugänglich wurde. 

Auf diese quelle des Goetheschen gedichtes hatte zuerst F. Pas- 
sow aufmerksam gemacht, in der Philomathie, H. (1817), „Über die 
romantische bearbeitung hellenischer sagen," jetzt in seinen vermisch- 
ten Schriften, herausgeg. von W. A. Passow. Leipzig 1843, s. 108 fg. 

Ungefähr zehn jähre später wies C. L. Struve die griechische 
quelle des gedichtes nochmals nach, wie es scheint, ohne Passows arbeit 
zu kennen: „Zwei bailaden von Goethe, verglichen mit den griechischen 
quellen." Königsberg 182G, abgedruckt in seinen opuscula selecta ed. 
J. Th. Struve. Lips. 1854. H. s. 418 fgg. 

Passow bemerkte schon, der Zauberlehrling habe vielleicht noch 
eine viel ältere morgenläudisclie quelle. '^ Ich bin nun in der läge eine 
erzählung vom Zauberlehrling vorzulegen, welche aller Wahrscheinlich- 
keit nach nicht auf Luciau , sondern auf eine in Spanien durcli Juden ^ 
oder Araber verbreitete volkstümliche Überlieferung zurückgeht. 

1) Bei Lucian erzählt Eucrates nämlich von dem „nieister" (Pancrates) cap. 34: 
]Mi,u(fiTrjg ((i>l}Q T(i5v ifQdiv youf.i/naT^cov , S-«v/.t('((Jiog trjv ao(fiav xcd rrjv naideiav 
nüaav (iöws t^v AlyvnTiov. ik^yezo cT^ TQi'n -xcd d'xoatv hr] it> toTs aSiTOig vnö- 
ydog ojXT}y.(r(u uayfvstv ntaSivöfAivog vno Trjg ^'Taiöog. 

2) Herrn professor J. Zacher verdanke ich folgende interessante mitteilung: 
„die gestalt eines solchen dieners, mit specifisch jüdisch gestalteter änderung, ist 
auch der rabbinischen litteratur bekant unter dem namen Golem. Vgl. Abraham 
M. Tendlau, das buch der sagen und legenden jüdischer vorzeit. Stuttgart 1842 
s. 16 fgg. nr. 4. „der Golem des Hoch -Eabbi- Lob." Anderwärts muss sich noch 
mehr über solchen Golem finden." Vgl. noch Eisenmcnger, Entdecktes judenthum 
I. 435. 



ZV OOETireS ZAUBEßLEiraLIKfJ 2(l7 

Im (Ir. St, (' in lt(n<^s iiaclilasse luiiiiliili. ilfii iiiir mein verehrter 
lehntr iiml Ircuntl prof. .1 oli. K reu de ii Ixnt,' y.iir tlureh.siclit und etwaigen 
Verwertung anvertraute, l'and ich Iblgenden aus/ug ' aus dem buche 
„Junger Joseph der studironden Hoch- Adtdidien Jugend de» Xave- 
rianisclien Seminarii zu Pologna. In verscliiedenen Anreden von 
P. Ciesare Calini vorgetragen, an jetzt .... in (his 'l'eutsche au.s 
dem Welschen übersetzt .... Augspurg ... 17:M.'- 

„Ein 2 arger Diener ist jener, welcher seinen Herrn zwar folgt; 
allein nur so lang, da man ilime gefällige, leichte und beliebige Sachen 
auftragt, in widrigen seinen KoplV nachgehet. Höret ein (leschicht, 
w e 1 c li e d e n k w li r d i g i n S ]> a n i s c h e n hnj u i s i t i o n s - IJ ü c h e r e n 
verzeichnet. 

Ein gewisser Herr stunde in großer Freundschafft mit einem Zau- 
berer: einstens hat er in dessen Camnier wahr genommen, Avie dali, 
wann er wolte bedient Averden. den Hut auf einen Besem gelegt, einen 
kleinen Creiß herum gezohen, und gewise Wort gemummlet. Worauf 
der Besem gleich ein Diener worden , welcher munter, hurtig und dienst- 
willigst sich erbotte, sagend: Was befililt der Herr? Avas schaffen sie? 
Die vom Zauberer ergangene Befehl hat der neu-erschinene Aulwarter 
auf ein Nägelein vollzogen : Liesse sich A^erschickeu , kommete zurück, 
und verrichtete alles: und so der Herr seiner Diensten nicht mehr von- 
nöthen gehabt, ist der vermummte Aufwarter in ein Winkelein des Zim- 
mers verschloffen, und der alte Besem Avorden. Der Herr von der Behän- 
digkeit, und schneller Verwechslung dises Bedienten gantz eingenom- 
men, wünschte ihme auch einen solchen, bey sich erwegend: so ich 
seiner Dienst brauchte, hätte ich ihn zu banden, Avenn es an der Zeit, 
daß ich mich Avas kosten , oder ihne auszahlen solte , machte ich widerum 
einen Besem daraus. Also genau hat er ihne in Acht genommen, daß 
er die AVort der Zauberei eingetruckt. Kaum ist er nacher Hauß kom- 
men, befihlt er gleich, man solle einen großen langen, neuen Besem 
herbey bringen: in dessen Betrachtung verliebt er sich, und drehete ihn 
in den Händen herum, ScherzAveiß sprechend: 0! diser wird einen tapf- 
reren Hauß -Diener abgeben: ein schöner gebrähmter Hut unter den 
Arm, ein taffetetes weisses Camisol unter denSardu, und seidene Schärpf- 
fen, Averdeu ihn prächtig ausstal'firen. Spricht hernach die erlehrnete 
zauberische Wort, und verstellt den Besem zu einem Aufwarter, welcher 

1) Steniberg hat seinem auszuge uoch folgende bemerkung beigefügt: „Der 
Verfasser des „Zauberlehrlings" wollte in seiner jugenci die gesebicbte des erzvaters 
Joseph bearbeiten und bat den entwurf zu bildlichen darstellungen ans dessen leben 
gemacht : er kante wol diesen „jungen Joseph."" 

2) A. a. 0. s. 7 fgg. 

14* 



208 REEPFERSCHEID , ZU GOETHES ZAUBERLEHRLING 

alsobald gefragt, was befihlt der Herr? was verlangen sie? Gehe zu 
dem Meer hinaus, schaffet der Herr, holle Wasser, und schitte es in 
dises Beck. Der neue gebackene Diener gehet, und bringt das Wasser 
in das zubereitte Geschirr. Solcher Weiß gehet er, und widerkehrt mit 
dem Wasser so lang nacheinander, bis es der Herr abgeschaffen. Anjetzo, 
versetzte der Herr, ist deß Wassers gnug, gehe um einen Schwamm, 
dasselbe aufzutrücknen, der Diener aber gehet, und kommt gleich widerum 
mit neuem Wasser , und schittet es , wie vor , aus. Hab es schon gesagt, 
deß Wassers ist genug, widerspräche der Herr, jetzt gehe in Wald, und 
bringe Holtz. Er aber, an statt des Walds, kehret zum Meer, um neues 
Wasser zuzutragen. Gar zu laug würde es werden, alles zu erzehlen. 
Anjetzo befehl ich dir, widerholte der Herr, daß zu disem Ofen Feuer 
verschaffest, und gehet widerum zum Meer, und tragt Wasser zu. Das 
Zimmer schwimmete schon im Wasser. Und der stöttige Diener wolte 
auf nichts anders, als auf Wasser -tragen sich verstehen, die übrige 
Hauß -Bedienten wurden beruffen, man kommt zu denen Waffen, und 
hauet dem halßstärrigen Wasser - Träger Hand und Fuß ab, aber umsonst: 
dann er zwar allda verschwunden , aber gleich auf ein neues , an jeden 
Arm, Schultern und Fuß mit einem Wasser -Eimer beladen, zurück 
gekommen , und es ausgeschittet. Das überläftige Gewässer hat sich von 
der Cammer über die Stiegen, und durch die Thüren auf öffentliche 
.Gassen also ergossen, als ob ein reissender Bach daher schösse. End- 
lichen ist der Zauberer selb ft in das Mittel berufen worden, welcher mit 
wenigen Worten , so der Herr übermerckt , der Sach ein End gemacht, 
und verschaffen, daß die Stücke des höllisclien Aufwarters sicli in ein 
Winckel der Cammer verkrochen, sich in jener Gestalt sehen lassen, in 
welcher sie erschinen, bevor sie von denen Bedienten zerhauet worden, 
nemlichen Stuck eines Besem. 

Handgreifflich sehet ilir, daß diser ein Teufel in Gestalt jenes Auf- 
warters gewesen. Und ob ich auch nichts melde, vermerket ihr, daß 
es niemahlen Eosen bringt, mit dem Teufel in einiger Verständnuß zu 
leben. Er schadet, wann er auch dienstlich zu seyn scheinet, ja ihr 
gehet noch weiter , und sagt zu meinem Fürhabeu : Es ist kein Wunder, 
daß diser Diener ungehorsam gewesen; dann er wäre ein Teufel. Ist 
kein Wunder, daß er aus so unterschidlichen Befehlen nur einen voll- 
ziehen wolte; dann er war ein Teufel. Sagt mir aber noch darzu für 
mein Zihl, und was ich suche; was haltet ilir von dem Jüngling, der 
nicht gehorsamen will, wie nennet man ihn? Es antworten alle einhel- 
lig: Er ift ein Teufel, wie nennt man jenen Eigensinnigen, der nur sei- 
nem Kopff nachgehet? der nur thut was ihm luft? heißt es gleich, er 
ist ein Teufel; ein Convictor, ein Student, der musicirt, wann er stu- 



ANDIUiSEN, ZIK hKCTSCUKN NAMENFOBSCHUNO 2(>9 

diieu soll, der auch mit dem Auf^oii - Wmick schwätzet, da ilmiu die 
Zuugon mit dem V'eihott gelmiideii; der Tuppoii und Docken mahlet, 
da er seine Coinposition machen soll, der denen Kltcren widerajjenstig, 
gegen den Lohr- Meister groh und ungeschlacht, der seiüen Mitgesellen 
überliirtig etc. Von dergleichen ^agt ja mit euch Jedermann: Kr iil ein 
Teulele deli Convicts, ein 'J'eul'el unter seinen ( Jespaiien." 

BUNN. AI.. KKII'FEUSCHKII». 



ZUR DEUTSCHEN NAMEXFORSCllUNiT. 

Im ersten heft des 15. Jahrganges der Zeitschrift Germania bespricht 
lierr prof. Höfer in Greifswald zwei verschiedene arten unserer jetzigen 
geschlechtsnamen, welche beide, wie es scheint, bislier noch nicht hin- 
reichend gründlich und allgemein überzeugend behandelt worden sind, 
niimlicli die benonnungen nach der mutter und die mit vornamenbuch- 
staben verbundenen namen. 

Im verlaufe der sehr dankenswerten auseiuaudersetzung über das 
metronymische Verhältnis in den deutscheu beinamen wird einiger heutigen 
familiennamen gedacht , deren erklärung zu bedenken gibt. Dahingehö- 
ren zunächst die namen Nonne und Nonnemann. Herr Höfer bezieht 
sich auf das bekaute weibliche appellativ, fügt jedoch hinzu, dass JVbjiwe 
auch aus älterem Nnno entstanden sein könne. Ähnlich hatte schon 
Pott gelehrt, aber der ZAveiten deutung den vorzug gegeben. Ohne 
zweifei reichen Nonne und Nonnemann ins altertum zurück; es fällt 
indessen auf, dass eben Nuuo und nicht vielmehr Nonno, welche kose- 
form in Förstemanns namenbuch unmittelbar davor steht, angeführt ist. 
Dieses Nonno ist eins mit Nanno, d. h. Nando (zu nanthjan, andere) 
und verdankt sein o für a einer dialektischen, besonders friesischen nei- 
gung. Daher ist Nonne gleich Naiinc, Nomc, Nouuemann gleich Ncn- 
nemcmn; man vcrgleiclie ferner Noiin, No)uir)t, Nounig, Noiinici. 

Schon oft hat man den geschlechtsnamen Hedwig, wie auch von 
herrn Höfer geschehen ist, auf das bekaute feminin bezogen. Im altd. 
ist aber Hedwig , mit wig (pugna) componiert , ein männlicher personen- 
name; der zweite teil des weiblichen enthält ursprünglich den stamm wih 
(sacer), welcher weit überwiegend zur bildung von frauennamcn benutzt 
wurde. Sollte nun der jetzige zunanie Hedwig nicht wenigstens im allge- 
meinen dieselbe beziehung auf den mannsnamen beanspruchen dürfen, 
welche vor Jahrhunderten den männlichen personen dieses namens zukam, 
z. b. um 1200 einem holsteinischen abte Hedwicus? 



210 ANDRESEN 

Nachdem lieiT Höfer dem interessanten namen VernaleJcen, neben 
welcliem in Köln auch Vernalhm vorkomt, gebührende rücksicht gewid- 
met hat, liegt es ihm nahe auch einer Verbindung von Herr, Her mit 
dem eigentlichen namen /ai gedenken. Er hält für möglich, dass in 
Herhols eine solche Zusammensetzung angenommen werde, für wirklich 
gibt er sie natürlich nicht aus, sondern fügt ganz richtig hinzu: für 
Herolds. Allein selbst eine blosse annähme dürfte hier nicht leicht 
einen grund finden, zumal da weder ausspräche noch Schreibung mithel- 
fen. Überdies sind namen, deren auslaut -höh aus altem -old hervor- 
geht, unter den lebenden geschlechtern so gewöhnlich, dass eben diese 
neigung ein // vorzuschieben und somit an ein l)ekantes wort anzulehnen 
der erklärung die alleinige und ausreichende stütze bietet; man ver- 
gleiche an und für sich dem misverstande noch ganz anders ausgesetzte 
namen me Reichlioli (Püchold), Reinliohz (Raginold) , Warmliols (Wari- 
nold), Weinhob (Winold); xon Li nthold atammen Li ehhoh und Leihhoh. 
Von den übrigen mitgeteilten namen wird mit bestimtheit vielleicht mü- 
der bremische Herreilers jene Verbindung als eine wirklich stattgefundene 
offenbaren; dasselbe möchte ich nicht behaupten von Herrhold, Herr- 
lüald, Herrguth, Herrmuth, die hier hätten verglichen werden können. 
Mit dem namen Herheck, den herr Höfer anführt, verhält es sich ähn- 
lich wie mit HerhoU; es lässt sich kaum erwarten, dass ihn irgendjemand 
als „herr Beck" verstehen wird, mögen auch nur wenige wissen, das 
Herbeck ein ort im kreise Lennep ist. 

Den annehmlichen gedanken, dass eine anzahl neuerer familien- 
nameu auf Verwachsung des vornamenbuchstabeu mit dem zunamen beruliC, 
hatte zuerst, wenn ich nicht irre. Hoffmann von Fallersleben in einem 
seiner namenbüchlein ausgesprochen, aber sich mit den wenigen beispie- 
len Ahmeyer, Hanieyer, Lanieyer, Uhmeyer begnügt. Herr Höfer stellt 
nun eine ansehnliche reihe andrer namen hin, welche auf gleiche weise 
entstanden zu sein scheinen können , rät aber mit recht zur vorsieht und 
gesteht, dass die meisten doch wol richtiger auf anderm wege erklärt 
werden müsten. Ja, wahrscheinlich die meisten; etwa die hälfte unter- 
wirft er selljst einer zweiten deutung, während andre, die dem genan- 
ten Verhältnisse ohne zweifei fern stehen , unangefochten bleiben. Der 
name Dehaan bedeutet vermutlich nicht D. Haan, sondern enthält den 
angewachsenen niederdeutschen oder niederländischen artikel; vergleiche 
Beividff', Devriex, Bevrieut. Als buchstäblich lokal stehn nachzuweisen 
Endorf, Ihach, Iherg ; auf Effeld in der Kheinprovinz wird Eff'chU, auf 
Elburg in den Niederlanden, wofern das altdeutsche nicht in betracht 
kommen soll, Elhorg bezogen werden dürfen; Lhsadel ist ohne frage 
gleich dem in Mecklenburg - Strelitz gelegenen dorfe UsadeJ ; für die 



zun UELTSCIIEN NAMENKOHHCllUNG 211 

erklürung von Altamtner leistet der Iniirischt! ort Ahuiu bequemen dienst; 
in yVcliaus scheint die erste silbe dasselbe zu bedeuten wie in den geo- 
gniphischen uanieu Wehbach, Weliofen, AVehluck. — Am meiaten lUllt 
unter den vorgeführten beispielen der nanie Kshticlic auf. Zwar gibt es 
leute, welche Kitdu; heissen , und der vorname eines von ihnen könte 
ja mit einem *S' beginnen, wodurch das Verhältnis construiert wäre; allein 
auch EssIcKchcn ist heutiger geschlechtsname, der sich von dem vorher- 
gehenden etymologiscli doch nicht truiiiien lässt. Wie das deutsclie Wör- 
terbuch die Zusammensetzungen essfleisch, esskraut, essschwamm, ess- 
wildl)rüt aufführt, ebenso kann esskuchen verstanden werden; nicht alle 
kuchen sind bekautlich zum essen, es gibt auch Ölkuchen, metallkuchen 
und andre kuchen, die diesen namen nach der blossen form führen. Die 
namen Es/cuclie, EssJcuchcu sind daher mit Ffannhiche , Pustkuchoi zu 
vergleichen. 

Wer sich bemühen will, wird manche andre namen finden, die 
ebenso wahrscheinlich wie Gehmeijcr und Fcmöller aus der bezeichneten 
Verwachsung entsprungen sind. lu Berlin existiert eine familie Ban- 
spach , daneben Anspach, Aii^hach; ebendaselbst wohnt unter vielen 
Lüders auch ein Glüders. 

BONN. K. (i. ANDRESEN. 



INSBRUCKER (ILOSSEN. 



Glossen aus einer Insbiucker liandschrift des Cornutus (ein werk des 
Johannes de GarlandiaV) n. 355 (R 7) nibr. s. XI\' f. 70« — 82\ 

auriacum. i. malum aurum s. messeink 

cadus, legel 

piipa, illud cum quo luduut puelle. s. tochken 
v. 5. gazophilacon, Schafzuaz, in quo adueue ponunt suas res 
V. 38. cormitus, vulgariter terkeys (ebenso im commentar: terkeijs.) 
V. 53. Sirga, longa camisia, portcn et horten 
V. 55. tiria, glacies, Eiszüpphe}i 

tignis , sjjarreu 
V. 82. Trica est pars mulieris crines. s. zopplife. et pouitur pro meretrice, 
qiüa libenter ornat crines suos. 

auriacum == aurichalcum. 38. gemeint ist wol: corytus, bair. terkeis, mhd. 
tärkis. 53. sirica, d. i. atjnixt]? 55. stiria. Z. 

BRESLAU. R. PEIPER. 



212 



LITTERATUR. 

Artnr Köhler. Der syntaktische Gebrauch des Optativs im Gothi- 
schen (in Bartscli, Germanistische Studien I. Wien 1872. S, 77 — 133). 

Erst nach einsendung der recension von Burckhardts schritt über den goti- 
schen conjunctiv (band IV, s. 455 fgg. dieser zeitschr.) wurde mir die in einen sam- 
melband versteckte abhandluug Köhlers über denselben gegenständ bekant, Avelche 
ich der aufmerksamkeit aller empfehle, die sich für syntaktische studien interessieren. 

Ich hebe zunächst im anschluss an das über Burckhardts abhandlung gesagte 
anerkennend hervor, dass Köhler nach zwei Seiten hin andere wege der Untersuchung 
einschlägt als jener. Erstens sind der anorduung der bcispiele nicht die griechischen 
uiodi des Originaltextes zu gründe gelegt, da Köhler überall das selbständige verfah- 
ren des Übersetzers anerkent; er sagt s. 127 bei den relativsätzen : wir müssen hier 
echt gotischen Sprachgebrauch annehmen, der nur hier und da gelegentlich durch 
den griechischen ausdruck beeiuflusst ist, im übrigen aber volle freiheit zeigt; vgl. 
s. 78. 131. 132 der abhandlung. Zweitens wird von den verschiedenen Verwendun- 
gen des modus vorangestellt und zu gründe gelegt die in wünschenden sätzen. 
Zwar begint aucli Köhlers abhandlung s. 77 mit dem unbewiesenen satze, dass 
,,der modus der abliängigkeit in den germanischen sprachen die functionen des grie- 
chischen conjunctivs und Optativs zusammen vertreten rauss"; aber es wird nicht nur 
aus „bedürfnis nach einheitlicher benennung" dieser modus als optativ bezeich- 
net — worin ich hier Köhler sehr gern folge — , sondern diese bezeichnung auch 
durch die bildung und überwiegende bedeutung motivirt, und im folgenden werden, 
was nach dem eingange überrascht, die verschiedenen functionen des modus, soweit 
(.'ine Verbindung derselben versucht ist, mit der optativischen in Verbindung gebracht, 
nirgends aber eine Übereinstimmung mit dem griechischen conjunctiv gesucht. 
Namentlich wird die von Burckbardt so oft misdeutete Verwendung des gotischen 
Optativs für neutestamentliches futurum nicht nach dieser richtung verwertet; s. 94: 
,, nicht das futurum des griechischen textes war hier massgebend, sondern die zwei- 
felnde beschaffenheit der frage." S. 132 (über den moduswechsel Marc. 9, 39): ,,ein 
beweis mehr, wie oberflächlich die meinung ist, als diene der Optativ auch dann zur 
widergabe des griechischen futurums, wenn nicht Avesentlirhe innere gründe für seine 
anwendung vorhanden sind." »S. 102: „Vulfila gibt das griechische futurum einfach 
durch ind. präs. , wo eine wirkliche tatsache der Zukunft bezeichnet wird , dagegen 
durch den opt. präs., wenn das zukünftige als nur gedacht, nur möglich hingestellt 
wird."' Vielmehr werden in vier paragraphen behandelt: eigentlicher optativ, opt. 
adhortativus , dubitativus und deliberativus , potentialis , wobei nur nach meiner 
ansieht die engere Verbindung, die zwischen den beiden ersten und den beiden letz- 
ten Verwendungen besteht , mehr hätte betont werden können, Die belege ergänzen 
in manchen punkten die Burckhardtsche aufzählung, obwol auch aus dieser hier und 
da ein citat nachgetragen werden kann. Erleichtert wird die prüfung bei Köhler 
durch abdruck des textes bei allen nicht ganz gewöhnlichen Verwendungen und 
besprechung schwieriger stellen (ich mache aufmerksam auf die ansprechende erklä- 
rung von Skeireins I b — c s. 109. 110), oft mit hervorhebung bemerkenswerter eigen- 
tümlichkeiten des gotischen ausdrucks (s. 83. 84 u. a.) auch in anderen beziehungen. 

1) Ähnlich für das griechische, obwol obne Unterscheidung des opt. vom conj., 
Wcstphal, Vcrbalflexion der lat, Sprache. Jena 1873. s. 114. 



ERBMANN, CUKH KÖIILEK, SYNTAKT. GKilB. DKS (JOT. UI'TATIVS Jl'} 

Zur spriichn briii^,'«'» möchte ich einige ih-r von Kühler hei der unorüiiang 
hefolgtoii allgeiMi'iiien grundsätze, weil eine surgliiltige |iriituiig der für die kapitel- 
iihorschrifton massgebenden grunimutiächcn kategorion der gernianiriclien syntux fhenKn 
schwierig wie notwentiig ist (s. die lehrreiche gescliiciito Iici Steinthal , Einleitung 
in diu jisycholügie und siirachwissenschaft s. 24). Was zunächst das Verhältnis der 
einfachen siitze zu den /.uKaniniengesetzten betrifft , so hat Köhler nicht diese Unter- 
scheidung, sondern die Unterscheidung der versciiiedeiien funetionen des ojitativs zum 
hau|iteinti'ilungsgrundt' diT abliandlung gewühlt; er füiirt also jede art der Satzver- 
bindung unter «lerjenigen funetioii des ojitativs auf, welche er in ihr am reinsten zu 
erblicken glaubt. So schlicsscn sich in § 1 an die selbständigen Wunschsätze die 
nebensätzo nach vcrbis des fiirchtcns und die aijsichtssätze , die.sc jedoch mit aus- 
schluss der auf verba der willcnsäusserung folgenden, welche im § 2 (optjitivus adhor- 
tativus) , und der an verba des bewirkens angeschlossenen , welche als consecutive 
betrachtet und erst § 1 angeführt werden ; im § 3 (ojtt. deliberativu.s und dubitati- 
vus) stehn nur die mit ablcitungcn des stamnies hva- eingeleiteten nebensätze der 
indirccten rede ; alle übrigen nebensätze folgen unter § 4 (opt. potentialis). Ich 
kann diese anordnung nicht billigen. Einmal deshalb nicht, weil die verschiedenen 
functionen des ojitativs unter sich zusammenhängen, so dass Satzverbindungen sowol 
von gleicher bedcutung als auch mit gleiclieii siirachlichen verbindungsmittelu an ver- 
schiedene stellen verteilt werden und cousequeuter weise noch mehr hätten verteilt 
werden müssen als Köhler es getan hat, vgl. z. b. s. 03 note. 95. Ebenso wie in 
den mit ei und thatei eingefiihrten hätten auch in den übrigen relativsätzcn und in 
manchen anderen Satzverbindungen mehrere functionen des optativs unterschieden 
werden können. Zweitens und hauptsächlich aber deshalb nicht, weQ die Unterschei- 
dung der einfachen isätze von den verschiedenartigen Satzverbindungen nicht bloss 
eine ,,schulmässige," auf einem ,, äusseren umstände" (s. 77) beruhende, sondern 
eine liistorisch begründete ist. Weil eben der einfache aussagesatz älter ist als der zu- 
sammengesetzte {rochcr de 6i'0«ce Delbrücks, Forschungen s. 12), können wir in ihm 
die älteste und ursprünglichste an Wendung des 'modus erwarten, während in den 
zusammengesetzten sätzen sich jüngere (d. h. allgemeinere) geltung desselben und 
einwirkung mannigfaltigerer cinflüsse zeigt, üass diese berücksiclitigung der satz- 
entwicklung auch für die histoi'isclie erkcntnis des modusgebrauclies fruchtbar gemacht 
werden kann, versuche ich an einigen punkten der Köhlerschen abhandlung nachzu- 
weisen. Betrachten wir die oi)tativischen hauptsätze der vier abteilungen, so steht 
der Optativ wünschend (§ 1 a) und — was nur durch die Situation davon verschie- 
den ist — auffordernd (§ 2 a) oft; die unsichere Vermutung eines nur als möglich 
gedachten creignisses drückt er ziemlich häufig in einfachen fragen (§ 3 a) , nie oder 
fast nie aber in einfachen, alleinstehenden aussagesätzen aus, denn unter den von 
Köhler § 4a angeführten beispielen ist kein solcher, die von Burckhardt s. 30 ange- 
führten stellen Marc. 10, 7. Luc. 6, 40. Joh. 9, 21, sowie der durch sra eingeführte 
nachsatz 1. Cor. 15, 49 stehn dem wünsche oder befehle mindestens sehi- nahe. Dies 
ist für mich ein beweis dafür, dass auch im gotischen die bezeiclmung des Wunsches 
die ursprüngliche und spccielle function der modusform gewesen ist; in allgemeinerer 
bcdeutung erscheint sie im gotischen nur in einer bestirnten art des einfachen allein- 
stehenden Satzes, nämlich in der frage, bei der eine beteiliguug des sprechenden 
subjectes neben der damit eng zusammenhängenden geringeren objectiveu Sicherheit 
oder tatsächlichkeit des ausgesprochenen creignisses in anderer weise hervortritt. 
Dagegen ist für das gotische charakteristisch , dass die aus der speciellen wünschen- 
den bcdeutung abgeschwächte bezcichnung der allgemeinen möglichkeit dem optativ 



214 ERDMANN 

sehr häufig zukomt in sätzen, die durch die einfach anreihenden conjunctionen jah, 
uülithaa, auch ith (Luc. 6, 40) entweder an wünschende oder an einfach aussagende 
Sätze im indicativ angereiht sind. Hierher gehören alle unter § 4 a bei Köhler 
s. 102. 103 angeführten beispiele , ausserdem alter eine reihe anderer , in Avelchen 
ebenfalls bei paralleler anfügung von sätzen durch jah oder aiththau der modus aus 
dem indicativ in den optativ übergeht ; so viele fragesätze s. 93. 95. OG. 97 ; bedin- 
gungssätze s. 119 , relativsätze s. 130. Man kann also annehmen , dass erst bei aus- 
bildung zusammengesetzter Satzverbindungen sich die allgemeine potentiale bedeu- 
timg des modus aus der speciellen wünschenden entwickelt hat. Viele beispiele sind 
nun derartig, dass jedes der beiden durch jah oder aiththau verbundenen ereignisse 
für sich betrachtet nach unserer auffassung gleiche bestimtheit und Wirklichkeit hat; 
so z. b. Luc. 17, 8 hitJd gamatjis jah gadrigkuis thu, ebenso bei denselben Ver- 
ben Joh. 6, 53, vgl. Matth. 6, 81. Luc. 14, 27 saei ni hairith galgan sainana 
jah gaggai afar mis. 2. Cor. 9, 10. 2. Thess. 2, 3; Eora. 9, 11 ni gahauranai 
vesun, aiththau tavidedeina hva thiuthis. 1. Cor. 1, 13; 1. Cor. 14, 24 mit 
ith: andere beispiele an den bezeichneten stellen der abhandlung. Im griechischen 
steht überall gleicher modus in beiden verbundenen sätzen. Ich glaube, dass die 
erklärung dieses auffallenden Überganges in den optativ (nur vereinzelt und aus 
bestimterer auffassung des ereignisses als eines einzelnen, tatsächlichen erklärlich 
ist der entgegengesetzte Wechsel opt. — ind. zum beispiel in der doppelfrage mit 
thaa Joh. 7, 17) darin zu suchen ist, dass das zweite ereignis einfach deshalb, 
weil es im anschluss an das vorher erwähnte ausgesagt wird, auch in seinem 
eintreten durch dasselbe bestimt, von dem eintreten jenes abhängig gedacht wird oder, 
wie ich es ausdrücken möchte, zwar nicht absolut, aber relativ, d. h. dadurch, dass 
es nur mit beziehung auf ein anderes ausgesagt wird, geringere geltung als jenes 
hat, das einfach im indicativ bleibt. Auf diese weise gewint der optativ eben eine 
formelle bedeutung als kenzeichen und dann auch bewust angewendetes mittel der 
Satzverbindung; und gerade germanischen sprachen scheint eine solche Verwendung 
des Optativs im zweiten , einfach ct)pulativ oder disjunctiv angereihten satze eigeu- 
tündich, wie er sich denn nicht nur im gotischen, sondern auch im altnordischen 
bei oJi und emla (Lund oldnordisk ordföjningsltere s. 310) und im althochdeutschen 
bei Otfrid (unverbunden lU, 7, 88. 89. III, 14, 83. 84, vgl. L. 9. 10; mit joh 
IV, 16, 29. 32. I, 17, 19. 20; ouh, inti ouh I, 1, 8. 9. I, 10, 21. ni, 25, 30, vgl. 
IV, 6, 37. 39; odo l, 23, 46. II, 4, 105. 106 u. a.) ohne merkliche Verschieden- 
heit des Inhaltes beider sätze findet. 

Mehr noch muss die eben besprochene relativ gleiche oder relativ geringere 
geltung eines mit einem anderen in Verbindung gebraciiten ereignisses neben der 
absoluten, Avelche dasselbe für sich allein betrachtet hat, berücksichtigt werden bei 
der beurteilung des modus in nebensätzen. Ich bemerke unter Verweisung auf 
die bei besprechuug der Burckhardtschen schrift gegebenen nachweise , dass ich auch 
bei Köhler die absonderung derjenigen fälle, in welchen der optativ des nebensatzes 
entweder durch den modus (opt. in jeder bedeutung oft, häufig auch imp.) des 
hauptsatzes oder durch andere eigenschaften desselben (uegation die den Inhalt des 
nebensatzes trifft , fragende und hypothetische form) veranlasst ist oder wenigstens 
veranlasst sein kann , und die hervorhebung derjenigen fälle vermisst habe , in denen 
ein optativischer nebensatz einem affirmativ aussagenden indicativischen hauptsatze 
gegenübersteht. Bei diesen nebensätzen kann dann gefragt werden, ob der optativ 
wegen der absoluten beschatfenlieit des (beabsichtigten oder allgemein möglichen) 
Satzinhaltes gesetzt ist, oder ob er etwa auch bei einem als tatsächlich und bestimt 



l'ltKlt hulll,i:it, «VMAKT. l.i:illC. I'KN liO 1". UflAilV- 2lJ 

{,'C(l<icliton orcigiiis nur \vej,'t'n der beziohun;^ ilesselbcii zmii iiilialt<i ilos hauptnaUfa 
f,'t'))riiuc-lit ist, also aiir:iiit,'t fiii l'oriiiolles mittel tler Hutzvcrbiiidunt,' zu werden. Das 
Ittztcrc wird sich nur in silir wenigen fallen annidinien lassen. In indirccter rede 
scheint der Optativ re-^id {^ewonlon zu sein hei mehreren, eine suhjective ansieht 
ausdrückenden verhon (s. lOH — 111), su hutfjan, vetijun, qithan (wie ahd.); doch 
ist hier das material durch absonderunjf der oben erwähnten kategurien zu klären 
und durch bcriicksichtij,'unj,' des indicativs zu vervollständigen. Die zahl der optati- 
vischen folgesät ze hei indicativisclicm haujitsatz wird durch Köhlers aufzählung 
s. li:i um zwei (Rom. 7. C. Skeireins llld) gegen Hurckhardt s. ."W vermehrt, wäh- 
rend 2. Cor. 1, H bei K. felilt; diese fälle sind vielleicht aus der bezichung auf den 
hauptsatz zu erklären und mit dem Übergang des modus in einfach angereihten 
Sätzen zu vergleichen. 

In den zur umschreibuug oder ausführung eines bestirnten begriffes im haupt- 
satze dienenden nebensätzen mit ci (s. 104 — 10«;) ist der Optativ fast überall als 
(inaler oder ]>otentialor zu erklären; der einzige nebensatz, der ein bestirntes tat- 
sächliches ereignis enthält, schliesst sich an einen fragesatz an Luc. 1, i-i hvathro 
Ulis thata, ei qeini aithci fruujiitf! at min? In bcdingungssätzen erklärt sich 
der Optativ als ])otentialis , während der nachsatz einigemal durch veranschaulichung 
des einzelnen falles in den indicativ übergeht. Beiden relativs ätzen (s. 130. 133) 
steigt die zahl der fälle, in welchen dem nebensatze durch den Optativ allgemeinerer 
Inhalt beigelegt Avird als dem indicativischen hauptsatze, durch hiuzufügung von 
Marc. 14, 44 und Col. 2, 22 auf fünf: in allen anderen fällen kann der Optativ durch 
eine der oben angedeuteten eigentümlichkeiten des hauptsatzes erklärt werden , und 
die einteilung in hypotlietische, conjunctive und causale relativsätze ist für erkent- 
nis des modusgcbrauches unfruchtbar. 

Die als causalsätze s. 114 angeführten optativsätze mit ei wären vielleicht 
besser unter die indircctc rede und die consecutivsätze verteilt worden; hervorzu- 
heben ist jedenfalls, dass der optativ in keinem dieser sätze deshalb steht, weil das 
in ihm enthaltene ereignis als grund für ein anderes angeführt wird, sondern weil 
der Inhalt dieser sätze nur als möglich oder als beabsichtigt erscheint. Auch für die 
Sätze mit ni thcdei = ov/ ort wird die bezeichnung: causalsätze schwerlich zutref- 
fen; ich betrachte sie lieber als consecutive ausfnlirungen des durch die negation 
angedeuteten gedankens , und der — vom griechischen abweichende — optativ sowol 
des präsens als des pr<ät; drückt aus, dass das ereignis als blos möglich vorgestellt 
ist, während durch die vorangeschickte negation die Wirklichkeit im gegebenen falle 
ansdrücklich verneint wird. Dasselbe geschieht auch in den bei Köhler s. 116 unmit- 
telbar angeschlossenen vergleich Sätzen, welche sonst mit den causalsätzen nicht« 
gemein haben. An einen comparativ angeschlossene vergleichsätze mit eigenem ver- 
bum finden sich im gotischen nicht; im althochdeutschen stehen sie wegen ihrer 
relativ geringeren gcltung im optativ. Befremdend aber ist es , dass Köhler bei den 
optativischen temporalsätzen s. 124 fg. weder die schon von Gab.-Loebe §282 
hervorgehobene einwirkung des modus im hauptsatze anerkent , noch den optativ aus 
dem beabsichtigten oder als blos möglich gedachten inhalte des nebensatzes erklärt, 
sondern meint, dass ein ,, innerer logischer Zusammenhang z\nschen haupt- und 
nebensatz (!)" den optativ veranlasse. tha)i und hithe mit indicativ schliessen sich 
an einen indicativischen hauptsatz . mit ojitativ an einen optativischen oder impera- 
ti\dschen, weil in diesem falle das ereignis des nebensatzes die blosse möglichkeit 
des eintretens mit dem des hauptsatzes teilt; einmal — 1. Cor. 14, 26 — scheint 
durch than mit optativ vor indicativischem nachsatze ein bloss als möglich gedach- 



21(3 EBDMANN, ÜBEE KÖHLEE, STKTAKT. GEBE. DES GOT. OPTATIVS 

tes ereiguis mit einer in jedem falle stattfindenden tatsaclie in Verbindung gebracht 
zu sein ; der Zusammenhang beider ereiguisse liegt überall in ihrem zeitlichen zusam- 
menti-effen, und ich verstehe nicht, wie er in einem falle ein „innerer, logischer" 
sein soll und in dem anderen nicht. Wie ferner Köhler s. 125 aus den von ihm bei- 
gebrachten beispielen folgern kann : „ der optativ dagegen folgt auf unte , wenn die 
handlung des nebensatzes die notwendige Voraussetzung für das im hauptsatze aus- 
gesagte ist, so dass der Inhalt des hauptsatzes logisch unmöglich wäre ohne 
das eintreten des im nebensatze ausgesprochenen," gestehe ich nicht zu begreifen, 
wenigstens nicht, wenn damit etwas anderes gemeint ist, als dass der Inhalt des 
nebensatzes als beabsichtigt dargestellt wird. Je notwendiger die revision der gram- 
matischen kunstausdrücke für jeden fall ihrer anwendung ist, um so mehr müssen 
wii- uns hüten, in Beckerscher weise die'logik mit der grammatik zu vermengen. 

Bei Köhler wie bei Burckhardt fehlt eine zusammenfassende besprechung des 
Verhältnisses zwischen opt. praes. und opt. praet., denn die consecutio 
temporum wird s. 133 besonderer behandlung vorbehalten und die behauptung s. 77, 
„vermutlich ist der optativ zu suchen im abhängigen modus des Präteritums, der 
conjunctiv in dem des präsens" wird nicht näher erklärt und bleibt ohne einfluss auf 
die Untersuchung. Für eine behandlung des opt. präs. und prät. dürfte avoI festzu- 
halten sein, dass jeder von beiden formell dem indicativ seines tempusstammes in 
gleicher weise gegenübersteht und dass sich demnach auch ein analoger gegensatz 
der bedeutung in beiden fällen erwarten lässt, der eben nur durch den unterschied 
des Zeitpunktes modificiert wird. Weil über das in einem vergangenen Zeitpunkte 
mögliche oft schon die folgende zeit entschieden hat, so kann es leiclit vom spre- 
chenden als in der gegenwart oder überhaupt für alle zeit nicht wirklich gedacht 
werden; für diese bezeichnung nicht wirklich eintretender ereiguisse bildet sich der 
opt. prät. im weiteren verlaufe der Sprachentwicklung immer schärfer aus, und aus 
ihr werden auffallende abweichungen von der regelmässigen folge der tempora zu 
erklären sein. Der indicativ ist als gegensatz des optativ in vielen abschnitten 
mit berücksichtigt worden; vermisst wird dies jedoch bei den auffordernden sätzen 
s. 88: „für den adhortativen conjunctiv in der 1. plur. konte gotisch nicht füglich 
etwas anderes gesetzt werden als die 1. plur. opt. ," wo also die sogar in der mehr- 
zahl der fälle gebrauchte (Grimm IV, 84. Burckhardt s. 6) auffordernde 1. plur. des 
indicativ (aus ursprünglichem conjunctiv nach Grein, got. verbum s. 1. 18) ganz 
übersehen ist. Den conj unctionen sollte nicht zugeschrieben werden, was nicht 
in ihnen, sondern im opt. liegt; sätze wie s. 85: „ibai und ibai auftö kommen zu 
finaler geltung," s. 103: „die vieldeutige conjunction d regiert meistenteils den 
optativ" können wenigstens leicht misverstandon werden. Je mannigfaltiger aller- 
dings die Verwendung der gotischen conjunctionen ist, um so interessanter erscheint 
es zu erforschen , was als ihre ursprüngliche bedeutung angenommen Averden darf, 
und übersichtlich festzustellen, inwieweit sich einzelne conjunctionen für die anwen- 
dung bei bestimten satzverhältnissen zu fixieren beginnen ; und vielleicht versucht 
es Köhler, durch ausdehuung seiner Studien nach diesen richtungen eine gotische 
satzverbindungslehr e aufzustellen . 

GßAUDENZ. JANUAR 1873. OSKAE ERDMANN. 



Ti[. Mrmii'p , riii:n rtTDUAitAHiir.rK ko. köldino 217 

R iddiiriisöff ur: Parcovals siiga, ValverH pattr, Ivents «aga, Mirmaiiri 
saga. Zum crston mal herausgügcbo ii ii n il mit .inor literar- 
historischen cinleitung vor sehe n von il r. Kutten KiUbiuf;'. Strassburg, 
K. J. Triihn.T. l.oii.loii, Triibncr «t Oo, \Hl-J. II, LV, 220 seiton. H. 

Neben dem ruielitum , den die altisländisfhe littcratur an originalen sagas bie- 
tet, besitzt diese zugleieh mit der altnorwegisclien eine nicht minder grosse aiizahl 
fremder, d. h. solcher, die sich als mehr oder minder freie bearbcitungen auslän- 
discher originale erweisen, lateinischer, französischer, deutscher. Man uinfasst diese 
mit dem iiamen der Fi)riialdiir sögur Sudrlamla: geschichten aus der Vorzeit der vom 
skaiidiiiavisohen norden siidlieh gelegenen liinder. 

Eine besondere klasse derselben bilden die Ridda r asögur , jene welscheu 
und deutschen „rittermären," durch die auch die isländische und norwegische littc- 
ratur sich an der ihr sonst so fremdartigen romantik des mittelalters beteiligen sollte. 
Wie sie selber durcligängig in prosa, sind ihre originale dies nur teilweise, vorwie- 
gend vielmehr gedichte , zumeist der französischen und anglonormanniseher, littera- 
tur, nur zum teil der deutschen angehörig. Die ältesten riddarasögur sind in Nor- 
wegen verfasst, wo sie am hofe der könige , zunächst Hakon des Alten (f r2<j3), 
zuerst angeregt, zugleich die eifrigste |iflege fanden; sehr bald finden auch die Islän- 
der an ihnen gcschmack und auf Island wird während des XIV. und XV' Jahrhun- 
derts der bei weitem grösste teil derselben gesclirieben. 

Einen überblick über den bestand dieser sögur, so wenig er ein vollständiger 
sein möchte, gewint man aus ein paar Verzeichnissen derselben, deren blosser titel, 
in ihrer nordischen form oft rätselhaft genug, freilich nur selten eine sichere Vor- 
stellung vom Inhalt und den beziehungen der betreffenden saga gestatten. Neben 
den Verzeichnissen in Halfdan Einarssons Sciagr. pag. 100 — 106 und in P. E. Mül- 
lers Sagabibliothek III, 480 — 484 kommen hier, ausser den angaben bei gelegent- 
licher besclireibuug der betreffenden handschriften, namentlich in betracht: Jf3n Sig- 
urdssons mitteilungen über die schwedischen und Kopenhagener bibliotheken 
(-\nti(iu. Tidskr. 184G — 48 und 1849 — 51), insbesondere sein von Ad. W. Arwidsson 
publiciertes Verzeichnis der handschrifteu der köuigl. bibliothek zu Stockholm (Sth. 
1848); s. das. s. 170 — 173: Romantisku Sagor. Die altnordischen litteraturgeschich- 
ten von N. M. Petersen und Rdf. Keyser beschränken sich auf ein paar notizen. 

Durch den druck veröffentlicht wurden bisher nur wenige, unter ihnen allerdings 
die ältesten und wiclitigsten: Strengleikar, Didrikssaga , Karlaraagnussaga in Rdf. Key- 
sers und K. Ungers trefflichen ausgaben. Nach dem vorwerfe zu Trojumannasögur 
und Bretasögur in den Anual. for Nord. Oldkynd. 1848 beabsichtigte die „kömgl. 
nord. Oldskriftselskab" anfangs eine besondere ausgäbe der wichtigsten Fomaldar 
sögur Sudrlanda und Riddarasögur, entschied sich jedoch zuletzt nur für gelegent- 
liche ausgaben derselben in den Annaler ; in diesen sind von Riddarasögur bis jetzt 
nur Flores saga von Br. Snorrasou (AnO. 1850) und die kürzere (isländische) Tristrams 
saga von Gisli Brynjülfssou (AnO. 1851) erschienen; eine gesonderte ausgäbe der 
ausführlichen norwegischen Tristrams saga nebst der Möttuls saga von demselben 
gelehrten ist unter der presse. Einige dieser sagas wurden noch neuerdings auf 
Island gedruckt, z. b. Fjorar Riddarasögur (1852), die Mägus (Maus oder Bragda- 
Magus) saga (1858), die Konnids saga Keisarasonar (1859) und noch andere. Wenn 
man nach der art dieser letztgenanten ausgaben wol nicht mit unrecht schliessen 
darf, dass diese sagas ihren einstigen zweck, den leser und hörer zu unterhalten, 
auf Island auch noch heutzutage erfüllen , so können sie doch für uns keinen andern 
wert beanspruchen, als lediglich den eines mittels für cultur- und litteraturgeschicht- 



218 TH. MÖBIÜS 

liehe forschmig, und die vorrede zu Streng! eikar liat wol alles angeführt, was von 
diesem gesichtspunkte eine wissenschaftliche heschäftigung mit diesen sögur und eine 
kritische herausgäbe derselben zu rechtfertigen vermag, in mehreren fällen sogar 
wünschenswert erscheinen lässt. Letzteres darf von herrn dr. Kölbings in der Über- 
schrift genantem buche gelten, das wir hier zur anzeige bringen. 

Herrn professor Fr. Zarncke in Leipzig gewidmet und vom Verleger und drucker 
sehr schmuck ausgestattet, enthält es vier isländische Eiddarasögur, drei aus der 
Artussage: die Parcevals saga mit dem Valvers Jmttr und die Ivents saga, eine aus 
einem fränkisch -deutschen sagenlaeise : die MIrmans saga, diese wie jene hier zum 
ersten male herausgegeben; dass ein stück der letztgenanten von Unger in der 
2. ausgäbe seines Oldnorsk Lajsehog (Christiania 1863) s. 67 — 79 (= Eidd. 139 — 
1401"^. 1411 — 14626 1493 — 159 IV) bereits gedrückt war, scheint herrn Kölbing unbe- 
kant geblieben zu sein. Dem texte dieser sögur mit seinen Varianten (s. 1—213) 
folgen namenregister, ein nachtrag und berichtigungen (s. 215 — 220); voraus geht 
ein Vorwort und eine einleitung (p. HI — IV und I — LV) ; übersieht des inhalts und 
columnenüberschriften des textes werden ungern vermisst. 

Die einleitung liandelt teils von der handschriftlichen Überlieferung der einzel- 
nen sagas und von den bei ihrer benutzung befolgten kritischen und orthographi- 
schen grundsätzen , teils erörtert sie litteraturgeschichtliche fragen rücksichtlich der 
Ivents saga und der Mirmans saga ; über die quelle der Parcevals saga und des Val- 
vers J)ättr konte herr Kölbing auf seine Untersuchung in Pfeiffers Germania bd. XIV 
und XV verweisen. 

Hier hatte er nachgewiesen, dass der Parcevals saga und dem ihr in den 
handschriften unmittelbar folgenden Valvers pättr ein altfranzösisches gedieht, der 
,,Parceval le vieil" des Chretieus von Troyes zu gründe liege, wobei der nor- 
dische erzähler, so eng er sich seiner vorläge durchgängig angeschlossen, sie doch 
insoweit verlassen habe, als er 1. die geschichte des Valver, die im französischen 
original einen integrierenden bestandteil des gedichtes bildet, aus diesem herausgeho- 
ben und zum gegenständ einer besondern saga oder vielmehr eines sögu- pättr, näm- 
lich des Valvers pättr, gemacht, als er 2. anfang wie schluss, die beide dem fran- 
zösischen gedichte fehlen, seiner saga aus eigner phautasie hinzugedichtet hat. 

Der Ivents saga ist von herrn Kölbing eine ähnliche Untersuchung über 
ihre quelle nicht zu teil geworden; sie war bereits von G. Stephens in Liffmanns 
ausgäbe des altschwedischen Ivan geführt und zu dem resultate gelangt, dass die 
Ivents saga aus dem altfranzösischen: ,,Li ronians dou Chevalier au l.yon,'' betitel- 
ten epos des Chrestiens von Troies herstamme. Die von herrn Kölbing der Ivents saga 
gewidmete Untersuchung (einleitung XII — XXXVIH) führt die Überschrift : „Die quelle 
der Ivents saga und das Verhältnis der saga zum altschwedischeu Hr. Ivan Lejon 
riddaren ," bezieht sich aber nur auf dies Verhältnis der vorliegenden saga zu einem 
jener 3 altschwedischen gedichte (Herr Ivan Lejon - Riddaren , Hertig Fredrik af 
Normandie, Flores och Blanzeflor) , welche auf veranlassung der norwegischen köni- 
gin Eufemia (t 1313) verfasst, nach ihr den namcn der Eufemia-visor führen. Die 
sehr sorgfältige und eingehende vergleichung , die herr Kölbing zwischen dem fran- 
zösischen original und den beiden nordischen nachbildungen anstellt, führt auf eine 
reihe von Übereinstimmungen , einerseits zwischen dem schwedischen gedieht und der 
altnordisclien saga gegenüber dem original, andrerseits zwischen dem original und 
dem gedieht gegenüber der saga; diese Übereinstimmungen werden nun unter bezug- 
nahnie des ganz analogen Verhältnisses des scliwedischen Flores zu der altnordischen 
Flores saga in einer, wie uns scheint, treffenden weise dahin erklärt, dass, was 



i 



fuF.n RiDDARAßAfirn KD. KörniNo 219 

dem schwedischen dichter zur vorlago für sein gedieht diente , niclit jenes altfranzö- 
sischc Ejios des (!hrestii;ns von Troics, Kondern die nordische saga gewesen, diese 
aber nicht in der vorkiirzten isländischen bearbt-itung , die uns allein erhalten ist, 
sondern in der iViilurn und ausliilirlichcren , für uns verlorenen norwegischen, im 
iiuftra>,'e könij; liiiiviin des Alton verfassten. (Kücksichtlii-li d.is bcregten Verhältnis- 
ses des schwedischi'ii Flores zum altnordisclien Flures hat ('. J. Hnuidt in gleicher 
weise, wie herr Kölbing, sich sowol für die schwedische (nicht norwegische) fassung 
der Eufemia visor, als auch für die norwegisch -isländische (nicht französische) vor- 
läge des schwedischen gedichts ausgesprochen ; siehe Brandts vorrede zu seiner aus- 
gäbe der dänischen |d. i. der aus dem Schwedischen in das Dänische umgeformten] 
Eufemia viser, unter dem titel : Kumantisk Digtning fra Midilclaldoren. 1. Kbli. iHtJ'J). 
,,Dic Mirmans saga und ihre Stellung in einem grössern fränkisch -deutschen 
Sagenkreise" (einleitung s. XLII — XLVIII). Der Inhalt der Mirmans saga ist kürz- 
lich dieser: ]Mirman, sulin heidnischer eitern, begibt sich als junger mensch an den 
hof des christlichen kiMiigs Hlödvor (Ludwig) von Frankreich und lässt sich hier 
taufen. Von seinen eitern aufgefordert, sie in der heimat zu besuchen, bemüht er 
sich hier vergebens sie für den christlichen glauben zu gewinnen, ja er wird sogar 
ein Opfer seiner unversöhnlichen mutter, von der er durch einen trunk vergiftet und 
in folge dessen vom aussatz befallen mrd. Überall hcilung suchend gelangt er end- 
lieh nach Sicilicu zur königstochter Cajcilia, von der er geheilt wird and der er 
zum danke dafür nicht nur einen zudringlichen freier, den Bo-ring, im Zweikampfe 
erschlägt, sondern aucli die eigne band reicht. Doch von Sehnsucht nach seinem 
alten i)flegovater Hlödver getrieben , erbittet er sich urlaub von Ciocilien und begibt 
sich nach Frankreich ; nicht lange nach seiner ankunft stirbt der könig und Mirman 
wird nicht allein zum thronerben erklärt, sondern verheiratet sich auch mit des 
königs junger wittwe, die ihn durch falsche gerüchte über die untreue der siciliani- 
schen gattin Csecilie zu berücken gewusst. Kaum ist diese hiervon benachrichtigt, 
als sie , verkleidet und zwar als Jarl Hiring mit stattlichem gefolge nach Frankreich 
zieht, hier den Mirman zum Zweikampfe herausfordert und diesen, nachdem er in 
folge eines gebetes der Caecilie all seine körperliche kraft und stärke verloren, auch 
besiegt. Als gefangenen führt sie ihn mit sich fort, um erst auf der heimfahrt nach 
Sicilien sich ihm zu erkennen zu geben und wider mit ihm zu versöhnen. Nach 
dem tode des Schwiegervaters wird Mirman könig von Sicilien , über das er mit Caeci- 
lien noch lange glückliche jähre herscht. bis ein jeder, getrent von dem andern, seine 
tage im klostor beschliesst. 

Die JMirmans saga, wie ims herr Kölbing unterrichtet, bildet mit der Sigurdar 
saga pögla und der Flövents saga innerhalb eines grösseren fränkisch- deutschen 
Sagenkreises eine bestimte gruppe , für welche die hervorragende rolle charakteristisch 
ist, die in diesen sagas der ausbreituiig des Christentums zuerteilt wird. Obwol es 
herrn Kölbing nicht gelungen . ein bestirntes original für die ^lirmans saga namhaft 
zu machen, vermag er doch eine gewisse gattung von erzählungen zu bezeichnen, 
der die vorliegende saga nach gehalt imd richtung angehört. Er vorweist auf das 
von L. Eanke (,,zur gesch. der ital. poesie" 1837) näher beschriebene italienische 
Volksbuch: Keali di Francia. Nicht allein, dass die von L. Ranke gegebene Charak- 
teristik dieser erzählungen , namentlich die hervorhebung ihres ernsten und strengen 
Sinnes rniö. des geistlichen rittertums ihrer beiden sich als durchaus zutreffend für 
die Mirmans saga erweist . steht diese auch durch ihren inhalt mindestens mittelbar 
mit den Reali in enger beziehung und zwar insofern , als sie mit der Sigurdar saga 
pögla geradezu als Vorgeschichte zu zwei andern riddarasögur, der Flövents saga und 



220 ■ TH. SKimis 

der Bevers saga, betrachtet werden darf, die dem I. und IV. buche der Reali, deren 
beiden Fiovo, bez. Buovo di Antona sind, genau entsprechen. Eine nähere begrün- 
dung hat herr Kölbing einem andern orte vorbehalten. 

Der litterarhistorischen besprechung der einzelnen sagas geht, wie bereits 
bemerkt, eine angäbe der für eine jede benutzten handschriftlichen quellen und ihrer 
kritischen Verwertung voraus; ein besondrer ,,anhang" (einleitung XLVIII — LV) 
handelt „über die Schreibweise der haudschriften," bezüglich deren normalisierung 
m der vorliegenden ausgäbe. 

Von den handschriften , die hier in betracht kommen, wird wol herrn Kölbing 
kaum etwas Avichtiges entgangen sein , da er ausser den von ihm abgeschriebenen 
und verglichenen Stockholmer und Jvopenhageuer (AM) sich sogar um die Chartacei 
des brittischen museums (Sloane 4857 und 4859 , vgl. Gudbr. Vigfüsson , üict. p. XI) 
bemüht hat. Nur beiläufig sei erwähnt — um unnützen recherchen vorzubeugen — 
dass das membranfragment der Parcevalsaga in dem Kopenhagener cod. reg. 1837, 
dessen Antiqu. Tidsskr. 1846—48 s. 107 gedacht wird, nicht mehr vorhanden ist; 
es bestand nur aus der obern hälfte eines blattos mit 18 zeilen auf jeder seite, so 
dass sein verlust leicht zu verschmerzen ist. Rühmend sei hervorgehoben, dass herr 
Kölbing bei der beschreibung seiner handschriften, deren fast jede eine grössere anzahl 
von sagas enthält, nicht, wie dies so häufig geschieht, es unterlassen, den Inhalt 
einer jeden vollständig zu verzeichnen; er wird sehr wol erkant haben, dass sich 
häufig in wähl und Zusammenstellung der einzelnen stücke ein princip geltend macht, 
was für unsere beurteilung derselben von wert und gewicht sein kann. 

Mit der art und weise, in welcher herr Kölbing seine handscl^.riften für die 
herstellung des textes verwendet, können wir uns im ganzen einverstanden erklären; 
in einem falle vormögen wir ihm nicht beizustimmen. Er behauptet (einleitung s. VI), 
dass beide membranen der Iventssaga, A (Holm. perg. 6, 4") und B (AM 489, 4:°) 
trotz vielfacher abweichungen sich auf eine gemeinsame grundhandschrift zurückfüh- 
ren lassen und dass dies aus einigen gemeinsamen Verderbnissen hervorgehe, deren 
er vier zum belege anführt. 

Abgesehen davon, dass diese ansieht über das Verhältnis von A und B, auch 
wenn sie sich als die richtige ergeben sollte , dennoch auf die constituierung des tex- 
tes in vorliegendem falle keinen wesentlichen einfluss üben würde, und so viel wir 
sehen auch bei herrn Kölbing keinen solchen geübt hat, indem oben der text von A, 
unten — in der form von Varianten — der text von B als nebeneinander gehende 
fassungen der saga mitgeteilt werden und nur hier und da eine lesart von B in 
den text von A heraufgenommen wird, möchten wir doch die Verderbnis jener vier bei- 
spiele und somit ihre beweiskraft sehr bezweifeln. 

1. (78^) in A: pä taldi Jiunn mer, hversu löngu ncest hann herherciäi pann 
riädara, er . . . . , ebenso in B: tcdaäi hann J)ä, hversu usw. Hier wie dort sta- 
tuiert herr Kölbing eine lücke vor hversu löngii ncpst und ergänzt sie auf grund des 
französischen Originals: qti'ä ne suvoit durch die worte: at hann vissi ekln; sonach 
liest er: Jtä taldi hann mer, at hann vissi ekki, hversu löngu naist usw. Indessen 
hversu löngu ncest heisst: wie lange zuletzt — , wann zum letzten male (er einen rit- 
ter bei sich beherbergte). Über diese bedeutung von ncest siehe Fritzner 480=". 

2. (9821) A: vei se peim riddara olc pvi üfrelsi er hyr i rikri frii olc svä peim 
riddara, er hvärki . . .: weh über den ritter und über die blödigkeit einer vorneh- 
men dame, und weh über den ritter, der . . . ; dagegen B: vei se per ok pvi üfrelsi 
er hl/r i rikrar frür herhergi ok svä J)eim riddara at hvärki . . . .: wehe über dicli 
(frau!) und über die blödigkeit, die hier im gemache einer vornelimen dame herscht, 



TllKK «IDDAHAiiM,! 1( hl,, hol.lilM. JJl 

und ebenso woln- über ib-ii rittor, dor .... Wir tiiidni ki-incn {,'ruiid, w.,-di-r in .\ 
mich I{ eine Verderbnis anziinehiiien, obwol lierr KöHjinj; .-ine liicke aniiiiiit und auf 
tjrund des fran/.ii.si.scb.ii „rltnulier (/ui ne s\in njtproche" nach den Worten von U: 
>•)• hl/r i rikntr frür lurltinji die worto: er eklci (/ent/r mir erKÜii/en möchte. 

;!. (1(»;{"| A: (/oilr riddari, mjir hon, er her sitr hjn mir, ek hefi frett muri 
(/Ott MW haus ulhiiji . . .; daf,'cf,'en B: (/öär riddari, secjir hon, her xitr hjü mer sä 
hinn ügfeti riddari, er miti hidr, hann heitir Iveid .... Herr Kidbinj,': „für qodr 
riddari inu.s.s unbediiij,'t in beiden fällen (indir riddarar hcr^a-stellt werden." .^Uer- 
dinjjs j,Mlt es liier einer anrede, jedoch nicht, wie lierr Kidliinj^ verlangt , an die ver- 
saninielten ritter, somlern an den riidt/ia/i (Urj^-^j, der ihr zur Vermählung rät and 
dem sie zunächst antwortet. In diesem falle erre{,'t die lesart von B gar keinen 
anstoss, während allerdings A verderbt bleibt, auch wenn wir den plural mit herrn 
Kölbing wählten; es ist vor er her sitr hjä mcr wahrscheinlich dasjenige au.sgefal- 
len , worauf sich er bezieht. 

4. (11 7 •2") A: ck heji . . snüit virdimj min ni uk rent tiyn minni i ti/uini/, 
ijiidi mitt i anyrseiiii ... ebenso B: ek hcfl ... snüit virdiny minni i rcstdd, 
tiyn minni i ti/niny, yndi mitt i anyrsemi. Herr Kölbing: „der unerklärbare 
Casuswechsel in beiden manuscripten weist auf ein älteres Verderbnis hin." Ein sol- 
cher Casuswechsel ist keineswegs so auffallend , namentlich bei mehrgliedriger rede, 
wie hier z. b. dem yudi mitt i anyrsemi noch 4 parallele ausdrücke folgen : lif viift 
i Iciäindi, hjarta mitt i huysütt , iinnusfa mina i üvin , frelsi mitt i fridleysi. Ein 
gleicher casuswochscl findet sieh 135-'^: vid (to) vutn ok rind , (tok) eldinynm ok 
illridri; ein weclisol der modi 151 >: ef M . . . kcpmi ok telr; weciisel des genus 
128 ä"*- ä^ fgg. : leüninn und leönit. 

Die von herrn Kölbing für seino texte gewälte und im allgemeinen consequent 
durchgeführte orthographische form ist iliejenige, die man jetzt allgemein bei nor- 
malisierten texten anwendet. Nur hätte hcrr Kölbing einen schritt weiter gehen und 
nicht eine reihe handschriftlicher formen aufnehmen sollen, die als zu jung oder als 
zu vereinzelt sich mit jener normalorthograi)liie nicht wol vertragen. Eine Ortho- 
graphie, die h('nutm für honnm schreibt, die die umlaute (P. und ff scheidet, die 
alle vä belässt usw. usw. , gestattet weder: die 1. sg. der beiden conjunctive 
und des schwachen prajt. auf i statt auf a (obwol auch dies, z. b. hefäa , pyrmda. 
flnna), noch: die 1. sg. er, hefir, yefr, hidr, fccr usw. (obwol auch em , z. b. 134 3'), 
noch: —leyr, adj. und —leya, adv. stat —Uyr nnd —liya (obwol auch dies 13 ^ 
'29 10. Sl^*), noch: einy für eny in feinyif, steinyr u. ö. (obwol nirgends aany für 
öny) usw. usw. Eben dahin gehören auch gewisse eigentümlichkeiteu der betrefieu- 
den haudschriften , die wol besser unter dem texte oder gesondert verzeichnet worden 
wären; so die erweiterung des e teils in rinka, riukkja, riokkja, reiitkkja (G4''- ^. 
(J7-26- 20 70^6) für rekkja, teils vor y in pciyit, dreigit, meiyi, seiyja , deigi, reiyimi, 
leiyit (167 fgg.) für peyit , dregit , meyi usw.; Unterlassung des Umlautes in skamm-, 
hall-, kattr, driikk- , rcsald , hard (V). ja auch hädi 14i»". 151""^ für hadi , andrer- 
seits übermässiger Umlaut in myryinn 15)4". 20r>ö; auslassuug eines consonauten in: 
yö{d)liy 139-', lein(y)stum 139 », strei)t(y)leikum G4", auch ve{r)str, einfügung 
eines y (j) in sayi 21'2'^ für scei: videret, formen wie önyim 189»* (während fast 
überall pykkan usw. ohne v; nur einmal ptjkkvasta 88-'): dissimilation in eldidömr 
139- für ellidömr (Gisl. frmp. 20ö) ; formen wie syll 129*'^ für srill oder srilla, 
hirta G9 -^ für hirda , sökti 170 ' für sötti usw. — Ungehörige trennuug von com- 
positis in: her tekit 40", at hityat li^^, at ha fast 15*. i yccr k?-eld 31^2 usw. oder 
falsche wortteiluug in: sk>/ \janna 81^, ösk | apliyt 162—163, sär | saitka 181 '^^ 

EEITSCHR. F. DKUTSCHE PHILOLOGIK. V. BD. J5 



222 TH. MÖBrUS 

leiJc I sins 184 ^ u. dgl. (wol nur druckfeliler) und jedenfalls nm- ein versehen ist es, 
dass besonders in der vorderen hälfte des bnches die normalisiening sich öfters nicht 
auch auf die die Interpunktion erstreckt. 

Herrn Külbings Constitution des textes (s. 1 — 213), so wenig die darauf ver- 
wante mühe und Sorgfalt verkant werden soll, gibt doch zu mancherlei berichtigun- 
gen räum , deren bei einem zweiten unternebmeu dieser art gewiss weniger sein dürf- 
ten ; wir führen sie und unsere Verbesserungsvorschläge mit einigen der wichtigsten 
orthographischen fehler hier auf, ohne der druckfeliler, kleinen inconsequenzen , irri- 
gen oder mangelnden längezeichen usw. weiter zu gedenken. 

Parcevals saga (s. 3 — 53). 

3 ^ Einn dag pä er (da ist) Parceval XII vetra gamall , lies (mit A) : Einii 
dag pä er rar (als war) Parceval XII vetra gamall usw.; der Verfasser, freilich 
ungeschickt genug, unterbricht seine erzählung durch die worte harnt hafäi, . . . fngia 
(3 9—13) und fährt dann fort (3*3) . . olc einn dag usw. — 4" ofvejkr, 1.: ofveikr. — 
4»' fregriss, 1.: fregnviss. — ö' landtj&ldi, 1.: landtjMi. — 522, 3522 u. 110 9- '^ 
a^ {edebat), 1.: ät — G^^ Jonet (nicht Jonet) wegen Yvoms? Germ. XIV, 146, vgl. 
Strengl. s. V, not. 1. — 8 "^^ u. ö. wcer, 1.: mver (virgo). — 11" nsdgast, 1.: nkl- 
gast. — 12^'^ noitr {noctes) und so fast überall, 1.: nxtr. — 13 ^g athalda, 1. (mitb): 
halda. — 1^-^^ aldri verdr mer hngr fyUandi viä öngvan..., 1.: failandi (timidtis)? — 
151 olc fulRomm., 1.: ok var fullkomm. — 1%^ eJiki vuetti per mccla, 1.: e. m. p. 
kmcela {ne rejYi'ehendatis) V ; b gibt den richtigen sinn. — 17 ^'^ Jivaäan er ydr koma 
hingat, 1.: yäiir. — 11^'' gxzku, 1. : goizku {diviiiis). — 20 2 » u. ö. gl2dp-, 1.: gl(»p. — 
22^^. sagäi misfarar Gingvari ok kann var farinn ..., 1.: ok at hann v. f. — 
22 -s vit, 1.: ver (?). — 252* sögäti peir, 1. (mit A): ok sögäupeir; ok des nach- 
satzes wie 35 i«. 79 ^S not. 11 u. ö. — 26^7 hxtir, 1.: boitir. — 27 ^ u. ö. froig-, 
1.: frxg-. — 28» und 34" dröttm , 1.: druttinn. — 29" aclade, 1.: dklceäi (bett- 
decke); sonach: ok var hon {rekkja) klcedd hinii bezta äklcedi. — 3lsi menn, 1.: 
m&nn. — 35^ mhm, 1.: minn. — 363-^ und 39-8 gy^da , 1.: gneäa. — 37^5 f^ldi, 
1.: ftßldi. — 40"-' let hann foera Parceval hina beztu guävefjarskikkjii med (Kölbing 
ok A) allri hinni beztu gangveru in A — l. h. /'. P. i hinni b. g. ok allri h. b. g. 
in b ; das richtige scheint b zu bieten , fara einn i einu vgl. dän. : ifore sig i — 
sich in — und isl. : ,,f(Bra sig i föt: vestes induere'' Bj. Haldorsson. — ^^ pessara 
svikrceäa, 1. (mit A): pessa und svikrxda. — 42 ^ fyrir kommginum (nicht: f. ko- 
mmginn, s. 219): coram rege. — 42 2' fcunnast , 1.: kicrast {?) vgl.: „paterhvörjum 
di/rmcEtant, sem hönum er kcerast" sprw. bei Guttnmndr Jönsson 367 ^K — 49 '" hvära- 
tveggJH liä , 1.: hvürtveggjii l. — 49^3 fnl telja hraustan riddaraska]) , 1.: hrutist- 
um. — 51^ frä hans (nicht: f. hdnum, s. 219) d. i.: frä hans hüsi vgl.: at 

m. gen. 

Valvers pättr (57 — 71). 

572* ok var sjör, 1. (mit Aab): ok var sjör at sc. kastala. — öS"' hversu margar 
ügiptur Jjann man henda, 1. (mit Aab): hendir; hendir steht hier impersonell mit 
2 acc. irtcg) 7)1. ügiptur und pann mann, vgl. : pä (eos) hefdi hent glmp mikinn 
Fms. V, 113 8. _ 647 ^er hafit nii sigrazt af ölliim undrtim, 1.: « öll. iindr., vgl. 
652-» u. ö. — 662'> fj'öräungum, 1.: fjdräungum (qiiadrantibus). — 6625 merki lit, 
1. m. litt {noiy.iXov). — 692* g,. talaäi viä pik .., er gud gefi skömm, 1. (mit Aab): 
er {c[tii) t. V. p. .. ok {et cui) gud g. sk. — 70^ vid karlmann, 1.: vid k. — 
70* perra, 1.: pettti. — 70** übatriligan, 1.: übißriligan. — 10 ^'■> angrsßdi, 1.: 
angrodäi. 



ÜIIKK UIIM)AUA.SÜ(il U KU. KÖMUNü "J2'i 

IviMits sa^'a (7;')— l.'JlJ). 
79" olin, 1.: ülui (IV-ra). — HO^" hininn l'vijrsta siniinufdii , 1.: Hinarayäi. — 
81" er Utk .. stuniiinn ttt minku, 1.: stonnrtnn. Kl '" elcki sä ck vittinn jijrir 

peim , 1. (mit A): .s« (man sah). — >'>^i^'' kattr er fullr külr, 1.: kuttr f'iUlr er kätr, 
oder ,,katr er fullr köttnr" Hprw. bei (judmuiulr JöiissoJi IHiH". — 86" munluutj, 
1.: mumduug (d. i. mnnd-laiuf , „liandbiid," Waschbecken). — 85*" sein luinti rufki 
.. hjürt , 1.: nvki. - 8(j'- hcdmji vildi uiidan ödram hojia ..., neina pur nein 
kointnn var at bidii siyrs eda daiutu, 1. (mit A): bidu dhno al : „kt.-iner wollte wei- 
chen, sondern wo er stand .siegen oder sterben " ; uema: sondern, s. Fritzn. 47:i'' .0. 
l)(l "* ul xpyrja pd (?) rdds, 1. (mit 15): ut kcdlu siuiimi inenn ydrit <tk f^pyrjd pä 
räds. — ;»7'' n. ö. iiavrin, 1.: mnmn. — 103*" aÜnvji, 1.: allvxß. — 1U4- tn hon 
Inifdi pö gört (it peim öllnm misUkadi , 1.: hefdi (V): aber sie hätte es getan, auch 
wenn es allen misfuUen hätte. — KW" hun .. sorg/ull ok hiufsültu , 1.: sorgu füll 
ok lutgsütta. — 110" pd vissi hunn , 1. (mit A): ok r. h. . ok im nachsatze. — 
110'» kivmi, 1.: kmni. — 113'» veldi , 1.: nddi (vgl. hufdi vidU B. — llir-"i und 
120'' eidd und eijt , 1.: cydd und eijit, ebenso XLVIP cidst , 1.: cijzl. - 123-' mikii 
las, 1.: last {umgnuin vituijerinin). — 131" yngri, 1.: eldri: denn die ältere wird 
(131") von der Jüngern augeredet. — ISü** hefir kann nä göäri lykt komit s-Ut sturf 
1.: d sitt siiirf. 

Mirnians saga (13;» — 213). 

139 2 eldadöms, 1.: cldi- oder eUi-döms. — 142" peirrar vizka, 1. (mit Ung. 
G9ä"): annarra r. — 142' ))ied tolluin ok sviviräituja (Kölb. u. Ung. (39'''^), 1. med 
tälmn ok sviv. — 142" ansudi, 1.: anzadi (oder mit A: andsadi); anza d. i. and- 
svura. — 143"^' o/t, 1.: ek. — liA^athwß, 1.: atlisiiß. — 14A^'^ annarr (kostr) betrien.., 
1. (mit Ä): annarr en ... d. i.: annarr {kostr) en . ., wie häufig. — 146^6 legit, 
1.: Icggit. — 149'^ siimir vesir tu Spänialands. pur red firir jarl ... einvigum : 
en swiiir ä hcndr Herinanni ...., 1.: sumir v. t. Sp. [Pur r. .. ein.), en snmir 
ä h. H. -^ 153* ekki hetra sverä .. med Dyrunuhda sverdi, 1. (mit U. 70'": 
e. b. SV. ncßst D. sv. — 155 '* bäi-u, 1. (mit U. 78»): pau bärii; wenn nicht 
das pron. ausgelassen Avie 204-": ert = ertu (V) — 155 ^»^ heims oeröld , 1. (mit 
U. 78 5): -vesöld. — 156- allr ein gud 1.: a. einn g. — 157 •» und 172'» 
gxxkii, 1.: gotzku. — 159" ofranad , 1. (mit U. 13»"): üfarnad. — 162 »» hüifr, 1.: 
/iii'/K — 163' .s'^«7, 1. (mit A): ok skal; ok im nachsatz. — 163 >^ ä iingu (ddri, 
1.: ä iDiga (oder n/(/yuiu) aldri. — 167 >* insigli, 1.: innsigli. — 170" / skdlinni ok 
gjördi, 1. (mit C) : i skdlinni ok fekk jarli , en hanii tök vid ok gjördi ..; die worte 
ok . . . vid entweder von A oder vom setzer übersprungen. — 171- afper, 1. (mitB): 
af p^r hafa. — 173 ^ Icetr .., 1.: Itctr büa. — 173»« fekkst d, 1.: fekkst ä eigi. — 
179 •* mat Utill, 1.: Hc'itt litill. — 119'' het, L: let. — 182 ^ u. 183 ^ oe/ar, 1.: ae/«r.— 
183- aptan, 1.: aptawn. — 183^ menn ernir, 1.: mennirnir. — 184» einn yäar, 1.: 
,einn ydarr. — 184" b;/st pd, 1.: büst pd. — 185'- pess nyt ek at pin, 1. (mit C): 
pin nyt ek at pvi — wenn nicht in A eine mischung von njöta eins {af einum) und 
njöta eins (fem.) at cina? — 189'" hvdrrtreggju, 1.: -tceggjn. — 194- nü sendir 
Mirmann Gtidifreyr, 1.: Gudifrey. — 194 -" a fagnadi , 1.: sd fagnadi. — 195" tre- 
vetr, 1.: yrevetr. — 196'" gjordi, 1.: gjürdn. — 197" spyrr hvert hann hafi frett, 
1.: hvärt. — 197 1» han, 1.: hun (nicht hann). — 199" dbyrgt, 1.: dbijrgi. — 
203'^ rt hendir Justino, 1.: d hendr J. — 203" reida , 1.: rkda. — 204'" freystiim, 
1.: freistum. — 206» kom , 1.: kann. — 206" hann .. kundi fram herinntdorrustn, 
l: knüdi (?) — 201* framann, L: framau; doch 207" h(M«ii. 1.: vüsknun. — 
ebenso 213»® «p, 1.: «pp. — 209^ s^inni, 1.: simi. — 210»® ininum , 1.: ?;m>i«H(. — 

15* 



224 TH. MÖBIUS 

211" gödw, 1.: gödar. — 211 '* med, 1.: mik. = 212" ßinna synda vegni, 1.: ß. 
s. vegnsi. — 213*" hlömr, 1.: hlöm , n. oder hlömi , m. (NB. die vorausgehenden Wör- 
ter: eH'ert upp nefnt sind jedenfalls verderbt; der sinn ist: kein Schimpfnamen). — 
213 ■-" 6dlast, 1.: Mlazt (ebenso 210 ** 6dlast , 1.: Ml.) — 213 2- meyjar er foetist 
hafa um hennar daga , 1.: fazt {qutp, natae sunt). 

Die spräche dieser sögur bietet in grammatischer wie lexicalischer beziehung 
mancherlei eigentümlichkeiten ; es wäre wünschenswert, herr Kölbing hätte auch 
andern mitgeteilt, was er darüber jedenfalls für sich selber aufgezeichnet; denn je 
mehr er von diesen sagas gelesen und je eingehender er sich mit ihnen beschäftigt 
hat, um so mehr, müssen wir annehmen, wird er seinen blick für derartige eigen- 
tümlichkeiten geschärft haben. 

Wir stellen hier alphabetisch zusammen, was uns von eigentümlichen oder 
doch jedenfalls seltneren Wörtern und redeweisen vornehmlich aufgefallen. 

aferfa: enterben 130^^. allr vor articulierteni Superlative zu dessen Ver- 
stärkung adjectivisch gebraucht statt des adverbialengen, allra, in 40^": iallrihinni 
beztu gangveru (AB): ,,im allerbesten kleide." at, prsep. vor dem rf. ausgelassen 
wie in sofa fara: schlafen gehen [hanu vard . . sofa fara 75^'^, nu er timi sofa 
fara 31*), andrerseits nicht allein nach kiinna, wie dies ja häufig in der spätem 
spräche, sondern auch nach viun (ekjci man ydr mikit at vinnast ydru erendi 150'^^) 
und skal {skalt pü einsaman oi gera sUkt 129 3), ja sogar nach vil {ek vildi at lesa 
mer hlöm 66'; NB. 148^ lies: ef kann vildi at-rida: turnieren, nicht: at rida). 
at , conj. für er (134^® u. ö.), wie er für at (61 ^i. TT^o u. ö.). heinalag, n. nie- 
derlegen der gebeine, begraben werden , tod 190^. bligja: stieren (von den äugen 
eines götzenbildes) 143 1*». htizel, n. : bouteille 18^. dettyrdi, n. pl. hinfallende, 
unbedachte worte 190 1^. drymha, f. „eine art strumpf -hose" GV49. ekkert: 
nihil, wie jetzt allgemein 199'' (NB. 213 ^ scheint verderbte lesart). falda auga: 
die äugen (vor schäm) niederschlagen 212 ■*. farleysi und sein gegensatz /arvisi 
(4^2), wol nur vom Verfasser für den vorliegenden fall gebildete Wörter, fjörhrosa, 
f. (142 1) von einem frauenzimmer, die ewig lächelt, fori ein ging, f. (9129): ver- 
langen, desiderium. füll g ist, ppt. (158'): von einer fülle von gasten heimgesucht. 
fyrir, prasp. c. dat. (143 ^ 148"): im vergleich zu . .; fyrir eins (204 2): nur (vgl. 
at eins) in: ek vilda fyrir eins, hun vceri .., ich wünsche nur, sie wäre usw. 
gangandi greidi (30^^ 32^'. 41 s^): bezeichnung der gral - schüssel , ,, wandernde 
bewirtung" (?!); 30^': peir i völsku mäli kalla graull ist wol gr&ll (wie Germ. XIV, 
160) und nicht gr^nll zu lesen (?). gangvera, f. (16^. 4028. 6421, 9711 y, 5) 
die Wörterbücher kennen nur gangveri {-vari, -ari) m. oder gangverja, f.; ohne j 
auch 90^': ni/u, wie dergleichen häufig z. b. in AM. 132, fol. (Laxd.): b(ear, eyar 
usw. grön, f. (162*6) in: verdr eitt cinuvi fyrir grönum: es komt einem etwas 
vor den mund (,,schnabel"). halda upp einum (63**'): jemanden beschützen, heimr, 
m. (81**): horizont, in: heimrinn hreinsadist , während in B: af himnum hreinsadist. 
höfudgull, n. (64*'*): goldnes diadem, vgl. fmgrgull: goldner ring, höfudörar, 
f. pl. (190*'): deliria. hvürkin -nc (163*) für hvürki-ne, vgl. dän. hverken. jür 
(68®): ja; s. jaur {oder jür) bei G. Vigf. dict. 324''. lagdr, ppt. (201 «): l. med 
Uulli: mit gold belegt, exornatus. Ijösta (206*") mit schwachem praes. 3. sg. ind.: 
lystir. mann (IT^*. 17-'''') für madr. mar sleggja (78*") d. i.: sleggja merjandi 
von einem grossen Schmiedehammer, matvelar, (44' und 1432*); zu unterschei- 
den matvelar (oder matvselar) , f. pl. (44'): doli cibarii, in: fyrir pcer matvelar er 
kann gjörir her: weil er speisen entwendet oder dergl. — und matvceli, n. pl. (Jon 
Arnasou , a;fint. Isl. II, 4752» u. ö.): cibaria; weder das eine noch das andre scheint 



(II KU UIHDAKAHÜOlül Kl». KoLIIIMO 220 

M.'V^' ZU passen , \y) das t,'i'itzonbil(l sein soll: malvidar fohwol ausser herrn Kölhing 
Huch Fritzner -IvW', Unf,'er TO*" (und 173") und (i. Vif,'f. 414'' ao IcBeu). munnve- 
hir: nionscliliches niachwcrkV med, prx'p. (*Jl '^) med put: hierauf, viishuyna 
(126"): inissfullen. misserixdagr, ni. (U'J»»): tennin, wofür 130*': eitidagi. 
pikisdagr, m. (75"): pliiiystcn, vgl.: pykkis - diujr (Uj). I, 70G'*), nd. : pitigeat-d 
rcidibol, n. oder rcidibuhi , f. (187"): ridduri i rcidiholi, von einer scliaclifigur. 
siliu uk standd sein cinn rill (144"^''): sich ganz nach dem willen jcniandes richten. 
Kir sjdlfs, 7»;v sjalfnir, id^ir själfra , glcich.siini Substantive, denen das pron. poss. 
adjectivisch hinzutritt, z. b.: »jälfrar pinnar naudsynjar das bedürfnis deines selbst, 
d. i. dein eignes bedürfnis Du'*', ebenso 134 ^^ u. ö. nicht der Seltenheit wegen, 
sondern nur gelegentlich mit rücksicht auf J. Grimm IV, 3(J2 erwähnt, der diese der 
ahd. , alts. , ags. sjirache übliche construction in den nordischen sprachen vermisst. 
spik (pl. sjyikr Gisl. prov. 'Wh-^'), f. (113-". 158"): splitter, spahn. ntdlligr, adj. 
(12!Mo): chalybcius. stedda, f. (42"): strcitross (engl. .s7ecd). textus (30»')? tun, 
f. (20")V pungmc ginn , adj. (23'"): beschwert, üütskyr anligr (nicht: üsii- 
skyr.), adj. (212»*): unbeschreiblich, ülinn, adj. (79 »8): wild, grausam. vandi,m. 
dif'ßciiltas in hcrr vanda einum Hl handa (142-*): es gerät jemand in Verlegenheit. 
redr, u. , Witterung, in hafa eitt vid vedri (180"): etwas bekant werden lassen. 
vidrrcss, adj. (79'"): weitunihcrschweifend. vildr, adj., herrlich, sehr häufig 
z. b. 97'^. V indingar, ni. pl. und hriflingar, m. pl. (4'"), eine art hosen, 
strumpfe oder schuh (?) NB. nicht angeführt in E. Kcysers schrift über die altnor- 
wegischc kleidung. vükull, adj. (7G not. 19) : wachsam, yfir drepskapr, m. 
(148*"): Verheimlichung, auch Bp. I, 727-'. yfirmikill, adj. (123): übermächtig. 

Eben hierher möchten wir auch noch rechnen den häufigen gebrauch des part. 
pr«s. mit vera (auch mit rerda 14 '•^". 210»'') statt des verbum linitum, z. b. verit vel 
skiljandi ok eyni til leggjandi 7li", var kann pat nijük hugsandi 38»^ u. ö,; ferner 
dasselbe part. pra;s. in passivem sinne, so Ijäganda lof: lob das gelogen wii-d 105 •'' 
oder Finnandi-atburär (name einer bürg, wie Hangandi-borg 182'»): abenteuer, 
das gefunden wird 128» mit herrn Kölbings anmerkung; — sodann die auslassung 
dos relativs 182». 184''. 1902» a. ö. 

Noch sei auch eines besondern und (nur?) der Parcevalssaga eigentümlichen 
i-edeschmuckes gedacht, auf den herr Külbing schon Germ. XIV, 180 aufmerksam 
gemacht , jener reimenden ausgiinge zweigliedriger sätze mit zum teil sprichwürt- 
lichem inhalte, z. b. sä er illa jallinn at bcrjast, er cigi kann vdpnum v er ja st, 
oder: gottkemr aldin af gödum vidi, svä er göär madr med gödiim sidi usw. usw. 
Doch auch an eigentlichen , zum teil alten Sprichwörtern hat jede der vorliegenden 
sagas mehrere aufzuweisen: 4»'. 4»» (bis). 10'. W^". 26". 35-^ (bis). 422'. 61» ^bis). 
83»'. 134»3. 140-« und not. 1. 14Ü'-'". 

KIEL, JAN. 1873. TH. MÖBIUS. 

A Comparative Grammar of tlie Anglo-Saxon Language by Francis 
A. March. London 1870. XII , 253 s. 8. 

Noch vor kurzem war zu beklagen, dass das studium des Angelsächsischen, 
das durch Kemble und Thorpe seinerzeit in England blühte, dort jetzt fast ganz ver- 
gessen sei. In neuester zeit hat ein junger gelehrter, Henry Sweet, wider mit Ver- 
öffentlichung angelsächsischer texte begonnen und in der einleitung zu King Alfreds 
West Saxon Version of Gregorys Pastoral Gare (Early English Text Soc.) viel beach- 
tenswertes für die angelsächsischen dialecte gegeben. In Amerika betreibt man das 
Studium des angelsächsischen recht eifrig, und eine frucht dieses tleisses ist vorlie- 
gende grammatik. 



226 WÜLCEEE , ÜBER MARCH , AGS. GRAMMAR 

March beschränkt sich darin nicht nur auf das Angelsächsische , s.ondern geht 
auch auf die verwanten dialektc und sogar bis zum Sanskrit zurück. Dadurch zeigt 
er, dass seine gramuiatik nicht für anfänger, sondern für gelehrte geschrieben sein 
soll. In der ausführung des ganzen ist allerdings eine gewisse Ungleichheit der ein- 
zelnen teile nicht zu verkennen. Am wolgelungcnsten ist entschieden der dritte teil 
(s. 118 — 136), welcher die noch so wonig behandelte syntax zum gegenstände hat. 
Hier bringt March viel neues und alles ist recht übersichtlich dargestellt. 

Das werk begint mit einer Übersicht der bevölkerungsverhältnisse in England 
nach der eroberung durch die Angelsachsen. Es wäre zu wünschen gewesen, dass 
dieser teil etwas weiter ausgeführt worden wäre, da gerade diese Verteilung der ein- 
zelnen stamme so wichtig für die dialectischen unterschiede ist. Als einzig erken- 
baren dialect neben dem Angelsächsischen stellt March das Nordhumbrische auf. 
Durch die erwälmte arbeit von Sweet haben wir allerdings kürzlich etwas mehr licht 
über die südAvestlichen dialecte erhalten, und manches, was March noch als ,, irre- 
gulär" in den handschrifteu darstellt, dürfen wir nun als dialectische Verschieden- 
heit bezeichnen. Mit recht betont March, dass das Verhältnis zwischen Angelsäch- 
sisch (wol besonders Nordhumbrisch) und Nordisch noch nicht klar gemacht ist. Sicher- 
lich ist vieles , was man jetzt noch nordischem einflusse zuschreibt, aus dem Friesischen 
herzuleiten. Über die ein Wirkung des Latein auf das Angelsäclisische sagt der Verfas- 
ser : It is notto he donhted , therefore , that tlie Latin exercised a great influence on 
the Änglo- Saxon: if it did not lead to the introductlon of tvholly neioforms, either 
in etyvtology or syntax, it led to the extended and uniform use of those forms which 
are like the Latin , and to tJie disuse of others , so as to draio the gramviars neur 
each other. Was der Verfasser damit meint, ist leider nicht weiter ausgeführt. Ausser 
sehr wenigen Wörtern aus älterer zeit und vielen ausdrücken, welche das Angelsäch- 
sische wie alle andern sprachen durch einführung des Christentums erhielt, läs-.t sich 
kein einÜuss des Latein feststellen. Mit einer Übersicht des indogermanischen sprach- 
stammes und der germanischen familie im besondern schliesst die einleitung. 

Der erste teil handelt über Phonology, und zwar wird zuerst die ausspräche der 
laute behandelt, ä ist darin mit dem «-laute des neuengl. fall angesetzt. Für die 
Südwestgegenden Englands , wo schon nags. ä oft geradezu in ö überging (z. b. 
in Ancreu Riwle) ist dies zuzugeben. Für die nördlicheren gegenden hingegen, wo 
sich noch jetzt vielfach das alte ä erhalten hat , ist es mehr als zweifelhaft. Bei to 
macht March mit recht darauf aufmerksam, dass wir in den Verbindungen wl, wr 
einen andern laut {German w) als ?« vor vocalen haben, wie noch jetzt in Südwest- 
england : I vrite , vright und ähnlich gesprochen wird. 

Über den accent gibt March an, der hauptton liege auf der ersten silbe, statt 
zu sagen: auf der Stammsilbe. So betont er: üiiciid, führt aber dann unter den prae- 
fixen, die den hauptton nicht tragen können: un- auf. Es folgt dann eine betrach- 
tung der einzelnen laute. Nicht immer sind liier die lautvcräuderungen genau ange- 
geben. So heisst es: ä bleibe vor m und n. Before in and n, fährt March fort, 
it also stiffers assimilation to o. In Wirklichkeit ist a vor m und n gröstentcils zu 
verdumpft worden, bis nach Nordhumbrien zeigt sich diese erscheinung. Auch 
können wir durchaus niclit übereinstimmen, wenn March eä = got. au mit eä nach 
sc und g zusammenwirft. Über die sehr interessanten nordhunibrischen lautverhält- 
nisse geht der Verfasser zu sclmell weg; z. b. a (ini Nordh.) is uften. med where 
Anglo- Saxon has ea, sometimes where it has e, i, co , u" ist doch gar zu knapp. 

Hieran schlicssen sich alsdann die lautveränderungen (Euphonie Changcs), wobei 
auch die lautverschiebung (Shifting) behandelt wird, nach alterweise und sehr kurz. 



IIKZ/KNHKRGKH , OnKll onAKSMANS, VKDKNOLORSAR L"j7 

In der roriiKMiIi'lirc iiiiihto Miircli, wie jeder, der für ilaH An^'olsiirh.sisclie (.iiic 
«-, i- und tt-declination aufst»;llt, (während in «ler tut, nur noch die «-dedination 
buHteht, von den andern aber nur einzi-hu- cuhuh viirkoiiunen), viele formen jjeben, 
die sieh l<auni belef^eii lassen. Der virfasscr vermehrt al)er noeh diese Heiiwierif^kei- 
ten, indem er aucli mich dnreh alle f,'esehleebter einen vocativ und einen instrumen- 
talis durchführt. Natürlich muss in den allermeisten fällen der nominativ und dativ 
dazu herhalten. 

Das über das vcrbum f(Csaj?to ist im alljjcmeinen klar und vollständig; vor 
alltiii vollstiindi«,' sind die Übersichtstabellen der einzelnen conjuj,'ationsklas8en. Die 
tabellen jedoeli, wo einzelne verba durchconjugiert sind, gewähren einen ganz eigen- 
tümlichen anblick. Obgleich der Verfasser z. b. s. ^2 selbst schreibt: Preaetit (and 
fvtiirc) tnisc: ic niuie usw. folgt s. 84 fiUure: ic sceal (wüle) niman, pü scenlt 
niiiKiH usw., dann pcrf. ic lurbbc namen. Auch das ganze passiv und ein periphra- 
atic conditional (s. 91) hätte der Verfasser sparen können. Dies erinnert doch zu 
sehr an moderne lehrbücher. 

Auch sei hier noch ein wort gesagt, wie Marcli das weiterleben der verschie- 
denen formen ausführt. Was soll es nützen, wenn March sehr häutig von Lagamon 
und Ormulum gleich auf C'haucer überspringt, z. b. .s. 72, s. 118 und fgg. ohne ilie 
dazwischen liegenden denkmäler zu beachten? Höchstens wird dann bisweilen eine 
form als OM English dazwischen angefiUirt, ein ausdruck, welcher jetzt so verschie- 
den gebraucht wird , dass er ohne weitere erklärung gar nichts sagt. Entweder hätte 
er diese fortführuiig nälier erörtern oder ganz weglassen sollen. 

Im letzten teile, der wider sehr kurz gehalten ist, über die prosodie, huldigt 
der Verfasser der vierhebungstheorie, eine lehre, die gerade wider in neuester zeit 
zu debatteu anlass gegeben hat, und deren richtigkeit noch keineswegs so fest steht, 
als March anzunehmen scheint. 

Nochmals sei hervorgehoben, dass der dritte teil, die sj'ntax, der wichtigste 
ist, und gerade darin viel neues und beachtenswertes geboten wird. 

LEIPZIG. RICHARD WÜLCKER. 



Wörterbuch zum Rig-Veda von Hennaiin Grassmann, Professor am 
Marienstifts-Gymnasium zu Stettin. 1. Lieferung. Leipzig, F. A. 
Brockhaus 1873. (In ungefähr G lieferungen.) 

Der herr Verfasser bietet durch dieses vortreffliche werk ein wesentliches hüfs- 
mittel für das Verständnis des Veda und für die vergleichende Sprachwissenschaft 
dar. Auf grund eines sehr eingehenden und gründlichen Studiums der Veden über- 
haupt hat er die im Rig-Veda, dem Veda xur f^o/rjv, erscheinenden Wörter mit 
allen ihren in ihm auftretenden formen gesammelt, und durch vergleichung aller stel- 
lön . an denen sie vorkommen — welche im Wörterbuch gleichfalls verzeichnet sind — 
sowie mit berücksichtiguug der anderen Veden und der durch die etymologie gebo- 
teneu hilfsmittel, ihi-e bedeutung festgestellt. Die arbeit ist eine äusserst Heissige, 
zuverlässige und — wie die mannigfachen abweichungen vom Petersburger Wörter- 
buch beweisen — durchaus selbständige. Ausserdem verdient noch besonders hervor- 
gehoben zu werden , dass der herr Verfasser die Wörter nicht der herkömlichen Schrei- 
bung gemäss , sondern ihrer durch die nietrik erwiesenen ausspräche entsprechend 
aufführt — nmartid statt auuirtyn, ätithiguä statt, ätithigvä u. a. — Über ande- 
res, in dem er die praxis der modernen Wissenschaft verlässt und sich dem davon 
abweichenden verfahren der indischen Icxicographen und grammatiker nähert — im 



228 BEZZENBERGER 

ansetzen von stammen und wurzeln: jntr statt prtor, vrdh statt vardh —, über 
abweicliungen in der transscription und dergl. gibt die vorrede auskunft. 

Diese kurze anzeige möge genügen, um die für die vergleichende Sprachwis- 
senschaft, deren fruchtbarer betrieb durch eine gründliche kentnis des Veda-dialec- 
tes bedingt ist, sich interessierenden leser dieser Zeitschrift ai;f die obige, die kent- 
nis des Veda wesentlich fördernde arbeit hinzuweisen. Eine eingehende besprecl*ung 
ist hier nicht am platze. — Dagegen benutzt referent die gelegenheit, um auf ein 
bereits vor drei jähren erschienenes, aber,, wie es scheint, seiner ))edeutung ent- 
sprechend nicht hinreichend gekantes werk desselben Verfassers aufmerksam zu 
machen : 

Deutsche Pflanzennamen von Hermaim (rrassmann, professor am Ma- 
rienstiftsgymnasium zu Stettin. Stettin 1870. Druck von E,, Grassmann. 
VIII , 208 s. 8". 

Das werk hat, wie die vorrede sagt, den zweck, „für alle im gebiete deut- 
scher zunge wachsenden pflanzen deutsche namen einzuführen , welche denselben grad 
der bestimtheit an sich tragen , wie die lateinischen , und welche die letzteren an 
durchsichtigkeit und einfachheit übertreffen sollen." Der herr herausgeber bemerkt 
weiter sehr richtig, der bisherige mangel brauchbarer deutscher namen sei der Wis- 
senschaft und ihrer Verbreitung von unberechenbarem nachfeile gewesen, da der Unter- 
richt in der pflanzenkunde in allen schulen, in welchen kentnis der lateinischen und 
griechischen spräche nicht mitgeteilt oder vorausgesetzt werden könne, an diesem 
mangel scheitere; und die einführung deutscher namen sei auch für die Wissenschaft 
selbst notwendig, wenn sie nicht der ausschliessliche besitz eines kleinen, durch 
Unterricht in jenen beiden sprachen herangebildeten kreises bleiben und durch diese 
Vereinzelung nach und nach in todtem formalismus untergehen solle. Sie ist ferner 
um so gebotener, als für die pflanzenkunde ,, besonders durch Bischoffs bemühun- 
gen eine wissenschaftlich bestimte deutsche kunstsprache geschaffen ist, welche schon 
jetzt die noch vor kurzer zeit allein herrschende lateinische terminologie durch klar- 
heit und mannigfaltigkeit der beneunungen weit überflügelt hat," während es für die 
benennung der pflanzen noch gänzlich an wissenschaftlich bestimten deutschen namen 
gebricht. — Diesen übelständen abzuhelfen, ist das vorliegende werk bestimt, wel- 
ches seine entstehung der gemeinschaftlichen arbeit des herrn herausgebers und 
zweier verwanter, der herren Oberlehrer und buchdrucker E. Grassmann und rec- 
tor C. Hess verdankt. Die wähl der deutschen pflanzennamen entspringt im wesent- 
lichen jener gemeinsamen arbeit, während ihre begründung den berufenen bänden 
des herrn herausgebers anvertraut Avard. Mit grossem fleisse sind solche werke, 
welche eine ausbeute in aussieht stellten , durchsucht , und ist aus ihnen ein reiches 
material von deutschen pflanzennamen alter und neuer zeit zusammengebracht wor- 
den. Über die methodischen grundsätze, welche bei der wähl der beneunungen für 
gattungen, arten, familien und weiter die Varietäten, die Untergattungen oder rotten, 
die natürlichen Ordnungen und klassen massgebend waren, gibt die einleitung aus- 
kunft, und glaubt referent, dass man ihnen im allgemeinen zustimmen werde. Sehr 
wichtig für die cntscheidung zu gunsten des einen oder anderen namens war die 
Untersuchung ihrer ursprünglichen bedeutung, wobei der herr herausgeber die ver- 
wanten sprachen zu rate gezogen hat. Viele seiner ansichten haben entschieden das 
richtige getroffen und verdienen vollen buifall ; ich verweise der kürze wegen nur auf 
die nummern 316, 318, 321, 459, 62!) , 630, 641, 743 (epheu, mistel, holunder, 
esche, hasel, heister, föhre, hirse) u. a. Die vorgeschlagenen beneunungen sind 
durchgehend den regeln der deutschen Wortbildung entsprechend, und tragen ein 



\ 



ÜBER GKA8SMANN, II- I.ANZKNNAMKN 22t* 

(liiicliuus (Icutsclies t^i^pnif,'!' , wi-mi uns iiiu-li viili- in liiiiHiclit anf illf L'.\vi)hiit<'ii 
buzcicliniuigcn iiut' ilcn ciston l)lii'k hin etwas IVrmil annint<ii. 

Dor aiisiolit, duss höna aus hiKjnd ♦.'ntstandcn soi (nr. 17M), steht die, wenn 
icli niclit iiTO, zuerst von Fick unrf,'eHt(dlte, dass c« auf einer j^rundlonn bubtui 
hernhe, entj,'eg'en. Für jene aiisiclit dinrto das unklare ffot.b(i[fnt((t)-s, ag^.ljcdm, v/o\ 
kaum beweisend sein , dajjegon «piieiit ksl. bobü. Man wird nur biiniiu nicht direct 
aus babna durch überf:anff des b in v erklären dürfen ; diesen im deutschen anzu- 
nehmen ist höchst bedenklich, ob<jleich er sich in eini^'en nominibus jiropriis findet 
und in mittoUati'inis'hen quellen schrcibun<;eii wie jtrordtuiu statt prubatitm u. a. 
vorkommen (Pertz, L. I, l.')?). \'wh\ichr wmthi babiut zu lididnia (vgl. ^ut. laub(a)-s, 
lit. hqxi-s) und b ausgedrängt. Verwant sind in diesem falle wul unser beben, gr. 
(fi!ß-()/.tiit, Wurzel /'Ärti'/i (europäisch bhcb); \g\. ]a,t. fibra faser, ßinbria säum, franse. 
In diesem falle wären die ranken von bedeutung für die bencnnung der pHanze gewe- 
sen. — Zu nr. 442 bemerke ich , dass vaccinium rüis idaca im schmalkaldischen 
b raunschnitzer heisst (Vilmar, Idiotikon von Kurhessen s. 51), das wol aus 
dem bt)hm, brusuicti entlehnt ist. — Warum horr (Irassmann in Gundrnvi (nr. 541) 
eine Zusammensetzung von (/loid und 7'am ,,in der bedeutung bock zur bezeichnung 
der als männlich gedachten jtflanze" sieht und dieses wort nicht dem althochdeut- 
schen namen Gunthram gleich setzt, ist mir nicht klar. — Die Vermutung, dass 
der name schiesst und ziest (nr. 547) aus dem slavischcn entlehnt sei, wird durch 
den hessischen namen für stachyi^ alpina partunni kraut bestätigt, wenn in dem 
ersten teile des Wortes mit recht der lit. Perkunas gesucht ist (Vilmar, a. a. o. 
s. 2!14). — Das wort rosa (nr. Ifl4) fürt herr Grassmann mit radix, (möiii, (n'C(e, 
got. vaiirt{i)-s usw. auf die sskr. wurzel i^rad, welcher er die bedeutung „beugen," 
das Pet. Wbch. ,, weich, mürbe werden" gibt (adj. vrandin , nach herrn Grassmann 
,, schwach," ursjirünglich ..biegsam," nach dem Pet. Wbch. ,, mürbe, morsch wer- 
dend"), zurück. ,, Wurzel, zweig, kraut sind hiernach von der biegsamkeit. Weich- 
heit, Zartheit benant; und ebenso wird ooi^ov die rose als die „zarte" benennen." 
Berücksichtigung hätte hier auch die wurzel rardli , gedeihen machen, wachsen u. a. 
verdient, aus der im sskr. mehrere pflaiuennameu gebildet werden (vardha, vardhaka, 
rardhainäna). Dann bedeutete wurzel in letzter instanz ,, das Wachstum gebende," 
oder „das Wachstum vermittelnde" (vgl. vardhana wachstumgeber) und rose ursprüng- 
lich nur pflanze (vgl. Justi s. v. vareda). Die lautgesetze der in hetracht kom- 
menden sprachen fügen sich dieser herleitung , mit einziger scheinbarer ausnähme 
des deutschen; doch kommen fälle genug vor, in denen deutsehe tenuis grundsprach- 
licher aspirata entsjtricht. — Den namen ,, eiche," ahd. eih, an. eik , ags. äc ver- 
mittelt herr Grassmann sehr schön mit dem altind. yaj verehren, heilig halten, 
indem er sie als den den göttern geweihten, heiligen bäum erklärt. Vielleicht hätte 
er dabei das ahd. neihan, immolare, libare (Graifll, 1015), welches aus in-eihan 
entstanden , und dessen zweiter teil dem yaj ents]irechen könte , anziehen können. 
Dennoch steht der .sinnigen deutung des herrn herau.sgebers vielleicht eine derbere 
Wirklichkeit gegenüber. Im altn. ist das part. prät. eines verlorenen reduplicieren- 
den verbs eika, eikinn, rasend, heftig, erhalten. Wie wir in anderen sprachen sehen, 
entsteht aus diesen begriffen leicht der des mächtigen, kräftigen, und vielleicht ist 
in dieser weise eik mit eikinn verwant. Es gehörte dann weiter zu got. aikan , das 
seinen genauen retiex im sskr. ej sich rühren, sich bewegen, hat. — Da diese behaup- 
tung der bisherigen ansieht, welche äikan die bedeutung ,. sagen" gibt, widerspricht, 
so erlaube ich mir, sie kurz zu begründen. Aikan erscheint nur im compos. af-ciikan 
verleugnen , absagen , und die bisher allgemein angenonuuene ansieht stützt sich ein- 



230 BEZZENBEKGER, ÜBER GRASSMANN, FFLANZENNAMEN 

mal auf dieses, andrerseits auf die vorausgesetzte ideutität von *diJcan und alid. 
jeha». Dieses aber ist als beweisend durchaus zurückzuweisen, denn jene identität 
beruht selbst nur auf der Voraussetzung, dass das *üi'kan entsprechende ahd. verb 
ein Präteritum iah gebildet haben würde, welches dann zur basis eines neuen star- 
ken verbs gedient haben könte. Die bedeutung eines conipositums aber ist in vie- 
len fällen durchaus nicht massgebend , wo es sich um die feststcUung der bedeutung 
des verlorenen verbum simplex handelt. Im vorliegenden falle wäre es völlig unme- 
thodisch , den Voraussetzungen zu lieb das gotische reduplicierende verbum *dikan 
von dem altnordischen im part. prät. erhaltenen, ebenfalls reduplicierenden *eika zu 
trennen. Nimt man die identität beider an, so ergibt sich ein germanisches aikan 
= sskr. ej sich bewegen. Eikinn bedeutet dann ursprünglich ,,sich bewegend," 
weiter „sich heftig bewegend," ,, heftig," ,, rasend." Af-üikan bedeutet, wie sskr. 
apa-ej, „sich von etwas hinwegbewegen," „etwas verlassen," und weiterhin „sich 
von etwas lossagen," ,, etwas verleugnen." Dem got. ßu, mik afäikis kunnan ßrim 
sinpam entsprechend heisst es im altbulgarischen: tri kraty otüvnzesi s^ mene , du 
wirst mich drei mal verleugnen. Hier liegt in otüvresti eine dem afdikan ganz ana- 
loge entwicklung der bedeutung vor , denn vresti heisst werfen , otüvresti wegwerfen, 
otüvresti se c. gen. sich abwenden von etwas, jemanden verleugnen. — ■ Meiue erklä- 
rung von af-äikan ist demnach ganz unbedenklich, und, da sie das an. *eik,a berück- 
sichtigt, jedesfalls vorzuziehen. 

Andre von den ansichten herrn prof. Grassmanns abweichende Vermutungen 
wage ich nicht zu äussern , da ihre begründung , wie überhaupt eine vollkommen 
gerechte beurteilung des vorliegenden werkes eingehende botanische kentnisse ver- 
langt. Ich begnüge mich nur noch darauf hinzuweisen, dass herr Grassmanu — 
wie er diess auch in der vorrede selbst hervorhebt — mit dieser arbeit ein noch fast 
gänzlich unangebautes feld betreten hat, und wenn bei einem ersten planmässigen 
angriff sich da immer grosse Schwierigkeiten entgegenstellen^ so ist das hier in erhöh- 
tem masse der fall, wo es sich um die etymologie von eigennamen handelt, die, 
einen conservativeren charakter an sich tragend als andre Wörter, leicht unverständlich 
und dann in weit höherem grade der entstellung ausgesetzt sind, als diese. Noch 
schwieriger aber als die etymologie andrer arten von namen ist die der pflanzen- 
namen, da sie in den seltensten fällen erbgut aus früheren sprachperioden , sondern 
erst in der neuen heimat der Vegetation entsprechend gebildet sind. Ferner sind 
nachweislich namen einer pflanze auf andere übertragen und mit anderen vertauscht; 
manche mögen auch — was allerdings nicht zu beweisen , aber doch im höchsten grade 
wahrscheinlich ist — ans der spräche der aboriginer adoptiert sein. Alle diese 
Schwierigkeiten erschweren die forschung sehr, und ein liand liquet wird stets ver- 
zeihlich sein. Dieses spricht herr Grassmann denn auch öfters aus; er hat sich 
bemüht, sich ,, durch den reiz glänzender hypothesen nicht verlocken zu lassen," 
ohne jedoch überall diesen reizen gegenüber ganz kalt geblieben zu sein: so ist. z. b. 
seine zuruckführung von ahd. riita, ags. rüde mit lat. riita auf grundsprl. rudh, 
sskr. ruh wachsen (nr. 134) gewis nichts anderes als eine hypothcse, und zwar eine 
höchst unwahrscheinliche, da die europäischen sprachen das r dieser Wurzel nur als l 
erhalten haben. — Doch um gerecht zu sein, muss man zugeben, dass keiner jun- 
gen disciplin die hypothesen erspart bleiben. Immer eingehenderes studium wird 
auch hier bald die fehlenden mittel der kritik entdecken. Und ein solches ist eben 
so reizend als geboten , da seine resultate von der grösten bedeutung für die geschichte 
der indogermanischen Völkerbewegung sind — ich erinnere nur an das aus der Über- 
einstimmung von höka , fdyu-s und (ft]yö-g sich ergebende resultat — ; es erfordert 



ZACIIKIl , Zim l.iTT. DI'.U liKUTSf IIKN rKI.ANZKNNAMKV -'•il 

freilich hoarlioitor, ilio, wie licrr Gra^siiiann, in der .spraclivert'l'i' Im-m.I, n di^.ii.lin 
oben 80 bewandert sind, als in den exaeten wisscnsehaften. 

Da der druck des wi-rkes l)ereifs lK(j7 be<,'()iinen liat, so halun simi. r tr-<iii' - 
neue werke niciit benutzt werden können. Ich führe deslialb zwei mir bekant gewor- 
dene titel an : 

1) Prior, Ab'X. , ( >u tlii; popuhir nanies of britisli ]ilantH, being an explana- 
tion of the orif,'in aml nicaning of thc namcs of onr indigenous and niost conimonly 
cultivated species. 'J. ed. reviscd throufjliout. London, Williams and Norf^ate 1871. 

2) Das älteste und erste Herbarium Deutschlands, im Jahre 1;V.»2 von Dr. Cas- 
par li'atzcnberger anf,'olef,'t. j,'e(,'cnwiirti;,' noch im Kiinij,'lichcn Museum zu Cassel 
belindlicb, beschrieben und commentiert von i)r. II. F. Kessler. <'a.s.sel, Frey- 
schmidt 1S71. 

Das erste werk babe ich leider nirgends auftreiben könn<Mi, das zweite ent- 
hält überall ausser den lateinischen auch die deutschen namen ; doch bieten sie keine 
wesentliche bcreicherung der von herrn Grassmann angeführten. 

MÜNCHEN, 28. MAI 1873 ADALBERT BEZZENBEBGBR. 



ZUR LITTERATUR DER DEUTSCHEN PEI-ANZENNAMEN. 

ich erlaube mir, einige auf die littcratur der iiflanzennamen bezügliche bemer- 
kungeu hier anzuknüpfen. 

Von älteren werken würden wol noch einige tloren nutzbare ausbeute liefern 
können, in welchen eine fülle deutscher ptianzennamcn derart aufgeführt wird, dass 
sich sicher erkennen lässt , welchen bestirnten pflanzen sie überhaupt oder in land- 
schaftlicher begreuzung gelten, und welche anderen bcnennungen neben ihnen in 
gleicher bedeutung vorkommen. So z. b. Heinrich Gottfried Grafens von Mat- 
tuschka Flora Silesiaca oder Verzeichnis der in Schlesien wildwachsenden pflanzen. 
Breslau und Leipzig, 177G. 77. Korn. — Wertvolles darf inau auch zu finden erwar- 
ten in den schrifteu des um die geschichte der botanik so verdienten ehemaligen 
Königsberger professors Ernst H. F. Meyer: „Vergleichende Erklärung eines bis- 
her noch ungedruckten I'lhmzenglossares." Königsberg 1H37. 1". und „Preussens 
Pflanzengattungen nach Familien geordnet." Königsberg 1839. 

Unter den neuesten nach dem Grassmannschen buche veröffentlichten arbeiten 
aber verdient hervorhebung 

„Das mittelniederdeutsche Gothaer Arzneibuch und seine Pflanzen- 
namen. Von Prof. Dr. RegeL" 16 und 2G s. 1"., erschienen 1872 und 1873 
in zwei Programmen des Gymnasium Eruestinuni zu Gotha. 

Die herzogliche bibliothek zu Gotha besitzt unter nr. I»80 eine papierhaudschrift 
von 172 blättern in kleinfolio aus dem ende des 14. oder dem anfange des 15. Jahr- 
hunderts , welche verschiedene stücke, überwiegend medicinischen und astrologischen 
Inhaltes enthält, darunter, von bl. 85 bis bl. lOo , auch eine „practica bartholo- 
niei, introductiones et experimenta raagistri bartholomei in practica ypocratis, gali- 
geni et constantini grecorum medicorum." Von dieser practica Bartholomaei besitzt 
die Münchener bibliothek, nach angäbe des Schmellerschen cataloges.' unter Cgm. 
430. 439. 464. 720. 722. 824 sechs haudschriften des fünfzehnten jaluhunderts , ausser- 
dem unter Cgm. 92 eine handsehrift von 18 pergamcntblättern in 8" des dreizehnten 

1) Die deutschen handsehril'ten der k. hof- und Staatsbibliothek zu München nach 
J. A. Schmellers kürzerem verzeichniss. Erster teil. München 1866. 8". 



232 ZACHER, ZUR LITT. DER DEUTSCHEN PFLANZENNAMEN 

bis vierzehnten jalirliuuderts, und unter Cgm. 5153 i) ein bruchstück von fünf perga- 
mentenen octavblättern des dreizehnten Jahrhunderts. Der im titel der jiractica neben 
Hippokrates und Galen genante Constantiuus ist doch wol der berühmte Vorläufer 
der Schola Salernitana, Constantinus Afer , aus Carthago, der nach neununddreissig- 
jährigen wissenschaftlichen reisen in Afrika und Asien nach Salerno kam , und sich 
endlich unter dem abte Desiderius im jähre 1U8(3 als mönch nach Monte Casino 
zurückzog. Kurze auskunft über sein leben und seine Schriften gibt Ldw. Choulant, 
Handbuch der bücherkunde für die ältere medicin. 2. A. Lpz. 1841. s. 253 — 256. 
Demnach scheint die practica Bai'tholomaei in die frühe zeit der Saleruitanischen 
praxis zu gehören, als arabische medicin eben erst anfieng eingang zu gewinnen; 
vielleicht ist sie nur Übersetzung oder bearbeitung einer schrift von Constantinus. 
Dass diese Schriften in romanischer (französischer?) spräche bearbeitet wurden, erzählt 
der in Montecasino erzogene, gegen 1140 gestorbene Petrus Diaconus, de viris illu- 
stribus Casinensibus: ,,Adto, Constantini Africani auditor, et Agnetis imperatricis 
capellanus, ea quae supradictus Constantinus de diversis Unguis traustulerat , cothur- 
nato sermone in Eomanam linguam descripsit. Atto, sive Haito, vel Hetto, varie 
enirn id nomen scribitur, floruit anno MLXX." (Choulant a. a. o. s. 255). Die fran- 
zösin Agnes von Poitiers, witwe kaiser Heinrichs III, hatte damals ihren gewöhn- 
lichen wohnsitz zu Rom, in dem an den vatican stossenden kloster der heiligen Petro- 
nella (v. Giesebrecht, Geschichte der deutschen kaiserzeit. 3. auii. 3, 1095). 

Die deutsche Practica des Barth ol o raaeu s scheint recht beliebt und ver- 
breitet gewesen zu sein , und möchte wol schon deshalb , dann aber auch als eins 
der ältesten deutschen medicinischen handbüchleiu beachtung, und vielleicht auch 
eine gute ausgäbe verdienen. — Ein zwar noch etwas älteres , aber auch viel kür- 
zeres „arzinbuoch ypocratis" mit angehängtem pflanzenglossar hat Graif, Diutisca 
2, 269 — 277 aus einer handschrift des zwölften Jahrhunderts, cod. C. 58 der Was- 
serkirchbibliothek zu Zürich, veröffentlicht. Über medicinische studien, praxis und 
Schriften des vierzehnten Jahrhunderts gibt reichliche und anziehende belehrung 
A. W. E. Th. Henschel, Schlesiens wissenschaftliche zustände im vierzehnten Jahr- 
hundert; ein beitrag insbesondere zur geschichte der medicin. Breslau 1850 s. 46 — 104. 
Derselbe hat auch die in Breslau befindlichen medicinischen handschriften verzeich- 
net: ,,Catalogus codicum medii aevi medicorum ac physicorum qui manuscripti in 
bibliothecis Vratislaviensibus asservantur. Particula I et II auctore A. G. E. Th. Hen- 
schel. Vratisl. ap. Ed. Trewendt (in commiss.) 1847. 4^." — Über eine gehaltvolle, 
der Rhedigerschen bibliothek zu Breslau gehörige, 152 folioblätter befassende deut- 
sche medicinische pergamenthandschrift des vierzehnten Jahrhunderts hat Heinrich 
Ho ff mann von Fallersleben bericht gegeben, und proben daraus hinzugefügt, in 
seinen „Fundgruben" (Breslau 1830) 1, 317 — 327. Wie es so häufig in medicini- 
schen handschriften der fall ist, findet sich auch in dieser ein von blatt 114 — 121 
reichendes lateinisches und deutsches Verzeichnis otficineller pflanzen. Ein anderes 
exemplar desselben arzneibuches vom jähre 1457 besitzt die Münchener bibliothek in 
der quarthandschrift Cgm. 724 (bl. 110— 204). — Zahlreiche deutsche pflanzennamen 
hat derselbe Hoffmann aus Wiener handschriften mitgeteilt in seinen ,,Sumerlateu. 
Mittelliochdeutsche glossen aus den handschriften der k. k. hofbibliothek zu Wien. 
Wien, bei Rohrmaun und Schweigerd. 1834." In der vorrede dieses werkchens hat 
Hoffmann schon damals den wünsch ausgesprochen, dass ein botaniker die so zahl- 
reich überlieferten alten deutschen pflanzennameu samle, die pflanzen nach den jetzi- 
gen Systemen bestimme, den grund ihrer benennuugen erforsche, und ihr frühestes 
vorkommen auf vaterländischem boden ermittle, und hat an diesen wünsch einige 



HBULIt'H, ÜMKR nÜROKK KI). URIMEBACU 233 

litterarische nachweiHungen über t"iiniistiltt«'ii iloiitsclu-r piian/eiinaiiK.'u «Ilt alt- iiml 
der mittcniochdoutsolien zeit gt'kiiiipl't. 

Aus allfii doli viTscliicdfiu'ii stiirkcii lum , aus welchen die vorgenannte Gothaer 
handsi'lirift bestellt, iiat lierr |iri)f'. Hegel die deutsebeii )itian/.ennanien gesaniinelt, 
al|duil»etiseli geordnet und erörtert. .Sein absehen gieiig nicht «larauf, ihre etyniolo- 
gio und die dadurch bedingte grundbcdoutung ihrer benennung zu erforschen , son- 
dern zunächst nur eine Vorarbeit für das niederdeutsche Wörterbuch von Liibben und 
Schiller zu liefern. Zu diesem zwecke hat er alle in der handschrift vorkommenden 
Schreibungen jedes ptlanzennaniens aufgeführt, das wichtigste des über jede pflanze 
gesagten ini')gliclist mit den eigenen Worten der handschrift in knappster fassung 
liinzugefügt, und unter herbeizieliung der betrettenden werke und schriften von Nem- 
nich, (irimm, Diefenbach, Schambach, Schiller u. a. zu ermitteln und fcstzustelleu 
gesucht, Avelcher bestimten pflanze jede benennung gelte. Die mit guter kentnis, 
mühsamem Heisse und gewissenhafter gründlichkeit ausgeführte arbeit bildet demzu- 
folge eine breite und verlässige grundlage für jede weiter darauf zu bauende, sei es 
botanische, sei es sj)rac]iwi.sseuschaftliche forschung, und verdient die lobendste aner- 
kennuug. 

HALLE. J. ZACHER. 

G. A. Bllrger's Werke. Herausgegeben von Eduard (Jri.sebach. Zwei 

biindelien. Berlin. G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung. l.'S72. LXIV, 13-1 und 

XXXVl , 171 s. 8". baar n. " 4 thlr. 

Diese Zeitschrift kann nicht von jeder der neueu classikerausgaben notiz neh- 
men, die seit einigen jähren durch eine reihe von Verlagsbuchhandlungen wetteifernd 
an den markt gebracht werden. Machen doch viele gar nicht den anspruch mehr 
zu sein als ein billiger abdvuck irgend eines recipierten textes, und das kaufende 
publikum hat an den verschiedenen formaten , an der grosse der lettern und an der 
gute des papiers kriterion genug, um sich nach seinem geschmacke auszusuchen. 
Wenn aber eine dieser ausgaben als erste kritische bezeichnet mrd, wie die vor- 
liegende von Bürgers werken ; dann ist hier wol der ort zu 'betrachten , wie sie gear- 
tet ist. Ich wage freilich nicht zu entscheiden , ob der herausgeber seine kritische 
ausgäbe allen gebildeten, oder nur dem eugern kreise der litteraturforscher bestimt 
hat. Das vorwort lässt das erste erwarten; ein blick in die briefsamlung des ersten 
teils, die bei aller lückenhaftigkcit genug unwesentliches detail, ja sogar den gan- 
zen schmutz der ehestandsgeschichte in sich aufgenommen hat, lässt dagegen ver- 
muten, dass ausschliesslich auf einen gelehrten leserkreis gerechnet sei. Da der 
herausgeber selbst von den früheren ausgaben sagt, sie genügten den berechtigten 
ansju-üchen nicht, so wollen wir unsere ansieht nicht zurückhalten, dass der litterar- 
historiker durch die Grisebachsche arbeit wenig gefördert wird. 

Der erste teil begint mit einer biographisch -litterarischen skizze , welche „die 
ganze litteraturepoehe , zum teil nach neuen gesichtspunkten , einer kritischen betrach- 
tung untcr\Yirft." Die neuen gesicbtspuukte zeigen von vornherein die bedenkliche 
absieht, Bürger, nach Arthur Schopenhauers Vorgang, unter den deutscheu dichtem 
die erste stelle nach Goethe anzuweisen. Um das fertig zu bringen, wird zunächst 
s. XIX die in ihrer einseitigen Übertreibung gar nicht zu rechtfertigende behauptung 
aufgestellt, eine neue epoche der deutschen litteratur datiere nicht von Lessing, 
nicht von Klopstock, noch weniger von Wieland: sie datiere von Herder. Da nun 
gleichzeitig von dieser neueu epoche gesagt wird, sie hebe naturgemäss mit dem 
staatlichen aufblühen Preussens unter Friedrich dem Grossen an , und der übrigens 
ungenau citierte Goethe in der note zurechtgewiesen wird, dass er den als dichter 



234 KEDLICH 

SO unglaublich überschätzten Lessing als beweis des neuen eingeführt habe: so mag 
der leser selber zusehen , wie er sich aus solchem phraseulabyriuth herauswindet. 
Das erste nationale lustspiel , zu dem Friedrichs taten den anstoss gegeben , darf bei 
leibe nicht für etwas neues gelten, denn Lessing ist ja kein dichter, ist nur ein 
gelehrter und vortrefflich schreibender philologe, und Herder, der bei seinem ersten 
schriftstellerischen auftreten von der lebensluft in dem aufblühenden preussischen 
Staate nichts wissen wollte . sondern seine fürstenideale in Eussland suchte , muss 
unter einflüssen gross geworden sein, die ihn nie beherscht haben, wie kürzlich 
Suphan im 10. bände der Altpreussischen Monatsschrift s. 97 fgg. eingehend nach- 
gewiesen hat. Herder muss aber der alleinige prophet sein, damit aus seinen Schü- 
lern Goethe , Bürger und Lenz s. XXV ein neumodisches classikertrifolium zusam- 
mengestellt werden kann. Man ahnt schon im voraus , Avas s. XXXVII fgg. wirklich 
nachkomt , wo Schiller , der dichter kalter und gemachter balladen , nach Schopen- 
hauers machtspruch , wegen seiner bekanten recension gehörig abgekanzelt wird. In 
jedem sinn unästhetisch soll diese recension sein , und Bürgers unglückliche, von dem 
dichter selbst später nicht mehr gebilligte Verteidigung gegen dieselbe wird als sehr 
zutreffend bezeichnet. Bei dieser auffassung ist nur das eine nicht zu begreifen, 
warum herr Grisebach diese glückliche antikiütik nicht in extenso hat abdrucken las- 
sen. Platz wäre doch leicht zu linden gewesen ; auch der leser , der sich entschieden 
auf Schillers seite stellt, hätte ein grösseres Interesse für dieses document, als für 
die angehängten Ossianübersetzungen. Das bestreben, Bürger über das rechte mass 
hinaus zu preiseu, tritt in der einleitung immer wider hervor. Nur ein paar bei- 
spiele mögen noch angeführt werden. „Dass Goethe und Bürger sogleich in die 
sprachen des ausländes übertragen wurden, verbrieft uns erst das wirkliche dasein 
einer neuen deutschen litteratur," heisst es s. XXXI. Wüste herr Grisebach denn 
nicht, dass Klopstocks Messias und Lessings Minna alsbald nach ihrem erscheinen 
übersetzt worden sind, wälirend die Lenore ein vierteljahrhundert auf iliren Über- 
setzer gewartet hat? ,,Was ist von Hölty, Miller, Hahn oder gar von Voss bis 
heute wirklich am leben .geblieben?" wird s. XXVIII gefragt. Der unparteiische 
beurteiler hat darauf nur die autwort : Von Hahn freilich nichts , weil er so gut wie 
nichts geschrieben hat; von den andern im Verhältnis gerade so viel als von Bürger. 
Bürger hat auch den souveränen ton , der ihm von seinem herausgeber gegen den 
Göttinger dichterbund zugeschrieben wird, durchaus nicht in dem sinne, als ob er 
sich ein poetisches gottesgnadentum beigelegt habe. Der ungedruckte teil seines 
briefwechsels mit Boie über die Lenore enthält sogar das mderholte bekentnis , dass 
Miller sein meister im liede sei. Mit recht ist er stolz auf seine uusterbliche bal- 
lade, dergleichen die Göttinger, die noch in Gleimscher manier die Stoffe romanzier- 
ten, nicht hervorgebracht, aber er ist so weit entfernt von der ihm angedichteten 
überhebung , dass er fortwährend den 'guten rat der freunde bei der letzten ausfei- 
lung der Lenore in anspruch nimt. Dass er dem eigentlichen bunde immer ferner 
gestanden, wird durch seine ..gesunde sinlichkeit" und die Wielandische Schlüpfrig- 
keit mancher seiner Jugendgedichte genügend erklärt ; die tugendrigoristen des Hains 
zählten gewis mehr als ein Bürgersches lied zu den buhlgesängeu. Hatte er doch 
einmal den Klopstock lästernden versuch gemacht , die bundesbrüder Wiclands gcsund- 
heit trinken zu lassen , und hatte damit ein pereat hervorgerufen. Am unangenehm- 
sten berührt diese glorificierung Bürgers, wo die biographie von seinem ehelichen 
leben redet. Es gehört ein eigentümlicher geschmack dazu, mit dem herausgeber in 
dem Verhältnis zu MoUy die complicierte passionsgeschichte eines modernen gemüts 
zu erkennen. Von einer passion kann ich da nichts mehr entdecken, wo kaum ein 



ÜBER HCanKB KU. «iKISKItACII 235 

kaiupf gegen diu IcidciiscLaft versucht wir«!, wo dieser von der andern «eiU- kaum 
ein widerstand entgegentritt, und wo nach den» kecken durchbrechen alier Hittlichen 
schriuikcn niciit der schiufrz über ein' begangenes schweres unreelit, sondern höch- 
stens einmal die besorgnis vor dem bekantwerden der heillosen geschichte zum Vor- 
schein komt. Bei der erwiihnung der dritten eiie werden wir kurz angewiesen, Uürger 
nicht zu hart zu beurtL-ilen. Das soll auch niemaiitl, aber so gerecht möge er beur- 
teilt werden, dass niclit durch die abwehr lalscher Verschönerungen die schatten noch 
tiefer hervortreten , die herr Grisebach iii Bürgers leben und werken so gern als blosuo 
flecken in der sonne qualilicicren möchte. 

Auf s. 3 — 9(1 folgen der biographie briefe, zunächst die bekanten an Boie 
über die Lenore , dann ein paar fragmente, die aus Weinholds Boie tntlehnt sind. 
Völlig unbegreiflich ist, dass eine kritische au.sgabe solche läppchen bringt, wenn 
die originale noch vorhanden sind. Für das ungenügende dieser mittcilung gewährt 
das bisher ungedruckte billet an Dieterich aus dem besitz des herausgobers keinen 
ersatz; inwiefern es zu den besten briefen gehört, deren publication s. LIII verspro- 
chen ist, bleibt -mir ebenso unverständlicli , wie die wahrscheinlich diesen in eile. hin- 
geworfenen Zeilen entnommene Charakteristik der Bürgersclien liandschrift, die nie- 
mals gross, derbe und frei wie die Goethesclie gewesen ist. Alles folgende war schon 
gedruckt : es sind noch ein paar briefproben aus Weiniiold , der wegen seines unglaub- 
lichen mangels an sittlichem Zartgefühl berüchtigte brief an den schwager in Indien, 
der brief an Boie n)it Mollys todesanzeige , ein brief an Born , ein paar an Me3'er 
aus dem treflflichen buche von Elise Campe , ein brief an das ministerium, und zwei 
brieffragmente , von denen das die samluug beschliesseude vielleicht nicht einmal 
echt ist. Dazwischen füllt dann aber den grösten räum, wie schon oben angedeutet, 
die ganze briefsamlung der Keiuliardschen ehestandsgeschichte , und zwar nicht nach 
dem original, sondern nach einem nachdruck von Bürgers werken. Ich kenne diesen 
nachdruck nicht. Es wäre ja möglich, dass dieser pirat sich gescheut hätte, allen 
unriat des Originals wider zu veröffentlichen. Wie dem auch sei, die kritische aus- 
gäbe durfte einen so verstümmelten abdruck nicht bringen. Für das grosse publi- 
kum ist das gegebene sclion zu viel; dem historiker, der ein treues bild von Bürgers 
Individualität mit allen ihren schlacken gewinnen will , kann nur das ganze dienen. 
Und bei den auslassungen , von denen mau bei oberflächlicher vergleichung schon 
gegen zwanzig findet, (nur eine ist im texte durch punkte angedeutet) handelt es 
sich nicht um einzelne rohe ausdrücke, sondern zum teil um seitenlange erzähluu- 
gen. Es war freilich eine törichte vorirrung, Elise Hahn eine märtyrerkrone flech- 
ten zu wollen , aber das körnchen Wahrheit steckt doch in dem Ebolingscheu buche, 
dass bei dem tiefen fall der leiclitsinnigen frau der unglückliche gattc nicht oline 
schuld ist, und wenn man einmal diese dinge wider an die öfteutlichkeit zerrt, dann 
darf auf keiner seite etwas vertuscht werden. In beziehung auf die ganze briefsam- 
lung möchte man doch fragen, warum herr Grisebach sich mit dieser willkürlichen 
auswahl begnügt. Warum hat er denn die schon gedruckten briefe an Klopstock, 
Kästner und Heyne, an Voss, Stolberg und Gleim, an Müllner, an Marianne Ehr- 
mann zurückgelassenV warum den brief über Klingers Zwillinge , den Wagner in sei- 
ner dritten samlung publicievt hat? warum hat er sich nicht die erlaubnis v. Donops 
zum Widerabdruck der iu Westermann s monatsheften verborgenen verschaö't? warum 
vor allen dingen nicht die benutzung des Kielschen nachlasses, der ihm doch bekant 
war, ermöglicht? Konte er sich dieses reiche material so wenig wie den betreffen- 
den teil der Boieschen papiere vorschaflen, so wäre ein vollständiges verzichten auf 
den versuch, eine briefsamlung herauszugeben, eher am platze gewesen. 



236 REDLICH 

Den schluss des bandes machen die abhaudlung über volkspoesie und die Über- 
setzungen aus Ossian. Die aufnähme der letztern ist wunderlich motiviert mit dem 
interesse, das Ossian neuerdings wider in aAspruch nehme. Sie sind für die über- 
setzerkunst des sprachgewaltigen dichters von weit untergeordneterer bedeutung, als 
die hexametrische Ilias, an deren Widerabdruck ein „verständiger herausgeber" 
viel eher hätte denken können. 

Der zweite teil bringt die Grisebachsche auswahl von gedichten, ., das echte 
poetische gold, ausgebrant und von den schlacken gereinigt." Vorausgeschickt sind 
die vorreden der ausgaben von 1778 und 1789 und seltsamerweise die rechenschaft 
über die Veränderungen in der nachtfeier der Venus, während dies gedieht selbst 
keine aufnähme gefunden hat. Nach dem Vorgang der ausgäbe von 1789, deren text 
im wesentlichen widergegeben wird, sind die gedichte in drei bücher geteilt, und 
Tittmann erhält einen tüchtigen seitenhieb dafür, dass er von der weisen einteilung 
Bürgers willkürlich abgewichen sei und durch das bemühen , die gedichte chrono- 
logisch zu ordnen , alles in eine chaotische Unordnung gebracht habe. Und das 
schreibt herr Grisebach, der selbst höchst willkürlich von der Bürgerschen einteilung 
abgeht, indem er ohne not die balladen vor die Ij^rischen gedichte stellt und diesen 
die Überschrift ,,lieder an Molly '• gibt. Da müssen sich nun spinnerlied. hummellied, 
sinnenliebe, lied, Sinnesänderung und feldjägerlied zu balladen oder romanzen stem- 
peln lassen , weil sie nun einmal nicht lieder an Molly sind. Aber auch so ist unter 
die Mollylieder mancherlei geraten, was nicht dahin gehört. Himmel und erde, 
schon im mai 1773 gedichtet, ist von Bürger erst später auf Molly bezogen; das 
winterlied kann der zeit seiner abfassung nach nichts mit Molly zu tun haben, und 
auch von den folgenden mag noch manches an Mollys Schwester gerichtet sein. 
Kurz , herr Grisebach hat wahrlich nicht Ursache , anderer leute anordnung zu schel- 
ten; bei ihm laufen ältere und neuere stücke in allen drei büchern nach reiner Will- 
kür durch einander. 

Die bibliographischen notizen im inhaltsverzeichniss und am schluss der bio- 
graphie lassen vermuten, dass herr Grisebach das nötige material an musenalma- 
nachen und alten ausgaben der gedichte gar nicht bei seiner arbeit zur band gehabt 
hat. So kent er offenbar die Eeiuhardsche Prachtausgabe von 1817 nicht, welche alle 
gedichte enthält, auf deren wideraufnahme er sich so viel zu gute tut, bis auf die 
resignation aus dem Heidelberger taschenbuch. Er weiss nicht , dass die beiden 
Sonette „ der entfernten '' s.chon im M.-A. 1790 s. 221 fg. stehen und aus diesem durch 
ein misverständnis von Böcking in Schlegels werke aufgenommen sind. Er führt 
diesen Almanach wol beim hummellied an, aber durchgesehen hat er ihn sicherlicli 
nicht, sonst hätte er wol auch s. 108 das epigramm vom wappen gefunden, das er 
aus seinem Wiener nachdruck mitteilt. Die angaben über den ersten Standort Bür- 
gerscher gedichte sind auch sonst mehrfach ungenau ; die antiquare z. b. stehen im 
Almanach für 1788, Prometheus 1785, Meine meinung 1786. Von der Übersetzung 
des Münchhausen heisst es s. XXXI, sie sei 1787 erschienen. Das findet man frei- 
lich auch sonst angegeben, aiif dem titel der ersten aufläge steht aber London 1786. 
Und was soll man zu der behauptung s. XXXII sagen , Bürger habe die Akademie 
der schönen redekünste hauptsächlich durch eigene beitrage speisen müssen? Die 
drei von Bürger edierten hefte, 342 selten stark, enthalten nur zwei stücke aus sei- 
ner feder, das gebet der weihe und den Beilin, zusammen kaum 20 selten; alles 
andere ist von Schlegel, Bouterwek und ungenanten. Aber, sagt der leser vielleicht 
ungeduldig, es sollte ja vom zweiten teil die rede sein, warum sind wir schon wider 
beim ersten? Das ist ja eben die wunderbarste einrichtung des buches, dass jeder, 



KRDMCII, ÜBER HÜRriKK i:i). liiUBKKACM 237 

(Ut wisHoii will, was Bnrj,'er eigontllch gedichtet hat, innii'r wiik-r im ernten bände 
suciien iiiusH, wolclie f,'(!iliclito herr (iriKobaoh ili-r auriiulmif in m-inen unverfälHclitea 
und <,'unzcn liiiifjffr nat'li soj-f^fälti^'stt'r aiiswalil im jjcist.; dos diclilers nicht f^fwiir- 
digt hat. l>a hciHKt s. XMI die lanf,'atiiinigi' Idjcrwotziin^j ans l'upc uiij,'t;<'ignet lür 
die aufnaimii'. Und nun lese man in -AI. Ifermiys inten-sHanter aclirift Zur Kiitiite- 
hungsgcschichtc des Schlogelschon Sliaki-speare s. :')?, was biirger scdbst von jener 
Übersetzung geurteilt hat, und erfreue sich dabei an den feinsinnigen beinerkungeu 
von Bernays über den ganzen charakter der Bürgerschen Übersetzungskunst. S. XV 
wird von der ankündigung der Prachtausgabe gesprochen, welche Tittmunn vermut- 
lich gesehen habe, als ob diese ankiindigung aus der weit wäre. Konte herr Grise- 
bacii nicht eine /.eitung des jalires 17H!( zu rate ziehen und aus derselben, z. b. aus 
dem Hamburger corrospondenton vom 10. oetober (die ankiindigung ist vom Ij. Sep- 
tember datiert) lernen , dass Bürger durchaus nicht die weglassung der Europa beab- 
sichtigt hatV (ianz unverständlich ist die bemerkung über die epigraranie, s. XXXIX, 
anm. ***. Die prüderie gegen die echt deutsehe derbheit, welche in derselben Titt- 
ruann zur last gelegt wird , hat dieser gegen die von herrn (irisebach aufgenomme- 
nen stücke gar nicht zu emidinden gelegenheit gehabt; was Tittmann für nicht geeig- 
net zur verötVentlichung für die gro.sse leserweit hielt, sind ohne zweifei einige Pseudo- 
nyme epigramnie aus den Musenalmanachen, welche in der schon erwähnten Keiu- 
hardschen ausgäbe von 1817 stehen, von deren existenz aber herr Grisebach keine 
ahnung hat. Sie durfton um so eher weggelassen werden, als Bürgers autorschaft 
nicht mit Sicherheit erwiesen ist; vielleicht gehören sie Meyer, der auch auf das 
fragment eines wahrhaften gesprächs im M.-A. für 17W, der chiflre nach zu urtei- 
len, ebensoviel, vielleicht mehr ansiiruch hat, als Bürger. 

Ks mag genug sein. Druckfehler im text. an denen es nicht fehlt, will ich 
nicht aufzählen. So viel wird aus dem angeführten klar sein, dass herr Lirisebach 
sich seine aufgäbe, eine kritische Bürgerausgabe zu liefern, viel leichter gedacht 
hat, als sie in Wahrheit ist. und daher aucli weit davon entfernt geblieben ist, sie 
zu lösen. Meinem urteil nach ist die Tittinaunsche ausgäbe eine brauchbarere grund- 
lage für die so wünschenswerte arbeit. Und doch hat hen- Grisebach eine frucht- 
bare Idee für die ausführung derselben beigebracht, welche hoffentlich nicht verloren 
geht, nämlich die, dass der text im wesentlichen auf grund der ausgäbe von 1789 
zu constituleren ist. Mögen dann unter dem text die älteren lesarten und die hand- 
schriftlichen correcturen. die Reinhard benutzt hat, ihren platz iimlen. .\usgeschlos- 
sen darf von einer solchen kritischen ausgäbe kein gedieht werden, mag es echtes 
gold sein oder nicht. Wer nur nach diesem sucht, braucht ja überhaupt niclit nach 
Bürgers werken zu greifen; eine fülle von anthologien liefert ihm alles, was er wün- 
schen kann. Wäre auch von Bürger selbst der wünsch ausgesprochen , dass mau 
solche schmelzversuche mit seinen werken anstellen sollte — in der vorrede von 
1789 s. 7 fgg. stehen die worte nemlich gar nicht so , wie herr Grisebach sie mit 
anführungszeichen citiert — : er dürfte jetzt nicht mehr erfüllt werden, da das histo- 
rische Interesse au der eutwickelung des dichters jedes andere überwiegt. Wir leben 
eben nicht mehr zu einer zeit . in der ein Herder Bürgers freund Boie zu ähnlichen 
liebesdiensten auffordern konte. wie Kanüer und Voss sie andern Zeitgenossen gelei- 
stet haben, und nehmen schon anstoss an solchen einzelnen änderungeu. wie sie 
herr Grisebach ohne not versucht hat. Zur aufnähme in eine vollständige, chrono- 
logisch geordnete ausgäbe möchte ich ausser den nachweislich echten epigraiu- 
men aus der Cornelia von 1817 noch das lied zum geburtstage, Voss M.-A. 1778 
s. 148 Y . empfehlen , das endlich einmal in den werken seines Verfassers ein plätz- 

SEITSCUR. F. DEUTSCHTE PHILOLOGIE. V. BD. Hj 



238 SUPHAN 

chen verdient, nachdem es allen möglichen nichtbeteiligten irrigerweise zugeschrie- 
ben worden ist. 

HAMBURG, APRIL 1873. REDLICH. 



Friedrich der Grosse und die deutsche Litteratur Mit Benutzung 
handschriftlicher Quellen. Von Heinrich Pröhle. Berlin. Franz Lip- 
perheide. 1872. XU. 303 s. in 8«. 

Friedrich den Grossen „der deutschen litteratur zwar noch als abgewant, aber 
doch in beständigen Wechselwirkungen mit ihr zu zeigen , von deren bedeutung wenige 
handbücher der deutschen litteraturgeschichte und von deren umfange bisher keins 
eine ahnung gehabt hat," dies ist mit des Verfassers eigenen Worten (s. 194) die auf- 
gäbe des vorliegenden buches. Etwas parteiisch klingen diese worte, so weit sie sich 
auf die früheren leistungen beziehen. Goethe , von allen Zeitgenossen und überleben- 
den durch seine Stellung innerhalb und über der deutschen litteratur wie durch sei- 
nen politischen Standort — der ihn dem directen einflusse Friedrichs fern gehalten 
und doch freien ausblick verschafft hatte, des königs wesen zu beobachten — am 
meisten befähigt ein urteil zu fällen , hat sich über das Verhältnis des grossen königs 
zur vaterländischen litteratur bündig und erschöpfend ausgesprochen. Es ist mehr 
als Zufall, wenn die darstelluugeu , welche die namhafteren handbücher von des 
königs einfluss auf die nationallitteratur geben, sich mehr oder minder als commen- 
tare zu Goethes gedrungener und einfacher urschrift darstellen — besonders auffal- 
lend zeigt es sich an Loebells vorzüglichem excurse im ersten bände der Vorlesun- 
gen über die Entwickelung der deutschen Poesie von Klopstocks erstem Auftreten bis 
zu Goethes Tode s. 32-4 — 346 — die grundzüge des Verhältnisses sind eben von Goethe 
sicher aufgedeckt, die hauptpunkte kräftig hervorgehoben. Dass seit Goethe die 
bedeutung der persönlichkeit und der leistungen Friedrichs für den fortschritt der 
litteratur von keinem verständigen litteraturhistoriker unterschätzt ist, lässt sich 
nicht verkennen. Auch dem umfange des Wirkungskreises nach hat man durchgän- 
gig die belebende und antreibende kraft der erscheinung Friedrichs nach gebür ver- 
anschlagt; man hat selbst den aufschwung des prosaischen stils in der geschicht- 
lichen und philosophischen redegattung als eine folge des durch Friedrichs siege 
gehobeneu nationalbewustseins aufgefasst. Unser autor zieht die grenzen enger; er 
lässt die prosalitteratur fast ganz ausser dem bereiche seiner beobachtung,* auch 
diejenige, die unleugbar ihre kraft aus dem boden des preussischen Patriotis- 
mus gesogen hat, wie die der philosophisch -politischen Schriften Thomas Abbts. 
Die ,,ahnungen" der litteraturhistoriker sind also gegen unsern Verfasser etwas im 
vorsprunge; der anerkennenswerte fortschritt aber, den sein buch darstellt, besteht 
darin , dass seine beobachtungen innerhalb des engeren kreises der poetischen litte- 
ratur im einzelnen vieles neue zu tage föi'dern, aus fundstätten, an denen zu suchen 
vielen die gelegenheit, noch mehreren die lust abgeht. 

Allerdings können wir seinen beobachtungen unumwunden nur in so weit recht 
geben, als sie den einwirkungen Friedrichs auf die litteratur gelten; an bestän- 
dige Wechselwirkungen beider grossen zu glauben können Avir uns trotz des 
Verfassers bemühungen einen einfluss der deutschen litteratur auf Friedrich darzutun, 
nicht verstehen. Nichts weiter ergeben dieselben, als dass zu verschiedenen Zeiten 

1) Als ausnähme seien die sehr bemerkenswerten angaben über Klopstocks Gelehr- 
tenrepublik angeführt, s. 190 fg. 



ÜBER PR(MII,i: , iniKDItKll I). dU. 1. I», DRUTSCirK MTT. li.'jy 

verunglückte vorsuclie gi.'iiiiiclit worden siiul , ilo.s kiniigH teilnähme für die national« 
litteratur zu erwecken, und datis ihm ein und das andere produkt der preusüischen 
dichtorschule vor augon (a. 42. 7H. 104), ein und das andere sclilagwort der theo- 
risten dieser schule zu oliren gekoinnicn ist (s. IGH. 17K). Unter jenen, den ungliick- 
liclien versuchen, hiitten Hamanns schrii'ten ..Philologischo Kinfiille und Zweifel über 
eine aoiulomische Preis -Schrift." ,, Lettre Perdue d'un Sauvage du Nord" (177."1)' 
erwähnt werden köiiueu. Die erstere schrift wurde durch eine einleitung, „Selb.st- 
gesi)räch eines Autors." Nicolai zum druck angeboten. Nicolai lehnte ab. und beant- 
wortete, um Ilamann zu bereden, „seine patriotische Philippicam im pulte ruhen 
zu lassen ," das Selbstgcsiiriich durch eine den dunkeln stil Hamanns nachahmende 
Epistel; darin gibt er unverholen dem Magus im Norden zu verstehen: durch unlieb- 
same und lierausfordernde äusserungen über die Verwaltung und über des monarcheu 
verhalten zur deutschen litteratur könne er in die unwillkommene läge geraten, eine 
reise nach Spandau oder Stettin antreten zu müssen (Von und an Herder!, 347 fg.j. 
Um die kleine samlung desjenigen , was Friedrich au erzeugnissen der deutschen 
litteratur vor 1780 bekant geworden ist, zu vervollständigen, führen wir Nicolais 
roman Sebaldus Nothanker au , den der könig , wenn der nachricht Nicolais an Her- 
der (V. u. a. H. I, .■».').'!) zu trauen ist, sogar seines beifalls gewürdigt hat. 

Die tatsache , dass Friedrich ein niäclitiger t'örderev (ier nationalen litteratur 
gewesen, ohne ein keuner derselben, und ohne im eigentlichen sinne ihr gönner zu 
sein, geht auch aus Pröhles darstellung klar hervor. Den gründen nachforschend, 
die den könig zur abkchr von dem heimischen vermochten, hat Pröhle ausser den 
bisher genanten (der mangelhaften gestalt, in der ihm am hofe seines vaters die 
deutsche bildung erschien, und dem in form und gehalt kläglichen zustande der deut- 
scheu litteratur zur zeit seiner vollen wissenschaftlichen müsse) den einfluss einer 
den aufschwung der litteratur mit neid betraclitenden camarilla uamhaft gemacht, 
deren häupter Sulzer , Sack und Maupertuis gewesen seien (s. 43 fg. lG7j. Wir zwei- 
feln an dem neide der Franzosen und der Schweizer in Friedrichs Umgebung nicht, 
wol aber daran, dass es den intriguen dieser mäuucr hätte gelingen können, ,.die 
deutscheu poeten , vornehmlich den seraphisclien Klopstock, dem könige vorzuenthal- 
ten" (s. 41). Für einen Ranilcr und (rleim war es wol ein leidiger trost. zu glau- 
ben, dass Klopstocks und ihre gedichtc den könig zum freunde der deutschen niuse 
machen würden , sobald nur die von den neidischen gelehrten des hofes vorgezogenen 
riegel brächen. Aber nach dem urteile eines mannes, dem nüchterne lebensklugheit 
den blick klar erhielt , nnd der von dem treiben am hofe wol unterrichtet sein konte, 
waren es nicht die Schweizer, die den könig zum verächter der deutschen litteratur 
machten , sondern der kiuiig . der sie zur annähme des französischen wesens zwang. 
,,Nur allzusicher sei es," schreibt Nicolai an Herder am 18. märz 1773. ,,dass der 
könig keinen Deutschen befördere , er müsse denn sein Vaterland verleugnen uud sich 
zum Franzosen machen (dies haben Sulzer, Lambert, Guichard u. a. getan)," und 
mit beziehung auf Hamanns oben genante schrift setzt er hinzu, .,da dies nicht zu 
ändern sei, werde es schicklicher sein, still zu .sein, als unnütze ratschlage darüber 
.7A1 geben." (V. u. a. H. I, 348).- Li der tat bedurfte es nicht eines Sack, den ja 
Friedrich so wenig achtete, dass er ihn gelegentlich zur Zielscheibe seines bittern 

1) Über die Lettre Perdue zu vgl.Petri in der neuen ausgäbe v. HamannsWerk.il, 377. 

2) Die beiden briefe Nicolais vom 2. und 18. miin 1773 enthalten fast alles, was 
sieh zur erklärung der schroifen abueiguug Friedrichs gegeu die deutsche litteratur vor- 
bringen lässt 

16* 



240 SCPHAN 

Spottes über Orthodoxie nahm (s. 20-4 fg.) , um Klopstocks poesie dem könige mislie- 
big zu machen. Wer an dem ausdrucke gottmensch als einer contradictio in adjecto 
ansto.ss nahm und den begriff einer blutigen genugtuung für einen dem höchsten 
wesen nicht anständigen hielt, für den war, wie Nicolai mit recht meint, alle kunst 
Klopstocks verloren. Und so bleibt in erklärung der teilnahmlosigkeit des königs 
gegenüber einer litteratur, die dui'ch rastloses vorwärtsstreben den beweis einer ver- 
jüngten lebeuskraft gab, der alte Goethe mit seiner ansieht ,,vom alten Fritz, der 
alles wüste, was er wissen wollte," im rechte; es war allerdings eine ,, eigensin- 
nige, voreingenommene, unrectificierliche deukungsart" (Goethe an Merck, d. 14. nov. 
1782), die aus dem geringen befunde früherer zeit, ohne von dem fortgange kentnis 
zu nehmen, ein ferneres dreissigj ähriges zurückbleiben folgern wollte. Mit recht aber 
hat Pröhle gelegentlieh (s. 73. 170) auch darauf hingewiesen, dass Friedrich, befan- 
gen in den Vorurteilen der alten französischen kunsttheorie, gerade von den vorzüg- 
licheren erzeugnisseu der vaterländischen litteratur sich fremdartig berühit füh- 
len muste. 

Die einwirkung Friedrichs auf die entwicklung der deutschen litteratur ist eine 
teils unwillkürliche, teils absichtliche. Jene, die bedeutendere, die er durch sein 
blosses dasein übte ; diese seine auf cultivierung der spräche bezüglichen anweisun- 
gen und ratschlage , die in der bekanten schrift über die deutsche litteratur ihren 
abschluss fanden , aber schon im ersten jahi'zehnt seiner regierung , wie Pröhle nach- 
weist, und späterhin für die beschäftigung und richtung nicht weniger, wenn auch 
nicht eben vorzüglicher geister von bestimmendem einflusse gewesen sind. 

Es wäre für die Übersicht über das gesamte dieser sowol wie jener Wirkungen 
vorteilhafter gewesen , wenn in Pröhles darstellung des nach Friedrich genanten lit- 
teraturzeitalters dieser ebenso als ,,der polarstem leuchtete, um den sich alles 
drehte," wie dies nach Goethes urteil in der politischen weit unleugbar der fall war. 
Aber die beschaffenheit des in bedeutendem umfange verwerteten handschriftlichen 
materials — der bändereicheu correspondenz, welche die Gleimsche familienstiftung 
aufbewahrt — hat den Verfasser meist zur biographischen einzeldarstellung geführt; 
die allmähliche Veröffentlichung der einzelnen aufsätze , hauptsächlich in der unter- 
haltenden beilage einer Berliner zeitung, hat ebenso das festhalten eines gesichts- 
punktes erschwert. Zu bedauern ist es, dass der Verfasser bei der Verarbeitung zum 
ganzen die lediglich journalistischen zwecken dienenden stücke nicht strenger aus- 
geschieden hat. Nicht selten überwuchert die menge des biographischen details den 
litterarhistorischen grundbau ; es lassen sich ganze capitel nachweisen , die den gang 
der darstellung hemmen und zu dem hauptgegeustande entweder gar keine beziehung 
haben, oder nur lose damit zusammeuhäugen (I, 2. IV s. 107 — 117. V, 2. 3. 4. 
VI , 1.). Wir haben solche stücke herausgehoben , die , nach ihrem werte für die lit- 
teraturgeschichte veranschlagt, hätten fern bleiben können; dem meisten aber, was 
,, nicht zur fabel gehört," wird man den ort, den es nun einmal gefunden, gern ver- 
gönnen, da es uns figuren in frischen färben darstellt, welche wir uns schon gewöiint 
hatten in den handbüchern der litteraturgeschichte grau in grau geraalt zu finden. 
Gleim, Ramler und Kleist werden uns lebendig; der letzte gewint durch die hier 
zuerst abgedruckten briefe (s. 228 — 262. 265 — 269), lauter Zeugnisse einer biedern, 
aller künstelei und falschen empfindsamkeit abholden Sinnesart und proben eines zwar 
etwas steifen , aber doch kräftigen uud natürlichen prosastils , als mensch und Schrift- 
steller am meisten. Über Gleims patriotisch - kriegerische lyrik- bringt die quellen- 
mässige darstellung (s. 52— 60. 66 — 86) schätzbare aufschlüsse. Dasselbe gilt von 
dem ganzen abschnitte, der Klopstock gewidmet ist (s. 121 — 154, dazu s. 43 — 45) 



(bkr rnoiiLK, niiKnauri i>. hh f. d dfctscuk mtt. 211 

,. Klopstook wnil der |ireu.ssischo Staat" betitelt, wenn ^'leicli das hauptsäehliche sirh 
ledijjlich auf den dicbter liczieht. Der aufHatz geht besonders genau auf die lebcDH- 
vt'rliältiiisse Klopsstoclvs ein und weist den zusainun-nban;; zwiHchen seinen biirger- 
liclien und ökunoniisrhon umstünden, seiner p<ietisi'licn tätigkeit und seinen politiHrhcn 
idealen nach. Ks ist hewusfer zweck des Hchriftstellers, das liausieincne Unterkleid 
<leH barden aus den falten des gelüfteten talars bervorblickcn zu lassen ; mancher 
wird linden, dass dies unbeschadet des gesamteindrucks mit etwas mehr znrückbal- 
tung hätte geschehen können. Zudem wird man zwar immer politisclic neigungen 
und abneigungen, aber doch nur sehr behutsam poetisches und «chriftstellcrischcs 
scliatlon auf die bcdinguiigon der bürgerlichen existcnz zurückführen dürfen ; bei dem 
letzteren sind zoitstriMiiung und studien die eigentlich treibcndiu kräfte. Auch sonst 
macht sich hier und da in dem buche eine neigung, dem kleinen eine gewisse Wich- 
tigkeit beizulegen, geltend, nicht im einklange , scheint es, mit der würde der haupt- 
figur, um welche die einzelnen dargestellten repräsentanten der nationallitt»?ratur 
ihre durch liebe oder abneigung bestimte Stellung einnehmen. Unter diesen vermis- 
sen wir neben Klopstock und Lessing ungern den Preussen Herder. In den jüng- 
lingsjahren ausgewandert und den preussischen Staatseinrichtungen, nicht dem vater- 
lande entfremdet, hat Herder zuerst in widcrwilliger bewunderung der kriegerischen 
und staatsmännischen grosse Friedrichs, dann in bekämpfung der Vorliebe desselben 
für französisches maschinenwesen in schriftentum und Verwaltung und seiner Stellung 
zur landesgeistlichkeit sein lebhaftes interesse an dem beiden des Jahrhunderts verraten 
(Auch eine Philos. d. Gesch. s. 174. 181 fgg. Fünfzehn Provinzialblätter s. 22 — 24); 
schliesslich aber ist er mit rückiialtloser anerkennung der allmählich klar erkan- 
ten menschlichen höhe Friedrichs hervorgetreten zu einer zeit, in der dies ohne den 
verdacht der Schmeichelei geschehen konte , vor Zeitgenossen, die sich schon gewöhnt 
hatten Friedrichs Verdienste kälter zu beurteilen (vgl. Pröhle s. 180 fgg.). 

Als directe eiuwirkung Friedrichs lässt uns der Verfasser an verschiedenen stel- 
len seines buches (s. 40 — 42. 165 fg.) die anregung einer sehr ausgebreiteten, den 
alten zugewanten Übersetzungstätigkeit erkennen. Da er hierfür belege aus dem 
anfange der fünfziger und dem ende der siebziger jähre gibt, so mag hier an einem 
einzelnen falle bewiesen werden, dass der monarch auch im fast überwältigenden 
dränge der Verwaltungsgeschäfte , denen er nach dem Hubertusburger frieden sich 
hingab, an seinem gedanken . durch Übersetzungen der klassischen Schriftsteller die 
bildung und spräche seines Volkes zu heben festhielt. Im jähre 17Gö erschienen 
kurz nach einander zwei Übersetzungen von Tacitus, dem lieblingsschriftsteller Frie- 
drichs. Mit einer anspiehing auf die aus dem boden gestampften legionen des Pom- 
pejus erklärt ein recensent in der Königsberger Zeitung das erscheinen derselben in 
folgenden Worten: ,,Ein viel grösserer könig ... äussert kaum seine Verwunderung, 
woher die Deutschen keine Übersetzung des Tacitus hätten, und auf ein wort von 
ihm . . . springt auch sogleich von dem so schweren lateinischen geschichtschreiber 
eine Übersetzung nach der auderen hervor." Übrigens stand der könig mit seinem 
ratschlage nicht allein. Auch Thomas Abbt brachte in den Literaturbriefen (XIII, 99) 
die ansieht zur spräche, .,die Übersetzer der alten könten unsere classischen Schrift- 
steller werden," und wui'de wenige jähre später (1766) von Herder in den Fragmen- 
ten (I, 62) mit triftigen gründen widerlegt — so weit war also solion fast fünfzehn 
jähre vor dem erscheinen der sclu-ift Sur la literature allemande die deutsche litte- 
ratur den vorschlagen des königs vorausgekoramen. 

Zu der analyse und besprechung dieser schrift (s. 16.Ö — 173) hätten not^\'endig 
nachrichten über die aufnähme derselben bei den Zeitgenossen und über die an sie 



242 SCPHAN 

anknüpfende litterati;r kommen sollen. Einige beitrage zu diesem noch zu schreiben- 
den capitel werden daher hier nicht unerwünscht sein. 

Mit befremdung und nicht ohne Unwillen und enttäuschung wurde das buch 
des königs in Weimar gelesen.' Es war durchaus nicht von vorn herein die absieht 
der fürsten im reiche der litteratiu: den ungerechten anklagen des königs vornehmes 
schweigen entgegenzusetzen. Goethe schreibt im Januar und februar 1781 sein 
Gespräch über die deutsche Literatur, zu dem Herder berichtigende bemerkungen 
liefert (Aus Herders Nachlass 1 , 6G) ; dieser selbst geht mit einer Umarbeitung sei- 
ner Jugendschrift über die deutsche Litteratur um; „die Fragmente," meldet er sei- 
nem Verleger am 18. april 1781 , „haben jetzt durch die schrift seiner Majestät von 
Preussen einen neuen zunder der widerauferweckung erhalten " (V. u. a. H. H , 90) ; 
und ohne zAveifel sind noch einzelne abschnitte der Briefe zu Beförderung der Huma- 
nität (IX, 20 — 61. 167 — 176) mit bezug auf jene schrift verfasst. Moesers treff- 
liche Schutzschrift , deren hauptsätze Loebell gründlich erörtert , hat wahrscheinlich 
zu dem späteren entschlusse , einer kundgebung sich zu enthalten , den ausschlag 
gegeben, ebenso ist wol die rücksicht auf des herzogs beziehungeu zum Berliner 
hofe von einfluss gewesen. 

Beachtung verdienen aber auch die antwortenden stimmen von weniger bedeu- 
tenden Schriftstellern ; gerade diese sind es , die die ansichten des grösseren gelehr- 
ten und gebildeten kreises vertreten, und die uns einen einblick verschaffen , in wel- 
cher ausdehnung und stärke sich eben dort die Vorstellung von einem im laufe der 
letzten drei Jahrzehnte gemachten fortschritte verbreitet hatte. Es gab noch ein 
gelehrtes publikum, welches das wegwerfende urteil Friedrichs über Shakespeare und 
den Götz von Berlichingen mit genugtuung las, und die hoffnung hegte, den durch 
Klopstock und — Goethe eingerissenen sprachverderbnis werde seine schrift noch zu 
rechter zeit steuern. Im namen dieser alten herren aus Gottscheds schule begrüsst 
der Breslauer arzt und dichter Tralles^ die ,, vortreffliche schrift" des königlichen 
herren. Vier jähre älter als dieser hatte er neben seiner Wissenschaft, in der sein 
name von gutem klänge war, sich eifrig mit den schönen redekünsten beschäftigt 
und in seinen jüngeren jähren nicht ohne anerkennung nach dem muster Hallers, 
Brockes und Hagedorns gedichtet — hält er doch den versuch nicht für zu kühn, 
durch proben seines eigenen poetischen und prosaischen stils seinen nionarchen zu 
höherer achtung vor der deutschen spräche zu bekehren. Unablässig hat er auf die 
neuen erscheinungen in der litteratur gemerkt; aber an den neueren poeten, beson- 
ders an den kindern des sturmes und dranges , hat er eben so wenig gefallen finden 
können als an ihrem meister Shakespeare; ja er bedauert es, „dass Lessing, der die 
reine deutsche spräche in seiner gewalt hat, wie er es vorher so oft gezeigt, sie in 
seinem Nathan dem Weisen , von Goethen angesteckt , geflissentlich zu verderben 

1) Diese Stimmung komt auch iu Herders gedieht An den Kaiser (Joseph II) zum 
ausbruch (Herders Gedichte 1817. I, 256). An diesen wendet sich der dichter mit der 
hoflFnungsvoUen bitte, beschützet des deutschen wesens in religion, sitte, spräche, kunst 
und Wissenschaft zu werden: „dass die holden zelten, Die Friederich von ferne sieht, 
Und nicht beförderte, sich um Dich breiten Und sein Dein ewig lied." Man hat ii-riger 
weise diesem gedichte die Jahreszahl 1778 übergeschrieben; es kann nicht vor dem 
erscheinen der schrift sur la litt. all. entstanden sein, da die angeführte letzte Strophe 
eine anspielung auf den schluss jener schrift (Je suis comme Moise; je vois de loin la 
terre promise — ) enthält. 

2) Sehreiben von der deutschen Sprache und Literatur, bey Gelegenheit der . . . 
vortreflichen Schrift: über die deutsche Literatur usw. Breslau 1781. 56 s. 8. 



('BEH rUdlll.K, IHlKliItK II l>. '.II. I. II UKCTRCHE I.ITT. -13 

bemühet, gewesen." Si-iueiii pootisclien ifkiile geiiii;^cn v<iu <ltn nftuei''n 'j'-kkiiit, 
Uz, Rauiler , Kloist, (»leim; als moister dor prosa j?elten ihm neben vielen nnbetleu- 
tenden und älteren (unter diesen natürlich Gottsched) MeiidelHSohn , Sul/.er und Wie- 
land. Aber eben durch diese schon vor Jahrzehnten erreichte gestalt (glaubt er, sei 
den anlord»'runf,'en des küuigs ein },'enügc jjetan , und so ladet t-r ihn ein . in das 
gelohte land , an dessen plorten er schon stehe , einzutreten. Seine sehrift mit der 
des könitrs zusammenzustellen • ist besonders deswegen interes.sant, weil Tralles mit 
seiner bildung in demselben bodcn der französischen und französieri-ndeii aufkläning 
wurzelt als der ihm gleichaltrige könig, und weil ihm wie jenem, als einem manne 
von gescIiäCten , die schönen Wissenschaften nur sache der crholung. nicht der täg- 
lichen beschäftigung haben sein können. Er ergänzt als ein gegeniiiM zu ihm aus der 
wissenscliaftlidi- praktischen sjjhäre die boobaciitung, dass in dingen des gesdimackes 
die in den bildungsjahren gewonnenen grundsätze aucii bei vorzi'iglich b<'gaht<^n men- 
schen sich desto ausschliesslicher in der herschaft behaupten, je m^lir in ihrer tätig- 
keit die richtung auf das praktische die oberhaud gewint. 

Jerusalems ,, Schreiben über die Teutsche S])rache und Litteratur •' - ist im auf- 
trage der herzogin witwe von Braunscliwcig verfasst und ins Kraiizi'sische übersetzt. 
Ob die absieht der fürstin , diese antwort dem königlichen verwanten vorzulegen, zur 
ausfiihrung gebraclit worden, habe ich nicht ermitteln können. Fiuderlich wäre 
gerade diese apologie am wenigsten gewesen. Der Verfasser konit vor lauter devo- 
tion und vor furcht, durch eine abweichende mcinung dem hohen lescr zu niisfallen. 
nicht zu einem freien werte; nur für Lessing und Winkelmann spricht er mit wol- 
tuender wärme, von den Weimarancr grossen getraut er sich nur Wieland zu nen- 
nen. ,, Wolgemeint. bescheiden, aufriclitig, alt, kalt und arm" — mit solcher Cha- 
rakteristik fertigt Goethe (an Frau v. Stein 19. Febr. 1781) das büchlein auf das 
beste ab. 

Ein drittes auf Friedrichs sehrift bezügliches werkchen , gerade das ausführ- 
lichste und mit dem grösten geschick geschriebene, hat auf den könig nachweislich 
eindruck gemacht: die Lettres sur la Langue et la Litterature Allemande , relatives 
ä rOuvrage De la L. A. . . . Dedie a Sa Majeste le Roi de Prusse par Leon Goin- 
perz. A Danzic 1781.' Nicht nur in format und Seitenzahl , sondern auch im aus- 

1) Zu Fi'iedriobs verschlag: „Mettcz un a au beut de ccs tcrniinaisons (der vcrba) 
ei faites cn sagona, gebeua, uehniena" bemcikt Pröhle (s. 171): , ."Wahrscheinlich dachte 
Fr. an sein geliebtes Schlesien ..." Schon Tralles komt dein könige mit dem beispiele 
seines heimischen dialekts vergnügt zu hüte (s. 29) und führt unter anderem die werte 
aus einer „beschrcibung vom gcbürgc" an ,,Wo da grassa Rusta i^r) wachsa, mit da 
grussa hohla langa Stiela." Schwerlich hat aber Friedrieh an solche mundartlichen for- 
men gedacht; für seine grammatische neucrung hätte ja auch nicht ein „wachsa," son- 
dern nur ein ,,wachseua" gesprochen. „Natürlich aber," lahrt Pröhle fort, „wüste 
der könig nicht, dass das a wirklich eine alte deutsche cndung gewesen." Er hat es 
aber sehr bald erfahren. Denn Goniperz machte ihn in seiner erwidenmgsschrift (über 
welche wir weiteres alsbald anführen) darauf aufmerksam. Er führt (s. 44) die zeilen 
,,Nu darf man daz ouch redina Thaz Kriachi niht es widaron" aus einer handschrift 
des klosters Freisingen an mit dem hinweis ,,Yous voyez . . le mot redina aulieu de reden." 

2) Berlin 1781. 29 s. 8. Lettre sur la litterature Allemande. Traduite de l'AUe- 
mand. 40 s. 8. 

3) Gleichzeitig licss Gomperz in Danzig eine deutsche Übersetzung erscbeim-n. 
Goldbeck, Litterariscbe Nachrichten von Preussen. Zweiter Theil. (Leipzig und Des- 
sau 1783.) s. 21 fg. 



24:4 süPHÄN 

druck und im ganzen zuschnitt schliesst es sich genau an das werk des königs an. 
Gomperz. der Verfasser.' ein gewanter jüdischer littcrat und kaufmann , hatte in sei- 
ner gebnrtsstadt Metz sich grosse geLäuiigkeit im gebrauche des französischen, durch 
eindringliche studien , denen er sich , seit er als jüngliug nach Königsberg gekom- 
men war, ergeben hatte, umfangreiche kentnisse in der alten und neueren litteratur 
und in der philosophie . endlich durch reisen einen freien weltmännischen ton ange- 
eignet. Zu der zeit, als seine Briefe über die deutsche Sprache und Literatur' erschie- 
nen, lebte er in Danzig. war also der rücksichten, welche ein untertanenverhält- 
nis auferlegt, ledig. Dieser vorteile weiss er sich höchst glücklich zu bedienen. Er 
spielt in seinen, dem namen nach an einen gebildeten ausländer gerichteten briefen 
ganz meisterlich die rolle des etranger, der aus einem kenner und bewunderer der 
deutschen Wissenschaft und dichtkunst auch ein kenner und liebhaber der deutschen 
spräche geworden und sogar von der älteren gestalt derselben sich eine anschauung 
verschafft hat. Immer ist es nur ein dilettant, der sich das wort zu führen erlaubt; 
was würde erst ein einheimischer, ein gelehrter zum schütze und preise der vertei- 
digten sache vorbringen? (s. 68 fg.). Und dieser dilettant besitzt die hofmäuuische 
geschmeidigkeit , unhaltbaren urteilen des souveränen dilettanten, die der gelehrte 
sehr gründlich widerlegen müste , mit seinem bescheidenen Cependant je crois zu 
begegnen. Kurz , Gomperz hat den ton , in welchem allein, sich gegen des königs 
ansichten mit einigem erfolge reagieren Hess, glücklich getroffen. Ihm ist es also 
gelungen . sich bei Friedrich gehör zu verschaffen. Les Lettres .... que vous M'adres- 
sez en date du 30 Mai , antwortet Friedrich aus Potsdam le 6 Sept. 1781 , Me sont 
parvenues seulemout ces jours-ci; elles renferment des observations justes, qui vous 
fönt honneur. Je vous remercie de l'attention, que vous Me temoignes en Me les 
presentant, ä la quelle je ne puis qu'etre sensible etc.- Hiernach unterliegt es also 
keinem zweifei, dass der grosse könig schon im jähre nach abfassung seiner schritt 
sich einen richtigen überblick über den derzeitigen stand der dinge im reiche der 
deutschen litteratur verschafft hat.^ 

1) Goldbeck L. K (erster Theil). Berlin 1781. S. 41 fg. 

2) Goldbeck II, 232. 

3) Die audienz Gleims bei Friedrich am 22. decbr. 1785, von der Pröhles buch 
s. 275^ — 281 handelt, hat folglich nicht die ihr an diesem orte beigelegte bedeutung, 
dem könige den blick geöffnet zu haben. Das Gleimsche gedieht, welches s. 277 — 280 
mitgeteilt wird , erwähnt — wenn man die schwachen dichtungen des alten Gleim streng 
nach dem Wortlaute prüfen darf — gerade die hauptsache, dass Gleim es gewesen, der 
die namen aller der darin enkomiastisch aufgeführten niiinner dem könige bekant gemacht 
habe, gar nicht; dieses verdienst hätte Gleim keineut'alls verschwiegen, wenn er es sich 
hätte zuerkennen dürfen. Das gereimte tagebuchblatt dagegen: ,,Der König und Gleim. 
Zu Potsdam, den 22. dec. 1785" (s. 270) lässt erkennen, das.s jene audienz viel zu kurz 
lind de.s königs geneigtheit, auf die läge der deutschen litteratur einzugehen, zu gering 
gewesen ist, um auch nur eine auswahl aus den im zweiten gedichte besungenen namen 
mit einigen begleitenden werten dem könige vorzuführen. Wenn Friedrich, wie jenes 
kxirze, in seiner naivetät durchaus glaubwürdige tagebuchgedicht berichtet, die frage hin- 
geworfen hat: „Ist Wieland gross, ist Klopstock grösser?" so ist dies beweis genug, 
dass seit 1780 sein interesse an der deutschen litteratur sich gesteigert hat — denn die 
sehrift Sur la lit. kent weder den einen noch den andern; andrerseits ist es uns sehr 
wol begreiflich, dass Friedrich nach Gleims enthusiastischer antwort: „Der, Sire, wäre 
stolz, der's zu entscheiden wagt" kurz abgebrochen hat. Durch enthusiasmus wird eben 
ein Skeptiker am wenigsten bekehrt. 



CnER rRolIt.'K, KRIKDRIfll I). (iR. l. O. DELTFCHE LITT. 245 

Mit bPHuiuloiciii eifV'r gn-ift (if)iiiiioiz dii- M|}r.'iclilicherj beiiierkungi'tJ d<'^ konifSfii 
auf," um aus f,'iamiiiiifisclicn , uu-trisflien und rlietoriKoheii ^'ebü'hti<itunlkt«n die vor- 
riiglii'hkcit der dcutsclion Hi»raclii' zu erweisen. In dieKun abschnitt seiner rtchrift 
nicht er teils als bewcisniittel, teils als sprachiiroben etliche wol^ewählte stellen von 
bedouteiiden dichtem (so zwei lüng'ero aus LeHHin;,'H Nathan s. (JH) und jirosaikern 
(aus Herders Preisschritten s. "51. IW) ein. Aber weder hirr, nocli in dr-n briefen, 
die von der eiitwickiiinfj und dem iiöiiestiinde der nationalen litteratur handeln, findet 
sich ein wort vun <ioi'tiie — ein deutliclier beweis, wie sein- jener damals noch j^jegen 
Lessing, Wieland, Herder im schatten stand. 

Die scheinbar leicht liinfjcworfenen ajicrcus über ilie demente der spräche, 
die sich selbst auf ausspräche und Orthographie erstrecken (Li-ttro III. IV) unter- 
bricht der briefsteller mit dem vorsciilage, die rcgelunp der ileutschen Orthographie 
der academie der wissensciialten zu Berlin zu übertragen und mit dem rate, littera- 
rische gesellschatten als mittel zu Verallgemeinerung des geschmackvfdlen ausdrucks 
und zur Vereinigung der zu sehr zerstreuten und in der Vereinzelung verkommenden 
geistigen kräfte zu gründen (s. 56 — 58). Damit trägt er nur eine folgerang aus dem 
urteile vor, welches Friedrich (p. 30 seiner schrift) über den einfluss der Academia 
della Crusca auf die Veredelung der italienischen spräche tallt. Friedrich hat aber, 
wie Pri)lile nachweist (s. 171), wenig.'itens in jüngeren jähren ein die wissenschaft- 
lichen krafte Deutschlands einigendes institnt wegen der politischen Zersplitterung 
des reiches für unmöglich gehalten, ein mistraueu, welches die folgezeit gerechtfer- 
tigt hat. Als zwei jähre nach Friedrichs tode der edle Karl Friedrich von Baden 
die Idee einer solchen academie, eines ,, Patriotischen Instituts für den Allgemein- 
geist Deutschlands" zur ausluhrung bringen wollte, kam man über den entwurf der 
Statuten und über die vorbereitenden Verhandlungen nicht hinaus. - 

Nach der lecture von (lomperzs Lettres muss Friedrich zu der einsieht gekom- 
men sein, dass von allen seinen schritten die 8ur la literature ihm am wenigsten 
gelungen war. Aber zu einem beschützer und förderer der deutschen litteratur ver- 
mochte auch Gomperz den könig nicht zu machen ; es war vergeblich , dass er sein 
diplonuitisch feines memoire mit einem complimente schloss, das jenes fördernde 
interesse im voraus in anspruch nehmend den könig von Preussen mit dem Prince 
de Brunswick und dem Duc de Weimar in eine linie stellte. 

Von uns aber möge es der herr Verfasser nicht als ein leeres compliment 
annehmen , wenn wir den hiermit geschlossenen excurs für eine kritische gcgengabe 
erklären , die wir ihm zum danke für seine fleissigen quellenforschungen darbie- 
ten. Wir schliessen unsere reccnsion . wie der herr Verfasser seine schrift . mit 
einem ., Anhange," der einige untrer einander unzusammenhängende beobachtungen 
enthält. 

Lessings aufenthalt bei Tauenzien uent Pröhle s. 90 die einzige glückliche 
zeit seines lebens, seinen aufbrach aus des generals nähe unbedingt einen fehler. 
Sollte ihm nicht Lessings eigenes urteil über diese zeit (A\'~W.Lachm. XII, 159) gegen- 
wärtig gewesen sein? Uns scheint Schoene weit mehr recht zu haben, wenn er die 
zeit vom october 1776 bis december 1777 als „das friedenvollste und glücklichste 

1) Zu Friedrichs oben (s. 244 anni. 1) erwähntem vorschlage bemerkt Gomperz 
s. 42: Malgr^ la singularit^ de ce projet il taut avouer que ce n'est qu'une oreille accou- 
tum^e a l'euphonie, qui puisse etre ä la port^e d'avoir une teile id^e. 

*2) Herders Adrastea VI, 215 — 242 und die ergänzung in den W. W. z. Ph. u. G. 
XXII, 132 — 141. 



246 SrPHAN, ÜBER PRÖHLE, FRIEDRICH D. GR. ü. D. DEUTSCHE LITT. 

Jahr in Lessings leben" bezeichnet. (Briefwechsel zw. Less. und seiner Frau. 1870. 
Vorrede s. XXII — XXIV). 

Wenn s. 178 in einem briefe von Götz an Gleim (aus dem jähre 1764) von 
der vereitelten hoflfnung die rede ist , durch Friedi-ichs protection „ endlich einen 
Sophokles, einen Moliere, einen Quinault und Metastasio und überhaupt einen 
Schauplatz zu bekommen" — „denn wo werden wir ihn bekonmien, wenn er 
nicht in Berlin erschaffen Avird?" — so hätte Pröhle besser getan, nicht mit näch- 
stem bezug auf das vorangehende von der möglichkeit zu reden, „Berlin zu einem 
schauplatze für solche dichter wie Götz zu machen." Götz spricht von der einrich- 
tung einer nationalbühne. 

Als beweis von Klopstocks mangelhafter kentnis des vaterländischen altertums 
führt Pröhle s. 290 die Übertragung der druiden und barden auf deutschen boden 
an. Nach seiner ansieht ist Klopstock dadurch zu der Verwechslung der Galen und 
Germanen verleitet. ,,dass er in Britannien ebensowol nachkommen der Gelten als 
der Germanen fand." Demnach scheint er den weit verbreiteten Irrtum zn teilen, 
wonach Klopstock die Urheberschaft an jener verkehrten Vorstellung zur last fällt. 
Diese ist jedoch weit älteren daturas. Schon Opitz weiss in seinem buche von der 
Deutschen Poeterey auf grund einer misverstandenen stelle des Tacitus zu erzählen, 
dass bei den alten Deutschen eine sängerzunft, die barden, bestanden habe, ,, wel- 
ches sie vielleichte den Frantzosen nachgethan haben." (S. 19 der ausg. v. 1658). Ich 
will nicht behaupten , dass Klopstock aus Opitz geschöpft hat ; aber soviel ist sicher, 
dass man schon längst vor der durch Klopstock geschaffenen bardenlitteratur von 
germanischen druiden und barden gefabelt hat. ,, Fürst, barde^ feldherr und Sol- 
dat" opfern bei Hagedorn in der ode Der Wein zechend und tanzend „um Wodans 
blutaltar , in Herthas heiligtum und um die Irraensäule " (Oden und Lieder s. 182 
der ausg. von 1747) ; in den anmerkungen finden wir zusammengestellt , was dem 
dichter aus Clüvor , Leibnitz und Cranz von dem götterglauben und den altertümern 
der Germanen bekant ist — ziemlich dasselbe , was Klopstock , abgesehen von der 
mythologie der Edda, gewust und poetisch verwant hat. (vgl. Pröhle s. 290). Deut- 
sche druiden spielen in Schönaichs epos Hermann (1751) eine rolle. „Das alte 
Deutsche," meint Herder in der ersten samlung der fragmente (1766. s. 72), ,,mag 
bei den alten druiden in ihren heiligen eichenwäldern Orpheisch geklungen haben." 
Klopstock hat sich also nur einen traditionellen irrtum angeeignet; ihm ist es dann 
allerdings zuzuschreiben , dass sich der glaube an druiden und barden bei den Ger- 
manen bis in den anfang dieses Jahrhunderts erhalten hat. 

Zu s. 288 und 296. Lessing hat, als er mit F. H. Jacobi im august des Jah- 
res 1780 gast bei Gleim war, zum andenken an seine berühmt gewordene disputation 
mit dem Pempelforter philosophen im gartenhause Gleims zu seinem namen den 
Spruch '7w' y.a) nnv geschrieben. So berichtet Jacobi in der Streitschrift über Les- 
sings Spinozismus und beruft sich auf das zeugnis derjenigen, welche die drei worte 
gelesen. Pröhle zweifelt an der richtigkeit dieser angäbe ; denn — er hat , als er 
im august 1839 mit einem freunde die tapeteninschriften des ,, Hüttchens" abschrieb, 
neben Lessings namen nur die worte Dies in lite gefunden. Jacobis bericht schliesst 
aber allen verdacht der täuschung aus (ein irrtum Jacobis ist vollends unmöglich), 
und überdies wird er von ganz unparteiischer seite bestätigt. Auch Herder hat Les- 
sings "//r y.iu nuf in Gleims gartenhause ,, selbst gelesen" und lust gehabt, ,,sein 
"/;?' y.ul nur siebenmal darunter zu schreiben, vor freude, so unerwartet an Lessiug 
einen glaubensgenossen seines philosophischen Credo zu finden." (Aus Herders Nach- 
lass II, 251, Brief an Jacobi vom 6. febr. 1784). Die aussagen der älteren und des 



OPKI,. t'BKR LAAH , DKITHCIIER INTERBICaT 247 

jiinj^cren augcnzciigen diirlVii iiniiiigcfochtcn neben einander behtchen, da ein widrr- 
spnicli zwisclioii ihnen nicht einmal Hclieiiibiir «tattlindet. Vielleieht koint Pröhle in 
dem leben (ih'ims, webdies er nns in erfreuliehe aussieht stellt (k. \'M. 2G2), auf 
den ge^'enstand zuriiek ; es bleibt ihm vorbehalten , die liiind , «lio LeHHingü inschrift 
verwischt hat, zu entdecken. 

BBKLIN, DKN l'l. MAI 1873. HBRNHABD Bl'I'HAN. 



LaaK, l>r. Krust: Der deutsehe Unterricht auf hiiheren Lehranstalten. 
Ein kritisch-organisatorischer Versuch. Berlin, Wnidmannsche Buch- 
handlung, 1872. H. VII und 40« s. 1 Thlr. 20 Sgr. 

Der verfa.sser dieser schrift, früher gyinnasiallehrcr in Berlin, jetzt ordent- 
licher Professor in Sirassburg, hat sich bereits vor einigen jähren durch sein buch 
.,Der deutsche Aufsat/, in der ersten Gyniiiasialklasse" bekant gemacht, über dessen 
Vorzüge und uiilngel referent hinwegzugehen sich das recht ninit. \n dieses buch 
knüpft Laas jetzt an: da eine neue aufläge erforderlich war, fühlte er das bedürfnis 
einer Umarbeitung, und so entstand die vorliegende schrift. Dem eignen geständnis 
des Verfassers zu folge fehlte seiner früheren arbeit die ,,einheit.*' 

Auch der böswilligste referent wird nun anerkennen müssen, dass Laas in der 
neuen schrift augenfällig dartut, einen wie grossen foit.schritt er in der durchdrin- 
gung und belierscluuig des einschlagenden materials , so wie auch in der klärung 
und Sichtung desselben gemacht hat. Eine überrascliende fülle von selir weit aus- 
einander liegenden kentnissen , von denen sich freilich viele als neuerworbeue bezeich- 
nen Hessen , treten vor unser äuge und tuen dar , dass der Verfasser mit rastloser 
energie und auch mit glück gearbeitet hat. Auch seine pädagogische befähigung ist 
unverkenbar im ausreifen begritVon. 

Trotzdem muss jedoch referent bekennen , dass das problem des deut- 
sehen Unterrichts, wenn es eins ist, von Laas nicht gelöst ist. Ja er nmss vor 
etwaigen versuchen , die lösung in dieser von ihm näher beschriebenen richtung 
zu suchen, Avarnen. Dem unermüdlichen arbeiten und ringen des Verfassers fehlt 
ein gewisser naturalistischer zug , ein gefühl, ja ich möchte sagen ein Instinkt für 
das richtige und angemessene, den auch das fleissigste studium niciit gewährt. Noch 
immer verkent Laas, dass es junge menschen sind von 15 — 20 jähren, denen seine 
bemühungen gelten ; noch immer , dass das gymnasium nur eine für wissenschaft- 
liche Studien vorbereitende anstalt ist. Diese jungen menschen sollen arbeiten 
und studieren lernen, aber sie sollen auch fröhlich sein, sollen teil haben an dem 
leben der familie und der natur und besitzen ein unveräusserliches urrecht, nach 
welchem man nicht mit allzu derber und dreister band an ihnen herumraodellieren 
soll. Die witisenschaft in ihrer gliederung , auch die deutsche Sprachwissenschaft 
und die litteraturgeschichte haben nur in soweit das recht, die entwickehing der 
individualität zu bestimmen , als sie für die jugeud fassbar sind und liöheren ansprü- 
chen der jugendlichen individualität nicht entgegentreten. 

Doch wir würden Laas unrecht tun, wenn wir nicht dem gange seiner Unter- 
suchungen ins einzelne folgten. Das ganze der arbeit zerfällt in zwei hauptteile, einen 
historischen und einen mehr kritisch -dogmatischen. Der erstere behandelt in 8 capi- 
teln folgende materieu: 1) Stellung der aufgäbe; 2) Luther, Melanchthon. Sturm, 
die ratio studiorum der Jesuiten. 3) Der wert der alten sprachen für die sclmlen 
der gegenwart. 4) Die nationale schule. 5) Zincgreff. Der Palmenorden, Opitz 
Ratich und die Ratichianer. (i) Die neueren sprachen. 7) Die deutschen classiker 
und die Germanisten. 8) R. Hiecke. Ph. Wackernagel. E. v. Räumer. Der ver- 



248 OPEL 

fasser versucht in diesen absclinitten gewissermassen eine geschichte des deutschen 
Unterrichts zu geben ; er zeigt , wie er sich nach und nach neben die alten und neuen 
sprachen iu die schulen eingedrängt hat, komt aber allmählich zu einem abriss über 
die entwickelung der deutschen philologie. 

Wenn nun auch seine forschung über diese und verwante matorien nach tiefe 
und umfang als nicht ausreichend bezeichnet werden muss, und manches hierbei aus- 
gesprochene urteil der historischen bcgri'indung ermangelt , so wird man doch dem 
Verfasser einen besonderen Vorwurf um so weniger daraus machen können, als es 
zum teil ausserordentlich schwierige, auf dem gebiete der sprach- und litteraturwis- 
senschaft nicht ausschliesslich oder auch nur hauptsächlich zu lösende fragen gilt. 
Laas kent z. b. keine deutsche Stadtschule vor der reformation. Die sätze: „Mit den 
deutschen evangelischen büchern drang der erste deutsche Unterricht wider 
die absieht der latinissimi in die schulen ein. Diese bücher waren die ersten 
anfange der neuhochdeutschen litteratur, Luther ihr erster classiker'" sind unrich- 
tig, wie überhaupt Laas keine ausreichende kentnis von dem Verhältnisse der spräche 
Luthers zu der der unmittelbar vorausgehenden oder folgenden zeit und vornehmlich 
des 17. Jahrhunderts hat. Er sieht die grosse kluft zwischen dem 16. und dem 
17. Jahrhundert nicht und weiss daher auch den humanisten und ihren in schulmäs- 
siger tätigkeit gänzlich aufgehenden nachfolgern keine richtige Stellung anzuweisen. 
Ebenso wenig reichen seine kentnisse aus , um die bedeutuug , welche sich in jener 
zeit das Französische errang, zu erklären. Er schöpft hier nur aus sehr secundären 
quellen. Das Französische war schon vor dem dreissigj ährigen kriege die spräche 
zahlreicher diploraaten und zwar gerade aus den dem hause Habsburg feindlichen 
und eine erneueruug des deutscheu lebens suchenden kreisen, z. b. in der Pfalz, in 
Hessen, in Anhalt. Die *bohauptung, welche Kühs aufgestellt hat. dass vor und im 
dreissigjährigen kriege die kentnis dos Französischen sehr selten sei, ist unrichtig. — 
Im letzten abschnitt beurteilt der Verfasser Hiecke imgerecht, der sich in der tat 
sehr hohe, jetzt noch fortwirkende Verdienste um den deutschen Unterricht erworben 
hat. Laas Avirft ihm ,, verstiegenheit " vor, und wir geben zu, dass Hieckes ansprüche 
an die arbeitsfähigkeit der schüler übertrieben und allzu sehr nach seiner eignen 
bemessen waren. Allein sein gerade jetzt in neuer aufläge erscheinendes buch über 
den deutschen Unterricht, sowie sein handbuch deutscher prosa tun unwiderleglich 
dar, dass er jenes teil naturwüchsiger pädagogischer befähigung, welches nun doch 
einmal notwendig ist, wirklich besass. 

Im ersten capitel des zweiten teils betont Laas die stilistisch - rhetorische seite 
des deutschen Unterrichts und stellt zunächst die anforderung an den lehrer, dass 
er selbst ein dialectiker im platonischen sinne sei; an die behörden abe,r richtet er 
das ansinnen . das soge'nante oberlehrerexamen von männern abnehmen zu lassen, die 
wirklich im stände sind ,, darauf hin die geister zu prüfen." So viel wir wissen, 
wird nun eine derartige prüfung in der philosophie bereits abgelegt, wir würden 
auch eine Verschärfung derselben mit beifall begrüssen , allein die forderungen , wel- 
che Laas auch hier erhebt, müssen wir gleichfalls als vollständig übertrieben hin- 
stellen. Der caudidat soll nach ihm ,, den Piaton und den Aristoteles studiert 
haben," wenn nicht ganz, so doch von Piaton: Protagoras, Gorgias , Phädrus, gast- 
mahl , Staat , Phädon und von Aristoteles ausser den Trendelenburgischcn elcnienten 
die topik, die Nikomachische ethik, die rhetorik und de anima. Dazu konmien noch 
Oiceros rhetorische Schriften, Quintilian ; ferner Agricolas de inventione dialectica, 
Melanchthons erotemata dialectices und elementa rhetorices ! ! Würden dem entspre- 
chende anforderungen an den candidaten auch von der ästhetischen , der sprach- 



iiiKit r.AAH, iJKUTa(ni:ii UNTKnnicHT i;4y 

liclii'ii iiikI ilir littiiiuliistiirisilieii seite gestellt, so wünle er in der tat seine ganzH 
stiulionzoit iiiinlurch K*^nu^c zn arbeiten haben, wenn er ihnen inrii^eüanit auch nur 
notdürftig niichküuiuicn wollte. Dann würde das Dcut.sehe ein beKonderea fach de« 
prüfungsreglenients worden inüsHcn , was aus zahlreichen gründen durchaus verwerf- 
lich sein würde. lui fcdgenden capitel schildert der Verfasser zuerst den gang, 
den seine liililuiiLr in dieser disciplin auf dem gyninasimn genommen hat. Wie «s 
scheint, glaubt er, dass eine derartige Unterweisung eiiu' allgi-mein übliche gcwesea 
ist. Dem müssen wir jedoch aus eigener erfahrung auf das be.stimteste widersiirechen. 
Wir kennen zahlreiche persönlichkeiten von rang und namen , welche sich männeru 
wie z. b. Wieck, Hiecke, Kobcrstein, Eckstein, Rinne zu hohem dank 
verpflichtet bekennen. Ferner stellt er uns die weiterführuug seiner Studien dar, als 
ihm oliiic grammatisciic und littorarhi.storische kentnisse der Unterricht in der ober- 
sten klasse übertrag<ii wurde. Kr beweist damit, da.ss er im e.\amen und später 
von seinem director jedenfalls übcrsehät/t würden ist, sou.st hätte ihm die facultas 
und der Unterricht nicht übertragen werden dürfen. 

Im elften capitel wird gefordert, dass deutsche litteratur und deutsche grani- 
niatik auf dem national -gvmnasium gcti-ieben werde, und das zwölfte entwirft einen 
unterrichtsphin für die letztere, nach welchem in der Untersekunda Mittelhoch- 
deutsch gelehrt, in ob er Sekunda Nibelungenlied und Walther gelesen werden soll. 
Wir erklären uns gegen diesen granimati.srlien Unterricht in der Untersekunda, weil 
wir es, selbst wenn er mit wöchentlich 3 stunden möglich wäre, für eine Versündi- 
gung an der jugend. d. h. an kuabeii , welche häufig noch im 1-4. oder 15. jähre 
stehen , halten würden. Gerade diese klasse hat des lerustoffes im Griechischen und 
in der lateinischen grammatik noch hinlänglich genug. Dieser grammatische Unter- 
richt würde ferner für diejenigen vollständig wertlos sein, welclie nach absolvierung 
dieser klasse das gymuasium verlassen, er würde, wenn nicht beide abteilungeu 
geteilt sind, in jedem seraester von neuem zu beginnen haben. Ausser der deut- 
schen grammatik aber soll neben der häuslichen und der klassenlectüre noch poetik 
getrieben, die hauptdaten über den entwickelungsgang der klassischen litteratur von 
1748 — 1815 gelernt und ein halhjahr Goethes leben im abriss, ein halbjahr Schil- 
lers leben im abriss mitgeteilt werden!! Das alles knaben von 14 — ItJ jähren, die 
zum teil noch nicht contirmiert sind! 

Darauf folgt in der obersekunda . welche mit 4 stunden bedacht ist , ein voll- 
ständiger litterarhistorischer Unterricht, zu welchem der Verfasser das schema ent- 
wirft. Er soll bis an die reformationszeit heranreichen. Hier setzt die prima mit 
5 stunden ein und führt die Unterweisung im ersten jähre bis zu Lessing inclusive 
nach der vom Verfasser erörterten weise. Die form dieser Überlieferung an die Schü- 
ler ist nicht die einfach erzählende, sondern die ,, der historisch -kritischen retiexiou" 
auch für Lessing! Ln sechzehnten capitel bespricht Laas den Unterricht in der poe- 
tik, die er mit den üblichen ästhetischen erörterungen der schule gewahrt wissen 
will, worin wir ihm vollständig beistimmen. Doch halten wir- es für uni-ichtig, die 
aristotelische poetik zum gegenständ besonderer Unterweisung zu machen. 

Derartigen ansprüchen genügen jedoch :iuch die lesebücher uicht: der Verfas- 
ser dringt auf handbücher für den litterarhistorischen und den rhetorisch -stilisti- 
schen Unterricht. Unserer melnung nach sind beide vollständig entbehrlich. Ein 
deutsches lesebuch für oberklassen soll überhaupt keinem dieser beiden zwecke aus- 
schliesslich und auch nicht beiden zusammen genommen dienen. Es sollen den schülern 
wirkliche musterstücke deutscher prosa gegeben werden, nach form und Inhalt voll- 
endete darstellungen ohne rücksicht auf besonders daran vorzunehmende Operationen 
oder gar auf ein litterarhistorisches compeudium. Wir wünschen vor allem, dass 



250 OPEL. ÜBER LAAS, DEUTSCHER UNTERRICHT 

die lebendige gute prosa der gegenwart und der letzten Vergangenheit, so weit 
sie ohne eigentlich gelelirte kentnisse verständlich ist , der Jugend vorgeführt werde. 
Davon ist die höhere prosa keineswegs auszuschliessen (Laas s. 3G0) : ein priraauer 
soll eine wissenschaftliche darstellung über einen gemeinverständlichen gegenständ 
allerdings auch verstehen lernen. 

Der Verfasser hoft't selbst nicht, dass seine vorschlage aussieht auf Verwirk- 
lichung haben und richtet sie dadurch in eigner person. Und in der tat ist es auch 
vollständig wertlos, dass ein abiturient einen abriss der deutschen litteraturgeschichte 
im köpfe hat, und unmöglich, dass er eine, wenn auch noch so beschränkte kent- 
nis der historischen entwickelung seiner muttersprache oder „die richtige einsieht in 
den bau der neuhochdeutschen Schriftsprache" besitzt. Schüler sind nicht im stände, 
die historische Stellung einer litterarischen persönlichkeit zu erkennen, geschweige 
denn die historische bedingtheit der litteratur als solcher. Die schule soll nur zum 
verständniss des einzelneu anleiten und kann höchstens hier und da zusammenhän- 
gende Verhältnisse aufdecken. Und auch das letztere hat nur insofern wert , als der 
Schüler selbst mittätig sein kann, es ist ziemlich wertlos, sobald er dies urteil nur 
auf treu und glauben annimt. — Trotzdem teilen wir jedoch den wünsch des Ver- 
fassers in betreff einer Vermehrung der deutschen oder, wie wir hinzusetzen, der 
historischen stunden in der prima. Wir wünschen eine der mathematik oder dem 
griechischen zu entleihende stunde mehr , die vorzugsweise zur lectüre verwendet und 
dem lehrer des Deutschen oder der geschichte je nach umständen anvertraut wer- 
den könte. Es ist doch sehi* bedenklich, dass von der ernsten guten prosa unserer 
zeit den schülern so ausserordentlich wenig nahe gelegt werden kann : um so bedenk- 
licher, als die poetische cultur einer früheren zeit nun als fast vollständig erloschen 
betrachtet werden muss , und die gegenwart sich häufig nur in dem seichten gewäsch 
der Zeitungen und Journale in die gemüter der Jugend eindräugt. Dagegen fällt ein 
wirklich eingehendes Studium der litteratm-geschichte nur der Universität zu: wer 
primanern wöchentlich 5 stunden litteraturhistorisclier, logischer oder psychologischer 
Unterweisungen angedeihen lassen wollte , würde bald merken , dass eine solche bekö- 
stigung nur die robustesten raagen vertragen können, an denen nun einmal nichts 
zu verderben ist. Aber wie , wenn ein satjTikus später einmal plauderte ? 

HALLE. OPEL. 

Nachtrag zu s. 231. 

In den mir jetzt erst zu gesiebt kommenden Sitzungsberichten der Wiener akad. 
Ton 1872 phil. bist. cl. bd. 72 s. 451 — öGG gibt herr Jos. Haupt höchst dankens- 
werten bericht über zahlreiche deutsche medic. handschriften , meist sammelhand- 
schriften, deren Verfasser die benutzten werke in mannigfachsterweise verkürzt, ver- 
ändert, erweitert haben. Als benutzte hauptwerke stellt er heraus: 

1) Ein methodisch angelegtes arzneibuch in 4 büchern aus griech., lat., arab. 
und salernitan. quellen. (Auch in der Bresl. Kohdig. hdschr.) 

2) Die deutsche Practica Bartholomaei, ursprünglich mitteldeutsch, ver- 
fasst in der ersten hälfte des 13. Jahrhunderts, oder noch früher, und sehr verbrei- 
tet und viel benutzt. 

3) Macer Floridus, in mindestens 2 mitteld. überss., des 13. und 14. jh. 

4) Drei deutsche Übersetzungen oder bearbeitungen einer lat. anweisung zur 
bäum- und weinzucht, die ein gelehrter vielgereister Franke Gotfried nach dem 
muster des Palladius verfast hatte. Auch unter dem titel Lucidarius vorkommend 
(vergl. Wackernagel LH. s. 322). 

Die ausgäbe des arzinbuoches ypocratis der Züricher wasserkirchbibliotliek und 
der Practica Bartholomaei von Fz. Pfeift'er in den Sitzungsberichten bd. XLII (Zwei 
deutsche arzneibücher des XII. und XIII. Jahrhunderts. Wien 1863) bezeichnet und 
erweist er als ganz ungenügend. J. zacher. 

Halle, Burbcliui kcrci des WaUeiiliausei. 



ZUR (a^MANIA DES TACITUS. 

(Fortsetzung.) 

{>. Capitcl *2(»: As;ri in'o iiiniUTO ciiltoniiii :il> iinivcrsis in vicM's 

occupautur. qiios ino\ iiitcr se sccuikIuiii (limiatioiioiii partiuiitiii* 

. . . arva per aimos iiiutaiit, et superest aj^er . . . 

Mau hat die ohit^-c stelle als die schwierigste der Germania bezeich- 
net. Und kaum haben sich auch an irgend eine andere so viel erlänte- 
rungsversuche angehängt, als au sie. Haben doch ausser philologen auch 
liistoriker und nationalökonomen und selbst landwirte es an ihrer hülfe 
nicht l'chlen lassen, die freilich immer nur insofern eine -Nvirklich förder- 
liche liiitte sein können, als sie eine philologische gewesen wäre; das 
heisst zunächst den taciteischen werten völlig gerecht zu werden ver- 
standen hätte. Von einer wirklichen Schwierigkeit in ihnen kann (rar 
keine rode sein , da sich über alle einzelnheiteu eine wirkliche entschei- 
dung gewinnen lässt. 

Was zunächst den weiteren Zusammenhang betrifft, in den die werte 
gestellt sind, so ist hervorzuheben, dass der in den letzten capitelu des 
allgemeinen teiles (bis capitel 27) der Germania allerdings etwas weni- 
ger eng im einzelnen ist, als in den früheren capiteln, aber doch auch 
noch nicht so lose, dass er nur noch in einer geordneten aufzählung 
bestände, wobei die bestattung der toten (capitel 27) den natürlichen 
abschluss bildete, es weiter aber doch mehr zufällig wäre, dass gerade 
ihr die ackerwirtschaft vorausgeht. Von der nahrung und trinklust (capi- 
tel 23) wendet sich Tacitus zu den Vergnügungen (capitel 24), dem 
schwerttanz, dem Würfelspiel. Dass in dem letzteren manche auch ihre 
persönliche freiheit verspielen, bildet den künstlichen Übergang zu den 
Verhältnissen der unfreien überhaupt und der halbfreien (capitel 25j, 
womit vorläufig das taciteische liberfi übersetzt sein mag. Die unfreien 
haben den freien bestimte lieferungen {frumcnii modum : . auf pecoris 
auf vcsfis) zu leisten, daran knüpft sich, was Tacitus sonst noch von 
wichtigeren erwerbsquellen mitzuteilen liat: zins- und Wuchergeschäft 
(capitel 2G: fcnus agitarc usw.), das in Rom eine grosse rolle spielte, 
kennen die Germanen nicht, sagt er, und wendet sich nun gleich zum 
ackerbau. Dem Römer lag sehr nah, vom zinsgeschäft und ackerbau 
neben einander zu sprechen. So verbindet Tacitus in den historien 

ZBITSCHK. F. DEUTSCHE PHIIOL. BD. V. 17 



252 LEO MEYIIR 

(l, 20) auch agri mit fenus (darunter ist hier das „capital" verstau- 
den), die vom leichtsinnigen volke, dem man alte Schenkungen zum teil 
wider abnehmen wollte, durchgebracht waren. In den annalen (14, 53) 
preist Seneca die gnade Neros, deren er sich zu erfreuen gehabt, durch 
die er ganz verwöhnt sei, und verbindet auch wider beides: uhi est ani- 
mus nie modicis contentus? talis liortos exstruit et per haec suhurbana 
incedit et tantis ngrorum spatiis, tarn lato fenore exuberat? Nero erwi- 
dert darauf (1, 55): quae a me hahes, liorti et fenus et villac, casihus 
öbnoxia sunt. An einer anderen stelle (Annalen 6, 17) ist von einer 
Verordnung des Senats die rede, nach der bestimte capitalteile in itali- 
schen grundstücken angelegt werden sollen: senatus praescripserat , duas 
quisque fenoris partes in agris per Italiani coUocaret. 

Wenn wir nun zur genaueren erwägung der „schwierigen stelle" 
selbst übergehen, so ist zunächst nötig, über das agri sich ausreichende 
klarheit zu verschaffen und insbesondere über sein Verhältnis zu den im 
nächstfolgenden noch erwähnten camporum und arva, neben welchen 
letzteren der ager noch einmal entgegentritt. Gerade hier aber sind die 
Wörter auch so deutlich auseinander gehalten , dass auf ihren unterschied 
ein helles licht fällt. Am wenigsten häufig werden bei Tacitus, in der 
Germania überhaupt nur hier, die arva genant; sie stehen in allernäch- 
ster beziehung zur bebauung, zur bestelluug der felder. So heisst es 
Annalen 13, 54: semina arvis intulerant, Historien 2, 87: ipsi cultores 
arvaque maturis jam frugihus ut hostile solimi vastaljantur, und im gegen- 
satz tritt seine bedeutung recht deutlich heraus Annalen 2, 64: in ea 
divisione arva et urhes et vicina Graecis Cotyi, quod incuUum, ferox 
adnexum hostibus, Wiescuporidi cessit. Wir nennen noch Annalen 13, 57: 
ignes terra editi villas arva vicos passim corripiehant , Agricola 31 , wo 
der»Britanne Calgacus sagt : neque enim arva nohis aut metalla aut por- 
tus sunt, quibus exercendis reservemur und auch Annalen 15, 42, wo 
erzählt wird, dass Nero einen palast erbaut, in dem nicht die gewöhn- 
lichen luxusgegenstände , edelstein und gold, sondern arva et stagna et 
. . . silvae sich befinden sollen. Sonst erwähnt Tacitus arva nur noch 
Annalen 13, 55 und 16, 3. Im gegensatz zu arva enthält campiis gar 
beine bestimte beziehung auf den ackerbau , es bildet zunächst den gegen- 
satz zu berg und bügeln, bezeichnet also „ebene, fläche," wobei die 
etwaige brauchbarkeit oder nichtbrauchbarkeit zum ackerbau ganz unent- 
schieden bleibt. In weitaus den meisten fällen gebraucht Tacitus das 
wort in bezug auf militärische Verhältnisse; die campi sind wichtig für 
die beere, namentlich für die reiterei. So heisst es Historien 4, 22: 
adsuli ante per canipos equite, Annalen 11, 9: cxercitu campos persul- 
tante, Annalen 15, 17: facilitate camjwrum praevenientem equitem, 



zu TAt'ITI'S (IKUMAMA 253 

15, 9: inrmar snhjrctis cnnipis Ditiijnd sjjrrlr volitahmit , alarrs quorjnc 
l\innonios , rubiir cquildfus, in parte campi lovat ; Historien :i, »U: coyni- 
tum est Intcramnam ])roximis campis pracsidio qiiadrimjentorum cquitum 
tnirri, Annaleii '2, IG: proelinm poncimtcfi in canipum cui Idifstaviso 
nomrn dcducunt, und soust. Gern ist camjnis mit dem meist adjectivi- 
schcn 2>ci'fcns verbunden, so Historien 3, 21: (Icyio) aeptima Galbiana 
pafcnti campo stetit , Historien 2, 19: si cum cxercitu Caccina patenti- 
hus campis tarn paucas cohortcs circitmfudisset, 2, 43: patcnti campo 
duac Irgioncn ronf/n'ssac sunt, 3, 8: patvntihus circum campis ad 
piKjnam equestrem. Des campus Martins (Historien 2, 95 und 3, 82) 
oder ra)npi(s 3[(i)ils (Annalen 1, 8; 3, 4; 13, 17; 13, 31; 15, 39) ist 
liier auch erwälinung vai tun; Annalen 1, 15: tum primum e campo 
comitia ad patres translata sunt ist der zusatz Martis ganz fortgelas- 
sen. Sonst nennen wir noch Historien 5, 17: quae provideri astu ducis 
oportucrit, provisa, campos madcntcs et ipsis gnaros, wie Civilis sagt; 
Annnalen 13, 55: quo tantam partem camjn jacere, in quam pecora et 
armcnta militum aliquanto transmittcrentur? Historien 3, 50: umpiti- 
hus Pado cam2)is; Historien 5, 3: haud procul exitio totis campis pro- 
cuburrant, von den Juden gesagt; 5, 14: Jatitudo camporum suopte inge- 
nio umcntium ; Annalen 1, 79 : ptcssum ituros fecundissimos Italiae cam- 
pos; 15, 40: sexto demum die apud imas Esquilias finis inccndio f ac- 
tus, prorutis per immensum aedificiis, ut continuae violentiac campus et 
vel'ut vacuum caelum occurreret. Die Germania hat das wort nur noch 
im sechzelmten capitel: colunt discreti ac diversi, tä fons, ut campus, 
ut nemus placuit. 

Anders als bei cmnpus ist mit ager stets der begriff der nutzbar- 
keit für den menseben verbunden; es bezeichnet in der regel ackerland, 
aber, kann man sagen, die agri können benutzt werden, werden es 
neileicht schon , die arva werden wirklich benutzt. So werden in unse- 
rer stelle die agri eben erst genommen, und besonders deutlich ist der 
unterschied, wo im gleich folgenden den arva das ager unmittelbar zur 
Seite tritt. Au manchen stellen, wo sich ager findet, könten statt des- 
äen auch arva genant sein ; doch ist hervorzuheben , dass ager überhaupt 
sin viel geläufigeres wort ist. Die Germania hat es ausser im sechs- 
iiudzwanzigsten capitel noch im 15.: agrorum cura feminis senihusque 
^ infirmissimo cuique ex familia; 29: qui decumates agros exercent; 
M: nulli domus auf ager auf aliqua cura; 46: ingemere agris. Gern 
ivird das gebiet, wo menschen wohnen und den acker bauen, kurz als 
iger benant, so: Historien 3, 15: Cremotiensem agrum; 3, 42: Piccnus 
^ger; 3, 78: per agrum Sahinum; Annalen 11, 20: in agro Matfiaco; 
5, G: apud principium agri Batavi; 4, 43: Beut heliatem agrum; 

17* 



254 LEO METER 

14, 3: Tnscnlannm rel Änfiatem in agrum; 13, 56: agrum Tenderum: 

15, 47: in agro Placenfino; 16, 10: Formianos in agros. Für die 
bestirnte beziehung der agri auf den ackerbau bedarfs keiner ausführ- 
lichen belege; genant sein mögen noch: Agricola 31: ager atque annus 
in frumenfum ... conteruntur : Historien 2, 12: pleni agri; 3, 34: {Crc- 
mona) uhere agri . . . adolevif floruitque; Aunalen 11, 7: cxercendo agros 
tolerare vitam; Historien 5. 23: agros villasque Civilis intactas nota 
arte ducum sinebat; Historien 2, 56: ipsiquc miJites .. refertos agros .. 
in prasdam .. destinahanf. Mehr als einmal wii'd berichtet, wie die 
agri als besonders wertvolles besitztum von den feinden verwüstet 
werden, so Historien 1. 67 und Annalen 12, 32: vastati agri; Histo- 
rien 4, 50: lateque castafis agris: 1, 51: j^opulafiones agrornm ... 
hauserunt animo. Dass die agri den begriff der nutzbarkeit in sich 
schliessen, tritt Annalen 1, 17 recht deutlich heraus, wo Percenuius die 
Soldaten aufwiegelt und unter anderem sagt: ac si quis tot casus vita 
superaverit , tralii adhuc diversas in terras, tibi per nomen agrornm 
idigines paludum vel incidta montium accijiiant. Zum schluss führen 
wii" hier noch an den anfang von Annalen 13, 55: Eosdem agros Ampsi- 
varii occupavere „die selben äcker" (aus denen die Friesen durch die 
Römer fortgeschickt waren) „ nahmen die Ampsivaren in Besitz ," weil er 
uns lehii, wenn es überhaupt dieser belehrung noch bedurft hätte, dass 
unser agri . . ocmipantur, das von so vielen erkläreru falsch gedeutet 
worden ist, nur heissen kann „die äcker werden in besitz genommen*' 
und nicht anders, 

Waitz (Verfassungsgeschichte 1% 105) drückt sich darüber, wenn 
er auch das richtige festhält, nicht bestirnt genug aus, wenn er sagt: 
„ Die einzige möglichkeit wäre , dass der autor habe sagen wollen , abwech- 
sekid bald diese bald jene äcker, die der gesamtheit gehörten, seien in 
anbau genommen. Aber die worte erlauben schwerlich eine solche aus- 
legung," und seite 134: „Manche nehmen deshalb das occupare in ande- 
rem sinne; schon Bethmann - Hollweg (s. 11': dass nur in derselben feld- 
mark in einem mehrjährigen kreislauf genommen wii'd ; und das ist dauD 
wesentlich dasselbe , was andere verstehen , wenn sie occuxmre erklären : in 
angriff, in anbau nehmen (Langethals.il; Münscher in einem Marburger 
Programm von 1857). Allein ich meine es verträgt sich nicht mit der 
bedeutung des wortes. " Besonders unglücklich urteilt wider Schwei- 
zer: „Zunächst fragt es sich, ob occupatüur von einer erstmaligen 
besitznahme von gebiet gesagt sein müsse, oder ob es von a n hand- 
nahm e einer sache zu bestirntem zwecke gebraucht werden könne: 
„„es werden in angriff genommen."" Sprachlich ist die letztere auffas- 
sung nicht unmöglich, sachlich wol allein zu rechtfertigen, da es sich 



ZO TACITCS ÜEBMAMIA 255 

hier nicht um gründuiif^ ncinT Staaten iiinl Jilrfer, sondern um 
besitz und laiid w ir tschaft handelt," An falschen Übersetzungen 
führe ich nur die an von A. Bacmeister (Stuttgart Ihgh): „Die feldmar- 
kung, je nach der anzahl der bebauer grösser oder kleiner, gehört der 
ganzen gemeinde als gesamtbesitz'* und von S. DyckhofV (Paderborn 1869) 
„Von dem ackergrund ergreift nach Verhältnis der zahl seiner besteiler 
zu wechselweiser benutzung die gesamte gemeinde besitz." 

Ganz ähnlich wie in unserer und der angeführten annalenstelle ist 
orciiparv noch zweimal in derfiermnnia gebraucht, nämlich 28: qiumtu- 
liim mim amnis obsfdbdf , quo minus ut quacquf (jcns ccaharaf occupa- 
rd permutarctque sedes promiscuas adJiuc und 29 : dubiae possessionis 
soluni occupaverc, ausserdem zweimal Agricola 11: Silurum colorafi vul- 
fus, torti plenuuquc crines ei posita contra Uispania Hiberos vderes 
trajecisse easque sedes occupasse fidem faciunt und in Universum tatnen 
acstimanti Gallos nicinam insulam occupasse credibile est und noch Histo- 
rien 4, 12: Batavi . .. extrema GaUicae orae vacua cultoribus simulque 
insulam juxta sitam occupavere. Weiter sind mir noch gegen \ierzig 
taciteische stellen zur band, an denen occupäre gebraucht ist und an 
denen es überall mit der deutlichen bedeutung „in besitz nehmen , um es 
dann in seiner gewollt zu haben" auttritt. Die Germania bat es ausser 
an den bereits genanten stellen n oh 22 : ut apud quos plurimum hiems 
occupat und 35: Chaucorum gens quamquam incijjiat a Frisiis ac par- 
fcm liforis occupet ; sonst wird es in den weitaus meisten fällen in mili- 
tärischer bedeutung gebraucht, wie Annalen 2, 80: ^so .. casteUum 
. . . occupat; 3, 43 : Augustodunum caput gentis . . . Sacroi ccupave- 
rat; 4, 47: valida manu montem occupat; Historien 1, 8*. .tafiones 
aliquas occupavit Vitcllins; 2, 15: occupato juxta coUe defe7isi; 2, lOO: 
ad occupaiidam Cremonam. Auch die nicht vielen stellen, an denen 
das wort in übertragener bedeutung gebraucht ist, lassen seine grund- 
bedeutung durchaus nicht verkennen, so Historien l, 76: occupa- 
rrrat animos prior audifus; 1, 40: occupäre perimCa j>ibr*; ' , 3^': 
cum ... pJeriquc rosfra occupanda censercnt; Agricola 39: . milita- 
rcm gloriam alius occuparet; Annalen 4, 74: pavor internos occupa- 
rerat animos. 

Nun wird einiges über ab universis zu sagen sein, denn auch 
daran sind nicht alle vorübergegangen, ohne anstoss zu nehmen. Die 
etymologie von universus ist deutlich genug: wir finden in der Zusam- 
mensetzung die glieder vereinigt, die ungefähr entsprechend in in unum 
conversos (Dialogus 6) frei neben einander liegen, so dass es zunächst 
„auf eins, das ist auf einen punkt gerichtet, vereinigt" bedeutet, also 
ganz ähnlich entwickelt ist, wie unser zusammen, dessen schlussteil 



256 LEO METER 

unmittelbar zum gotischen sama „derselbe" und mit diesem zum grie- 
chischen i-'r- (zunächst aus otfi-) „eins" gehört; das 2u- darin gibt unge- 
fähr dieselbe bedeutuug wie das lateinische -versus dort als schlussteil. 
So bildet universus den gegensatz zu singulus, wie er denn auch mehr- 
fach deutlich ausgesprochen ist, so Historien 3, 14: haec singiili, Jiaec 
universi . . . vociferantes ; Agricola 1 2 : ita singidi pugnant , universi 
vincuntur; Dialogus 18: mox ad s'mgiüos veniam, nunc mild cum uni- 
versis negotium est; Historien 2, 75: facilius universos impelli quam 
singidos vitari; Historien 3, 68: modo singiäis modo universis commen- 
dans und ähnlich auch Dialogus 21: eae placent [orationes], sive uni- 
versae sive partes earum und Historien 5, 16: exhortatio ducum non 
more contionis apud universos, sed ut quosque suorum advchebantur. 
Wir können deshalb Schweizer, wenn er erläuternd mit „gesamtheiten" 
übersetzt, vollständig beistimmen; er ergänzt übrigens zu universis ein 
cultorihus und übersetzt im ganzen „von den bauerschaften als gesamt- 
heiten." 

Dabei können wir uns aber noch nicht ganz beruhigen. Jene ergän- 
zung scheint nicht so ganz selbstverständlich. Kritz erklärt in seiner 
ausgäbe der Germania das folgende in vices, das er durch die ganz und 
gar abgeschmackte conjectur oder vermeintliche lesart vicis ersetzt, über 
die wir gar kein wort weiter verschwenden, für unerträglich und fährt 
dann fort: Nam qui sunt universi , si haec vox suhstantivum est? 
Omnes certe Gcrmani esse nequeunt; absurdum enim Jioc, quia est 
impossihile; nee minus historiae repugnat, quia nomudae Germani non 
fuerunt ..; deniquc prorsus ineptum est pro numero dici de uni- 
versis, quia universitas una est, ncque variam rationcm liabet. Er 
hat also das universis gar nicht verstanden. Aber zum beispiel auch 
Waitz (seite 134) ist der ansieht, „dass universi ohne jede nähere 
bezeichuung wenig verständlich erscheint, auch wol ohne grosse härte 
gar nicht so absolut gesetzt werden kann." Absolut aber oder ohne sub- 
stantivischen Zusatz wird universi gar nicht so selten gebraucht und dabei 
ist zu bemerken, was von „all" und den gleichbedeutenden Wörtern 
überhaupt gilt, dass sie ganz gewöhnlich mit der als selbstverständlich 
geltenden einschränkung , „alles an das man vernünftiger weise denken 
kann" gebraucht werden. Wenn der dichter Ilias 1, 5 sagt, dass die 
gefallenen beiden olwvoloi tiuoi , „allen raubvögeln" zur beute gege- 
ben seien, so ist damit nicht gesagt, dass absolut alle raubvögel, die 
es überhaupt damals gab, gekommen seien, sondern nur so weit alle, 
als vernünftiger weise gedacht werden können, als in der nähe waren, 
oder ähnlich. Universa jam plebs Palatium implehat heissts Historien 
1, 32 und niemand wird dabei an eine absolut vollzählige plebs denken 



i 



Zu TA( ITUS OKflMANIA 257 

wollen. Noch inaj^ aii^'t^lülirt sein Aniiak'n 1, 21 : Adcurritur ab mii- 
vcrsia, das sich auf die aufrührerischen soldiitcii bezieht. Historien 4, 15: 
[^Civilis] Magno cum adsensu auJitiis barharo rilu et patriis exsccra- 
fionibus univcrsos aditiit , das ist alle, die er um sich vi-rsanimelt hatte. 
Agricola 16: siinipscrc uiiirrrsi billum unitasst niclit absolut alle Hri- 
tanuen, sondern insnwcit nur alle, aber diese alle in einer vereinigten 
niassc, als man vernünftiger weise denken kann. Es darf hier noch 
bemerkt werden, dass I)()derlein das (ib luiivrrsis ganz unübersetzt lässt. 
In unserer stelle bezieht sich univcrsis „die gesamtheit, die ver- 
einigte masse," natürlich auch nicht auf absolut sämtliche Gern)anen 
(denn von Germanen ist doch in der Germania selbstverständlich die 
rede), sondern nur auf die, die überhaupt äcker in besitz nehmen, so 
dass man auch, da doch von etwas allgemein gültigem die rede sein 
soll , geradezu umschreiben könte „wenn sie äcker in besitz nehmen, 
tun sie es als gesamtheit, als vereinigte masse," es ziehen nicht verein- 
zelte g,nsiedler aus, sich einen acker zu erwerben. In etwas gibt aber 
Tacitus auch selbst noch eine erläuternde beschränkung , er fügt zu pro 
numcro cultonim und lässt darin verstehen, dass nur an eine bestirnte 
anzahl von ackerbau treibenden Germanen gedacht werden soll. CuUores 
nent er sonst noch in der Germania 28: niawi ((dJiuc Boihaemi nomen 
... quanivis midatis cidtoribus und in anderer bedeutung 45: dcae cid- 
forem, ausserdem Historien 4, 12: extrema Gallicae orae vacua cultori- 
biis; 5, S: pulsls cidtoribus optinuere terras; Annalen 12, 55: vim cul- 
toribus et oppidanis .. audebant; 12, 61: Argivos vel Coeum Latonae 
parentcm vetustissimos insulae ctdfores und wider in anderer bedeutung 
Annalen 1, 73: cultores August i , von denen eine stelle (Historien 4, 12) 
auch bereits oben angeführt Avurde. Das pro numero, wörtlich „für die 
zahl'' der bauer, dann „der zahl entsprechend" ist deutlich genug: viele 
bauern nahmen mehr land als wenige, wenige beschränkten sich auf das 
was sie bewältigen konten. Es ist ganz ähnlich mehrere male in den 
Historien gebraucht, nämlich 2, 94: libcrfi princijjutn con ferro pro numero 
mancipioruni ut tributum jussi „ der zahl der sclaven entsprechend soll- 
ten sie beitragen," 4, 33: latlorem quam pro numero terrorem faciunt 
„verbreiten grösseren schrecken , als man ihrer zahl nach erwarten konte " 
und 5, 13: arma cundis qui ferre possent , et plures quam pro numero 
audebant, „es machten von den waffen mehr gebrauch, als man ihrer 
zahl nach hätte erwarten können." 

Die meiste Unbequemlichkeit hat den erklärern das nun zu erwä- 
gende in vices gemacht, aber auf alles das, was die verschiedeneu dar- 
über vorgebracht, hier näher einzugehen, lohnt nicht der mühe, da sich 
keiner zunächst die nötige mühe gegeben hat, einlach zu bestimmen;, 



258 LEO MEYER 

was in vices an und für sich bedeutet. In der Überlieferung steht in 
vices durchaus fest und nur ein völliger mangel an kritik wird aus den 
paar überlieferten verschiedenen lesarten etwas anderes entnehmen wol- 
len. Münscher (Marburger programm von 1864, seite 44) ist der ansieht, 
dass die ausdrücke invicem und occupantiir sich gar nicht mit einander 
vertragen wollen und fährt dann in eigentümlicher weise fort: „Nach 
meinem dafürhalten bleibt für jetzt nur ein ausweg: das wort invicem 
zwar im text zu belassen, aber offen anzuerkennen, dass es vorläufig 
für uns gleichsam todt ist.'' Wolle man diesen ausweg nicht billigen, 
so bleibe nichts übrig, als Tacitus einen Irrtum zuzuschreiben oder den 
text zu ändern. Aus Waitz (seite 104) führen wir folgendes au: „Wie 
die Worte gewöhnlich gelesen werden " [aber es handelt sich gar nicht um 
eine bloss gewöhnliche lesart, sondern eine nach den einfachsten grund- 
sätzen gesunder textkritik ganz festgestellte], „ist zweimal von einem 
wechseln oder tauschen die rede. Zunächst die besitznahme soll wech- 
selweise erfolgt sein .... Wie oft dies geschehen , sagt der autor nicht : 
von einer jährlichen widerholuug ist nicht die rede. Auch wie der Avech- 
sel geregelt wird, ist nicht angedeutet. Sollte es heissen, dass nacli 
belieben land bald hier bald da in besitz genommen werde, so wäre es 
ein zustand noch ungleich roher, ungeordneter, als ihn Cäsar beschreibt, 
nach dem die obrigkeiten die leituug der sache hatten. Doch ist daran 
gewiss in keiner weise zu denken, und ebenso wenig anzunehmen, dass 
unter den grösseren gemeinschaften ein Wechsel des landes stattgefunden 
habe." Etwas weiterhin (seite 105) heisst es: „was von der besitz- 
nahme und von der teilung , die dieser gleich nachfolgt , gesagt Avird, 
muss überhaupt den gedanken einer widerholung fern halten: auf eine 
einmalige, nicht eine regelmässig oder doch öfter widerkehrende hand- 
lung deutet alles in dem ausdruck des Schriftstellers hin." Nun bringt 
Waitz die unglückliche textändernng vor und fährt dann fort: „Dann 
aber ist in der ganzen nachricht von der ersten ansiedluug und anläge 
der dörfer die rede. Auch zu des Tacitus zeit und lange nachher muste 
eine solche häufig vorkommen, sei es dass ein neues gebiet erobert und 
in anbau genommen, oder ein bis dahin ödes land bewohner erhielt, die 
den wald lichteten und das feld urbar machten." Schweizer urteilt wider 
sehr unglücklich und leidig schwankend. Er fasst, wie ich oben schon 
anführte , das occupantur ganz unrichtig, wobei ihm dann in vices 
„wechselweise" wenig beschwermacht, und fährt dann fort: „diejenigen 
ausleger, welche in occupantur ein zum ersten male in besitz nehmen 
sehen, müssen [???J in vices so fassen, dass darin, was an sich ganz 
richtig ist, der sinn liege, es bleibe das eroberte land gemein de gut, 
gehe nicht in Privatbesitz über." 



y.V TACITU8 UKIIMANIA 259 

In viccs findet si(;h bei- Tacitus nur an unserer stelle, wulirend 
ihm in vicrtii ^nw/. ^'eläuli^' ist, in der (jlermania allein viermal vorkömt, 
nämlich 18: in lutcc munem uxor acdpitur, atque in vicem ipsa armo- 
rum Illiquid virüoflcrt; 21: ahrnnti , ai quid poposccrit , concedere moris; 
et poscntdi in viirin eudcm facilifas; 22: de rcconciliundis in vicem 
iuiniicis und :>7 : media tarn loniji acvi spatio multa in vicem dutnna. 
Über die etvniolo<ifie von vic- {vicem) ha))« ich schon vor vierzehn jäh- 
ren an einem andern orte gesprochen und dort ausgeführt, dass es mit 
unserem Wechsel und weichen, dem griechischen tl'/.tiy , alt hi/.uv, 
eng /.usamnienliängt; das wort bedeutet zunächst „das weichen, das zu- 
rückweichen,'' daraus aber, dass das eine zurückweicht, zurückweicht 
vor dem andern und dieses in seine stelle rückt , entsteht der begriff des 
„wechseis." Bei dem singularischen in vicem handelt sichs aber regel- 
mässig nur um zwei dinge, um ein A und B: B rückt an die stelle von 
A und A rückt an die stelle von B, wobei nicht ausgeschlossen ist, dass 
auf jeder dieser beiden selten sich wider mehrere einzelne befinden. Ver- 
folgen wir das in vicem durch den ganzen Tacitus. Mehrfach wird es 
von zwei einander gegenüberstehenden feinden oder feindlichen gruppen 
gebraucht. So Historien 4, 37: magnis in vicem cladihus cum Germa- 
nis certahant [Treviri); 3, 46: cuncfa in vicem hostilia; 3, 70: ante- 
quam in vicem hostilia coeptarent; 1, 65 : mtdtae in vicem clades (inter 
Luffdunenses et Viennenses) ; Annalen 15, 14: multum in vicem discep- 
fato, zwischen Vologeses und Paetus; 14, 17: oppidanä lasciviä in vicem 
incessentes prohra (nämlich die coloni Nucerini Fompejanique); Dialo- 
gus 25: quod in vicem se optrectaverunt ; Historien 1, 74: stupra et 
flagitia in vicem objectavere Vitellius und Otho. Sonst sind noch anzu- 
führen Dialogus 20 : juvenes . . . non solum audirc scd efiam referre 
domnm uliquid illustre et dignum memoria volunt; traduntque in vicem 
„teilen sich gegenseitig mit;" 31: in judiciis fere de aequitate, in deli- 
herationihus ** de honest ate disserimus, ita ut pleriimque haec in vicem 
misceantur; Annalen 13, 38: commeantibus in vicem nuntiis „durch hin 
und her gehende boten;" Agricola 6: per mutuam caritatem et in vicem 
se anteponendo, von Agricola und seiner frau gesagt; 24: siquidem Hiher- 
nia media inter Britanniam atque Hispaniam sita et Gallico quoque 
mari opportuna raloitissimam imjjcrii partem magnis in vicem usibus 
miscucrit, wo sichs also um Hihernia und valentissimam imperii par- 
tem handelt: Historien 2, 47: eiperti in vicem smnus ego et fortuna; 
3, 25: rumor, adeoiisse Mucianum., exercitus in vicem salidasse; Anna- 
len 12, 47: cruorem eliciunt atque in vicem lamhunt , von zwei asiati- 
schen königen; 13, 2: juvantes in vicem Burrus und Seneca: Agricola 16: 
his atque talihus in vicem instincti, von den Britannen und unter ihnen 



260 LEO MEYER 

zunächst von einzelnen paaren zu denken ; 37 : rari et vitahundi in vicem, 
die fliehenden weichen einander ängstlich aus ; 38 : miscere in vicem con- 
silia aliquä, von den Britannen; Historien 1, 75: omnihus in vicem 
gnaris, von den Othonianern gesagt. 

Ganz anders nun gestaltet sich das Verhältnis bei dem pluralischen 
in vices; da handelt sichs nicht mehr um nur ein A und B, die ein- 
ander gleichsam ablösen, sondern um eine längere reihe A, B, C und so 
fort, in der B an die stelle von A rückt, an die stelle von B nun aber 
nicht A, sondern ein ferneres C, ein D an die stelle von C und so fort. 
In bezug auf die besitzergreifung der äcker sagt Tacitus also , dass ver- 
schiedene gruppen von cuUores einander ablösten, wobei natürlich von 
irgend welcher regelmässigkeit gar keine rede sein kann. Tacitus selbst 
aber gibt uns von solcher beweguug ein bild in den Annalen 13, 54 
und 55. Da wird erzählt, wie die Friesen am rhein ein freies gebiet 
[agros vacuos), in dem früher die Usipen, noch früher die Tubanten 
und vor diesen die Chamaven gesessen, einnehmen, sich anbauen und 
das land bestellen {fixer mit domos , semina arvis intulerant utqne pairium 
solum exercebant), von den Kömern aber verdrängt werden, und wie nun die 
Ampsivaren einrücken (eosdem agros Ampsivarii occupavere) , die aber 
auch nicht unbehelligt von den Römern bleiben und sich bald wider in 
bewegung setzen müssen. Tacitus setzte in vices höchst wahrscheinlich 
nur zu , um sein präsentisches occupantur (agri) nicht zu seltsam erschei- 
nen zu lassen, da doch die Germanen bei ihm wesentlich als sesshaftes 
volk erscheinen und jedem die frage nahe liegen muste, wie denn bei 
den Germanen eine solche besitznahme freier äcker (mit ager ist schon 
der begriff der cultur verbunden) überhaupt möglich sei. Im lebendigen 
präsens des Werdens darzustellen aber liebt Tacitus, auch wo sichs mehr 
um bestehende fertige zustände handelt, wie wenn er im sechzehnten 
capitel sagt vicos locant statt „ihre dörfer bestehen — ," suam quisque 
domum spatio circumdat statt „ihre häuser sind mit einem freien räum 
umgeben/' materia .. idiintur statt „ihre häuser bestehen aus — ," 
quaedam loca diligentius illinunt statt „an einigen stellen sind ihre häu- 
ser mit mehr Sorgfalt bestrichen." 

Ganz ähnlich wie in vices ist bei Tacitus auch einmal das einfache 
vices nicht vom einfachen Wechsel zwischen A und B, sondern von dem 
nacheinander von A, B, C ... gebraucht, nämlich Annalen 3, 55: nisi 
forte rebus cimctis inest quidam veliit orhis, ut quem ad moduni tempo- 
rum vices, ita morum vertantur. Sonst werden auch die einfachen 
vicem, vice, vices bei Tacitus mehrfach vom Wechsel zwischen je zweien 
gebraucht, nämlich Annalen 6, 35 : cum . . . equestrls prodii more fron- 
tis et tergi vices (nämlich essent) „sie sich abwechselnd nach vorn und 



y.V TACITU'8 GKnUAMA 2>>1 

nach rückwärts bewegten;" Historien 1, 72: undc nulla innocfutiai cura 
scd vices im/junitatis (vorher pessimus quisqur . . . ifratiam praeparat), 
vom gegenseitigen sich nicht bestrafen; Historien 4, 27: scdrrum et stip- 
pliriorum vires, von der gogenseitigkeit zwischen den anhängem des 
Vitellius und Vespusian. Auch Agricola 18: has hdtorum vices ... Ayri- 
cola invniit von dmi abwechselnden waflenglück zwischen den Britau- 
nen und Hörnern. Aber auch wo die in frage stehenden w^irter noch 
sonst bei Tacitus vorkoninien, ist ihre oben angegebene grundbedeutung 
niclit zu verkennen, s(» Historien 3, 71: ni Sabinus revolsas undiquc 
st(ifi((is ... ricc tmui ohjicissrf , eine mauer tritt gleichsam zurück und 
die statuen rücken an ihre stelle; Annalen G, 21: quaeque dixerat ora- 
cli vice accipiens; 4, 37: qui omnia facta dictaque ejus vice legis obser- 
vnn: auch Annalen 4, 8: vrstram nicanique viccm cTpJete, „füllt eure 
stelle aus, tut eure pflicht." Mehrfach hat sich der begriff des erwiderns, 
des vergeltens in unsern Wörtern entwickelt, so Annalen 15, 66: Jwrta- 
furque tdtro redderct tarn bono pifincipi viceni; Historien 3, 75: Vitel- 
lius . . . placatus ac velut viceni reddens , besänftigt und gleichsam gegen- 
dienst leistend; 4, 3: tanto proclivius est injitriac qiuwi boicficio viccm 
exsolvere. An noch ein paar anderen stellen lässt sich vicem gradezu mit 
„geschick, Schicksal" übersetzen, so Historien 1, 29: pafris et senatus 
et imperii vicem dolco, wo auch das bild zu gründe liegt, dass die 
genanten einem anderen , einer anderen gewalt weichen , und Annalen 
15, 16: maesti manipidi ac vicem commilitoniim miserantes. 

Leider kann ich das auch ausser Tacitus nur selten begegnende 
in vices zu weiterer erläuteruug bei keinem einzigen prosaiker nachwei- 
sen , habe nur noch drei dichterstellen zur hand , die es enthalten , die 
natürlich nicht so schwer wiegen können , als sorgfältig abgewogene taci- 
teische werte. Zweimal findet sichs bei Ovid, einmal bei Juvenal. Der 
letztere, bei dem das singularische in vicem gar nicht vorkömt, hat es 
in dem verse (6, 31) inqtie vices cquitaut ac luna teste moventnr. dessen 
unzüchtiger Inhalt doch wol eher ein einfaches gegenseitig, als ein wüstes 
nach- und durcheinander sein soll. Die nächstanzuführende Ovidische 
stelle (Metamorphosen 4, 191) lautet: 

Emgit indicii memorem Cytliere'ia poenam, 
Inque vices illum, tectos qui laesit a mores, 
Lacdit amore pari 

betrifft also auch nur ein A und ein B , die Venus und den Sol , der von 
der ersteren gestraft wird; anders aber ists mit der zweiten Ovidischen 
stelle (Metamorphosen 12, 161): 



262 LEO aiEYER 

Fugnam referunt hostisque suamque, 
Inque vices adita atqiie exliaiista pericida saepe 
Commemorare juvat, 
wo sichs um eine grössere anzahl von opferfestteilnelimern handelt, die 
einander im erzählen ablösen, in der reihe nacheinander kommen, ganz 
wie die landeinnehmenden Germanen. Das nämliche Verhältnis ist sonst 
mehrfach durch ^^er vices, wie es an der stelle von in vices auch in 
einige alte drucke der Germania (Mailand 1475, Leipzig 1502, Erfurt 
1509, Wien 1515, Rom 1515 und andere) eingedrungen ist, gegeben; 
so in den Metamorphosen 4, 40: 

Utile opus manuum vario sermone levemiis: 
Perque vices aliquid, quod tempora longa videri 
Non sinat, in medium vacuas referamus ad aures, 
wo auch von mehreren nach einander erzählenden die rede ist. In den 
Ovidischen festen (4, 483): 

Perque vices modo „Perseplione," modo „Filia!" clamat, 
Clamat , et aUernis nomen utramque ciet 
ist wider nur von einem A und B die rede, von den namen Persephone 
und „tochter," die die umirrende Ceres abwechselnd ruft und auch 
abwechselnd zusammen ruft. Das nacheinander einer nicht genauer bestirn- 
ten längereu reihe tritt aber wider sehr deutlich heraus in zwei stellen 
aus Plinius naturgeschichte , die wir auch noch anfuhren ,7,7: equitatu 
circumventi infirmos aut fessos volneratosve in medium agmen recipiunt, 
ac velut imperio aut ratione per vicis subeuntes, die elephanten lösen sich 
in ihrem Verteidigungskampfe ab, und 12, 30 (14): quidam promiscuum 
tus iis populis esse tradunt in silvis, alii per vicis annorum dividi, wo 
sichs um eine jährliche teilung der weihrauchbäume in Arabien handelt. 
Nach der gemeinsamen besitzergreifung des landes, fährt dann die 
darstellung des Tacitus fort, wird dem einzelnen sein bestimtes stück zuge- 
teilt : quos mox inter se . . . x>artiuntur. Es tritt also ohne ausdrück- 
liche erwähnung doch auch hier wider der schon oben betonte gegensatz 
der singuli gegen die universi heraus. Das verfahren bei der einnähme 
und Verteilung der äcker ist genau, wie in der homerischen weit in 
bezug auf die beute: sie wird gemeinsam gemacht, bildet eine grosse 
einheitliche masse und komt erst dann zur Verteilung an die einzelnen. 
Was einmal verteilt ist, kann nicht wider zurückgenommen und von 
neuem verteilt werden. 

al?M xa. /iih' 7tTO?Jcov i^STtga^oftev, za ösdaGTai, 
lafovg d'nvx. hreoi-/.e iraKiXkoya tavT inayti'geiv, 
sagt Achilleus (Ilias 1, 125. 126), als sein beuteanteil zurückgenommen 
werden soll. So hat auch bei den Germanen nach einmal geschehener 



I 



Zu TAC"ITU8 «EKMANIA 2ß3 

V('rtoilun<^ der ücker jeder sein hestinites teil, uinl von einer nochma- 
ligen oder gar öfter widerliolten teilung des ackergeiiietes, für die doch 
auch gar kein grund eiuzusehen wäre, ist bei Tacitus nicht die aller- 
geringste spur, wie oft man sie aiudi in ihn hat hinein deuten wollen. 
Die Verteilung der äeker seihst ai»er, sagt Taeitus noch, geschieht .s'ec</w- 
duni dignationeni. Auch das ist noch genauer /u prüfen, da auch daran 
sich mehrfach unriclitige anscliauung angeknüpft hat. Hat doch zum bei- 
spiel Friedrich Thudichum (Der altdiiuische staat, seite 9h) gar erklärt 
„nach einer Schätzung, Würdigung, d. h. bonitirung und hilligen ört- 
lichen Verteilung." Kr hat auch princims dignutionem im dreizehnten 
capitel, auf das er hinweist, misverstanden , worüber ich ein ander mal 
genauer zu handeln gedenke, und lehnt sich hier gegen die gewönliche 
und einzig richtige erklärung „nach würde, rang und ansehen der 
bebauer" entschieden auf. Das sei, meint er, in der ausführung undenk- 
bar und widerstreite namentlich auch demprincip, duaa jiro nuniero cul- 
forum eingenommen werde, was auch eine Verteilung pro numero cnlto- 
rum voraussetze, während docli in dem pro numero ganz und gar nicht 
gesagt ist, dass jeder einzelne genau so viel bekam als der andre. Thu- 
dichum fügt noch hinzu: „der stelle Cäsars, 6, 22: quum stias quisquc 
opes cum pofentissimis aequari videat, ganz zu geschweigen." Selbst- 
verständlich aber ist in bezug auf genaue erklärung taciteischer werte 
völlig gloichgiltig , was Cäsar sagt. Dignatio, betont Thudichum, sei 
eben in activem sinne zu nehmen , grade wie es im [vielmehr ganz falsch 
verstandenen] dreizehnten capitel und in einer ganzen anzahl von stellen 
auch bei anderen Schriftstellern gebraucht sei. Die drei stellen aber, 
die nun zu hilfe geholt werden (Vellejus 2, 52: dignatione p)artium, 
Justin 28, 4 : in summa dignatione regis und Suetons Caligula 24 : soro- 
res . . . nee dignatione dilexit) und sich sämtlich auf rein menschliche 
dinge beziehen, können ebenso wenig ein dignatio als „äckerbonitirung" 
erweisen, als gerade Taeitus bei seiner ganz eigentümlichen diction aus 
„andern Schriftstellern" erklärt werden soll. 

Dignatio steht in naher verwantschaft mit dignitas und beider Wör- 
ter bedeutuug, um deretwillen wir die vollständig durchsichtige bildung 
hier nicht weiter zu zerlegen brauchen, wird uns am deutlichsten wer- 
den, wenn wir sie mit einander vergleichen und ihre Verwendung bei 
Taeitus vollständig überblicken. Dabei ist im allgemeinen hervorzuheben, 
dass, während dignitas in älterer zeit bereits ein sehr geläufiges wort 
ist, dignatio, das bei Cicero nur ein einziges mal in einem briete nach- 
gewiesen ist , erst später im gebrauch beliebter wird : Taeitus hat es fast 
schon halb so oft als dignitas. Das letztere bezieht sich in den weit- 
aus meisten fällen bei Taeitus auf die römischen staatsämter, so Histo- 



264 LEO MEYER 

rien 2, 57: ut libertum suuni Asiaticum equestri dignitafe donaret; 
4, 39: Hormo dignitas equestris data; Aunaleu 3, 30 und 16, 17: dig- 
nitate senatoria; 3, 17: exuta dignitate auch in bezug auf die senato- 
renwürde; Historien 1, 77: OtJio pontificatus auguratusque honoratis 
jam senibus cunudum dignitatis addidit; 1, 1: dignitatem nostram a 
Vespasiano inchoatam, a Tito auctam, a Dondtiano longius pi-ovectam 
non abnuerini, womit Tacitus auf die von ihm selbst bekleideten staats- 
ämter hinweist; Agricola 44 : incolunii dignitate ; 9 : deinde provinciae 
Aquitaniae praepostiit , splendidae imprimis dignitate administrationis 
(also in bezug auf die präfectur von Aquitanien) ac sp)e consulatus; 
Historien 3, 33: non dignitas, non aetas protegehat; 2, 48: ut cuiqiie 
aetas aut dignitas; Annalen 16, 31: gemmas et vestes et dignitatis insig- 
nia dedi; Historien 4, 4: pauci, quibus eonspicua dignitas; 4, 42: nee 
dignitatem aut salutem illa saevitia redemisti; Annalen 6, 17: eversio 
rei familiaris dignitatem ac famam praeceps dabat; 13, 27: non fru- 
stra majores, cum dignitatem ordinum dividerent, lihertatem in com- 
muni posuisse; 14, 43: at quem dignitas sua def endet, cum praefectura 
urbis non profuerit ; Dialogus 9 : carmina et versus . . . neque dignita- 
tem ullam auctoribus suis conciliant neque utilitates alunt; Annalen 1, 39: 
Planco . . . quem, dignitas fuga impediverat ; Dialogus 5 : Studium (von 
der beredsamkeit und dem rechtsstudium ist die rede), quo non aliud 
in civitate nostra vel ad utilitatem fructuosius vel ad dignitatem amplius 
excogitari potest. Auch Historien 4, 84 : dignitatem legatorum, nume- 
rum navium, auri pondus augebat (Ptolemaeus) kann hier angeführt 
sein. Weiter sind zu nennen: Historien 1, 77: ex dignitate rei publi- 
cae; Annalen 2, 35 und 13, 31: ex dignitate popidi Romani; fer- 
ner Histoi;ien 1, 66: tum vetustas dignitasque coloniae valuit. Auch 
wo sonst noch dignitas bei Tacitus sich findet, tritt fast überall seine 
beziehung auf menschen und menschliche Verhältnisse deutlich her- 
aus, so Annalen 11, 22: quaestura tarnen ex dignitate candidatorum 
aut facilitate tribuentium gratuito concedebatur ; Dialogus 13: ne nostris 
quidem temporibus Secundus Fomponius Afro Domitio vel dignitate vitae 
vel perpetuitate famae cesserit; Annalen 1, 11: plus in oratione tali 
dignitatis, quam fidei erat; Dialogus 30: apte dieere pro dignitate rerum; 
Annalen 11, 28 und 12, 51: dignitate formae; Annalen 6, 7: qui . . . 
sanctissimis Arruntii artibus dignitate ultionis aequabatur. In der Ger- 
mania findet sich unser dignitas nur einmal im dreizehnten capitel:. 
magnaque et comitum aemulatio, quibus primus apud principem suum 
locus, et principum, cui plurimi et acerrimi comites: haec dignitas, hae vires. 
Noch ausschliessliclier als dignitas bezieht sich dignatio bei Taci- 
tus auf menschen, bezeichnet „ rangstelluug , geltuug, ansehen," so 



zu TACITUB OKKMANIA 'JG5 

Historien 1, 1*J: diiinfUloncm Caesar is, eines mit','liede8 der kaiserliciien 
laniilie; 1,52: itnjxratoria däjHutionem; Annalen 2, IVö: distindos sena- 
tus et equitum ccfisus , non quia diversi natura, sed ut , sicut locis (im 
theater) ordinibus (nh zwei höhere stände) dignationibus antistenf, 
ita ..; 3, 75: consitla/uin vi (dem (,';ii)iio Atcjus) acrrlcnurrat Aiiyustns, 
ut Labeonem Äntistium tsdem artibits ((liuch rechtsgelelirsamkeit) pr^e- 
cellcnfcm d'iifu<(fioni' ejus nutfiistrafas antcirct; 4, Iß: ut ylisccret diy- 
nafio sacrrdof um ; l.'J, 20: Fabius llusticus auctor est, scriptos esse ad 
Caecinam Tuscum codicillos, mandata ci praetor iartini cohurtiuni cura, 
sed ope Senecae d'uinationem (also die prüfectur der prätorischen cohor- 
teu) Burro retentam; 4, 52: is reccns practura , modicus diißud'wnis; 
Historien 3, 80: atixit invidiani super violatum legati praetor isque fiomen 
propria dignatio viri „das persönliche ansehen des mannes;" Annalen 
6, 27: non pcrmissa provincia dignationcm addiderat „hatte sein anse- 
hen erhöht"; 13, 42; crimen, pcricidiim, omnia potius toleraturutn quam 
veterem ac domi (durch eigne mittel) partam dignationcm subitae felici- 
tati stdjmifteret. Auch Annalen 2, 53: excepere (den Germanicus) quae- 
sitissimis honorihns, vctera suorum facta dictaque praefercntes , quo jAus 
dignationis adidatio haberct gehört hieher, mit den taten und worten 
ihrer vorfahren prunkend hofften die schmeichelnden Griechen ihr anse- 
hen zu erhöhen, mehr eindruck zu machen. Dem gegenüber gehört in 
der tat mehr als kurzsichtigkeit dazu, die principis dignationcm im 13. 
und das secundum dignationcm in unserm capitel der Germania so voll- 
ständig falsch zu beurteilen, wie Thudichura es getan. 

Wie sich nun aber die ackerverteilung „nach rang und wür- 
den " im einzelnen gestaltete , darüber sagt Tacitus gar nichts weiter. 
Mau mag vermuten, dass die principcs besonders gut dabei bedacht 
wurden; etwa weitere abstufung aber lässt sich aus Tacitus nicht fest- 
stellen. 

Auch die zugefügte bemerkung, dass die weiten germanischen ebe- 
nen die teilung der äcker leicht machen, facilitatem partiendi camporum 
spatia praebent ist von misdeutung nicht ganz verschont geblieben. Über- 
setzt doch Mosler (Leipzig 1862) „das teilen wird durch Zwischenräume 
zwischen den feldern leichter," was an und für sich sinnlos auch auf völ- 
liger verkeunung des camporum. spatia beruht. Und schon in der Ger- 
mania selbst finden wir das spatium ganz entsprechend gebraucht, so 
im ersten capitel: insidarmn immcnsa spatia und im 35.: tarn immensum 
terrarum spatium; weiter aber zum beispiel noch Agricola 10: immen- 
sum et enorme spatium procurrentium extreme jam litore terrarum; 
Historien 3, 8: ex distantihus terrarum S2)atiis: 3, 38: terrarum ac 
maris immensis spatiis; 4,32: vana illa castrorum spatia; Annalen 



266 LEO METER 

3, 53: villarumne infinifa spatia, wo überall von keinen „Zwischenräu- 
men" die rede ist. 

Viel mehr misverständnis hat wider der folgende satz arva per 
annos mutant et supercst ager hervorgerufen, dessen ganz deutlicher 
Inhalt ist, dass die Germanen ihr ackerland jährlich an anderen stellen 
bestellt und das übrige brach liegen gelassen , wobei Tacitus wider ganz 
ungesagt lässt, wie oft man so in der bestellung gewechselt, und von 
einer bestirnten dreifelderwirtschaft zu sprechen ganz und gar nicht 
erlaubt. Schweizer urteilt über die stelle durchaus richtig; nur hätte er 
sich über superest noch bestirnter aussprechen sollen und dann gehört in 
eine erklärung des Tacitus nicht hinein, was Schweizer an erläuterung 
andersher beibringt. Waitz (seite 104) übersetzt: „Sie wechseln jährlich 
die Saatfelder" und fährt dann unrichtig fort: ,,und dazu ist land genug 
vorhanden." „Es ist genug vorhanden" heisst aber nicht superest, son- 
dern „es ist im überfluss vorhanden;" das aber hier noch mal zu sagen, 
konte Tacitus gar nicht einfallen, da ja die äcker pro numero cultorum 
eingenommen wurden, worin doch nimmermehr liegen kann, dass man 
viel mehr nahm, als man brauchte. Auch würde es sehr wunderbar 
noch mal neben der bemerkung stehen, dass die grosse ausdehnung der 
ebenen die einteilung leicht mache. Auch über den ganzen satz urteilt 
Waitz (seite 135) zuwenig entschieden „die letzten werte Arva . . . ager 
werden am einfachsten von dem Wechsel im gebrauch verstanden," da 
nuT diese auffassung überhaupt möglich ist. Waitz spricht sich gegen 
die auffassung eines wechselns oder tauschens der äcker im besitz aus 
und sagt etwas später noch: „Schon eher könte an jenen Wechsel gedacht 
werden, der bei der sogenanten strengen feldgemeinschaft vorkomt, und 
der, obschon eigentlich ein Wechsel im gebrauch, doch zugleich zu einem 
Wechsel im besitz führt und mit der eigentümlichen art des gesamteigen- 
tums in Verbindung steht, die wir als altgermanisch anzusehen haben 

Doch enthalten die werte nichts, was bestimt zu dieser erklärung 

hinführte , oder auch nur berechtigte anzunehmen , Tacitus habe jene ein- 
richtung gekaut und bei seiner beschreibung vor äugen gehabt." 

Zur strengeren beurteilung des satzes wird es zunächst von wert 
sein , über den begriff von mutare sich etwas klarer zu macheu. Es führt 
auf ein altes adjectivisches oder noch participielles moitos mit der bedeu- 
tung „verändert" zurück, so dass es zunächst sagt verändert machen, 
verändern," ein begriff, der deutlich genug ist und hier keiner weiteren 
erläuterung bedarf, wie wenn es im Dialogus 19 heisst: formam quoque 
ac speciem orationis esse mutandam: darin liegt, dass die forma und 
species allerdings bleiben sollen, aber sie sollen nicht so bleiben, wie 
sie gewesen sind. Diese selbe bedeutung des „veränderns" liegt nun 



7.V TACITUS CiKKMAKTA 2G7 

iiber auch v.u. ^nuiule, wo siclis bei dem ninhirr um ein „wechseln, t;iu- 
schen, an die stelle eines andern setzen" zu handeln scheint, wie Anna- 
len 4, 14: muUmdo sordidas merccs „durch tauschen schmutziger waa- 
ren": die einzelnen stücke sollen an sich wol unverändert bleiben, aber 
als waaron verändern sie sich in ihrem verliältnis; Annalen 2, 29: vestc 
nmtata, die einzelnen kleidungsstücke können dabei sämtlich gewechselt 
werden, aber die bekleidung selbst bleibt, sie wird nur verändert; 
Annalen ;^, 17: ut . . . isqHc (nämlich (jiiaeus Piso) praenomcn mutaret, 
er hiess später nicht mehr Guaeus, sondern Lucius; das praenomen als 
solches aber blieb; Annalen 1, 16: mutatuH prlnaps: der princeps war 
geblieben, war nur verändert, wenn auch an die stelle des bestimten 
Augustus ein völlig neuer, nämlich Tiberius, getreten war. Ganz ähn- 
lich in der Germania 28: mutatis cultonhus: die einzelnen cidtores waren 
sämtlich durch andere ersetzt, aber cidtores waren geblieben, waren als 
solche nur verändert. 

Ganz ähnlich wie in den letztgegebeuen beispielen hat sich die 
bedeutung des midare weiter auch entwickelt in bezug auf örtlichkeiten, 
insbesondere bewolmte örtliclikeiten. Annalen 12, 14: locos mutare 
bezeichnet kein verändern der örter an und für sich , sondern eine Ver- 
änderung nur in so weit, als früher besetzte örter verlassen und neue 
bezogen werden, also eine Veränderung der Stellung, des aufenthalts. 
Das ort -innehaben, konte mau sagen, ist das was bleibt und nur verän- 
dert wird. Wo siclis um eine Veränderung von örtern an und für sich 
handeln soll, drückt sich Tacitus anders aus, so Annaleu 14, 10: quia 
tarnen non , ut honünum vultus, da locornm facies »mfantur. Sonst 
gebraucht Tacitus mutare in bezug auf örtliclikeiten in der oben erläu- 
terten weise noch Annalen 3, 44: ncq^iic loco neque vidtu midato; 6,, 50: 
mutatis sacpius locis; auch Historien 2, 80: ut . . . Suriacis legionihus 
Germanica hiberna . . , mutarentur, die germanischen Winterquartiere 
werden insofern verändert, als sie von syrischen legionen bezogen wer- 
den; ferner Historien 5, 2: mutare sedes; 4, 73: mutandae sedis amor 
mid so auch Germania 2 : mutare sedes und Germania 2S : quo minus 
. . . quaeque gens . . . permutaret . . . sedes. In dieses nämliche gebiet 
von bedeutungsentwicklung gehört nun aber auch arva . . . mutant; die 
arva werden nicht an und für sich verändert, nicht etwa vergrössert 
oder verbessert oder sonst was, sondern die Veränderung bezieht sich 
darauf, dass sie verlassen und andre arva in angriff genommen werden. 
An einen Wechsel der besitzer kann dabei entfernt nicht gedacht werden, 
da von besitzern oder bebauern neben den arvis gar nicht die rede ist: 
das subject zu mutant ist nur das allgemeine Germani. 

ZKIT8CUR. P. DBUTSCHE PHILOLOOU:. V. BD. 18 



268 LEO METER 

Weiter bleibt dann aber das et superest ager uoch genauer abzu- 
wägeu. Auf Waitzeus urteil über die werte kam ich schon im voraus- 
gehenden, führe hier aus ihm (s. 136) uoch des näheren an: „Früher über- 
setzte man wol: und ein teil des ackers (der alte acker, Anton) liegt 
brach," eine Übersetzung, der sich Waitz früher selbst angeschlossen. 
„Andere," fährt er fort, „haben es auf die gemeine mark, den nicht 
zur teilung gekommenen teil der feldmark bezogen "... „ Allein Knies 
(Die polit. Ökonomie s. 142 N.) hat mit recht [?V] bemerkt, dass ager 
sujjerest nach Taciteischem Sprachgebrauch heissen müsse: es ist land 
genug (dazu) vorhanden." Waitz weist hier auf das bekante ne ferrum 
quidem superest im sechsten capitel der Germania hin und fügt dann 
noch zu: „Was Zacher s. 358 anm., Koscher s. 70 und Langethal a. a. o. 
s. 69 bemerken, beweist nur, dass superesse wol aucb in anderer bedeu- 
tung „noch existieren" (Germania c. 34 usw.) gebraucht wird, für 
,, übrigbleiben" kann aus Tacitus keine stelle angeführt werden; und hier 
ist wenigstens gar kein grund, einen solchen diesem Schriftsteller sonst 
fremden gebrauch anzunehmen." Darin ist gar manches verfehlte und 
unrichtige. 

„Genug vorhanden sein" heisst, wie ich schon oben hervorhob, 
superesse überhaupt niemals; dann und wann aber wol „in überfluss vor- 
handen sein," bei Tacitus indess nur sehr selten. Anführen lässt sich 
für diese bedeutung nicht viel mehr als eben jenes ue ferrum quidem 
super est, dessen häufiges vermeintlich endgültig beweisendes anführen 
für unser et superest ager, darf man sagen, auf übergrosser kurzsichtig- 
keit beruht , da doch Tacitus superesse sonst noch häufig genug gebraucht, 
um uns über seine bedeutung auch an unserer stelle nicht im zweifei zu 
lassen. Nipperdey übersetzt Annalen 14, 54: superest tibi robiir „du 
hast in überfluss," aber sicher mit unrecht; „ dir ist kraft übrig , du hast 
noch volle kraft," sagt Seneca, der sich vorher selbst als senex bezeich- 
net, zu Nero. Auch Historien 1, 83 in Othos worten: neque ut affee- 
tus vestros in amorem mei accenderetn , commilitones , neque ut animum 
ad virtutem cohortarer (utraque enim. cgregie supersunt) , zwingt zu der 
von Heraus gegebenen Übersetzung: „ist in herlicher fülle vorhanden" 
nichts bestirntes; es liegt näher zu übersetzen „ist in herlicher weise 
übrig geblieben, ist in euch nicht erloschen, liebe gegen mich und mut 
habt ihr in rühmlicher weise bewahrt." Historien 1, 51 : vlri arma equi 
ad usum et ad decus supererant kann man schon eher an die bedeu- 
tung des Überflusses denken, obwol doch auch möglich ist „waren übrig, 
waren noch vorhanden" im gegensatz zu der eingebüssten disciplin: 
disciplinae, quam ... resolvimt. Sonst wird in der fraglichen bezie- 
hung von Heraus noch hingewiesen auf Annalen 1, 67: quodsi fuge- 



zu TACITIH (IKKMANIA 2<iU 

1'ent , pliiriü silrdn, profundus »Kifiis pa/udcs, s<ii;vi(iuni hoslium siijirr- 
csfte, wo aber gar nicht von einer im üborlluss vorhandenen wut der 
feinde die rode ist, sondern davon, dass überhaupt nocli wälder, sümpfe, 
wütende feinde übrig seien, die man überwinden, durchkämjifen müsse. 
Dann werden aueli noch zwei stellen aus dem Agricula hieher gezogen, 
aber capitel tl: iimtin aris supcrerut lieisst nicht „anmut dea gesichts 
war in überlluss vorhanden," sondern „sie war übrig, war allein da," 
denn unmittelbar vorher ist gesagt ulliil itidus et inipelus in volfx , und 
capitel 45: omnia sine (li(bio, 02)time parcntiim, ass'uhntc auiantissima 
Hxorc suj)erfi(cre honori tno, wo allerdings die Übersetzung ,, alles 
war zu deiner ehre im überlluss vorhanden , geschah zu deiner ehre im 
überliuss" zunächst liegt. Sonst aber ist bei Tacitus, der doch super- 
csse sehr gern gebraucht, keine stelle nachzuweisen, in der es „im über- 
lluss vorhanden sein " bedeutete. 

Zu genauerer erläuterung des wertes ist hervorzuhe])en wichtig, dass 
das super- darin überall eine bestimte beziehuug haben muss, ohne die 
es ganz zusammenhangslos in der luft schweben würde, dass diese 
beziehung aber auch eine nächstliegende sein muss. In ganz vereinzelt 
stehender bedeutuug ist es bei Tacitus gebraucht in den Anualeu 3, 47: 
fide ac virtufc h'ijidos, sc co)isdris supcrfuissc, wo Nipperdey , der aber 
in ähnliclier bedeutung auch Agricola 44: gratia oris supercrat über- 
setzen will „überwog," sehr gut erklärt super iorem fuisse, das „über" 
aber seine erklärung in der nahen beziehung auf die „unterliegenden" 
findet. In den meisten fällen weist das super in superessc auf etwas, 
das irgendwie abgetan, gleichsam beseitigt ist. So komt es bei per- 
sonen leicht zur bedeutung des Überlebens ganz ähnlich wie supierstes, 
eigentlich „über die, welche gestorben sind ," wie Annalen 13, 17: prhi- 
eipc»! , qui UHUS supercsset c familia summum ad fastigium genita; 
4, 7: dum superfuit „so lange Drusus übrig war, lebte;" 13, 18: nohi- 
Jium, qui ctiam funi supercrant ; 6, 51: doncc Gcrmanicus ac Drusus 
superfuerc „noch lebten;" 6, 40: dum superfuit pater Lcjndus. Aber 
auch sonst ist die beziehung des super- leicht zu ergänzen, wie Germ. 34: 
sui^cresse adhuc Hcrculis coluuinas, nämlich über das, was im laufe der 
zeit zerstört oder zu grimde gegangen ist; Historien 5, 16: supercsse 
qui fugam animis , qui vulnera tergo ferant, über die, die im kämpf 
gefallen waren; 3. 66 : superesse studia populi, neben dem , was etwa 
sonst verloren sei; 4, 57: superesse fldas provincias , wenn auch andere 
abgefallen seien; 4, 7: quantuni supercsse, ut collega dicatur, man sei 
fast schon so weit gekommen; 1, 3: hellum ea tempestate nullum nisi 
adrcrsKS (rermanos supcrerat. die übrigen waren schon abgetan: 1, 8: 
ca sola spccies adulandi supcrerat, alle übrigen arten von Schmeichelei 

18* 



270 LEO >rEYER, zu TACTTUS GERMANIA 

hatte man schon angewant; Historien 2, 36: ahrpfis quae supercremt 
navihxs j 2, 4G: supcrcsse adhuc novas vires; Annaleu 15, 40: pauca 
tedorum vestigia supiercrant , die übrigen waren durch das feuer völlig 
zerstört. Und noch eine reihe weiterer stellen Avürde sich hinzutun 
lassen. 

Nur in seltenen fällen wird die bestirntere beziehung für das super 
deutlich ausgesprochen, so Historien 4, 11 : Alfcnus Varus ignaviac infa- 
miaeque suae superfuit „lebte über seine feigheit und schände hinaus, 
überlebte sie," starb nicht mit ihr; Historien 1, 79 und 4, 60: qui proelio 
SHperfuerant „die über den kämpf hinaus waren, die den kämpf über- 
lebten;" 1, 22: cum super fatwr um cum Neroni promisissct „verheissen 
hatte, dass er über den Nero hinaus sein werde, ihn überleben werde;" 
Annalen 15, 43: cctcrum urhis, quae clomui supcrcrcDtf „was an Stadt- 
gebiet noch über den palast hinaus war, was der palast noch übrig Hess." 
Ganz besonders deutlich durch den ganzen Zusammenhang ist nun aber 
die ZU ergänzende beziehung auch zu unserm supcrest ager: es ist das 
ackerland, was über die cvrva, das unmittelbar in anbau genommene 
land , hinaus ist. Diese ganz nahe liegende beziehung zu umgehen, wäre 
ein grober exegetischer fehler; die ferner entwickelte bedeutung „in 
überfluss vorhanden sein " kann für superesse eben erst da in frage kom- 
men, wo keine andere beziehung nahe liegt: die dann eintretende bedeu- 
tung entsteht mit der ergänzuug („über das" oder „mehr als das") 
„was man nötig hat," was hier im ganzen Zusammenhang, wie aucli 
schon oben hervorgehoben wurde, völlig abgeschmackt sein würde. 

Im nächstfolgenden hat man keine besondere Schwierigkeit mehr 
gefunden; da wollen wir damit schliessen, dass wir das ganze, was uns 
Tacitus in bezug auf den ackerbau der Germanen mitteilt, noch mal in 
der kürze zusammenfassen: Wo die Germanen einander nachrückend 
ackerland in besitz nehmen, tun sie es in gemeinschaft , und erst dann 
wird jedem einzelnen sein stück zugeteilt, was in den weiten germani- 
schen ebenen sich ohne scliwierigkeit ausführen lässt. Man ackert all- 
jährlich au einer andern stelle, und dann bleibt das übrige land unbe- 
stellt. Den fruchtbaren boden ganz auszunutzen versteht man nicht und 
legt deshalb keine obstptianzungen, wiesen und gärten an; man baut nur 
getreide. So kömmts denn auch, dass man das jähr nicht nach römi- 
scher weise, sondern nur in winter, früliliug und sommer einteilt. Da 
man die fruchte des herbstes nicht kent, hat man für ihn auch keinen 
besondern namen. 

Wie sicli zu diesen mitteilungen , was Cäsar vom ackerbau der 
Germanen sagt, verhält oder was man aus später nachtaciteischer zeit 



BEIFFEUSCHKIO, llIHToItlK VAN HKNT UKINOI.T 271 

(liuiilicr weiss, ist ITir i'iiic L,nMi;iii(.' »'rkläruii;^' (Icr worte des Tacitus oliiio 
alle bodeutiui^'. 

DOKI'A'I', I)1:N '-'2, [10. 1 AI (IISI- IS7L'. LK«» MKVKK. 



IIISTOUIK VAN SMNT Kl^lNOLT. 

Die limulscliritl der ,, llistöric vaii stMit Uoiiiolt" heluinl sicli Irii- 
hcr iiu besitze dos um die deutsche idiilologio hocliverdieiiten H. von 
Groote in Köln. Er vermachte sie im Jahre 1864 mit dreizehn andern 
liandseliriften und einer grossen anzalil älterer und neuerer germanisti- 
scher druckwerke dem archive seiner Vaterstadt, vgl. Pfeitters Germ. IX, 
371) fg. Herr Stadtarchivar dr. L. Enuen erleichterte mir mit dankens- 
werter liberalität die benutzung der seiner obhut anvertrauten schätze. 

Schon im Jahre 1817 hatte v. d. Hagen im dritten bände von 
Büschings wöclientlichen nachri(?liteii s. VM auf diese handschrift auf- 
merksam gemaclit. Kr fügte a. a. o. dem kurzen berichte über die hand- 
schrift, den er briefen des besitzers cntnomiiu^ii hatte, die bemerkung 
hinzu: „diese in 1(>. Kapiteln verfaßte Niederdeutsche Prosa führt wohl 
noch näher auf die Quellen unsers und des Holländischen Volksbuches 
von den Heimons- Kindern." Wie es scheint, hat mau seitdem die 
„Historie" keiner weitern beaclitung gewürdigt, die sie doch nicht nur 
als niederrheinisches Sprachdenkmal, sondern auch als älteste deutsche 
prosa von den Heimonskindern w^ol verdient hätte. 

V. Groote hat die handschrift, wie er a. a. o. mitteilt, „in Köln 
als Anhang eines andern Mönchsbuchs gefunden." Sie ist eine papier- 
handschrift aus der ersten hälfte des XV. Jahrhunderts in 8*'. Sie besteht 
aus einer läge von sieben doppelblättern und einer andern von fünf. Das 
erste blatt der ersten läge ist ausgeschnitten, so dass das zweite blatt, 
auf dem die „Historie" anhebt. Jetzt erstes blatt ist. Das drittletzte 
blatt der ZAveiten läge ist nur auf .der vordem seite beschrieben . die 
andere seite und das folgende blatt ist leer, das letzte blatt machte 
V. Groote zum titelblatt. Die handschrift ist noch ungebunden. Das 
Wasserzeichen ist das siebente der bei Bodemann, Xylogr. und typogr. 
incunabelu der königl. bibl. in Hannover, im anhange mit nr. 18 bezeich- 
neten, nur ist über dem mittleren kreuze noch ein zweites, mit dem 
ersten durch einen graden strich verbundenes. Die handschrift ist von 
einem Schreiber sauber und im ganzen sorgfältig geschrieben: sie ist 
abschrift einer andern. Das sieht man zunächst aus den besserungeu des 
Schreibers: f. 1 hat er nach eynchc über der zeile (lane nachgetragen, 



272 REIFFERSCHEID 

desgleichen nach Iceyscr: lioirtc, f. 1'' am rande wrechen nach hloicle gehö- 
rig, nach want auf derselben seite hatte er zuerst liel ausgelassen und 
dergl. mehr. Dasselbe sieht man , wenn man auf seine Verlesungen ach- 
tet: f. l** steht in der handschrift dat statt dan, ferner hei hei eme, in 
seiner vorläge stand hei heime, f. 2'' schrieb er zuerst xp statt xü, 
f. 4 dat hei dat hei d, er verbessert do hei dat, f. 10 und f. 11 steht 
hestrijden statt heseryden , f. 10 achten statt achter, f. 14^* hegimte zo den 
louffen so den, avo er aber das erste den durch punkte tilgt, f. 15 hatte 
er zuerst vmhtnjnt übersehen, er schrieb vüi lunhtrf/nt, tilgte dann 
aber vüi, so muss er auch f. 19 van vor genade unterpunktieren. Am 
bestirntesten Aveist auf eine vorläge sein irtum auf f. 18. Zu demselben 
Schlüsse führen endlich auch seine auslassuugen auf f. 1 und f. 2'\ 

Seine Verbesserungen zeigen aber auch , dass er selbst in kleiuigkei- 
ten genau zu sein bestrebt war. Er verbessert z. b. f. 2^ tvmh in vmh, f. 3^ 
m. s. soene in m. s. sone, antivort in antworde, l. reeden in l. reden, 
t 4'' geniehen in geriehen, f. 5 sy in sych, f. ö** ervreuede in crvriiede, 
f. 9^ sloch in sloicli, f. 10'' gdeff't in geUefft, sivaicheit in sivacheit, f. 12 
mere in miere, f. 15 dag in daeJ( , f. 13 hueffstat in huefftstat, f. IT** 
geschiet in gescheit, f. 16'' tilgt er neu und schreibt nuewe. — Vom 
rubricator sind die Überschriften so Avie die anfangsbuch staben der ein- 
zelnen kapitel, er hat auch die anfangsbuchstaben der sätze und der 
eigennamen durch einen strich ausgezeichnet, die zahlen unterstrichen, 
ausserdem Avas der erste Schreiber getilgt Avissen wolte, nochmals 
durchstrichen und auf f. ein versehen desselben berichtigt, indem 
er XX noch das '' hinzufügte. In der handschrift gilt als Interpunk- 
tionszeichen nur der punkt am ende der sätze, einigemal nach satzab- 
schnitten. Nur ausnahmsweise ist das pünktchen aufs i gesetzt, öfter 
die zwei punkte auf y. 

Von der wortschreibung der handschrift l)in ich in folgenden punk- 
ten abgewichen: in der handschrift steht für u im anlaute fast durcli- 
gängig V und für v im inlaute immer u, ich habe immer im erstem 
falle u, im andern v gesetzt. Ferner habe ich y der handschrift, avo es 
für i oder j steht, i oder j geschrieben. In der handsclirift steht y für i 
z. b. : mvmhtrynt, Jconynch, rytterlichen , synt, yntseyn, eyn, keyser, 
Heymo , stayde, haynt, duychte, tzuynen, iiyss; für / z. b. in tzyden, 
syns, synre, Paryss, stryde; für j in yagen, yagede, yamerde, yonge. 
Ferner mache ich gegen die handschrift einen unterschied zwischen dem 
umlaute von o und 6. Den einfachen consonanten setze ich in folgen- 
den fällen statt des doppelten der handschrift: 

I. im auslaute, 1) nach vocalen und zwar a) nach kurzen: äff, 
affslain, afflais, gaff] elercJc-, puf-, rittcr-, vrimt- schaff'. — off\ hoff'. 



IllHTMllIK VAN HKNT RKINOI.T 27.'J 

huscho/f. crn/}'t, lo<jrtili(iflt'Kjr. hnih»/}'/. — s<u:k, pldclc, rock.- ass, 
vcnjass, vcrmnsa. - Mahnjiss , gcvcnckniss. ross, sluss. — süss, 

kussdrn, rcssdcn, nilssdcdld. 

b) nach liiii<,a'n : titltf/l'L — hoi/f, verhol/}'. -- ho'/l't , hfdrirfp, 
hedraffdr , drafßcif , dnrff'/iclic. — hiwfj't, luuffdes , litic/f'fsfdt, — nwic- 
Inrfl liehen. — sehaieksjii/t. — J\iryss, pnjss, irt/ss, ivisshrlt. — voiss, 
hdrvoiss, groesslieJi. — ivss , uiss, nisstrccken , uisslridett, huiss. 

c) nach diphthongen: schrciff', Iciff', Udff, verdrcijf. — Icißdc - 
lieff, rivff. — lieffdc. — loufl, (jclouff'te. — cickllch. — helss, vor weiss. 
seissdcH. 

2) iKU'li consonaiiteii : halff. — vun/f, vunffden. — sanjftmwdich. — 
)ii(i)itrrr/f\ andcnverff', dirdewerff. — volcks. — dranck, ganck (f. 15''), 
laiick, süHck, sprancli , twanck., danckdc, krancldicidcn , vranckrich. — 
innencklich, (fcrcnckniss. — vcrdrenckt , verkrrnckt , krenekdc. -- (jeiuck, 
Jtrinck, nmhveinck, untfeinck. — dinck, koninck, konincks, koninckrich, 
'pcnninck, undirinck. — rrrsinckf. — sturck, marehireveti. — derckschajf, 
stcrcklichcn , uwrck, wcrckludc, ivrrckman. - ivirckde, gewirckt. 

II. im Inlaute, a) nach hingen vocalen: soccken, versdscken. — 
slaiff'rn. slaiff'e. — anroiffen. 

h) nach Diphthongen : lauffen. — louff'e. — reiffcn, uslciffen. 

c) nach consonanten: rolcke, marschalcke. — krancke, verdrcncken, 
koninckingen. — niarcke, sarcke. werckcn. — vmiffe, jonfl'rrn, jonfferJich. 

Die Verbindung tz rechne ich nicht hierhin, weil sie auch immer 
im anlaute für z steht, ich setze immer 2. Für tusschen schreibe ich 
tuscheM. 

In diesen doppehingen darf man keine Schreiberlaunen sehen wol- 
len: der grund derselben ist nur in der verschärften auss]n-aclie des con- 
sonanten zu suchen , die sich im auslaute besonders nach l n r, sowie vor 
t einstellte. Dieselbe Wahrnehmung, welche hier den Schreiber doppelte 
consonanten setzen Hess, lag auch der Schreibung //hr««"c, //y-i^cA, ft'rom, 
/fünf und dergl. (vgl. Weinhold, alem. gr. 125, bair. gr. 135) zu gründe, 
auch F/Iandcni findet sich, vgl. z. b. Germ. IX. 322. 

Ich unterlasse es hier auf die mundartlichen eigentümlichkeiten der 
„Historie'' einzugehen, weil ich demnächst den ndr. vocalismus und 
consonautismus im zusammenhange darzustellen beabsichtige. Nur über 
einen punkt möchte ich in der kürze meine ansieht andeuten , nämlich über 
äi, «e, 6i, de, {üi) in Jtait, gdot , doid (Jinis) u.dgl. Diese laute finden 
sich, abgesehen vom niederd. und niederl. , in den mitteld. dialecten, 
vgl. Kückert, L. d. h. Ludw. 161 f., entw. e. darst. der schles. d. mund- 
art im ma., zeitschr. f. gesch. Schles. VIII. 2. 236 fg. 261. 262, ebenso 
in den alemannischen und in den bairischen, vgl. Weinhold, alem. 



274 REIFFEBSCHEID 

gr. 37, 65; bair. gr. 54, 67. Die einen, so schon Kinderling, gesch. d. 
alts. spr. 367, sehen darin doppellaute, andere unechte umlaute, so Wein- 
hold a. a. 0., andere möchten in c oder i nur dehnungszeichen sehen. 
Das wesen dieser laute scheint Kegel, Haupts zeitschr. III. 53 fg. 
in der hauptsache richtig erkant zu haben, der hier vocalzerdehnung 
annimt, vgl. noch Rückert, entw. 237 fg. Wie ich aber glaube, muss 
man diese erscheinungen etwas anders beurteilen. Man muss hierbei 
beachten, dass dies e oder i sich nach ä, 6, ü besonders vor ch, r, s, 
t {d), z, dann auch vor Z, m, n^ f zeigt. Ich möchte nämlich in die- 
sem e, i eine art von nachlaut des vorhergehenden vocals erblicken, 
der besonders deutlich wird, wenn zur hervorbringung des folgenden 
consonanten eine gewisse kraftanstrengung erfordert wird. Die heutige 
ndr. mundart hat diesen nachschlag ganz deutlich auch nach diphthon- 
gen, z. b. zebroiifclie (zerbrochen), ci^sse (essen) u. a. 

[f. 1] Historie van sent Reinolt.^ 

In den jäiren uns heren do men schreif umbtrint echt hondei't,^ 
dö der groisse Karolus was keiser van Eome ind koninc van Vrancrich : 
in den ziden was ein grois hoegebören edel vurste geboren van deme 
edelen gesiecht van Burbone, geheischen Heimo van Dordone. Deser 
was sere mechtich ind rieh van landen, steden ind bürgen, ind boven 
al was hei ein strenge man ind vrome in ritterlichen werken, also dat 
do sins gelichs neit eu was. Dar umb wart hei sere intsein neit alleine 
van deme gemeinen volke, mer ouch der keiser ind de heren van Vranc- 
rich .... umb sinre strenger rechtverdicheit willen, 

Nu hatte der keiser Karl einen seden, dat hei alwege up den 
pinxtdach hof z6 halden plach in der stat z6 Paris, mit vil heren ind 
vursten van mencherlei landen. So geviel it up eine zit, (Jat deser vur- 
geschreven Heimo ouch da was mit sinen vrunden ind sinre ritterschaf. 
Deser Heimo hatte einen neven geheischen Hugo van Burbone ind was 
sinre suster son. Der geinc z6 deme keiser ind bat in goiderteirlichen 
ind sachte : hie sint mine oemen , der eine Heimo van Dordone , der ander 
Heimerin van Burbone, de hfiint uch vil gedeint in stride ind in orlich 
intgäin de beiden, ind häint verslagen Hispänien ind Allixlant, ind ir 
en hält in nie einche gäve gegeven of weirdicheit bewist; ind en wilt ir 
des neit döin, so beleent si doch mit irem eigenen goide. Do der kei- 
ser huirte dese koinheit van deme ritter, wart hei zornich ind zoich 
[f. T'J sin swert üis ind sloich in doit. 

1) Hs. rot: Dyt is de historie van sent Reynolt vnsem hilgen patroyn. 

2) Hs. viii^ 



IllflTÖniK VAN 8KNT llKINriI.T 275 

Als <lit liöiitcii (If /wT-iic viirschreven Ik'icii Heimo ind Hcinicrin, 
wöirdüii si ussennäisscii sero zornicli ind vcrstiirdeii iille diit koiiiiiciich 
Villi Vriuiciicli mit binien, mit rouven iiiicht ind dach. Dit orlicli werde 
mo dan ' ochtzoindc half jäir. Da enhinnen en wart it nie vrede : want 
Heimo liatte gesworcn, dat hei sUien neven suelde mit mans hloide 
wrechen; also dat de genöisseii van Vranciich den keiser baden, dat hei 
söineu muiste mit Heimen. Want si muisten alzit bereit sin zo striden, 
wanne bei woulde. Dn der keiser dat hoirte, volgede hei irs räides, al 
dede hei it noede, ind untboit Heimen, dat bei eine sinen neven, den 
hei döit geshigen hatte, iiuinwerl" weder wigen wuelde mit r<Mdem 
goulde. 

Als Heime dit lioirte, was it eme sere unniere, want hei de veede 
liever hatte. Dö untbuit hei Heime- anderwerf: wuelde hei sich läissen, 
hei wuelde eme geven sine suster, geheischen Aia, zo einre eelicher hüis- 
frauwen, ind dar zö suelde hei sin göit ind allet dat he van den beiden 
wunne vri eigen haven ind van niemant zo leene intfangen dan alleine 
van gode. 

W6 Heime des keiscrs suster naiii zö einre lulisfrauwen iiul veir kiiulcr 

gewan. •' 

Als Heime dese antwort hoirte , behagede si eme wäil , ind zöich 
mit groissem volke z6 Ceiilis, da de soiue geschien soulde. Dö quam 
der keiser oiich dar mit vunf houdert ^ rittereu , wuUeu ind barvöis , ind 
brächt mit sich sin snster ind triiewede si eme da au der selver stat, 
ind sinen neven den dcMden der wart äff. 2]me nuinwerf gewigen mit 
roidem goulde. Dö bat Heime den keiser, dat hei komen wuelde zö sinre 
brüloft. Des en woulde hei neit döin. Herumb wart hei sere zornich 
ind zöich mit siner brüit zö Pirlepunt ind alda hüte liei de feste der 
brüiloft. Dese hof werde veirzich ^ dago ind veirzich ^ nachte. Des 
aventz dö si slaifen geingen , dö nam Heime sin swert ind swöir da up, 
dat hei allet dat danleu wuelde, dat van des keisers gesiechte were. Dö 
wart de vrauwe sere verveirt, nochtant bewist si sieh göiderteirlich int- 
gäin in. In korter zit dar na wart de vrauwe swanger van der genä- 
den gotz. 

Nu plach Heime steetlich zö vechten intgtiiu de beiden, so dat hei 
seiden zö hüis was ind ouch ueit en wiste, dat de vrauwe swanger was. 
Dö de zit anquam , dat si dat kint geboren soulde , zöich si in ein jon- 
feren clöister, up dat it heimlich bleve ind dat is Heime neit gewar 

1) Hs. dat. 2) l£s. hei hoiai eme. 3) Diese Überschrift und die folgenden 
in der hs. rot. 4) Hs. V. ö) Hs. xl. 



276 REIFFEBSCHEID 

en würde. Noclitant leis si it bischriven ind besegeleu, up dat men 
wissen möchte, dat it ein eekint was. Dit geschach veir reisen, also 
dat si veir söne gebeirde, dat des Heime ueit en wiste. Want als vur 
gesacht is , so was hei stietlich in stride intgain de beiden ind gewan vil 
landes ind oueh de dämmen cröne uns heren ind de negel. 

Der eirste van dcsen veir sönen was geheiscben Eitsart, der zweide 
Adelhart, der dirde Writsart, der veirde Keiuolt. Deser was der scböin- 
ste ind der stoultste van in allen, so dat hei si alle boven geinc in 
stride ind in menlichen werken. 

//. 2^] We Lodewich koninc gekrceut ward iud wß eme Keiuolt sin hueft af 
slöich, want it eme sin bröidei* Adelliart af gewonnen hatte. 

Z6 den selven ziden hatte der keiser Karolus einen son geheischen 
Lodewich, der w^as vunfzein ^ jäir alt, als oiich Keinolt was. Deseu 
woulde bei koninc laissen krccnen iud sante üis eirsame boden : den over- 
steu van den zwelf^ genoissen van Vrancrich mit nanien Kolant, de ouch 
sinre suster son was , mit namen Berta , iud ouch dri ^ ander bereu mit 
Iren knechten zo Heimen yan Dordone ind leis in bidden , dat hei komen 
wuelde ind helpen krönen sinen son Lodewich: want umb sinen willen 
wart der hof gelenget veirzich ^ dage ind veirzich ^ nacht. 

Als dese boden quämeu bi Heimen zo Pirlapuut, do hielt hei hof 
mit drizich hondert ^ ritteren iud echtzein hondert ^ gewäpender mau 
iud ein eiclich hatte in siure .... scharp swert. Dit was sin sede , als 
hei hof zo luilden plach. Do vielen si neder up ire knee iud baden in, 
dat hei kouieu wuelde iud kra:'ueu Lodewich. Als hei dat hoirte, wart 
hei sere gram, want hei sorgede, dat der jonge koninc alle sin goid kri- 
geu suelde, want hei hasde in me dan sinen vader. Dar umb verweis 
hei der vrauwen, dat si eme geine kindcre gedragen en hatte, als hei 
meinte. Ever de vrauwe, want si sanftmoedich was, autworde si goi- 
derteirlich ind sachte: ir hait doch geswörcn, dat ir wilt dn?den allet, 
dat van mins bröiders gesiechte is. Mer wilt ir den eit brechen, so wil 
ich uch üre kindere züinen. Als hei dat hoirte , wart hei sere blide van 
herzen ind heisch de heren do wilkome sin, den hei eirst neit zo spre- 
chen en [f. oj woulde. 

Do geingen si sameu zö einre steinen kemnäden, da de jouge heren 
inne beslosseu wären. 1)6 hei si sach , behageden si eme wäil iud Kei- 
uolt boven alle de anderen, want in düichte, dat hei meiste van sinre 
natüren was. Do leis hei si vur sich komen in den sal ind machde si 

1) Hs.: XV. 2) Hs.: xii. 3) //*.: iii. 4) Hs.: xl. 5) Hs.: xxx^ 

6) Hs. : xviii ". 



lUHTÖRlK VAN HENT UKINOI.T 277 

;ill(^ veir ritior iiiil cleitc si iiü liUcilitliciu stäitle. Kvcr Kfiiiolt «lein 
<,'af hei zö eigen <lii l»ur<,'o: I'iil:i]iiiiit, iM()iit;ii,niiit iiid Vulive.stein. Di'ir 
iu*i giii hei in allen wüjien iml iieri. Dat schöinste pert gal" men Itei- 
nolt. Mer want hei stark im! inncilich was, «ö was it eine zö swach; 
ind alle de peerde, de men eine vurhrfichte, en deinden eme neit. 

Do sj)iacli iler vader: soii icli häin noch ein ros, dat heischt iJei- 
ari ind is nnihinfiirt, demo on dar niemant geneken. Ein droinedärius 
hait it gewuimen ind halt niiin ' ros cralt. Dit ros was swarz als ein 
rave ind hatte ougen als ein lebart, it eu hatte zop noch mänen , ind 
was grois ind stark ind nissermfiissen suel. Sin louf was recht als ein 
pil üis einie bogen iud sine Sprunge ungeluetlichen grois, so dat it alle 
ander jteerde bovon geinc. lii dit peert '^ geinc 'Keinolt ind slöicli ind 
twanc it also lange, dat it eme underdenich Avart, ind reit du üis int- 
gain sinen vader. Do vlouwen si alle vur demo enxtlichen peerde. 

Als dit geschiet was, do bereite sich Heime zo varen zö des kei- 
sers hove mit sinen sönen ind mit den, de uis Vrancrich komen wären, 
mit vil voulks ind mit groissem goide. Do der keiser ire zökumpst [f. S^'J 
vernam, zoich hei in intgäin mit sime sone ind mit alle sime volke ind 
heisch si wilknm sin. Do Lodewich sach dat schone ros, dat Keinolt 
hatte, spracli hei: ueve, gevet mir dat peert. Keinolt antworde: suelde 
ich it iomant geven, ich geve it uch, mer mich en mach gein ander 
ros dragen. Do dat Lodewich liöirtc, versmede it eme sere ind dede 
Keinolt ind sinen bro^deren alle den hoimoit ind spit, den hei mochte. 
Ind Keinolt behielt den pris in allen dingen ind overwan den jongen 
koninc in deme spile den stein zö werpeu. Dar nmb wart hei sere ver- 
zurnt ind geinc zö rtiide mit sinen räitgeveren, dat verreder wären. De 
gäven eme in, dat hei speien suelde mit deme markgreven Adelhart, 
Keinoltz bröder, schäikspil umb ein lueft. So wer vunf spile nä ein 
ander wunne, der suelde deme anderen sin hcel't afsläin. Dese räit beha- 
gede eme Aväil ind lies in z6 sich komen ind lachte eme kvgenhaftige 
reden vur, we dat hei sich hette vermessen intgäin in zö spilen, so as 
eme sine reede hatten geraden zö sagen. Als Adelhart dese verretenisse 
höirte, sacht hei, dat hei des uuschuldich were ind dat hei gerne mit 
ome spilen wuelde umb bürge, slosse ind ander göit, mer neit umb sin 
ha^l't. Doch Avart hei dar gedrungen ind beslossen in des koniuks kem- 
näden, dat hei neit enAvech komen en mocht, hei möiste mit eme 
spilen. 

Dö si nü säissen iud spiklen. dö wan LodeA\ich dri spile up ein. 
Dö vermas hei sich ind sachte, dat hei eme sin ho-ft afsläin Avuelde 

1) Hs.: ix. 2) Hs.: pcor. 



278 



KEIPFEKSCHEID 



[f. 4] mit sins selves swerde ind dat hei in umb alle der werelt goit 
neit en wiielde Ifiissen verdingen. Do Adelliart dat höirt, wart hei 
besweirt van herzen ind rief got an umb hulpe. Ind unse lieve here, 
de den rechtverdigen neit en liest in deme ende, hei verhengede, dat 
der koniuc verloir. lud Adelhart de wan vunf spile na ein ander, so 
dat hei deme koninc sin hceft af wan. Do sprach Adelhart goiderteir- 
lich, want hei sanftmoedich was: scesse neve, nü häin ich ür hreft 
gewunnen , mer ich en wil is uch neit nemen ; ever en spilt neit me 
umb so düiren pant. De uch desen räit häint gegeven, en achten neit 
vil up uch. Do wart der koninc zornich ind slöich in mit deme spil- 
brede, dat eme nase ind mont bloide. Do geinc hei van eme in den stal bloi- 
dende, ever Reinolt quam in den stal bi Beiart ind vant in bloiden. Do 
vrägede hei in, wer eme den laster hette gedäin. Do en sachte hei it 
eme neit gerne , want hei kante sine sinne wäil ; doch want hei it wis- 
sen woulde, do sacht hei eme alle dinc, we it gevaren was. Do hei 
dat höirt, wart hei enxtlichen zornich ind swoir, dat hei dat hoeft haven 
wuelde ind geins sins so kostlichen pant da z6 läissen. Do geinc Rei- 
nolt z6 sime vader ind- verzalt eme alle dinc ind sacht eme , dat hei 
mit alle sime volc zoege üis der stat van Paris, ind dat hei neit en 
sechte, um wat Sachen si üistrekden, up dat raen is in deme hove neit 
gewar en wurde, ind dat si Beiart mit üisleiden suelden. 

[f. 4^] Mer Reinolt ind Adelhart deden ire wäpen an , dar over 
deden si ire cleider ind geingen in den sal ind groiten Karl den keiser. 
Dar nä zoich hei üis sin swert ind slöich Lodewich dat hceft af, dat dat 
blöit Karl up sine cleider sprauc. Dar nä gaf hei Adelhart dat ho?ft in 
de haut ind sacht, dat in Lodewich eirlichen bezalt hette. Do rief Karl, 
dat men Reinolt halden suelde. Do slöigen si alle up Reinolt ind up 
Adelliart, ever si werden sich vrömlich ind bräichen mit gewalt durch 
de schäir, dat si moede wären, ee si quämen bi iren vader up dat velt, 
ind da warden si des keisers, de dar quam mit vil volks. Dö höif sich 
da ein gröis strit; ever Heimen wart sin ros under eme döit gestechen 
ind sins volks was vil erslagen, dar umb möist hei sich ^ gevangeu geven. 
Ind den drin braderen wöirden ouch ire peerde döit gestechen, ever 
Beiart künde üissermäissen wäil vechten: it beis mit sinen zenden ind 
zotrat mit den voessen allet dat bi it quam, so dat eme niemant gene- 
ken en dorste. Dö spracli Reinolt: ir heren, sitzet alle up Beiart, Dö 
nämen si ire sadcl ind lachten si up Beiart ind säissen dar up alle veir 
ind rieden van danne. Ever Heime ir vader ind vrauwe Aia, ir möder, 
möisten sweren, wä si ire kindere kregen, dat si si Karl senden suelden. 

1) Hs. : sich up geuangen. 



IIISTORIK VAN HKSr ItKlNOI/r 270 

Itid ulsö lies ineii si vri, waiit tlo ^onöisseii w;'iien irc niäif^c iinl liattcii 
si loif iiul wären is <(('t,iuisl, , <l;if, Lddcwii-Ii düit was, want lici iieit 
[f. 57 wise eil was. 

Wß Reiii(»ll ciiiit' licidciiM'lit'ii Koiiinr sin ImcK iil slojcli iiml) dat lici t'iui' 
sliicii sciiu/. iH'it wcdfi- u'c\('ii «-11 >>oiild*'. 

Als dit alsus was gescliiet, (juam Koiuolt mit siiien bra'deren zö 
l'irlaimiit ind verzalte in, wt- it in in V'rancrich gegangen hatte, ind we 
si Lodowich dat liuel't af hatten gcshigen. Als si dit hoirten , wüirden 
si alle sere bedioeft. Dar na geboit Keiuolt, dat men in ein soraere 
laden suclde mit goiildo van irs vaders goide. Dat nämen si mit sich 
ind zöiyen in llispänien bi einen iieidensehen koninc, de heiseli Satlbrete. 
Do hei si sach, bekant hei si bi irem wäpen, want ir vader de was 
aldä uiithalden gewest wäil seven jTiir. Dese koninc intfeinc si blide- 
lich, ind si hulpen eme in stride ind in orlich dach ind nacht. Ind iren 
schaz, den si mit sich brächten, gäven si deme koninc z6 verwären. 

Do si eme nü lange ind vil hatten gedeint ind hei in mit allen 
geine ere en bewiste, noch cleider noch zoult en gaf, do baden si in, dat 
hei in iren schaz weder geve, so wuelden si van eme scheiden. Des en 
woulde hei neit doiu ind versprach si ind sacht, hei wuelde si doin han- 
gen. Als dat Reinolt lioirte, wart hei sere zornich iud zöich sin swert 
üis ind slöich eme sin hueft af ind gaf it Adelhart in de hant ind sachte : 
wir willen it halden vur unsen schaz z6 pande. Do höif sich da ein 
grois [f. .'Vy strit . ind den drin broideren Avoirden ire peerde doit geste- 
chen. Do säisseu si alle up Beiart ind werden sich mit groisser craft, 
ee si durch de schären künden gebrechen, ind si wöirden sere gewont 
ind Beiart euch, nochtant dröich it si üis der noit. Do si nü ii-en vian- 
den untkomen wären , resden si sich ein wenich ind eiclich verbant deme 
anderen sine wenden. Do nämen si dat hueft ind satten it boven ir 
baneir ind Reinolt baut dar up de crone, ind vöirten it mit sich vur 
iren schaz. 

WS si quameu zu deine kor.iuc van Turriiscoiiieii ind w6 hei Reinolt sine 
docliter g-ai" z6 einre lulisfrauweu. 

Dar nä quam Keinolt mit sinen brcederen zö Tarrascönien zo deme 
koninc Ivo. Der intfeinc si mit groisser vrueden, want Safforete was 
sin meiste viaut iud hatte eme sinen vader ind sine zwene brcedere doit 
geslageu ind hatte eme ouch dri castele genomen in sime lande. lud 
•hei vrägede si, van wat geslechtes dat si weren. Do sachten si eme, si 
wereu Heimen kindere van Dordone. Do hei dat höii'te, ervruede hei 
sich noch nie, dat zö eme quämeu de besten van kristeuheit. lud si 



280 REIFFERSCHEID 

bleven bi enie irid Imlpeu eme siue laut weder in winuen , de eine geno- 
raen waren. 

Nu hatte der koninc Ivo eine einige docliter, geheiscben Claricia, 
de sere scböine was, dese gaf bei Eeinolt mit räide siure vursteu, iud 
den dirden deil van sime schätze gaf bei eme dar zö iud ein deil sius 
[f. 6] landes. Als dit alsus geschiet was , dede iieinolt vergaderen vil 
Volks steiumetzer, zimmerlüde iud ander meister iud dede machen ein 
üissermäissen scboin castiel of burcb, sere böige iud stark. lud hatte 
veir müiren rontumbgäin, also dat men is geins sius winneu en mochte, 
lud was gebouwet vau clären marmoreu steinen. lud Reiuolt gaf eme 
einen namen iud heisch it Moutalbäiu. Hie up woende Reinolt mit sinen 
broedereu ind mit siure ritterscbaf, waut de burcb was grois iud stark, 
also dat des gelicbs neit en was in alle deme lande. 

W6 sine TI)i*(Bdere ^evang-en ind verlöist woirden ind van anderen eventüren, 

de hei hatte. 

Hernä begerde bei sin moder z6 sein, want bei en hatte si bin- 
nen seven ^ jäiren neit gesein , waut bei en dorste ueit komen z6 Pirla- 
punt, da si woende, umb dat sin vader iud sin moder hatten geswören, 
dat si ire kindere Karl senden sueldeu, were it, dat si si krigen möch- 
ten. Mer so cleiten si sieb alle veir als pilgerün iud quämen zö Pirla- 
punt iud baden den porzeuer , dat bei de vrauwe beede , dat si si ber- 
brigen wuelde uinb irre kindere wille, dat in got zö söinen belpen 
mceste. Do si dat böirte, untfeinc si si gerne ind heisch in alle gemach 
andöin. Dar uä sachten si ire heimlichen, dat si ire kindere weren. 
Als si dat böirte, wart si sere blide, mer si vervöerte sere, dat men is 
neit [f. 6^J gewar eu würde. 

Docb woirden si da verspiet ind wart Karl zö wissen gedäin, dat 
si da wären. Do zöicb bei dar mit gröissem volc ind belacht si, ever 
de moder halp Reinolt heimlichen enwech, want Karl me verbolgen was 
up in , dan up alle de anderen. Dar nä gaf si den drinnen räit , dat si 
wullen ind barvöis deme koninc öitmöedenclicb zö vöis vielen ind bie- 
den genäde. Also deden si ind de möder viel eme oucb zö vöis ind bat 
vur ire kindere , ever it was dö ^ vergeves. Do leis bei si vangeu ind 
binden ind vöirt si mit sich in Vrancrich ind satte si in den kerker, iud 
sachte, dat bei si also lange wuelde halden gevangen, bis dat hei Rei- 
nolt krege, dan wuelde bei si alsamen döin hangen. 

Als dit alsus geschiet was, bedroefde bei sich, uml) dat siue broe- 
dere gevangen wären, ind kierde weder zö Moutalbäiu. Dar nä reit bei' 

1) Hs. : vii. 2) Hs. : zo. 



lIISTiiKIl.; VAN SKNT KKINOF/r 2^1 

iMÜ Hciiirt iiiiil<!r de ^;;i1j,m' iml wurdo, ol' si sine «»rn-ilcüc dar bii'-cliten, 
dut lioi in /ö liul|>('ii (|ur'iii('. lud van gmisscr drcidlicit iiid swäirlieit 
sins Iicr/en so wart hei släilVn, lud IJeiart goiiic da weiden ind geiiic 
insserwe<(e. Do quämeii dar gaiu xxv kneclit»; ind säj^<;n IJeiart <lä 
^äin. Do niacliden si einen reifen van gerden ind unibrin<fden it ind 
bräcliten it denie koniiK'. De uiitfeinc it mit groisser vrueden ind ^^af 
it Jv»*>lant, sime neven , dat liei Ueiiiült da mit twingen suelde. Mer 
overiiiit/ liulpo van Mala^ns, so kreich hei it weder. 

[f. 7] Dar na wart deme koninc »j^eräden , dat hei sine crone suelde 
läissen üisvoeren ind ricliten si up veir stachen ind gehieden durch alle 
sine hmt, (Uit mallich zo der crönen kernen suehle , ind wer si wunne, 
deme suelde si der koninc veirvalt weder Icesen mit röidem goulde. Ind 
dat ros, dat dat beste mach loufen, dat suelde hei geldeu ind geven it 
sime neven Ilolant , up dat liei Keinolt dar mit twingen suelde. Als dit 
der koninc hOirde, beliagede it cme wail ind gcbnit dit alsus zo geschien. 
Nochtant intfoerte hei, dat it Keinolt vernemen suelde. Dar umb geböit 
hei alle de porzen zo sliessen ind alle de wege zö besetzen ind geine 
vremde ritter in zo laissen. Nochtant verhengde it got overmitz hulpe 
van Malagis, de Eeinolt ind Beiart also verwandelde, dat men si neit 
en kante. Ind also quämen si under de schäre , ind Beiart was also snel 
van loufe ind quam eirst zo der crouen. Ind Keinolt wan de crone ind 
nam si mit sich ind de dürbar steine dede hei van der crönen ind satte 
si zö Montalbäin tuschen de zinnen in ein zeichen sinre victörien. Ind 
der koninc möiste eine ander crone weder döin machen. Ouch so verlöist 
Malagis sine broeder üis der gevencnis overmitz sinre kunst, ind brächte 
si weder zö Montalbäin. 

WS hei verrädeii >vart van sime swegerhereu uinb veir soiuer g'eladeu mit 

g-oulde. 

/"/". 7*7 Dar uä geveil it ever, dat Karl hof hilte mit vil heren ind 
vursten ind da was ouch Ivo, der koninc van Tarrascönien , Keinoltz 
swegerhere. Zö deseni geinc Karl ind bat in, dat hei eme Keinolt ind 
sine broedere overleverde, so wuelde hei eme geven veir somere geladen 
mit röidem goulde. Ivo vergas alle der truewen , de eme Keinolt gedäin 
hatte, ind wart verleit overmitz dat göit ind gelovede deme keiser, dat 
hei si eme leveren suelde in Valkalöne overmitz verrederie, als hei 
ouch dede. 

Alsus schiede hei van danne; ind der keiser sante Faukeu van 
Morliöne mit veir düseud ^ mannen zö Valkalöne, irre dö zö warden. 

1) Ks.: iiü". 



282 BEIFPERSCHEID 

lud Ivo der koninc zoich zo Montalbfiin bi Keinolt ind leis in verstäin 
in loislieit, we dat hei si versoint liette mit Karl. Ind sachte, dat hei 
alleine mit sinen brcederen trecken suelde z6 Valkalone, ind dat hei nie- 
mant van sime volke mit nemen eu suelde, noch Beiart noch geiureleie 
wäpen, mer si suelden riden up mülen van Arragone ind haven an clei- 
dere van scharlacheu ind in iren henden lilien ind blomen. 

Als hei dese rede höirte, en behagede si eme mit alneit, mer hei 
sachte, dat hei sich mit sinre hüisfrauwen wuelde beräden. Do de 
vrauwe dat hoirte, wederrede si it eme allet dat si mochte. Ever Rei- 
nolt hatte Iven in so groisser wirdicheit, dat hei neit en geloufte, dat 
hei eme sulche verrederie doin suelde, [f. 8] ind volchde sins rädes ind 
neit der vrauwe. Ever si was sere beanxtet ind rief Ritsart iren swä- 
ger heimlich ind gaf eme veir ^ swerde, dat hei de mit sich vcerte, dat 
is Reinolt neit en wüste : of si in einch noit quemen , dat si get bet- 
ten, da si sich mit werden. 

Alsus reden si intgäin Valkalone. Do si z6 Valkalone quämen, vun- 
den si da Fauken van Morlione mit vil volks, de dar gesant wären 
umb si zo vangen. Ind vernämen ouch, dat si Ivo verräden hatte umb 
veir^ somere geladen mit goulde. Do woirden si sere verveirt, umb dat 
si geine liulpe en hatten ind ouch ungewäpent wären. Do gaf Ritsart 
eiclichem sin swert in de haut ind satten sich sterklichen zer wer, eiclich 
vur den anderen ind griffen einen vrien möit, so dat si irre vil doit 
sloigen. Ind Reinolt sloich Fauken van Morlioin doit ind nam sin pert 
ind sine wäpen ind also dede ein eiclich van sinen broederen, ind wer- 
den sich mit alle irre craft; ever Writsart wart sere gewont, also dat 
hei in neit me gehelpen en künde ; ind Ritsart wart gevangen , mer Rei- 
nolt verloist in. 

Alsus streden si eine lange wile, mer want des volks allet me 
quam ind si sere moede wären, so vlouwen si up einen berch, da vil 
steine lägen, ind werden sich mit steinen ind wurpen zo doide man ind 
pert: ind mit der hulpen gotz ind ouch overmitz hulpe van Malagis, de 
eme zo hulpen quam mit vil [f. S^J volks. Ind also wunnen si den strit 
ind keirden weder zo Montalbäin. Ind de ander heren van Vrancrich, 
de over hieven wären, keirden weder zo Paris ind sachten Karl, we it 
zo Valkalone ergangen was. 

Do wäinde Rolant, dat Ive Reinolt nä hulpe gedäin hette, ind 
zoich mit den zwelf ^ genoissen in sin laut ind veinge in ind woulde in 
hangen. Als Reinoltz vrauwe dat vernam, wart si bedroeft, want it ir 
vader was. Do hatte si ein deine söngen , geheischen Adelhart , dat nam 

1) Hs.: üii. 2) Hs.: iiii. 3) IIs.: xii. 



IIISTOniK VAN 8KNT RKINOI.T 28^ 

Hl 1)1 der hiini iiid quam ul\vc'iiioiul(3 vur Iiciimll. Du hei dat hucIi, wart 
lici l)cvv»i«,'et ind zöicli iiit^'aiii Uolaiit, iiid iiaiii in ciiio mit ^ewalt. 

Dar na over eine kurto zit was KiLsart uis«^c'rL'deii jaj,'en mit Mala- 
«(is, ind Kulant quam cme zo gemöete ind vcinc in ind brachte in Karl, 
dat hei mit eme dede, wat liei wuelde. Ind want in nicmant van den 
«(enöisson hangen en woulde, sO Icverde hei in eime hOren, geheischen 
Kipo van Kipermont, dat hol in liangen suelde. Mer Keiuolt quam dar 
ind verloiste sinen hröiilcr ind hcinc den lu'ren van Hipermunt an den 
galgen. Alsus dede Rcinult dem keiser vil hOimüides, ind in allen din- 
gen wan hei pris, alsus dat der keiser sachte: ich were liever ein arme 
man, dan dat midi Keinolt sus sal verwinnen in allen dingen. 

Wß Karl flloiitalbftin belacht iud wS Reinolt sOiiie kreicli ind wo lieiait 

verdrenkt wart. 

[f.!)J Dar na zoicli Karl uis mit vunfzcin dusent * mannen, ain de 
gcne, de noch na quamen , ind belacht Montalbain an allen enden al umb 
ind umb ind verstüirde ind verherde Reinoltz laut. Als hei dat sach, 
satte hei sich sterklich zer wer mit sime volc, want hei hatte stietz bi 
sich vunfzein liondert ^ gewäp'ender man. Ind Ivo, der koninc van Tar- 
rascouien, saute eme xx hondert,^ ind Malagis brächte eme vunf hondert.^ 

Der keiser umbsatto Montalbain mit magnelen, tribuckeu, catten, 
sogen ind ander gewer, mer hei en künde is geins sins gewinnen, want 
it was sere starc ind unwinlich iud hatte zwei pär müiren umbgäin. 
Alsus lach der keiser dar vur wäil vii jäir, ouch wart binnen deu 
vii jäireu mench stürm dar vur gehalden, also dat deme koninc vil 
gröisser heren ind vursten wOirden verslagen ind vil volks, want Reinolt 
ind sine broedere wären so wäil gemaneirt z6 striden , ind Beiart beiss 
mit den zenden ind trat ind sloich mit deu voessen alle dat bi it quam. 
Mer si hatten also groissen honger, de dar biunen wären, dat si ire 
peerde meisten essen. Do woirden si zö räide, dat si alle veir säissen 
np Beiart ind reden heimlichen van daune. Ever der keiser wart des 
gewar ind jagede in nä bis in den walt van Ardäu. lud da belacht hei 
si up eime slos, dat ouch Reinoltz was. 

Do quam dar Reinoltz moder, vrauwe Aia van Pirlapunt, ind \iel 
deme keiser irem broder z6 voisse mit driu koninkingeu ind mit drin 
greven. Ind des keisers hoechste heren h-d[f.9^J den alle vur Reiuolt. 
Do sprach der keiser : ee si mine vruntschaf erkilgen , so wil ich haven 
Beiart , de s6 wäil kau striden , minen willen da mit z6 doin. Als Rei- 
nolt dat höirt, wart hei besweirt vau herzen, want hei dat res sere lief 

1) Hs.: xv">. 2) m.: xv^ 3) Es.: xx^ 4) Hs.: V. 

ZEITSCHK. P. DEUTSCHE PHILOLOGIE. V. BD. 19 



284 REIPFRRSCHEID 

hatte; mer want de zit nä bi was, dat hei z6 hantz overmitz de geuäde 
gotz ein ander man werden soulde, so geinc hei van deme slosse ind 
gaf deme keiser Beiart in sine hant, intgrdn sinre brcedere wille. Do 
leis eme der keiser einen mullenstein an den hals binden ind leis it 
werpen in ein reveir. Mer it sloich den stein z6 stucken ind ran üis 
deme reveir. Do moiste it Reinolt wederumb vangen. Do leis eme der 
keiser einen mullenstein binden an eiclichen vois ind leis it ever werpen 
in dat reveir. Ever it sloich mit vffissen ind zobrach de steine ind 
leif üis deme reveir. Ever Keinolt de veinc it weder ind gaf it deme 
keiser ind sacht: nemet nü Beiart dirdewerf, intgeit it nü weder, ich 
en vangens uch nummerme! 

Do sacht Karl: Keinolt, ir en moget sinre neit sein, ir moist uch 
umb kieren, dat uch ßeiart neit en sie, hei en versinkt anders num- 
merme. Do moiste Eeinolt sweren vur alle den heren, dat hei nä Bei- 
art neit sein en suelde. Do lies eme Karl binden zwein mulensteine an 
eiclichen vois ind einen an den hals ind also werpen in dat reveir. Ind 
also sanc it do z6 gründe ind Eeinolt veil in nnmacht. Dar nä stoint 
hei up ind geinc alleine durch den [f. 10] husch ind swoir, dat hei 
nummer pert bescriden ^ en suelde noch swert gurden an sine side, noch 
spoeren an sine voesse, ind euch dat hei nummer kristeu minschen ver- 
släin en suelde. Ind also keirde hei weder z6 Montalbäin. 

We Reinolt schiede van sture hüisfrauwen ind van stneu kinderen, ind we liei 

in de wcestenie geinc. 

Als Eeinolt weder komen was z6 Montalbäin, verzalt hei sinre 
hüisfrauwen , we dat de soene mit Karl gescheit was, ind dat Beiart 
verdreukt were. Do wart si bedrceft, umb dat Beiart döit was, ind was 
ouch vroe, umb dat si versoent wären. Do leis Eeinolt alle sine kindere 
vur sich komen, ind sinen eisten son, geheischen Emerich, den sloich 
hei ritter ind gaf eme den casteel Montalbäin ind sin swert ind machde 
in here van deme lande. Ind sinen anderen kinderen deilte hei sin goit 
ind gaf in marke ind bürge ind ander groisse lene. Dar nä kusde hei 
sine hüisfrauwe ind sine kindere mit groisser besweirnisse sins herzen. 

Ind des selven nachtes dede hei üis sine kostliche cleidere ind dede 
an einen snoeden roc ind geinc van deme casteel Montalbäin ind leis 
achter ^ laut ind lüde , goult ind silver ind allet dat hei hatte ind de 
ganze werelt, sine hüisfrauwe, sine kindere, sine alderen, sine brcedere, 
also dat hei niemant van in allen dar nä en gesach, üisgenomen sinen 
son Emerich. Ever si wären [f. 10""] üisser mäissen sere bedrocft, dat 

1) IIa. : bestryden. 2) Hs. : achten. 



IltSToIUR VAN SUNT IIKINOI.T 2-^;'» 

si in vcrloit'ii li:il,lcti iinl süiditcn tii alle wci,'«' iml cn kiiinloji siiirc iioit 
viiidfMi. 

[\u\ Koiiiolt i;viiio;(. (los iijichtcs in «Icnic manon scliin«' durcli de 
wa'stonio, (hl, vant lici ciiKMi licrniiicii, dci- cii liatic Itiimoii xv Jfiiren 
nio niiuschcn gi'soiii. Zö dome <^'oiiic Ueinolt ind vcr/alte emo sineii 
stäit iiul bichtc allo sine sundeii , de hei van kinde up geddin liatto, 
mit «jfroissem riiewen. Do riedo eme der lierniite, dat hei da bh've in 
der wa3stoiiien ind dede sin hcnide üis ind sine schoene ind eisse sptse 
jrelich den hiesten, ouch leirde hei in, we hei got anbeden suelde. 

Siis bleif hei da dri jfiir lanc ind en as neit dan worzelen ind kruit 
ind dranc wasser. Hei geinc bkns hiiefdes ind blöisser va3sse ind lach 
up der hloisser erden ind leit gröissen kummer van hagel, van snee, 
van liizden, van kolden ind grois armoede willenclich umb de minne 
gotz. Zu domo leston wart hei also iinderkomon van deme live ind also 
sore verkronkt van der gnMssor ungewoeiiheit, want hei in alre weelden 
ind gencBgeden nä der worolt louf geleeft hatte ind nü z6 s6 groisser 
armoede ind ellendicheit gokonion Avas, so dat hei is van swacheit sinre 
natüren neit lauger lidou eu mochte, ind geinc zö deme hermiten ind 
clagede eme sine noit. 

>V? der eiisrel deine lieriniten oHonMlrde, [f. 11] dat Reinolt trecken suelde 

zo Jlieriisaleni. 

Als Reinolt alsus in desom gröissen kummer wns, so quam ein 
eiigcl zo deme hermiten ind sachte eme , dat lioi Reinolt zo wissen dedc, 
dat hei trecken suelde zo Jherusalem ^ ind helpen dat hilge laut weder 
winneu ind brengen in der cristeu band. Als hei dit hoirte, sachte hei 
eme, we dat hei verlovet hotte nummer pert zö bescriden ^ noch swert 
au sine side zö gurdeu uoch spöreu au sine voesse, dar umb eu möchte 
hei neit dar trecken. Do sachte hei eme, hei möchte wäil harnersch ind 
ander wapen haven, stocke, peeken ind der gelich. 

Alsus geiuc hei üis der woestenieu ind geinc durch Ungeren ind 
vort in dat laut van Slavönien iud quam in de haven van Tripen. Do 
quam dar de mere, dat Caberien belacht were ind Akers were in sor- 
gen. Dö santen si in hulpe zö peerde ind ouch zö vöisse. Ind Reinolt 
lief zo vöisse mit den anderen. Dit was weirlichen de verwandelinge 
der rechter haut gotz , want der gene , de dat vernöemste was under allen 
jyursten, de was nü unbekant, ind de dat beste ros plach zö riden, dat 
!:le werelt binnen hatte, de geinc uü öitmöedeuclich zö vöisse mit den 

1) Hs.: ilu-rm so immer. 2) Hs.: bestryden, von späterer hand am rande: 
»estygen. 

19* 



286 KKIFFKR SCHEID 

anderen knechten, lud hei zoich einen pnümboum üis der erden ind 
niachde in bequeme 7,6 dragen, da mit woulde hei sich weren. Alsus 
quämen si vur Jherusalem ind Reinolt sloich vil [f. IV'] heideu z6 doide 
mit sime stave. Ind want de beiden vil hatten gehoirt van Reinolt ind 
van sinen werken, de hei vurzides gedäiu hatte, so spräicheu si: Reinolt 
ist verresen. 

In der selver zit do was Malagis, da vur af gesacht is, in der 
woestenien ind hatte gode gedeint in groisser abstinencien dri ^ jäir lanc. 
Do quam z6 eme eine stimme van deme hemel, de sacht, dat hei trecken 
suelde z6 Jherusalem ind helpen dat hilge laut weder winnen. Ouch 
sachte si eme, dat hei Reinolt sinen ueven dar vinden suelde. Do wart 
hei sere Wide ind geinc snellichen darwart. lud do si bi ein quämen, 
urabveingen si sich mit vrueden, ind mallich verzalt deme andere sinen 
stäit. Dar nä zoigen si vort z6 deme stride mit den kristen, de da 
wären , ind si behielten den pris ind sloigen vil beiden doit. Ever Mala- 
gis wart geschossen mit eime quadrele durch sine hurst, also dat hei 
neder veil van deme peerde up de erde. Do gesäinde hei Reinolt ind 
beval gode sine sele ind voir z6 deme ewigen leven. 

Alsus lägen si ein ganz jäir vur Jherusalem ind Reinolt sloich dri^ 
soldäne doit ind wan de stat ind brächte alle dat laut in der cristen 
haut. Ind si woulden in krauen als einen bereu, do dat laut gewonnen 
hatte, mer hei en woulde is neit gehengen noch begerde geine zitliche 
ere, mer hei begerde de zit sins levens zö bliven in armoede ind in unbe- 
kantheit, ind also schiede hei van [f. 12] Jherusalem. Ind si geleiten 
in eirlichen z6 schiffe ind boiden eme vil goitz, goult, silver ind men- 
cherhande zeirheit, mer hei en begerde neit me, dan da hei mit zo 
lande möchte komen, ind also vöiren si veirzich ^ dage ind veirzich ^ 
nachte ind quämen z6 Marsilien. 

WS Reinolt weder quam z6 Paris ind van Karl eirlichen iutfaugen wart. 

Do hei z6 Marsilien quam, do hoirt hei da nuewe miere, we dat 
Karl der keiser einen karap up genomen hette intgäin Reinoltz son, 
Emerich. Ind dat was alsus zö komen. Do Reinolt mit deme keiser 
versöint was ind Beiart verdrenkt was, so jämerde Karl sere, dat Rei- 
nolt so droeflichen van eme schiede ind sine erven also leis. Do unt- 
böit hei Emerich, dat hei zö eme queme, ind gaf eme zö leene allet dat 
sin vader gehat hatte, ind vöirte in mit sich in Vrancrich ind hielte in 
bi sich in groisser eren. Do dat sägen des keisers riede, dat verreder 
wären, de selven, de ouch Lodewich den räit gäven, dat hei mit Adel- 

1) Hs.: iü. 2) Hs.: xl. 



IIISTÖIIIB VAN HKNT UKINOI.T 287 

liiiil, s]t('leii siu^Mt' uiiil» sin liuuft, da vil uuj^'olucks van quam, so beni- 
(It'M si dat, chit Kiiii'ricli siis vui'^av,(»;^aMi wart van dem«' koiser, ind sloi- 
^'LMi v.'uwn valschen l(i'<;ciialligt'n läit iiid sachten, dat hei ^'csworen hette, 
dat hei sinen vador ind sine a'nien, sins vader bid-deit!, ind Heiart, den 
liei «^eliat su(dde haven , noch wrechcn suelde: des hei doch nie gedädit 
en Iiattcf. Umb deser Sachen willen was der kanip up <,M!nonien. Do 
Iveinonlt dat [f.l^^'J vernam, wart he sere besweirt van heizen ind zoich 
zo Paris ind quam bi keiser Karl sinen cemen als ein arme [lil^erim. 
Ind der keiser vragede in, of hei einche nuewe mere wiste van over 
meer. Do sachte hei, we hei da gewest were ind dat si groisse huli)e 
gehat hetten van zwen mannen. Do vragede der keiser, wer si weren. 
Do sprach hei, it was Reinolt ind Malagis, ever Malagis wart da doit 
geschossen. Do vragede hei, of hei neit en wiste, wä Keinolt wx*re. Hei 
antworde : hei steit hie vur ucli als ein aiine man. Als hei dat höirte, 
zo hantz umbveinc hei in ind intfeinge in )nit gröisser vrueden. Ind 
alle de genöissen ervrueden sich ind boven al Enierich sin son, ever de 
verreder bedra3fden sich. Der keiser lies in kostlichen cleiden ind dede 
eme vil zo gemache. 

Do vragede hei sinen son, wä Heime, sin vader, were ind sine 
brcedere. Do sachte hei: si sa^kent uch alle ind häint gesworen, dat si 
neit weder komen en willen, si en haven uch vuuden. Als hei dat hoirte, 
wart hei sere schriende ind sin son verzalto eme de sache, war umb hei 
den kanip up genomeu hatte. Do sachte hei: vil lieve kint, en voerte 
dich neit, want got is bereit zo helpen den rechtverdigen , de in in hof- 
fen. Sus bleif Reinolt da . bis dat de zit quam , dat men den camp hal- 
den soulde. Do gaf got Emerich de victorie, dat hei den camp wan 
ind slöich den anderen doit, dat ein [f. IS] stark, stridebar man was, 
ind Emerich Avas ein kint van xv jairen. 

Do veil Reinolt, de hilge man, up sine kuee ind dankde gode van 
der ereu, dat sin kint den kamp gewonnen hatte. Do dede Karl den 
doiden sleifen an den galgeu, ind dede de verreder van sime raide ind 
alle ir gesiechte. Ind Emerich keirde weder mit deme keiser zo Paris. 
Ind hei besserde eme sine leene iud gaf eme bürge ind ander goede ind 
heilte in bi sich in gröisser eren. 

\^fe hei van Karl schiede ind z6 Collen quam. 

Her nä gedächte Reiiiolt, we hei sin leven vort an möchte leiden 
nä gotz willen. Ind want de gotliche leifde braute in sime herzen, so 
leis hei den keiser sinen cemen ind sinen son ind alle de werelt ind dede 
nis sine costliche cleidere ind cleite sich mit snaxlen cleideren ind geinc 
des nachtes heimlich nis deme palläis ind quam in ein vremt laut, da 



288 EELFFERSCHEID 

in niemaut eu kante. Nu lioirt hei sagen van der hilger stat Collen — 
de da ist eine hueftstat alle des landes van Germanien — we dat dar 
vil hilger lichame ind grois hütum imie were. So quam hei dar, umb 
z6 versceken alle de menchveldige hilge stede. Sus bleif hei z6 Collen 
ind geinc in sent Peters cloister ind dede ein geistlich cleit an ind gaf 
sich over umb de liefde gotz, deme da z6 dienen is reg /"/Ü5'7 nieren. 

In desem cloister levede hei so hillenclich, dat got vil miräkel 
durch in dede binnen sime leven, Want hei gaf den lamen dat gäin, 
den douven dat beeren , de blint geboren wären , gaf hei dat gesiebt. 
Ouch zuichden vil minschen,^ de it hatten gesein, dat got overmitz sin 
gebet einen doiden erweckde ind gaf in levendich sinre moder weder, de 
da sere schree. Hei machde ouch gesunt ein kint, dat zö eme gedra- 
gen wart, dat vil jäir dat kalde geleden hatte. Dat wart des selven 
dages gesunt ind geinc weder heim got lovende. Hei verdreif ouch de 
boäse geiste van den besessen minschen. It geveil, dat dat volke der 
niester provincien kranc wart van der pestilencien ind woulden liever 
sterven van eime snellen doide, dan alzit gepiniget z6 werden van einre 
ungesunder suichden. Do si vernämen dat geruich des hilgen maus Rei- 
noldus , santen si zo eme eirsame manne z6 bidden gesuutheit iren licha- 
men. Do si z6 eme quämen , vielen si vur sine vcesse ind baden in mit 
tränen, dat hei got wuelde bidden,. dat dat volc erloist würde van der 
feninder suichden. Do veil hei neder innenclich in sin gebet ind bat 
got vur dat volc. Unse lieve here erhoirte sin gebet ind verlöiste alle 
dat volc van der swäirre suichden der pestilencien. Ind si dankden gode 
ind alle jäir loveden ind groismachden si den hilgen man Eeinoldum, 
ind verkundichden [f. 14] durch alle de werelt sine duichden ind Wun- 
derwerke, de got durch in gewirkt hält. Alle dese miräkel wirkde got 
durch in in sime leven. 

W6 liei g-edoedet wart vau den steiumetzereu iud in ein wasser g-eworpen. 

In den zideu so regierde de hilge buschof Agilolphus dat buschdum 
z6 Collen, de da was ein man van groisser hillicheit ind iunferlicher 
reinicheit iud van wisem räide, Avant van sinre wisheit wöirden geregeirt 
alle de Sachen des landes van Gallien, want hei was ein vursorger des 
keisers Karoli. Deser begunte z6 bouwen de Idrche sent Peters binnen 
Collen, ind men geboit achterlande allen steinraetzeren ind zimmerliulen, 
so wer gelt verdienen wuelde, de suelde z6 Collen komen. Also quam 
dar vil volks z6 deme nuewen werke, also wart der hilge man gemaclit 
ein meister ind regeire der werklüde ind dat hei ein overgesichte up si 

1) Hs.: raynscMen. 



IIISTÜltlK VAN Kl'.NT IIKINOI.T 2><9 

lia\(Mi siiltle. Dit dr-di^ hei jj^ctriK-wclicli iiul ^^al' sich sflver zo werke 
iiul (ir-ile nie werks uUeiiie, ilaii iler iiiulene veir of vunfe. Ind als de 
anderen «(eiligen essen of slailen, so drOicli hei steine, niorter ind der 
golicli. Ind al dedo hei sus groissen arbeit, hei en as nochtant neit dan 
eins des dages ein gerstenbröit iiid drauc wasser ind en woulde euch 
neit me loins haven, dan des dages einen penninc. Du vrageden si in, 
we hei heische ind wanne hei were. Des [f. 7 f'J en woulde hei neit 
sagen; do hioscheii si in seilt Tcters werkman. 

De nieister verwissen den anderen knechten, dat si sü lucwelich 
wirkden ind so vil geldes nänien, ind dat deser so gröissen arheit dede 
ind en nani neit me dan des dages einen penninc. Her umb wnirden si 
in so srMo hassen ind beiiiden ind hatten rnencherleie räit, we si sinre 
quit möchten werden. Nu hatte der hilge man eine gewoenheit, dat hei 
alle de kirchen binnen der stat Collen plach z6 visentieren, sin afläis z6 
holen ind sin gebet z6 sprechen ind undeiwegen sine almissen z6 geven 
den armen, de sinre beiten. Dit bekanten sine gesellen wfiil ind mach- 
den einen räit, we dat si up in wuelden warden. Ind in heimlichen 
dceden, als si oucli deden. 

Desen räit bekante der hilge vrunt gotz in deme geiste ind begunte 
zo loufen zö den pinen , recht of hei geladen were zo den wäillusten , iud 
off'erde sich den itloerderen als sinen vrunden, up dat hei möchte ver- 
dienen ein merteler up zö stigen zö den hemelen. Ind als si in sägen, 
vielen si wreitlichon in in ind slöigen enie mit iren hemereu sine hilge 
hueft inzAvei, also dat sine hirnen üisleifeu. Dese zeichen der wenden 
zeunet men noch zö Dorpmunde in sime hilgen huefde. Dar nä stäichen 
si in in einen sac ind voulten den [f. 15] mit steinen ind wuipeu in in 
ein wasser, nä bi deme Eine, up dat ire misdät verborgen bleve. Ever 
de sele des hilgen mcrtelers wart van den engelen mit gröissem love- 
sange gevöirt in den hemel. 

Der alre hillichste merteler sent Keinolt wart geda^det in den jäi- 
ren uns heren , dö men schreif umbtriut echt hondert iud zein ^ des veii*- 
ten ^ dages in deme Mei, ind wart gedaxlet zö Collen, in der hilger stat, 
up deme sehen pläin, da nü sine capelle steit, de gebouwet is zö der 
eren sins namen ind sius dürbären blöides, dat hei da verstürt, da euch 
gröis atiäis is zö verdienen , gegeven van deme stöil van Körne , des 
niesten dages nä drüzeiu dach als man sin högezit virt. 

We dat lichani sent Reiuoltz des hilgeu uiertelers vonden wart. 

Als hei alsus verborgen lach in deme wasser, so höirten summi- 
geu, de des wirdich wären, bovcn deme wasser süssen sanc van hemel- 

1) Hs.: viii'^ Lud s. 2) Hs.: iiii. 



290 RErPFERSCHEID 

scher melodien, ouch sagen si des nachtes groisse cliiirlieit schinen, 
recht als de sunne in deme middage. Ever nä dorne doide des liilgen 
mertelers geboit der overste des cloisters, da hei inue gewest Avas, dat 
men den licham irs broiders over al scekeu suelde. Simder dö si in 
lange gesöichten durch den umbriuc der werelt, so en mnden si is neit. 
Mer [f. 15''] der here, deme der eirweirdige merteler lovelichen gedeint 
hatte, der en woulde neit langer verborgen läissen sin den licham des 
mertelers, ind we hei in leif hält gehat, dat bewist hei overmitz mirä- 
kel, de her nä volgen. 

It geviel, dat z6 der selver zit eine riebe vrauwe was binnen Col- 
len, de vil jäire hatte kraue gelegen, der gein arzeter en gelovede hof- 
fen der gesuntheit, it en were, dat si got gesunt raachde. Der vrauweu 
begunt also de groissen wewen zö drucken in eiure nacht, dat si des 
doides begerde. Nä der middernacht, dö si sere was vermoedet, wart si 
besweirt mit släife. Ind in dem selveu släife erschein ire ein alre cläir- 
ste man ind sachte ire: ganc z6 deme wasser, in wilch der hilge mer- 
teler sent Reinolt is in geworpeu, der van den steinmetzeren is gedce- 
det , da saltu gesunt werden. Do de vrauwe iutwachende wart , gedächte 
si, wat si gesein hatte. Des morgens verzalte si it iren vrunden. Ire 
vrunde leissen si dragen z6 der stäit, de si gewist was, up dat si gesunt 
möchte werden durch dat verdeinst des eirweirdigen mertelers sent Rei- 
noltz. Do si dar gedrageu was, erschein der sac, da der hilge licham 
inne was, in der hcechdeu des wassers swimmende. Alzohautz als de 
vrauwe des saks gewar wart, stöint si stark [f. 16] ind gesunt up van 
deme bedde der krankheit. 

Da geschach ein wunderlich miräkel. So balde der hilge licham 
gezogen was üis deme wasser , so hoven alle de docken an ind luiten in 
allen kirchen, de binnen der stat Collen wären sonder trecken einichs 
minschen , alleine van der craft gotz , z6 eren deme hilgen merteler sent 
ßeinolt. Do quam dar der buschof van Collen mit den oversten der 
stat, mit den preläten ind vil volks. Ind do der licham üis deme sacke 
gezogen Avas, bekanteu si an sinen cleideren, dat it der gene was, 
den si plagen z6 heischen sent Peters werkman. Do deden si eme 
sine cleidere üis ind sägen , dat hei umb sinen bloissen licham einen 
kostlichen gülden gurdel, der grois goit wert was, dar an heinc ein 
segel van püirem goulde sere swäir von gewichte. Do nam der buschof 
dat segel in de haut ind begunte z6 lesen ind dar stoindc alsus geschre- 
ven: Eeinolt, herzoch van Montalbäin, greve van Merwaldäin. Do der 
buschof hoirte ind bekante, wer bei was, wart hei sich verwonderen, dat 
sich so groissen edelen vurste z6 so armen oitmoedigen leven vernedert 
hatte, ind bedra'fdo sich, dat so hilgen man so jemerlichen gedoedet was. 



mSTÖRlK VAN SKNT HKINOI.T 21»! 

Diir iiä iiäiiicii si ilm liil^foii licliiim iinl hulilrn in m» de bfiir, uj» wil- 
cluT de kninkc viaiiwc dar [,'('dra«j;eii was, iiid ileckdeii in mit sideii doi- 
cliereii. //". /'''/ lud de viaiiwe, de {,'esunt was worden, lialp den liil- 
rrcw licluim drageii mit den dregeren zu dcme clüister, dar sicli der liilge 
man in gegeven hatte, da z6 der selver zit ein möneh, de gestorven 
was, overmitz verdeinst des liilgon mertelers sent lleinoltz uiierwcekt 
wart van deme doide. Dese vindinge is gescheit des dridden dages des 
maiüdes Seitteml)ris. 

Wo seilt Koiiiollz lieliaiii /<> Dorjuuuiulo is komcii. 

In den selven ziden wären de van Dorpmunde nue\ve hekiert m 
dcme cristen sjelouven , ind als si hoirteii de nuowe mere ind de miräkel 
des alren lüllichsten mertoleis sent lleinoltz, so (luameii si zö Collen zö 
deme ertschenltuscliof. Ind w'ant dar so vil hiltums ind hilger liehara 
in der stat was ind si mit al neit en hatten, so häden si den buschof 
oitmoedenclichen , dat hei in einen licham geven wuelde, up dat dat 
lant de eirweirdigcr were ind euch de sicherre van den vianden. Ind 
begerdou, dat hei in ein lit of get geve van sent Keinolt, deme hilgen 
merteler, ind sachten, dat si eine kirehe wiielden machen in sine ere. 
Der buschof en woulde is neit doin , mer hei woulde in ganz da behalden, 
ever hei rief zo samen de clerkschaf der stat lud vrägede , wat hilges hei 
geven möchte den van Dorpmmide. Do si lange zwivelden, wen si dar 
senden suelden, do he[f.l7j\\'Ute der here overmitz miräkel, dat sent 
Keinolt in z6 senden werc, want der sarke, dar dat hilge licham inne 
lach, stoint vur der kirchen ind zouiite, dat hei nutze suelde sin deme 
Volke, dat nuewe bekiert was. Nochtant zwivelde dat Miiule genuede 
der minschen, Avat si doin suelden, ind den der here otVeiibäirlichen ver- 
zouut z6 senden, den drogen si wederumb in de kirehe, Dit geschach 
drimäil nä ein ander. Z6 deme lesten dede unse here up de ougen irs 
herzen ind bekanten offenbäirlicheu , dat hei der geue was, der zo sen- 
den were, gesunt zo machen dat volke. 

Her umb quämen zo samen de päfschaf mit alle deme volke ind 
uäuien den licham des alren hillichsten mertelers Keiuoldus ind lachten 
in eirweirdenclichen in eine zeirliche kasse ind satten in up eine kare 
umb en wach zo voeren. So geschach ein wunderlich miräkel: zö hantz 
keirde sich de kare umb , ee si de peerde an spieuen , ind begunte sere 
zo loufen sonder iemans hulpe den rechten wech zö Dorpmonde wart. 
Der buschof van Collen volgode nä mit processien ind eine gi'öisse schar 
Volks üis der stat Collen bi dri düseut mit unzclligem lovesange dri 
mileu weges zö eren deme hilgen licham ind kierden weder. Ever de 
kare lief vort mit deme licham zö Dorpmonde in de stat ind bleif stain 



292 KEIFPERSCHEID 

up der selver stede, dar [f. 17^] nü eine sere sclioine kirche gebouwet is 
in sine ere, in wilcher hei rastet: ind is ein patrone ind beschirmer alle 
des landes, als men offeubäirliclien gesein hält, dat hei stöinde up der 
müiren van der stat ind beschirmde si van den vianden, de si belegen 
hatten. Vil ander wonderwerke ind miräkel hält got gewirkt durch in, 
Dese overvceringe is gescheit des sevenden dages in Jäuuäriö, dat is des 
eii'öten dages nä druizein dach. 

WS hei canoniceirt Mart van deme päise Leo overmitz bede keiser Karls 

sius cemen. 

Her nä untböit der buschof van Collen deme keiser Carolö, dat sin 
neve Keinoldus van Montalbäin dar gedoedet were heimlich van den stein- 
metzeren ind we sin licham overmitz miräkel gevonden were. Als der 
keiser dat hoirte, wart hei sere zornich ind woulde Collen belegen, want 
Reinoldus sin neve in der stat gedadet was. Mer do hei hoirte, dat 
hei mit so vil miräkulen schinende was ind de stat euch mit allen geine 
schoult an sime doide en hatte, so heische hei eme over leveren de 
misdedigen, de in zo unrecht gedoedet hatten, ind leis si alle in dat 
Wasser werpen ind verdrenken. 

Her nä sante der keiser z6 Eome einen ertschenbuschof , geheischen 
Ebroneus , de ouch sin bichter was , z6 deme päis Leo deme veirden, 
dat hei eme seulde verzellen de [f. 18] hillicheit sins neven Eeinoldus 
ind ouch de miräkel, de got durch in gewirkt hatte, ind dat in der päis 
seulde canoniceren ind verheven, als hei weirdich were. Als der päis 
dat hoirte , dede hei des keisers bede ind verhoif in mit groisser eirweir- 
dicheit ind schreif sinen namen in dat boich der hilgen. Ever up de 
selve zit, dO hei canoniceirt wart, so veil ein vüir van deme hemel up 
dat licham des hilgen mertelers sent Reinoltz in ein zeichen sinre grois- 
ser hillicheit iud ein hemelsch gezuichenisse. Da mit wart bewist, dat 
it der wille gotz was, dat hei, der in deme hemel glorificeirt was, ouch^ 
in der erden verhaven ind geeirt soulde werden. 

Unse lieve here hält etzliclie hilge begävet mit genäden, also dat 
hei in macht liäit gegeven sumniige krankheiden zo genesen, als den 
veir raarschalken ind ouch etzlichen anderen hilgen. Des gelichs hält 
der almechtige got ouch desen hilgen merteler sent Keinolt groeslichen 
geeirt , also dat hei eme gewalt gegeven liäit etzliche gröisse SAväir krank- 
heiden zö genesen. 

Z6 deme eirsteu over de pestilencie, de in desen landen sere reg- 
neirende is, want unse lieve here hält binnen sime leven overmitz sin 
gebet eine ganze lantschaf verloist van der pestilencien , de in oitmoe- 

1) Hs.: bewyst dat hei der in deme hemel glorificeirt wiis. dat it der wille 
gotz was dat hei ouch 



i 



mSTOJUK VAN SKNT «KINOLT 



i.".t.J 



(lenclicli bfidcii [f. 18''] umb liuli)0, iinl want lioi dat van f,'ode nioclit 
orwervuii, dd hui iiuch was up deser erden, wc vil mc vermach hei 
nü van gr>do verkri^^en, da liei bi oino is regneirendo Id deine heinel? 
Dar umb sal mi'ii in suiiderlich Oreii ind anroifeu vur de groisse krenkde 
der pestilencien. 

Zo dem /weiden häit hei macht gesunt z6 raaclien, de dar gichtig 
sint, wilblie krankheit den minschen underwilen berouvet der gewalt alle 
stnrc geloder, so dat hei sicli geru-ren noch gewegen en kan sonder 
grOisse pine. Van desor kranklieit hüit hei gesunt gemacht eine vrauwe, 
der geiu arzeder helpen en mocht. De wart gesunt overmit sin verdeiust. 

Z6 deme dirden over de üssetzicheit ind quaiden phic, wonden ind 
flecken in deme lichani zo genesen. Da, de gene, de mit alsulchden 
krenkden bevanden sint, groisse siricheit ind piue van binnen ind van 
büissen haven: desen macli hei zo hulpen komen, is, dat si genäde an 
eme socken ind begeren. 

Zo deme veirden over de krankheit, de dfir heisclit de vallende 
suichde, de zumzit also stark is, dat si de Ifiide ueder z6 der erden 
wirpt recht of si doit weren. 

Zo deme vunfdeu over de, de apostcmcn ind geswere häint in der 
kcelen ind neit in genemen en kunneii, dö dickwile de lüide van ster- 
lf.l9]\en binnen xxiiii ören, is it, dat men in neit in zide zo hulpen 
eu kuimpt. 

Zo deme seisden over de, de gebrech haint in den liirnen, als de 
wrinsiuuicli sint of dol of rasende ind heischen frenetici. 

Zo deme sevenden over dat febris, Avilche eine sere gemeine 
krende is. Zo deme echden ^ over de besessen minschen, de gepiniget 
ind gequelt werden van den bceseu geisteu, de zo reinigen ind zo ver- 
lo3seu overmitz sin verdeinst, ouch de lamen ind de blinden gesunt zo 
machen, is it, dat si in iunenclichen anroifen, bei mach in allen zo 
hulpen komen in iren uanlen. Ouch mach hei uns zo hulpen komen in 
üiswendigen' nanleii ind perikulen ind verkesen uns van krcge ind orlich 
ind van den sichtlichen vianden. Als dickwile geschiet is in der stat zo 
Dorpmonde, dar sin liilge licham rastet, dat de stat belacht was van 
iren vianden, dat si in sichtlichen, sagen stain up der müireu van der 
stat ind beschirmde ind verlöist si van allen nanleu. Desen alreu hil- 
liclisten merteler sent Keinolt läist mis iunenclichen anroifen, dat hei 
uns genade erwerve van gode, dat wir nummer van eme gescheiden en 
werden. Des gunne uns der vader, der son ind der hilge geist. Amen. 

BONN. AL. KEIFFEliSClIElD. 

1) Hs. : viii. 



294 



ÜBER DEN SYNTACTISCHEN GEBRAUCH DER 
PARTICIPIA IM GOTISCHEN. 

I. 

Der reiclien fülle von participien, welche andere sprachen (z. b. 
die griechische) aufweisen, haben die germanischen nur zwei gegenüber 
zu stellen: ein activisches präsentiales und ein passivisches präteritales. ^ 
Unzweifelhaft konten sie in vorhistorischer zeit auch activische Vergan- 
genheit und passivische _gegenwart durch participia ausdrücken , diesel- 
ben sind jedoch mit zahlreichen anderen verbal- und nominalformen im 
laufe der Jahrhunderte verloren gegangen , und kaum vermag der Scharf- 
sinn des Sprachforschers aus dürftigen resten und der vergleichnng ande- 
rer idiome ihre ehemalige gestalt zu erschliessen.^ Wol oder übel müs- 
sen daher die erhaltenen formen die Vertretung der verlorenen mit über- 
nehmen. 

Das gotische participium act. , welches bei starken und schwachen 
verbis durch anhäugung des suffixes -nd an den präsensstamm gebildet 
wird, bezeichnet ein in der gegeuwart handelndes subject. Das partici- 
pium pass. , l)ei den starken verbis durch das suffix -na, welches mittels 
des vocals a an die wurzel tritt , bei den schwachen durch das suffix -da, 
das sich dem Stammesausgang anfügt, gebildet, bezeichnet ein object, 
an dem die handlung vollendet ist. Ein suiiject, das eine handlung 
vollendet hat, und ein object, an dem eine handlung vollzogen wird, 
vermag das gotische durch eigene formen nicht auszudrücken. 

1) Zu diesen bczeichnungen berechtigt uns der in allen germanischen sprachen 
im grossen und ganzen gleiche gebrauch dieser participia. Ob aber diese bestirnte 
bedeutung schon von vornherein in ihnen lag oder ob sie ursprünglich nur den 
begriff des vcrbums in adjectivischer form ausdrückten, ohne an ein bestirntes genus 
und tenipus verbi gebunden zu sein , das ist eine frage , die von der vergleichenden 
Sprachforschung wird gelöst werden müssen. Manche tatsachen sprechen für die 
zweite möglichkeit, z. b. dass das sogenante participium passivi in gewissen fällen 
geradezu activische bedeutung hat, wie in den lateinischen deponentibus [aw^us, 
ffavisiis) und den gotischen intransitivis (qumans) , sowie eine reihe von ausdrücken, 
wie hiliycndin minne (Parz. 193, 4), engl, the house is hnilding usw. Anderes spricht 
dagegen, wie z. b. der umstand, dass dai suffix -tm überall zur bildung passivi- 
scher ausdrücke verwant zu werden scheint, vgl. lat. do-n-um , das gegebene. — 
Über einzelne fälle, wo got. part. praes. im passivischen sinne zu stehen scheint, s. u. 

2) J. Grimm vermutet (GDS 457) in got. heruseis , julcuzi alte participia praet. 
act. Jedenfalls aber war in der zeit, welcher unsere gotischen denkmäler angehören, 
das bewustsein von der bedeutung dieser formen längst geschwunden ; dieselben sind 
also für die syntax ohne jede bedeutung. — Vgl. auch Leo Meyer , die got. spräche 
p. 176 fg. 



J 



OERIN»! , CllKU HKS SVNTACT. (iKHUAirtll HKIl l'AUTK.ll'IA IM OOT. 'J'Jit 

Min Itt'dürfiiis, auch diese vorhältiiissf! in der spräche widerzugehen, 
war jedoch , wie ühcnill, auch im «^'»»tischen vorhanden und wurde nicht 
etwa (M-st dann liihlhar, als man hei ^'dcj^njnhcit (h-r l)ihelühcrset/,ung 
gezwungen wurde , griecliische particijiia praet. act. uml praes. pass. zu 
verdeutschen. Wol aher hietet sich uns hierdurch die gewünschte gele- 
genheit, aus der vcrgleicliung jener griecliisclnMi Türmen mit den dafür 
eingesetzten suhstraten zu lernen, wie sich die gotische spräche zu liel- 
fen suchte; und um später hei der besprechung der syntactischen func- 
tionen des gotischen })articips durch dergleichen Untersuchungen nicht 
aufgelialton zu werden, sclieint es ZAveckmässig, bereits an dieser stelle 
abzuhandeln, wie die verschiedenen griechischen participia im gotisclieu 
widergegeben sind , sowie die lalle zu verzeichnen , wo gotische partici- 
pia an stelle anderer griechischer formen getreten sind. 

Das gotische participium act. entspricht gemäss seiner oben ange- 
gebenen bedeutung genau nur dem griechischen participium praes. act. 
Dieses wird daher regelmässig durch jenes widergegeben: sa inn (jn<j- 
(jands [Kiirli daur, b d(T£Qxöfi£vog diu rJ^g ^t'^«g, J. 10, 2. — Jju muuna 
visands taujis puJc silhan du gupa, av avd-qionog d)v 7coitlg aeairov 
i)-e('n\ J. 10, 33. — hunnandam vitop rodja , yivMG/.ovai v6f.iov ?m).o), 
R. 7, 1 usw. Au zahlreichen stellen muss jedoch das got. pari praes. 
auch griechische participia aor. und perf. act. widergeben: imjaggands, 
f^^f-ld^tov, L. 1, 22. galukands, ylsioag, Mt. G, 6. anahncivauds , /.vipag, 
Mc. 1, 7. scdhonds, xQi'aag, 2 Cor. 1, 21.^ — afarlaisfjandin, jiuqi- 

1) Ausserdem vertritt got. part. praes. griechisches part. aor. act. an fol- 
genden stellen: Mt. 5, 24. 8, 1. 2. 3. 5. 7. 8. 10. 14. 18. 19. 23. 25. 28. 32. 
33. 34. i», 1. 2. 8. 9. 10. 11. 12. 18. 20. 22. 23. 25. 28. 31. 36. 10, 40. 11, 2. 

4. 25. 25, 40. 2G, 60. 6.-. 71. 73. 75. 27, 2. 3. 4. 5. 6. 7. 47. 48. 50. 53. 
54. 58. 59. 60. 64. 66. Mc. 1, 7. 18. 20. 21. 26. 29. 31. 35. 37. 41. 43. 45. 2, 4. 

5. 8. 12. 14. 16. 17. 3, 6. 21. 22. 27. 4, 1. 18. 36. 5, 2. 6. 7. 13. 21. '22. 23. 26. 
27. 30. 32. 36. 39. 40. 6, 5. 12. 16. 17. 20. 22. 24. 25. 27. 29. 54. 55. 7, 1. 2. 6. 
8. 24. 25. 30. 31. 33. 34. 8, 6. 7. 9. 12. 13. 17. 23. 24. 29. 33. 9, 5. 12. 14. 15. 
17. 19. 20. 22. 24. 25. 26. 27. 28. 30. 35. 36. 37. 10, 1. 2. 3. 5. 14. 16. 17. 20. 21. 

22. 24. 27. 29. 32. 41. 47. 49 50. 51. 11, 2. 12. 13. 14. 15. 22. 29. 33. 12, 3. 4. 
8. 12. 14. 17. 24. 28. 34. 35. 14, 11. 12. 45. 48. 50. 52. 60. 63. 67. 69. 15, 1. 2. 
8. 12. 15. 17. 24. 35 36. 37. 39. 43. 45. 46. 16, 1. 4. 5. 8. 9. 10. 11. L. 1. 22. '2ü. 
39. 60. 63. 2, 16. 17. 18. 36. 38. 43. 44. 45. 48. 3, 11. 4, 5. 8. 12. 13. 17. 20. 
29. 30. 35. 38. 39. 42. 5, 2. 3. 5. 6. 8. 11 12. 13. 19. 20. 22. 24. 25. 28. 31. 6, 3. 
8. 17. 20. 49. 7, 3. 4. 9. 10. 13. 14. 20. 22. 24. 29. 36. 37. 38. 39. 40. 43. 8, 12. 
14. 15. 16. 21. 24. 27. 28. 33. 34. 36. 37. 41. 44. 47. 50. 51. 54. 9, 10. 11. 12. 13. 
16. 19. 20. 21. 22. 25. 28. 32. 37. 41. 47. 48. 49. 52. 54. 62. 10, 10. 16. 18. 25. 27. 30. 
14, 10. 15. 21. 28. 31. 32. 15, 4. 5. 6. 9. 15. 17. 18. 20. 23. 28. 29. 16, 2. 6. 

23. 24. 17, 14. 15. 17. 18. 19. 37. 18, 8. 15. 18. 22. 23. 24. 26. 31. 33 36. 43. 
19, 1. 4. 5. 6. 7. 11. 13. 15. 23. 28. 30. 32. 35. 40. 41. 45. 20, 3. 10. 11. 12. 13. 
14. 15. 16. 17. 20. 23. 24. 26. 27. 29. 34. 39. J. 6, 11. 12. 14. 15. 38. 40. 41. 60. 



296 GERING 

'/.oXovd-rf/MTi , L. 1, '^. Itnitandin, -/.t/Mf/ioii , L. 14, 12. mafjanäani, 
ßeßQco/.ooir, J. G, 13. farjandans, i?j]?xr/.nT£g , J. 6 , 19. * Wir sehen 
also, dass das got. part. act. sämtliche participia der griechischen activa 
und activischen deponentia, mit ausnalirae des part. Muri, vertreten 
muss. Dieses konit im N. T. äusserst selten vor und nur an zwei stel- 
len ist uns der gotische text daneben erhalten. Hier gibt Vulfila einmal 
das gr. part. fut. durch den Infinitiv wider : i'diof^iev si egzerai "^Hliag oiöoiov 
avröv, saihram qimaki Ilelias nasjan Ina Mt. 27, 49, (doch hat dem ül)er-" 
setzer möglicherweise schon die lesart oCooai , welche einige handschriften 
bieten, vorgelegen).. Jedoch auch J. G, G4 hat der.Gote es vermieden, 
au stelle des griech. part. fut. ebenfalls ein part. zu verwenden, sondern 
die autlösung in einen relativsatz vorgezogen: ^rjdsi b 'Irjaovg . . rig iariv 
6 TtaqadcüOiov avröv, vissa Jesus hvas ist saei galeveip ina. Freilich 
liest hier die zur italischen Masse gehörige handschrift D TraQcxdidovg, 
und da der gotische text, wie bekant, dieser klasse am nächsten steht, 
mag dem Übersetzer die letztere lesart .bereits vorgelegen haben. 

Auch die griechischen participia praes. medii werden gröstenteils 
durch gotische participia praes. widergegeben, da jenes meist a^tivische 
bedeutung bewahrt und sehr oft nur durch eine kaum merkbare nüan- 
eierung des sinnes vom act. sich unterscheidet: e^oj.io?.oyov/ii£vog, afhni- 
tands, Mt. 10, 1. Mc. 3, 23. 30 u. ö. iTtr/xdoi/nsvog, hidjands, E. 10, 12. 
avtxöfinag, uspulands, Eph. 4, 2 usw. Ferner muss das got. part. praes. 
häufig an die stelle eines griech. part. aor. med. treten: nQooy.c(lEoäf.ie- 
vog, atliaitands , Mt. 10, 1. TtsQißleilia/iievog, hisaihvands, Mc. 3, 34. 
11, 11; insailwands, Mc. 9, 8; nssailivands , L. 6, 10. d7tolaß6{.(evng, 

7, 16. 18. 33. 40. 8, 59. 9, 4. 6. 11. 18. 11, 4. 17. 28. 31. 32. 43. 45. 12, 12. 24. 
29. 44. 45. 13, 12. 16. 20. 21. 26. 14, 24. 15, 21. 16, 5. 8. 18, 1. 4. 22. 38. 
19, 13. R. 7, 6. 8. 9. 1 1. 8, 3. 37. 9, 20. 10, 5. 16, 22. 1 Co. 5 , 3. 9, 27. 
10, 28. 11, 24. 14, 25. 15, 28. 2 Co. 1, 21. 22. 2, 3. 12. 4, 14. 15. 5, 15. 18. 
7, 5. 12. 11, 8. 9. 12, 20. 21. Gal. 1, 6. 2, 1. 7. 9. 20. 3, 3. 4, 9. 15. Eph. 1, 
13. 15. 20. 2, 14. 15. IG. 17. 3, 9. 4, 8. 5, 26. 6, 13. 16. Phil. 2, 7. 28. 30 
3, 6. 4, 14. Col. 1, 20. 2, 13. 14. 15. 1 Th. 2, 13. 3, 6. 1 Tim. 1, 12. 19. 2, 6. 
3, 13. 6, 13. 2 Tim. 1, 9. 10. 17. 4, 10. 11. (Die participia aor. griech. deponen- 
tia sind in dies Verzeichnis mit aufgenommen.) 

1) Ausserdem steht got. part. praes. für griech. part. perf. act. an folgenden 
stellen : .1. 8, 31. 12, 37. 18, 18. 21. 1 Co. 15, 19. 2 Co. 12, 21. 13, 2. Eph. 1, 12. 
1 Tim. 4, 3. Participium perf. eines activischen deponons findet sich nur 2 Tim. 3, 5: 
rn)vr]f.iivüs , invidands. — Dass diejenigen griech. part. perf., welche präsentiale 
bedeutung haben, got. ebenfalls durch part. praes. gegeben werden, verstellt sich 
von selbst: nuointijy.uj^ , standands , L. 1, 19. J. 18, 22. ntquaTwg , bistandandn, 
J. 11, 42. efäüjg, vitmids , L. 9, 33. J. 6, 61. kuwnands, Gal. 4, 8. ntyioi^u'is, 
gatrauandi! , Phil. 1, 14. Philem. 21. — L. 8, 53 hat Vulfila wol /JojTf? statt 
tid'üTtg gelesen, da er sonst tiüo')g nie durch gasaihvands widergibt. 



fllKIl DKN HVNTACT. (iKnUAfCH 1<KU I'AIIIK II'IA IM <U)T. L*!'7 

ufnini/imls, Mc. 7, :!:<. V^,d. Mc H, 23. :{-J. 11, Jl. II, 17. L. <;, i:{. 
8, Ib. y, 1. 47. .1. 11, 11. 2 ('<». 1, 22. :,, 1'.). Kpli. 4 , 2.'). I 'Jim. 
1, 12. IJ). — Wenn im «(riccliischen die rclloxivbcfleiituiig des mediums 
doutlicli licrvortritt , drückt sie iiuch der (lote zuweilen durch liiuzu- 
rü^Hiufjf seines retiexivpronomens aus: ^'HQuuti'onerog, rditnjunds sllc, 
Mc, 14, 54. i\l. .1. IS. IH. 25. tifTa(jyj^ii(tTi'C6fif:i()^ , (frnjalcikond^ üik, 
2 Co. 11, i;{. f-.it/jtn'öntP(K, iiii/: uffinnjiuxh , l*}iil. vJ, 14. i;nQ(tiQO- 
//tj'ot,', n/arhnfjnnds si/: , 2 Tli. 2, 4. (iKKSußKfo/ni'ni;, (if'v<i)i<ljn)i<h sis. 
Tit. 1, II. i(;r£xdvo(<f(tr()i , afslnupjandans izvis , Col. .i, ;•. 

Endlich ersclieint got. part. praes. zuweilen auch an stelle griechi- 
scher adjectivu verhalia auf -/oc.- iinfrupjdvds , ('(Oivtrng, li. l<», li). 
iißltupands , :iaQ6iaa/.iog, Gal. 2, 4. av'dlndondfi, ei^uQiacng, Col. 3, 15. 
iinsrrIJxDKh , aöiäXsijrtng, 2 Tim. I, .'{. Für griech. aV£/r/A»y7<//T0g, ävey- 
Y.hpng tindet sich im cod. Ambr. B neben nniidfairinopü (1 Tim. 5, 7. 
G, 14. Tit. 1, 7) auch ungafnirinonds (1 Tim. 3, 2. Tit. 1, 0), während 
der cod. A ausschliesslich die erstere form bietet (1 Tim. 3, 2. 10. 5, 7. 
G, 14), Es ist daher die annähme wahrscheinlich, das nriffafairitionds 
erat in späterer zeit als neben form aufgetaucht ist. 

Häufig setzt auch der gotische Übersetzer für griechische partici- 
pia pass. siuvevwante participia act. , und zwar meist von intransitiven 
verbis. Dies mögen nachfolgende beispiele l)elegen. 

Als Vertreter des griech. part. jtraes. pass. erscheint got. part. act. 
nur an drei stellen: ((licmluevnv , rali.^jfnido . Mc. 4, 8 (doch haben viele 
handschriften, darunter EFG, ui-^avorra) ; ovf.i^-ii^jaCöi.itvov, Jx'iJiando, 
(^ol. 2, 19; ivTQe(pn/.i£rog , alands , 1 Tim. 4, 6. Zahlreicher sind die 
fälle , dass griech. part. aor. und pf. pass. in angegebener weise über- 
setzt sind: urrcifiands, iyiQi)-eig, Mt. 8, 26. 9, G. 19. R. 7, 4; idrci- 
gonds, fiETccftehjO-ei'g, Mt. 27, 3; gavandjands sik, STciazQaq^eig, Mc. 5, 30. 
8, 33 und ohne das reflexivpronomen: gavandjands, orqaq'elg, L. 9, 55; 
vnndjands sik, aiQaq^ti'g, L. 7, 9; gasJeiJ)jands,' Lr^tiuod^eig, L. 9, 25; 
gaslepands, xaif-irj^elg, 1 Co. 15, 18; anadcpands, 1 Th. 4, 15. — 
/igands, ßeß).t]^i{:Vog, Mt. 8, 14. 9, 2. Mc. 7, 30; /.t/.niftiiuevog, Mt. 27,52; 
skalkinonds , deöoi?Mfifvog. Gal. 4, 3; gaslepands , y.i/.aiurj/^tevog, 1 Co. 
15, 20: anaslepands, 1 Tli. I, 13. 

Alle diese stellen haben nichts auffallendes, auch der Grieche hätte 
statt ßeßXiip&vog xeifitvog, statt d€Önv?.wiitfrng /.aTQtviov setzen können. 
Jedoch haben wir schon oben gesehen , dass neben dem passivischen par- 
ticip ungafairinops die active form ungafairmonds , wenn auch nur in 
einer wahrscheinlich jüngeren handschrift überliefert, auftrat, ohne dass 
ein unterschied in der bedeutung stattfände. Auch an einer anderen 
stelle scheint got. part. act. gerazu in passivischem sinne gesetzt zu 



298 GERING 

sein. 1 Cor. 15, 29 lautet der griechische text: STtsl xi ^coirjaovoiv oi 
ßa/cTiKofisvoi c/iSQ Tiüv vaxQcdv; €1 oXwg v£/.qoI ovx sysiQOVTai, tl v.al 
ßaTttiLovrai vnsQ avTcov; und der Gote übersetzt: aippau liva vaurJcjand 
pai daupjandans faur daupans , jdbai allis daujmns ni urreisand? 
duJwe p)au daupjand faur ins ? Massmann hat sich dadurch zai helfen 
gesucht, dass er in seiner ausgäbe des Vulfila (Stuttg. 1857) daupjan- 
dans einfach in daupidai , daupjand in daupjanda änderte : das heisst den 
knoten durchhauen, nicht ihn lösen. Die beobachtung des gebrauchs 
von daupjan wird eine genügende erldärung finden lassen. Gewöhnlich 
übersetzt es das activische ßarcxitEiv xivä (Mc. 1, 8. L. 3, IG. 1. Co. 
1, IG u. ö.), doch steht aucli Mc, 7, 4 daupjand für ßamiaiovTai , an 
unserer stelle für ßaTtTitovrai , L. 3 , 7 daupjan frani sis sogar für ßa- 
TrcLa&rjvaL viz ccvrov, 3, 12 daupjan ßanTLod^rjvm. Auch die infinitive 
anderer verba werden häufig genug ohne weiteres an stelle griechischer 
infinitivi pass. gesetzt.^ Wir sehen also, dass andere activische formen 
direct zur Vertretung passivischer oder medialer verwant werden, warum 
sollte dies nicht auch beim part. möglich sein? Überdies wissen wir 
auch, dass die Verwendung des part. praes. in passivischem sinne den 
germanischen sprachen nicht fremd ist. Grimm, der diesen gebrauch in 
seiner grammatik^ ausführlich behandelt, sagt freilich, bei Vulf. biete 
sich seines wissens kein beispiel für denselben dar; wie leicht konte ihm 
aber bei der überfülle des von ihm herangezogenen stoffes eine einzelne 
stelle entgehen. Übrigens ist auch noch eine andere erklärung denkbar. 
Wie OTQacpsig sowol durch gavandjands sik als auch durch das blosse 
gavandjands übertragen wurde (s. o. p. 297), so könte mau vielleicht auch 
hier daupjandans, daupjand reflexiv auffassen? Auch Mc. 7, 4 stand 
ja daupjand für die medialform ßaTtTiacüvrai , da^ipjan bedeutete also 
sowol taufen als sich taufen lassen.^ — Möglicherweise ist noch 
eine zweite stelle hierher zu ziehen, nämlich 1 Co. 15, 58: svaei nu, 
hroprjus meinai Imhar^ , tulgjai vairpip, ungavagidai, ufarfulljandans 
in vaurstva fraujins slnteino, cooTe, adelffoi /^lov ayaTtrjTol, edgaioL 
ylvEGiye, a^ieTa/.lvt]TOL , ^rsQiaaevovTeg sv xio SQyco tov -/.vqiov jtccvtots. 
Dass ufarßdljan ein transitiv ist, beweist die zweite stelle, an der es 
begegnet (2 Co. 7, 4: ufarftdlips im fahedais), sowie der umstand, dass 
fulljan selbst sowie die composita gafuUjnn und usftdljan stets transi- 
tiv gebraucht werden. Massmann hat sich auch hier auf leichte weise 
geholfen, indem er gegen die autorität beider handschriften ufarfull- 

1) Grimm, gramm. IV, 57 fg. 

2) IV, 64 fg. 

3) Vgl. 1 Co. 7, 18 nf()iTffjv^ai)^(o, bimaitai, (er lasse sich beschneiden), Gal. 
5, 2 nsQiT^fcvrjad^e, himaitip (ihr lasset euch beschneiden). 



J 



ihlKK KI'.N 8YNTACT. OKltllACCII i>KU l'AHTICH'IA IM (iOT. 2W 

nandans schreibt. Mir S(;lii'iiit die uii<(ozwuiigeiiste erkläruiig die zu 
sein, diiss dem Übersetzer ein izvis vorschwebte, welches (wie oben das 
.s//i bei (litii(uilja)iih) iiiuius^fedrfickt blieb. Freilich konit das reflexiv- 
IirunODien bei fnlljaii und seinen coniixisitis iiir«,'eiids vor, und so wird 
in;iii es viidielcht vorziehen müssen, iil'drl'nlljdiuhius geradezu in passi- 
vischem sinne zn nelimcn. 

Das gotisclie p:iititi|iiiim jtass. entspricht seiner natur nach den 
griechischen prätcritalen i)articii)ien des passivs und vertritt dieselben an 
zahlreicluHi stellen: afstifips, ajinXeh^fitvog, Mt. 5, :i2; /j/npljis , tukoyrj- 
fitvog, L. 1, 42; galaylps, ßeßlrjfitvng, J. 3, 24; fr<ib(iu/its, /ityiqauni- 
vog, R. 7, 14.^ — i(fihmi/iiJ)S, vilitoOeig, Mt. 11, 23; saians, a;iUQtig, 
Mo. 4, 20; (jahmsips, ^vaihi'g, L, 1, 74; gatevips , yf-iQorovi^Ü-Eig^ 2 Cor. 
8, 19.^ — Oft muss jedoch auch das griechische part. praes. pass. durch 
gotisches part. praet. wirlergcgeben werden: fraisans, jitiquCöutvog, 
Mc. 1, 13, L. 4, 2; luddtuis , ßnö/.o^ievog, Mc. 5, 11; gasaJcaus , tlty- 
XÖjitevng, L. 3, 19; fraliisans, a7ColXtft€vog, J. 6, 27; gaurips, Xvjiovf.it- 
vog , 2 Co. 2 , 2.2 — Auffallend ist es , dass einmal griechisches part. 
licrl". pass. durch hahan mit dem part. praet. umschrieben wird: gatau- 

1) Ausseideui vertritt goi. part. praot. das grioch. part. perf. pass. an l'olgen- 
iloii stellen: Mt. 7, 14. 9, 36. 10, 2(i. 30. 11, 8. 25, 41. 27, 9. Mc. 1, (J. 3, 1.3. 
4, \b. f), 1.^). 11, 2. 4. 9. 10. 12, 4. 14, 15. 51. 15, 7. 26. 32. 46. L. 1, 45. 
2, 12. 26. 4. 16. 17. 18. 6, 38. 40. 7, 25. 9, 45. 14, 17. 18. 19. 24. 16, 18. 
18, 31. l'J, 30. 32. 20, 17. J. 6, 31. 45. 65. 9, 7. 32. 10, 34. 11, 44. 12, 14. 16. 
15, 25. 16, 24. 17, 13. 23. 18, 24. 19, 11. E. 9, 22. 28. 13, 1. 1 Co. 1, 23. 
7, 18. 25. 11. 5. 15, 54. 2 Co. 2, 12. 3, 2. 3. 7. 4, 3. 13. 8, 1. 9, 3. 5. 10, 10. 
Gal. 2, 11. 3, 1. Eph. 1. 18. 2, 5. 8. 3, 18. Col. 1, 21. 23. 4, 6. 1 Tim. 6, 5. 
2 Tim. 2, 8. 21. 3, 4. 6. 17. Tit. 1, 15. Das griech. part. anoXwhög, welches acti- 
vische form, aber passivische bedeutung hat, wird got. durch fnthisans gegeben: 
L. 15, 4. 6. 24. 

2) Got. part. praet. erscheint an stelle des griech. ^part. aor. pass. noch an fol- 
genden stellen: Mt. 8, 17. 27, 9. 44. Mc. 5, 26. 6, 2. 9, 31. L. 2. 18. 21. 3. 21. 
4, 2. 7, 10. 29. 30. 8, 6. 9, 31. 10, 15. 17, 10. 20. 2 Co. 3, 3. 7. 12. 11, 6. 
12. 2. Gal. 2, 9. 4, 9. 29. Eph. 1, 11. 3, 7. 4, 24. Phil. 2, 8. Col. 2. 12. 1 Tli. 
2, 17. ITim. 2, 14. 3, 6. 2 Tim. 1, 9. 10. 

3) Griech. ]»art. praes. pass. wird ferner an folgenden stellen durch got. part. 
praet. vertreten; Mt. 6, 30. 8, 6. 30. 11, 7. Mc. 1, 10 (falls hier mit GL. und 
Schulze uslukanans zu lesen ist) 2, 3. 4, 16. 18. 5, 41. 15, 22. 34. L. 2, 34. 
4, 15. 38. 6, 15. 18. 38. 7, 8. 11. 24. 8, 32. 9, 10. 10, 8. 18, 34. 19. 2. 
J. 9, 11. 12, 6. 1 Co. 5, 11. 11, 24. 2 Co. 3, 2. 14 4, 8. 9. 18 5,4. 6, 8. 9. 
7, 5. 8, 19. 20. 10, 5. Gal. 4, 24. 5, 3. 6, 6. 9. 13. Eph.l, 21. 2, 11. 21. 
4, 14. 16. Phil. 1, 28. 3, 10. Col. 1, 11. 23. 3, 10. 1 Tb. 4, 15. 2 Tb. 1, 7. 2, 4. 
1 Tim. 4,4. — Fast futuralon sinn hat das part. praet. in der stelle Mt. 6 , 30 : 
hari (listradagis in auhn (jaJacfip , ;(6QTor (d'fjioi' tts x't.ißuror ßulköutror , heu, das 
morgen in den ofen geworfen werden wird. 

ZEITSCHR. F. DEÜTÖCHE PHILOL. BD. V. 20 



300 GERING 

clida liabandane svesa mipvissein, xeyMVTrjQiaafi^vwv xrjv löiav avvei'öij- 
aiv, 1 Tim. 4, 2. Wahrscheinlich hat es der Gote nicht wagen wollen, 
den griechischen accusativ der hezielmng neben dem passivischen parti- 
cip nachzuahmen. 

Da die verba auf -nan entschieden passivische bedeutung haben, 
so erscheinen die participia derselben meist als Vertreter griechischer 
participia des passivs, gewöhnlich des pari praes.: ganlpnands , Ivttov- 
f.ievog, Mc. 10, 22; fuUnands, nlrjQovf.i€vog, L. 2, 40; aflifnands, JteQi- 
XELTtof-iEvog, J. 6, 12. 1 Th. 4, 17; fralusnands, a7ToXlt\uevog, 1 Co. 1, 18. 
2 Co. 2, 15 (glosse.), 4, 3; fraqistnauds , ä7tollvf.iEvog , 2 Co. 2 , 15; 
gataurnands, y.aTaqyovi-iavoq, 2 Co. 3, 11. 7, 13; gahignands , nlovritp- 
jiisvog, 2 Co. 9, 11; auhiands, iTtixoQrjyovfiEvog, Col. 2, 19. — Dreimal 
erscheint statt dessen griechisches part. aor. pass. : mipuskeinands , ov/ii- 
(fvdg, L. 8, 7; gahaßnands, xollrjd-elg, L. 10, 11; infeinands, oirXay- 
XviaS^eig, Mc. 1, 41; einmal auch adjectivum verbale: unhvapnands, 
aaßsaTog, Mc. 9, 45. Lc. 3, 17; endlich auch sinverwantes part. act. : 
maurnands, i,isQif.iviüv, Mt. 6, 27; gahignands, nlovxiov, L. 1, 53; gavah- 
nands, diayqrjyoQrjGag , L. 9 , 32; gadaiipnands , anodavcov, R. 7, 6; 
managnands , -rtlsomaag , 2 Co. 4, 15. 

Viermal komt auch das gotische part. praet. au stelle eines grie- 
chischen part. aor. med. vor und zwar gehören diese participia sämtlich 
verbis der bekleidung an: gavasips , Irdvadfisvog, 2 Co. 5, 3; ufgaur- 
dans , gapaidops, neQiQioodf-ievog , evöuGa/iiavog, Eph. 6, 14; gahamops, 
hövödf-iEvog , 1 Th. 5, 8. Grimm (gr. IV, 645) fasst diese participia als 
zu gotischen medien gehörig auf, da sie einen objectsaccusativ bei sich 
haben. 

Häufig erscheinen auch die gotischen part. praet. als Vertreter der 
griechischen adjectiva verbalia auf -rög: unpvahans, avimng, Mc. 7, 2; 
gavalips, ei^leyiTog, Mc. 13, 20. 22. 27 u. ö. ; kunps, yvtooTog, L. 2, 44. 
J. 18, 15. 16; alij>s, GiTsvrög, L. 15, 23. 27. 30; laisips, ÖLÖa-ATog, 
J. 6, 45; fraqijmns , enÜQaTog, J. 7, 49; unusspillops, dv6^€Q€vvt]Tog, 
R. 11, 33; dvEycöi)]yi]Tog , 2 Co. 9, 15; unhilaistips , unfairlaisfißs , dve^ix- 
vlaoTog, R. 11, 33. Eph. 3, 8; galapops, x^vog, 1 Co. 1, 24; andJmlips, 
dY.axa%6XvrcTog , 1 Co. 11, 5; ungavagips , dfXETaxivrjTog , 1 Co. 15, 58; 
piupips, evXoyrjTog, 2 Co. 1, 3; gatulgips , df.ieTa(.iiXrjvog , 2 Co. 7, 10; 
gasaihvans , o^arog, Col. 1, 16; ungasaiJwans , äoqaxog^ Col. 1, 15. 16 
u. ö. ; ungafairinojis , dvE7tihrif.i7txog , 1 Tim. 3, 2 u. ö. , dvsyyiXrjTog, 
1 Tim. 3, 10. Tit. 1, 7; niujasatips, veocpvTog, 1 Tim. 3, 6. 

Dass ein gotisches participium praet. von ursprünglich passivischer 
bedeutung zugleich ein activisches particip vertreten könne, davon ist 
keine spur vorhanden, während wir den umgekehrten fall oben (p. 297 fg.) 



riiKu i>i:n syntact. i;i;iiicArrii dku I'autkii'IA im (jot. .'i(Jl 

liiihiMi koniii'ii l(!iiit'ii. W'ul ;ibor lui))en eine reihe von verhis, die iiitraii- 
sitivii niimlicli, wolclit; keines passivs fUliif^ sind, tiut/dcni ein inäteritii- 
les purticip «^ebiklet, diis also ausschliosslieli activischo bedeutung haben 
niuss. ((Jrimm, gr. IV, (J'J.) Es sind jedoch nur von selir wenigen goti- 
schen intraiisitivis participia praet. /u belegen , und /war von den verbis 
der bewogung (jitiHtii, <iü<j'nnan, nsifmjifiui und tidrituunt (von »h-n ein- 
lachen verbis (i(uii)<ni und rinnan komt das part. j)raet. nie vor), sowie 
von r((ir/)(ni , franürlxitt , ijaliiknn und tlivan. Das letztere verbum ist 
sogar mir im pari, praet. belegt, dies bedeutet jedoch nicht iti)vif/.(.6<;, 
welches durch das adjectivum dauj>>> widergegeben wird, sondern (yvij- 
TÖg (1 Co. 15, 5;]. 51. 2 Co. 5, 4). Ebenso hat das part. (jaUilcaiJiS, 
vaila galcihtips nur die bedeutung sidQiarng, K. 12, 1. 2 u. ö. Die 
übrigen participia haben dagegen alle präteritiile bedeutung: qumana, 
y.arctßäg , J. 0, 51; qnnianana , ih]liO^Liav, Mc. ü, 1; gaqumanai, l'Lr- 
XvO-ÖT£g, L. 5. 17; nscjaggana , i^Eh;lvi)-ng , Mc. 7, 30; vaurpans , ytvö- 
ftevog, Mc. G, 26 u. oft, yeyoviog, Mc. 5, 14. L. 8, 34 u. ö. ; fravaur- 
pans. -/MTECfd-aQuivog, 2 Tim. 3, 8. — Einmal erscheint statt griech. 
part. perf. act. vanrjxms mit einem ad jectiv: usrenans vanrpanai , u:n^'/.- 
iiv-OTsg, Eph. 4, 15». 

Zuweilen stehen diese participia praet. auch an stelle griechisclier 
participia praes. act.: yaqiinianaini Jxm Idiihinat)/ qaj), avvtövzog öi oyj.uv 
ehret', L. 8, 4; sa ns liiimna qtmiana, o i/. xov oiQavov SQXOjiisvog, Mc. 
9, 33; gahauRida Hcrodis po vanrjuoiona , rf/.ovGev'^HQtödi]g xa yivöfteva, 
L. 0, 7. Der Gote hat hier logischer gedacht als der Grieche. Umge- 
kehrt steht freilich auch sehr oft qimnnds im eld-cöv, 2 Co. 2, 3. 12 usw. 

Ausschliesslich activische bedeutuug hat auch das part. praet. drug- 
hans von dem transitiven verbum driglicm: drugkans ist, ^tsd^iet, 1 Co. 
11, 21; paici drugJcanai vairpand , nahts dniglanai vairptand, 01 /ntd^i- 
axöfiEvoi vv'KTÖg fieO^covaiv , 1 Th. 5, 7. (Vgl. lat. potus.) 

Oben (p. 297) haben wir gesehen, dass der Gote häufig griechische 
participia pass. durch sinnverwante activische übersetzt, aber auch der 
umgekehrte fall komt vor: unuslaisips, /to] fiejuaO^rf/Mg, J. 7, 15; inranli- 
ilps, eußQi(.uö(.iEvng, J. 11, 38; afairzidai, aoToyi'^aavTeg , 1 Tim. 1, (1. 

Nicht selten geschieht es , dass der Gote an stelle griechischer par- 
ticipia adjectiva, an stalle griechischer adjectiva participia setzt. Beson- 
ders häufig stehen gotische adjectiva für griechische participia praes. act. 
resp. andere in activisch-präsentialem sinne gebrauchte participia, nament- 
lich intransitiver verba: modags , ngyiLninevog , Mt. 5, 22; hails, iayvcov, 
Mt. 9, 12, lyicdvcov, L. 5, 31. 7, 10. 15, 27. Tit. 1, 9. 2, 1; gre- 
dags, nsivwv, Mt. 25, 44. L. 6, 21; svhips, iaxvcüv, Mc. 2, 17; siuJiS, 

20* 



302 C4ERING 

aaO^ei'töv, Mc. 6, 56. L. 7, 10. J. 11, 1; anavairps, eQ%öf.iEvog, Mc. 10, 30. 
J. 16, 13, (.dlliüv, Eph. 1, 21. Col. 2, 17. 1 Tim. 4, 8; qius, Cwv, 
Mc. 12, 27. L. 20, 38. Col. 2, 20. 2 Tim. 4, 1; usvena, ccrelnluov, 
L. 6, 35; gabigs, nlovxojv, R. 10, 12; nnmahteigs , uoS^evcov, R. 14, 1. 
1 Co. 8, 11; andvairps, naqiöv , 1 Co. 5, 3. 2 Co. 10, 2. 11. 13, 2. 10, 
eveöTiög, 1 Co. 7, 26. Gal. 1, 4; vaurstveigs , iv£Qyoi\uevog , 2 Co. 1, 6. 
Gal. 5, 6; anahaims, afliaims, svdrif.wn> , e-/.drßuov , 2 Co. 5, 9; mahteigs, 
öipccfievog , Eph. 3, 20. 2 Tim. 3, 7. 15; skajnils , ädivMV , Col. 3, 25; 
fravaurhts, ai^iaQxävcov ^ 1 Tim. 5, 20; airzeis , nlavCov , 2 Tim. 3, 13; 
andancmeigs , civrtxöiievog, Tit. 1, 9. 

Auch griechisches pcart. perf. pass. wird häufig durch gotisches adj. 
vertreten: gaskohs, vTrodeÖEfiavog, Mc. 6, 9; paursiis , e^riQcqii.iivog , Mc. 

11, 20; daiibs , ne/rcoQcoiilvog, Mc. 8, 17; gamaids , Teü-gaio/iievog, 
L. 4, 19; sads , e/iiir£n?j]afUrog, L. 6, 25, y.f/.OQeo^ievog, 1 Co. 4, 8; ufar- 
fidls, 7tEjTisoiiivng, L. 6, 38; invinds, öiEO'CQa(.if.ilvog, L. 9, 41; veihs, 
)]yiaaf.i6vog , J. 17, 19; liiihs , T^yarrijuevog , R. 9, 25. Eph. 1, 6; unliuhs, 
ovv. rf/a7imihog^ R. 9, 25; vidpags , dedo^aofievog, 2 Co. 3, 10; framaps, 
a7cri)loTQU0f.iivng, Eph. 2, 12; riqisehis, ioMTiOfiivog ,' Eph. 4, 18; 
fmiishs, TteTtvQcofiapog, Eph. 5, 16; valis , ^yaicrji.i€vng, Col. 3, 12; ainakls, 
j.iEi.im>iof.itvog , 1 Tim. 5, 5. 

Selten begegnen an stelle anderer griechischer participia gotische 
adjectiva: daiips, zed-vrjxcog, J. 11, 39. 44. 12, 1; inkilpo, avveilr]cpv7a, 
L. 1, 36; framaldrs, TTQoßeßrf/.o)g, L. 1, 7 und der comparativ framal- 
drosei, /rqoßtßrjy.vm, L. 1, 18. — pvairhs , ogyiod^dg, L. 14, 21; iishai- 
sta, iaTeQr]d-6ig, 2 Co. 11, 8. — riurs, q^d-EiQOf-iepog , Eph. 4, 22; gaurs, 
h/roi\uavoQ, Mc. 10, 22. — gaskohs, inodr^adftevog, Eph. 6, 15. 

Sehr häufig werden dagegen die griechischen adjectiva verbalia auf 
-ro'g durch gotische adjectiva widergegeben : y.Qc/rTog, fulgins, Mt. 10, 26 
u. ö. , analaiujns, L. 8, 17; ayc.nrixög, Inibs, Mc. 1, 11. 9, 7. Lc. 3, 22; 
ciy.ci^aQTog, imlirains , Mc. 1, 23. 26. 27. 3, 11 u. ö. ; aggioarog, siuks, 
Mc. 6, 5. 13 u. ö. ; öwaxog, maJdeigs , Mc. 9, 23. 10, 27; adumrog, 
unmaJdeigs, Mc. 10, 27 u. ö.; S-avjuciGTog , sildaleiks , Mc. 12, 11; xei- 
qnnoi'rjTog, handiwatirhts , Mc. 14, 58 u. ö. ; ctxaiQO/roi'rjTog, unhandu- 
vaurJds, Mc. 14, 58 u. ö. ; avX6yi]zog, piupeigs, Mc. 14, 61 u. ö.; cif.iEf.i- 
7crog, unvahs, L. 1, 6; dt/aög, andanems, L. 4, 19. 24 u. ö; XQrjoxog, 
gods, L. 6, 35 u. ö.; ayäoioiog, unfagrs , L. 6, 35 > apexTog, sids , Lc. 10, 

12. 14; ovvEiog, frods, L. 10, 21 u. ö. ; kvO-ETog, fagrs, L. 14, 35; adid- 
leiTtTog, unhveils , R. 9, 2; dvv/coxQiTog , unliuts , R. 12, 9 u. ö. ; cp^aq- 
Tot;, l'ufOctQTog, rmrs , imriurs, 1 Co. 9, 25 u. ö. ; Ev/TQoaÖE/.Tog, anda- 
nems, 2 Co. 6, 2 u. ö.; avd-aiQECüg^ silbaviljis , 2. Co. 8, 3; djrciQaoy.Ev- 
ciurog, immanvs, 2 Co. 9, 4; dqQTjtog, unqeps, 2 Co. 12, 4; dmi/vog, 



ÜUEU JJEN 8YNTACT. ÜKIIRALCII lUilt I'AUTICM'IA IM .ioT. IKW 

tinfrods, Gal. .'5, 1. :i; lifitfuiTog, usf'airina , rbil. 3, G u. ö. ; t7iiju'i'Ji^- 
log, lustusuDis, Phil. 4, 1; dvty/.h/cog , unfulriiia, Col. 1, 22; uia/ung, 
■utK/atass, 1 Th. 5, 11; diegaviog, and'datis, 1 Tim. 1, 4; uvvjcncu/.toi;, 
untals, 1 Tim. 1, 9, ungahvairhs, Tit. 1, 0. Kj; t/./YJdft/.roc,*, andanenis, 
1 Tim. 2, 3 U. ö.; uruvt^iog, nnmitjis, 1 Tim, G, 9; ayignoirog, uyiaUjahts, 

1 Tim. 6, 16; ctre/ranjxvi'ing, utiaivisks, 2 Tim. 2, 15; uyjji^atog, hniks, 

2 Tim. 2, 21 u. ö. ; ctnaidtiiog, unUds , 2 Tim. 2, 23; üyuQnn<tg, lau- 
navargs, 2 Tim. 3, 2; ßdt?j-/.i('iij:, nuddscts, Tit. 1, IG.* 

Gotische i)articipia an stelle griechischer adjectiva sind häufig, und 
zwar begegnet fast genau ebenso oft part. praes. me pari praet: vil- 
vands , ag.ia^, Mt. 7, 15; tmrodjands , ululog, Mt. 9, 25; airzjands, 
/ikdvog, Mt. 27, ü3 ; ungalauhjands , ciiiorog, Mc. 9, 18. Lc. 9, 41 u. ö, ; 
Uyftiihi'^g, Tit. 1, 16; hcdands , lyßqog, L. G, 27; hleipjamls, nl/.xiQuwv, 
L. 6, 36; fijands , iyß()ög, E. 11, 28; fravcifands, e/.di/.og, K. 13, 4; 
gama'nyamU, y.oivon'og , 1 Co. 10, 18; unufbrikands , d/rQoo/.o/rog, 1 Co. 
10, 32; ufliausjands, vnrjxnng, 2 Co. 2, 9. Phil. 2, 8; slavands, ]jO€uog, 

1 Tim. 2, 2; galaiihjands , niGTog, 1 Tim. 4, 3. 10 u. ö.; fairveitjands, 
7t£QitQyog, 1 Tim. 5, 13; nsßidands, dvk'il/M/.og, 2 Tim. 2, 24; fairinonds, 
ÖiäßohKy 2 Tim. 3, 3; unl'mgaiids , cai'ttdrjg, Tit. 1, 2. 

gatarhipH , f.iiarjfiog, Mt. 27, IG; usagips, l'/.cpoßng, Mc. 9,6; 
p(iur])i(rops, j-ioQtfiQfng, J, 19, 2. 5; Ksfatdians , rO.eiog, 1 Co. 13, 10, 
aQiiog, 1 Tim. 3, 17; gahisans , do/.tfiog, E. 14, 18. 2 Co. 10, 18 u. ö.; 
tisJciisans, ddnxt/itng, 1 Co. 9, 27 u. ö.; imgahusans , 2 Co. 13, 5 u. ö. ; 
nnhcistjops , utvf-iog^ 1 Co. 5, 7; nnJiugaips, cr/auog, 1 Co. 7, 11; invi- 
tops, tvyoung, 1 Co. 9, 21; gaftdgips, ßtßaing, 2 Co. 1, 6; ganohijjs, 
aicuQjii-g, Phil. 4, 11; mipfrahunpans , avpcnyjid'/.ioTog, Col. 4, 10; digans, 
ooiQc'cAivog, 2 Tim. 2, 20. 

Da das particip sehr häufig substantiviert steht, so ist es natür- 
lich, dass der Gote an stelle griechischer participia oft substantiva, an 
stelle von Substantiven participia setzte: daimonarcis, daif-ioviLnutvog, 
Mt. 8, 16. 28 u. ö; daiiioyiaO^ei'g, L. 8, 36; hiuJdi , ro tld^taiitvor, L. 2, 27 
(jedoch liest D txhK), tuoOog, L. 4, 16; reiks, IcQyiov , Mt. 9, 18 u. ö. ; 
midjungards , nr/.oruarii, L. 4, 5; manne nuta, civ&QiöiTOvg LcoyQOjv, 
L. 5, 10; uslipa, 7TC(Qcde?Auerng, L. 5, I8u. ö. ; iiaus, Tsd^vr/Mg, L. 7, 12; 
timrja, ol/.oöniiwr, L. 20, 17; hidagva, /iQoaaiTiov, J. 9, 8; andasfaj)jis, 
avTi/.ei'/^iei'ßg, 1 Co. IG, 9. Pliil. 1, 28; gavaurstva, avveoyiöv, 1 Co. 16, 16. 

2 Co. 6, 1; gajuka, fcsQolryior, 2 Co. 6, 14; iinvita, naQaq'QOvojv, 2 Co. 

1) Das adjectivum verbale auf -r^oi begegnet nur Mc. 2, 22 und in der paral- 
lelstelle L. 5, 38 in Verbindung mit der copula, und wird got. durch das verb. fin. 
widergegeben: olvov re'or eig uaxobi xfuroig ß/.rjTeor, vein juggata in balgins nitir- 
jans giutand. 



304 GEEING 

11, 23; ufarassiis, to iTteqayßv , Phil. 3, 8; aUavaursfva , nenlr^QocfOQr^- 
/iiivog, Col. 4, 12; faurstasscis , /iQOiGTafievog, 1 Th. 5, 12; (jadaila, 
avziXaf.ißav6(.isvog , 1 Tim. 6,2. 

daupjands, ßccnriavii]g, Mt. 11, 12. L. 7, 20, 33; galevjands, nqo- 
d6T)]g, L. 6, 16; horinondci , uor/cdig, K. 7, 3; gcdeikonds , ^ufirjrr'jg, 

1 Co. 11, 1, Eph. 5, 1. 1 Th. 2, 14; mipgaleilconds , ovf.i[.u(xrj%rig , Phil. 
3, 17; aUvaldands, navTO/.QcacoQ, 2 Co. 6, 18; gihands, dorr^g, 2Co. 9, 7; 
missataujands , TtaQaßaxrig, Gal. 2, 18; midumonds, fieokrjg, 1 Tim. 2, 5; 
merjands, y.rjQv^, 1 Tim. 2, 7, 2 Tim. 1, 11; fralevjands, nQndöxiqg, 

2 Tim. 3, 4; ufbriJccmds , vß()iGr}]g, 1 Tim. 1, 13. — pata anafulhano, 
Ttagadaaig, Mc. 7. 9; ßata gamdido , yQ^qi], Mc. 12, 10. 15, 27 n. ö., 
pcda gamdij), K. 10, 11 \ Jmi unhlmaltanai , az^oßvaria, Eph. 2, 11. 

In zahlreichen fällen war der gotische Übersetzer zu mehr oder 
minder weitläuftigen Umschreibungen genötigt, Avenn ihm zur widergabe 
eines griechischen wortes kein entsprechendes heimisches zu geböte stand ; 
besonders musten, da die griechische spräche zu Zusammensetzungen 
weit befähigter ist als die gotische , composita der ersteren sehr oft durch 
mehrere worte widergegeben werden. Diese Umschreibungen, soweit sie 
die participia betreifen, mögen in nachfolgender Zusammenstellung auf- 
geführt werden. 

ohyoTtiGTog, leitil gcdmd)jands, Mt. 6, 30. 8, 26; 6 -/.ay-oloyiov, 
saei uhil qipai, Mc. 7, 10; ÖLavvytTeQecwv , naht pairlwakands , L. 6, 12; 
dyaO-OTTOuov , pinp taujands, L. 6, 33; (.icr/.Qog, fairra visands, L. 15, 13; 
Eih/Midvog, hcüijo fidls, L. 16, 20; dsdr/.aico^ievog, garaildoza gataihans, 
L. 18, 14; ctjtoGwäyioyog, us synagogein usvaurpans, J. 12, 42; siQrj- 
vsvwp, gavairpi hahands , R. 12, 18; «tdwAoAar^jjc;, gcdiugam skalldnonds, 
1 Co. 5, 10. 11; ysyai-irf/xög , liiigam Jiafts , 1 Co. 7, 10 (hier war der 
zweck der Umschreibung wol nur der, die Vollendung der haudlung aus- 
zudrücken, yaiinTji' hätte Vulf. einfach durch Jiugands gegeben); i€q6^u- 
Tog, gaUugagudam gasal'tjis , 1 Co. 8, 10 , jKdei galmgam saljuda , 10, 19, 
galiugani gasalips, 10, 28; S-Qiafußsvcov , Jiropeigana ustaihijands , 2 Co. 
2, 14; aTTiov , aljar visands, 2 Co. 10, 1. 11; eQaßdt'oO-rjV , vandiim 
ushhiggvans vas , 2 Co. 11, 25; alrjd^evcov , siinja taujands, Gal. 4, 15, 
sunja gateihands , Gal. 4, 16; (f^oviov, in neipa visands, Gal. 5, 26; 
ezlTjQojdri/iuv , hkmts gasatidai vesimi, Eph. 1, 11; vntQßciDxov , nfaras- 
saii mihils, Eph. 3, 19; y.oajuoyqaTcoQ , fairlwu hahands, Eph. 6 , 12; 
avyyoivioviüv , gamainjana hriggands , Phil. 4, 14; ngcoreiiov , frumadein 
hahands, Col. 1, 18; elQrp>07tonqGag, gavairpi taiija^ids, Col. 1, 20; i^Qi- 
af.ißevGC(g, gahlaupjands hairhtaha , Col. 2, 15; ävd-QionäQtG/.og , man- 
nam samjands, Col. 3, 22; d^toöidayaog, at giipa uslaisips, 1 Th. 4, 9; 



(;ili:it DKN 8YNTACT. tJKHKAÜfll UKH rAUTICll'IA IM (inl. oO.O 

jittTQnXiorjg,, fttfiQohi'n^Q , (iffnn , (lijxin blluiiraiiils , 1 Tim. 1, 9; üvÖQCtnn- 
di'tnrjg, nifinuans (ja/iirdHds, l Tim. 1, ll>; (Jjiuiahjiv, vizonds in iizd- 
j((m , 1 Tim. T), i".; fntQu^oi/iavog, vcitvodi/xi huhamhj iTim. 5, 10; 
6 aiQaznXoytjaui; , sa Jxinnnci tlniKhiino , 2 Tim. 2, 4; oQi/mo/nojv , raih- 
tabu rodjandx, 2 Tim. 2, lö; ifilavTo^ , Htk frijonds, 2 Tim. .'5, 2 (wofür 
freilich in einer ramijj^losse dos cod. A. ^rinaUjulrns ^^eboten wird); a/.^u- 
r/yc;, lonjahubmuh slk , 2 Tim. :{, .'5; (pih'idnvoq (.udlnv ij ffi?.6i/tot;, fri- 
jo)ids riljan sri)i.((>n( niaia ptiu (Jiij) , 2 Tim. ',i, -l ; y.kyuQiKDiitvi^, toisfai 
anddhufta L. I, 2H, — ta oh. äri'/.oyi« wird K})li. 4, ö übersetzt durcli 
poci du paurftai ni fairrinnand , hier liegt wahrscheinlich die lesart der 
Itala: qiiac ad rem non pcrtinnd zu gründe; ebenso 1 Tim. 5, 10: iO.i- 
ßöuEvoQ, aiflons vi)i)iands, lt. fribidationein patinis. 

Zuweilen erscheinen neben solchen Umschreibungen auch einfache 
Wörter, so wird ?.€;rQng Mt. 8, 2 drnch prufsfill Jtabtinds, dagegen Mt. 11, 5. 
L. 4 , 27. 7, 22 durch /);v(^s////.s- gegeben ; dcuiiovi^nuevng Mc. 1, 32. 
J. 10, 21 durch unhidpon habands , aber Mt. 8, 16. 28 u. ö. durch dai- 
monarcis, Mc. 5, 15. 16 durch vods; lvay/.cthoctf.iEvog übersetzt Vulf. 
Mc. 9, 36 durch ana armins nmand>i , dagegen Mc. 10, 16 durch gapJai- 
ha)ids; hi)olioXt\ac(g Mc. 12, 4 durch stainam vairjuinds, aber thiyäo- 
d^rjv 2 Co. 11, 25 durch stamißs vas. nlöi] wird Mc. 5, 4 durcli cisarn 
bi fotnux (jidtwjtui umschrieben, L. 8, 20 steht statt de.ssen einfach fotn- 
biindi. Für aytoriZojuei'og steht 1 Co. 9, 25 saci Jiaifsfjan snivij), dage- 
gen Col. 1, 29. 4, 12 usdaudjands ; für o tioonoitov J. 6, 63 saci liban 
fanjip, dagegen 1 Tim. 6, 13 (jaqiujands; für avÖQnffovog, 1 Tim. 1, 9 
'»ia)niai(s maurjwjands , dagegen J. 8 , 44 für avd^qojnoy.TÖvog mana- 
maurprja; für ETTr/.ttloviievog 2 Tim. 2, 22 bidai anahaifands , während 
K. 10, 14 eTTr/Mlela&ca durch bidjan , 2 Co. 1, 23 durch anahaifan gege- 
ben wird. 2 Tim. 3, 6 heisst es: fralinnpana tiuhand qineina , cdyua- 
)mtIZovoi yvvui/x'cQiu , während K. 7, 23. 2 Co. 10, 5 cuyiicOMii'^tiv ein- 
fach durch fraliinpan Avidergegeben wiid. 

Selten ist der fall, dass griechische Umschreibungen in ein goti- 
sclies wort zusammeugefasst werden: h yaorgi tyior, qipuhaffs, Mc. 13, 17; 
zaxwcj s'xtov, unhaih, L. 5, 31 (dagegen da&evojv L. 9, 2, uQQiooiog 
1 Co. 11,. 30); (.dlhov releirav, svultavairprja , L. 7, 2; yoeiav eycor, 
parbs , L. 9, 11; y.cty.ov ttouöv^ nbiJfoJis , J. 18, 30; ro tr ffgoivh-Tcg, 
samafrapjai , Phil. 2, 2. 

Schliesslich ist noch zu erwähnen , dass zuweilen griechische adver- 
bia und adverbiale ausdrücke in gotische participia umgesetzt sind ; sel- 
tener komt es vor, dass gotische adverbia und adverbiale ausdrücke für 
griechische participia eintreten. Es sind diese adverbialen bestimmungen 



306 GERING 

meist Vertreter des appositiven particips, das seiner natur nach ihnen 
nahe verwant ist (vgl. unten nr. III.). 

pafuh-pan qipa gakimnands , tovto ds l&yco xara avyyvwf.irjv, 1 Co. 
7, 6. — ni viJjau aiik isvis mi pairJdeipcmcls sallivan, ov d^eXio yaq 
vf^iäq (xQTi €v Tiaqöduj Idslv, 1 Co. 16, 17. — saihvip ei miagands sijai 
af izvis, ßXe7t€T€ %va acpoßiog yart^rai jTQogv^iccg, 1 Co. 16, 10. — una- 
gandans vaurd gups rodjan, acpaßiog tÖv loyov rov ■d-eov laleiv, Phil. 

I, 14. — ujhausjaip paim hl IciJca frmijam, ni in angani sJcalJcinon- 
dans , vTtaxovers xoig xara oägy-a KVQi'oig, /^irj iv o(p-da?.f(odovl£iaig (doch 
hat bereits die Itala: nou ad ocidum servientes). — aviliudom gupa 
unsveihandans , er/c(QiOToT\u£v to) d^eo) adialst/itiog, 1 Th. 2, 13. — 
unsveibandans hidjaip , adialeiTcrojg nQooevxsod-e , 1 Th. 5, 17. — nih 
arvjo lilaif matidedimi, ak vinnandans arbaidai , naht jah daga vaurh- 
jandans, ovds dioQeav ciqtov scpdyo^icv , all' ev "/.onit) ycal /ii6x^(p, vv-zza 
y.(xl rjf.isQav sQyaUo/iisvoL , 2 Th. 3, 8.^ — Hierher gehört auch die stelle 
L. 3, 23: vas Jesus sve jcre prije tigive uf gahimpai, fjV 6 ^Irjoovg looel 
8TIÜV TQia-MVTa aQ^öf-ievog (vgl. GL. z. d. st.) ; ausserdem erscheint got. 
adverb für griech. appositivos particip nur noch wenige mal: aljajjro 
melja, ccTtiov yQd(fcü,.2 Co. 13, 2. 10. — aljajyro galiausjau, dntov cckovom, 
Phil. 1, 27. — triggvdba vait, TtenoLd-tog oida , Phil. 1, 25. 

Seltener stehen adverbiale ausdrücke an stelle attributiver oder 
prädicativer participia. In ersterem falle muss wol stets ein participium 
suppliert werden, wie in der Verbindung zcov hrtsQUav ccTtooTohov , 2 Co. 

II, 5. 12, 11, wo der Gote in der Übersetzung einmal wirklich das 
part. hinzugefügt: paim ufar mikil visandam apausfaulnni, , während er 
an der zweiten stelle dem griechischen texte wörtlich folgt: Jxiim ufar 
filu apaustaulum. — Ähnlich ist Mc. 1, 38 zu erklären; hier beruht 
der gotische text du paim Insunjane hainiom auf der lesart der hand- 
schrift D: dg tag eyyvg '/.a/.iag (die meisten andern haben eig rag lyo- 
liiyug). — Auch L. 1, 27: magapai in fragihtim ahm, nciQd^svov ffivt]- 
ocevf-dvrjv , ist wol visandein zu ergänzen , vgl. L. 2, 5 : sei, in fragiftim 
imnia vas qens , £/.ivrjOZ£v/idvr] avzo) yvvcu-Ai. — Ebenso ist wol J)ai))b hi 
leiJca fraajam, rdig xazd accQyca xvQinig, Col. 3, 22, nur eine seltene kür- 
zung statt paim hi leiJca visandam fraujam oder J)aim paiel hi leika 
fraujans sind. — Ganz anders ist dagegen vein m/ip smyrna, e:ö(.ivQ- 
viofievog ohog , Mc. 15, 23, aufzufassen; die präposition mip drückt nur 
die Verbindung der gegenstände aus , trägt also mehr den Charakter einer 
conjunction, daher wir hier ein part. nicht vermissen. 

Ij Massmann klammert vinnandans ein und setzt hinter arbaidai: jali acßon. 
Das lieisst doch wol über das erlaubte mass der textesänderun«' hinausgehen. 



i'lllKK DEN HYNTACT. (iKHUAUCll DKU l'AUTICU'IA JM (JOT. '.Hil 

Für i)rü(liciit,iv('s particii» (oder vcrhaliKljcctiv) hof^t'giieii adverbiale 
ausdrücke nur an lul^fcndon stellen: sokcijt sik us/cunpatui visan , Qi^ial 
avTog iv jittQQinii(f tlvai , .1. 7, 1. — inu tdre'uja sind müc yihons jah 
Idpons ni(f)s , aukiitfttXi^K-i yt(Q cu xuQLOi^uau xcd Ij xXi^aig zov ^tov, 
R. 11, 21». — ni luii/if Uli usiHiurjxti, ovdtv a/inßhjiov, 1 Tim. 4, 4. - 
all boko gudis/cai.vos ((/unaleinaifi, /cüoa yqcuft) Obojtvivaioi;, '1 'l'im. 3,16. — 
Mt. 8, M hat \'ull". den ^griechischen ausdruck dadurch iiraegnanter 
gemacht, dass er von zwei durch /.cd verhundenen particiiden das letz- 
tere in eine adverbiale bestinunung des ersteren umwandelte: (jasahü 
svdiliroii, ligandcin in. hcifotu, tldev rijv jcEvi)eQav ß6ßkrj(.ievtiv y.ul 7iv^ea- 
aovactv (vgl. jedoch unten nr. IV.). 

Nach dieser allgemeinen Übersicht können wir nun zur betrachtung 
der syntaktischen lunctionen des particips übergehen. 



n. 

Tu attril)uti ver function tritt das particip zu einem Substantiv, 
substantivierten adjectiv oder pronomen, um demselben eine feste eigen- 
schaft, ein charakteristisches, miterscheidendes merkmal beizulegen. Steht 
das nackte particip neben dem nomen, so vertritt es ganz die stelle 
eines adjectivs (daher auch häufig gotische participia statt griechischer 
adjectiva und umgekehrt sich finden); der verbalen natur ist es näher, 
wenn es noch abhängige casus oder adverbiale zusätze zu sich nimt: in 
diesem falle werden wir es nhd. meist durch einen relativsatz Avidergelien 
müssen. — Die Stellung des attributiven particips ist verschieden , je 
nachdem das nomen mit oder ohne artikel steht und je nachdem das 
pari durch zusätze beschwert ist oder nicht. 

1. Das nomen steht ohne artikel. 
a) Das nackte i>articip steht gewöhnlich hinter dem nomen. 
zu welchem es gehört: cidfos vUvandiuis , liy.oi aQ.rayeg, Mt. 7, 15; 
handvjan gatarhidana, dtoi.iinv syn'ar^ftnv, Mt. 27, IG; Jamba gavalida, 
arietes clccti, Neh. 5, 18; gu/ia unhauranamma , deo non gcnito, Skcir. 
Vc. — Mt. 8, 17. 27, 9. Mc. 4, 9. 9, 17. 18. L. 1, 17. 2. 34. 

3, 4. 17. 7, 2. 15, 7. 17, 24. 18, 43. J. 0, G9. 7, 38. 19, 2. E. 9, 
5. 2G. 10, 19. 13, 1. 1 Co. 1, -3. 7, 12. 13. 9, 9. 13, 1. 2 Co. 3, 3. 

4, 4. 6, IG. 7, 10. Gal. 5, 2. Col. 1, 15. 1 Tim. 3. 15. 4, 10. 5, 18. 

Seltener steht das attributive part. vor dem nomen : in ainis idrei- 
gondins fravaurJdis , i/tl kvl afiaQVcohJJ j-ieravooivTL , L. 15, 10; lihands 
aUa, tiov naTrjQ, J, 6, 57; qens at lihandin ahin gahundana ist, tiTj 



308 GERING 

CiovTi cti'ÖQi daö&TCd , R. 7, 2; armandins gups, tov fXeovi'Vog Ssov, 
R. 9, 16; (jdJiulidamma liaiihida, vclato capite,'^ 1 Co. 11, 4; andhidi- 
damma haubida, oLv.axa%a.'kv7i%io tfi y.£(faXfj, 1 Co. 11, 5; inliuhtida 
aiigona, TrecpcoTia/iievovg rovg ncpS-aXinovg, Epli. 1, 18; arhaidjands air- 
J)OS vaurstvja , tov ■üortuovxa yewQyov, 2 Tim. 2, 6; slavandein ald, ^]qe(.iov 
ßiov, 1 Tim. 2, 2; galaubjandans fraiijans , niöTovg deoTtorag, 1 Tim. 
6, 2; unliugands gup, o c(iii€vdt)g daog, Tit. 1, 2. — Durch diese vor- 
anstellung erhält das part. einen gewissen nachdrack , oft scheint auch 
der gegensatz zu einem andern, entweder wirklich nachfolgenden oder 
bloss gedachten, attribut dadurch bezeichnet zu werden. (Vgl. 1 Co. 11, 
4. 5). 

Treten mehrere participia oder adjectiva, sei es asyndetisch, sei 
es durch jali oder aippau verbunden, als attribute zu einem Substantiv 
(substantivierten adj. oder pron.), so stehen sie immer hinter demselben: 
ahran urrinnando jali vaJisjcmdo , '/.äqnov avaßaivovva ytal av^avo^ievov, 
Mc. 4, 8. — Jcelikn miküata, gastravip, manvjata, dvdyaiov fiiya, 
eoTQwiLisvov, fToi/iiov, Mc. 14, 15. — gataili paim mip imma visandam, 
qainondam jali gretandam , dnriyyeiXs rolg f.i£z' avTOv yivoiiivoig , tisv- 
d^oloL y.al xlaiovai, Mc. 16, 10. — mitads goda jaJi ufarfuUa jali gavi- 
gana jah ufargutana , /uezQov xaXnv nETtLEOf.iivnv , aeoalev/nevov , vtteq- 
Ey.yvvvofiEvnv, L. 6, 38. — o Jcuni ungalaubjando jah invindo, to ysvEd 
dnioxog v.al di&OTQa/iifih'rj , L. 9, 41. — sAxilJc arjandan aipj)au lialdan- 
dan, doülnv agnTgitovra )] noi^ialvnvTa , L. 11, 9. — lukarn hrinnando 
jah vahsjando , 6 ).vyyhg 6 -/Mtofievog Y,id q^cuvcov, J. 5, 35 (Skeir. VI a). — 
managein ungulauhjandcin jah andstandandein , Xaov dnEii^olvTa %m 
dvziXeynvTa , ß. 10, 21. 

b) Ist das attributive particip durch abhängige casus, ad- 
verbiale oder prädicative zusätze belastet, so steht es immer 
hinter dem nomen: all hagme ni taujandane akran god, näv dtvÖQov 
f.irj nniovv xdQ7cnv y.al6v , Mt. 7, 19 und ähnlich L. 3, 9. — niatina im 
hahands uf valdufnja meinwnma gadrauhtins, homo sum habens suh 
potcstatem meam milites,^ Mt. 8, 9. — gamunda Paitrus vaurdis Jesuis 
qipanis du sis, hivrjod^r] b TltTQog tov Qrj^iarog Ir]aov slgiyKOzog aiz(p, 
Mt. 26, 75 (da dem Goten ein praetcritales part. act. fehlt, so- hat er die 
construction passivisch gewant.) — managei harjis himinahundis , ha.z- 

1) Diese lesart der Itala liegt eiitacliicden der got. Übersetzung zu gründe. 
Das griech. original liest: y.aiä xtqaXiig f/jov. 

2) So lautet die stelle im cod. Brixiauus, nach welcliem hier, wie oft, der 
got. text geändert. zu sein scheint. Vgl. Bernhardt, krit. Untersuchungen über die 
got. bibelübersetzung , I, (Meiniugen 1861) p. 13. 



ÜHKIl I)1:N SYNTACT. (iEÜXUtCIl Dlill I'AUTICII'IA IM (ii)T. '.iO[) 

jidtdinir i/hJ» jali (jifxituhmv , nXrjiyng aiQctTiCti; niQcmnv alvovvciitv tov 
^wy Kid Xtyni'Tiov , L. 2, i;j. — ull la'nic in inis unliunanddiw (ikrun 
f/o/t,^ 'luv y.lijiiu ti> inoi iti) (ftQov /.(((junr, ,]. la, 2. — liaibaikka us 
ahumuHd (idliiirjd Imhtuuhi , lirbccca ex toto co)icti(fitu hahcns,- H. 'J, 10, — 
bunid uflKiKsJandoiKi tiiip alUii anav'djcin , /ilius subditus cum omni 
castitate,^ l Tini. .i, 4, — qcns in vaurstvam gudaim vcitiwdipn liuban- 
dvi , in ojitribus bonis tv.stimoniam habcns,^ 1 Tim. 5, 10. — nasjands 
., sUbd (janiHdci visands, stdvator .. ipse iiistitia t'xiütais , Skeir. I a. — 
Mt. H, 2. 2S. <J, 2. 20. ;U>. 11, 7. 8. Mc. 2, 3. 3, 1. 5, 4. 25. 7, 1. 
i), 7. 17. 11, 1.!. 11. 13. 51. IG, 5. Le. 1, 11. 2, 5. S. 23. 4, 33. 
f., 4S. 7. 8. 11. 24. 25. 8, 32. 43. l), 10. 35. 02. 15, 13. 10, 20. 
18, 2. l'J, 2. 22. 20, 28. J. 7, 50. ü, 11. li. 7, 23. 'J, 22. 12, 1. 
13, 4. 0. 1 Co. 11, 4. 2 Co. 1, 22. 2, 12. 3, 2. 3. 7. 1<>, 5. 11,9. 
(Jal. 4, 4. 24. Eph. 1, 21. 4, 14. 5, 27. 2 Th. 1, 8. 3, 0. 1 Tim. 2, K'. 
2Tim. 1, 10. 2, 4. 15. 21. 3, G. 8. Tit. 1, 14. Skeir. 111 c. Vlh. 
(V vgl. über diese stelle unten nr. IV.). 

Die einzige ausnalime gegen diese Wortstellung findet sich 1 Tim. 
G, 5, wo der griechische text das vorbikl gab: fruvardidaizc manne ahm, 
hmjjandane , diefpd^ctq^dvnn' arOgioj-nov tov vovv zrA. , wo man manne 
fravardidaizc altin erwartet hätte (vgl. 2 Tim. 3, 8). 

2. Das uomen steht mit dem artikel. 
Hier sind vier fälle möglich: 
a) Den engsten anschluss des attributs au das uomen muss mau 
dann anerkennen, wenn jenes vor diesem und der artikel vor beiden 
steht: managet leiJca Jnze ligandane veihaize urrisun , nnXXct ow^iaTa tcov 
'/.t/.niii)]i^tivojv ayt'wv riytQd^tjoav , Mt. 27, 52. — sa haitana Barrabas, 
() ?.£y6fiai'ng B. , Mc. 15, 7. — Q^Ogip afar pamma fraJnsanin (seil. Jam- 
ba), TTogevezai e/ri in dnoholög (rrgoßarnf), L. 15, 4. — pos afJifnan- 
deins drauhsnos, za Trsgioaevaarra yjMO/iiara, J. G, 12 (Skeir. VII d.) — 
po visandana (seil, raldufnja), ai ovoai (J'^nvoiui), K. 13, 1. — J^izai 
bishabanon (seil, (jcnai), rjj l^L'Qrif.ievij (yvvar/.i) 1 Co. 11, 5. — pana 

1) Dies epithetou . welches sicli an ilieser stelle in keiner griech. und lat. 
bandschril't findet, ist wol aus Mt 7, 19 und L. 3, 9 in den text eingedrungen. Dies 
streben, die parallelstellen auch dem Wortlaute nach gleich zu machen, hat viele 
änderuugen in den bandschiifton veranlasst, vgl. Tischeudorf, praef. der ed. crit. 
niaior (Lips. 1859) , p. XXXIl ; Bernhardt , krit. unters. I, 7. 

2) So die lesart der it. vg., welchen der got. text folgt. Die griech. handschr. 
lesen: (§ iroi xoniii' 'i/ovou. 

8) So die lesart der it. vg. Die gi'iechischen handschr. haben Tixra f/oirct h 
imoTayri xtX. 

4) So die lesart der it. Die griechischen handschr. haben /accQTVQovuät'rj. 



310" GEKING 

faura(jnhaitanan aivlaugian, rrjv 7rQ0/.aTrjyyeXf.ievr^v evXoyiav, 2 Co. 9, 5. — 
in Jnzos unusspillodons is gibos, eTit ti] dv£-A.dirjyijT(o airdv dcoQsä, 2 Co. 
9, 15. — Jrlse gavalidane aggile, rwv exIsktiüv dyyehov, 1 Tim. 5, 21. — 
in pizc ufslitqjcmdane gal'mgäbrojwc , diä lovg no.QEiodxrovg xpavdaöel- 
(fovg, Gal. 2, 4. — ])0 imfairlaistidon gahehi, zov avt^iy^viao-cov nlöv- 
rov, Eph. 3, 8. 

Die bisherigen beispiele wiesen alle das nackte particip, doch sind 
auch die fälle, wo es durch zusätze beschwert ist, ziemlich häufig: U 
Jws gafuUaveisidons In uns vaiMins, ^regl tlov it€7rXijQOffOQrjf.iavcjv h> 
^l-uv TtQay/iidTwv , L. 1, 1. — du pizai afarlaistjandein imma managein 
qap, T(7) c(y.olovd^ovvTi avxuj oyho sittsv, L. 7, 9. — qap du paim galanh- 
jandmn sis Judaiimi, l'leyev ^rgög xovg 7r£7riaz£vy.6Tag avrw 'lovdaiovg, 
J. 8, 31. — pis sandjandins mik äff ins. xov 7r£f.iipavT6g /iis nccvQog, 
J. 14, 24. — so hauandei in nüs fravaurhts , rj ol'MVGa ev ifioi d/naQTia, 
E. 7, 17. — sa taujands po manna, 6 7Ton]aag avxd dvd-Qco/cog, K. 10, 5.— 
sa gapvastjands unsis mip isvis in Xäü jah salhonds uns gup , o ßaßauöv 
rji.iag . . x«t yQiaag ti/iiag ^£6g, 2 Co. 1, 21. — paim ufar miJdl visan- 
dam apausfaidum^ nov iTrEgliav djTOOzohov , 2 Co. 11, 5 (dagegen 12, 11 
paim ufar ßu ajxiusfaidiim, vgl. oben p. 13). — pis in mis rodjan- 
dins Xaüs , rov hv i/twl XalovvTog Xqiotov, 2 Co. 13, 3. — in pamma 
insviiipjandin miJc Xau, sv tio svdvva^iovvTi fi£ XQiar(f) , Phil. 4, 13 und 
ähnlich 1 Tim. 1, 12. — hi paim faurasnivandam ana puk praufefjam, 
v.cad zag jrQoayovoag ini oe iTQOcp^TEiag, 1 Tim. 1, 18. — pana iupa 
hriggandan in piiidangardjai gups vig, sursum ducentem in regnuni dei 
vimn, Skeir. IIa. 

Auffallend ist es, dass einigemal das part. von der zu ihm gehö- 
rigen präpositionalen bestimmuug durch das subst. getrent ist, doch 
gieng überall der griechische text mit der gleichen Wortstellung voraus: 
so qimandei pitidangardi in namin äff ins unsaris Daveidis, t] iQxofiivr] 
ßaail£ia iv ovofiaTi zov TrazQog i]/iudv JavEid , Mc. 11, 10. — sa qimanda 
piiidans in namin fraujins , o eQyouevog ßc(ai?^£vg £v ovo^iazi y.vQiov, 
L. 19, 38. — gap du paim afgaggandeim inanageim daupjan fram sis, 
el£y€v zolg ixTiOQEvo^uvoig oyloig ßanzio-d^ijvcu vtz' avzov, L. 3, 7. — 
Auch 2 Co. 7, 6 hätte man eine andere Wortstellung erwartet, als die 
nach dem griechischen original beibehaltene : sa gaplaihands linaividaim 
gaprafstida uns gup, 6 naQaxahov zovg zajiEivovg naQ£xdX£0£v tjfiäg o 
■O-Eog. Ist viellciclit ^a gaplaihands substantivisch zu fassen? 

b) Der artikel tritt vor das nomen, Avelchem das attribut ohne 
artikel folgt: mir sind nur zwei beispiele aufgestossen : pata havi haip- 
jos himma daga visando jah gistradagis in auhn galagip, zov xoqtov 
zov aygnv o/^/lieqov orzct vxd avQiov Eig y.lißarov ßa)Jj')f.i£vov, Mt. 6, 30. — 



ÜJJRH DKN HYNTACT. (iKIlUAl.CII r)i:K l'AUTICIl'IA IM (iOT. .'»11 

pai Jüircisaicis fniliKfriluii vlsaiuldus , oi <hu{inhäin <f ih't{iynt(n oiit<^ 
L. 16, 14. — In der ersteu stelle kömion ül)ri<,'i'iis diu juirtifipia auch 
appositiv aufgefasst werden: das gras, obwul es nur heute stellt und 
morgen schon in den ofen geworfen wird. 

c) Der artikel tritt vor das nonien und wird vur dem nachlblgen- 
den attrihut widerholt: Jiai vaidcdjans jxii inipushramldana ininia, o'i 
Xt]accu Ol aiyi}iai'Qotl}ii'rei^ aho/, Mt. 27, 44. - gup du Jxininia mann 
J)iuu>na ydjtaursiuia h<tbaudiu liuiidu , ?Jy€i rö) dv^()itj7i(ii, iw f^^ifjunjui- 
vi^v txüVTu 'it)v xü(iii., Mc. 3, 3 uud ähnlich L. (">, H. — Mc. 4, lö. 0, 2. 
y, 42. 15, 28. 39. L. 4, 22. ü, 32. IS, 7. .). G, 27. lOph. 1, 1 (und 
ähnlich 2 Co. 1, 1.) 4, 24. 2 Th. 2, .'j. 4. 

d) Am häufigsten ist der lall , dass das nonien selbst den artikel 
nicht zu sich nimt, sondern dass dieser allein vor das nachfolgende attri- 
hut tritt. Diese Wortstellung werden wir als echt gotisch., bezeichnen 
können, da sie nur, wenn das attrihut an einen eigennamen tritt, bereits 
im griechischen original, das die Stellung c) am häufigsten anwendet, 
vorliegt, also meistenteils selbständig augewant worden ist. iiesonders 
ungern scheint der Übersetzer den artikel direct hinter eine präposition 
zu stellen. 

vigs sa hrigganda in fralustai, ij odog t] a/rdyocaa elg rt-v dnai- 
Xeiav, Mt. 7, 13. — maldais pos raurJja)ions in izvis, ai dwccfuig cd 
yEv6f.ievai sv ty^ä', Mt. 11, 21 und ähnlich 23. — in aldaim paim ana- 
gaggandcim , tv rnig cuvjolv colg hreQyoiitvoig, Eph. 2, 7. — hi gibai 
anstais Jjizai gibanon mis , '/.axu Tr)v dtogeav t/]c; x^Qii^og zrjv öod^üauv 
l-ioi, Eph. 3, 7. - Mt. 7, 14. 9, 8. 25, 41. 27, 3. Mc. 3, 22. 8, 38. 
y, 43. 45. 47. 16, 6. Lc. 1, 19. 2, 15. 21. 6, 15. 7, 32. lU, 11. 
14, 24. 15, 6. 23. 16, 21. 18, 30. 20, 20. 46. J. 6, 14. 27. 41. 
51. 9, 40. 11, 27. 31. 42. 45. 12, 20. 15, 25. 18, 2. 5. K. 9, 23. 
30. 16, 22. 1 Co. 11, 24. 15, 54. 2 Co. 1, 1. 8. 9. 2, 14. 5, 18. 
8, 1. 19. 20. dal. 2, 9. 20. 4, 27. Eph. 1, 11. 2, 2. 3, 9. 20. 
4, 18. Col. 3, 10. 4, 10. 12. 1 Th. 2, 14. 1 Tim. 1, 4. 2, 5. 6. 
6, 13. 2 Tim. 1, 9. Skeir. III b. — Hierher ist auch zu rech- 
nen die stelle Skeir. IV a: rij)an nu siponjani scinaim paim bi svik- 
nein du Judaium sokJa)ulam Ja/i qipandaui sis: Uabbei, saei vas mip 
pus liindar Jaurdanau , pamma pu veitvodides, sai sa daupeip jah 
allai gaggand du imma, nauh unkunnandans JiO bi nasjand, inuh pis 
laiseij) ins qipans: jai)is skal vahsjan, ip ik minznan. Massmann und 
Lobe ^ fassen die werte siponjam — qijximlani mit unrecht als dat. 

1) Beiträge zur textberichtiguiig und erklärung der Skeireins vou dr. J. Lobe. 
Alteuburg, 1839. 8. 



312 GERING 

abs. , denn in diesem falle müste Jxmn entweder ganz fehlen oder vor 
sipoujaw stehen. Es ist vielmehr ein anakoluth anzunehmen; der Ver- 
fasser beabsichtigte zu schreiben: siponjam seinaini qaji, wurde aber 
durch die eingeschobene directe rede {Bahhei — imma) aus der construc- 
tiou gebracht, was das ausser jeder Verbindung stehende nnJcnmiandans 
zur genüge beweist. Der hauptsatz folgt erst in den worten : inuh Jns 
laiseip ins qißands. — Ferner ist eine stelle hierher zu ziehen, wo zu 
anpar, das hier entschieden substantivische geltung hat, ein attributives 
particip tritt: ei vairpaip anparamma pamma us daupaim usstandan- 
din, slg rö yevead-ai vf^iäg irtQoj toj s/. veycQcov syeQd-avTi, E. 7, 4. 

Was nun den unterschied zwischen allen diesen Stellungen anbe- 
trifft, so ist zu merken, dass derselbe nur ein gradueller ist. Besonders 
eng ist die Verbindung zwischen nomen und attribut, wenn dieses ohne 
artikel unmittelbar neben jenem steht, oder wenn artikel und attribut dem 
nomen vorausgehen. In den andern fällen ist das attribut dem nomen 
gleichsam nur lose angeschoben und trägt oft selbst geradezu substan- 
tivischen Charakter. So ist es möglich, dass ein Substantiv mit mehre- 
ren attributen in verschiedener weise verbunden sein kann, das eine steht 
z. b. mit dem artikel vor dem Substantiv, das andere folgt mit dem 
artikel nach , vgl. Eph. 4, 24 : gahamop pamma niujin mann pamma hi 
gupa gasJcapanin. 

Zuweilen verschmilzt auch das Substantiv mit dem attribut zu einem 
einzigen begriff, welcher dann neue attribute erhalten kann: manne fra- 
vardidaise aliin, hugjandane faiJmgavaiirhi visan gagudein, 1 Tim. 6, 5. 
Statt des Substantivs begegnet einmal der artikel als Vertreter des 
griechischen ovxog, woran sich dann ein zweiter artikel mit attributivem 
part. anschliesst : aij)ei meina jah hroprjus meinai Jmi sind pai vaurd 
gups galiausjandans jah taujandans , iiü]T)]Q f.inv -aal aöekcpoi f.iov oixoi 
eioLv o\ rov Xöyov rov Ü^eov dy.ovovTeg v.al Tcoiovvreg, L. 8, 21. 

Das attribut muss mit dem nomen , zu welchem es gehört , in glei- 
chem genus, numerus und casus stehen. Doch kann das zu einem col- 
lectiven Singular tretende attribut im plural stehen: managei harjis himi- 
naJcundis, hazjandane guj) jah qij)andane, L. 2, 13. — Nach dem sinne 
construiert ist J. 12, 20, wo der gotische text vom original etwas 
abweicht, ohne dass der grund oder die quelle der änderung zu erken- 
nen ist : sumai piudo pize urrinnandane , xivsg '"ElliqvEg ex riov avaßai- 
vövTcov (vgl. zu d. st. Grimm, gr. IV, 586.**). 

Was den gebrauch der starken und schwachen formen des particips 
betrifft, so ist bekant, dass das part. praes. mit ausnähme des nomina- 
tivs, der sogar nach dem artikel häufig in starker flexion steht, nur 
schwach decliniert wird. Das part. praet. ist dagegen in seiner Stellung 



( IIKK ni'.N HYNTACT. (i KIIUAICII HKK l-AHTKIIIA IM (iltT. .'tl.'t 

als uttiiliul iliircliaus vom ariikcl aliliänoijr ; es steht in starker form in 
Jen unter 1 und 2 b) besprochenen rällen, in den üljrigen, d. h. stt^ts wenn 
(h^r arlikcl uiimittclliai- vor dasselbe tritt, in schwacher.^ 

IläuH}( vertritt im ^^otischen ein relativsatz griechisches attributi- 
ves particip und zwar geschieht dies meistens dann , wenn im original 
ein part. praet. act. vorlag oder wenn der Gote es für nötig hielt, grie- 
chisches part. praes. durch das praeterituni zu ü])ersetzen. In anderen 
fällen ist der grund der änderung schwerer zu entdecken: zuweilen hat 
jedoch offenbar das streben nach abwechslung in der constructiou den 
Übersetzer dazu veranlasst. (Vgl. (iL. II, 2, 289.) Namentlich scheint 
es der Gote nicht geliebt zu liaben, zwei attributive participia, die durch 
Zusätze beschwert sind, asyndetisch neben einander zu stellen, vielmehr 
löst er gerne eins davon durch den relativsatz auf. (L. 2, .'3. 2 Tim. :}, 6.) 

afta peius saci saihvip in fuü/snjd , 6 /razi'jo anv o ßXtiiiov fp tot 
y.QvnT(?}, Mt. 6, 4. G. 18. — sa i,'>f llclias saci sJiuldn qiman, aiing 
eoTiv 'Hliag 6 (.dlhov tQxeoi^cd , Mt. 11, 14. — Fareisaius saci haihaif 
ina, h (Pa^iaalng 6 xaleaag aviöv, L. 7, 39. — yif niis sei undrinnai 
mih dail aujinis, dag /.loi to hnßdXXov /itni /iitQog Tiig ovGiag, L. 15, 12 
(die bitte klingt in der gotischen fassung bescheidener, was durch die 
anwendung des optativs bewirkt wird). — sums skalke sah nipjis vas, 
elg ix zidv önr?uüi> avyyev^g wv, J. 18, 26. — sei' hauip in mis fra- 
vaurhts, i) ol-KOvaa ev efiol a/nagria, R. 7, 20. — giip isei (jajj/ujjida 
uns, d^eog b evloy)]aag ^f.iäg, Eph, 1, 3. — qineina afhlapana fravaurli- 
tim, J)oei fiiüianda du lustum missalciTiaim, yvi'cwmQia aeoioQsrueva 
af.iaQTiaig, dyöfitva esn^v/niaig /ior/J?xag, 2 Tim. 3, 6. — viduvo gaval- 
jaidau ni mins saihstigum jerc sei vesi ainis ahins qens , XVQ'^ y-avale- 
yfod-io fn) llctTTOv hiov f$i/.orTa yeyorvla h'og dvdQog yvvrj , 1 Tim. 5, 9 
(dem got. text liegt avoI die lesart der Itala: quae fucrif zu gründe.) — 
M. 15, 41. Lc. 2, 5. 17. 8, 2. 10, 23. 15, 30. 19, *27. 29. 20, 27. 
J. 1, 29 (Skeir. Ib.) 5, 37. 45. 6, 22. 33. 44. 50. 58. 7, 50. 8, IG. 18. 

11, 2. IG. 33. 12, 4. 12. 17. 29. 49. 14, 10. 18, 14. R. 9, 5. 11, 22. 

12, 3. 1 Co. 12, 22. 15, 57. 2 Co. 1, 4. 19. 4, 6. 8, 16. Gal. 1, 1. 1. 
2, 9. Eph. 3, 2. 4, 6. Phil. 4, 7. Col. 1, 8. 12. 23. 25. 26. 29. 2, 12. 
4, 11. 1 Th. 2, 12. 15. 4, 5. 8. 5, 10. 2 Th. 2, 16. 1 Tim. 5, 5. 
6, 5. 16. 2 Tim. 1, 9. 10. 14. 2, 26. 4, 1. 

Zum schluss ist noch zu erwähnen, dass in der dii-ecten anrede 
die attribute nicht wie im griechischen durch den artikel, sondern durch 

1) Einzige ausnähme gups ungasaüivanins , 2. Co. 4, 4, dalier wol in unga- 
saihvanis zu ämlern. Das epitbeton ist übrigens ein zusatz des walirsclieinlich jün- 
geren cod. B uud feblt im cod. A , sowie in den griecli. haudscbriften. 



314 GEKING 

das prouomen personale an das Substantiv angefügt werden: Jm Kafar- 
naum pu und Jiimin usliaudiäa, ab Kaq^aQvaovf.i rj e'iog ovqavov vipco- 
d-elaa, Mt. 11, 23; pu Kafarnaum, pu ushauJiido, L. 10, 15. — pu 
alimapu mirodjands jah hauj)s, to 7rvev^ia to akakov -/.cd -/xocpov, Mc. 9, 25. 
Was den hier erscheinenden Wechsel zwischen starker und schwacher 
flexion betrifft, so ist die regel, dass im vocativ die letztere angewant 
wird. Es finden jedoch zahlreiche ausnahmen statt, vgl. Mc. 15, 29. 

Aus dem attributiven gebrauche des particips leitet sich die Sub- 
stantivierung desselben her. Ursprünglich ist das pari entschieden 
nur adjectivisch gebraucht worden, d. h. es hat stets der anlebnung an ein 
subst. bedurft. Dieses wurde zunächst fortgelassen, wenn es kurz vor- 
her in demselben satze stand, die beziehung des attributs also nicht 
zweifelhaft sein konte, z. b. Mt. 5, 32: hvazuh saei afletip qen .. tau- 
jip po Jwrinon, jah sa ize afsatida liugaip, liorinop. Mc. 7, 2: 
gamainjaim handum, paf-ist unpvahanaim. L. 15, 4: livas manna 
.. aigands taihuntehund lamhe jah fraliusands ainamma Jy'ize, niu 
hüeipip p>o niuntehund . . jah gaggip afarpamma fralusanin? R. 13, 1: 
nist valdufni alja fram gupa, po visandona fr am gupa gasatida 
sind. 1 Co. 11, 5: hvoh qinono hidjandei .. andlmlidamma haubida 
gaaiviskop haubip sein, ain auk ist jah Jjata samo pisai hishahanon. 
1 Tim. 4, 10: ist nasjands allaize manne, pishim galauhjandane.^ 

Ein weiterer schritt war es, wenn ohne vorausgang eines uomens 
selbständige participia gesetzt wurden. Anfangs schwebte wol noch 
immer ein leicht zu ergänzendes subst. wie manna, qens in gedanken 
vor, bis schliesslich auch dies aufhörte und das part. nicht mehr allein 
eine eigenschaft, sondern auch zugleich den träger derselben bezeich- 
uete. So wurde es auch möglich , dass das ins ueutrum gesetzte part. 
allgemein einen mit dem begriff des verbunis behafteten gegenständ 
anzeigte. Endlich nahmen eine reihe von participiis praes. ganz concreto 
bedeutung an und traten, auch äusserlich dies bekundend, zur substan- 
tivischen declination über, wobei sie jedoch die fähigkeit, mit adjectivi- 
scher üexiou adjectivisch gebraucht zu werden, nicht aufgaben. Den 
meisten freilich blieb diese vollständige Substantivierung versagt, sie 
sind auf der zweiten stufe stehen geblieben. — Das part. praet. behält 
stets adjectivische flexion. 

Die vollständig substantivierten part. praes. haben die kraft, den 
casus ihres verbi zu regieren , verloren und können ein abbängiges nomen 
nur im genetiv zu sich nehmen. Sind sie dagegen adjectivisch flectiert, 

1) Schwieriger ist es schon Eph. 2, 1 zu namnidun das subst. zu entdecken, 
doch ist hier wol ohne zweifei piudai zu ergänzen. 




iliKU DKN SVNTACT. fiKIlBAUCir DKU PAUTKll'! A IM (.f)T. 315 

SO sind sie durchaus iiii deu casus ihros verbi gebunden uinl dürfen Itei- 
niMi gonetiv regieren.' Dagegen findet sich der genetiv einmal bei dem 
pari. ])raet., wo er an stelle der praeji. fitun c. dat. steht: vairJuDul 
ullai laisidai (Jh/is, hioviui /idyieg dida/.col 'fear, J. H, 45. 

Die vorkomnienden substantiviscli flectierten participia sind fol- 
gende: fijanch, hJ^Q^'i^ Mt. 5, l.'i. t4 u. ö. ; frijonds, (ft/.<ig, Mt. o, 47. 
11, 19 u. ö.; bisifduds , jieQtoixnc;, L. 1, 58. Mc. 1, 28 {and allam bisi- 
tands, €ig olrjv tijv jiegixioQOv). L. 4, 14 (and all <javi bisitandc bl ina, 
y.ad-' oX)]g Tfjg ntqiy^wQov rtQi airov); nasjands, awxrjQ, L. 1, 47. 2, 11, 
Skeir. la. c. ; ialsjandx, l;inucnijg, L. 8, 24. 9, 49 u. ö. ; daujtjands, 
(ia/fZiOTt'jg, Mc. 8, 28. L. 9, 19; (jibands , doTrjg, 2 Co. 9, 7; midu- 
monds, fieahijg, 1 Tim. 2, 5; fravdtands , l'/.dr/.og, 1 Th. 4, 6. — Ob 
auch merjands , ySjQr^, 1 Tira. 2, 7. 2 Tim. 1, 11; saiands, 6 oitdQiov, 
Mc. 4, :{. 14. L, 8, 5; fraisands, 6 neiQaCcov , 1 Th. 3, 5 und airzjands, 
7rh'o'og, Mt. 27, 63 hierlier zu ziehen sind, ist zweifelhaft, da sie nur 
im nominativ belegt sind und keinen abhängigen casus bei sich haben. 
Dagegen sind gardavaldands, oly.odeoTC&irjg , Mt. 1»J, 25. L. 14, 21 und 
aUvaldands, jiavTny.QazcoQ, 2 Co. 6, 18, entschieden substantiva, die jeden- 
falls erst als participia componiert worden sind , also nicht etwa vou 
verbis gardavaldan und allvaldan abgeleitet werden dürfen. 

Die meisten dieser participia kommen auch in adjectivischer flexion 
vor (sogar wenn nichts die substantivische gehindert hätte): fijands 
L. 6, 27 {vaila taaja'ul J)aim fija)ida>n izvis , y.alwg /roielre xoig ^tiGoZ- 
oiv vf-iäg); frijonds, 2 Co. 12, 15 Gal. 2, 20. Skeir. Va u. ö. ; bisitands, 
L. 1, 65 {varp ana allaim agis fiaim bisitandam ina, iyivezo i/rl ndv- 
r«g cpößog Toig 7r€Qior/.oh'TC(g avrov);^ nasjands, 2 Tim. 1, 19; tah- 
jands, Col. 1, 28. 3, IG. 2 Tim. 2, 25; daupjands, Mt. 11, 12. L. 7, 
28 u. ö.; merjands , Mt. 9, 35. Mc. 1, 39. L. 8, 1 u. ö. ; fraueitands, 
K. 13, 4; saiands, 2 Co. 9, 10; fraisands, L. 10, 25. Mc. 8, 11 u. ö.; 
airzjands, 2 Co. 6, 8. Nur substantiviscli flectiert kommen also bloss 
gardavaldands , aUvaldands und midumonds vor, von denen die beiden 
letzten überhaupt nur einmal belegt sind. 

Wie gesagt haben nicht alle participia praes. die fahigkeit, substan- 
tivische flexion anzunehmen. Oft'enbar ist es eine stark in die äugen 

1) J. Grimm befindet sich daher im irrtum , wenn er fgr. IV, 5G0) meint, dass 
man Mc. 15, 29 (o sa gatairands po alh juh (jatimrjands po) den substantivisch 
gebildeten voc. gatairand, gatimrjand hätte erwarten müssen. Diese formen wären 
hier geradezu unmöglich. 

2) E. Schulze irrt also, wenn er (im glossar s. v. bisitan) sagt, dass hisitauds 
nur substantivisch nach menops dccliniere. An dem casus , der in der citierten stelle 
steht, lässt sich die adjectivische tlexion freilich nicht erkennen, wol aber beweist 
der abhängige accusativ ina, dass nur diese angenommen werden kann. 

ISEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIK. V. BD. 21 



316 GERING 

fallende eigenscliaft (frijonds, fijands) oder eine tätigkeit, die durch fort- 
dauernde ausübuug zum beruf oder amt wird {nasjands, taUjands, datip- 
jands), welche die vollständige Substantivierung und Individualisierung 
des part. veranlasst; gaggands, slepands könten nie substantivisch flec- 
tiert werden. — Eine notwendigkeit , die participia substantivisch zu 
flectieren, wenn sie ein amt, einen beruf usw. bezeichnen, ist übrigens 
nicht vorhanden, namentlich komt die adjectivische flexion häufig vor, 
wenn das part. mit dem artikel einem subst. attributivisch beigefügt 
wird: Joliannis pis daupjandins , Mt. 11, 12. Jolimme Jmmma daup- 
jandin, Mt. 11, 11 usw. Dagegen ist der acc. sing, nur in substantivi- 
scher flexion belegt: Johannen Jmna daujyjand, Mc. 8, 28 u. ö.^ und 
wenn die participia mit dem pron. possessivum verbunden sind, darf nur 
diese angewant werden: nasjand meinamma, L. ], 47; fiands unsarai, 
Nah. 6, 16 usw. 

Die neueren germanischen sprachen haben wie manche andere feine 
Unterscheidung, so auch diese aufgegeben. Wir können nicht mehr durch 
die blosse form ausdrücken, dass das part. substantivisch gebraucht sei. 
Eine reihe alter substantivierter participia (heiland, feind, freund) sind 
zu wirklichen Substantiven erstarrt und haben ihre adjectivische kraft 
verloren. 

Wir gehen nun, nachdem diese formalen Verhältnisse erledigt sind, 
zu den syntactischen functionen des substantivierten particips über. 

Zunächst steht dasselbe attributiv, indem es mit dem artikel oder 
dem pron. possessivum an ein vorausgehendes Substantiv angeschoben 
wird. Das part. praes. folgt in diesem falle sehr oft substantivischer 
flexion, wie es denn auch häufig für griechisches Substantiv steht. 

Joliannes sa daupjands, ^Iwavvrjg 6 ßaTTTiori^q, L. 1, 20. 33, 6 
ßciTtTiLcüv, Mc. 6, 14. 24. Joliannis pis daupjandms, 'lioavvov tov ßa- 
itTLOTOv, Mt. 11, 12. Mc. 6, 25, usw. — svegneid alima meins du gußa 
nasjand meinamma. L. 1, 47. — Xdii Jesu nasjand unsaramma, Xqi- 
oxov ^Irjoov TOV Ga)TiJQog fjitaov , Tit. 1, 4. . — Lazarus frijonds unsar, 
ylai^agog 6 q)llog 7](.iwv , J. 11, 11. 

Substantivische geltung muss man auch den participien beilegen, 
die attributiv zu dem ungeschlechtigen persönlichen pronomen hinzutre- 
ten: . afleipij) fairra mis, jus vaurhjandans unsihjana, ccTroxcoQelTe cctz' 
E[.iöv Ol F.QyaCofXEvoi rr/v avoj-dav, Mt. 7, 23. — <I<^'{J9^P fairra mis, jus 
fraqipanans , noQevsod-e an^ l^iov o\ yMTf]Qai,ievoL , Mt. 25, 41. — biau- 
hada izvis paim galauhjandam (der zusatz Jiis credentihus steht nur im 
cod. Brixianus, vgl. Bernhardt, a.a.O. I, 10.) — piupido pu in qinom, 
Eiloyi](.ievri ov ev yovai^l, L. 1, 28. 42. — L. 1, 3. 6, 21. 25. 27. K. 8, 4. 



ÖIlHIl DKN SYNTACT. OEnRAlJCII (»KU l'AUTKIl'IA IM (ioT. .'{17 

1 ("o. S, I(». iM'd.l. 11. (jul. 2, IT). I, 21. Kpli. I, 12. r.). 2, Jl. 
IMiil. :{. M. c. Col. 1, 21. 1 Th. 2, Ki. I, 15. 17. 2 Tli. 1, 7. -- Ein- 
mal ersclieiiil ainli das part. nolicn dem ^'oschlcchtigeii itionomtMi dor 

.'5. pcrSOll : Ixilt^ l'ddrchl is Jiis Kssuilinnidi us . itiig yo»'£?c c.i in7 i/>r ori'- 
(iXtljictvTOi;, ^. '.), IS. 

Statt dos i»aiti('ips eiriclieint nelteii dem pt'isr»iilicli(Mi uiif^cscldcclitigeii 
pronomeii sowie iiehoii dem «^esclileciitigeii der iJ.persoii zuweilen relativsatz: 
izai sei haitadd stairo, avijj tTj /.alov^tinj oiuqi^c, L. 1, :j6. — Jni liras is 
Jmei stojis, au xig el h y.Qivon', R. 14, 4. — jusjuzei simle vesup f'ain'a, ifitig 
0/ /roTf- oj'Tfc,' /ncr/.Qccr, Epli. 2, 13. — vaurkeip in izvis jiizri gahiuhei/i, 
fviQye^rai fv ifür in7g maitiovaiv, 1 Th. 2, 13. — mih . . ikei faura ras 
%mjanierjandx, //f- .. to jrqöcEqovovza ßXäo<frif.iov, 1 Tim. 1, 13. — K})!). 2, II 
sind im griecliiselien text dem pron. cahög zwei attributive participia 
angefügt: (uioc. yuQ ^ariv ij elgt'ji')] vfiiuv o /rnit^aag ra afUfOTtga tv /.cd 
in (.leoncntxov tov ifQcr/(.iov Uaag. Der Gote mnschreibt das erste par- 
tic'ip durcli einen relativsatz, lässt aber merkwürdiger weise das zweite 
unverändert: .s« .. saci gafarida jah yaiairands. — Vom griechischen 
texte abweichend und melir dem der Itala sich nähernd ist ferner die 
stelle U. 9, 20: pu hvas is ei andvaurdjais gupa? av rig el 6 uvzaTin- 
y.Qiyüuevng rw -Oeo); lat. tu quis es qui respondeas deo? Den sinn der 
stelle scheint mir die lateinische und gotische Übersetzung schärfer aus- 
zudrücken als das original. Auch Luther übersetzt genau so wie Vul- 
lila : ja lieber mensch, wer bist du denn, dass du mit gott richten willst? 

Ungleich häufiger sind die fälle , wo das substantivierte particip 
selbständig steht , d. h. ohne sich an ein sul)stantiv oder pronomen anzu- 
schliessen. Am meisten komt der substantivische Charakter desselben 
zur geltung, wenn es ohne abhängige casus, präpositionale oder adver- 
biale Zusätze steht oder w^nn es mit dem pron. possessivum verbunden 
ist. wie es denn aucli in diesen fällen oft griechisches subst. vertritt 
und umgekehrt. Auch der zutritt von aUs . sums, manags, hvazuh und 
jains oder von attributiven adjectivis verleiht dem particip entschieden 
substantivisches gepräge. Der artikel ist zur Substantivierung nicht not- 
wendig, er fehlt, pieist mit dem griech. original übereinstimmend, in 
den fällen, wo wir ihn im nhd. ebenfalls fortlassen oder den unbestim- 
ten artikel anwenden. Häufig ist er jedoch, trotzdem der griech. text 
ihn hat, im got. nicht vorhanden, ohne dass sich ein grund dazu erken- 
nen Hesse. 

1. Nacktes particip ohne artikel. 
anamcddjandans fravilvand po, ßiaarai aQ7räLovoiv aiT)]v, Mt. 11, 
12. — unrodjandans , zocg dläkovg, Mc. 7, 3. — galinaividans , tcciu- 

21* 



318 GERING 

vovQ, L. 1, 52. — Mc. 1, 3. L. 1, 53. 3,4. 4, 19. 8, 5. 19, 26. 
K. 7, 3. 9, 16. 10, 14. 11, 28. 12, 15. 13, 7. 1 Co. 15, 20. 
2 Co. 6, 14. 15. 7, 6. Eph. 4, 28. 29. 1 Tim. 4, 3. 5,8. 6, 15. 
Tit. 1, 1. 15. — 1 Co. 10, 29 J)airh ungalauhjandins puJdu , ölci aTCiorov 
avvuömswg, hat der Übersetzer auioTov mit unrecht für den gen. masc. 
genommen, während es mit avvsiötpswg verbunden werden muss. — 
Einmal erscheint, das griechische ztg vertretend, hvas neben dem part., 
gleichsam der erste anlauf zu einem unbestimten artikel: Jivas ungalauh- 
jands, tig aTTiarog, 1 Co. 14, 24. — Eine sehr interessante stelle findet 
sich 1 Tim. 4, 7 : po usveihona sve usaljxmaiso spüla hivandei, rovg ds 
ßeßiqkovg y.al ygatodeig fAv^ovg jzaqaiTov. Offenbar hat dem Goten ein 
entsprechendes adjectiv für yQacüdr]g gefehlt (auch das lutherische „alt- 
vettelisch" sieht stark nach einer neubildung aus) und so übersetzt er 
dem sinne nach richtig, wenn auch mit etwas kühner construction : die 
unheiligen, gleichsam veralteter (weiber) fabeln. Vgl. GL. z. d. st. 

2. Nacktes particip mit artikel. 

paim afarlaistjandam , idig a-/.olovd^ovaiv , Mt. 8, 10. — pai Jial- 
dandans, oi ßooxovxeg, Mt. 8, 33. — Ixda gameUdo , rj yQucpt], Mc. 12, 10. 
15, 28. J. 10, 35. 13, 18. 17, 12. R. 9, 17. Gal. 4, 30; ßata game- 
lip, R. 10, 11. - Mt. 11, 3. 26, 73. 27, 9. 54. Mc. 4, 3. 14. 5, 14. 

8, 9. 9, 23. 11, 9. 13, 20. 22. 27. 14, 44. 69. 70. 15, 29. 35. 
L. 3, 14. 6, 49. 7, 10. 14. 19. 20. 8, 12. 34. 35. 36. 56. 13, 28. 
14, 17. 18, 2G. 34. 39. 19, 10. 24. 26. 32. 20, 17. J. 6, 11. 13. 64. 

9, 39. R. 9, 12. 20. 11, 26. 12, 8. 13, 2. 14, 3. 15, 12. 1 Co. 1, 
18. 21. 24. 7, 8. 15. 11, 22. 14, 22. 15, 53. 54. 2 Co. 2, 15. 

3, 11. 13. 4, 3. 13. 18. 5, 4. 15. 7, 12. 9, 10. 10, 17. 11, 4. 
Gal. 4, 27. 6, 6. Phil. 3, 2. Col. 1, 16. 1 Tim. 4, 12. 1 Th. 4, 13. 15. 
2 Tim. 2, 10. 14. 25. Tit. 1, 9. Skeir. IVb. Va. b. d. VIb. c. Vllld. 

Einige male erscheint statt des griechischen particips gotischer 
relativsatz: hap ina saei vas vods, jcaQexakei avxov b daißovia^sig, 
Mc. 5, 18. — aJima ist saei lihan taujip, tö 7rv€vf.id fgtiv t6 tioonoLovv, 
J. 6, 36. — Jmi izei himaitanai sind, ol 7reQiT£f.iv6/ii£vot , Gal. 6, 13. — 
saei ufbriMp, b d-d^etcov, 1 Th. 4, 8. — pans paiei anasaislepun , xovg 
ycoLf-irj-d^Evrag (dagegen im folgenden verse J)ans anaslepandans) , 1 Th. 

4, 14. — Hierher muss auch gezählt werden 1 Co. 13, 10, obgleich im 
griechischen nicht particip, sondern adjectiv steht: hipe qimippatei ustau- 
han ist, ovav sl^rj x6 releiov. 

3. Beschwertes particip ohne artikel. 

prutsfiU Jiahands, h.rQog, Mc. 1, 40. — uslipan hairandans, cpsQov- 
T£g TtaqaXvTixov , Mc. 2,3. — ainshun driggJcandane fairni, ovdelg 



Hliril DKN SVNTACT. fIKlIHAt.CH KKU l'AllTlCiriA IM liOT. 'M'.t 

nuov jfctXaiöv, L. 5, 'M. — hvamnich häljanddue pii/c , rcuvrl toi alcovvii 

06, L. (5, :U). ~ J. 10, 21. 1{. 7, 1. K, «. 1 Co. M, 1(K 10, 2«. 
2Th. 1,8. 1 'l'iiii. 1, '.). lo. 1, 2. w. IC. r., lo. Skcir. IVc. Va. 
1 Co. 5, 10. Jo, IH. 

4. He sc, ]i wertes piirtici]» mit artikol. 
Diese im «(ütisclieii uii<,a'm('iii liüulige oonstructiun müssim wir iilul, 
gewöhnlich durch die iimsclireilmiig mit „derjenige welcher" wider- 
geben. — .sa afar »ils (/(((HjaiKla, ö oscuno fiov eQyoftevng, Mt. ',i, 11 
(Skeir. llld.). — pamma riljandin m't[) pm stana^ jah puida peina niman, 
aßet unma jah vastja, lo) d^tlovii aoi xQiO^ijvai /ml tov xitiovu oov 
Xaßelv, acpeq avnjt v.m t6 't/ndrinv, Mt. 5, 40. — pamma hidjatulin Jmk 
(jihais jah J)amma vUjandin af Jjus leihoan sis ni usvandjais, xvi cdiovvii 
ae Sog xal tov i)-tXovia ajio oov daveioaod^at firj a/toaTQa(fTjg, Mt. 5, 42. — 
Mt. 5, 44. 46. 7, 13. 21. 8, 17. <J, 12. 10, 28. 40. 41. 26, 68. 
27, 9. 47. 54. Mc. 2, IC). 17. 2G. :}, o4. 4, 16. 18. 20. 5, M. .'32. 
6, 22. 2G. 55. 7, 15. 20. i), 1. 37. 10, 13. 23. 24. 11, 5. 9. 15. 

13, 17. 14, 42. 47. 15, 7. 29 32. 16, 10. L. 1, 45. 50. 79. 2, 18. 
3, 11. 4, 18. 6, 4. 18. 27. 28. 29. 32. 33. 7, 25. 49. 8, 14. 16. 45. 
9, 7. 27. IS. 10, 8. IG. 14, 10. 12. 31. 18, 24. 29. 19, 24. 45. 
eK 3, 31. (Skeir. IVb). G, 35. 37. 38. 40. 7, IG. 18. 33. 39. 8, 47. 
9, 4. 8. 10, 2. 12, 2. 6. 44. 45. 48. 13, 16. 20. 15, 21. 16, 5. 
17, 20. 18, 21. R. 8, 1. 5. 37. ü, 33. 10, 15. 20. 12, 14. 13, 2. 4. 

14, 14. 15, 3. 1 Co. 5, 3. 9, 3. 24. 10, 18. 15, 18. 28. 29. 2 Co. 

1, 21. 2, 2. 4, 14. 5, 12. 15. 9, 10. 10, 12. 11, 12. 12, 21. 
13, 2. Ciil. 1,6. 2, 6. 4, 27. 29. 5, 8. 10. 12. 21. Eph. 2, 11. 6, 12. 
Phil. 3, 17. 1 Th. 5, 12. 2 Tli. 1, 6. 1 Tim. 3, 13. 5, G. 25. 2 Tim. 

2, 22. Neh. 5, 17. Skeir. Ic. d. lllc. IVb. c. Vb. — Einmal sind 
zu dem substantivierten particip ZAvei neue participia attributiv hinzuge- 
treten: (jataih paim inij) imnia visandai}! , qauioiuhuK jah gretandam, 
a/n'jyy€ik€ lolg iiex avcov yevo^itvoig, 7iw0^ovöi /.cd /j.aioiöi, I^Ic. 16, 10. 

Statt des griechischen particips erscheint auch hier häufig relativ- 
satz, in welchem falle also ein nicht ausgesprochenes demonstrativ in 
gedanken ergänzt werden muss: saci frijoj) aifan aippau aipcin ufar niik, 
nisf iiieina vairps jali saci frijop sunu aipptauh dauhtar ufar niiJc nist 
meina vairps, 6 q'ihor . . 6 cpt?My , Mt. 10, 37. — saei higitip saivala 
scina fraqistcip) izai , jah saci fraqisicip> saivalai seinai .. higitip pw, h 
eiQiov .. a7io?Joag, Mt, 10, 39. — P)aiei hnasqjaim gavasidai sind, 

1) Dass rilja)tdi)i den acc. eines Substantivs und daneben einen Infinitiv regiert, 
ist sehr auffallend und gegen alle griech. und lat. handsclir. Ich bin daher geneigt 
ein versehen des Schreibers anzunehmen und mit Massmann stojan zu lesen. 



320 GEEING 

Ol TU (.lulci/.ä cfOQOvvieg, Mt. 11, 8. — jus' sijiip jtisei garaihtans donieip 
isvis silhans, vfieig sgts oi dr/.aiovvT€g saviovg, L. 16, 15. — Mc. 5, 16. 18. 
10, 32. 42 {paiei ist von Uppstr. ergänzt). L. 1, 2. 35. 9, 17. 14, 10. 
17, 9. 20, 2. 35. J. 5, 45. 6, 46. 47. 54. 57. 58. 63. 64. 7, 18. 28. 
38. 8, 12. 18. 26. 29. 50. 54. 9, 8. 37. 10, 1. 12. 11, 25. 12, 25. 
35. 44. 45. 48. 13, 18. 20. 14, 9. 12. 21. 24. 30. 15, 5. 23. R. 13, 8. 
14, 2. 18. 1 Co. 4, 4. 7, 22. 10, 33. 11, 29. 15, 23 (venjand ist 
ergänzimg von Lobe). 2 Co. 5, 5. 9, 6. 10, 18. Gal. 1, 23. 2, 8. 
3, 5. 6, 8. Eph. 4, 10. 5, 4. 28. Phil. 3, 19. 1 Th. 4, 8. 5, 7. 24. 
1 Tim. 5, 13. 6, 2. 9. 2 Tim. 2, 4. 19. 3, 6. — Gal. 3, 2: simclro 
Jiaimei puhta liegt wol die lesait der it. vg. Jiis qui videbatur zu gründe, 
die griechischen handschriften haben zolg doxovoi. — Zuweilen steht 
auch nach sael der optativ, wodurch der relativsatz einen fast hypothe- 
tischen Charakter annimt: sacl Imhai ansona hcmsjandona , 6 l'xiov wtcc 
äxoveiv, Mt. 11, 15. L. 14, 35. Vgl. Mt. 7, 10. L. 3, 11. 13. 2 Co. 
2, 2. Eph. 4, 28. 

Seltener ist das demonstrativ wirklich liinzugefügt und zwar meist 
in solchen fällen , wo es in anderem casus als das relativ stehen muste : 
vas Josef juh aipei is sildaleihjandona ana paim poei rodida vestin hi 
ina, srcl Tolg }.a),ov!.dvnig tteqI ccvtov, L. 2, 33. — gaqumanaim J)aim 
paiei US haurgim gaiddjcdun du imma, tcov yiarci nöliv snijroQ&vofievioi', 
L. 8, 4. — inu pana isei uflinaivida uf ina po alki, exrog zov vtto- 
Ta^ca'cng, 1 Co. 15, 27. — pana ize ni kunpa fravaiirJd, xbv f.irj yvövxa 
aaaQvuiv , 2 Co. 5, 21. — paim poei vistal ni sind gujja, To7g f(rj (fiost 
ovoi deolg, Gal. 4,8. — Jns saei gaskojp ina, tov xTiGawog avxov, 
Col, 3, 10. — du frisaldai paim ise anavairj)ai vestin du gaJaid)jan 
imma , fiqng vtiotvjccogiv zc7jv (.lelXüvzMv Trioteveiv i/t' avTOj, 1 Tim. 1, 16. 
— J. 11, 37 ist das demonstrativ wol durch das griechische ovrog ver- 
anlasst: sa izei nslauJc augona Jxwwia hUndin, oirng 6 dvoi§ag. — 
Statt griechischen relativsatzes hat der Gote nur einmal participialcon- 
struction gebraucht: iii ainshun pize afletandane yard , ovödg og cupif/.ev 
ol'Muv , L. 18, 29. 

5. Particip mit attributiven pronominibus und ad- 
j ectivis. 

a) mit dem pron. possessivum. Mir sind nur drei stellen aufge- 
stossen: galeiJcondans nieinai vairjiaip, (.imi^rai tnov yiviad-e, 1 Co. 11,1. — 
mipgaleihondans meinai vairjmip , Gv/ii^iif.irjTC(i' t^iov yiveGde, Phil. 3, 17. — 
guj) niii gavrilcai J)ans gavalidans seinans , 6 0-eog ov fit) ytoi^Gi] Tt)v 
t/.di/.rjGiv zwv v/Il/.tüv avcov^ L. 18, 17. — Den unterschied, welchen 
die hinzusetzung oder fortlassung des artikels bezeichnet, kann die nhd. 



i'UKK IH'.N SYNTACT. (iKIlHAlCIl IiKll TAUTH ll'IA IM (iOl. .(i;! 

spriu'lie nicht niclir in tlorselbiMi üiiilacliLMi woiso ausdrücken , da dir* Ver- 
bindung des arlikels mit dem pron. iiossessivum niclit mehr zulässig ist. 

b) mit alls. Dieses adjectiv tritt nur vor das mit dem artikel ver- 
bundene partici}»: (tllaiis pans uhil hahandans, jiih'Ktg toig yia/Mg tyov- 
T«t:, Mt. 8, It). — allans paus nh'd hahamlunH j<ih unlinl/>ona hahan- 
dans, sidviag Torg /.cr/.wg tynvcug /.cd zoig öaiuoviUoittvovg, Mc. 1, ',^2. — 
all pata ufajiro inngagyando ^ Jiäv lo t^iolttv ela/ioQ€LO(.ui>ov , Mc. 7, 18. 

-- allaint Jiaini gacaurstcain jah arbaidjandam , navil roi avvtQyovrit, 
xai y.oyKÖnii, 1 Co. IG, IG. — L. 1, G5. GG. 71. 2, 18. 38. 47. 14, 2'J. 
17, 10. 18, 31. n. 10, 4. 12. 2 Th. 1, K». 1 Tim. 2, 2. Neh. 5, IG. — 
Ohne den artikel steht (d(s nur einmal mit dem particip: qipa. aUaim 
vis((nda)u in iscis, Ityio jiavii nj) ovil tr ifüi', R. 12, 3. Es dürfte 
daher die annähme nicht allzu gewagt sein, dass paim hier durch ein 
versehen des Schreibers ausgefallen ist. (Die stelle ist nur im cod. Carol. 
erhalten.) 

Relativsatz statt des griechischen particips findet sich J. 18, 4: 
alla poei qeninn ana ina, iiävra ca. tQyof.iepa ht avrov. — 1 Co. 10, 25: 
all Jmiei at sl'iljam frahitgjaidau, jico' ro ttioIov^isvov. — 10, 27: all 
p((tei faurlüifjaidan , /räv t6 yiaQaiiO^i'fuvov , avo die sätze durch anwen- 
dung des Optativs eine hypothetische färbung annehmen. — Eph. 6, 24 : 
ansts niij) allaun palet frijond fraujan, fiezä jtävTiov riov ayujcv'jvzwv. — 
2 Tim. 3, 12: allai Jxiiei vilclna gagmlaha Ulan, ncivreg o\ O^ü.oiTtg. — 
4, 8: allaim paiei frijond qnm is , jiäai zoig rjyccrcri'/.6oiv. 

c) sums und manags haben den genetiv bei sich, wenn ausgedrückt 
werden soll , dass ein teil einer grösseren menge gemeint sei. Zuweilen 
ist jedoch der begriff des teils nicht zur geltung gekommen und sumai 
bedeutet nur eine gewisse, managai eine grosse auzahl. In diesem 
falle können beide adjectiva das zugehörige Substantiv in gleichem casus 
zu sich nehmen, und zwar nimt das substantivierte particip ausser sionai 
noch den artikel zu sich, welcher bei managai fehlt: man gadaursan 
ana sumans Jmns munandans uns sre bi Icilca gaggandans , loyi'loiua 
zol/Liijoai tiTi xivag zovg Inyi'Zof.iivovg r]i.iäg wg -/mzu oc'cQ/.a sisqi.Ttizovv- 
zag , 2 Co. 10, 2. — sumai sind pai drohjandans izvis jah viljandans 
Inrandjan aivaggcli Xaus, ziveg eiaiv oi zaodaoovzsg liiidg y.al iyü.ovzsg 
fi€raaiQeii<ca zu tvayyü.iov zov Xqigzov, Gal. 1, 7. — gahadida mana- 
gans uhil hahandans missaleihmm sauhtim, i&sQUTievas /ro?J,OLg Yxr/Mg 
syoi'Tug jioi/.ilmg roooig, Mc. 1, 34. — Mc. G, 2 und J. G, GO wird 
man die participia avoI appositiv auffassen müssen. — Bei sumai erscheint 
auch einmal statt des griechischen particips relativsatz, jedoch ist von 
den beiden participien, die im original mit rirdg verbunden sind, nur 
eins in den relativsatz umgewandelt, das andere dagegen beibehalten 



322 GERING 

worden, und zwar im casus des Originals, der in die gotische construc- 
tion nicht hineinpasst, wodurch eine starke anakoluthie entsteht: qap du 
sumaini ßaiei silbans trmiaidechin sik ei veseina garaiMai jali frakun- 
nandans paim anparaini , Jm qdjukon, eiTtev de tcqoq rivag xoig jienoi- 
^OTCcg sq'' eavTolg an üaiv ör/Mioi y,cd e^oid^evocPTag Toi-g toinorg rijv 
TtaQaßolrp' Tavcr^v , L. 18, 'd. frakunnandans kann man dem sinne nach 
nur zu sumahn ziehen und nicht etAva mit garaiJdai verbinden. Es 
wird also nichts anderes übrig bleiben, als hier eine Unaufmerksamkeit 
des Übersetzers anzunehmen, der ohne rücksicht auf seine construction 
den casus des Originals beibehielte 

d) Auch hvasuh hat entweder den genetiv (der jedoch nicht als 
partitivus , sondern als genetiv des Inhalts aufgefasst werden muss) nach 
sich, oder es verbindet sich mit dem substantivierten particip in glei- 
chem casus, jedoch ebenfalls nur nnter hinzutritt des artikels: hvaziili sa 
gaggands du mls jah Jutiayauds vaurda meina jah tmijands po, 7iäg 
6 egy/jf-iEvog TTQog /tis -/.cd axociov f.iov riov ?Myiov vxd noiCiv cdxovg, 
L. 6, 47. — Jwazith sa aflcfauds qen seina jah Imgands anpara, nag 
6 ditolviüv TTjv yvvcävxi avxov y.al yaf.udv aTeQctv , L. 16, 18. — livasuh 
sa galauhjands du inima, iräg 6 ttlotsvcov In civtio, R, 10, 11. — 
Hierher gehört auch die merkwürdige stelle J. 6, 45: livazuh nu sa 
gahausjands at attin jah ganani gaggip du »lis, nag 6 cr/.ovaag naga 
xov naTQog yial /iiad-wv egyerai ngog fie. GL (II, 2, 254) bezeichnen 
diese construction mit recht als ungrammatisch und Massmann setzt statt 
ganam ganhnands in den text. Es ist als wenn hier zwei constructionen 
zusammengeflossen wären, denn entweder müste es heissen: hvazuh sa 
gahausjands jah ganimands, oder: hvazuh saei gahausida jah ganam. 
Wie soll man sich aber die entsteh ung dieser Verwirrung denken? Dass 
der Übersetzer nach den wenigen werten seine construction vergessen 
habe, ist kaum denkbar; lagen dem Schreiber vielleicht zwei handschrif- 
ten vor, von denen die eine die participialconstruction , die andere den 
relativsatz darbot? 

Zuweilen erscheint auch nach hvazuh statt griechischen particips 
im gotischen ein relativsatz: hvazuh saei saihvip qinon, nag 6 ßliniov, 
Mt. 5, 28. — Mt. 7, 21. 26. L. 14, 11. 16, 18. 18, 14. 20, 18. 

1) Man könte freilich frakinwanäans auch für den nom. halten und vesun 
dazu ergänzen, aber dergleichen cllipsen kommen in den evangelien sonst nicht 
vor, auch ist nicht abzusehen, warum der Übersetzer dann nicht lieber einfach fra- 
kiinpedun geschrieben hätte. Auch sind ähnliche Übersetzungsfehler noch an anderen 
stellen nachzuweisen , vgl. L. 9 , 13 : iiist hindar uns maizo fimf hluibam jah fi s - 
kos tvai, wo fiskam tvaim correcter gewesen wäre, (gr. ovx ttolv rjuiv nXtiov 



ÜHEU I>KN SVNTACT. OKliaAUfll ))KU l'AltTK II'IA IM GOT. .'Ji.'J 

.1. {), 40. 8, 34. 11, 2(5. 16, 2. IH, 'M. 1 Co. U, 25. — Mitunter 
ntolit der optativ nach hvazuh, wodurch der satz eiiioii hypothetischen 
cliaraktor erhält: livdzuh S(iei gdlauhjai , 7rüg h jnartvcuv, jeder der etwa 
olauhen sollte, d.h. falls jemand f^lauben sollte. — .1.12,46. 2 Tim. 2, 19. 
e) Jaivs erscheint neben dem substantivierten particip in der regel 
mit beigefügtem artikcl: iii ii/afjij) i)i jainis Jti.s hiuidvjiuidins , fn] taO^UTe 
dl' exelvov loi- fHii'faarcce, J Co. tt», 2«. — jainaizc pizc andhaitandanc 
im, illoruni inchfiiKditlion sc, Skeir. Vlllb, (In der vorhergehenden 
zeile : jaina'nn <tti(lh<iH(ind(im ini, ist das part. appositiv zu fassen.) — 
Nur Mt. 27, 03 erscheint y'an/.s neben dem part. tdiiie artikel: jains airz- 
jands, ey.elrog o jtlavoQ. Olfenbar ist hier air,zjands zu den substanti- 
visch tlecticrten participien zu rechnen, die ausdrückliche Substantivie- 
rung durch den artikel war also unnötig. 

f) Andere adjectiva erscheinen nur ne))en den substantiviscli fiec- 
tierten participien: aftumista fijands, loyaiog iyOQng, 1 Co. 15, 26. — 
hlasana gihand^ 'ilaqov ööxrjv, 2 Co. 9, 7. 

Zum schluss dieses abschnittes müssen wir hier noch einiger um- 
stände gedenken, die sich in den rahmen der darstellung nicht einrei- 
hen Hessen: 

1. Für das griechische particip i/csQiidllojr stand dem Goten kein 
entsprechendes adjectiv oder particip zu geböte. Begegnete ihm also im 
griechischen text dieses particip attributivisch neben einem Substantiv, 
so benutzte er zur widergabe des particips das sinnverwante Substantiv 
ufarfc^sus und setzte das im griechischen vorliegende Substantiv im gene- 
tiv dazu: fvey.ev Trjg vTreQßcdkovorjg do^rjg, in ufarassaus vulpaus, 2 Co. 
3, 10. — öiä rrjv V7reQßc()J.ovac(v y/tQir , in ufarassau a)isfais, 2 Co. 
9, 14. — To v7rEQßällov /.leyedng rr^g divaiutog , tifarassus mikiJcins 
nnihtais, Eph. 1, 19. — rov vnsQßälXovict 7r?.ovTOv Trjg yaqnog, ufa- 
rassu gahcins ansfais, Eph. 2, 7. — Nur Eph. 3, 19, wo in hntoßäUMv 
ein comparativischer sinn liegt, war es nicht möglich, diese Umschrei- 
bung zu gebrauchen, Vulf. übersetzt es daher durch ufarassau milds. 

Der umgekehrte fall findet statt L. 1, 78, wo griechisches Substan- 
tiv in attributives particip umgewandelt Avird : J)airh infcinandcin arma- 
liairtein gups tinsaris , die) GjiLäyyva f AfVnx; x>£or raöv. — In allen 
diesen 'fällen hat der Gote ganz selbständig geändert; soweit ich dies 
nämlich aus dem Tischondorfschen commentar ersehen kann . bietet keine 
griechische oder lateinische liandschrift etwas ähnliches. 

2. Über den gebrauch der starken und schwachen formen in bezug 
auf das attributive particip ist schon oben p. 19 gehandelt. Es ist nur 
noch nachzuholen, dass auch das substantivierte particip sich nach den- 



324 KEGEL 

selben regeln richtet: das part. präs. erscheint, wenn es adjectivische 
flexion behält, immer schwach mit ausnähme des uom. sing., das part. 
prät. steht ohne artikel immer in starker , mit artikel in schwacher flexion. 
Nur ein.^ ausnähme ist zu belegen: einmal erscheint nämlich das part. 
praet. nach dem artikel stark tiectiert: pata gamelip, K. 10, 11 (sonst 
stets ^a^« gamdido, vgl. oben p. 25). skuldo , rag ocpeildg, E. 13, 7, 
ist wol mit Leo Meyer (got. spr. p. 244. 432) als Substantiv aufzufassen. 

(Schluss folgt.) 



ZUR ENDUNG -a IN THÜRINGISCHEN ORTSNAMEN. 

In dem „Quellenverzeichnis zum fünften Band" des Deutschen 
Wörterbuchs hat R. Hildebrand auf seite XXXLS eine schrift von mir 
mit folgenden worten aufgeführt: 

„K. Regel, die Ruhlaer mundart, dargestellt von K. R. , Weimar 
1868 (der ort lieisst im leben die Ruhl, tvas ich denn auch zu 
brauchen von je her geivohnt hin, Ruhla ist die lat. Candeiform, 
von gleichem tverte wie 0. h. Eythra hei Leipzig statt Eiter, d. h. 
barbarisch, s. in Zachers .zeitschr. 2, 260y'' 

Da ich nun diese ganz apodiktische Verurteilung der von mir 
gebrauchten naraensform des ortes, über dessen mundart ich geschrieben 
habe, als eine verdiente Zurechtweisung hinzunehmen und zu billigen 
scheinen würde, wenn ich dazu schweigen wollte, so halte ich es für 
eine pflicht meine entgegenstehende ansieht näher zu begründen, und 
zwar um so mehr, je hervorragender die wissenschaftliche stelle ist, an 
welcher jener Urteilsspruch seinen platz gefunden hat. 

Ich darf wol zunächst ganz davon absehen, dass das, was ein ein- 
zelner, auch der gelehrteste, „zu brauchen von je her gewohnt" ist, 
für die wissenschaftliche entscheidung über die richtigkeit oder Unrich- 
tigkeit deutscher ortsnamenformen, deren Wandlungen im laufe der Jahr- 
hunderte bekantlich sehr mannigfach sind , an und für sich doch eine 
eigentliche beweiskraft nicht haben kann; aber auch das allgemeinere 
argument, welches Hildebrand diesem ganz persönlichen als erste stütze 
für seine ansiclit vorausgestellt hat, — dass die form liithla unrichtig 
sein müsse, weil der ort im leben die Buhl heisst, — kann als ein 
sticlihaltiger beweisgrund durchaus nicht angesehen werden. 

Zuvörderst muss man dabei wol fragen, was der ausdruck „im 
leben" bedeuten soll? — Avenn er heissen sollte: „im verkehre des 
eigentlichen thüringischen volks, das seine mundart redet," so wäre 



DIK KNDUNfi -a IN TlIÜBINOISrilEN OUTSNAMKN -i'J:) 

unbedingt zuzugehen, (hiss die form „die Huld" die fust allein lier- 
selionde ist; wenn num aber unter „im leben" versteht: „im zwang- 
lusen mündlichen verkehr der bewohner des thüringischen landes, solern 
sie nicht den volksdialect, sondern die iicuhnrhdeutsche Umgangssprache 
reden," so wird man nur sagen dürfen, dass die form „du- liii/il" zwar 
vorherseht, dass aber daneben der ort auch sehr häutig „Jiidda" 
genant wird. 

In tlem zuerst be/eichneten sinne kann nun der ausdruek nicht 
gemeint sein, da Hibiebrautl sonst wol lieber „in der volksmundart" 
geschrieben haben würde und da er selbst zu gut weiss, welche zahllo- 
sen zusamnien/.ieliungen und entstellungen die Ortsnamen im munde des 
Volkes zu erleiden fliegen , als dass er den gruudsatz hätte aussprechen 
können: „die form eines Ortsnamen ist die richtigste und ursprünglich- 
ste, welche vom volkc nmndartlich gebraucht wird." Dem volksmunde 
sind ja fast überall kürzuugen, verschleifungen und verstümmelungeji der 
vollen formen bequem und gerecht, indem er auf solche weise seineu 
gegensatz gegen die vornehme rede mit geflissentlicher Vorliebe stärker 
ausprägt, und ich brauche für Thüringen kaum an entstellungen von 
Ortsnamen wio lioiiscJd, Jidllsclif , JUtfsc/d, KäfScJd inr Ilrnisfrdf, JJciK- 
stcdt, liittstedt, Giersfcdt, oder Dämhch , Sfeimich, SIchch für Tamhach, 
Stoinhavh, Set-hach, oder llnccltoi für Ilocldicini , oder ruhl. Broifcro, 
Fdrnro im BroUcrodc, Fan/rode zu erinnern, um den überall sich voll- 
ziehenden Vorgang zu veranschaulichen. Dass aber solche entartung der 
ursprünglichen ortsnamenformen oft scliou frühzeitig eingetreten ist, das 
beweist z. b. der namo des gothaischen dorfes Pfidlcndorf, bei welchem 
übrigens dahingestellt bleiben muss, ob sein erster teil auf den gott Phol 
bezogen werden dürfe (vgl. Fholcshrunncn in Gr. d. Myth. 206. 207): 
in den ältesten Tenneberger amtsrechnungen , welche im ministerial- 
archiv zu Gotha aufbewahrt werden, wird ann. 1523 p. 4G siv Fff'idn- 
dorff, a. 1528 p. i)o su pfolndorff' geschrieben, aber ebendas. ann. 1533 
p. 135 pfondorft', 'Mm. 1534 p. \lo pfonudorf, ann. 1542 p. 145 Ffondorjf\ 
und dem ganz entsprechend lautet die jetzt lebendige mundartliche form 
des namens Ffonncroff'. 

Aber auch wenn wir den ausdruck .,im leben" in dem an zweiter 
stelle bezeichneten sinne auffassen und dann kein besonderes gewicht 
darauf legen, dass so die als hauptargumeot gebrauchte behauptung 
erfahrungsmässig nicht mehr vollkommen wahr ist, sondern wenn wir 
dabei vielmehr vorlüutig annehmen wollten, dass die form Fulda nur 
in den pedantisch au die Schriftsprache sich anschliessenden kreisen der 
Umgangssprache zu linden wlire, so ist doch auch der so verstandene 
specielle fall als prämisse für die nachfolgende behauptung unzulässig, 



326 REGEL 

weil man, wenn er dieselbe beweisen oder unterstützen soll, hinter ihm 
etwa folgenden allgemeinen obersatz voraussetzen müste: ,, schriftgültige 
Ortsnamen auf -a in Thüringen und Obersachsen verdanken dieses -a 
dem latinisierenden eiufluss der kanzleisprache , überall wo die zwang- 
lose mündliche rede des landes dieses -a nicht aufweist, sondern den 
betreffenden namen entweder consonautisch oder in -e auslauten lässt." 
Und wer möchte wol einem solchen obersatz die geltung eines beweis- 
kräftigen axioms verleilien wollen? — 

Niemand kann die Wahrheit der von Hildebrand in dieser Zeit- 
schrift a. a. 0. berührten tatsache bestreiten , dass viele deutsche Ortsnamen 
ihr -a im laufe des 16. Jahrhunderts unter der einwirkung des gespreiz- 
ten kanzleistiles empfangen haben, und niemand wird ihm auch darin 
widersprechen, dass dieses -a, weil es uudeutsch ist, für wertlos und 
barbarisch erklärt v/erden niuss. Was mich betrifft, so bin ich so weit 
davon entfernt jenen feinen bemerkungen über die dauerhaftigkeit de 
Sprachgefühls im volke gegenüber den eigenmächtigkeiten der schul- 
sprache entgegen treten zu wolleö, dass ich vielmehr die hierher gehö- 
rige Seite der erscheinung noch durch eine reihe thüringischer beispiele 
veranschaulichen und näher beleuchten will. 

Ganz in dieser weise haben z. b. die in Thüringen nicht selte- 
nen, jetzt bchriftmässig mit der eudung -roc/a versehenen Ortsnamen ihr 
-a im 16. Jahrhundert ungebührlicher massen angenommen: die ältesten 
formen dieser gattung, wie sie Förstemann im altdeutschen Namenbuch 11^, 
1261 — 1263 zahlreich verzeichnet hat, weisen nirgends einen namen 
auf -rodalia, sondern nur höchstens den vollen althochdeutschen endungs- 
laut auf (Ostarmaringarodha , Heningarodha, Selmetrodha, Sterkon- 
rofha, Wcstarroda aus dem 9. Jahrhundert und Fauerota, Herisiuroda, 
Bunnitujerotha , Langenrodo aus dem 11. Jahrhundert, — auch Fleod- 
rodun aus dem 8. und Farnrodun aus dem 9. Jahrhundert), bei weitem 
die meisten beispiele zeigen für das 9. so gut wie für das 10. und 
11. Jahrhundert nur die geschwächten endungen -rode, -rotlie, oder die 
apokopierten -rod, -rot, -rotit , -rohd, -rolit, -rodt. Demgemäss gilt 
auch im 12., 13., 14. Jahrhundert für diese dorf- und geschlechtsnamen 
nur die eudung -rode, zuweilen roude oder rut; so z. b. in Folkolde- 
roiide, In Folcolderode Annal. Erph. ann. 1149 (Mon. XVI, 20), in 
Pücholiicsrode päpstl. Urkunde von 1183 im henueb. Urk. B. I, 15 (und 
in der späteren deutschen Übersetzung dieser Urkunde acii Richol/'eldes- 
rode hb. Ukb. 1, 122), in Ottenrode ebendas. hb. Ukb. I, 16, de Bunen- 
rut ann. 1240, in Bunrode ann. 1278. 1323, im kloster Bunrodc ann. 
1463, in Bimenrodc a. 1304 (Mich eisen Cod. Thur. dipl. pag. 16. 19. 
27. 30), in Gunsrode a. 1265. 1285. 1304. 1317. 1323, ^m Gunsrode 



DIE KNDfNCi -a IN Tll(*UlN(iIKCllKN ORTNNAMEN H'Jl 

in (Innc dorfr ;i. i;Mi;i (Mich. Cod. Tliiii'. dipl. \>-ä<^. 17. 2:i. 27. 28. 'Mi), 
(htnnul von AHijilrodr (neben Aufiilrocdr) 2 1 Juni l.M.'J, Conradrn von 
Änyclrodc 2;i sept. l.'JI.'J (lienneb. l'kh. II, iVA. Cii), lldwitj von JUij- 
chcrodc a. i:}46 (Mich. Cod. Thur. dipl. p. 3*J), (ioctzen von Jii/.sschof- 
rodc a. i;i46 (hb. llkl). H, 71). Diese unverfälschte endung -rode 
erscheint in den iliürin<,'ischen dorfnanien bis in das dritte juhrzeliend 
des 10. Jahrhunderts, dann tritt auf einmal in ihnen das aufgiiiutzte 
unberechtigte -rodd hervor; die ältesten Tenneberger amtsrechnungen 
liefern dafür folgende belege: zw Fridcrichrode (oder Frydcrivhrode) 
a. 1523 p. IC). 40. a. 1528 p. 35. 36. 38. 42. 85. a. 1533 p. Co, — 
dagegen zio Fridcrichroda (oder Friderkherod(t) a. 1533 p. l. i'j. :,6. 
57. (■)2 und überall, a. 1534 p. 51. 53.01. 03 und überall, zu Fridcrirh- 
roda a. 1542 p. 4. 30. 7Ü. 80. i)8 und überall; — ztv Sassnirodc 
a. 1523 p. 32; — zw Gospitrode a. 1523 p. 40, — aber zw {zu) Gos- 
pifteroda a. 1533 p. 135. a. 1534 p. 113. a. 1542 p. 50. 51. 145; 
gcin Brottrode a. 1528 p. 74, aber zu Bruttroda a. 1528 p. 77. zw 
BroUeroda a. 1533 p. 20. 69. 99. 100. 102. a. 1534 p. 56. <;9. 70. 
zu Brotroda a. 1542 p. 77. 80. 81; — zu Farnroda a. 1528 p. 61. 02. 
Der Borggraue {der iveyfheclce) zu Farnroda a. 1528 p. 00. Li2)S von 
Farnroda a. 1528 p. Ol. Der Gräfe von Farnroda a. 1533 p. 82. 
Hans von Farnroda a. 1533 p. 82. 103. zu Farnroda a. 1542 p. 73 ; — 
zw {zu) Erßroda a. 1528 p. 41. a. 1533 p. 73. 75. a. 1534 p. 15. 
62. 63. 08. a. 1542 p. 103. 104. 

Bei allen diesen namen verschmäht die rede des gewöhnlichen 
lebens durchaus den latinisierenden aufputz und spricht richtig Frie- 
drichrode, Gospiterode, Brotterode, Farnrode, Ernst rode; was den letz- 
ten namen betrift't, so gilt die noch später hinzugetretene verbildung des 
ersten teiles gleichmässig in dem mundgerechten Enistrode wie in dem 
schriftüblichen Ernsiroda , während die volksmundart in ihrem Ärscli- 
rücdc die richtige grundform Erphisroth (Urkunde vom jähre 1039 bei 
Schaunat Corp. Tradit. Fuld. p. 151, vgl. Förstem. altd. NB. 11^ p. 119. 
1262) nach ihrer oben aus dem 10. Jahrhundert belegten gestalt [Erß- 
roda), nur den mundartlichen lautgesetzeu gemäss verändert, getreulich 
aufbewahrt hat. 

Noch klarer als in den el)en betrachteten namen auf -rode stellt 
sich uns die uuart des 10. Jahrhunderts in den an zweiter stelle mit 
ahd. -herc zusammengesetzten ortsbezeichnungen dar. In der laugen 
reihe der von Förstemann (altd. NB. IP p. 259 — 203) aus dem 8. bis 
11. Jahrhundert verzeichneten, sowol berge als auch Ortschaften bedeu- 
tenden namen gehen die meisten flexionslos auf -herc {-pcrc , -herg, -pcrg, 
-herch, -perch, -pcrac, -pcrcli) aus, während daneben nirgends ein bei- 



328 REGEL 

spiel auf -hcrgaJia , sondern nur wider eine kleinere zalil von formen mit 
den vollen ungeschwächten flexionen -a {ßdiclicherga aus dem 8. Jahr- 
hundert, BelJingabercga , Brcemherga , Cranahcrga, JEUiherga, Heäherga, 
Hclidhcrga, Turigohcrga aus dem 9. Jahrhundert, HaveJherga, Kelcn- 
herega, Winociherga aus dem 10. Jahrhundert, Ässchashcrga , Gimchel- 
hcrga, Hdlcsperga, Lohcrga , Bilipoldishcrga aus dem 11. Jahrhundert 
und Wergilaperga unbestimt), oder -i {Rehthergi, Suflierhergl , Thrihirgi 
aus dem 9. Jahrhundert), oder -u (ühsinebergu aus dem 8. Jahrhundert), 
oder -un (Mamhabergun , Bunihergim aus dem 9. Jahrhundert, Egis- 
hcrgun, Brochindhergun , Lyophergun aus dem 11. Jahrhundert), oder 
-on (Obergon, Tafalbergon a.vis dem 10. Jahrhundert, Ambergon, Astlüac- 
bergon, Blachcrgon, HIachergon, Wcdcrbergon aus dem 11. Jahrhundert) 
aufgeführt wird. Da nun diesen volUautigeu formen schon in der alten 
zeit die geschwächten auf -e und -eu (i)i"«>-0M0&er/7c 8. Jahrhundert, Bal- 
berge, Harabirge , Linberge 10. jahrliundert , Budbcrge, BicJiersperge, 
Tlmrinkibcrge 11. Jahrhundert, Hahechcspcrge , Bofenbcrge unbestimt, — 
Bafenbergen, Flandebergen , Hersebergen, Milebergen 11. Jahrhundert, 
Tagebergen unbestimt) zur seite stehen , so ist selbstverständlich , dass 
in allen nachfolgenden Jahrhunderten für diese art von Ortsnamen nur 
die ausgänge -berg oder -berge oder -bergen als organisch erwachsene 
und berechtigte angesehen werden können. In den Tenneberger amts- 
rechuungen des 16. Jahrhunderts, denen ich die hierher gehörigen urkund- 
lichen belege entnehme, bietet sich nun die beachtenswerte ersclieinung 
dar, dass die richtige endung -berge bis in das jähr 1533 consequent 
ausdauert, mit dem jähre 1534 aber das wolgefallen des Schreibers an 
dem auslautenden -a so stark wird, dass er nicht nur die wenigen vor- 
kommenden dorfnamen dieser gattung, sondern auch die als lokale des 
holzverkaufs sehr häufig in den forstrechnungen erwähnten waldbezirke, 
die nach den einzelnen bergen benant sind , durchgängig mit der endung 
-berga schreibt. So heisst es nicht nur von thüringischen .dörfern: m 
Vynsterberga a. 1534 p. 61. 62. a. 1542 p. 102. 104 (gegen zu Vin- 
sterberge a. 1528 p. 43. :i'W Vynsterberge a. 1533 p. 73. 75. 76), — 
zum Altenberga a. 1534 p. 51. 61. 62. a. 1542 p. 103. 104 (gegen 
zum Altenberge a. 1533 p. 75), — zw Esschennberga a. 1534 p. 113. 
zu Eschenberga a. 1542 p. 145 (gegen zw Eschenberge a. 1533 p. 135), — 
sondern auch die viel lebendiger appellativischen berg- und forstnamen 
erscheinen in ganz gleicher weise zu unbeweglichen eigennamen umge- 
stempelt und verknöchert: am Asrhnnbcrga a. 1542 p. 87. 98; am Burg- 
berga a. 1542 p. 62; am Ilegeberga a. 1534 p. 62; am Jhegcrßberga 
a. 1542 p. 80; im Kremberga a. 1542 p. 117; am Moseberga a. 1542 
p. 69; im (am) Tattenberga a. 1542 p. 87. 88; am Tenberga a. 1542 



DIF5 KNDUNCi -a IN TIlORINd. OflTSNAMKN 'A]i\t 

]». 7".»; (tvi Vbdhcrfiit ;i. l.')!:.' j). h7 ; <ini Ohclheryti a. 1542 p. 9H; — 
(Wi lircitlcmibcnja a. 15:54 p. 7«. 71). a. 1542 p. Hl (gegen am Uni/- 
tcnhcrge a. 1528 p. 5h); tun lintnliUiiiti a. 15:14 p. 2'.i. 'Mk a. 1512 
p. 51. 52 (gegen titii l\nhrliln"rgc a. 153.'J p. ."SH. 4(). 5 1. 12 Ij; <im Lnn- 
(jvnhvrga a. 1542 p. loC» (gegen mu l.mußnhergc a. 152« p. 41^; um 
Itahetthvrga a. 15 12 j». 81 (gegen <i»i Juthotsbcrgc a. 1528 p. 31;; am 
Scharff'cnherga a. 15;M p. 82. a. 1542 p. G4. G5 (gegen am Schar f- 
fennberge a. 1533 p. 95. 98); vff' dem (am, im) SpicJJbcrga a. 1534 
p. 02. 03. 04 (gegen am Spifibcrge a. 1528 p. 40. au/f ihm fpirjjherge 
a. 1533 p. 70); am Trogcbcrga a. 1534 p. 07 (gegen am Troi/bcrgc 
a. 1523 p. 20. a. 1528 p. Ol, a)n trogcberg a. 1533 p. 10.}, am J)ro- 
gcbcrg a. 1533 p. 90. ' 97); am wagoibcrga a. 1542 p. 08. 87 (gegen 
am iragcnbcrgc a. 1523 p. 19. 24, am Wagoihcrge a. 1528 p. 32); 
am tvartbrrga a. 1512 p. 05 (gegen a)ii Warhcnj a. 1533 p. 92, am 
Warberge hicnfcr dem mei/ßciisfein a. 1533 p. 93. 94); am Wci/jßcnn- 
bcrga a. 1534 p. 54. 55. 04, im Wcgsscnbcrga a. 1534 p. 62. 03. 04, 
vor dem weyßen berga a. 1542 p. 107 (gegen am Wtyßcnnberge a. 1533 
p. 59); am Zicgcnbcrga a. 1534 p. 45 (gegen am Ziegeuberge a. 1533 
p. 53); — dieser sclireibweise entsprechend endigen die nur vor 1534 
in unseren amtsr. auftretenden bergnamen nur auf -berge: am Birbergc 
a. 1528 p. 53; aiijf' dem D einberge a. 1528 p. 52; am Enselbcrgc a. 1523 
p. 28, am Eiißelbcrge a. 1523 p. 23, am. Inselbcrge a. 1528 p. 31 (vgl. am 
EnscJbcrgesflos a. 1542 p. 80. 81); am Jagfzberge a. 1533 p. OO. Ol; am 
Stretmelberge a. 1533 p? 52; am Symmelberge a. 1533 p. 02. Nur in einem 
einzigen beispiel findet sich -berge auch in einem späteren jähre: hn Nesse- 
berge a. 1542 p. 77. Ganz dasselbe gesetz aber Avie bei den mit -berge, 
-berga gebildeten namen ist in den Tenneb. Amtsr. bei der fast noch mehr 
appellativischen walddistrictsbezeichuung Heide beobachtet: auff der 
llcyde a. 1533 p. 57. 58, au der Jcaldcn Jfeyda a. 1534 p. 53, an der 
hohen heyda a. 1534 p. 72. 73, an der hohenheida a. 1542 p. 70. 

Der heutige Sprachgebrauch weiss in ungezwimgener mündlicher 
rede auch hier nichts von der Verzerrung des 10. Jahrhunderts, son- 
dern bedient sich für die forstbezirksnamen durchweg der flexions- 
losen form {auf dem Burgberg, am Striemeisberg, Inselsberg, Tröberg, 
Wagenherg usw.), für die dorfuamen aber mit verliebe der geschwäch- 
ten plural. dativform auf -bergen: Finsterbergen , Altenbergen , Eschen- 
bergen, Seebergen u. a. , obwol daneben auch die singulare form auf 
-berge nicht ungebräuchlich ist. Der volksmundartliche ausdruck hält 
sich sonst auf derselben stufe, nennt aber das (\.OYi Eschenhergen nicht 
Äschcnbärjen , sondevn Äschenbärn , und dies erscheint um deswillen als 
eine merkwürdige treubewahrte wortgestalt, weil auch in den ältesten 



330 REGEL 

Jahrgängen der Tennel). Amtsr. nicht wie a. 1533 Eschenherge, son- 
dern Eschenber geschrieben wird: 2tv {zu) EscJienhher a. 1523 p. 46. 
a. 1528 p. 94; denn wenn danach Eschenherge als eine analogisierende 
Umbildung, EscJienhher aber als die ursprünglichere namensform ange- 
sehen werden muss, so haben wir es für den zweiten teil dieses namens 
mit einem ganz anderen stamme zu tun , welcher noch einer eingehen- 
deren Untersuchung bedürfen würde (vgl. besonders das von Förstemann 
zu BÄR 1. herangezogene ags. hearo, heru, aber auch die unter BÄR 2. 
gestellten thüringischen dorfnamen Oester-, Gross- und Wolfs -Behr In- 
gen altd. NB. IP s. 205—207). 

Ausser den bisher genauer beleuchteten beiden reihen bieten sich 
noch viele andere thüringische namen dar, in denen die zwanglose münd- 
liche ausdrucksweise die richtige in -e auslautende oder ganz unvoca- 
lische form im vorteil gegen das unberechtigte -a der Schriftsprache auf- 
weist; ich hebe nur einige derselben heraus: Apolda (Tbidric de Äp- 
polde, urk. v. 1148 im henneb. Ukb. I, 6. Heinricus pincerna de Äpolde, 
urk. V. 1268 im henneb. Ukb. I, 27. Hermannus de Äppolde, urk. v. 
1303 im Cod. Thur. Dipl. p. 25); — Äschara (im 10. Jahrhundert 
Äsguri, Äsgore Forst, altd. NB. IP, 131. 132); — Hai/na (der pfar- 
her zu Hayne Tenn. AR. a. 1542 p. 55; vgl. Hagini, Hagene Forst, 
altd. NB. IP, 691); — Helfta (im 10. Jahrhundert HeJpithi, im 11. 
Helpede, Forst, a. a. o. p. 790; castrum quod dicitur Helpede Ann. Magd, 
a. 1175, Mon. XVI, 193, Helpethe Ann. Peg. a. 1175, Mon. XVI, 261); 
— Jena (ziv Jhene Tenn. AR. a. 1533 p. 115; in einer fehde gegen 
die edeln von Lobeda treibt Ber. v. Meldingen, „magnam gregum pre- 
dam juxta villam Gene dictam" gewaltsam hinweg, Ann. Erph. a. 1248, 
Monum. XVI, 36; vgl. Geni, Gene Forst, a. a. o. p. 631); — Kahla 
{zu Kaie Tenn. AR. a. 1542 p. 121; vgl. Calo, Cale Forst, a. a. o. 
p. 384); — Kraula {zu Kraivel Tenn. AR. a. 1542 p. 43. 45. 47. 50. 
51); — Möhra (dimidium mansum in villa nostra More urk. v. 1312 
im henneb. Ukb. I, 51); — Suiza in der nähe von Naumburg (in vier 
Urkunden des 11. Jahrhunderts bei Schannat SttJze, s. Förstem. a. a. o. 
p. 1400. 1401) — indem ich hinzufüge, dass auch im munde des Thü- 
ringers diese Ortsnamen nicht leicht anders als Äpolde, Äscher, llayne, 
Ilelfte, Jene, Kahle, Kratd oder Kraide, Möhre, Sidze lauten. 

Andrerseits bleibt diese mündliche lebensgewohnheit in vielen fäl- 
len auch dem berechtigten -a getreu und spricht z. b. richtig: Kälhra 
(Dominus Cristanus de Kelhra urk. v. 1284, Fridericus prepositus in 
Kribra urk. v. 1310, Rudolfus Prepositus in Kelhra urk. v. 1323, im 
Cod. Thur. dipl. p. 22. 28. 30) und Mag dal a (ü. jahrh. Madahalaha 
Förstem. a. a. o. p. 1034; juxta villam Madala Ann. Erph. a. 1248, 



DIK KNDl'Nd -M IN Till HINf!. ORTSNAilKN ,'J;{1 

Müll, XVI, .■)<■>), oder von hessischen iiml IVänkisclM'n naihhurorteii. 
niltfd, Ilchrd (im hniih zu Franlccn zu liihra Tenii. AK. a. \'o\l 
\). 11;')-, vgl. BUmruhit , HihcniJKt Forst, a. a. o. p, 2J'J; Hcinricus de 
liibnahn urk. v. lli")<), lleinricus de Jiihcra, Sihoto de Jiihmi urk. v. 
1189, IJertold von ni/kra urk. v. 1315, i;U7, J.üJH, Jkrtoldus de 
Jii/hfni urk. v. i;Ui», im liennel). I'kl). I, Ii. II, VII. I, 5:>. (JH. G'J. 
II, L*.s. [, 7.;), Gcisa {GeimluL, Oci/suha aus dem 8. und 'J. jahrh., 
Förstern, a. a. o. p. ♦>2!); Hertwigus de Geisaha urk. v. IIGO, Hertwig 
de Geisaha urk. v. 11 »ST, im henneb. Ukb. I, U. 12), u. a. m. 

Allein so bereitwillig auch bisher eingeräunit oder teilweise erst 
bewiesen worden ist, dass die „im leben" übliche form selir vieler thü- 
ringischer ortsnamou mit der unverfälschten urkundlich beglaubigten 
gestalt derselben wirklich übereinstimt, so muss doch auf der andern 
Seite ebenso entschieden festgehalten werden , dass diese Übereinstim- 
mung nicht sowol ein notwendiger, in der zähen treue des Sprachgefühls 
gegen eine organische entwickeluiig innerlich begründeter Vorgang, als 
vielmehr eine zufällige, hauptsächlich auf dem streben nach beqi'cmer 
ausspräche äusserlich beruhende erscheiuung zu nennen ist, da sie nach 
iliren beiden richtuugen hin zahlreiche ausnahmen erleidet, und dass 
daher die im gewöhnlichen leben herschende form eines solchen thürin- 
gischen Ortsnamens an und für sich als unzuverlässig, für seine echte 
gestalt im zweifelhaften Mle als nicht beweiskräftig angesehen werden 
muss. Denn 

1. behauptet sich bei einer anzahl von ortsnameu auch im gewöhn- 
lichen lebensverkehr die unechte aus dem 16. Jahrhundert stammende 
endung -a. Wälirend wir oben ApohJc richtig statt Apolda im mündlichen 
gebrauch gefunden haben und während statt des im canzleistile gewiss 
entwickelt gewesenen BrücMerda heutiges tages schriftlich und mündlich 
sogar nur die gekürzte dialectform Brüchfern gilt (im 9. jahrh. BariJi- 
fridi Forst, a. a. o. p. 372; Albertus de BrucJderdc urk. v. 1324, her 
Dietrich von Bruchferde urk. v. 1339, Cod. Thur. dipl. p. 31. 35), 
spricht und schreibt man andere namen dieser art, abgesehen von den 
im eigentlichen volksmunde üblichen Umformungen, gleichmässig auf 
-da: Cöllcda, mundartlich Kölln, KnhJiöIIn (im 8. und 11. jahrh. 
CoUitJii, Collide Forst, a. a. o. p. 416; Giselberhtus parrochiauus de 
CidJcde urk. v. 1160, hb. Ukb. I, 9; Henricus de KoUedc urk. v. 1303, 
Cod. Thur. dipl. p. 26), — Sommer da, mundartlich Sommern (9. jahrh. 
Sumeridi , 10. jahrh. Sumerde Förstern, a. a. o. p. 1403; Bertoldus de 
Somerdc urk. v. 1303, Bertoldus de Srmcrdc urk. v. 1324, Cod. Thur. 
dipl. p. 26. 31), — Th ihi(jcd(( , mdartl. Htüngcn (8. jahrh. Tiuujidi, 
Dungedc, 9. jahrh. Tungide, 10. iiihvh. Dimgidc , 11. jahrh. Tungedi, 

ZE1T8CHK. F. DEUTSCHE PHILOL. HD. V. 22 



332 REGEL 

Ttmgede Förstern, a. a. o. p. 494; tractatus Ditlierici de Tungcdcn: icli 
Dicel von Tüngden urk. v, 1333, heiineb. Ukb. II, 8), — Till cd a 
(8. iiud 11. jabrli. Dullide, 10. jahvh. DidJcde, lö. und 11. jahrh. Tul- 
lida Förstern, a. a. o. p. 490; in Didlethe Aunal. Stederb. a. 1194, 
Mou. XVI, 229), — Witter da bei Erfurt, mdartl. Wittern (Werner 
de Widerthe urk. v. 1148 , benneb. ükb. I, 6; vielleicbt auf einer grund- 
form Witridi oder Widirotiii berubend, welcbe zu den von Förstern, 
a. a. 0. p. 1587 und 1590 aufgefübrten uamen geboren würde). — Ebenso 
wird das langgestreckte aus einzelböien bestehende wakldorf in der näbe 
von Waltersbausen die Sondra nur mit dieser scbriftmässigen bezeicb- 
nung benant, obAvol auch hier das -a unberechtigt ist; denn unsere Ten- 
neb. Amtsr. schreiben zur zeit des überall in ihnen einreissenden -a: 
der Schidthes aus der Sonder a. 1533 p. 95 ; George ivagcnner In der 
Sonder, Bartel In der Sonder ebend. a. 1534 p. 77. 82, und das weist 
nur auf älteres Sundere , geschwächt aus Sundera , wie es Förstern, a. a. o. 
1. 1408 aus dem 11. jahrh. für einen andern thüring. ort verzeichnet hat. 

2. wird das echte urkundlicli verbürgte , auf altem -alia beruhende 
-a in sehr vielen fällen von der zwanglosen landesüblichen ausspräche 
zu -e geschwächt oder ganz abgeworfen , dem äussern ansehen nach völ- 
lig ebenso , wie wir oben statt des unechten , später entsprungenen -u nur 
-e oder gar keine endung gefunden haben. Dies erhellt aus folgenden 
beispielen : 

Gotha (8. jahrh. Gothalia, 9. jahrh. Gothaho Förstern, a. a. o. 
p. 654; Tb. de Gotha urk. v. 1268, Hermanni de Gota urk. v. 1287, 
herre Her[manJ von Gotha urk. v. 1301 , domino Hermauno de Gotha 
urk. V. 1335, meister Heinrich von Gotha urk. v. 1336, zuo Gotha in 
di stad, in die egenanden stat zuo Gotha urk. v. 1338, in Gotha urk. 
V. 1340, im hb. ükb. I^ 28. 33. 38. 11, 19. 21. 28. 50; — in den 
Tenneb. Amtsr. steht nur ein einziges mal, also durch Schreibfehler, 
Gothe a. 1533 p. 112, sonst immer: Im amht Gotha a. 1523 p. 46. 
a. 1533 p. 135; gein Gotha a. 1533 p. 103. 109. 110. 112. 125. 
a. 1534 p. 88. 89. a. 1542 p. 112. 113. 119. 122; nehent Gotha a. 1542 
p. 117; ^iv (0u) Gotha a. 1523 40. 41. a. 1528 p. 76. a. 1533 p. 71. 
111. 112. 114. 115. a. 1534 p. 89. 90. 91. a. 1542 p. 38. 40. 43. 
55. 65. von Gotha a. 1533 p. 110. 112. a. 1542 p. 52), — Katza, 
jetzt gesprochen und geschrieben Kats, Ober- und Unter - Kats , (9. jahrh. 
Kasaha Förstern, a. a. o. p. 394; Gotfridus miles de Kasa urk. v. 1285 
und 1289, Gotfridus de Kasa plebanus in Wasungen urk. v. 1286, Got- 
fridus de Caszahe urk. v. 1296, zuo Obernkatza, von Katza urk. v. 1342, 
im henneb. Ukb. I, 32. 34. 37. II, 57), — Langensalza (9. jahrh. 
Salzaha, 10. jahrh. Saltzaha Förstem. a. a. o. p. 1287; her Henrich von 



hlh. |:MiI Mi -a IN TIII'ltliNi;. iiltl.-i.SA.Mt-.S 



Sidrti (lor inoiicli urk. v. i:5'il, Kiiilciicnis de Sfilzd urk. v. i;;.'".). Ixuif 
uicmorio ({rmtlifruin de Salfva urk. v. 1.'5.'{.'3, ;i iiohili viro doiniiio 
lleyiiricü de SaJtzn , iiohilis viii doiiiiiii llcyiirici doiniiii in Sdltza 
urk. V. i;j;5C), icli Fiidcrich von tSalizd urk. v. l.'M»". . liiMineh. ükl). I, 
'.17. 117. 11, ;». L'(i. 71; — Valtiu mollor zu Saltm, Hans scliei- 
fcr /AI Saltm, der Uiithosnieistrr Hopffenner zu Saltzn Tenneb. All. 
a. 1542 p. 36. 40. i')4), — Laucha (der ^gleichnamige bach, an 
welchem das dorf liegt, heisst in der bekanten urk. v. 1()3*J LouchnJin 
Förstem. a. a. 0. p. 1022, daher das dorf selbst in den Tenn. AU. rich- 
tig: zu (zw) Laucha a. 1528 p. 25. 26. a. 1533 p. 18. a. 1542 p. 16. 
3i). 48, grin Laucha a. 1533 p. 42), — Leina (8. jahrh. Linaha 
Förstem. a. a. 0. p. i>l>2 ; demgemäss schreiben die Tenn. AR. für liach 
und doli' durchgängig correet Lyna: an der Lyna a. 1523 anh. p. 10. 
a. 1528 p. 80. a. 1533 p. 153. a. 1534 p. 96. a. 1542 p. 131. 163; 
zw Lina a. 1523 p. 2. 3. 4. 6. 8. 45. 54, zw {zu) Lina a. 1528 p. 2. 
:5. 5. 42. 92. a. 1533 p. 2. 5. 8. 15. 21. 46. 49. 77. a. 1534 p. 63. 
a. 1542 p. 2. 6. 9. 35. 41. 52. 114. 144. 158), — MihUi (älteste form 
Milaha, Milahe Förstem. a. a. 0. p. 1098; ego Hermanus miles junior 
dictus de Mila urk. v. 1292 , Hermannus de 3Hla miles in zwei urk. 
V. 1317, henneb. Ukb. I, 67. 11, VIII. IX), — Schivcina (von dem 
nebonfluss der Werra heisst es in der alten bestimmung der Breituncjer 
klostergräuze durch könig Heinrich I. und in der bestätigungsurkunde 
dos pabstes Lucius III: ubi sueinaha cadit in vuisaraha, — ubi siiei- 
naha fluit in eam, urk. v. 933 und 1183 im henneb. Ukb. I, 1. 16, und 
in der alten Übersetzung der letzteren Urkunde da dy Sweinha feit in 
die Werra henneb. Ukb. I, 122, vgl. Förstem. a. a. 0. p. 1415; auch der 
unmittelbar dazu gehörige dorfname erscheint u\ der päbstlichen Urkunde 
V. 1183: cum — capella in sueinaJia, und in der Übersetzung dy capcl- 
Icn zcti Sweinha henneb. Ukb. I, 16. 122), — Tonna, d.i. Burg- und 
Grafen- Tonna im herzogthum Gotha (9. jahrh. Tnnnaha, Tonnaha, 
10. jahrh. Donnaha Förstem. a. a. 0. p. 1488; Ernost comes de Dun- 
naha urk. v. 1137, in Timnaha urk. v. 1168, Conrado plebano in Tunna 
urk. V. 1341, im henneb. Ukb. I, 4. 12. 11; Fridericus dictus de Tuna 
Annal. Erphord. a. 1253, Mou. XVI, 40; auch in den Tenn. AE. zii 
TJionna a. 1542 p. 120), — Vary ula, jetzt Gross- und Klein- Var- 
gula (8. jahrh. Fargalaha, Fargala, 9. jahrh. Fargelaha, 10. jahrh. Far- 
gelao Förstem. a. a. 0. p. 537). 

Da nun bei allen diesen namen die endung-«, obwol ihre urdeut- 
sche echtheit durch die beigesetzten urkundlichen Zeugnisse als völlig 
zweifellos erwiesen ist, ..im leben'' doch der abschwächmig oder abwer- 
fung ganz gewöliiilich unterliegt , indem der geborne Thüringer im leich- 

22* 



334 REGEL 

teil behagliclieii gcspräch und iu der mundart ebenso sicher Gothr, Lan- 
(jiHsalz , Lauche, Leine, Milde, SrJureinc, Tonne und Ffw/yr/ sagen wird 
wie Äpolde, Jene, Kahle, Kraid und Snhe, so ist klar, dass die heu- 
tige mündliche form eines thüringischen Ortsnamens allein für den wert 
oder die Wertlosigkeit seines im schriftgebrauche geltenden -a überhaupt 
gar kein sicheres kennzeichen abzugeben vermag, sondern in dieser hin- 
sieht selbst fast für wertlos erklärt werden muss. 

Für eine wissenschaftliche entscheidung über die von Hildebrand 
ausgesprochene unzulässigkeit der schriftform i^w //Ja ist es also nahezu 
gleichgültig , dass „ der ort im leben die Ruhl heisst " ; wir würden viel- 
mehr, wenn wir weiter nichts wüsten als dies, völlig ratlos sein, ob 
wir jene schriftform nach der analogie von Friedrichroda, Äschara, 
Craula verurteilen oder nach dem vorbild von Katza, Langensalza, Var- 
ijula als richtig annehmen sollten. Glücklicher weise aber sind wir in 
der läge den streitigen namen weit genug rückwärts verfolgen zu kön- 
nen, um über die allein berechtigte gestalt desselben eine sicher begrün- 
dete meiuuug aussprechen zu dürfen. 

In den Tenneb. Amtsr. körat der name au folgenden stellen vor: 
in der Bhula a. 1542 p. 4. 5. IJ. 13. 17. 7G. 77. 122. a. 1534 p. 4, 
74. 75. 78. a. 1533 p. 19. 86. in die Rhula a. 1533 p. 111. in der 
Rida a. 1528 p. 51. 57. 58. 59. 66. 67. 68. 69. Die ersten dieser 
Zeugnisse haben noch keine bedeutuug, da die falsche endung -a mit 
dem jähre 1534 innerhalb dieser rechnungen in volle kraft und herschaft 
eintritt; schon mehr will es besagen, dass auch im jähre 1528 die 
endung -a ohne ausnähme dasteht, weil wir da die neigung falsches -a 
an die stelle von richtigem -e zu setzen nur erst einzeln und schüch- 
tern hervorbrechen sahen. Wirklich beweisend würde von diesen Tenn. 
jahiesrechnungen nur die von 1523 sein, in welcher noch kein einziges 
unechtes -a zu finden ist; allein gerade üi diesem Jahrgang kömt zufäl- 
liger weise der name überhaupt nicht vor. 

Aber wo uns das miuisterialarchiv zu Gotha im stichc lässt, fül- 
len die archive zu Weimar die lücke reichlich aus. Durch die gute des 
hern archivsecretär Aue sind mir von dorther folgende belege mitgeteilt 
worden : 

a. im geheimen Staatsarchiv zu Weimar befindet sich eine „zu 
Eysenach Dinstag nach Trinitatis 1518 " ausgefertigte pergaraenturkunde 
über den verkauf eines widerkäuflichen Jahreszinses , in welcher als erster 
amtlichei' zeuge „Lipß Topfter Schultheiße in dar Bula" verzeichnet steht. 

b. die ältesten rechnungen des amtes Wartburg (oder Eisenach), 
welche in dem gemeinschaftlichen hauptarchiv zu Weimar aufbewahrt 
werden, haben ann. 1517/18 aus (aiiß) der (Lider, In dye , geyn) Rula 



Dil': KNDl Nil -!l IN TIlOlllSÜ. <JIITHNAMI;N ',i',ii) 

(sfimtlicli mclirorc iiiiilc); a. 1517 auß der, (in der, (jnjn) Hula (siimt- 
licli molnfacli), In dj/c liida, In der Jlltida; a, 151«»/ 17 aivß drr Jitvla, 
in der liiclda, in der Ilwla, in der Ruin (sämtlich öfter), in der Htdiltt, 
liegen Rula; a. lölCi in der Hula (rnclirracli), aus der (fßei/nn, In dye) 
ItuUi; a. 1511/15 auß der Riela, in der litvhi (beidos Tiioliifadi), in der 
llala, ijrin liivla; a. 1512/13 in der Rwlda, in der Rieht (beides luelir- 
faeli), 'ift'ß der Rwlda; a. 1511/12 in. dir (e0 der, nein. In dir) Rula 
(säintlieli öfter), sicnselien der Rula; a. 1511 in der Jtiv/da , (jen Rulila 
(beides öfter), airß der {I)i die. rJter der) Itielilir, a. 15(»'.) rß der (In 
der, (jcin) Rula (sänitlicli lUflnTacli ) ; ;i. 15(i| In ihr riiln-. ;i. 1 Is7/h8 
in der rula (mehrere male); a. 14H5/H() in der rula, uß der rula: 
a.. II «4/8 5 uß der rula; a. 1 Ih;{/H4 uß der Rula; a. 14H2 in der Rula, 
in der rula; a. 145H in der rula; a. 1457 /;/ der Rula; a. 1451. 1447. 
I I IC> in der rula (mehrere male). 

c. die im Eiseiiachischeii arcliiv yäi Weimar beliudliclieii rechimn- 
oeii des amtes Eisenach ergeben: a. 1515/16 auß der (in der, yeyn) 
Rivla (sämtlich öfter); a. 1514 miß der Rivla, in der Rtvla, In der 
Rivhla; a. 1512 In der RuJda, In der Rwlila (beides öfter), in der 
Rula {Rwla); 151(»/11 In der (ffen) Rula (beides mehrfach), auß der 
Rula; a. 1509 vß der (In der) Rula (beides mehrfach), keyen (gein) 
Rula; a. 1508/9 aioß der rwla, In der Rwla (beides öfter), auß der 
{rber der) Rwla; a. 1507/8 awß (Auß) der Rwla, auß der rula (sämt- 
lich mehrfach). In der Rwla. 

d. das ebenfalls im Eisenacher archiv zu "Weimar auf1)ewahrte 
zinsbuch des amtes Eisenach vom jähre 1510 gcwälut mehrere male 
In der Rtvla. 

e. in einer dem geheimen Staatsarchiv zu Weimar zugehörigen 
pergamenturkunde, welche gegehin iß nach crifti gehurt Drgczenhun- 
dirt jar, darnach yn denie cijarndnunCiigiften iarc an dem tage fancti 
Bonifacii, tut otte von loiicha kund, daß er dem hefcheidin manne 
hause von y/f'ede hurger czu Ifenache einen teil einer jährlichen guldc, 
welche er an dem dorff'e Rula habe, widerkäuflich verkauft: in der 
ausseien um die mitte des fünfzehnten jalnliunderts geschriebenen auf- 
schrift dieser Urkunde steht ,,::u Rula." 

In die zeit kurz nach diesem frühesten mir bis jetzt zugänglichen 
Zeugnis gehört endlich noch eine stelle aus Joh, Kothes bekautlich im 
jähre 1421 vollendeter thüringischer chronik, in welcher es (^p. 291 der 
v. Liliencronschen ausgäbe) heisst gn die Rula. 

Gegenüber solchen belegen, welche die herscbaft des auslautenden 
-a in dem angezweifelten namen für die zeit von 1391 bis 1542 klar 
verbürgen, fällt es wenig ins gewicht, dass auch innerhalb dieses zeit- 



336 REGEL 

rauraes zmveilen einmal die geschwächte oder gekürzte form zum Vor- 
schein körnt, wie in den Wartburger amtsrechnungen a. 1484/85 in 
der rule, a. 1504 Bull, In der ridl , a. 1514/15 in der rwll , — in den 
rechnungen des amtes Eisenach aus dem Eisenachischen archiv zu Wei- 
mar a. 1514 cmß der Rull, in der ruhl, in der Bivl und in einem die 
Verödung der wälder betreffenden Tenneberger actenstück vom jähre 1530 
In der Ehuel: diese wenigen vereinzelten ausnahmefälle legen nur Zeug- 
nis für den frühzeitigen eintritt der mündlichen kürzuug des namens ab, 
welcher sich ein volkstümlich gestimter Schreiber hin und wider auch in 
der Schrift bequemte, können aber nichts an dem ergebnis unserer gan- 
zen Untersuchung ändern, dass die so lange vor dem einreissen des 
unechten -a herschende und je weiter davon rückwärts, desto ausschliess- 
licher gültige ortsnameuforra liidüa nicht mit dem obersächsischen Eytlira 
auf eine linie gestellt , also nicht als lateinisch oder barbarisch verurteilt 
werden kann , sondern dass sie , mit den oben unter nr. 2 abgehandelten 
Ortsnamen fast ganz in einer reihe stehend, auf volle ursprüngliche echt- 
heit ihres vocalischen auslautes einen unbestreitbaren ansprach hat. Mag 
man nun die von mir (Die Ruhl. Mda. p. 157) gewagte Vermutung für 
annehmbar halten, dass die Uranfänge des ortes sorbisch seien und dass 
seinem (mit böhm. Neo-RoMa, Neu-Bohla sich berührenden) namen in 
allerfrühster zeit altslaw. ralija (russ. rolja, serb. polu. rola, böhm. roh) 
arvum zu gründe gelegen habe, — oder mag man nur an einen deut- 
schen Ursprung des namens denken und dann für seine älteste gestalt 
im 8. bis 11. Jahrhundert (etwa mit anschluss an den bei Förstem. a. a. o. 
p. 1271 verzeichneten rheinfränkischen ortsnamenstamm Buola) die grund- 
formen Buolaha, BuolaJie, Buola ansetzen, — so wird man doch 
jedenfalls zugeben müssen, dass der bis zum 14. Jahrhundert zurück in 
so zahlreichen urkundlichen belegen fast ausschliesslich herschende und 
damit auf einen früheren substantivischen Wortbestandteil zurückweisende 
ausgang -a diesem namen Avirklich gebührt, dass also die form Bulüa 
eine vollkommen berechtigte ist. 

Eine ganz andere bewantnis aber hat es mit der von Hildebrand 
nicht erhobenen frage , ob in der ableituiig auch die abgeleitete form Buh- 
laer statthaft ist oder ob Biilder als das allein richtige betrachtet wer- 
den muss. Was nämlich die beibehaltung oder wegwerfung des recht- 
mässigen -a in den adjectivischen ableitungen von solchen Ortsnamen 
anbetrifft, so wird vor der ableitungssilbe -isch {-seit) das -a hauptsäch- 
lich nur von der volksmundart oder in stark mundartlich gefärbter rede 
aufgegeben: das volk sagt ganz gewöhnlich ruhl. d'r BiUsch pfärner, 
de Bülschcn mächen, de Göf sehen lüt, thür. d's Donnsche hols, d'r Göt- 
sche järmarcht, d's lAnsche wertshüs, de Lauchsche gränz , während 



IdK K.SI>lINO -a IS IlirUIN«.. «lIlTSNAMKS ,;M7 

luun ;iiiss(ali;ilb des ei^'eiitliclieii diulucts duch iiimier nur hören wird 
der Jlultldischc pfiirnr, die Uulddisehcn Hiädclicn, dir Gotluiischrn Irufc, 
das Tonnaischc oder Tunndschc Höh, drr Gotlmischc julinnurld , das 
Lcinaschr irirfs/idus, die Lane/iaisrhr ijräuzr , du selbst das unbereeli- 
titi^te -d in gebildeter rede bei nianelien nanien nicht unterdrüekt zu 
werden ptle<,'t , /. b. die Jcnaisehen studentcn, der Jenaisvlic tmnld, die 
Joiiiise/ie posf (gegen das nur mundartliche die Jmschen st., der Jensehe 
III., die Jensehe p.). 

Vor der ableitungssilbe -er verlälirt der jetzt lebendige Sprach- 
gebrauch mit wirklich tvrannisclier launenlniftigkeit: man sagt unbedenk- 
lich lin Laityeiisalr.er oder Ldiitjeiisäiier, ein Ldueher , ein Vdrijeler 
(neben Lamjensdlzder, Lauchaer, Vaiyidaer) wie man last nur sagt 
FriedriehriJder, Finsterbenjer, l'Jsehenberyer, Krdider; aber man hört 
niemals Gofher statt Gofhaer, Tonner statt Toniider, Mihler statt Mdi- 
laer, Sehtveiner statt Schweinaer, wie auch nicht ein Jener statt ein 
Jenaer (obwol eine Strasse in Jena die Jenergasse heisst), ein Cahhr 
statt (^aldaer, ein Sommer der statt Sömmerdaer, TiUeder statt Tillcdaer, 
und wenigstens ebenso häutig Apoldaer als Apolder, Sidsder als Sidscr. 
Für das was zum orte linhhi gehört, gelten mit voller freiheit beide 
von dem wandelbaren Sprachgebrauch sonst meist nur einseitig gestat- 
tete ausdrucksw eisen : in der inundart nennen >ich die einwohner selbst 
nur die Ixider und bezeichueu ihren dialect als die liider sprach, ihr 
curhaus als das liider knirhuis, ihre juugen burschen als die Fiidir 
joiHjen usw.; im gewöhnlichen leben aber sind für die bewohner des all- 
bekanteu ortes und für das ihn betretteude die formen Buhlaer und 
Jhdder von ziemlich gleicher geltung, so dass man in Thüringen wol 
ebenso oft von den linhldcrn als von den Huhlern, von einem liiddaer 
als von einem Ridder kaufmann, von liiddcr als von BuhJaer meer- 
schaumköpfen reden hören wird. In längerem und sicherlich berechtig- 
terem gebrauche ist die form Iliihler, da sich in den Wartburger amts- 
rochnuiigen schon a. 1482 dy ruler, a. 1-487/88 mit den liideni . und im 
zinsbuch des amtes Eisenach a. löKi mehrfach der Ftider waltt geschrie- 
ben findet und da die ältere grundform wol im 8. und 'J. Jahrhundert 
vielleicht Ixuolahdri, doch im 11. Jahrhundert wahrscheinlich nur Biw- 
Idri , hn 13. Jahrhundert gewiss Buolaere gelautet haben wird: aber nach 
dem, was eben über die heutiges tages last vorwiegende üblichkeit der 
mit beibehaltuug des -a gebildeten ableitiingen auf -er gesagt worden 
ist, nmss es, wenigstens so lange Gothacr, Tonnaer, Jenaer die allein 
üblichen redeformen sind, als erlaubt imd durchaus unaustössig erscheinen, 
dass ich meinem buche den titel „die Buldaer iiiundarf'' gegeben habe. 

GOTHA, IM OCTUBEli lbl,'j. KAÜL liEGEL. 



338 

ZUR ERKLÄRUNG OTFRIDS. 

Bei der folgenden besprecliung einiger schwierigeren stellen aus 
Otfrids evangclienbuche habe ich von früheren erklärern ausser Kelle 
(Ausgabe LH; Übersetzung Prag 1870) berücksichtigt Rechen berg, Otfrids 
Evangelienbuch. Chemnitz 1862. 

1. I, 1, 24 sies allesivio ni ruacJient, ni so thie fuaz,i suachcnt. 
Kelle II, 189 führt fuazß als accusativ auf und übersetzt (s. 178): 
,,sie (nämlich die dichter der alten) sind einzig nur darauf bedacht, wie 
sie die füsse wählen aus." Das passt nicht zur bedeutung des verbums 
suaclien, das nie ausAvählen bedeutet, wol aber: verlangen, for- 
dern (= assidue quaererc in der praefatio ad Liutb. 80. 81); vgl. II, 
14, 69 er suadiit rehte hetoman. IV, 6, 40 (mit tha^ und conj.); noch 
weniger zum otfridischen modusgebrauche, denn in einem au ni alles- 
ivio oder ein negiertes verbum angeschlossenen excipierenden satze mit 
gleichem subjecte müste der conj. stehen, und nach Keiles Übersetzung 
bleibt das so ganz unverständlich. Nach meiner auffassung deutet ni 
allerdings die exception von dem vorhergehenden ni allesivio an, so aber 
leitet einen die art und weise bestimmenden relativsatz ein, in welchem 
thie fiia^i subject ist. Dieser kann, weil er tatsächlichen und allgeiuein 
bekanten inhalt hat, im iud. stehen bleiben; vgl. I, 1, 94 ni si, thie 
sie zu(jun heime. V, 19, 54. II, 17, 9. II, 13, 23. Das ni, so steht 
dem ni st, soso in III, 24, 94 fha,^ thu allesivio ni däfi^, ni si al sos 
ih thih häfi gegenüber, wie ni, tlms, dem ni si, tlias, 1, 2, 52 oder das 
excipierende nuh = ni , oha dem ni si, oha III, 25, 10. V, 23, 94. 
Zu übersetzen ist also: sie erstreben es nicht anders, als so 
wie die versfüsse es erfordern. 

3. I, 1, 37 ili thü zi note, thei$ scono thoh gilüfe 

38 joh gotes iviz,dd thanne tharana scono helle, 

39 thaz, tharana singe, iz, scono man ginenne, 

40 in themo firstantnisse ivir gihaltan sin giivisse. 

1) Der Zusammenhang verlangt hier den conj. prät. : ich wüste, dass du nicht 
anders handeln würdest als so wie ich dich bitten würde. Ich glaube daher, dass 
nur des reimes wegen die indicativform däti statt der conjunctivischen dätis gesetzt 
ist. Den ähnlichen beispielen der Unterdrückung eines auslautenden s oder n im 
reime bei Otfrid , welche ich in dieser Zeitschrift 1 , 438 angeführt habe , lassen sich 
noch folgende stellen anschliessen : III , 15, 48 ni sprächun . . worton offonöro{n) : 
Jucleöno; auch wol II, 18, 3 so ih nü rcdinö{n) : foroscu/öno, vgl. den indicativsatz 
V. 5 ih sagen in in alatvär, während in der stelle I, 18, 35 firnim nü tvib , thcih redinö 
der conjunctiv des relativsatzes sich durch den auschluss an imperativischcn liaupt- 
satz erklärt. 



KRDMANN, Zlll KUKLARf.NÜ OTKKIIiS 



339 



K»'llo (s. 471») ül)cis(!t/t V. :il>: „IJefIciss dich, dass man schön es 
nullt, was nuui in diosor spräche singt"; er lasst also die erste hälfte 
des verses als rohitivsut/, und für diesen soll das subject man aus dem 
liauptsatze zu cntni'lnncn sein. Ks soll also, wie es scheint, das einmal 
«fosotzte man im ersten satze den vortragenden, im zweiten aber die 
beurteilenden zuhörer , also jedesmal eine andere person andeuten. Dies 
scheint unzulässig; es ist einfacher und passender, tlia.; wie in v. 37 als 
finale conjunction zu betrachten und die verba singe und fjimnnc einan- 
der parallel zu setzen, so dass sämtliche näheren bestimmungen der bei- 
den Sätze jedem dieser verba zukommen. Ebenso ist (ßncnnen in seiner 
bedeutung dem shujcH parallel V, 9, 43 iuz, thio buah ncnnent juh foro- 
sayon sin(jciit; ähnlich II, '.», 21) zellcn joh ginennen, III, 7, 45 zdlen 
joh singen. In solchen parallel angereihten sätzen stehen satzl)estand- 
teile, die zu jedem von beiden gehören, sehr häufig erst bei dem zwei- 
ten verbum; so das subject II, 7, 03 rV thihhAoti joh Philljqnis gdadoti. 

III, 7, 17 thisH ivorolt. H. 23 tlüc andere; ebenso des object II, 9, 29. 

IV, 2, 6. IV, 14, 1. IV, 33, 13; oder andere bestimmungen: dativ 
I, 3, 13 druhtlne. III, 7, 45 uns; genetiv III, 14, sl alles giiafes. 

V, 14, 9 woroU. IV, 31, 30 suntono; vocativ H. 5 druhthi; fon lümd- 
riclie II, 12, 60. Einmal fehlt das subject im hauptsatze, steht erst im 
temporal bestimmenden nebensatze V, 6, 2G gdoidng sär oiih wurfuu, 
so i^ heidenc hifuntun; ähnlich II, 18, 17 ihaz, selba iverJc wcliit, er 
jemiz, haz, giheltit = führt er dieses werk aus, so hält er jenes (jene 
Vorschrift) um so besser; doch sind in allen diesen fällen die nur ein- 
mal für beide sätze bezeichneten personeu oder gegenstände bei jeder 
von beiden handlungen identisch. ^ Auch vers 40, dessen construction 
in Keiles Übersetzung undeutlicli bleibt, fasse ich als einen den beiden 
vorhergehenden parallelen absichtssatz und übersetze die beiden letzten 
verse: bestrebe dich, .. dass man in ihr (der fränkischen spräche) 
auf anmutige weise es singe und verkünde und wir in dem 
Verständnis (des gotteswortes) sicher stehen. 

3. Der schriftsteiler, welcher diese anforderungen erfüllen will, 
soll gottes gesetz und wällen lieben und sich ganz zu eigen macheu; 
dann Avird auch die form, welche er den göttlichen w^orten in fränkischer 
spräche gibt, den anforderungen entsprechen. Dieser gedanke liegt nacli 
meiner auffassung den folgenden verseu 41 — 48 zu gründe, die 
nur bei zusammenhängender betrachtung richtig verstanden werden 
können. 

1) Auch I, 1, 12G iiimt Kelle ohne not in der Übersetzung für (jisiitirjuv ein 
anderes subject an als für gilehetiut. 



340 ERDMANN 

41 thaz, läz, tili 7' tvcsan suazi : so me^enf i^ thie fuaz,i, 

zit joh tJiiu regida ; so ist gotes selbes hrediga. 
43 wil thü ilies ivola drahtön, thü metar tvolles alitön, 

in thina sungün tvirlccn duam joli sconu vers ivolles dnan — 
45 il io gotes willen allö ziti irfullen: 

so scribent gotes tlieganä in frenMsgon tliie regula. 
47 in gotes gihotes snazi läz, gangan tliine fuazi, 

ni lä§ tliir sit tlies ingän : tlieist scöni fers sär gidän. 
Die interpunctioü , durch welche ich das Verhältnis der sätze mög- 
lichst deutlich zu machen suchte, stimt üherein mit Müllenhoffs Sprach- 
proben 1864 s. 76. Dreimal wird in verschiedener, uiclit immer gleich 
deutlicher fassung die oben angegebene aufforderuug im imperativ aus- 
gesprochen (v. 41. 45. 47, 48); und jedesmal folgt — • zweimal (41. 46) 
mit so , einmal (48) mit tliaz, eingeleitet — die angäbe des bei erfüllung 
derselben eintretenden erfolges. Einmal , nämlich vor dem zweiten Impe- 
rativsätze , ist ausserdem noch in einem conditionalen Vordersätze v. 45. 
46 die der ganzen aufforderuug zu gründe liegende Voraussetzung ausge- 
sprochen, dass der schriftsteiler die absieht habe, metrisch in deutscher 
spräche zu dichten, zu deren gelingen eben die erfüllung der aufforde- 
rung führen soll. 

In dem ei'sten imperativsatze v. 41 deutet tliaz, entweder auf gotes 
ivi^öd selbst in v. 38 zurück, wenn es erlaubt ist diesem worte auch bei 
Otfrid das freilich sonst nur durch andere ahd. quellen belegte sächliche 
geschlecht beizulegen, oder doch auf den ganzen Inhalt der vorhergehen- 
den, von der angemessenen Verkündigung des göttlichen gesetzes reden- 
den verse ; in dem durch so angereihten satze sind die nominative fuam, 
zlt, regula subjecte der durch mez,ent bezeichneten handlung, % geht 
wie V. 37. 39 auf die worte des Schriftwerkes und me^ent nehme ich in 
der bcdeutung : abmessen = richtig gliedern ; in 42 b betrachte ich wegen 
der Wortstellung so als demonstrativ. Der sinn ist also: Das lass dir 
angenehm sein (d. h. am herzen liegen): dann messen die vers- 
füsso, die quantität und die (metrische) regel es (richtig) ab 
(d. h. dann entstehen richtig gebaute verse). So ist gottes eigene 
V r s c h r i f t. 

Der zweite Imperativsatz v. 45 bietet keine Schwierigkeit; dagegen 
kann in dem durch so angereihten satze v. 46 tliic regida (acc. sing. 
Kelle II, 357) doppelt verstanden werden. Entweder bezeichnet das 
wort wie L. 91 die im gottesworte enthaltene allgemeine richtschnur des 
lebens; oder es geht auf die in den vorhergehenden versen 35. 42 ange- 
deuteten metrischen regeln , und es wäre eine etwas kühne , aber wie 
mir schouit nicht unmögliche Verbindung, das scribent in frenkisgon thie 



ZI H I.Kkl, \lll M 



■M\ 



rcAinhi iiiif/urusscii : sti'lli'ii diircli ilir sclircibeii <li<! {iiK.'lriscli»') if-fl 'lar 
=- siiul im Früiikistlicii luctriscli iilKTsot/t. Es ist mir iiiclit uiiwiilir- 
schoinlicli, duss OtlViil hcidi' Itcilciitimgon des wortes im sinne {,'ehaht 
li;it. Dt'iiii bei der dritten uulTorderung v. 17. 1h braucht er ulVenbar 
absichUicli unter bezug auf die trübere anwendung der werte f'uu^l 
und zU für die metrischen auforderungen dieselben werte in ihrer gewöhn- 
liclicii bcdoutung, indem ihm, wie icli vermute, ein geheimer zusam- 
lucnhang zwischen den verschiedenen durch dasselbe wert angedeuteten 
dingen vorscliwel)te. Er sagt also in den versen 47. 4H: Lass deine 
lüsse in dem süssen gesetze gottes gehn, lass dir die zeit 
dazu nicht fehlen: das heisst gleich schöne verse gemacht, 
d. h., wie ich das woi:tsj)icl vervollständigen möchte: dann werden 
auch die versfüsse und die beobachtung der ((uantität (zit) 
dir scliön gelingen. Wenn diese aul'fassung richtig ist, so hätten 
wir an dieser stelle einen versuch Otfrids, selbständig mystik zu trei- 
ben, wie er es so häufig im anschluss an seine quellen getan hatte. 

In der ganzen stelle linden sich mehrfaclie anklänge an Psalm 118 
(ll'J); so an vers 103 quam dulcla fauclbus nicis doqiüa hui. i»b pni- 
(Icntem me fecisti mandato im (ähnlich bei Otfrid bald darauf v. 55: 
thcist suaz/i joh ouh nuzzi inti lerit tinsih tvizzi); v. 59 convcrti pcdas 
nicos in fesfinionia fua. v. 104. 105. 

Als eine hinweisung auf den Inhalt dieser oder ähnlicher schrift- 
stellen fasse ich die werte so ist gotcs selbes hrcdiga v. 42 , denen ich 
sonst keinen passenden sinn abzugewinnen vermag. Wenn Otfrid auch im 
unmittell)ar vorhergehe